Wolfsbiss

Drago

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also das ist mein erster roman; und ich dacht mir, ich stelle mal das erste kapitel für alle interessenten rein^^




1




Der Wecker klingelte. Es war das nervtötendste Geräusch im gesamten Haus. Das Schlimme aber war, dass er so laute Töne von sich gab. Ich wollte mir schon längst einen neuen zulegen, doch ich vergaß es immer, wenn ich einkaufen ging. Ich hatte auch versucht, mir einen Zettel zu schreiben, auf den ich dann sehen sollte, doch ich vergaß den immer zu Hause. Na ja, immerhin erfüllte der Wecker seinen Zweck. Ich war wach.

Heute war Sonntag. Ich hätte den Wecker eigentlich ausschalten können, doch ich hatte gestern zu lange gearbeitet. Ich arbeitete in einer Versicherungsagentur. Es gab so viele Versicherungen, um die ich mich kümmern musste, Unfallversicherungen, Krankenversicherungen und die ein- oder andere Lebensversicherungen. Mein Chef legte mir jeden Morgen einen Stapel Papiere auf den Schreibtisch. Je nach Menge war ich manchmal früher fertig und konnte eher schlafen gehen, doch es kam nicht selten vor, dass ich die halbe Nacht in der Agentur verbrachte und zu Hause dann nur noch einen Kaffee trinken konnte, da es schon Morgen war, wenn ich alle Versicherungen bearbeitet hatte und dort war. Ich hasste meinen Beruf. Er raubte mir den letzten Nerv und immer, wenn ich dachte, ich wäre gleich fertig, musste ich eine komplizierte Lebensversicherung bearbeiten und das konnte Stunden dauern. Dann nahm ich mir immer einen Kaffee zur Arbeit hinzu, den ich mir aus dem Automaten im Flur holen konnte. Er war nicht gerade billig, aber manchmal brauchte ich ihn einfach.
Gestern war der Tag lang gewesen und ich wollte dafür heute umso länger schlafen. Da war es natürlich schlecht, dass ich vergessen hatte, meinen Wecker auszuschalten. Jetzt war ich aber leider wach. Ich drehte mich noch unruhig im Bett herum, doch das half nicht, wieder einzuschlafen.
Ich schlug die Augen auf. Das Erste, was ich sah, war mein blauer Bettbezug und der Schrank, der an der Wand stand. Er war nicht sehr groß, doch ich hatte genug Platz für alles, was ich zum Anziehen brauchte.
Mein Zimmer war nicht sehr detailliert eingerichtet. Ich hatte einfach alles irgendwo hingestellt, wo gerade Platz war. Auf meinem Nachttisch lagen eine Menge Papiere, Rechnungen und Briefe von meinem Freund, der vor einigen Wochen nach England versetzt worden war. Wir hielten regelmäßig Kontakt. Es schien ihm in England sehr gut zu gefallen, doch ich blieb lieber hier in Deutschland. Im Gegensatz zu ihm konnte ich nicht gut Englisch.
Ich setzte mich an die Bettkante und rieb mir noch einmal die Augen. Ich war noch müde von gestern, aber das war nichts, was ein starker Kaffee nicht wieder in den Griff bekommen würde.
Ich streckte mich noch ein wenig und ging dann zum Schrank, um mir meine Sachen zum Anziehen herauszusuchen und die alten in die Waschmaschine zu machen. Im Schrank kramte ich mir ein schwarzes T-Shirt und eine dunkelblaue Jeans heraus. Da es draußen kalt war, überlegte ich, ob ein Pullover nicht angebrachter wäre, doch ich ließ es bleiben.
Ich verließ das Schlafzimmer.
»Vielleicht habe ich ja endlich wieder Post von Rick«, sagte ich mir. Der letzte Brief von ihm war sehr vielversprechend gewesen. Er hatte mir geschrieben, dass er am folgenden Tag seinen ersten Arbeitstag hätte und mir alles darüber berichten wollte.
Ich ging die Treppe hinunter, öffnete die Tür und blickte meiner Nachbarin entgegen, eine ältere Frau mit einer Menge Falten im Gesicht. Sie war jedoch sehr freundlich.
»Morgen, Frau Morrison«, begrüßte ich sie.
Sie lächelte mich ebenfalls an. »Guten Morgen, Lloyd. Wie geht es dir denn?«
Ich machte einen Schritt durch die Tür. »Gut. Ich konnte heute wenigstens ausschlafen. Ich musste gestern wieder lange arbeiten.«
»Ach du Armer. Du solltest dir mal ein paar Tage frei nehmen. Du hast sie wirklich nötig.«
Ich wehrte ab und öffnete meinen Briefkasten mit dem dafür vorgesehenen Schlüssel. »Das geht leider nicht. Stattdessen verlangt mein Chef, dass alle Angestellten in seiner Agentur täglich eine Stunde länger arbeiten. Es kommen viel zu viele neue Fälle herein.« Ich zog zwei Umschläge heraus. Einer war von Rick und den Absender des anderen Briefs kannte ich nicht.
Na wenigstens musste ich nicht raus, denn um hinauszukommen, hatte man eine zweite Tür zu öffnen. So war es auch in jedem Wohnblock. Nur hier hatte der Postbote den Schlüssel zu der Vordertür, da er ein Bekannter von meiner Nachbarin war und sie ihm vertraute. Ich hatte ihn schon kennengelernt und fand ihn ganz sympathisch.
Frau Morrison nahm ihre kleine Gießkanne und goss die Pflanzen vor ihrer Haustüre. »Das ist nicht gerecht.«
Ich zuckte die Schultern. »Was soll ich denn dagegen machen? Ich kann doch nicht einfach kündigen.«
»Das ist auch wahr, aber du solltest dich wenigstens beschweren.«
Ich schloss meinen Briefkasten wieder. »Es ist schon OK so. Ich werde nach Stunden bezahlt und vielleicht reicht es irgendwann, mir ein eigenes Haus kaufen zu können.«
Frau Morrison stimmte zu. Sie war so gesprächig, dass sie schon wieder auf das nächste Thema zu sprechen kam. »Hast du wieder einen Brief von Rick bekommen?«
Mir war heute nicht nach Reden, doch ich konnte ihr das nicht einfach sagen. Eigentlich meinte sie es ja nur gut. Sie wohnte ganz alleine und ich hatte ihr mal ein bisschen von mir erzählt und sie von sich. Frau Morrison konnte einem schon Leid tun. Sie bekam jeden Monat ihre geregelte Rente und doch wurde nie von ihren Verwandten besucht. Wahrscheinlich mochten sie sie nicht so.
Immerhin bekam ich von ihr regelmäßig Lebensweisheiten und Tipps. Manchmal hatte ich sie wirklich nötig. Frau Morrison versuchte einfach nur, meine Zerstreutheit zu vermeiden.
Außerdem: Mit wem wollte sie denn sonst reden? Wir wohnten hier zu zweit in einem Haus in einer Stadt, wie jede andere auch. Das Leben hier war schön friedlich, denn ich wohnte an der Grenze und wenn ich aus dem Fenster schaute, sah ich in der Ferne den Wald beginnen und davor eine kleine Wiese und einen Bach. Ich lebte wirklich nicht schlecht und hätte wirklich schlimmere Nachbarn haben können als Frau Morrison. Sie war nett und half mir, wenn sie konnte. Was wollte man denn mehr?
»Ja, einer ist von ihm«, antwortete ich viel zu spät. Sie wunderte es nicht, dass ich mir manchmal Zeit bei meinen Antworten ließ. Sie kannte mich und wusste, dass ich nicht gern viel redete und lieber ein wenig zurückgezogen war.
Ich legte den Brief der fremden Person auf den Briefkasten und öffnete mit dem Zeigefinger den Brief von Rick und las ihn sorgfältig durch.
»Wie geht es ihm denn in England?«, mischte sie sich prompt ein, sodass ich einen Moment zusammenfuhr. Das war aber schon in Ordnung. Ich achtete schon gar nicht mehr darauf. Frau Morrison war alt. Ich dachte, da war es normal, wenn sie ein wenig neugierig war.
Ich faltete den Brief wieder zu. »Ihm geht es sehr gut. Er hat erst vor kurzem seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Sein Englisch reicht, um sich in London zurechtzufinden.«
»Das ist doch gut.«
Ich nickte. Ich war froh, dass mein Freund solch ein gutes Los gezogen hatte. Mein Job war anstrengend und so, wie er schrieb, schien seiner ausnahmslos toll zu sein. Das hätte ich auch gern. Ich konnte mir ja ein paar Tage freinehmen, so wie es Frau Morrison vorgeschlagen hatte, und ihn besuchen. Vielleicht würde ich das sogar machen.
»Also. Ich muss dann auch wieder rein. Ich möchte noch frühstücken«, erklärte ich. Ich nahm mir den Brief, den ich auf den Briefkasten gelegt hatte.
Frau Morrison nahm die Gießkanne in die andere Hand. »OK, Lloyd. Wir sehen uns.«
Bevor ich die Tür hinter mir schließen konnte, hörte ich schon die von meiner Nachbarin. Das Schloss klackte. Dann schloss ich meine Tür. Im Vorbeigehen legte ich Ricks Brief auf meine Kommode im Flur, auf der ein Kalender, einige Papiere und Kugelschreiber lagen. Ich setzte mich ins Wohnzimmer. Ich hatte lange gespart, bis ich mir einen kleinen Luxus wenigstens dort ermöglichen konnte. Ich hatte mir einen Flachbildfernseher zugelegt und eine Couch, die lang genug war, damit man sich darauf hinlegen konnte. Sie war doppelt so lang, wie sie sein müsste und verlief genau an der Kante, aber das war Absicht. Beim Kauf hatte mir allerdings die Farbe nicht sehr gefallen, doch jetzt hatte ich mich an den Braunton gewöhnt. Neben dem Fernseher standen Glasschränke. Die Seitenwände waren aus Holz. Ich besaß Fotoalben und ein paar Weinsorten von früher, die ich unten hingestellt hatte. Oben standen Bilder von meinen Geschwistern und meinen Eltern. Ich hatte zwei Brüder, doch die wohnten noch bei meiner Mutter. Sie hatte sich von meinem Vater getrennt als ich 13 Jahre alt war. Mein Vater hatte täglich viel zu viel Bier getrunken und im Alkoholrausch meine Mutter regelmäßig geschlagen. Dennoch hatte sie den Mut gehabt, eine Scheidung einzureichen. Dafür war ich ihr auch heute noch sehr dankbar.
Ein Bild aber befand sich im Schrank, worauf auch mein Vater zu sehen war. Das war am Tag ihrer Hochzeit. Meine Mutter hatte mit Absicht mehr Bilder machen lassen, da sie wollte, dass jeder in ihrer Familie eines besaß, mich eingeschlossen. Auf diesem Bild waren sie noch so glücklich. Sie hielten sich in den Armen und lächelten beide. Es war ein schöner Augenblick und manchmal wünschte ich mir, ich wäre dabei gewesen. Wie konnte sich mein Vater nur so ändern? Ich hatte mehrmals versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Ich hatte seinen Wohnort ermittelt und ihm Briefe geschrieben, da ich seine Telefonnummer nicht kannte und auch jetzt noch nicht besaß. Er hatte auf die ersten drei nicht einmal geantwortet, sich beim vierten dann aber doch gemeldet; mit eher unerfreulichen Nachrichten für mich. Er hatte geschrieben, dass er mit seinem früheren Leben abgeschlossen hätte und nichts mehr mit seinen Kindern zu tun haben wollte. Er hätte jetzt eine Frau, die viel besser wäre als meine Mutter. Damals war ich ständig am überlegen, ob ich noch einen Antwortbrief schreiben sollte, doch er hatte keinen weiteren mehr gewollt und das wäre für mich nur Verschwendung von Zeit, Papier und Nerven gewesen. Jetzt hatte ich den Kontakt vollends abgebrochen.
Ich nahm das Foto aus dem Schrank und beobachtete es genauer. Meine Mutter sah in ihrem weißen Hochzeitskleid so glücklich aus; als hätte sie den wahren Mann fürs Leben gefunden. Es musste für sie eine bittere Enttäuschung gewesen sein, dass sie sich für den falschen entschieden hatte.
Ich setzte mich auf mein Sofa und öffnete den unbekannten Brief so vorsichtig, als ob darin etwas Gefährliches versteckt wäre. Es war aber nur ein Brief mit einem Blatt Papier als Inhalt. Ich sah mir den Absender an. Der Name war verwischt worden und zusätzlich auch unleserlich geschrieben. Es war mir unmöglich, etwas darauf entziffern zu können. Bei dem Rest war es genau das Gleiche, doch ich konnte eindeutig lesen, dass der Brief an mich bestimmt war.
Ich klappte den Brief auf. Er war in roter Tinte geschrieben worden, fast schon als wäre es Blut. Die Worte darauf verwirrten mich. Ich entdeckte meinen Namen und einen Ort ganz in der Nähe dieser Stadt, und ich sah ein Datum. Ich sollte jemanden treffen; in einem Monat im Louis Park am Rand der Stadt.
Ich faltete den Brief wieder zu und legte ihn auf den Wohnzimmertisch. Was hatte das zu bedeuten? Wer wollte sich denn mit mir treffen und wieso?
Ich überlegte lange hin und her, ob ich es einem meiner Arbeitskollegen, Rick oder Frau Morrison erzählen sollte, doch die würden mich für verrückt erklären. Ich behielt den Termin für mich. Dennoch interessierte es mich, was diese Person von mir wollte, wenn das nicht doch ein Scherz von kleinen Kindern war. Ich hoffte es nicht. Ich war wirklich zu neugierig. Ich wollte so etwas eben wissen.
Das bedeutete, dass ich zu dem Termin kommen würde.
 

Drago

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Erschöpft blickte ich auf die Akte vor mir. Das war ein Fall, an dem ich noch eine Weile knabbern würde. Ich hatte heute gar keine Lust, zu arbeiten, aber nach Lust ging es nicht. Ich hatte schlecht geschlafen und musste deswegen eine Tablette nehmen. Sie wirkte noch nicht richtig.
Ich legte die Akte beiseite. Ich würde jetzt gerne einen Kaffee trinken, da ich zu Hause nicht mehr dazu kam. Wenn mein Chef das sehen würde, bekäme ich aber Probleme, denn der war für die, die am Abend noch am Arbeiten waren. Vielleicht würde ich heute fertig werden, aber mit solchen Fällen ganz sicher nicht.

Der halbe Tag war schon vergangen und ich hatte von meinen Akten gerade einmal die Hälfte durch.
Müde legte ich kurz meinen Kopf auf das Pult. Ich durfte an meinem Arbeitsplatz eigentlich nicht schlafen. Das war mir jetzt aber reichlich egal.
Ich riss mich im letzten Moment noch einmal zusammen, kurz, bevor ich eingeschlafen war.
Ich sah hoch und blickte in das Gesicht meines Chefs. Er hatte einen braunen Dreitagebart, dunkelbraune Augen und einen Kratzer an der Wange. Sein Gesicht wirkte blass. Auch ihm schien es nicht gut zu gehen. Er rümpfte kurz die Nase.
»Mister Esteban. Denken Sie, der Arbeitsplatz sei das heimische Bett?«
Ich schüttelte den Kopf. »Es tut mir Leid, Herr Lanker. Ich hatte gestern einfach nicht genug Schlaf. In letzter Zeit habe ich eine Menge Stress. Es kommen so viele neue Aufträge herein.«
Er machte eine ausschweifende Handbewegung über alle Arbeiter. Ich teilte mir meinen Arbeitsplatz mit allen. Wir waren in einem Raum, durch nichts getrennt außer dem Teppichboden. Dennoch war es leise, damit jeder sich konzentrieren konnte, aber oft wurde doch getuschelt.
»Denken Sie, mir geht es anders? Denken Sie, ich habe ein leichtes Leben? Ich habe mehr Arbeit als Sie. Ich muss ständig im Büro sitzen, Versicherungen auszahlen und Sie alle kontrollieren. Ich habe es auch nicht leicht. Erst vor einigen Tagen wurde bei mir eingebrochen. Ein wertvolles Medaillon ist gestohlen worden. Wissen Sie, wie viel mir das bedeutet hat? Das Leben ist nie einfach und auch nie gerecht. Finden Sie Sich damit ab.«
Ich nickte. Ich fand solche Vorfälle immer bescheuert. Wenn er mir erzählte, wie schlecht er es hätte, wie viel Arbeit er hatte. Dennoch hatte er aber immer die Zeit, bei mir vorbeizuschauen, wenn ich gerade einmal Pause machte. Langsam bekam ich das Gefühl, dass hier irgendwo eine Kamera stand, womit er alle in seinem Büro beobachten konnte, um zu wissen, was hier vorging.
Mein Kollege und guter Freund Danny Craven stupste mich mit seinem Finger an die Schulter. »Heute ist er noch schlechter drauf als sonst«, bemerkte er.
Das wusste ich schon. Ich hatte es geradeeben am eigenen Leib erfahren müssen.
»Verscherz es dir heute lieber nicht mit ihm«, riet ich ihm.
Danny wehrte ab. »Das interessiert mich doch nicht. Ich komme so oder so immer durch.«
Ja, das kannte man von Danny. Wenn er zu viele Versicherungen zu bearbeiten hatte, fing er mit einem Kollegen, außer mit mir, weil wir Freunde waren, ein nettes Gespräch an und schob ihm dann heimlich Versicherungen unter. So hatte er eine Menge Freizeit, während ich schuften musste. Es war mir schleierhaft, wieso Herr Lanker ihn immer noch nicht erwischt hatte. Vielleicht lag es daran, dass Danny einfach geschickte Hände hatte, ganz im Gegensatz zu mir. Ich hatte sogar zwei linke.
»Gehen wir heute Abend noch ein Bier trinken?«, fragte er mich. »In der Bar hier gleich um die Ecke. Du siehst nämlich nicht gut aus. Vielleicht erfrischt dich ein kühles Bier endlich.«
Ich zeigte ihm meinen Stapel Versicherungen. Er begriff, dass ich mein Tagespensum heute nicht schaffen würde und in meiner Verfassung auch nicht mehr schaffen konnte.
Ein Grinsen kam über seine Lippen. Er schnappte sich einen großen Teil meines Stapels und legte ihn auf seinen. »Nach der Arbeit um 9?«, fragte er.
Ich nickte und bedankte mich leise bei ihm.
»Keine Sorge. Bald sind es nicht mehr meine«, antwortete er.
Ehe ich mich versah, hatte er schon mit einem anderen Mitarbeiter ein Gespräch begonnen und schob ihm schon allmählich meine Arbeit zu. Ich war richtig froh, dass ich jemanden wie Danny hatte, der mir gerne unter die Arme griff. Dank ihm hatte ich schon eine Menge Stunden eingespart und er auch, denn er arbeitete fast nie.
Wenigstens hatte ich heute Abend ein Treffen mit einem Freund auf einen guten Schluck Bier. Das motivierte mich wenigstens ein bisschen und ich wurde heute sogar um 5 Uhr fertig. Herr Lanker sagte uns, wenn alle unsere Aufträge erledigt waren, müssten wir uns abmelden und dann könnten wir gehen. Daran hielt ich mich. Ich klopfte Danny freundschaftlich beim Vorbeigehen auf die Schulter und verabschiedete mich. Wir würden uns nachher in der Bar ja sowieso sehen.
Ich schritt durch die Tür, drehte mich aber noch mal um. Beinahe hätte ich meine Jacke vergessen. Ich griff sie mir vom Kleiderhaken. Herr Lankers Angestellte sahen mich mit ungläubigen Augen an, denn selten war jemand so früh fertig, und wenn, dann war ich es nie.
Draußen stieg ich ins Auto. Es war dunkelblau lackiert; ein durchschnittlicher Golf, nichts Besonderes. Ich konnte mir kein besseres Auto leisten und das musste ich auch nicht. Dieses hier erfüllte seinen Zweck.
Ich gähnte. Vielleicht wäre es besser, wenn ich mich noch einmal hinlegte, damit ich nachher nicht wieder so müde war.
Die Autos rauschten an mir vorbei. Ich nahm sie gar nicht richtig wahr. Sie waren nur sich bewegende Objekte, die meinen Weg kreuzten.
Ich schaltete das Radio ein. Um diese Zeit kam immer der Wetterbericht für die nächsten drei Tage. Obwohl ich mein Haus selten verließ, interessierte es mich.
Eine freundliche Männerstimme drang an mein Ohr als ich den richtigen Sender gefunden hatte.
»In den nächsten Tagen ist mit heftigem Schneefall und nur wenig Sonnenschein zu rechnen. In Süddeutschland bleibt es aber milder. Die Temperaturen steigen bis auf 5C°. Vereinzelt kommt sogar die Sonne durch. In den nächsten Tagen bleibt es immernoch sehr winterlich. Das war das Wetter von ... « Ich unterbrach die Stimme durch das Abschalten des Radios. Ich hatte gehört, was ich hören sollte. Verflucht! Die nächsten Tage würde es wieder schneien; und das, obwohl erst Spätherbst war. So kalt war doch kein Herbst. Die Temperaturen fielen auf 5C°. Das ist wirkliches Herbst-, wenn nicht, sogar Winterwetter. So etwas musste man erst einmal erleben. Das gesamte Jahr war bislang sehr verregnet gewesen. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Rick zu besuchen, doch ich glaubte, bei dem Wetter blieb ich lieber zu Hause.
Plötzlich ertönte ein lautes Gehupe. Ich machte mein Fenster auf. Links, rechts und vor mir standen eine Menge Autos, einige aus Frankreich, viele aus Deutschland.
Im Auto neben mir wurde ebenfalls das Fenster heruntergekurbelt. »Qu´est-ce que vous faites?!«, fragte er mich wütend.
Ich wollte nicht antworten, obwohl ich ihn verstanden hatte. Ich konnte Französisch einigermaßen, doch mir war die Sprache zu schwer und mir redeten die Franzosen viel zu schnell. Wenn ich jetzt geantwortet hätte, dann wäre nur eine Diskussion entstanden. Also kurbelte ich mein Fenster wieder hoch und fuhr geradeaus weiter, geradewegs an einer Ampel vorbei.
Ich schlug mir gegen den Kopf. DIE AMPEL WAR ROT und ich war einfach weitergefahren. Was war denn mit mir los? Ich war stehen geblieben als sie grün war, und gefahren als das rote Licht aufleuchtete. Mühsam zwang ich mir einen besseren Blick auf die Straße auf. Ich war wohl doch müder als ich gedacht hatte. Hoffentlich hatte sich keiner mein Kennzeichen gemerkt und würde mich anzeigen. Das fehlte mir gerade noch.

Ich stellte den Wagen vor meinem Haus ab, schloss zu und trat ein. Das letzte, das ich von draußen hörte, waren erste Regentropfen, die auf die Frontscheibe des Fahrzeuges prasselten.
Ich legte mich aufs Sofa und versuchte mir bewusst zu werden, was ich getan hatte. Definitiv war ich überarbeitet. Ich würde mich morgen krank melden. Die Woche stand ich nicht mehr durch, wenn ich weiterhin wie gewohnt arbeiten sollte.
Ich schloss die Augen. Dennoch sah ich meine Umgebung als wäre ich unter Wasser und würde nach oben blicken. Nur der Brief des Fremden, der war deutlich zu erkennen. Er hatte mein Leben so durcheinander gebracht, dass ich kaum schlafen konnte. Ich hoffte, dass es einen guten Grund gab, mich in den Louis Park zu zitieren. Wenn nicht, würde ich der Person die Hölle heiß machen.
Mühsam zwang ich meine Augen dazu, sich wieder zu öffnen. Ich stapfte die Treppe hinauf, ging in mein Zimmer und stellte den Wecker auf 8 Uhr. Danach ließ ich mich einfach in mein Bett fallen, um den Stress der Arbeit und meines Alltags ein wenig zu vergessen. Es war nicht viel passiert und doch reagierte mein Körper ungewohnt darauf. Wieso denn sollte ich in der Nacht kein Auge zubekommen, dann übermüdet bei der Arbeit sein und mich auf Dannys freundschaftliche Dienste verlassen müssen? Seine Dienste wurden von mir nur selten in Anspruch genommen, denn für mich war es eine Pflicht, mein Pensum selbst und ohne Hilfe zu erreichen, doch das war manchmal gar nicht so einfach.
Und dann war da noch dieser Brief, bei dem ich den Absender nicht lesen konnte. Vielleicht war das ja genau die Absicht. Es interessierte mich ungemein, was die Person mir sagen wollte und es machte mich völlig verrückt, dass das Treffen erst in einem Monat war. Ich könnte versuchen, mir auszumalen, wie die Person aussehen könnte, was sie tun würde und was sie mir sagen würde, aber damit würde ich mich nur unnötig belasten.
Schlaf war das Einzige, das mir jetzt ein wenig helfen konnte. Vielleicht wachte ich wieder schweißgebadet auf und musste mein Bett noch mal neu beziehen. Ich hoffte das nicht, doch warum war das denn in letzter Zeit so? Nur alleine wegen einem Brief? Das konnte doch nicht sein. Das war doch sicher ein Streich, den mir jemand spielen wollte, der sich so etwas wünschte, obwohl ich mir nicht erklären konnte, wieso. Es gab genug Leute, die etwas gegen mich hatten, denn mit den Versicherungen war das so eine Sache. Die bearbeiteten musste ich meist am Ende der Woche den betroffenen Personen mitteilen und die waren meist alles andere als glücklich und würden mich am liebsten zum Teufel jagen. Alles, was ich ihnen sagen konnte, war, dass ich nichts dafür konnte, dass die Versicherung eher weniger zu ihren Gunsten ausfiel, wenn ein Mord als Unfall dargestellt wurde und sie keine Ausbezahlung bekamen. Meist wendete ich mich bei solch schwierigen Fällen an Herr Lanker, denn er konnte in dieser Angelegenheit eine bessere Entscheidung treffen als ich.
Manchmal wurde ich bei den Angehörigen schon hasserfüllt erwartet. Ich hatte mir ungewollt bei manchen Leuten einen schlechten Ruf zugelegt, obwohl ich eigentlich ein sehr gerechter Mensch war, der wollte, dass alle zufrieden waren. Mein Job war eben nicht gerecht. Herr Lanker wollte schließlich nicht sehr viel Geld ausgeben und daran mussten wir uns halten, indem wir die Personen und deren Angehörige, so schwer es mir auch fiel, übers Ohr hauen mussten. Wenn ich das nicht tat, dann merkte das Herr Lanker und entließ mich, denn es gab viele Personen, teilweise auch mit sehr guter Ausbildung, die sich um diesen Beruf rissen. Er konnte mich und auch alle anderen jederzeit durch bessere ersetzen. Doch er war sehr loyal zu seinen Mitarbeitern und kündigte niemandem einfach so ohne vorzuweisende Gründe. Das beruhigte mich ein wenig und deswegen gab ich immer mein Bestes. Ich hatte nun mal kein Studium, denn meine Mutter war arm gewesen, seit mein Vater uns verlassen hatte. Wir hatten vom Nötigsten gelebt und ich war froh gewesen, überhaupt zur Schule gehen zu können. Da ich Zuhause die ganze Zeit bei den Hausarbeiten hatte helfen müssen, die nie wenig waren, da meine Mutter den ganzen Tag gearbeitet hatte, hatte ich so viel zu tun gehabt, dass meine Schulnoten entsprechend aussahen. Ich hatte gerade noch das Abitur bekommen können, indem ich mich zusammengerissen und in der Nacht gelernt hatte. Morgens hatte ich mir einen starken Kaffee gemacht, wohl wissend, dass das nicht sehr gesund für mich war, und war zur Schule gegangen.
Meine Kindheit war furchtbar und ich würde alles dafür tun, dass sich das nicht bei den Kindern, die ich auf jeden Fall irgendwann haben würde, wiederholte. Ich mochte Kinder, doch so etwas wollte ich ihnen auf jeden Fall ersparen.

hier bitte^^
 
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