Vera Cruz (SteamPunk/Fantasy)

Grivies

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19 Jun 2012
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Lufthafen: Vera Cruz
Zeit: 14:12, 25.3.4JNZ* (Jahr der Neuen Zeitrechnung)


Wolken. Immer nur weiße Wolken wenn man vom Rande der Reling blickte. Würde man mit seiner Pfote aus der untersten Öffnung des Gitters, das dazu diente Selbstmörder oder Lebensmüde daran zu hintern sich sofort in den Abgrund zu stürzen (nun müssten sie noch eine 1,4m hohe Stahlumzäunung überklettern) strecken, wäre es möglich mit den Fingern sanft durch die weiße, aus Wasserdampf und immer mehr Schadstoffen bestehende Schafswolle zu streichen. Blicke man hinauf, nur Blau in Blau würde das Auge erblicken, denn mehr als Himmel befand sich nicht über den Wolken. Der Betonpflaster, aus dem so gut wie die ganze Station bestand, strotze trotz der nun schon über acht Jahren seit der Instandsetzung vor Rissfreiheit. Hier und da ein Kratzer am Boden, mehr war noch nicht beschädigt vom stolzen Marinelufthafen der Royal Airship Coporation. Zumindest nicht in den oberen Decks, den das Militär den zahlreichen Zivilisten und Schaulustigen als Propagandaschauplatz aufbereitet hatte.

Der Rest der Luftstation sah nicht ganz so glänzend aus. Vor allem die unteren Räumlichkeiten, die nahezu nur von der auf dem Hafen arbeitenden Klasse bewohnt war, sahen zunehmend abgewrackt aus. Andererseits wurde auch nicht wirklich wert auf die unterbezahlten Sträflings oder Proletarierheere gelegt, die den lieben langen Tag in einer der fünf Werftstationen der Anlage schuften durften. Nieten fixieren, Planen ausbessern, Stahlplatten schweißen, Treibstoff nachtanken und zerstörtes Panzerglas einsetzen durften. Alles in allem, ein recht schmutziger Job. Das Militär, abgesehen von den Wachsoldaten die mit den hin und wieder revoltierenden Arbeitern zu kämpfen hatten, bemerkte beziehungsweiße wollte nichts von den Problemen in ihrer Anlage bemerkt haben und behielt es sich vor den Zivilisten Propagandagift einzuimpfen, wie zum Beispiel die Tatsache das die über fünfzig Luftschiffe, die in der imposanten fliegenden Betonstation am Rande des Ozeans stationiert waren, über 20 Tonnen Sprengladung tragen können, und den Feind überall im Umkreis von einigen hundert Kilometern zu bombardieren fähig wären.



Auch wäre zu beachten dass sich zurzeit deshalb nur acht der Kampfschiffe in den Hangars befinden würden, da sich der Rest auf wichtigen Patrouillen über dem Ozean befinden würde. Stolzes Glitzern in den Augen der alten, Koteletten und schnurbartführenden, Melonenhut und dazu passende Biedermeierjacketts tragenden, so gut wie immer auf die Taschenuhr blickenden Veteranen des früheren Kriegs. „Welch ein Wunder der Technik“ oder „Oh Ja, ich war dabei als das erste dieser Dinger an den Start ging“, solch begeisterte Sätze wurden dann von diesen älteren Herren losgelassen. Und hin und wieder starrte einer durch sein Monokel, um sich ja lang genug an einem der fliegenden Umweltzerstörer satt zu sehen.

Erfreulich für das Marinekommando war vor allem die Aufmerksamkeit der mehr als reichen Bankiers, die immer wieder Geld in die Programme des Militärs einfließen ließen. Und während sich die mehr als weiblichen Frauen, mit ihren Seidenkleidern und Stöckelschuhen, den Langzigaretten und den Sommerhüten perfekt zu ihren Männern passten, die mit Zylinder, Schnurbart und Smoking bekleidet waren, die Soldaten mit ihren wunderschönen Uniformen bewunderten, und die Kinder von der Reiseleitung, einigen jungen Damen aus dem Nachrichtendienst, denen eine bessere Stellung als der einer von Rauch und Tintengeruch verstörten Schreibmaschinenangestellten angeboten wurden, betreut wurden und erzählt bekamen wie wunderbar sich der Kaiser und vor allem das Militär um das Land kümmerte, und ob sie nicht auch einmal für die Monarchie und das Land kämpfen , beziehungsweiße, um Kinder nicht zu verschrecken, arbeiten oder helfen möchten. Nur einer, ein einziger in der Menge wollte so gar nicht auf die Reden der Führung eingehen. Der schoss lieber Fotos. Eins nach dem anderen. Mit einer Kamera, schön versteckt in seiner Jacke. Und so entstanden die Bilder, die Schwarzweißdrucke, die Koordinaten und somit, die Angriffsziele.


Lufthafen: Vera Cruz
Zeit: 18:00 30.3.4JNZ

Joel stand ziemlich verlassen an der Reling. Der Otterschweif schliff ein wenig über den Boden, die karierte Filzkappe, das braune Jackett und das weiße Hemd darunter, die ockerfarbene Hose sowie die mehr als zerschundenen Schuhe passten wie angegossen in der Position in der er sich befand. In der untersten. Wenn die Wachsoldaten ihn sehen würden, das erste was passiert wäre ein dumpfer Schlag mit dem Gewehrkolben in die Seite, danach die mit barbarischer Härte und durch die Gasmaske recht verzehrt klingende Aufforderung weiterzuarbeiten. Jaja die Soldaten können sich halt Schutzmasken leisten, dachte er bei sich und stemmte seine Arme gegen die Reling um seinen Kopf auf den Pfoten stützen zu können.

Die letzten Passagierschiffe würden bald ablegen, und dann wären wieder nur Soldaten und Arbeiter auf dieser Stahlbetonfestung. Joel blickte nach Unten. Die riesigen Stahlplattenballone, die die gesamte Anlage in der Luft hielt, fest fixiert am Rumpf der Station, und jeden Tag so viel Wasserstoff verbrauchten das man damit über hunderte von Luftschiffen hätte betreiben können, wippten leicht auf und ab.
Versorgungschiffe kapselten wöchentlich an der Anlage um genug von dem Gas an Bord zu bringen, wollen nicht alle auf der Festung anwesenden eines mehr als tragischen Falltotes sterben.

Und plötzlich war er da. Dieser dumpfe Schmerz und die Aufforderung zur Arbeit. Joel hatte die Soldaten nicht gesehen. Diese Soldaten mit ihren regenjackenähnlichen schweren, braunen Westen, den leicht grau-braunen Gasmasken, den schweren Stahlkappenstiefeln und Helmen. Uniformen die diese rabiaten Gesellen niemals als Vorzeigeanzug präsentieren würden.

Das hatte das Militär wieder fein eingefädelt. Nach außen hin die wunderschöne blaue Marineuniform mit der natürlich dazugehörigen Schiffskappe, und dann, wenn man sich einmal beworben hatte, bekam man eine Rüstung vorgelegt, unter hämischen Grinsen des Waffenkammerbeauftragten, die von einem Militärrat angefertigt wurde der irgendwie einem Gasmaskenwahn verfallen sein musste. Zumindest wurde sogar der Kaiser mit Gasmaske gezeigt, zumindest nur in der Öffentlichkeit. Möglicherweise der Auslöser dieses Wahns? Der Monarch selbst?

Wie auch immer, dachte Joel und begab sich zurück zur inneren Werft. Dort wurde wie immer eifrig geschweißt, gebohrt und im Allgemeinen eben gearbeitet. Viele der Arbeiter kamen vom Land, die ihren Lebensunterhalt dort nicht mehr bezahlen konnten. Diese Bauern zogen danach zuerst in die Stadt, wo sie dann mit zunehmend sklavenähnlichen Bedingungen an die Waffenindustrie weitergegeben werden. „ Andere Arbeit gibt es nicht!“ so propagieren es zumindest die Flyer und Plakate der RASC (Royal Airship Coporation).


Gezeigt wie was geht wurde wenig, doch wenn man was falsch machte, zum Beispiel eine Niete nicht richtig festschraubte, das Maschinengewehr nicht perfekt zusammensteckte, und die Stichproben der Inspektion dies herausfanden, musste man von Prügelstrafen nicht mehr nur träumen.
Joel griff nach dem nächsten Eisenrohr, schob sich die Schweißer Maske vors Gesicht und begann die Röhre an das Schiffsgerüst zu schweißen, genauso tat er es mit den nächsten zehn Rohren, als plötzlich eines der neuen Spielzeuge des Militärs an ihm vorbeimarschierte. Diese „Aufziehsoldaten“, Roboter die mit dem altbewerten Clockwork-Prinzip funktionierten. Fünf Umdrehungen reichten, und die Maschine lief für über zehn Wochen. Noch schlimmer war das sich diese Maschinen von selbst aufziehen konnten, um einen Absturz vorzubeugen. Die knirschenden und quietschenden neuen Soldaten der Marine, diese einäugigen Monster, aus deren Körper Zahnräder lugten, deren linker Arm ein aufgestecktes Maschinengewehr war und die linke Hand eine Kraft hatte um Knochen zu brechen hatten einen einzigen Vorteil für die Arbeiterklasse: Sie waren freundlich zu den eigenen Landsleuten. Während man von einem Soldaten gerade mal einen Gewehrkolben zu erwarten hatte, bekam man von diesen zwei Meter großen Gestalten zumindest nur die freundschaftliche, mechanische Aufforderung weiter zuarbeiten.


„Bitte begeben sie sich wieder an ihren Arbeitsplatz.“ Kam die Schalplattenaufnahme aus der Sprechröhre des Roboters. Danach registrierte er dich nicht mehr. Nicht einmal wen du deiner Arbeit nicht nachgehst. Seine war nach dem Abschluss des Satzes getan. Das schlimmste was passieren konnte war das er noch einmal auf dich zukam und den Antrag wiederholte. Angst musste man vor ihnen nur haben, wenn das Militär Schieß und Kampfübungen mit ihnen vollzogen. Wenn diese friedlichen Giganten auf Kriegsgefangene schießen, diese in Stücke reißen mussten, ganz zur Freude des Militärrates. Wo sich bei einem normalen Furry der Magen bereits fünf Mal umgedreht hätte, kam bei diesen vermutlich Wahnsinnigen nur ein Lächeln über die Lippen.

Joel starrte eine Weile auf den Aufziehroboter, bevor er sich wieder seiner Arbeit widmete. Ihn hatte das Schicksal etwas besser getroffen als die meisten hier. Er war als Sohn eines Arbeiters geboren, hatte schon früh mit Schweißen und Schrauben zu tun gehabt. Somit wurde er auch als Arbeiter erster Klasse eingestellt. Nicht das die Soldaten deswegen freundlicher wären, mitnichten, doch die Bezahlung war um einiges besser als die der Bauern-Arbeiter. Der Otter blickte durch die Maskenaugenöffnung zum offenen Ausgang des Hangars. Die Abendröte versank langsam mit der Sonne im tiefblauen Ozean, und die Wolken, diese orangen Wolkenschafe schlichen ohne Füße über den Himmel.



Es war genau 19:00 Uhr. Die Alarmpfeife dröhnte und kündigte somit das Ende der Arbeitszeit für heute an. Doch Joel nahm die Pfeife nicht wahr. Und Joel nahm auch nicht die Arbeiter wahr, die langsam den Hangar verließen. Und er nahm auch den Soldaten nicht wahr, der nach einiger Zeit fragte warum er nicht abhaute, und irgendetwas über „Keine Überstundenberechnung“ faselte. Die Augen des Otters blickten nur auf den Ozean, auf das Passagierschiff über dem Meer. Dieses Passagierluftschiff, das rund achthundert Personen fassen konnte, und mit der Zahl wahrscheinlich auch gefüllt war. Dieses Schiff das aus der Ferne so langsam nach unten glitt und brennend im Meer versank. Und er blickte wie gebannt auf die hunderten Jagt und Bomberdoppeldecker die so klein aus der Entfernung aussahen, und sich auch nur so langsam auf die Luftschiffanlage Vera Cruz zubewegen schienen.


Lufthafen: Vera Cruz
Zeit: 19:05 30.3.4JNZ

In nur wenigen Minuten stand trotz dem Stahlbeton die gesamte Anlage in Flammen. Die Phosphor und Benzinbomben der Angreifer zeigten Wirkung. Knatternde Doppeldecker, dröhnende Flakkanonen, pausenlos ratternde Maschinengewehre, schreiende und sterbende Verwunderte bzw. Brennende und nicht zuletzt das Grollen der abrennenden Luftschiffe in den Hangars der Anlage waren die Geräuschkulisse des Abends. Völlig überforderte Soldaten, fliehende Arbeiter und einer der vielen in den Himmel schießenden Roboter kamen Joel entgegen, der sich seinen Weg zu den Rettungskapseln bahnte. Diese Dosenähnlichen Gebilde waren zirka so groß wie ein ländliches Plumpsklo, besaßen eine Luke zum hinausspähen und einen Fallschirm der einen zu Boden tragen konnte. Der Otter rannte die nächsten zwei Stockwerke der Station hinunter, vorbei an Toten und Verkohlten Körpern, brennenden Zeppelinen und abgestürzten Doppeldeckern.

Eins war wohl für alle Personen auf der Vera Cruz klar, die Festung wird den Kampf verlieren. Schon jetzt waren mehr als ein Viertel der Ballone, der die gesamte Anlage in der Höhe hielt zerstört. Die unzerstörbare Festung würde am Land zerschellen oder im Ozean versinken, mitsamt über 20.000 Furries an Bord. Denn die Rettungskapseln waren gerade einmal für fünftausend gemacht, und so gut wie jede bereits gestartet. Die oberste Leitung hatte sich als erstes abgesetzt. Typisch Militär, dachte sich Joel, während er den leeren Rettungskapselplätzen entlang lief. Der Otterschweif wedelte hinter ihm her, die Füße und Beine bis aufs letzte angestrengt. Und da war eine. Eine einzige Rettungskapsel im ganzen Abteil war nicht benutzt worden. Ein Wunder. Joel rannte auf die Lebensdose zu, als plötzlich einer der Aufziehsoldaten des Militärs erschien. Er hatte sich anscheinend verirrt, da sein Auge von einigen Maschinengewehrkugeln zersplittert wurde. Er stapfte hilflos im Raum herum, bis er seinen Blick auf Joel richtete und dort verharrte. Er erhob den rechten Arm und begann ohne Vorwarnung das Feuer. Der Otter, total überrascht, hatte keine Zeit über Deckungssuche nachzudenken, und somit wurde dessen Bauchgegend von rund fünf Metallpatronen durchbohrt. Joel stöhnte auf, ging in die Knie und hielt sich die Pfoten schützend vor den blutenden Magen. Der anscheinend total verwirrte Roboter machte Anstalten zu schießen, musste dann aber feststellen das keine Patronen mehr im Magazin übrig waren, und ging somit auf den Nahkampf über, erhob seinen linken Arm, machte einen Schritt vorwärts und wurde von einer der feindlichen Raketen, die vom Bord der Doppeltecker auf die Station abgeschossen wurden, die durchs offene Fenster geflogen war, getroffen. Die Gestalt taumelte, und unter schwerem Dröhnen, Keuchen und Gequietschte fiel die Maschine aus dem nächsten freien Kapselplatz.

Mit Tränen in den Augen und höllischen Schmerzen schleppt sich Joel zur letzten Rettungskapsel. „Achtung, Kapsel defekt, Betreten auf eigene Gefahr!“. Nun konnte man sich entscheiden, wollte man lieber mit einer überschweren Stahlbetonkonstruktion untergehen, oder mit dieser Rettungskapsel in den wahrscheinlich in den Tod reiten. Scheiß drauf, dachte Joel und hievte sich in die Dose. Er legte unter Schmerzen den Abschussschalter um, die Kapsel wurde in Gang gesetzt und stürzte in die Tiefe. Er blickte mit halbgeschlossen Augen aus der Luke.



Die Station wurde unaufhörlich mit Bomben, Raketen und Patronen beschossen, schon waren größere Kriegsluftschiffe hinzugekommen und deckten die ganze Anlage mit Bombenteppichen und Giftgasgranaten ein. Weißer Nebel breitete überall dort aus wo das Fell und Fleischzerfressende Gas auftraf. Von weiter Entfernung sah die Festung aus wie ein glühender Feuerball, der langsam zu Erden sank. An Kämpfen war nicht mehr zu denken. Abgesehen von zwei kleinen Flakstellungen in den unteren Ebenen der Station gab es keine Gegenwehr mehr.


Und plötzlich, plötzlich explodierte das Munitionslager der Festung, ein Lager das die Marine für ein ganzes Jahr mit ausreichend Granaten und Langstreckenraketen versorgt hätte ging in binnen einer Minute in Flammen auf.
Eine gewaltige Explosion war die Folge, die komplette untere Ebene der Station wurde hinweggefegt. Der klägliche Rest krachte mit einer extremen Geschwindigkeit am steinigen Strand auf, erzeugte beim Einschlag eine solche Wucht dass sich der Stahlbetonhaufen über fünfzig Meter in den Boden grub. Dort lag der Rest der einst so stolzen Anlage Vera Cruz. Die Propagandawaffe des Reiches in binnen einer Stunde vernichtet.
Und irgendwo in der Nähe der Küste schlug eine Rettungskapsel ins Wasser ein, da der Fallschirm nicht mehr funktionierte.

Mit letzter Kraft rettete sich der Insasse aus der Dose, wurde an den Strand gespült, in die Nähe des brennenden, vergasten Schutthaufens Vera Cruz. Dort fiel der Otter ins Komma, wurde später von Suchtrupps des Reiches gefunden und in die Hauptstadt geschafft.
 
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