Von Chinchillas, Dachgepäckträgern, toten Onkels und fehlenden Taxidachzeichen

Fiete Langohr

Guest
Seit nun gut 7 Jahren arbeite ich außerhalb meiner Heimatstadt. Da ich den Kontakt nicht abreißen lassen will, ist es unabdingbar, dass ich gelegentlich zwischen der Stadt, in der ich lebe und arbeite, und der Stadt pendel, in der meine Eselherde und alten Bekannten leben. In dieser gesamten Zeit habe ich für diese Reisen Mitfahrgelegenheiten anfangs noch genutzt, aber auch schon kurze Zeit später selbst angeboten, um den eigenen ökologischen Hufabdruck einfach etwas kleiner zu halten. Positive Nebeneffekte sind, dass ich während der Fahrt ein wenig Unterhaltung habe und dass ich bei voller Auslastung meine Kraftstoffkosten eigentlich immer abgedeckt bekomme. Dabei habe ich schon so manches Onlineportal kommen und gehen gesehen und unzählige Personen mal mehr, mal weniger kennen gelernt. Ich selbst bin kein großer Smalltalker und befeuere eine Unterhaltung nicht unbedingt mit neuen Impulsen, wenn es nicht gerade um Hufball geht. Viele schätzen das auch, dass sie die Fahrtzeit ungestört etwas entspannen oder lesen können. Mancher sprach mich schon auf meine bunt zusammengestellten mp3-cds an, die während der Fahrt liefen. Allgemein hilft mir die Verantwortung Leute mitzunehmen mich auf den Verkehr zu konzentrieren. Ich freue mich einfach, wenn ich meine Fahrgäste zufrieden am vereinbarten Endpunkt oder auf deren Wunsch unterwegs an einer der Ausfahrten absetze.

Das Prinzip der Mitfahrgelegenheiten ist einfach erklärt. Wer es nicht kennt: Fahrer geben an, wann sie von A nach B zu welchem Preis (grobe Faustregel 5 Euro / 100km) fahren und die Mitfahrer melden sich bei Interesse dann einfach. Das ist grundsätzlich eine sehr günstige Möglichkeit zu reisen, bei der beide Seiten gewinnen, und die selbst kurzfristig oft noch sehr gut funktioniert.

In der ganzen Zeit habe ich neben normalen Fahrgästen auch schon so manches Ungewöhnliche transportieren dürfen. So hatte eine Züchterin mir einmal ein Chinchilla mitgegeben, deren Kundin aus Lübeck das Tier dann in Hamburg abgeholt hatte, um sich eine 500 km längere Autofahrt zu sparen. Die kurioseste Fracht war wohl einmal eine einzelne Dachgepäckträgerstange, die für den anstehenden Campingurlaub in Kiel vergessen wurde und mir von der wohnungseinhütenden Freundin noch schnell vorbei gebracht wurde, damit ich sie rechtzeitig nach Hamburg bringe.

Es gibt aber auch so manches Ärgernis, was allerdings nur für den jeweiligen Moment gilt. Meistens muss ich im Nachhinein darüber schmunzeln, weil es doch irgendwie witzig ist. Mir wurden beispielsweise schon reichlich plötzliche Krankheiten und ganze Todesfälle aufgetischt, warum jemand ganz kurzfristig dann doch nicht mitfahren konnte. Das ist nicht nur für mich sondern auch für die ärgerlich, die gerne statt dieser Leute mitgefahren wären und denen ich vorher absagen musste.
Eine Mitfahrerin hatte einmal das Bedürfnis auf einer dreistündigen Fahrt ein ausgiebiges Telefonat führen zu müssen. Als das bereits so eine halbe Stunde lang ging, bat dankenswerterweise einer der anderen Mitfahrer sie ihr Telefonat auf einen anderen Zeitpunkt zu verlegen.
In seltenen Fällen habe ich auch mal jemanden neben mir sitzen, der mit seinen olfaktorischen Reizen nicht gerade rumgeizt. Das ist zwar unangenehm, aber es ist schließlich noch keiner erstunken.
Viele Anfragen hätten sich die Leute bei mir sparen können, wenn sie mein Angebot einfach mal etwas aufmerksamer gelesen hätten. Das Problem ist halt, dass zwei Autobahnstrecken von Hamburg nach Kiel führen, eine westliche und eine östliche. Da meine Eltern an Hamburgs östlichem Stadtrand wohnen, bietet sich letztere für meine Fahrten an. Ich kann meine Route noch so detailliert beschreiben, die Leute fragen dennoch, ob ich sie entlang des anderen Route absetzen oder einsammeln kann. Es ist bei manchen dann nicht leicht sie immer noch höflich darauf aufmerksam zu machen.
Das letzte Vorkommnis war schon etwas haarsträubend und hat mich schließlich auf die Idee für diesen Eintrag gebracht. Ich war an dem Tag der Fahrt selbst viel unterwegs gewesen und hatte erst eine Buchung gehabt. Eine Stunde vor der geplanten Abfahrt checkte ich noch einmal die Nachrichtenbox. Da waren tatsächlich zwei Anfragen ein paar Stunden vorher eingegangen. Die eine ließ sich schnell beantworten, wollte diejenige doch wieder entlang der westlichen Route zusteigen. Der andere hatte gleich zwei Sonderwünsche. Einmal wollte er an einer Stelle einsteigen, die bereits einen 8 km langen Umweg durch den Stadtverkehr erforderte und dann wollte er noch in Plön und nicht Kiel abgesetzt werden, was ja quasi auf dem Weg liege und kein Problem sein sollte. Zugute halten muss ich ihm, dass er von sich aus ein Trinkgeld dafür angeboten hatte. Eine genaue Höhe nannte er aber nicht. Ich lehnte letztlich ab, weil eisige Temperaturen und Dunkelheit vorherrschten, ich teile der Strecke nicht kannte und der Umweg geschätzte 40 km betrug und sich die Fahrtzeit damit auch um eine Stunde verlängerte. Später, ich war dann ohne ihn gefahren, erhielt ich dann als Antwort von ihm, dass ich doch ziemlich unflexibel sei. Da war ich dann doch etwas irritiert und musste erst einmal aus dem Fenster auf meinen silbernen, fahrbaren Eselwagen blicken. Zu meiner Erleichterung stellte ich dann fest, dass ich doch noch kein Taxizeichen auf meinem Autodach hatte. Eine Mitfahrgelegenheit ist eben doch nur ein Angebot und keine einforderbare Serviceleistung, für die man dann entsprechend zahlt.
 

Silvana

Guest
Danke für den Einblick. Es lädt sowohl zum Schmunzeln wie zum Kopfschütteln ein^^
 

Fiete Langohr

Guest
Na dann hat der Text seinen Zweck ja wenigstens nicht verfehlt, danke.
 

Asrasel

Guest
Ich mag deine Art zu schreiben. Das fesselt irgendwie.

Also ich finde es dreist einen Umweg von einer Stunde zu verlangen und dann noch so "unfreundlich" zu sein wenn man eine Ablehnung erhält. Klar, dass man nicht eben eine Stunde länger fahren kann oder möchte nur, weil irgendeine fremde Person das verlangt.
 

Fiete Langohr

Guest
Danke Azazel, so etwas lese ich doch gerne und ermutigt mich weiter zu schreiben. Erst einmal bin ich ja schon froh über jeden, der sich die Zeit für so einen etwas längeren Text zu lesen nimmt.

Natürlich war die Anfrage in der Sache dreist. Er hat sie hier und da noch etwas nett verpackt und seine Reaktion enthielt noch einen Zwinkersmiley, den ich aus dramaturgischen Gründen unterschlagen hatte, aber solche Anfragen gibt es gelegentlich doch mal und auch in anderen Bereichen. Mir war wichtig zu zeigen, dass man zum Schutz vor Selbstausbeutung auch einmal nein sagen können muss und keine Angst vor den Reaktionen haben muss.
 

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