Unter obsidianschwarzem Himmel

Drawain

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25 Jun 2011
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Am Abend zog es ihn fort. Wie viele Abende zuvor, als ihm die Enge der eigenen vier Wände zur Last wurde, und ihn das metallische Kreischen der uralten Züge um den kostbaren Schlaf beraubte. Der Boden bebte und die Mauern vibrierten unter dem Donnern eines vorbeirasenden rostigen Stahlgefährts, ein Relikt aus den letzten Jahrhunderten. Während woanders die stummen magnetischen Neu-Bahnen ihre Runden machten und Mensch und Maschine von hier nach dort brachten. Nur hier war einer dieser Orte - ein vergessenes Viertel, dem man keine Beachtung gönnte - an dem der Fortschritt nicht einzog, um voran zu treiben, was voran zu treiben war. Hier war nichts voran zu treiben. Hier wohnte nur Rost und Staub zusammen mit Mann und Maus ohne Hab und Gut.
Er schloss fröstelnd die Tür hinter sich, den Kopf im Mantelkragen versunken, im kauernden Gang der nächtlichen Herbstkälte ausgesetzt. Sirenen jaulten ein, zwei Viertel ferner ab auf.
Gemächlich lief er durch die regennassen Gassen. Unter seinen Schritten knirschte das Kies auf dem Gehweg. Er spazierte am verlassenen Spielplatz vorbei, am stillgelegten Schwimmbad. An der geschlossenen Schule blieb er stehen und blickte voll Wehmut durch die zerbrochenen Scheiben. Wie viele Jahre war das her? Nicht viele, und doch erschien es ihm wie eine Ewigkeit, seitdem er “zurückgeblieben” war und seine Freunde und alle, die er gekannt, diese Megastadt verlassen hatten. Für eine bessere Zukunft.
Sein Atem kondensierter an der Nachtluft, als er seufzend seine Melancholie der Welt offenbarte. Ein trauriger Umriss im orangen Licht der Straßenlaternen. Er verließ den Ort der bitteren Erinnerung Richtung Stadtpark.
Unter sternenklarem obsidianschwarzem Himmel standen sie da, die knorrigen Bäume, bedeckt vom vergilbten Blattwerk. Das Laub raschelte und knisterte. Er verließ die festen Wege des Parks und trat zielstrebig, aber gemächlich auf die versteckte Rasenfläche am abgelegen Weiher. Hier hin kam selten jemand.
Mächtig erhob sich eine große Eiche aus dem Gras. Seine behandschuhten Hände griffen in das Astloch. Einen Schatz holten sie hervor. Verstaut hatten sie ihn hier - die Freunde und er zusammen. Eine Blechtruhe voller Fotos und Souvenirs aus der Schulzeit.
Er träumte sich zurück. Damals, das weiß er noch gut, musste er nicht zurück träumen. Da hatte er noch in die Zukunft geträumt.
Hoch über dem Horizont düste ein Shuttle zu den Sternen. Dahinter kamen die Vorboten des Sonnenaufganges hervor.
Er packte die Truhe unter seinen Mantel, blickte hinauf. Etwas blitze in seinen Augen. Über das triste Gelände huschte wispernd der kristallklare Wind an Baumstämmen vorbei, über die matschigen Wiesen, um sich letztendlich in seinem pechschwarzem Haar zu verirren, seinen Mantel aufzuwehen und die Blätter der Kronen zu einem aufgebrachten Flüstern aufzubrausen.
Er nahm den nächsten Zug. Und verließ diesen Ort.
Für immer.
 

Greer

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126
DAS... ist echt gut. Wenn ich etwas lese und sich sofort ein klares Bild der Szene bildet, ist es gut geschrieben. Melanklöterig und desolat, das macht Lust auf mehr.
 

Mecha

Super-Moderator/Katzbrocken.
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Spontan aufgefallen: Zu oft "Er" am Satzanfang.
 

Butch

Küchen-Bully
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Ganz klar, dein Text erzeugt nach den ersten paar Zeilen ein Bild im Kopf des Lesers. Bravo, ich finde dieses Stueckchen sehr gelungen. Mehr davon...
 

Drawain

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25 Jun 2011
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@Mecha: Danke für den Hinweis. c:

@Butch: Danke allgemein. xD
 

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Guest
Hat wirklich zum nachdenken angeregt. Aber es war wirklich schön, wenn auch ein wenig traurig mitanzulesen.

Schön verfasst. :)
 

Hybai

Guest
Finde ich sehr gut ich konnte mich gut reinlesen und habe eigentlich gleich ein bild im kopf gehabt wirglich gut gelungen:-D
 

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