Wieder vereint

Swift

Mitglied
Mitglied seit
2 Dez 2008
Beiträge
1.488
Weinend saß sie auf ihrem Bett. Sie hatte sein Halsband in der Hand und sah auf es herunter. Tränen tropften auf den Boden. Ihre Unterlippe zittertete, genau wie ihre Hand. Dabei klimperte der kleine Anhänger am Halsband. Sie zuckte zusammen. Dieses Geräusch war auch jedes mal ertönt, als er auf sie zugelaufen war.
Langsam drang das Sonnenlicht durch die Vorhänge und erhellte das Zimmer. Es wurde Tag. Sie hatte die ganze Nacht hier gesessen. Weinend.
Es schien ein schöner Tag zu werden. Noch immer konnte sie den kalten Regen auf ihre Haut prasseln fühlen. Und sie hörte noch die quietschenden Bremsen des Autos. Auch das Geräusch der brechenden Knochen und das Gejaule waren in ihr Ohr gebrannt.
Sie schloss die Hand fester um das Halsband und schluchzte auf.
"Wir können nichts mehr für ihn tun", hatte der Tierarzt gesagt, während sie das Blut auf ihrem Mantel bertrachtete.
Er war tot. Und es war ihre Schuld. Sie hatte ihn gerufen. Er war ihr gefolgt. Doch keiner von beiden hatte das Auto bemerkt.
Im Zimmer wurde es immer heller und langsam wurde es auch wärmer. Ein schöner Sommertag war angebrochen. Doch das kümmerte sie nicht.
Sie erinnerte sich daran, wie sie ihn bekommen hatte. Es war erst ein paar Jahre her. Da war sie noch zur Schule gegangen. Ihre Mutter hatte ihn ihr zum Geburtstag geschenkt. Als Welpe war er besonders süß gewesen. Tolpatschig war er auf sie zugelaufen. Sie hatte sich zu ihm runter gebeugt und wollte ihn streicheln, da hatte er ihre Hand geleckt und leise gewinselt vor Freude. Und dann hatte sie ihm das Halsband angelegt. Er mochte es zuerst nicht. Knurrend hatte er versucht, es abzumachen. Sie und ihre Mutter konnten nur lachen. Es war zu niedlich gewesen.
Nun saß sie in der wärmenden Morgensonne und hielt sein Halsband in der Hand.
"Es tut mir so leid", flüsterte sie.
Und dann klimperte es plötzlich in ihrer Hand. Sie erschreckte sich und zuckte zusammen. Scheinbar schien sie immer noch zu zittern. Doch ihre Hand war relativ ruhig. Wieder klimperte es. Sie sah auf das Halsband herunter. Der Anhänger bewegte sich. Vor Schreck warf sie es von sich. Es landete direkt vor seinem Körbchen. Sie schlug die Hände vors Gesicht. Sie dachte, sie würde langsam den Verstand verlieren.
Und dann hörte sie plötzlich etwas anderes. Aber das konnte nicht sein. Sie hörte sein Winseln. Nur ganz leise, aber es war da. Sie sah auf. Obwohl sie sich furchtbar blöd dabei vorbeikam, sah sie sich im Zimmer um. Dann musste sie leise auflachen, darüber dass sie sich schon Sachen einbildete.
Dann hörte sie es wieder. Diesmal lauter.
"Sam...", hauchte sie.
Geistesabwesend ließ sie ihre Hände sinken und schloss die Augen. Sie wartete. Worauf, wusste sie nicht, aber sie tat es. Sie hätte fast aufgegeben, da geschah es. Es war warm und ein wenig nass. Es war kaum da, aber sie konnte es genau spüren. Sie lächelte.
"Sam. Du bist es...", flüsterte sie.
Es wurde stärker. Fast so als wäre er direkt vor ihr und würde ihre Hand lecken. Sie öffnete die Augen nicht. Freudentränen vermischten sich mit denen der Trauer. Es folgte wieder das Winseln. Es war fordernd. Fast flehend.
"Was willst du?", fragte sie mit geschlossenen Augen.
Doch sie wusste es. Sie wusste es genau. Das warme Gefühl an ihren Händen verschwand. Sie konnte seine Pfoten hören, die über den dünnen Teppich tappsten.
"Ich komme mit dir...", sagte sie.
Das Lächeln wurde breiter, dann fiel sie ins Bett zurück. Die Sonne schien auf ihren leblosen Körper. Sie sah erlöst aus. Richtig glücklich.
Er hatte sie zu sich geholt.
 

San

Frischling
Mitglied seit
9 Jan 2009
Beiträge
27
sehr schön geschrieben. ich glaub ich krame mal eine meiner alten geschichten aus.

mfg san:)
 

Similar threads

Oben