Und wieder war es Nebel

Grivies

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So, schlussendlich stelle ich meine Geschichte doch online. Diese "Fantasystory" habe ich diesjährig im Sommer angefangen zu schreiben, doch im Moment interessiere ich mich gerade für etwas anderes, darum ist jener bis jetzt erst c.a zur Hälfte fertig. Ich versuche so gut wie möglich Absätze einzubauen, und bitte achtet nicht zu sehr auf meine Rechtschreibfehler, ich habe bereits in Word und mithilfe des Mozilla-Firefox Fehlersuchers durchprobiert so gut wie jeden Fehler auszumerzen.

Gut ich werde gar nicht lang herumerzählen, vielleicht werde ich ja diese Geschichte noch einmal aufgreifen und endlich vervollständigen.

"Und wieder war es Nebel" von Grivies

Und wieder war es Nebel.
(Die Geschichte der Wölfe.)
Der tote Stein drang durch den Panzermantel tief in die Haut ein. Das Wasser wurde kurzzeitig blutrot. Ein stummer Schrei des Tiers. Tod.
Yul hatte den Lachs erfolgreich aufgespießt. Er drehte den hölzernen Speer mit der Steinspitze herum, so dass die letzten Reflexe und Zuckungen des Fisches dessen Blut sowie das restliche, an den Schuppen heftende Wasser sein Fell befeuchtete. Die Pfoten griffen um den toten Körper, zogen ihn vom Speer und warfen diesen zu den anderen Leichen in den geflochtenen Korb, den der Wolf mit zur Jagt gebracht hatte. Er wischte sich die Flüssigkeiten von der Schnauze, blickte für einen Moment zur Seite, zu dem anderen Fischer, und stach dann wieder zu.

Der Flüsschen war reich an Lachsen. Zumindest zu dieser Jahreszeit. Wäre man ihm Sommer, oder gar im Frühjahr zu diesem Rinnsal an Wasser gekommen, weder Lachs, noch sonst ein Fisch wäre hier vorbeigeschwommen. Doch jetzt, im Herbst, wo sogar die größten und mächtigsten der alten Bäume ihre Blätter verloren, just zu dieser Zeit tummelten sie sich zu hunderten. Diese Fische. Wie nah sie dem Tod auch sein mochten, immer folgten sie ihrem Ziel. Dem Bergsee, der nur in mehreren Stunden zu erreichen ist. Diese roten Fische. Wie leicht ist es, sie vom klaren Wasser zu unterscheiden. Diese Lachse.
Weitere Fische wurden aufgespießt, weitere Male das Gesicht abgewischt. Sie verstanden es nicht. Die Fischer, das ihre Beute so naiv und, vulgär ausgesprochen dumm sei, und die Fische, wie nur in binnen Sekunden ein stattlicher Leitfisch aus seinem Lebensraum gezogen werden konnte. Beide Seiten verstanden sich nicht, beide Seiten würden sich niemals verstehen.

Der Fischer blicke wieder einmal zu seinem Kollegen. Oder doch eher etwas weiter dahinter, zu dessen Korb. Zwei, höchstens drei Fische. Sander ist und bleibt ein Versager. Ein Versager und ein verweichlichtes Stammesmitglied. Ein Schamane eben. Wie konnte er sich auch nur darauf einlassen? Und man kann direkt sehen was der alte Amon mit ihm angestellt hatte. Er hatte ihn verwirrt. Mit seinen Reden. Über die Seele eines jeden Tieres, eines jeden Baumes, eines jeden Steines. Und Sander hatte es wieder einmal fehlinterpretiert. Und nun, nun traute er sich nicht mal mehr eine Ameise zu zerquetschen. Und somit war er wieder einmal das schwache Glied geworden. Der Herdenschwächling. Doch wie in aller Welt hatte er überhaupt drei Lachse in seinen Korb gebracht.
Sander blickte in den Fluss. Sein Speer lag irgendwo hinter ihm, das wusste er. Er blickte in das Wasser und sah all das Leben. All diese Arten von Leben. Die Fische, die Krebse, die Larven, alles. Und er sah die Schönheit des Flusses. Die Steine, die kleinen Pflanzen die im Wasser wuchsen. Dies alles durch einen Speerhieb zu zerstören, es konnte dafür nur eine Bestrafung durch die Götter geben, auch das wusste er. Doch noch mehr wusste er, das dieser Korb, dieser Aufbewahrungsort für tote Körper, das dieser Fischsarg voll mit Fischen sein musste, wollte er nicht wieder als Verlierer im Dorf dastehen müssen. So bettete er zu den Göttern, sie mögen ihn verschonen wenn er die Bewohner des Wassers umbringt. Er packte seinen Speer, er packte ihn mit der Entschlossenheit einen Fisch zu töten, ein Lebewesen, das genauso das Recht zu leben hatte wie er. Und er stach ins Wasser. Doch kein Lachs war darauf gespießt so wie er es vermutet hatte. Und so stach er wieder in diese Flüssigkeit, die im allgemeinen Sprachgebrauch als Trinkwasser jedem bekannt war. Doch auch bei dem zweiten Versuch sich den göttlichen Rechten zu widersetzen schaffte er keinen Fisch auf seine Speerspitze. Lediglich einige Tropfen Wasser hatte Sander erbeutet. Und so stach er wieder zu, und wieder und wieder und wieder.

Yul verfolgte das Treiben seines Fischerkollegen mit leicht geöffnetem Maul. Da stand also Sander und stach wie ein geistig Verwirrter auf das Wasser ein. Yul ließ den Speer fallen, rannte eiligen Schrittes zu dem anscheinend Wahnsinnigen und ries dessen Jagdwerkzeug aus seinen Pfoten. Was tust du? Nein ich meine, was tust du! Bist du komplett von Sinnen oder was ist dein Problem, Yul fauchte ihn an. Nicht nur das Sander alle Fische verjagte, auch riskierte er durch all den Lärm andere Tiere zu wecken, und vor allem kurz vor Einbruch der Dunkelheit wollte Yul weder Waldhäschern noch irgendeiner Art von Bär begegnen. Schau, ich zeig dir einmal genau, und zwar ganz genau wie das geht, Yul blickte dem mehr als erfolgslos scheinenden Fischer direkt in die Augen. Und du wirst das jetzt begreifen, und danach wirst du nach meiner Anweisung jagen, Verstanden? Sander nickte. Gut. Yul backte Sanders Speer, drehte ihn so dass die steinerne Spitze immer einige Zentimeter vor dem Ziel anpeilt. Dann stach er zu.

Der Mond stand im Zenit, als sie schlussendlich das Dorf erreichten. Der Wald um die Siedlung wirkte gespenstisch, wütend, abnorm. Und diese Ansammlung von Häusern, geschützt aus einem Wall aus gespitzten Pfählen bildete eine Zuflucht von den Bedrohungen der Bäume, der Geister, oder um es eben treffend zu formulieren, der Baumgeister. Nichts war gefährlicher, nichts tollkühner und nichts lebensmüder als alleine in der Nacht durch den Wald zu streifen. Nur die jungen Männer, die wie ihre Väter in diesem Wald jagen wollen, mussten in der Wildnis volle drei Nächte ausharren. Wer von dieser Prüfung zurückkehrte, der kehrte als Mann, und nicht mehr als Jüngling zurück. Die Wachen, zwei an der Zahl, die mit ihren Lederharnischen, ihren hölzernen Speeren und den eisernen Klingen auf den Plattformen des Walles wachten, blickten leicht verwundert auf die Gestalten, die zu so später Stunde noch das Siedlungstor betraten.

Yul lud die Fische im Lager in die Konservierungsfässer, Gestelle die es ermöglichten, Fisch wie Fleisch für längere Zeit haltbar zu machen. Er schöpfte drei volle Portionen Salz über den Fang, über die toten Leiber der Flussbewohner. Und Sander, der sich so viele Sünden hatte zukommen lassen, hoffte nur darauf das die Götter der Nacht nicht schon bald einen fliegenden Felsen schicken würden, um ihn zu vernichten. Ja die fliegenden Felsen, das war damals ein Aufruhr. Damals, vor über zweihundert Vollmonden, damals als Yul und Sander noch drei, beziehungsweiße zwei Jahre alt waren, kam es an einem Tag, einem Vormittag zu solch fliegenden Steinen. Zuerst ein Beben, der das Haupthaus, das Lager, über fünf Wohnungen und sogar die Schamanenhütte zerstörte, danach ein rauchender Berg, als ob die Götter der Unterwelt aufzusteigen versuchten. Und danach eben, die fliegenden Steine, die fliegenden, flammenden Steine. Einer dieser Brocken, dieser göttlichen Todesbringer schlug auch in der Siedlung ein, vernichtete über zwanzig Einwohner und hinterließ über fünf Waisen. Einer dieser Waisen, einer dieser Kinder der seine Mutter und seinen Vater durch den Zorn der Unsterblichen verlor, war Sander.
An der Stelle wo einst der göttliche Vollstrecker einschlug, wurde eine Feuerstelle errichtet, um die Götter wohlwollend zu stimmen, so Amon. Und um die Geister ruhen zu lassen, und um den rauchenden Berg nie zu vergessen, so Amon. Und um niemals die Macht der göttlichen Todesbringer zu unterschätzen, so Amon. Und Sander würde nie wieder die Macht der Götter oder deren Helfer unterschätzen, niemals mehr in seinem Leben.
Die Sonne ging gleisend hinter dem Rande des bewaldeten, herbstlichen Tales auf. Die volle Bracht dieser gigantischen Lichtkugel entfaltete sich in binnen Sekunden über das gesamte Waldareal. Wo vor einigen Sekunden noch Nacht herrschte breitete sich wie eine Flut der Sonnenschein aus. Ein nicht enden wollender Strom aus Licht und Wärme schoss durch jedes Geäst, durch jeden Fluss, durch jedes Gewässer, in jedes Haus und über jeden Stein. Und just in dem Moment als das Licht das Tal flutete, verschwanden die Baumgeister, das bedrohliche und abnorme, und der Wald wurde wieder zu einem Ort der Bäume, einem Ort der Tiere, einem Ort der Ruhe. Und die Lachse nahmen den Verlust von zweiunddreißig ihrer Brüder und Schwestern ohne jegliche Einwende hin, sprangen und schwammen weiter den klaren, felsigen Fluss nach oben.
Ein Pfeil surrte, ein Auge barst, ein Leben starb. Yul hatte getroffen. Der Pfeil steckte in der zerstörten Augenhöhle des Waldschreiters. Einen gellenden Todesschrei, das Gehirn angebohrt vom Geschoss, Nervenbahnen leiten die letzten Bewegungen. Danach Stille. Der flugunfähige Vogel, der einen Ausgewachsenen des Wasser-Clans mit einer ganzen Kopfhöhe übertrumpfte, lag nun Tod im leicht dreckigen, laubigen Waldboden. Die Zunge lag zwischen den blutverschmierten Schnabelteilen genauso auf den Blättern wie der ganze Körper. Das Tier war besiegt. „Sander, komm her, sofort!“ Der Befehl Yul’s war eindeutig. „Wir bringen das Vieh besser früher als später ins Lager, bevor der Rest des Rudels auftaucht“. Der hinzugekommene Wolf blickte auf das Lebewesen, das einst so stolz durch den Wald schritt und nun langsam erkaltend vor seinen schwarzen Pfoten lag. Yul brachte die lange Holzlatte, die er zuvor in den dornigen Sträuchern versteckt hatte, band geschickt den toten Vogel mit Hals, Rücken und Beinen an die Leiste, hievte das vordere Ende auf seine Schulter und brach gleich darauf unter dessen Gewicht zusammen. Erzürnt, leicht fauchend blickte er hinter sich: „Hättet ihr womöglich die Freundlichkeit, sich des Tragens dieses toten Tiers würdig zu erweisen?“. Er blickte mit dem gleichen Argwohn wie gestern auf Sander, der ziemlich geistesabwesend noch immer auf den Fleck starrte wo zuvor der Schreiter und nun eine Blutlache lagen. Er schüttelte seinen Kopf, erwachte von seinen Tagträumen und beförderte das hintere Leistenende auf seinen Rücken.

Wahrlich, der Clan würde zufrieden sein. Der gesamte Wasser-Clan würde zufrieden mit Yul und Sander sein. Einen Schreiter zu erlegen, und dies einen Tag vor dem zweitgrößten Fest des Jahres, nicht vielen war solch ein Glück hold. Doch ihm, ihm alleine war es gelungen diesen Vogel zu erlegen, ihm, Yul der Schreitertöter, so dachte der Wolf bei sich, als das ihnen wohlbekannte Dorf langsam in Sichtweite kam. Erst jetzt bemerkte er das keuchen und schnaufen hinter sich, das ihn schon seit über zwei Meilen begleitete. „Ist die Last zu schwer für dich, mein mehr als verwaschener Freund?“ Unter leichtem Husten brachte der Hintermann nur etwas wie Pause aus seinem Maul, ehe sich wieder das penetrante Schnaufen einstellte. „Jetzt? Eine Pause? Wir sind gleich in der Siedlung, dort kannst du von mir aus hinsetzen bis du auf deinem Hocker anwächst, aber nicht jetzt!“ Yul schien fest überzeugt seine Fracht in den Hafen zu bringen. Und das schnellstmöglich. Er begann zu rennen, und Sander, der versuchte aus den paar Sekunden die sie nun standen eine Pause zu gewinnen, wurde, durch einen, wohl ziemlich gehässigen Wink des Schicksals in die Beinschlaufe des toten Vogels verwickelt, sodass er nun ungewollt mitgerissen wurde. Sein Vordermann, nun total besessen von der Idee, der Held der Siedlung zu sein, raste mit einer Geschwindigkeit durch den Wald, als ob der heutige Tag sein letzter wäre. Doch plötzlich hielt er inne, sodass Sander auf dessen Rücken auflief, beide vorn über flogen und im schmutzigen Waldboden landeten. Schon wollte der Schamanenschüler einen seiner langatmigen Entschuldigungen und Ausrede-versuche starten, als Yul mit einem Fingerzeig vor seiner Schnauze darauf hinwies, dieses besser geschlossen zu halten.

Der Bär trottete langsam, gemächlich von seinem großen, belaubten Hang herab und erblickte sofort die längst gewitterte Mahlzeit. Auf allen vier Tatzen, seelenruhig, gelassen. Das einzige was noch etwas stören konnte, war dieser lästige Stock der an dem Kadaver hing. Der zottige Waldbewohner riss aber so lange am Mittelteil dieses hölzernen Störenfrieds bis dieser endlich nachgab, aber gleichzeitig die langen, grauen Beine des Vogels mitausriss. Dem Braunbär störte dies aber nicht besonders, sondern warf die Leiste mit seinem Maul, indem er dieses zum Wurf zur Seite legte, einige Meter in die Ferne, sodass der störrische, hölzerne Feind niemals mehr in die Nähe der Beute gelangen würde. Und dann begann sich der Bär genüsslich an der Leiche des großen Waldvogels zu laben.
„Wie kann man nur so Hirnrissig sein?“ Yul machte Sander schwere Vorwürfe. „War… war es denn wirklich meine Schuld? Ich meine du bist doch los gelaufen.“ „Oh, willst du etwa die Schuld auf mich schieben, mich der den Vogel doch erlägt hatte. Nein, Nein mein Freund, du warst derjenige, der über mich gefallen war, und dann auch noch den Bären auf uns Aufmerksam gemacht hatte, wenn jemals etwas göttlichen Zorn erregt hätte, wäre es deine Dummheit!“. Sander schwieg. Mit einigen Handbewegungen und einem harten schnauben verließ Yul den stillen Bereuenden und zog sich in seine Hütte zurück, die genauso wie alle anderen aus Baumstämmen, Schilf und Steinen bestand. Ja der Clan wäre zufrieden gewesen! Das ganze verdammte Dorf wäre zufrieden gewesen! Doch Sander, dieser… dieser Versager! So oder ähnlich dachte der Wolf zumindest, während er seinen Kopf auf der rustikalen Tischplatte stütze. Der Tisch, der aus zwei Holzklötzen bestand, einem großen, flachen und einem dünneren aber auch längeren, war zwar standfest, aber auch unbequem. So musste Yul seine Kopfstellung jede paar Sekunden verlagern. Und zuerst dachte er über diese Ungerechtigkeit nach, danach über Sanders Dummheit. Doch langsam wuchs in ihm ein psychischer Tumor. Ein Tumor, der sich oftmals in der Bauchgegend zeigt, oftmals nach Dingen, die ziemlich ungerecht verlaufen sind. Der treffende Name des Tumors: Zweifel.

Als die Sonne hinter den letzten Hängen des Gebirges, dass das Tal wie einen Mantel umschloss, verschwunden wart, verließ Yul seine Hütte wieder, um zu der Wohnung Sanders zu wandeln. Dazu musste er nur das Dorf durchqueren. Dies war in dieser Nacht keine Schwierigkeit. Denn in der Siedlung, es herrschte Trubel als wäre das Tageslicht noch gar nicht verschwunden. Es wurde gerichtet, geschmückt, alles in allem: Vorbereitet. Das zweitgrößte Fest zu Ehren aller Götter musste wohl überlegt und zur perfektionierten Genauigkeit bearbeitet sein, wollte man nicht den Zorn eines Unsterblichen herbeirufen, der bei dieser Zeremonie zu kurz kam. Doch keinem Gott durfte mehr geopfert werden als den Erdenwolf. Den die Sage lautet, das der Erdenwolf, einst ein Tier auf allen Vieren, die Welt durchzog, um die Wahrheit aller Dinge zu erfahren. Und so traf er auf den Wind, und so traf er auf die Erde, und so traf er auf den Stein. Und er vereinigte sich mit all diesen Dingen. Und aus dieser Vereinigung entstieg der wahre, erste Wolf. Und so kehrte der Vorfahr aller Wölfe in ein Tal ein, um dort bis zu seinem Tod zu leben. Und aus Erde, Stein und Wind formte er Gestalten nach seinem Abbild, sodass sie auf dieser seiner Erde wandeln sollten und dieses jenes Tal, in dem heute diese Siedlung mit zirka fünfhundert sechzig Wölfen steht, ihr eigen nennen sollen. Und dann, viele Jahrhunderte später, starb der Wolf, und das Tal teilte sich in drei Teile. Dem Steinclan im Süden, den Windclan im Norden und schlussendlich dem Erdclan im Westen. Und dann kam es zum Krieg dieser Stämme, zum Bruderkrieg, Wolf gegen Wolf. Und nach zweihundert Jahren und einer Schlacht, die seit jeher als die größte Schlacht des Bruderkriegs gilt, den Häuptling des Windclans und über eintausend und fünfhundert Krieger aller Clans mit in den Tod riss, vereinten sich die Reste aller Clans zu dem einzigen Element, das die Wölfe damals kannten und noch nicht als Name in Verwendung gewesen ist beziehungsweise war, nämlich dem heutigen Wasser-Clan.

Yul pochte an Sanders Pforte. Seine Hütte, etwas kleiner geraden als die ohnehin schon dürftige Behausung des selbst ernannten Schreitertöters, bot gerade genug Platz für eine Person. Die Inneneinrichtung bestätigte den ärmlichen Eindruck von außen. Das Feldbett, der steinerne Ofen, mit dem schon der Vater des Vaters von Sander gekocht hatte, einen rustikalen Tisch, dem in Yul’s Wohnung sehr ähnlich, und einer alten, morschen Truhe, deren Scharniere nicht mehr funktionierten, sodass man den gesamten Deckel abwerfen musste, wollte man in den Innereien der Kiste wühlen. Doch Sander öffnete seine Türe nicht. Wohl plagt ihn sein schlechtes Gewissen so sehr, dachte Yul bei sich, und der Tumor in seiner Magengegend erreichte schlussendlich sein Gehirn.

Doch just in dem Moment, als der Wolf sich zu fragen begann, ob sein Handeln an dem Tag vor dieser Nacht möglicherweise Fehler beinhalten hatte, wurde er von einem polternden Geräusch aus seiner Nachdenklichkeit gerissen. Vor ihm stand Sander, und der Eimer, den er zuvor so unsicher in seinen Armen getragen hatte, lag entleert vor den Fußpfoten Yul’s. Eingesalzene Fische lagen verstreut neben kleinen, weißen Dünnen, und wären diese süß gewesen, man hätte denken können es wäre Zucker. Und Yul betrachtete entgeistert die schmutzigen, ausgetrockneten Fische. Seine schmutzigen ausgetrockneten Fische!
 

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Und plötzlich bekam Sander einen gepökelten Fisch um die spitzen Ohren. Dieser paffte mit voller Wucht gegen die Wange des schwarzen Wolfes. Völlig irritiert blieb dieser an Ort und Stelle, bis die Nerven des Körpers den Schmerz schlussendlich ans Gehirn weiterleiteten. Zuerst ein Schrei, dann eine Pfote auf der wunden Packe. „Warum hast du das gemacht?“. Anstatt einer Antwort, Nachgeäffe von Seiten des Angreifers. „Nur zu deiner Information, es tat weh!“ Sander begann wild zu werden, ein leichtes Zähne fletschen, bisschen angelegte Ohren. Yul berührte das wenig. „Weißt du was? Du verträgst nichts, du bist der Schwächling des ganzen Clans, geh doch Heim zu deiner Mama wenn das Leben hier für dich zu schwer ist!“ Erst im Nachhinein realisierte Yul seine Worte, für Entschuldigungen war es allerdings zu spät. Wär diese Worte zu einer Person sprach, dessen Mutter auf diese Weiße umkam, dem konnte nur Schlimmes widerfahren. Und viel zu spät realisierte er auch Sanders Faust, sodass dieser total auf dessen Nase landete.

Nach einem langem Streit mit vielen blutenden Wunden, zahlreichen Aussagen wie: „Meine Augen!“, einer Menge Salz und gepökelten Fischen später, als schlussendlich der Häuptling selbst einschreiten musste, um die Kampfhähne voneinander zu trennen, und langen Erklärungsversuchen von beiden einmännigen Parteien, sprach der oberste Meister des Dorfes, also eben der Häuptling das Urteil. Denn der, dessen Gesicht immer von einem Hirschschädel verdeckt ist, jener, der seinen Namen ablegen musste, um als Häuptling akzeptiert zu werden, hatte die absolute Macht im Dorf, und hatte die absolute Macht über das Tal. Und so kam es zu dieser Situation: „Und somit verkünde ich, Häuptling des Wasser-Clans, das die zwei jungen Männer unseres Clans, die sich so kindlich und unreif in Gegenwart aller Wölfe im Dorf benommen hatten, diese zwei Wölfe, die sich in aller Öffentlichkeit dem Kampf hingaben, weder zum Schutz ihres Guts noch zum Erhalt ihrer Rasse, das diese beiden Söhne ehrbarer Väter ausziehen müssen, um eine weitere Nacht im Wald zu verbringen, um sich reinzuwaschen von der Schuld, die sie begannen haben, und um denen Ruhe zu gönnen, die dieses ehrlose Gerangel mitansehen mussten!“ Und nach diesen Worten entfernte sich der Höchste, um sich in sein Quartier, dem Rathaus, dem Versammlungsort für alle Krieger des Clans, zurückzuziehen. Einer kleinen hölzernen Burg gleich stand sie über allen anderen Hütten der Siedlung auf einem kleinen Hügel, und auf den holzigen Zinnen der Feste, wie man diesen kleinen Burgfried im Dorf nannte, brannte jeden Tag und jede Nacht ein Feuer, um den Jägern in den umliegenden Areas den Weg nach Hause zu leiten.

Und am nächsten Tag, als die Jäger am frühen Morgen ein letztes Mal vor dem großen Fest auszogen, um Fisch und Fleischvorräte aufzustocken, und der Schmied ein letztes Mal einige neue metallene Speerspitzen fertigte, bevor die heilige Nachmittagsruhe eintrat, dem ersten Teil der langen Zeremonie des Wendefestes, und die jüngeren Frauen durch die nähere Umgebung streiften, um vor allem die nun reifen Äpfel und Trauben zu ernten, die älteren Frauen schon mit Flatenbrot backen beschäftigt waren, und die Wachsoldaten umso genauer die Gegend überblickten, zogen zwei Wölfe in ihre eintägige Verbannung, ein Exil für nur einige Stunden, aber lange genug, um eine der wichtigsten Zeremonien des Clans, wenn nicht des ganzen Tals zu verpassen. Und das alles dank Sander!

Dunkelheit. Feuerkreis. Heiterkeit. Der Wald war dunkel, das Dorf hell. Dieser Kontrast veranlasste Yul zurückzublicken, während er auf einem der vielen kleinen Hügeln im Tal stand. Und während dieser sich schweren Herzens weiter vom Geschehen entfernte, begannen in der nun mehr als stark erleuchteten Siedlung die ersten Festlichkeiten. Sander lag auf der anderen Seite des Hügels im Grass, blickte hinauf zu den weißen, funkelnden Sternen und bewegte das linke Ohr leicht zum Takt der Trommeln, die auf dem Festplatz, dem geschmückten Einschlagsort des göttlichen Vollstreckers, anfingen langsam, rhythmisch zu schlagen. Er hätte sowieso nicht dabei sein wollen. Er wollte nicht tanzen, nicht an der Stelle an der seine Mutter starb, nicht an einem Ort der von den Bewohnern der Siedlung fälschlicher weiße als heiligen Platz verehrten. Er blickte hoch zu den Sternen, zu diesen geheimnisvollen Geistern im Himmel, die ihre sanften Strahlen ausbreiteten, sowie die Mutter Sonne, sowie der Vater Mond. Die Kinder namens Sterne. Sie alle strahlen auf das Tal, auf diese Welt. Sie alle versuchen sie zu erhalten, ihr Wärme zu geben, Licht zu spenden. Und was, was taten wir dafür? Wir erlegten die Kinder der Erde, die Söhne des Wassers und die Töchter der Luft nur um unseren Hunger nach Nahrung zu stillen. Wie tierisch sind wir schon geworden, das wir uns gegen unsere eigenen Geschwister stellen, nur da wir uns von unseren bestialischen und prähistorischen Gedanken leiten lassen. Und er drehte sich zur Seite, und Yul lag plötzlich neben ihm im Gras. Auch er blickte zu den Sternen, auch wenn seine Augen blind waren für alle die Schönheit des Himmels. Er blicke nur in den Himmel, um nicht an andere Stellen blicken zu müssen. Er hustete. Es war kalt. Es war kalt und sie hatten kein Feuer. Denn das Feuer war im Dorf und sie nicht. Deshalb war es kalt.

„Brauchst du eine Decke?“ Sander setze sich auf, Blicke auf den braunen Wolf neben sich. „Ich werd’s überleben.“ „Wirklich?“ „Ja“ „Schade.“ Der schwarze des Duos stand auf, wollte den Hügel verlassen, eine Pfote griff nach seinem Knie. Sie hielt ihn fest, wollte ihn nicht gehen lassen. „Du hältst mein Knie fest.“ „Ich weiß“ „Warum?“ „Weil… weil es mir Leid tut, weil es ein Gefühl in meiner Magengegend gibt, das dir sagen will, das es mir Leid tut.“ „Und was tut dem großen Yul, dem Schreitertöter und Fischwerfer leid?“ „Was ich gesagt habe. Das wegen deiner Mutter, das tut mir leid.“ „Ich verstehe, und nun erwartest du dir als Antwort: ist schon gut?“ „Diese Antwort erhoffte ich mir von dir, das ist wahr.“ „Schön, dann gebe ich dir diese Antwort.“ Sander ließ sich wieder in Gras plumpsen, rollte etwas seitwärts und blieb liegen, somit lag er zwar in der Nähe von Yul, doch weit genug entfernt um nicht, sollte möglicherweise ein Streit entstehen, Yul’s Faust auf die immer noch schmerzente Schnauze zu bekommen. Und so blieben sie liegen. Und nach einigen Minuten verschmolz das etwas entfernte Fest mit den Umgebungsgeräuschen, und man musste nicht ständig daran denken, welch einen Spaß all die Stammesmiedglieder gerade haben würden, während man hier so schutzlos im Gras irgend eines Hügels liegt. Yul wippte leicht mit einem Fuß auf und ab, Sander zupfte einige kleine Blumen mit seinen Zähen aus, um sie anschließend wieder fallen zu lassen. „Yul?“ „Was?“ „Glaubst du dass es noch etwas anderes gibt? Außerhalb des Tals?“ „Was für eine Frage. Ja und nein.“ „Wie jetzt?“ „Außerhalb des Tals, da gibt es nur Nebel, Nebel und Erde.“ „Keine Pflanzen?“ „Nein“ „Keine Tiere?“ „Nein“ „Keine…“ „Und nein, auch keine Wölfe, du gingst bei Amon in die Schule, nicht ich, du müsstest eigentlich wissen, was er jedem in diesem Moment im Dorf erzählt“. Und Sander wusste es. All die Geschichten über das Tal. All die Geschichten über diesen Ort, und, sollte man jemals zum Ausgang des Tales, und somit zur steinernen Schlucht kommen, so war es höchste Priorität sofort wieder umzukehren. Denn dort begann der Nebel, der Tod, das Grauen, die Unbarmherzigkeit der Götter der Unterwelt. Schattenhafte Wesen, mit Klauen aus Eisen und Mühlensteinen als Köpfe würden jeden umbringen, der sich in den Nebel wagen würde. Danach würden sie die Toten zu neuem Nebel mahlen, sodass dieser nie wieder aufhören würde zu sein, bis zum Ende aller Tage. Und diese Mahlmonster, diese Ausgeburten der Hölle, würden, sollte sich erst einmal totaler Nebel über das Tal gelegt haben, jeden im ganzen Tal töten. Darum, und nur darum sollte man niemals durch das die steinerne Schlucht gehen. Niemals in deinem ganzen Leben. Yul sah seine Chance gekommen, Sander einmal etwas zu fragen, das ihn interessierte: „Und? Was lernst du eigentlich so beim alten Amon?“ „Ach, dies und das“ „Und tragen „dies und das“ auch einen Namen?“, bohrte der braune der beiden zwangsläufigen Compagnons weiter. „Naja, normalerweise Dinge wie Verbände basteln, Kräuter sammeln und zu wissen diese zu nutzen, und all diese Sachen.“ „Ach so“ Yul ließ sich wieder zurück fallen. Das war nicht die Antwort die er sich erwartet hatte. So langweilig. Er seufzte. „Sander?“ „Ja?“ „Wir schleichen uns in der Nacht ins Dorf, man kann das Bier ja bis hier riechen, und ich bin einfach nur durstig.“ „Dann trink doch Wasser?“ „Ich bin aber nicht durstig nach Wasser“ „Ach so“ Sander setzte sich auf. Er blickte noch eine Weile in die Sterne, ehe er sich mich leicht besorgtem Blick zu Yul wandte. „Wenn die uns aber dabei erwischen…“ „Du passt wirklich nicht auf im Unterricht, hab ich recht? Heute Nacht, ist die Nacht an der „alle schlafen. Kapiert? Oh ja, Sander hatte verstanden. „Die Nacht in der alle schlafen“ war eines der letzten Festlichkeiten des Tages. Dabei war es jedem Wolf erlaubt sich schlafen zu legen. Sogar den Wachen. Einfach jedem. Denn, warum sollten den die Götter Schaden an einem Dorf anrichten, dass ihnen solch eine Ehrerbietung darbringt. Alles lag in dieser Nacht in den weißen Händen der Götter. Und blickt zurück, nachdem man all dies erlebt hatte das nach dieser Nacht passierte, so kann man sagen: Die Götter besitzen wohl sehr ungeschickte Pfoten.

Die Nacht war dunkel. Rabenschwarzes Dunkel. Dabei könnte man sagen, sie war gar nicht ganz so schwarz. Nur etwas viel für eine Sommernacht. Aber es war eben nicht Sommer, sondern Herbst. Und im Herbst sind nun mal die Nächte so dunkel. Das Festfeuer, das vor einigen Stunden noch lichterloh gebrannt hatte, und vor dem die alten Schamanen ihre Geschichten von längst vergangenen Tagen gepredigt hatten, lag als halber Aschehaufen mit einig rot glühenden Kohlen gar nicht mehr so majestätisch im Staub des Kraters. Und auch sehr bemerkenswert war auch die Tatsache, dass so wie vorbereitet, alle schliefen. Jeder, Frau, Kind, Mann. Jede Klasse, jede Familie. Selbst der Häuptling, mit seinen prunkvollen Ketten aus Bären- und Berghyänenzähnen, seiner Hirschschädelmaske, die für immer sein Gesicht verdecken würde, lag eingenickt in seinem Feststuhl. Die Wachen lagen neben ihren Kameraden, alles friedlich, einträchtig. Nichts war fähig der Siedlung zu schaden. Nicht nach diesem, götterbefriedigtem, herrlichen Feste. Nichts konnte diese Ruhe stören. Nicht die Geister des Waldes, oder die Gespenster der Nacht, weder die wilden Tiere, noch die Kreaturen der steinernen Schlucht. Doch weder die Geister noch die Kreaturen kannten den Feind, der alles ändern würde.

Ein Luftwirbelgeräusch in der sternenklaren Dunkelheit. Ein eiserner Enterhaken an der westlichen Holzmauerseite. Der Stachel hackte sich geradezu perfekt in den Zwischenraum der Palisadenspitzen. Leise, murmelnde Geräusche. Ein zweiter Hacken rammte sich ins Holz, dann ein dritter, gefolgt von über fünf weiteren. Das Metall war mit Wiederhacken versehen, um das Abrutschen vom Holz zu verhindern. Ein leises Murren aus der Dunkelheit. Dann Stille. Undeutliche Rutsch und Ziehlaute. Murali landete auf der Holzplattform der Hinterseite des Walles. Er zückte seinen leichten Krummsäbel. Sein Gesicht, verschleiert. Seine Kleidung, dunkel, mit einigen Lederstreifen. Die Hände des Eindringlings waren zerkratzt, von Furchen durchzogen, roh. Genauso sein Blick. Und dieser jener Blick wanderte über das Dorf, über all die schlafenden Bestien. Er würde das Ende dieser Spezies einleiten, das wusste Murali. Er würde den Namen seines Vaters alle Ehre machen. Er allein. Murali rannte leise wie ein Fuchs die aus Baumstämmen bestehenden Halterungsplattformen entlang. In Kriegszeiten waren diese dazu gebaut worden, die Wölfe auf den Mauern einsatzbereit machen zu können, doch für diesen Kampf würden sie nicht benötigt würden. Einzig ein leises, schnelles Tapsen war in der Nacht zu hören. Murali sprang, wich quietschenden Brettern gezielt aus und alles in allem sprintete über die Barrikaden. Und schon war er am holzigen Tor des Dorfes. Schnell musste es gehen, schnell und leise, wie es sich gehörte. Die Wache, einer dieser pelzigen Bestien, dieser unterentwickelten Rasse, saß, mit dem Kopf an der Wand gelehnt, schlafend auf dem kleinen Wachturm, einer von zweien, die sich das Tor untereinander aufteilten. Nur wenn beide Seiten die Kurbeln betätigten, würde sich das Tor auftun, und einlass für die wartenden Truppen bieten. Er zückte seinen kleinen Dolch aus Kupfer, eine recht leichte Waffe, deren Griff mit einem einzelnen, geschliffenen Smaragd verziert ward. Ein Zeichen, eine Vorahnung in was dieses Mordwerkzeug getränkt wurde. Murali setzte leicht zögerlich die Spitze der Waffe an den Hals des potenziellen Opfers. Der Wolf bemerkte nichts davon. Zwar erwachte er, als sich die vergiftete Klinge durch seine Luftröhre, seinen Sprachmembranen und schlussendlich des Felles auf der anderen Seite heraus trieb, doch verspürte er keine Schmerzen mehr dabei. Vielleicht der Schock, oder doch das schmerzzerstörende Gift, das sich blitzschnell durch seinen Körper gefressen hatte, die Nerven auflöste und jede Bewegung unmöglich machte. Wäre er an diesem Attentat nicht gestorben, der Wolf wäre sein Leben lang für immer vom gehen, schlafen, sprechen, fressen, stehen oder geschweige denn dem kämpfen erlöst gewesen. Murali beendete sein Werk indem er den Dolch aus dem Hals des Corpus schnitt, die Leiche auf den Boden legte und seine Augen schloss. Es mögen Bestien sein, es mögen primitive, brutale Kreaturen sein, doch selbst diesen gebührt ein ehrenhafter Tot.

Er legte einen von den vielen Leichenmünzen auf den Bauch des Wolfes. Drei an der Zahl. Drei Münzen für die drei Gottheiten der Ferne. Zu jenem Ort, an den alle einmal kommen würden. Schweißperlen standen auf dem Gesicht des Assassinen. Es war heiß, unendlich heiß in dieser Nacht. Doch war es weder von der Außentemperatur, die war bei weitem nicht warm genug um nur ansatzweise an Hitze denken zu können. Mehr war es die Angst, die Angst eines jeden Neulings der Attentäter. Und diese Angst würde auch nach hundert Toten nicht weichen. Niemals würde sie ganz verschwinden. Doch mit der Zeit, da lernte man sie zu verstecken, und für immer einzuschließen an einem Ort in der niemals jemand suchen würde. Er stieg die knarzende Treppe so leise wie nur möglich nach oben, stellte sich auf die Außenplattform. Auf der anderen Seite wartete bereits Yamir. Er winkte ihm zu, fast freundlich, und hob den abgeschlagenen Kopf des toten Wachmannes langsam hoch. Dabei zeigte er mit dem Daumen nach oben, als ob es normal wäre, eine Leiche dermaßen zu entstellen. Die Augen wurden entfernt, genauso die Zunge, sowie die Zähne. In der Sprache der Vorväter war in tiefen Schlitzen, über das komplette Gesicht, eingraviert: „Die Hölle verschont keine Monster!“ Murali blickte stumpf auf den Schädel. Diese Sklavenhändler hatten keine Ehre.
 

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Die Tore der Siedlung öffneten sich langsam, als ob sie dem bevorstehenden Angriff widerstehen wollten, den Parasiten den Zugang zum Wirt verwehrten. Doch schließlich konnte auch der Wille des Holzes gebrochen werden, und die Pforte zur Siedlung stand offen. Offen, ungesichert, gerade zu empfindlich. Der Weg ward geebnet für die Soldaten. Nun hieß es diesen Pfad zu betreten.
Abd-al-Qadir saß auf seinem pechschwarzen Pferd. Ein königliches Reittier, mehr noch, der Vater des jungen Hengstes war bei über dreißig Raubzügen dabei gewesen. Es war gedrillt, nicht auf andere Stimmen zu achten, nicht auf die Schreie und das Wehklagen der besiegten zu hören, den Schlachtenlärm zu ertragen und seinen Meister nie im Stich zu lassen. Es wusste was es tat, als es seelenruhig auf dem kleinen Hügel, nahe dem feindlichen Lager stand. Es blickte freudig, erwartungsvoll und gleichzeitig stolz und anmutig auf die Siedlung. Ein Spiel. Wieder einmal spielten seine Herren diesen Zeitvertreib. Andere Leute fangen. Sie zusammenbinden, in Karren stecken. Doch es war ein langer Weg für einen so kurzen Spaß, ein viel zu langer Weg. So viele Wochen waren sie gereist. Und hin und wieder, gab es dann diese Spielverderber, die wollten nicht gefangen werden, wollten nicht in die Karren. Und dann wurde er wütend. Und dann trat er der Spaßbremse so fest mit seinen Hufen ins Gesicht, das dieser nie wieder aufstand. Und dafür wurde er dann von seinem Meister gelobt. So lief das Spiel. Und das Spiel war lustig.
Der Sklavenhändler sah das Feuerzeichen am Himmel, und Abd-al-Qadir sah das offene Tor. Leicht strich er mit seiner Hand durch seinen schwarzen Vollbart, der schon von einigen silbernen Fäden durchzogen wurde. Er dachte nach. Über den bevorstehenden Angriff. Mit seinem Gewissen war er im reinen, wie immer. Doch ob dasselbe auch für die Götter galt? Er wusste es nicht. Woher sollte er es auch wissen? Hatte er nicht zuvor auf das Tieropfer verzichtet? Hatte er sich wirklich seiner Überheblichkeit hingegeben? Wie hatte er nur so ungeschickt handeln können. Die Götter würden ihn irgendwann dafür bestrafen. Das wusste er. Irgendwann. Doch nun hieß es einen Kampf zu gewinnen, auch wenn dieser längst nicht der schwerste werden würde, auch wenn er gegen die letzten der letzten kämpfte. Die Letzten. Er hatte sein Sklavenhandelsimperium sein ganzes Leben lang aufgebaut. Und sein ganzes Leben war von Zweifeln und Fragen geplagt. Doch was sollten diese Gedanken, so kurz vor dem Raubzug. Seine Männer warteten auf den Angriffsbefehl. Seine Reiter, seine Infanterie und nicht zuletzt die einzelne Balliste, die sie so mühsam den ganzen Weg hierher geschleppt hatten. Und sie würden kämpfen, sie mussten kämpfen. Und die Sklaven gewinnbringend verkaufen. In Zeiten wie diesen war Geld das einzige das zählte. Und davon würden sie genug haben, würden sie erst die letzten zurück in die Hauptstadt schaffen. Genug um für immer im Luxus zu leben. Genug um im Silber zu baden, und sich mit Gold von dem Dreck des Silbers abzuwischen. Ein Leben im puren Luxus. Ohne Arbeit. Widerlich. Schließlich hob der Anführer der Sklavenhändler die Hand. Eine leichte Brise kam auf, der Schleier seines Turbans wedelte leicht auf die linke Seite. Die Götter waren mit ihnen. Und die Soldaten wachten aus ihren Gedanken auf. Sie alle waren verschleiert. So wie es immer war, auf Raubzügen. Die Kastanienbraune Haut der Hände war das einzige, das irgendwie auf die Menschlichkeit dieser Männer hinwies. Die Speere fest umklammernd, mit ihren ledernen Schuppenpanzern, den Pluderhosen und manch einer hatte sogar einen bronzenen Säbel als Zweitwaffe, der je nach Händigkeit links oder rechts des Körpers getragen wurde. Die Kamelreiter, mit ihren genauso vermummten Gesichtern, den bis zu zehn Fangnetzen pro Tier, und den von prankenähnlichen Kupferhandschuhen geschützte linke Hand, blickten in einem geschlossen Kollektiv auf den Meister, der nur noch seine Hand zu senken brauchte, um den Sturm zu beginnen. Die kleine Balliste war feuerbereit, geladen mit den neuen Explosionspfeilen, die, wenn sie erst einmal im Boden einschlugen, mit lautem Knall in die Luft flogen, spitze Kiesel in die Umgebung abgaben und somit massiven Schaden an Haut, oder in diesem Fall Fell und Fleisch verursachen konnte. Die Kamele, um noch einmal auf diese zurück zu kommen, waren bestückt mit einer großen Anzahl von Glocken, die aber vor jedem Sturm in Fell eingewickelt wurden, um den Überraschungseffekt nicht zu zerstören. Dann, kurz vor dem direkten Kontakt mit den potenziellen Sklaven wurde durch einen Ruck an der Leine diese freigelassen. Mit dem lauten Geläute sollen die Feinde verwirrt werden, was sich bis zum heutigen Tage auch bewährt hatte. Und Abd-al-Qadir senkte seine Hand langsam zu Boden.
Sander war bereits eingeschlafen, und auch Yul bekam langsam den Drang, die Augen zu schließen und einfach in das Land der Träume zu entschwinden, und diesen verdammten Tag einfach zu vergessen. Und es war bei weitem nicht mehr so schlimm, hier außerhalb des Dorfes zu weilen, als damals alleine, als er sich tief im Wald vor den Geistern der Nacht schützen wollte. Damals, ja damals hatte er Angst, schreckliche Angst vor all diesen Kreaturen, vor den Waldschreitern, den Höhlenbären und den braunen Berghyänen, die penetrant den Wald nach Futter durchsuchten um in den Abendstunden wieder im nebeligen Gebirge Schutz zu suchen. Und nicht zuletzt von den Kreaturen aus der steinernen Schlucht. Doch hier war alles ruhig. Erstens war das Dorf in der Nähe, der schützende Hort für Generationen von Wölfen. Doch dies war nicht ein Bruchteil des Grunds weshalb Yul keine Angst hatte. Letztes Mal, da war er allein. Mutterseelenalleine in einem tiefen, schaurigen Wald, der, je weiter man in diesen vordrang, in eine sumpfige, wilde Gegend verwandelte. In der man, würde man einen falschen Schritt setzen, versank, und irgendwann, hunderte oder tausende Jahre später als Skelett ausgespuckt werden würde. Von Kleinstlebewesen, Larven und Fischen langsam zerfressen werden, ein höchst unehrenhafter Tod. Doch diesmal, diesmal war er eben nicht alleine. Nein, diesmal war Sander dabei. Und obwohl Sander ein ausgesprochener Feigling war, so war es doch ein gewisser Schutz den er von sich gab. Eine positive Aura. Und plötzlich glaubte er von diesem Schamanenpraktikanten eine leichte, grüne Strahlung ausgehen zu sehen. Doch dies war natürlich nur Einbildung. Sander schlief seelenruhig am weichen Hochgrasboden. Einige Glühwürmchen kreisen um ihn herum, setzten sich hier und da auf seinen Körper um danach wieder die Miniaturflügel zu spreizen und weiter über den endlosen Dschungel aus Gras und Blumen zu schweben.

Der kleine See, der ganz in der Nähe der zwei Wölfe lag, und an dessen Flüsschen, das jenen speiste die Frauen jeden Tag frisches Quellwasser holten, lag still und leicht einsam auf dem Flur des Waldes. Ein frischer aber morscher, und deshalb wahrscheinlich natürlich abgebrochener Ast trieb zeitlos und mit der Geschwindigkeit einer halbtoten Schnecke ans Ufer. Froschbullen quakten ein lautstarkes Orchester, willige Weibchen wurden angelockt. Mücken surrten zu hunderten leise über das Wasser, legten Eier ins Wasser und suchten nach mit Blut vollgetankten Lebewesen. Doch der Jäger und der Schamanenlehrling waren viel zu weit von dem Geschehen entfernt um all dies zu sehen. Für sie lag der kleine See und dessen Flüsschen, an dessen Ende die Frauen des Dorfes bis jetzt jeden Tag das frische Quellwasser geholt hatten, ganz beschaulich auf dem Flur des Waldes, still, leicht einsam. Einfach nur ein See. Frösche. Mücken. Explosion.

Der Knall riss Sander sofort aus seiner Schlummerphase, im Allgemeinen auch Schlaf genannt. Die Explosion, als ob wieder ein göttlicher Vollstrecker eingeschlagen hätte, wurde genau aus der Richtung hinter den Wölfen gehört, also aus der Richtung der Siedlung. Yul sprang auf beide Fußpfoten, grapschte nach seinem Speer und rannte hinauf, zum höchsten Punkt des grasigen Hügels. Und während Sander verzweifelt versuchte, die lästigen, gelb-grün leuchtenden Glühwürmchen gewaltlos zu verscheuchen, sah Yul zum ersten Mal in seinem Leben eine Art Belagerung. Brennende Geschosse wurden in seine Siedlung geworfen, zersprangen unter lautem Knall beim Einschlag und hinterließen Feuer und Schmerzensschreie. Unbekannte, zum Teil total abnorme Kehllaute und Wörter drangen an seine Ohren. Feuer. Tod. Ein Zusammenspiel aus diesen zwei Aspekten bildete das Bild des Dorfes. Häuser brannten, Wölfe starben. Tiere mit abartigem, nahezu perversem Aussehen wurden von den Angreifern geritten, die mit krummen Schwertern und überlangen Speeren bewaffnet waren. Mehr konnte man nicht erkennen von den Ausmaßen des Kampfes. Yul schätze die Zahl der Angreifer auf fünfhundert, wenn überhaupt, aber durch den aufgekommenen Nebel, oder war es etwa Rauch, konnte er nicht einmal mehr zur Feste hinauf schielen. Er wollte gerade den Hügel hinunterrennen, als er plötzlich von einer Pfote an seiner Ferse gepackt wurde. Rasch trete er sich um, blickte auf den am Boden liegenden Sander, der krampfhaft versuchte, ihn hierzubehalten. Geh nicht, das war eindeutig in den grünen Augen des nun so ziemlich traumatisiert Wolfes zu lesen. „Ich muss, für unseren Clan!“, und damit riss sich Yul los von Sander, der einen kleinen blutigen Kratzer in dessen Ferse hinterließ. Der braune Wolf rannte den Hügel hinab, geradewegs in den im ganzen Dorf wütenden Kampf.
Der Häuptling des Wasserclans blickte um sich. Schon mehr als die Hälfte aller seiner Landsleute waren gefallen oder eingefangen worden, nur mehr zwei seiner Leibgarden und ein paar Wachen waren übrig geblieben. Er preschte vorwärts, ließ den eisernen Kopf seiner Axt durch den Schädel des Attackierten. Dieser brach auf der Stelle zusammen, Gehirnfetzen und Liter von Blut quollen aus dem eingeschlagenen Haupte. Die Augen weit aufgerissen lag die Vermummte Gestalt am Boden, seine Waffen, eines der krummen Schwerter und ein kleiner, kupferner Dolch mit einem glänzenden, grünen Stein lag nun verstreut am Boden. Schon kam der nächste der Feinde auf ihn zu, wirbelte mit seiner verkümmerten Waffe um sich und rannte auf den Obersten des Wasserclans zu. Dieser blockte den schwachen Schlag, den sein Gegner nach ihm tat und packte diesen am Hals, drückte so fest es ihm möglich war zusammen und schlug mit dem Stiel seiner Axt auf die Nase der dunkelhäutigen, obszönen Kreatur ein. Diese brach schon nach zwei Schlägen, genauso wie das Genick bereits nach einigen Sekunden in dieser Position. Ein weiterer Feind wurde niedergestreckt, danach rannte er hoch zu seiner Burg, nicht etwa um sich zurückzuziehen, nein er wollte nur seine Frau und Kinder beschützen, die die hölzerne Burg ihr Zuhause nannten. Er war bereits beinahe an der Pforte, als einer dieser magischen Pfeile in einer der höheren Ebenen einschlug, das komplette Stockwerk zerriss und auch noch ein paar Kinder, eine Frau und einen Speere schleudernden Wachmann mit in den Tod nahm. Entgeistert stand der Anführer des Clans vor dem nun brennenden, in sich zusammenbrechenden Gebäude. Er lehnte sich an die Wand. Er lehnte sich dorthin und nahm seine Maske ab. Er war nicht mehr der Häuptling des Clans. Welchen Clans? So gut wie niemand war mehr am Leben oder kampffähig. Sein Sohn, seine Tochter, sein Weib. Tränen rannen sein Gesicht hinab, einige, wenige Tränen. Es war vorbei. Nun galt es nur mehr so viele dieser Mörder, diese Wolfschlächter mit in den Tod zu nehmen. Er packte einen der zahlreichen Speere, die nun nutzlos am Boden lagen, von niemandem mehr geführt, da der Besitzer entweder schon Tod, oder bereits gefangen geworden war. Er packte ihn, rammte diesen in den Schädel des nächsten Mörders, hob dessen Waffe auf, eines der vielen gebogenen, überlangen Messer und steckte es dem nächsten durch seine Kehle. Blut spritzte. Röcheln. Schmerzensschreie. Keine Gnade für die Zerstörer eines ganzen Clans.

Yul kam zu spät. Die komplette Siedlung war zerstört. Organisierte Gegenwehr? Mitnichten. Kampffähige Männer? Vielleicht fünf, höchstens zehn waren übrig. Ihr Götter, was haben wir denn verbrochen? Der Wolf war Fassungslos. Alles brannte, die Häuser, die Feste, und sogar einige der noch immer lebenden Wölfe. Der Häuptling war tot, oder zumindest gefangen, keine Maske, kein prunkvoller Umhang wies auf ihn hin. Yul war in der totalen Vernichtung angelangt. Und da schlug schon wieder einer dieser dämonischen Pfeile ein. Abgeschossen durch eine Vorrichtung, die sich der braune, verzweifelte Wolf bei besten Willen nicht erklären konnte. Seine Hütte, die Hütte seines Vaters und seiner Mutter, alles war zermürbt, abgebrannt. Unter Tränen, die nun aus der Trauer über all seine Freunde und seinen Eltern aus seinen Augen quollen, sprintete er den kleinen Kamm aufwärts. Egal ob seine Füße schmerzten, egal ob sein Kopf und seine Ohren wie wild pochten, von all der lauten Geräusche, den Explosionen, den Schreien den Verstümmelten und Sterbenden, die in ihren eigenen Eingeweiden am Boden lagen und sich wanden in dem unvorstellbaren Brennen am ganzen Körper. Er hastete nach oben, erreichte die verhexte, holzige Konstruktion.

Die Bedienermannschaft zeigte sich gänzlich überrascht, auch waren keine Wachen zur Verteidigung eingestellt worden. Während zwei der vier so gut wie unbewaffneten Figuren das Weite suchten, rannte einer der beiden übrigen mit gezücktem Messer auf den in Rage versetzten Yul zu. Es war ein Fehler. Der Wolf packte den Schädel des Angreifers, brach mit der anderen Pfote dessen Handgelenk, da dieses partout das eiserne Messer nicht fallen lassen wollte, und schlug den Kopf des zuerst schluchzenden, dann schreienden Mannes so oft gegen das hölzerne Teufelswerk, bis schließlich eine der Latten, die das ganze Ding zusammengehalten hatten, brach, genauso wie der Schädel der deformierten Kreatur lag diese nun zerstört am Boden. Blut quoll aus dem nur noch halb vermummten, nun entstellten Gesicht. Der zweite, sichtlich schockiert, versuchte das Weite zu suchen. Yul setzte zum Sprung an, katapultiere sich mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit durch die Luft und landete auf den Flüchtenden, wobei dessen Schulterblätter und Wirbelsäule brach, zumindest hörte es sich so an. Der Mann schrie auf, gurgelte und war bereits im Begriff zu sterben als Yul ihn herumdrehte, und dessen Gesicht mit einem Fußtritt zum einknicken brachte. Danach ließ er den wahrscheinlich Toten liegen, um den zwei anderen Flüchtenden nach zustellen. Doch dazu kam es nicht mehr. Ein Pfeil, Eintritt ins Fleisch, Aufschrei. Yul bekam den fliegenden Dorn direkt in die Schulter. Dabei hatte sich dieser wohl verirrt, kein zweiter oder dritter folgte dem dritten. Tief angeschlagen, mehr seelisch als körperlich, zog sich Yul zurück. Und als er endlich wieder ankam, am Hügel, am sicheren Hügel, etwas weiter entfernt, bei Sander, der betrübt auf das Dorf blickte, brach Yul endgültig zusammen. Das letzte was er sah war ein Sander, der ihn mit Tränen in den Augen auf den Rücken drehte, danach noch einen heftigen Schmerz, als ihm der Pfeil aus der schmerzenden Schulter gezogen wurde. Danach wurde es schwarz um Yul, dem Waldschreitertöter und Ballistenzerstörer.

Es war vorbei. Er stand allein. Rings um ihn, seine Feinde. Immer wieder stürmten sie vor, stießen ihre Lanzen in sein Fell, das bereits rot gefärbt war von seinem eigenen Blut. Sie spielten mit ihm, sie spielten mit dem einstigen Häuptling. Sie lachten, diese Kreaturen lachten über seine Hilflosigkeit, sie lachten über ihre Stärke. Wie ehrlos waren diese Wesen? Und wieder traf ihn ein Speer in seine Schulterplatte, wieder troff der Lebenssaft aus diesem Einstich, wieder ein brennender Schmerz mehr. Der Wolf schrie auf, begann wieder in Rage zu verfallen. „Warum tut ihr das? Warum?!“, schrie er, er schrie aus voller Seele und bete zu den Göttern das sie ihn bald erlösen mögen. Und die Menschen lachten. Sie lachten über seine jetzige Schwäche, rächten sich für die zig Toten, die er ihnen bereitet hatte. Tränen rannen über seine Wangen, Tränen des Schmerzes, Tränen der Trauer, Tränen der Schande. Wieder raste eine Waffe auf seine Brust zu. Doch diesmal sollte sie ihr Ziel nicht treffen. Er packte den Speer, riss den Träger zu sich, packte seinen Schädel. Dem Mann stand die Furcht vor dem was nun passieren würde ins Gesicht geschrieben. Er schrie, flehte und betete um sein Leben. Es würde nicht helfen. Langsam fuhr der Wolf ihm in die Augen und quetschte sie ihm aus. Die Pfoten wurden blutrot gefärbt, es sprühte eine Fontaine und schlussendlich riss der einstige Häuptling des Wasserclans den menschlichen Schädel in zwei Teile. Gehirnteile lagen mitsamt einer großen Lache des weinroten Saftes auf dem dreckigen, vom Kampfgetümmel zertretenen Boden. Er blickte um sich. Die Dorfbewohner waren bereits alle gefesselt, gefangen und in der Mitte des Dorfes, auf dem Platz des göttlichen Vollstreckers zusammengetrieben worden. Er war allein. Die Meute der Kreaturen blickte schockiert auf seine Pfoten. Für einige Sekunden herrschte Totenstille. Dann verwandelte sich Schock in Hass, und der Hass führte zu einer Invasion von Lanzenstichen, in die Brust, den Magen, die Schultern, den Knien, den Augen, dem Maul, selbst die Zunge wurde nicht verschont. Man holte zwei dieser Wesen, die ein Paar kleine, wackelige Hügel auf dem Rücken trugen, und ein mehr als abnormales Gesicht besaßen, band des Häuptlings Beine aneinander und verband diesen Strick mit einem anderen, diesen wiederum mit den Satteln der Kamele. Dann trieb man die Tiere hinaus, hinaus aus dem Dorf, und sie begannen Kreise vor der zerstörten Siedlungsmauer zu ziehen. Er, der Oberste des Stammes, leistete keinen Widerstand mehr. Es war vorbei.
 

Grivies

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Abd-al-Qadir strich sachte durch seinen Vollbart. Es war getan. Und sie hatten reiche Beute gemacht. Man zählte die Leichen und man zählte die Lebenden. Über Zweihundert der Wölfe lebten noch, zirka fünfzig in gutem Zustand, der Rest, nun ja, er lebte noch. Sie waren doch wie Schafe gewesen. Waren erst die Schäferhunde aus dem Weg geräumt, man hätte sie selbst von einer Klippe drängen können. Diese Gedanken verwarf der Sklavenhändler aber gleich wieder. Er würde nie anfangen so zu denken. Niemals. Es waren die letzten ihrer Art, sie hätten Besseres verdient. Doch jeder brauchte Geld, und jeder brauchte kräftige Sklaven. Er blickte leicht barmherzig, leicht besorgt auf das Bild das sich ihm bot. Hunderte dieser Kreaturen. Hunderte Kreaturen die vor einigen Stunden noch in Freiheit gelebt hatten, jetzt in der kalten, unumkehrbaren Hand der Sklaverei. Sie würden gedrillt werden, ihr Charakter würde ihnen ausgetrieben werden. Sie würden zu Maschinen werden, wie alle anderen Sklaven. Sie würden gepeitscht werden. Kinder, Frauen. Alle. So war das nun mal mit dem Sklavengeschäft. So war das nun mal zu dieser Zeit, auf dieser Welt. Er strich wieder durch seinen Bart, betrachtete das Bild noch etwas und riss sich dann aus seinen Gedanken. „Sammelt alles Essbare ein! Wir brechen wieder auf!“ leise fügte er hinzu: „je eher wir diesen Ort verlassen, desto besser“. Murren und allgemeine Verstimmung unter den Männern. Sie wollten noch mehr spielen. Einer der Männer trat vor: „Aber her, wir sind doch gerade erst gekommen, können wir nicht…“ „Nein wir können nicht! Wagst du, Sohn einer niedrigen Hure dich über mein Urteil zu stellen! Zurück ins Glied oder ich werde dir Beine machen, so wie ihr es hier ja so ausgiebig mit diesen Lebewesen tut!“ Erschüttert und zugleich eingeschüchtert zog sich der Soldat zurück in die Kompanie. „Wir halten erst wieder am Anfang des Passes. Also ruhet euch die letzten Minuten gut aus!“ Abd-al-Qadir, Führer und Herr über die Sklavenjäger, ritt auf seinem pechschwarzen Hengst aus dem zerstörten Teil des Dorfes zurück zum bereits langsam demontierenden Lager.

Sie hatten sich den ganzen Tag im Wald versteckt. Jetzt knurrte ihnen der Magen, und sie fielen beinahe dem Schlaf zum Opfer. Sander blickte betroffen und zur gleichen Zeit mehr schlafend als wach zu Yul. Dieser saß auf einem der großen Steine, auf denen mehrere Runen eingraviert worden waren. Diese Steine standen schon Äonen von Jahren in diesem Wald. Niemand weiß woher sie kamen, oder wie lange der bisher nutzlose Zahn der Zeit an diesen Felsen nagen müsste, ehe sie eins werden würden mit dem Waldboden, der die Last dieser so ruhig und still ertrug. Yul saß nur auf den Stein und starrte in den Wald. Er wusste nicht mehr was zu tun sei. Er wusste gar nichts mehr. Seine Familie war tot, das wusste er bereits. Seine Freunde genauso, oder gefangen. Wieso nahmen diese Kreaturen die Wölfe gefangen? Warum waren sie überhaupt hier? Was hatte der Clan des Wassers verbrochen als das dies nun Tod und Zerstörung bedeutete? Und wer bei allen Göttern waren diese verunstalteten Wesen überhaupt? Yul brach in Tränen aus. Heiße, salzige Wassertropfen sammelten sich auf seinen Augenliedern und gingen wie saurer Regen auf den Waldboden nieder. Sander stand hilflos daneben. Er wusste nichts zu sagen. „Ach komm, weine doch nicht“, ein mehr als besorgter Unterton lag in seiner Stimme. „Warum nicht?! Du weißt ja gar nicht wie es ist Freunde zu verlieren, geschweige denn die ganze Familie!“ Sander ließ die Schultern hängen. Er legte seinen Kopf leicht schief, schlurfte dann aber zurück zum Hügel, der in der Nähe des Dorfes lag, und auf dem sie in der Nacht zuvor gelegen hatten. Er ging um seinen Speer zu holen. Yul saß immer noch verloren auf dem Stein der Vorgänger, die zuvor dieses Tal besiedelt hatten. Es gab nur wenige dieser Steine, doch es wurden immer wieder einige gefunden. Sie standen jeweils zu dritt auf willkürlichen Plätzen, im ganzen Areal verstreut. Niemand wusste woher sie kamen, doch dies war nicht mehr von Belang, nichts war mehr von Belang. Der Stamm des Wassers war in binnen weniger Stunden auf zweihundert dezimiert. Und die Götter würden sich nicht darum kümmern, oder schlimmsten Falles würde sie es erfreuen. Er zog den Schweif wortwörtlich ein, legte in über seine Knie und blickte auf den Waldboden. Er weinte immer noch. Nasenwasser troff aus seiner schwarzen, feuchten Schnauze. Erst jetzt dachte er darüber nach was er gesagt hatte. Er riss die Augen auf und lief hinter Sander her, doch dieser war nicht mehr aufzufinden. „Nein, nein, nein, nein, nein, nein!“ Er lief zum Hügel, doch selbst hier war dieser unauffindbar. „Sander, wo bist du?“ Yul wollte nicht riskieren in die Hände dieser Kreaturen zu fallen, so rief er so laut er konnte, natürlich im Flüsterton. „Es tut mir Leid! Bitte, bitte komm zurück.“ Doch kein Sander kam zurück. Niemand kam zurück. Yul fiel auf die Knie, grub seine Pfoten in die Erde und begann wieder bitterlich zu weinen.

Sander saß am Fuße des Sees, blickte in das klare Wasser, das, würde man einen Stein in diese Wasserquelle werfen, sofort dreckig und aufgewühlt werden würde. Wie rasch sich Situationen nur ändern konnten. Wie schnell aus klarem, durchsichtigem Wasser eine dreckige, schleimige Brühe werden konnte. Wie radikal ein Stein, der möglicherweise tausende von Jahren auf diesem Platz lag, plötzlich in nasses Neuland geworfen werden konnte. Er würde wahrscheinlich alle vermissen, Vater Fels, Mutter Kiesel, Geschwister Steine und Kinder Schotter. Und wie in binnen weniger Stunden ein ganzes Volk in die Hände von Kreaturen geraden konnte, die es noch nie zuvor in ihrer ganzen Geschichte gesehen hatte. Wie war all das nur möglich. War das die Rache für die toten Fische? War dies die Rache für den toten Waldschreiter? Sander blickte ins Wasser. Was sah er? Was nur sah er in diesem Gewässer, das ihn lächerlich erscheinen ließ, schwach, irritiert, traurig. Doch nein, es war nur sein Spiegelbild. Doch was, was war er eigentlich wirklich. Wieso lebte er noch, und so viele andere mussten sterben? Wieso gerade er? Was war so anders an ihm, abgesehen von der Schwäche des Pazifismus? Er war nicht der einzige Elternlose in der Siedlung gewesen, wieso hatte es kein anderer Waise in die Freiheit geschafft? Warum nur hatten diese Kreaturen sie angegriffen? Sander wusste keine Antworten, und dies war das schlimmste für ihn. Alles was er noch in seinen Gedanken war bestand aus Wortfetzen Amons und der Gedanke ans Überleben. Er pflückte eine Blume. Blume erinnerte ihn an Glück. Aus undefinierbaren Gründen war mit einer Blume für ihn immer Glück verbunden. Und mit Glück verband er Amon. Amon war niemals wie ein Vater zu ihm gewesen, doch immer wie eine Bezugsperson. Wie ein Großvater, oder ein alter Freund. Amon, der weiße Wolf, wie ihn die Jäger und Fischer des Dorfes genannt hatten. Er war nun sicher Tod. Den Amon war immer eine Kämpfernatur gewesen. Und das als Schamane. Er hatte oft erzählt, wie er in seinen jungen Jahren Bären und die Riesen-Eidechsen bekämpft hatte, die damals noch hoch oben in den Gipfeln gewohnt hatten. Vor allem die Riesen-Eidechsen, die wie ihre kleinwüchsigen Artgenossen auf allen vieren durch die Berge krochen, konnten bis zu fünf Mal länger und größer als ein Wolf werden. Aus ihren Lungen hätten sie giftige Gase leiten können, die zur sofortigen Erblindung geführt hätten. So zumindest erklärte Amon seine Blindheit. Mit Amon verband Sander immer wieder Medizin. Viel zu viel hatte er ihm beigebracht, als das dieses Wissen verloren gehen sollte. Wie man aus ausgewählten Kräutern Salben und Mixturen herstellte, Tränke braute oder Runensteine schnitzte, die, wenn sie richtig angewandt wurden, in wenigen Sekunden Heilung versprachen. Natürlich hatte Amon ihm viel mehr gezeigt, wie man zum Beispiel Geister anrief, Illusionen erzeugte oder Gegner mit Bannsprüchen in Fetzen reißen konnte. Doch dort hatte Sander normalerweise nie zugehört. Niemals wollte er einen dieser, für ihn als schlecht abgetane, Zaubersprüche erlernen. Warum auch, es galt doch bis jetzt keinen bedrohlichen Feind zu bekämpfen. Mit Medizin verband der schwarze Wolf wiederum Wunden. Jedes Mal, egal ob er sich einen Dorn eingezogen hatte, oder einen Steinsplitter beim Faustkeil herstellen ins Auge ging, jedes Mal hatte Amon den Schmerz nach wenigen Sekunden wie weggezaubert. Niemals musste Sander länger als bis zu zwei Minuten leiden. Amon war sein einziger wirklicher Freund gewesen, sein einziger Freund im ganzen Tal. Und vielleicht Yul, möglicherweise. Zumindest kannte er Yul nach Amon am längsten. Und Yul war nie zu gemein zu ihm gewesen. Da schoss eine lange Gedankenschleife durch seinen Kopf. Yul! Sander rannte los, riss einige Krautbüschel aus der nahe gelegenen Lichtung aus und sprintete im Höchsttempo zurück zur Waldlichtung.

Yul wollte aufbrechen. Nichts gab es mehr für ihn, das noch lösbar gewesen wäre. Seine Freunde befreien? Unmöglich, allein gegen hunderte. Sich umzubringen? Wieso? Damit auch noch der letzte freie Wolf sterben musste? Nein er würde durch das steinige Tal gehen, würde dort gegen diese Monster bestehen und dann aus dem Tal in den ewigen Nebel fliehen. Dort ein Haus aus Nebel bauen, und jeden Tag Nebel essen bis zum Ende seiner Tage. Der Wolf sank in sich zusammen. Nichts war ihm erspart geblieben. Er ließ den Kopf hängen, legte die Ohren an und blickte besorgt, traurig und entkräftet auf den Waldboden, der zur jetzigen Mittagszeit nur so von Insekten wimmelte. Plötzlich gab es einen kräftigen Ruck von hinten, und Sander preschte genau in Yul‘s Rücken. Beide vielen Vornüber, beide lagen sie auf, beziehungsweiße im laubigen, erdigen Waldboden. Sander rappelte sich als erstes auf, half auch Yul auf die Beine, der von selbst gar nicht mehr aufstehen wollte. Der braune blickte dem schwarzen direkt in die Augen. „Weiche von mir Geist!“ „Bitte?“ „Sander ist tot, er hatte sich das Leben genommen oder wurde von den vermummten Kreaturen geschnappt.“ „Nein, Sander ist losgegangen um für dich Pflanzen zur Behandlung deiner Schulterwunde zu suchen, nachdem du unwirsch geworden und Sander vertrieben hast“. Sander blickte dem braunen genauso direkt zurück. „Und jetzt lass deine Schulter sehen, sonst stirbt du womöglich noch an Vergiftung deines Lebenssaftes“. Yul verstand, trete sich zur Seite und ließ Sander freie Hand. Dieser reinigte zuerst die leicht fleischerne, immer noch blutende Wunde mit Quellwasser, das dieser in seiner Feldflasche bei sich trug. Danach zerkaute er die Kräuter, presste sie auf die Wunde. Yul jaulte leise auf. „Ach komm schon, so weh tut diese Behandlung auch wieder nicht“ „Oh doch, dass tut sie, dass tut sie!“ zischte Yul unter Schmerzen hervor. Der Schamanenlehrling packte einige alte Lumpen, die er immer als Verbandszeug bei sich trug, wickelte sie fest um Yul’s Schulter. „Und nun musst du schlafen“ „Wie bei den Göttern? Mir ist jetzt wirklich nicht zum Schlafen zumute!“ Doch schon hatte Sander einige andere Krautfetzen, die stark nach ätherischen Ölen duftenden, unter Yul’s Schnauze gehalten. Daraufhin wurde dem Ballistenzerstörer schwarz vor den Augen.
 

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„Wach auf! Wach auf! Wach auf!“ Sander rüttelte Yul kräftig durch. Seine Pfoten unter dessen Rippen geklammert rollte er den Schlafenden von einer Seite zur anderen. „Was? Was?!“ Yul erwachte schließlich, doch war er mehr als ungehalten. „War alles nur ein Traum?“ „Was auch immer du damit meinst, ich würde sagen: Nein“. Die Ohren des Braunen Wolfes, von Aggressivität nach oben gespannt, legten sich wieder flach. „Oh, es wäre auch zu schön gewesen, oder?“ „Ich denke, ich denke ja, es wäre zu schön gewesen“. Yul blickte auf, die Sterne waren bereits aufgegangen, die Ära des Tages beendet. Die Sonne hing noch mit den letzten Strahlen am Felsenkamm des Gebirges, als wolle sie mit aller Kraft die Nacht verhindern. Und die Geister des Waldes und der Dunkelheit erwachten aufs Neue. Doch keiner war mehr da der sich vor ihnen fürchten konnte. Niemand mehr. Höchstens zwei junge Wölfe, die verlassen im Wald standen, neben dem alten Steinkreis, der wie jeden Tag im Jahr, wie jede Woche und jeden Monat auf der gleichen Stelle stand. Ihn interessierte das Gejammer, die Schreie der Lebenden nicht. Genauso die Bäume und die Tiere. Vielleicht lachen sie jetzt über uns, verspotten uns, als wäre das immer ihr Plan gewesen, den Wasserclan irgendwann auszulöschen. Und gestern war wohl dieser Tag. So dachte Sander, Dorfschamanenlehrling des Amon. Er blickte hoch zu den Sternen. „Was sollen wir nun tun?“ „Wir müssen unsere Leute befreien…“ „Wir sind zwei Wölfe gegen hunderte dieser Monster, die Erfolgschancen stehen wohl eher nicht auf unserer Seite“. „Es geht hier nicht um Chancen, allein ums Überleben! Oder willst du für den Rest deines Lebens alleine in diesem Tal hausen?“, Yul wurde aggressiv, er vertrug es nicht wenn sich jemand seinem Gesetz nicht unterordnete, vor allem wen dieser jemand der Clanschwächling war. Sander blickte ihn kaltherzig an. „Vielleicht waren diese Kreaturen das Beste was diesem Tal seit langem passiert ist!“ Yul fletschte die Zähne und bellte dann auf den Schamanenlehrling ein: „Wie kannst du diesen Gedanken überhaupt in deinen Kopf lassen! Du warst nicht dabei, ich habe gesehen was dort im Dorf passierte: Brennende Kinder, Zerstörung überall, Tote soweit das Auge reichte, Blut, Gedärme, Knochen, alles! Wie kannst du überhaupt nur versuchen über deinen eigenen Clan zu urteilen! Ich werde nun aufbrechen, werde unsere Landsleute befreien oder bei dem Versuch dabei untergehen, für den Wasserclan!“ Und mit diesen Worten verschwand Yul, Sohn eines Jägers im dunklen Wald, zielstrebig nach Norden eilend, der steinernen Schlucht entgegen.

Die Männer hatten bereits das Lager aufgeschlagen. Die eisernen Käfigwagen, die diese Bestien nun beinhalteten, waren robust genug gebaut worden, um einen Elefanten darin einzupferchen. Sie sollten auch hier ihren Dienst erfüllen. Zwar versuchten einige der Kreaturen sich nicht mit ihrem Schicksal abzufinden und rissen hin und wieder kräftig an den Gittervorrichtungen. Doch mehr als Erschöpfung erreichten sie damit nicht. Abd-al-Qadir inspizierte persönlich die Ware. Er ließ einige Stichproben aus den Käfigen nehmen, und diese sich vorlegen. Und so wurden um die zwanzig Wölfe vor ihm in die Knie gezwungen. Vor allem die männlichen Mietglieder des Stammes. Mit Speeren wurden sie dann wieder in die Käfige zurück, nachdem der Sklavenhändler Zähne, Muskulatur und Wunden untersucht hatte. Alles in allem, ein guter Fang. Wären es keine dieser Wölfe gewesen, Abd-al-Qadir wäre in ganzer Linie zufrieden gewesen. Zwar waren die Verluste hoch gewesen, doch man würde sich hundert Mal mehr Soldaten kaufen können, vor allem da diese Kinder von Huren an jeder Straßenecke aufgelesen werden konnten. Niemand kümmerte sich einen Kehricht darüber was mit diesen Jungen geschah. Aber der wohlwollende Abd-al-Qadir hatte sie bei sich aufgenommen, ihnen Arbeit gegeben, sie zu Kämpfern gemacht. Der Sultan wollte sie nicht, sie wären nicht rein genug um für die Sache des Herrschers zu kämpfen. Doch diese Kinder waren wie geschaffen für einen so schmutzigen Dienst wie dem Sklavenhandel. Und Abd-al-Qadir betrachtete sich im Spiegel. Und plötzlich, mit einem Mal überdachte er was er sich vor einigen Minuten noch zusammengereimt hatte, und er bereute es bereits. Jedes Leben war wertvoll, und so viele seiner Kämpfer waren in diesem Kampf gefallen. Und all diese Gefangenen. Es war nicht gut in diesem Beruf ein Gewissen zu haben, aber Abd-al-Qadir hatte eines, und das Zerfraß langsam aber sicher seine gesamte Persönlichkeit. Er ging heraus aus seinem prunkvollen Zelt, nur um für einige Minuten frische Luft zu atmen. Er kratzte sich leicht am Kopf, hustete drei Mal, und strich seinen Vollbart glatt. So tat er es jedes Mal wenn er nachdachte. So hatte er es schon immer getan. Das Ende seines Turbans hing schlaf an seiner Seite herunter, seine seidenes Gewand leicht verschwitzt. Winzige Schweißperlen standen auf seiner Stirn, sodass Abd-al-Qadir’s Kopf leicht glitzerte. Er wischte diese hinweg, und betrat wieder sein weißes Zelt, die anderen Zelte, die der Soldaten und der Tierstallungen waren alle aus einem einheitlichen roten Stoff, nur das Zelt des Herren war weiß. Denn er war etwas besonders. Hätte sein Vater damals nicht so viel Geld gemacht, er wäre heute einer von diesen Soldaten. Doch sein Vater hatte nun einmal die Münzen um seinem Sohn ein wunderbares Leben zu schaffen. Und der Sohn gründete seinen eigenen Sklavenmarkt. Jeder seiner Sklaven bekam ein eingebranntes Siegel. Sie waren Spitzenqualität. Abd-al-Qadir’s Sklaven waren Spitzenqualität und würden es immer bleiben. Und dann setzte sich der Sklavenhändler auf seinen roten, samtenen Mahagoni -Stuhl an seinem transportfähigen Schreibtisch und dachte darüber nach, was einen Sklaven von einem freien Menschen unterschied. Und der Sklavenhändler wurde immer nachdenklicher, und der Sklavenhändler wurde immer depressiver, und der Sklavenhändler kam immer mehr mit sich selbst in einen Konflikt, einem Kampf in seinem Inneren. Und dieser Kampf begann ihn zu zerstören. Von innen heraus. Ein Kampf um Leben, also einem gerechten, gutherzigen Menschen, oder aber dem Tod, einem erkalteten, verbitterten Sklaventreiber. Und anstatt eine Lösung für diesen Kampf zu finden, anstatt wirklich darüber nachzudenken, begann Abd-al-Qadir zu schreiben. Und er schrieb einen Brief an seinen Sohn, wie es ihm gehe, ob er brav in der Schule lernen würde. Einen Brief zur Beruhigung seiner Gedanken, zum Versiegeln seines Gewissens, das jeden Herzschlag seines Lebens die unverfrorene Wahrheit schrie.

Sie hatten ihr Lager am Fuße der steinernen Schlucht aufgeschlagen. Wie hunderte leuchtende Sterne sahen sie aus, die Feuer bei den Zelten. Leuchtende Punkte, und die Zelte wie blutige Speerspitzen, die genauso zu hunderten aus dem Erdboden gestampft geworden sind. Und die Geräusche die von dem Stützpunkt der Kreaturen ausgingen, waren, wie bereits auf dem Kampffeld von Gestern interessant, abartig und beängstigend zugleich. Diese Wesen, mit ihrem blonden Fell, den schwankenden Hügeln auf dem Rücken und dem murren, dass sie von sich gaben, waren über das gesamte Areal zu hören. Diese Kreaturen machten Angst. Sie sollten Angst machen. Das wussten die zwei jungen Wölfe, die sich auf einem der letzten, schützenden Hügel verschanzt hatten. Wobei man als Verschanzung nun zwei auf dem Bauch liegende Wölfe verstehen musste, die das Geschehen vor ihnen mit einer gewissen Faszination beobachteten. Wären diese Kreaturen keine wolfmordenden und verschleppenden Bestien, man hätte ihrem Treiben den ganzen Tag und die ganze Nacht zusehen können. Die Sprache die sie verwendeten, diese kehligen, rauen Laute. Man bildete sich ein, sie redeten in der Sprache der Sumpfblasen. Der Sumpfblasen und des Metall Schmiedens. Vor dem Lager wurde provisorisch ein kleiner Graben errichtet, dahinter einige spitz zugeschlagene, hölzerne Pfähle in den Erdboden getrieben. Eine höchst dürftige Abwehranlage, doch wenn hatten sie schon zu fürchten? Hinter diesen Anlagen positionierten sich jeweils für eine Stunde Wachsoldaten, die mit ihren bis zu drei Meter langen Speeren über das Umland wachen sollten. Doch konnten die Augen dieser Wesen nicht allzu gut sein, nicht einmal die zwei Wölfe auf zwei Meilen Entfernung. Was meinen würde, das sie nicht gut bei Nacht sehen können, oder überhaupt ziemlich blind sein zu müssen. Yul erhob sich langsam. Er hatte alles genau überlegt. Es gab einen toten Punkt in der Anlage, und diesen würden sie nutzen. Sie würden ihn eiskalt ausnützen, und es galt ohne Ehre zu kämpfen. Nicht wenn so viel auf dem Spiel stand, nicht dieses Mal. Der zwei Gestalten schlichen langsam vom Hügel herunter und bogen dann nach links ab. Auf allen Vieren, so wie es einst der große Erdwolf getan hatte, krochen sie durch das feuchte, schützende und hohe Gras. Sander trat auf Blumen, er trat auf Insekten, er trat auf Schnecken. Heute würde es egal sein, denn heute würden sie noch viel mehr Leben auslöschen müssen. Yul hatte Recht behalten. Man konnte alles vergeben, abgesehen vom vorsätzlichen Morden und Schänden eines Clans, der noch nie jemanden dieser Kreaturen etwas zu leide getan hatte. Es waren keine Tiere, diese Bestien wussten was sie taten. Und sie hatten Spaß daran. Grund genug für einen Pazifisten, die Waffen aufzunehmen. Grund genug, einige kleine Schädel zu spalten. Und wirklich, diese Kreaturen waren einen ganzen Kopf kleiner, und auch noch schmächtiger als die Clansleute. Ohne ihre mächtigen, vierbeinigen Hügelträger waren sie schwach. Ohne ihre Waffen, hilflos. Wie konnte eine Spezies wie diese überhaupt überleben? Ein Wolf konnte mit bloßen Händen töten, wenn es nötig gewesen wäre. Diese Kreaturen würden es mit ihren schmächtigen Armen niemals gelingen, auch nur einen Waldschreiter zu erlegen. Sie waren erbärmlich, schwach. Zumindest redete sich Sander das ein, um sich von den ganzen toten Kadavern der Schnecken und Blumen, die an seinen Füßen klebten, abzulenken, während er durch sich durch den Dschungel aus Pflanzen vorwärts bewegte. Immer näher an das unvermeidliche Schicksal heran.
 

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Elkan aus dem Normandenstamm der Tuwini stand ziemlich verlassen auf seinem einsamen, dunklen Wachposten. Einzig eine Fackel, eine zirka ein Meter hohe Fackel leistete ihm Gesellschaft. Der Geruch, die von der Lunte des Feuers ausging, er war nicht wirklich angenehm. Doch Kamelfett roch eben nicht gut. Elkan hatte sich zwar an diesen Duft gewöhnt, doch rieb er immer noch etwas in der Nase, so als ob er versuchen würde, so lästig wie möglich aufzufallen. Er hatte den Auftrag, die weit links liegende Flanke des Lagers zu überwachen. Da diese kurz vor dem Anfang der Schlucht lag, wurde von dem Kommandanten angenommen das dies der sicherste, und zugleich der Ort sein würde, an dem am wenigsten Wachen benötigt wurden. Fest hielt er seinen Speer umklammert, der Stoff, der sein Gesicht bis auf die Augen verdeckte, kratze an seinem Gesicht. Zwar rief dieses penetrante Kratzen keine Wunden oder andere schmerzende Effekte hervor, doch war es einfach, es war einfach störend. Der Nomadenabkömmling rieb sich die Nase. Wenn man nichts zu tun hatte, bekam man plötzlich das Gefühl alles würde etwas stören. Der Kleindung juckte am Körper, die Gedanken schweiften ab, die Augen wurden müde, unaufmerksam. Elkan sehnte sich nach der Wüste. Er sehnte sich zu seiner Mutter, zu seinem Vater. Beide hatten Ziegen gezüchtet und Milch verkauft. Und zuvor hatten deren Mütter und deren Väter Ziegen gezüchtet, und auch diese hatten die Milch verkauft. Seit Generationen war es so gewesen. Warum nur war er fortgegangen. Es war kalt, feucht und kalt, unwirtlich und beängstigend. So hoch im Norden dieser Welt war es kalt. Viel kälter als die kälteste Nacht in der Wüste. Viel kälter als die kühlste Oase. Es war alles so, so anders. Doch sie hatten nicht genug Geld. Sein Vater hatte nicht genug Geld. Seine Mutter hatte nicht genug Geld. Und es hatte nur zwei Möglichkeiten gegeben. Er bei den Sklavenhändlern, oder seine Schwester im Harem. Und er hätte es nie wollen, nie hätte er es ertragen das seine liebliche, leibliche Schwester in einen Harem eines fetten Adeligen sehen zu müssen. Deswegen war er fortgegangen. Für das Geld, für seine Schwester. Doch vielleicht war doch alles bald vorbei. Vielleicht war dieses Leben bald Vergangenheit, so wie der Meister es gesagt hatte. Vielleicht konnte durch diese Ration Elite-Sklaven endlich genug Geld gemacht werden um wieder Heimzukehren, mit den Taschen voll Geld. Endlich würde alles gut werden. Dann würden alle glücklich sein. Vater würde eines seiner familiären Feste geben, sie würden Ziegenfleisch, Trauben, Milch, Käse und Früchte essen bis ihre Bäuche schmerzten. Sie alle würden glücklich sein. Ein zischen in der Luft. Ein Pfeil durchbohrte einen Schädel, zerstörte einen Großteil des Gehirns. Elkan sackte zusammen, die Waffen fielen auf den Boden. Nichts würde sich ändern.

Yul kroch vorwärts, packte den Leichnam und warf ihn in den kleinen Graben vor ihnen. Er hob den überlangen Speer hoch, packte den Bogen auf seinen Rücken. Mit einer Pfotenbewegung befahl er Sander mitzukommen. Dieser stand etwas verlassen vor dem toten Corpus, blickte auf die Augen, in denen sich bereits das weinrote Blut gesammelt hatte. Er war sich nicht mehr sicher. Er war sich überhaupt nicht mehr sicher ob es richtig war. Mit einem besorgten Ausdruck in seinen Augen blickte er auf den braunen, dieser schnaubte verächtlich und drang alleine weiter vor. Sander folgte auf sicherer Entfernung, sich nach allen Seiten umblickend. Es würde zum Kampf kommen, das wusste er. Er wusste es einfach. Yul schlich zum Anfang des Lagers. Die Soldaten waren entweder bei den Verteidigungsanlagen oder schliefen. Das war gut so. Es war perfekt so wie es war. Das einzige Problem war, wo sollte er anfangen zu suchen? Wo würden sie die Gefangenen verstecken? Die Zelte sahen von allen Seiten gleich aus, alle waren sie dunkelrot, alle waren sie quadratisch. Alle bis auf eines. Es stand in der Mitte des Lagers. Es war weiß. Yul schlich langsam aber zielsicher zum Eingang des Zeltes. Er würde sie alle befreien, er würde sie alle befreien und alle würden ihn als Helden des Volkes feiern. Er würde ein Held sein.

Abd-al-Qadir hatte seinen Brief vervollständigt. Er würde ihn mit der nächsten Brieftaube losschicken. Der Brief würde seinen Sohn schön grüßen, ihn ermahnen in der Schule aufzupassen. Der Brief würde Worte für seine wundervolle Frau beinhalten, die ihm bis jetzt immer so bei seiner zwiegespaltenen Arbeit geholfen hatte. Er hatte auch eine Nachricht an seinen Kommandanten geschrieben, er solle neue Knaben für seine Truppe einziehen. Auch beinhaltete der Briefumschlag einige Mahnungen an die Außenstellen, sich ja auf keine Kampfhandlungen einzulassen, die andere Staaten zurzeit führten. Er sah keinen Grund unnötig in einen Krieg verwickelt zu werden. Nicht jetzt, nicht bevor diese Mission abgeschlossen war. Er setzte seine Unterschrift, auf allen der fünf Papiere. Sie würden sicher ankommen. Er konnte sich schon immer auf seine schwarzen Brieftauben verlassen. Er erhob sich, seine Nachtrobe kehrte leicht über den schmutzigen Boden. Sofort beschichtete sich der Rand des Überhangs mit Dreck. „Ach nein, so was dummes!“ Ungehalten wischte der Sklavenhändler an seinem Kleidungsstück herum und um es vor weiterer Verschmutzung zu schützen legte er es ab. Somit schützten nur noch seine weißen Pluderhosen und das einfache Leinenhemd vor der Nacktheit seines Körpers. Er wanderte durch den Raum zu seinem Taubenverschlag, der exakt dem Zelt angepasst war, sodass man nicht einmal nach draußen schreiten musste um diese Botschafter fliegen zu lassen. Das feine Holz, aus dem der Käfig gemacht wurde, war bereits über hunderte von Jahren alt, und doch noch immer so frisch und haltefähig wie seit dem ersten Tag, als sein Großvater die erste seiner Tauben herausnahm und sie fliegen ließ. Es war ein wunderbares, kompaktes Familienerbstück. Die Futtertröge waren noch halb gefüllt, genauso die Wasserspender. In diesen steckte eine komplexe Konstruktion, mit denen die kleinen Vögel nur mit dem Schnabel zu einem der kleinen Knöpfe drücken mussten, um einen Schwall Wasser in diesen gelassen zu bekommen. Alles in allem ein durchaus wertvolles und zugleich nützliches Möbelstück. Abd-al-Qadir öffnete eine der vielen Miniaturtüren, hob den leichten Boten aus seinem Zuhause. Dieser wippte leicht mit seinem Kopf auf und ab, blickte seinen Meister in die Augen. Sanft strich dieser seinem Vogel über den Kopf. Die Taube gurrte. Abd-al-Qadir wusste nicht ob sie einfach nur so gurrte, wie jede andere ihrer Spezies auch, oder ob sie die Berührung mochte, dieses streicheln über den gefiederten Kopf. Er rollte die erste der fünf Nachrichten in ein kleines Röhrchen, band es um das rosarote Krallengelenk der Taube. Diese versuchte verzweifelt, den Kopf wieder gegen die Hand ihres Meisters zu reiben, als ob sie noch mehr Streicheleinheiten haben wollte. Sie wollte den Meister doch zufrieden machen. „Hör auf, ich brauche nicht noch mehr von diesen Speichelleckern“, witzelte der Sklavenhändler mit dem Vogel. Er klapste ihr mit der flachen Hand auf den Kopf, sodass diese ganz irritiert sitzen blieb. Dann legte er den gefiederten Boten in die Flugbox. Diese war eine dunkle, hölzerne Schachtel, die an der Seite des Verschlags angebracht worden ist, die keine Fenster oder nun erkennbare Ausgänge besaß. Abd-al-Qadir schloss das Türchen hinter der Taube, zog an einem Faden, der schlaff unterhalb dieser Kiste hing, und außerhalb des luxuriösen Zeltes öffnete sich die zweite Öffnung der Flugbox. Daraus flog dann der Vogel, mit dem ersten der fünf Botschaften für seine Familie, Kommandanten. Und die Taube flog gen den nächtlichen Himmel, flog, breitete die Schwingen aus und faltete sie wieder in einem gleichmäßigen Rhythmus. Und so flog sie ihrem Ziel entgegen. Unbeirrbar. Der Sklavenfänger ließ noch vier weitere Botschafter frei. Er hatte sich von einer großen Last befreit. Er hatte sich von seinen schweren, selbstzerstörenden Gedanken befreit. Zumindest zeitweiße. Und der Sklavenhändler drehte sich leichten Herzens um. Und der Sklavenhändler ließ seine Augen über den Ausgang des Zeltes streifen, während er sich umdrehte. Und plötzlich, plötzlich waren da Lichter. Lichter in der Dunkelheit. Grüne Augen in der Nacht.

Er hatte sich geirrt. Nur eines dieser Monster hatte das Zelt bewohnt. Ein Monster, mit Haaren über und unter seinem Fresswerkzeug. Abartig. Ekelerregend. Pervers. Yul tapste wieder über die provisorisch errichtete Piazza. Jedes Zelt glich dem anderen. Wie würden sich diese Kreaturen nur hier zu Recht finden. Jedes Zelt hatte einen geöffneten Eingang. Diese gähnten, wie kleine Berge mit einer tiefen, klaffenden Schlucht. Diese Zelte machten sich lustig über den Schreitertöter. Sie machten sich lustig über seine Unwissenheit. Diese fremdartigen Zeltbauten. Sie ihn dir nur an, würde eines dieser Behausungen zur anderen sagen. Sie ihn dir an und lache über diese erbärmliche Kreatur. Yul wollte nicht ausgelacht werden, nicht von diesen gespannten Planen. Er wurde wütend. Er wurde wütend auf diese Kreaturen die sein Volk gemordet oder verschleppt haben. Er wurde wütend auf Sander, das dieser Feigling sich nicht an der Suche beteilige. Und vor allem, vor allem wurde Yul wütend auf Yul. Auf diesen prahlerischen, unsympathischen, schwachen, fehlerhaften Wolf. Auf diese erbärmliche Kreatur. Und als er seine Pfoten gerade in eine der Zeltwände graben wollte, die gesamte Plane zerreißen wollte und wohl die Aufmerksamkeit des ganzen verdammten Lagers auf sich ziehen wollte, da hörte er etwas. Verwundetes Hacheln. Leises Jaulen. Lautlose Hilferufe in der Nacht. Duftmarken. Gerüche. Aufmerksamkeitsversuche. Wedeln. Jaulen. Gerüche. Wölfe. Er riss sich herum, um dann leise sprintend wieder in der Dunkelheit zu verschwinden. Erbärmliche Zelte. Pah! Er würde sein Volk retten, und diese Planen würden zusehen müssen wie er es tat. Er würde es allen zeigen, all diesen dummen Zelten.

(Zitat des Autors: Das Schicksal bestraft Euphorie auf höchstem Masse. 6000 Worte gelöscht. Nun denn, auf ein Neues ;3 *Verzweiflung pur!*)
 

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Sander blickte sich um. Alles war anders. So anders. Er betastete die Zelte. Er betastete die herumliegenden Speere. Geschliffen. Wie konnten Monster überhaupt solch Geräte herstellen? Wie konnten mordende Kreaturen nur Werkzeug, Waffen wie diese produzieren? All die Rüstungen, Schilde. Diese Kreaturen glichen eher einer Spezies, einer Zivilisation als einer rein zerstörerischen göttlichen Gewalt. Der Wolf blickte sich näher um, erkannte Grillplätze, Sitzgelegenheiten, Schmieden. Jedes der Zelte war mit einem Sack ausgestattet. Auf diesem Sack befand sich ein Polster, das darauf hinwies das dieses Stoffstück zum Schlafen oder sitzen verwendet wurde. Sander überblicke die Lage nicht. Er roch nirgends nach Wölfen. Keine Anzeichen. Nichts. Hin und wieder, da trat eines dieser Monster in den Vordergrund. Sander hatte zwar nicht wirklich Angst vor diesen Kreaturen, dazu waren sie einzeln viel zu schmächtig. Er wollte einfach keine Aufmerksamkeit erregen. Zumindest nicht jetzt, nicht hier. Und so versteckte sich der Wolf jedes Mal zwischen oder in einem der Zelte. Diese roten Zähne, diese roten Zähne mit den großen schwarzen Löchern, die wie von Karies hineingefressen wurden. Sie höhlten den Zahn, um Schmarotzern Platz zu machen. Wären diese Zelte nicht Konstruktionen der Kreaturen, beinahe hätte Sander sie bemitleidet. Dabei musste man sagen, sie waren gar nicht so hässlich. Der Stoff fühlte sich weich an in den Pfoten. Der Stoff, er war so seiden, nicht wie die Wolle aus dem Dorf, viel glatter, geschmeidiger. Und dann erkannte er etwas, das seine komplette Aufmerksamkeit auf sich zog. Rund. Wie eine Zwiebel geformt. Eine Röhre. Dampf oder Rauch quoll heraus. Es war erhitzt, brodelte. Er schlich ins Zelt, die Ohren tief angelegt. Er wollte nicht erkannt werden, von diesen Kreaturen. Aber zur gleichen Zeit interessierte ihn dieses Gerät so sehr. Er schnüffelte an der Röhre. Süßer Geruch stieg ihm in die Schnauze. Hmmmm. Es erinnerte ihn an Äpfel. Waren dies etwa Äpfel? Für was benutzten die Kreaturen diese Dinge? Egal was er war, der Duft den es verbreitete, genauso wie der Geschmack im Maul, es war unvergleichbar. Sander hing seine Schnauze in die Röhre, atmete aus und ein. Bald quollen ihm die Augen über, der Clan war zunehmend in den Hintergrund gerückt. Dieses Gerät war einfach atemberaubend. Und Sander inhalierte unnachgiebig weiter.
Yul hatte bereits die Hälfte des Lagers nach Spuren durchkämmt, nun schien es überall nach Wölfen zu duften. Er war ganz nah. Er wusste dass sein Clan hier irgendwo sein musste. Er wusste es. Dass sie in Zelten untergebracht waren befand Yul langsam aber sicher für unmöglich. Er war bereits auf drei Arten von Zelten gestoßen, doch all diese hatten keine Sklaven enthalten. Das weiße, rechteckige Zelt, in der eines dieser Monster einen Vogel in die Lüfte entlassen hatte, was auch immer dieses abartige Ritual auf sich hatte, die roten, runden und spitz zulaufenden, die mit Säcken zum Schlafen, Waffen und Essbarem gefüllt waren und höchstwahrscheinlich den anderen Kreaturen gehörte. Und einige wenige, quadratische, himmelblaue Zelte, die entweder Leitern, Baumaterialien und Werkzeug enthielten, oder aber als Lager für diese wandelnden Bergträgern galt. Er hatte mehr als nur Achtung vor diesen Lebewesen. Es war mehr, etwas wie Angst. Zumindest ein tiefes Unwohlsein, wenn er sich in der Nähe dieser großen, grasfressenden Tiere befunden hatte. Sie hatten ihn nicht bemerkt, geschweigenden attackiert. Die wandelnden Berge, sie waren mehr von friedlicher Natur.

Doch wie friedfertig sie auch sein mochten, auch diese Kreaturen hatten zur Verschleppung seiner Spezies beigetragen. Yul also durchkämmte also weiterhin die Gegend auf Schusters Rappen. Und dann, dann endlich fand er sie. Dort mussten sie sein, er roch es bereits. Eine Mulde, eine kleine Höhle, provisorisch in den Erdboden gegraben, mit Geröll der Schlucht und rau zugeschlagenen Baumstämmen ausgekleidet, um das Szenario des Zusammenbrechens in den nächsten Tagen als unmöglich zu gestalten. Eine einzelne Wache stand vor der Mulde, deren inneres mit Fackeln ausgeleuchtet worden war, wohl einige dieser stinkenden Dochtkerzen, die aus altem Fett und weiteren, abartigen Materialen zusammengeschustert wurde. Sie rochen wirklich so penetrant nach Verwestem. Zum Steinerweichen. Der Wolf pirschte sich vor, verhielt sich ruhig, versuchte keine Aufmerksamkeit zu erregen. Die Kreatur bemerkte ihn nicht, sie war wahrscheinlich viel zu sehr mit Aufpassen beschäftigt, um ihn zu erkennen. Das ledrige, kleine Rundschild auf dem Rücken, ein verschleiertes Gesicht und einige harpunenartige Wurfspeere. Dieses Monster könnte gefährlich werden. Zumindest hätte Sander das so gedacht. Doch Yul war nicht Sander. Yul war kein Feigling, kein Pazifist. Er packte seinen Jagdspeer. Der Wolf zielte und sein Speer strafte am Boden auf. Ein knarzen, wenn Holz auf Schotter trifft, ging durch das nähere Areal. Der Krieger drehte reflexartig den Kopf zur Seite und erblickte die Kreatur, den Wolf. Sie erblickte Yul. Ein Schrei. Das Monster schrie um Hilfe, wollte Alarm schlagen. Kein Laut drang mehr aus seiner Kehle. Wie sollte es auch? Versperrte doch schon ein Speer, der bereits durch seine Wucht beim Auftreffen auf das Fresswerkzeug der Kreatur sämtliche Vorderzähne zerstört, den Unterkiefer ausgeharkt und zertrümmert hatte. Die Spitze bohrte sich durch die Zunge, traf auf das hintere Ende des Mauls, wühlte sich durch dieses und vollendete sein blutiges Werk schlussendlich, sodass der gesamte Kiefer und untere Teil des Schädels der Kreatur gebrochen, zerstört oder durchbohrt worden war. Wimmernd lag diese am Boden, die Schmerzen die der Speerwurf nach sich zog waren wohl unbeschreiblich gewesen. Blutige, zerbrochene Zähne lagen verstreut um die Kreatur, ein Teil des Kieferknochens lag frei, hatte sich in dem blutüberströmten Schleier des Kriegers verfangen. Yul trat vor, blickte auf den Boden. Sich vor Schmerzen krümmend lag sie auf dem Boden. Jetzt wusste sie hoffentlich, wie sich Schmerzen anfühlten. Er trat weiter vorwärts. Blicke ins Gesicht der Kreatur. Man konnte zwar bis auf die Augen trotz allem nicht viel erkennen, doch gerade diese drückten Schmerzen, unerträgliches Leiden aus. Nicht zuletzt war dies an den Tränen zu erkennen, die sich zu scharen den Weg über die zerstörte Wange zur Erde bahnten. Yul hatte Mitleid. Zumindest etwas das mit diesem Gefühl vergleichbar gewesen wäre. Der Wolf zog den vom Blut und anderen Flüssigkeiten übersäten Jagdspeer aus seiner Beute. Um das ganze schnell zu beenden, richtete er seinen Fuß auf. Er bewegte diesen über das Gesicht des verblutenden Monsters. Dann trat er zu. Die Wucht zertrümmerte das gesamte Gesicht, spaltete Knochen, zerdrückte das Gehirn, parst überlebenswichtige Organe wie den Anfang der Luftröhre. Es war tot. Es war getan. Yul hob seine Fußballen aus dem Matsch von Knochensplittern, Gehirnmasse und Blut. Dieses gerann mit einer unheimlichen Geschwindigkeit am Boden. Es blutete aus. Er rieb sich den Fuß am schotternden, staubigen Boden sauber. Wenn man es rationell betrachtete, war der Wurf besser als erwartet verlaufen. Doch vor allem für diese Gedanken hatte der braune keine Zeit. Nicht jetzt. Er sprang in die Mulde, die, wie eben erwartet, durch die bestialisch riechenden Kerzen erhellt wurde. Ein kleiner Gang führte ihn in eine Art Stollen, dieser war genau wie der Eingang vorwiegend mit groben Baumstämmen ausgekleidet, sodass dieser nicht einstürzte und somit all die Innsassen mit sich begrub. Und endlich, nach einer Suche die sich bereits über mehrere Stunden hingezogen hatte, zirka zwanzig dieser Kreaturen das Leben gekostet hatte, sah er seine Rasse. Eine Gittertüre, die mit eisernen Scharnieren in einen langen Stein geschlagen wurde, der extra für diesen provisorischen Kerker in den Erdboden in diesen versenkt wurde, machte ein Vorankommen unmöglich. Fest verankert, die Tür durch ein Konstrukt verhindert, das anscheinend den Zugang zu dem Kerker versperren sollte. Und dies tat es. Mehr als effektiv. Der Weg war also versperrt. Der Raum, der wohl extra für mehr als fünfhundert in den Erdboden gegraben worden war, wurde nicht erleuchtet. Doch trotz allem hatten ihn seine Stammesgenossen bemerkt. Sie waren nicht gefesselt. Die überschwere Eisentüre verhinderte jegliches entrinnen. Sie blickten Yul zuerst stumpf an, doch begannen sie bald den vertrauten Geruch zu wittern, das artengleiche Gesicht zu erkennen. Die noch wachen rannten zu den Gitterstäben, die schlafenden wurden durch diese geweckt, blickten sich um und unternahmen schlussendlich dasselbe wie ihren schon wachen Kumpanen. „Yul, oh Yul du bist es!“ „Dein Vater wäre so stolz auf dich!“ oder „Die Götter haben unsere Gebete erhört, der Retter ist gekommen!“ solche Sätze bekam er nun um die spitzen Ohren geworfen. Yul aber brachte sie auch wieder zum allmählichen Verstummen. Denn dieser hatte keine Idee, überhaupt keinen Plan wie er die metallene Tür verschwinden lassen könnte. Irritiert, leicht traurig blicke er durch die Gitterstäbe, genauso blickten ihn seine Stammesgenossen an. „Bitte Yul…“ einer der jungen Wölfe, vielleicht gerade einmal achtundvierzig Mondzyklen alt, sprach diese leisen, fast flüsternden Worte. Der braune blicke sich um. Es war heiß. Sein Blut musste bereits kochen, so unangenehm warm war es in dieser Kerkerhöhle. Das Metalltor ließ sich nicht bewegen, das war sicher. Doch wie nur, wie nur sollte er sie nun befreien? Yul war verzweifelt. Mehr als verzweifelt. Er blickte sich hilflos um, und in seinem hilflosen Umblicken sah er eine Lösung. Er blickte zuerst auf die Lösung, danach auf das Scharnier. Wahrlich, eine wohl überlegte und exzellente Lösung. Er packte einen von drei kleineren, aber bei weiten nicht kleinen Baumstämmen, die wohl dazu gedacht waren bei Einsturzgefahr schnell einige neue Stützpfeiler parat zu haben. Er packte also den dicken, langen Baumstamm, schob ihn in eine der vielen untersten Öffnungen in der Gitterkäfigtür. Die Hebelwirkung musste die Türe ausheben. Einige Wölfe wären wohl doch zu schwach gewesen, vor allem in dem Zustand in dem sie sich jetzt befanden. Doch für einen anderen, ausgeruhten und mit Baumstamm ausgerüsteten müsste es eigentlich funktionieren.

Die Käfigtüre hebelte langsam, fast schon als ob sie sich dem Umfallen erwehren wollte aus, fiel zu Boden. Mit einem lauten, metallischen Krachen ging sie zu Boden. Ein Geräusch der Freiheit. Holz besiegte Eisen, oder so ähnlich. Die Wölfe blickten zuerst Yul an, blickten ihm mit überglücklichen, dankbaren Augen an bevor sie sich aus dem Loch drängten. Und nun gab es kein Halten mehr. Sie wollten nur noch nach Hause. Fackeln wurden umgeworfen, Schädel gespalten, Körper niedergetrampelt. Man sann nicht auf Rache, einzig Flucht war das Ziel. Flucht von diesem Ort. Und im allgemeinen Herdenfluchtsystem flohen die Wölfe aus dem Lager. Zwar kämpfte man gegen die Kreaturen, sollten sie im Weg stehen, doch im Allgemeinen war es mehr ein Rennen, ein hasten. Entkommen. Rippen gebrochen, Kiefer ausgerissen, Blut, Erde, Eiter, Gedärme, fleischige Masse, Knochen, Fingernägel. Ein blutiges Entkommen. Und dann war plötzlich auch keine Rücksicht mehr da. Liegende Wölfe wurden zertrampelt, gefallene Kinder zerdrückt. Radionelles Gedankengut. Eine der Fehler des Wasserclans. Ein ekelhafter Fehler. Im Ernstfall trat Ehre immer in den Hintergrund. Ehre. Pah!. Ein Wort das sich mit jeder Situation änderte. Ein Wort, das sich für den Clan bei jeder Situation ändern musste. Im Nachhinein würde es Verhandlungen geben. Wer hatte den Sohn niedergerannt, wer den Alten gestoßen sodass er umfiel, zertreten wurde? Und die Fragen würden sich im Sand verlaufen. Und Nachbarn würden sich für einige Zeit hassen, kommende Generationen diese Falten ausbügeln. Es würde so wie immer sein. Der Clan hatte Jahrtausende so überdauert. Einfach Rational. Einfach Unehrenhaft.

Warum hatte er es nur getan? Verdammte Neugierte. Verdammte Zwiebel. Zwiebel. Bei dem Gedanken musste Sander innerlich schon wieder Lachen. Wozu waren diese Zwiebeln eigentlich gut? Er mochte keine Zwiebeln nicht. Zu scharf, zu ekelhaft. Zwiebeln eben. Die Welt war verschwommen. Leicht. Seine Füße waren leicht. Seine Arme, sein Kopf. Und zur gleichen Zeit war ihm übel. Dermaßen übel. Seine Gedärme schmerzten. Sie schienen zu verglühen. Doch im selben Moment breitete sich solch eine Wollust in seinem Magen aus, als ob jedes Ereignis das ihm widerfahren war, jeder Fehler der ihm unterlaufen war plötzlich nicht mehr als schlimm erachtet wurde. Er dachte an keine negativen Dinge mehr, konzentrierte sich nur auf das hier und jetzt. Ihm war schummrig. Die Augen schmerzten. Die Lunge genauso. E hustete. Und ihm war übel. Schrecklich übel. Am Ende hatte der Apfel nur mehr nach Rauch geschmeckt, doch hatte er trotz allem nicht aufgehört. Sander hielt sich den Magen. Er war kurz davor zu erbrechen. Seine Innereien wehrten sich, gegen den Stoff den der Besitzer des Lebens, dieses Körpers so unnachgiebig zu sich genommen hatte. Sein Vertäuungssystem wölbte sich, schien sich umzudrehen. Unnachgiebige Schmerzen. Schlussendlich schob sich ein Schwall Magensekret nach oben, hinzugefügt waren einige alte Pflanzen, Obst und Fleischstücke. Sander spie aus, stürzte zu Boden. Ihn tropfte die Nase, seine Augen rannen. Er kniete sich in sein eigenes Erbrochenes, kroch vorwärts. Verdammt. Seine Organe schmerzten. Der Kopf, das Gehirn dröhnte. In seinen Ohren, unerkennbare Geräusche. Schreie. Wehklagen. Knochenbrechen. Und ein immenses Surren, als ob der Schädel explodieren würde. Die Knie krochen weiter vorwärts. Fleisch, Fell, Knochen und Muskeln. Sie schleppten sich vorwärts. Durch Blut. Asche. Feuer. Gehirnfäden. Magensäften. Schlamm. Sander blickte auf. Die Welt war schwarz. Schwarz und rot. Rot vom Feuer. Schwarz von der Nacht. Funken sprühten. Knistern. Verschwommene Stimmen. Ein Körper landete vor seinen Füßen. Er war rot und schwarz. Rot vom Blut, Schwarz der Verbrennungen. Und es wurde warm. Heiß. Feuer neben Sander. Blut unter Sander. Schwarz über Sander. Rabenschwarz. Rabenschwarz vom Rauch. Sie versteckten die Kinder der Sonne, versteckten den Vater der Sterne. Der schwarze Wolf, er kroch immer weiter, bis ihm schwarz wurde vor den Augen. Eilende Schritte neben seinen Ohren. Pfoten Geräusche. Hecheln. Wieder dieses Schreien. Der Kopf legte sich nieder, grub sich in einen offen liegenden, waren Darm. Es roch nach Eiter, Blut. Nicht gut. Egal. Sander schloss die Augen, schlief sofort ein auf diesem weichen, fleischigen Polster. Und begann leicht ein und auszuatmen. Dem Körper war es egal. Den gedrückten Gedärmen der Leiche war es egal. Den Augen, die starr aus dem blutigen Schleier gen Himmel blickten, auch diesen Sehorganen war es einerlei, ob ein Wolf Kopf auf oder genauer im Magen lag. Es war gleichgültig.
 

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Die Hände vor Entsetzen an den Kopf gelegt rannte er durch das Lager. Der Mantel befleckte sich mit Staub, mit Schlamm. Egal. Völlig Egal. Verzweifelt packten die Menschenhände einen Wassereimer, verzweifelt schütteten diese den Kübel über ein brennendes Zelt. Allem Brande. Sein Geld, sein Gold brannte. Lichterloh. Flammenrot. Wie war das nur alles passiert? Abd-al-Qadir stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Nur noch wenige, lebende Soldaten versuchten die Feuer zu löschen, versuchten das Lager provisorisch zusammenzuhalten, trieben die Kamele aus den Ställen. Die Wölfe waren bereits geflüchtet. All die Mühen, all die Leben die sie hier her geführt hatten. Monate, nein Jahre hatte er gesucht um den Weg hierher zu finden. So viele Jahre. Alles hatte so gut funktioniert. Hatte wie ein Puzzle zusammengepasst. Und nun, nun zerbrach die ganze Arbeit. Das Puzzle wurde zerwühlt, Teile einfach zerrissen. Die Götter, sie hatten dies alles getan. Sie taten kein Brandgeschenk, hatten keine Opferorgane an die Götter gespendet bevor sie den Angriff auf das Dorf gestartet hatten. Nun straften sie ihn. Die Götter der Ferne hatten auf diesen Augenblick gewartet. Wohl war Abd-al-Qadir ihnen schon lange ein Dorn im Auge gewesen. Und nun, durch das fehlende Brandopfer, nun hatten sie einen Grund ihm etwas anzutun. Und sie hatten ihm etwas angetan. Einen Schlag. Sie hatten ihm so gut wie alles auf einen Schlag genommen. Überall lagen Körper. Alle tot. Zerstörte Zelte. Brennente Stoffe. Leichen. Die Nacht brannte. Und die Götter lachten. Sie würden nun lachen, über seine Dummheit. Und all dies geschah nur wegen zwei ungebrannten Herzen, zwei nicht eingeäscherten Organen. Götter konnten grausam sein. So gut wie sein ganzes Vermögen lag in diesem Projekt, dieser Expedition. Und es war es nicht wert gewesen. Warum nur war er überhaupt aufgebrochen um ein unbeugsames, sagenumwobenes Volk zu unterjochen. Die Götter waren dagegen. Und nun hatten sie ihn endlich gestraft. Er hatte es wohl verdient. So viele Leben, so viele Seelen die der große Sklavenhändler bereits zerstört, verkauft oder beendet hatte, untragbar für eine einzige Person. Diese Bestien hatten das Fass wohl zum Überlaufen gebracht. Und nun war es vorbei. Alles war vorbei. Das einzige was nun noch zu tun war, zu versuchen so viel wie möglich zu retten. Er wischte sich die paar Tränen, die sich auf den alten Augenliedern, den Falten, die sein Alter von zweiundsiebzig sehr gut äußerlich festhielten. Der Sklaventreiber schniefte einmal kräftig durch, versuchte alles in einem positiven Licht zu sehen. Es gelang ihm nicht, oder um es genauer zu sagen, es gelang ihm nicht wirklich. Seine Welt war von einem Tag auf den anderen verändert worden. Stark verändert worden, ins Negative. Trotz allem, er war der Herr dieser Expedition, er war der Meister, der Führer. Er musste wissen was zu tun war, wollte er die totale Demoralisierung und Verdrossenheit seiner Truppe verhindern. Somit eilte er, schnellen Schrittes durch den verbrannten, beziehungsweiße brennenden Schutthaufen des einstigen Lagers. Eine kleine Gruppe von Soldaten hatte sich am östlichen Ende der Befestigungen gesammelt. Verunsichert. Resigniert wie ihr Meister. Die Schleier waren verschoben, die Augen blickten stumpf auf die rauchenden Zelte. Nur einige Waffen waren gerettet worden. Die meisten standen ganz ohne Ausrüstung auf dem Platz. Sie wussten nicht was zu tun war. Sie wussten gar nichts mehr. Sie blickten, betrachteten. Wie Schafe ohne Hirten. Wie Hyänen ohne Leittier. Welch‘ ausgesprochen stumpfsinniger Vergleich, zumindest in diesem Moment. Abd-al-Qadir eilte also zu seinen Männern. Diese gingen sofort auf ihn zu. „Oh ehrwürdiger Meister, all die Sklaven sind geflohen, das Lager steht in Flammen und viele Männer sind verletzt, was sollen wir nun tun?“ „Sucht nach den Verletzten, bringt sie zu den Sanitätern. Und wo sind diese überhaupt, sie scheinen nicht in der Gruppe zu sein? Holt Wasser, löscht so viel wie möglich. Was die Sklaven betrifft, tote last liegen, egal ob Mensch oder Bestie. Wir kümmern uns später um diese. Solltet ihr noch lebende finden, also lebende Gefangene, bringt sie sofort zu Fall und in den Kerker, sollte dieser noch stehen. Wir müssen diese letzten, sollten noch einige dieser Tiere hier sein, hierbehalten. Versteht ihr?“ „Ja Herr, die Sanitäter sind mit vielen anderen aus dem Lager geflohen, vielleicht kommen sie zurück?“ „Ich denke genauso, zumindest kann ich dies nur hoffen, versucht die Verletzten so lange wie möglich am Leben zu halten, solltet ihr einige finden. Nun tut wie euch geheißen, und eilt euch. Wir müssen versuchen so viel wie möglich zu retten, also nur um mich zu wiederholen.“ „Ja Herr, und Herr?“ „Ja Soldat?“ „Wir verzeihen euch“ „Wer, wie? Was verzeiht ihr mir?“ „Dies alles, ihr habt doch das Opfer verweigert, und wir sind euch hierher gefolgt, da ihr uns Reichtum versprochen habt. Ihr seid nun mal ein Mensch, jeder macht Fehler.“

Abd-al-Qadir war mehr als irritiert. Zum einen im positiven. Welch Loyalitätsbekundung des Mannes. Andererseits auch im negativen. Wie konnte dieser Bauern oder Hurensohn es überhaupt wagen ihn so anzusprechen, seine Befehle und Handlungen infrage zu stellen? Doch immerhin hatte er Recht. Es war ein Fehler gewesen. Und die Soldaten würden nicht viel mehr Geld zu Gesicht bekommen als immer. Somit verzieh er diesem seine Worte, auch wenn es nichts zu verzeihen gab. „Ich danke euch Soldat, ich danke euch und der gesamten Gruppe, für eure Loyalität, eure Standhaftigkeit in dieser Stunde.“ Die Worte wurden von den Soldaten geradezu aufgesogen. Viel zu selten gab es gute Worte des Sklavenhändlers an seine Privatarmee. Viel zu selten, seltener als nie. Eine kleine Welle der Euphorie ging durch die paar Männer. Um die zwanzig. Eine winzige Moralexplosion in einer der dunkelsten Stunden der Sklavenfänger. Und sie begannen mit der Arbeit. Sie versuchten all dies zu tun was der Meister von ihnen verlangte. Und dieser lächelte. Sie waren gute Soldaten. Trotz allem. Sie waren seien Männer. Vielleicht hin und wieder heftige Speichellecker. Doch alles in allem seine Soldaten. Seine Männer. Und manche würden ihn überall hin folgen. Sogar in den Tod. Schoßhund Loyalität.

Yul stand immer noch vor dem Eingang zum nun entlasteten, leeren Kerker. Sein Fell war vom blutroten Schein der Flammen gefärbt, Funken wehten an ihm vorbei. Es war vollbracht. Der Clan gerettet. Die Monster besiegt. Sein Ruhm würde grenzenlos sein. Der Stamm des Wassers würde die nächsten tausend Jahre überleben. Und dies dank ihm. Yul der Schreitertöter, Monstervernichter und Stammesretter. Seine Augen glänzten. Sein Vater wäre stolz auf ihn gewesen. Sein Vater, einer der großen Jäger des Stammes, er wäre stolz gewesen. Und ein einsamer Sohn des Mondes schien für ihn. Ein kleines Licht a m Firmament. Alleine. Erst jetzt realisierte Yul die Lage. Er war alleine, all die Wölfe waren geflohen. Niemand war hier. Außer Tod und Asche. Zerknickte Zelte, gebrochenes Gebein. Zersplitterte Schädel, hier und da einige Schmerzensschrei. Er musste hier weg. Sofort. Der Stammesbefreier blickte sich rasch um, pirschte leise durch die Nacht. Er wollte heim. Nur noch nach Hause. Der Wolf legte die Ohren leicht an, jedes Mal wenn er um eine Ecke spähen musste. Niemand würde ihn mehr aufhalten. Nun galt es nur mehr zu entkommen. Die restlichen Kreaturen begannen bereits mit dem Wiederaufbau. Zumindest legten sie den Schutt zusammen. Verwundete wurden weggeschafft, Leichen auf einen Haufen gelegt. Je zehn Leichen, dann wurde dieser kleine Hügel aus blutigem Fleisch angezündet. Toten Wölfen näherte man sich mit größter Vorsicht. Zuerst stach man ihnen durch ein beliebiges Organ, um zu sehen ob diese auch wirklich gefallen waren. Blut spritze. Sie hatten wohl das Herz getroffen. Yul kletterte über einen kleinen Schutthaufen, der wohl noch vor einigen Stunden einen Stall dargestellt hatte. Es war merkwürdig. Wen den Göttern diese Kreaturen schickten, warum waren die Wölfe dann nicht besiegt? War er etwa auserwählt? Als Held des Volkes? Yul der Volksheld? Nun ja, dies klang zwar nicht so gut, wie er es sich vorgesellt hatte, aber immerhin. Und so redete er es sich ein, dass er von den Göttern auserwählt wurde, und deshalb nicht sterben durfte, nicht sterben konnte. Nicht jetzt. Er würde es schaffen, würde aus diesem Lager fliehen.

Er war bereits am Ende der Befestigung angekommen, nur noch einen Sprung und er würde in der Nacht verschwinden. Yul setzte an, spannte seine Sehnen, bereit diese Gedanken, dieses Erlebnis, diese Kreaturen hinter sich zulassen, alles abzuwerfen und wieder sein Leben genießen zu können. Ein Surren. Aufprall. Eintritt. Schmerz. Ein Pfeil durchbohrte seine Schulter, die angespannten Sehnen erschlafften. Yul ließ einen ungeheuren Schmerzensschrei aus. Mit der Tarnung, der Verstohlenheit in der Dunkelheit war es nun vorbei. Und dieser Pfeil, dieser jener war nicht irr geleitet auf ihn eingeschlagen. Nein, vielmehr hatte man diesen leicht gefiederten Amateurvogel direkt auf ihn angesetzt. Er steckte tief im Fleisch, wahrscheinlich über der Hälfte, das wusste Yul, alleine den Schmerzen nach zu urteilen. Er biss die Zähne zusammen, versuchte sich verwundet über die zugespitzten Pfähle zu ziehen. Weitere Schmerzen durchzuckten seinen Körper. Ein zweiter Pfeil hatte sich zwischen seine Schulterblätter getrieben, zwar steckte dieser nicht so tief im nun von Blut triefenden Fleisch, doch seine Nerven zeigten trotz allem kein Erbarmen mit Yul. Er bäumte sich auf, Tränen aus unerträglichen Schmerzen rannen aus seinen Augenlidern. Er griff nach den Pfählen, versuchte sich immer noch vorzukämpfen. Er musste hier raus. Yul wollte doch nur mehr hier weg. Die letzte der drei Pfeilspitzen trat in den Körper ein, durchtrennte sanft das ohnehin schon völlig von Blut und Gerinnungsstoffen verklebte Fell und Hautgewebe. Trat ins Fleisch ein, stoppte als es auf einen Knochen auftraf. Eine Blutfontaine bezeugte den erfolgreichen Eintritt in den Körper. Yul wehrte sich nicht mehr. Er regte sich nicht, spürte nicht. Es war vorbei. Und Yul, dem selbsternannten Helden wurde schwarz vor den Augen. Und eine Kälte breitete sich in ihm aus, eine entsetzliche Kälte. Seine Griffe lockerten sich, die Arme wurden schlaff, ließen ab von den Verteidigungspfosten. Der Wolf ballte seine Klauen zu einer schwachen Faust, fiel und blieb am Bauch liegen. Yul, Yul war am Ende seiner Kräfte. Noch einige letzte Salzwassertropfen der Trauer und des Schmerzes liefen über seine Schnauze, dann verlor der Wolf sein Bewusstsein. Und der einsame Stern am Nachthimmel, er verblasste langsam durch die blutrote, langsam aufwärts kriechende Morgendämmerung. Und sie verschlang all die Kinder des Mondes und der Sonne, schlussendlich auch den Vater der Sterne. So hatte die Nacht wieder gegen den Tag verloren, und genauso würde der Tag am Ende wieder gegen die Nacht verlieren. Ein ewig währender Kreis. Unaufhaltsam.
 

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Abd-al-Qadir hatte gut getroffen. Seine Pfeile würden keine nachhaltigen Beeinträchtigungen am Sklaven nach sich ziehen. Seine Pfeile taten das nie. Denn sie waren besondere Pfeile. Schon der Vater seines Großvaters hatte mit diesen Pfeilspitzen Tiere und Sklaven gejagt. Damals, als die Hauptstadt des Reiches noch lange nicht die Größe erreicht hatte, die sie heute besaß. Damals, als die Stadt der Städte noch nicht mehr war als eine größere Ansammlung von Hütten und Zisternen, Schlachthöfen und Märkten. Wieder einmal mehr war der Sklavenjäger abgeschweift. „Ihr da“, und zeigte dabei auf einige der Männer, die sich gerade noch eben mit dem aufräumen des Schuttes beschäftigt hatten, doch nun gebannt auf den verletzten, zusammengebrochenen Wolf starrten. „Zieht ihm die Pfeile aus seinem Körper, verarztet ihn wie einen von euch!“ Die Soldaten seiner Privatarmee starrten ihn an. Diese Sklaven behandeln wie einer von ihnen? Wie konnte der Meister so etwas unehrenhaftes Verlangen.

Ungläubig blickten sie auf den schnaufenden Haufen aus Schmerzen und Trauer. „Nun macht schon, wenn dieser hier nicht überlebt, bekommt ihr überhaupt keinen Sold!“ Dies rief wohl einige Warnungen in den Köpfen der Männer wach, zumindest machten sie sich eiligst an die Arbeit. Der Sanitäter, ein spiritueller und mit einfachen Kenntnissen der Medizin ausgestatteter Krieger, der alleine um den Göttern Ehre zu erweisen auf Missionen und „Jagdausflügen“ immerzu einen leichten, kupfernen, wie den Kopf eines Adlers geformten Vollhelm trug, eilte heran, öffnete seine lederne Umhängetasche und begann die wertvollen Geschosse aus dem Fleisch zu pullen. Sehen konnte der Sanitäter alleine durch die zwei Augenöffnungen, die im Rachen des Adlerkopfes platziert waren. Er erhitzte einige Bronzestangen, brannte die offenen Wunden aus, nachdem er diese mit Salzwasser desinfiziert hatte. Die Heilpraxis, eine der wichtigsten Überlebenskünste, war zwar weit verbreitet, doch wahres Heilen, wie zum Beispiel das zusammensetzen von zersplitterten Knochen, einsetzen von falschen Augen, die zwar nichts sehen konnten, aber zumindest das wortwörtliche Loch stopften dass aus dem zerstörten wahren Auge hervorging beziehungsweise zurückblieb, dies konnten nur die großen Heiler vollziehen, die in den Kliniken der Metropole und anderen Städten beheimatet waren. Zumindest war das überleben des Sklaven gesichert. Die Soldaten trugen ihn fort, in den nunmehr leeren Magen des Kerkers, in der nur mehr ein anderer dieser Spezies lag. Völlig weggetreten hatte man ihn schlafend, mit dem Kopf auf Gedärmen liegend gefunden. Er hatte sogar noch geschlafen, als sie den Sklaven bereits in den Kerker geworfen, seine Beine und Arme angekettet hatten. Er würde wahrscheinlich noch immer im Reich des Traumes sein. Der Rest der Soldaten machte sich daran das Lager fertig abzubauen, heute würden sie fortziehen, siegessicher waren sie gekommen, als Verlierer, Zerschlagene würden sie zurückkehren. Im Gepäck: Die Letzten zwei ihrer Art. Niemand brauchte zu wissen dass es noch mehr gab. Vielleicht würde es die Preise für sie in die Höhe schnellen lassen, sodass man zumindest die mehr als kostenintensive Expedition zu bezahlen. Es gab nur einen Vorteil der aus dem Tod so vieler Soldaten hervorging. Ihr Geld würde nicht bezahlt werden müssen. Sie könnten es so oder so nicht mehr verwenden. Und wieso ein aufwendiges Begräbnis für den Sohn einer Haremsdienerin beanstanden, wenn auch eine einfache Verbrennung reichen würde? Abd-al-Qadir, Anführer seiner Sklavenjägerarmee dachte hin und wieder rationell. Und bei einer Expedition dieses Ausmaßes, doch vor allem bei einer Niederlage dieses Ausmaßes sollte, nein durfte man nur noch rationell denken. Man musste sparen wo man konnte. Es ging nur ums Geld. Wie immer.

Sander saß alleine. Alleine auf einer Wiese. Sein leicht buschiger Schweif lag auf seinen Knien, die Fußballen spielten sich mit dem Gras, zupften einzelne Pflänzchen aus, ließen sie wieder auf den Boden fallen. Die Mutter der Sterne schien über die ganze Ebene. Der Wolf verspürte keinen Durst, keinen Hunger. Er war froh. Einige Blumen ließen sich auf der Ebene erkennen. Sander saß auf einem Hügel. Einem grasigen Hügel. Also ein Grashügel. Wo einst eine Siedlung stand, das Dorf des Wasserclans, war nur ein leerer Platz geblieben. Einer von vielen, leeren Hügeln. Kein Wolf war da. Kein einziger. Nun ja, Sander zumindest. Eine Biene brummte an ihm vorbei, setzte sich auf seine linke Fußpfote. Sie stach nicht zu. Das Insekt hatte keine Lust zum stechen, keine Lust, sich selbst und anderen Schmerzen zuzufügen. Sie wollte nicht, wie jede andere Biene, sich zu Wehr setzen, auch wenn es gar nicht notwendig war. Sie setze sich auf die Pfote, die kleinen, aber für ein Insekt mehr als großen Augen starrten ihn an. Die Biene schien zu wachsen. Sie wuchs, bis sie die Größe der Fußpfote erreicht hatte, begann zu brummen, breitete die durchsichtigen, von adern durchzogenen Schwingen aus und begann abzuheben, flog einige Meter in die Höhe, schwebte dort mit lautem Brummen und entschwand dann langsam, schwankend dem Sichtfeld des Wolfes. Zurück blieb ein Wolf. Ein schwarzer Wolf im grünen Gras. Er leckte sich über die Lippen, legte seinen Schweif zurück und fiel zurück, in das grüne, sanfte Polster der Natur. Sander schloss die Augen, dachte nicht, spürte nicht. Nach einer Weile der Ruhe stupste ihn etwas, etwas nerviges berührte andauernd seine feuchte Schnauze. Zuerst leckte er über diese, um dieses Tippen loszuwerden, dann wedelte der Wolf mit seiner Klaue über diese. Doch es hörte nicht auf, es hörte einfach nicht auf. Sander öffnete genervt die Lider, blickte auf. Yul saß auf ihm, stupste seine Nase sanft aber eifrig mit seiner Klaue. Es kitzelte. Ein nervendes Kitzeln. „Hör auf…“ Sander murrte, versuchte seinen Kopf aus der Situation zu entwinden. Doch Yul hörte nicht auf, er tippte penetrant auf die Schnauze, exakt auf dieselbe Stelle. „Ich sagte du sollst aufhören. Hör auf!“ Sander wurde zornig. Und Yul hörte auf, still saß er auf Sander. Dieser realisierte das erst jetzt. Er sagte nichts, schämte sich das er so rabiat geworden war. Er leckte sich wieder über das Geruchsorgan. Blickte zu Yul. Dieser Blickte zu Sander. Ihre Fußpfoten lagen zusammen. Yul grub seine leicht zwischen die Sanders. Er blickte ihn an. Der Kopf lag leicht schief. Yul’s Ohren zuckten leicht. Genauso die des schwarzen Wolfes. Sander setzte sich auf, somit lag Yul’s Kopf leicht über dem des anderen. Yul streichelte seinen Kopf sanft, massierte die Ohren leicht. Sander gurrte. Er mochte, nein er liebte es. War es falsch? Sander schloss die Augen. War es falsch was er tat? War es falsch was Yul tat? Warum überhaupt tat er es? Eine Flut der Schwäche schwappte über die hohe Mauer der Isolation, der Norm. Schon oft hatte er daran gedacht. Er wusste es war falsch. Und er wusste auch welche Strafe auf solch eine Verfehlung der Normalität stand. Totale Verbannung bis hin zum Tod.

Die Art musste gesichert werden. Das war und würde immer Ziel des Clans sein. Nicht die Vorlieben des einzelnen. Der einzelne zählte nie im Clan. Niemals würde er zählen. Noch eine Welle preschte gegen die Mauer. Und noch eine. Sander öffnete die Augen. Yul’s Gesicht lag so nahe vor seinem eigenen. Er konnte den Atemausstoß fühlen, der sich aus des braunen Wolfes Lunge drückte. Die Schnauze rückte immer weiter vor, nur noch wenige Millimeter trennten die Nasen der Wölfe. Und dann rollte eine weitere Welle heran, hunderte Male höher als die nun absurd klein gewordene Mauer aus allgemeinen Weltansichten. Und sie fegte sie hinweg, die Mauer aus Ignoranz, Intoleranz und Absurditäten. Sander ließ es zu, öffnete sein Maul leicht. Und schlussendlich trafen sich zwei Mäuler, zwei Lippen, zwei Zungen. Und Yul schloss die Augen. Und Sander schloss die Augen. Und es wurde wieder Dunkel, als ob jemand die Augenlider geschlossen hätte.
 
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Yul riss sein Maul weit auf. Die Zunge streckte sich starr der dem dämmerndem Kerzenschein entgegen, ein Raunen entströmte seinem Kiefer. Er gähnte, strich sich mit seinem Geschmacksorgan über die blitzenden, weißen Zähne. Er kratzte sich das Kinn, so wie er es jeden Morgen tat. Zumindest versuchte er es. Doch seine Pfoten wollten nicht. Wieso nur? Er riss die vor einigen Sekunden noch schlaftrunkenen Lider auf, blickte über sich. Dort hingen seine Pfoten, aneinandergefesselt, konnte sie nicht bewegen. Fest fixiert in den Stein hinter sich. Genauso die Beine, Fußpfoten. Alleine den Kopf konnte er ohne allzu große Kraftanstrengung drehen. Der Rest, starr. Wie Stein. Gefühllos. Wieso spürte er seinen Körper nicht? Weder die Beine, noch die Arme. Nichts. Yul konnte keine Klaue bewegen. Er wollte an den Ketten reißen, wollte sie sprengen mit seinen Kräften. Nichts half. Sein Körper existierte nicht mehr. Alles gefühllos, tot. Tränen traten ihm wieder in die Augen.

Erst jetzt erinnerte er sich, und erst jetzt, da er sich an den Vorfall erinnerte, begannen die Schmerzen in seinen Rücken zu hämmern. Ein Anzeichen dafür, dass er zumindest nicht komplett leblos geworden war. Doch das brennen, das Beißen in seinen Schultern zog ungeheure Pein mit beziehungsweiße nach sich. Er wollte aufbrüllen, doch ließ es im letzten Moment sein. Er brauchte nun wirklich nicht noch mehr von diesen Kreaturen. Es war armselig. Er war armselig. Yul hatte nicht aufgepasst, hatte nicht die Gefahren abgewogen. Hatte sich blenden lassen von einem einfach zu leichtem Ausbruch. Und wie die Chancen standen war es gekommen. Er war verloren, verloren in einer verschlossenen Höhle eines hungrigen Löwen. Ja er war wahrlich der Auserwählte gewesen. Auserwählt zu retten und dafür zu sterben. Ein wahrer Märtyrer. Er lächelte unter Tränen über seine eigene Selbstironie. Sollten sie ihn doch foltern, misshandeln, umbringen. Sein Leben war nichts mehr wert, seine Aufgabe erfüllt. Was nun passierte war alles nicht mehr Teil seines Schicksals. Von den Göttern gegeben, von den Göttern genommen, so einfach gestrickt war das Leben. Sollen sie doch kommen, durchbohren sollen sie ihn mit ihren Lanzen und Messern, er wird sich nicht fürchten. Zumindest war dies der Gedanke für einige Sekunden. Dann, als kein Speer ihn durchbohrte, wurde Yul nachdenklich. Er wollte doch noch gar nicht sterben. War dies der Lohn für seine Heldentat? Den schnellen Tod? Warum? Es ergab doch überhaupt keinen Sinn wieso er, der Retter seines Volkes sterben sollte. Zumindest eines wusste er. Die Hilfe des Clans in Betracht zu ziehen wäre eine Naivität gewesen, die sich niemand im Clan je erlaubt hatte. Niemand würde kommen um ihn zu reden. Der Clan war von sich eingenommen, das Kollektiv würde weiterbestehen. Ein Leben zählte nicht. Es zählte nie. Warum auch? Zählte ein Leben mehr als dies von zehn? Mitnichten. Eine banale Rechnung. Selbst zwei wären mehr als ein. Pluspunkte gab es nicht, nur da er den ganzen Stamm gerettet hatte.

Sein Leben war ein Leben. Nicht mehr und nicht weniger. Doch trotz allem, er wünschte sich das er gerettet werden würde. Das plötzlich ein Wolf an der wohl wieder frisch eingesetzten Kerkertür stehen, sie aufbrechen würde und ihn den Weg in die Freiheit bringen werde. Doch dazu würde es nicht kommen. Wölfe dachten immer rational, es sei denn ihr Leben wäre in Gefahr. Ja, so egoistisch zeigte sich Yul also, das er sich wünschte gerettet zu werden. Und vor allem dieser Gestank war unerträglich. Es roch nach dem Duft dieser Fackeln, altem, brennendem Fett, nach erbrochenem und geronnenem Blut. All dies mixte sich zu einer Masse aus Düften, die wohl selbst einem Nasenlosen den Magen umgedreht hätte. Doch wieso roch es so nach Erbrochenem? Er konnte keine Magensäfte an seinem Körper erkennen. Yul ließ den Blick durch den Raum wandern, sah Dunkelheit, eine Fackel, Erde, eine Gefängnistüre aus unüberwindbarem Eisen, wieder Dunkelheit, Sander, Erde. Yul seufzte, dachte dann einige Sekunden nach und riss plötzlich wieder die Augen weit auf. Sander! Ein kleiner Schwall Freude breitete sich in Yul’s Magengegend aus, ließ ihn für einige Sekunden die Schmerzen in seinem Rücken vergessen. Sander war hier. Der schwarze Wolf war mit Dreck, Blut und Mageninhalt befleckt. Und er schlief, auf dem erdigen, festgetretenen Erdboden. Seine Pfoten zu einem Polster geformt, wie ein Welpe. Er war genauso gefesselt wie Yul, abgesehen davon dass Sander nicht an die Wand gehängt wurde, sondern nur die Arme und Beine mit Eisenketten zusammengebunden wurden. Doch so schnell wie die Fröhlichkeit gekommen war, so schnell verschwand sie auch wieder. Sander war hier, doch nur aus einem Grund. Er war Yul mit in die Höhle des Löwen gefolgt. Er, Yul war dafür verantwortlich, das nun auch Sander wohl sterben müsste. Es war alles seine Schuld. Der arme Sander, ein schwacher Pazifist. Wie sollte er das nur überleben? Wieder wünschte sich Yul, das nun einfach die Tür aufgerissen werden würde. Das Wölfe eintreten, sie befreien und zurück ins Dorf bringen könnten. Ihm war egal ob er als Held gefeiert werden, oder als neuer Häuptling eingesetzt werden würde, er wollte nur noch nach Hause. Doch es würden keine Wölfe kommen. Niemals würden sie kommen. Denn Wölfe dachten rationell. Einfach. Was nutze dem Clan, was würde ihm schaden? Und in diesem Fall würde jegliche Anstrengung dem Stamm schaden, dies war sicher. Kollektivverhalten, rationell, unehrenhaft.

Byago war wütend. Mehr als wütend. Wie konnte ihn der Meister nur so entehren? Was hatte er verbrochen? Er wollte die Sklaven nicht waschen. Niemals. Warum auch? War es seine Schult das sie stanken? Nein, es war nicht Byagos Schuld. Es war niemandes Schuld. Warum also sollte er es tun? Warum nicht jemand anderes? Er sagte einfach: „Du, komm her! Du wirst die Sklaven nun waschen, damit sie nicht zu sehr auf der Heimreise stinken“. Und Byago musste gehorchen. Denn er war doch nur Soldat. Er war nur Soldat und kein Meister. Niemals, niemals würde er die Rolle eines Meisters übernehmen können oder dürfen. Er war in seine Kaste geboren worden, er hatte in dieser Kaste Kinder gezeugt und würde in dieser Kaste sterben, seine Kinder würden in dieser Kaste leben, würden in dieser Kaste seine Enkelkinder zeugen und sie würden auch in dieser Kaste sterben. Die wunderbare Kaste der Armut: Huren, Bauern, Bettler, Arbeiter und Soldaten. Nach dieser Kaste, die über die Hälfte des ganzen Staates ausmachte gab es noch die Kaste der Handwerker: Tischler, Schmiede, Möbelhersteller, Weber, Sandalenbauer, Kamelzüchter, Händler und so weiter. Und dann, dann gab es noch die Kaste des Adels: Die Priester, Sklavenhändler, Adelige, Bergbaubetreiber, Waffenexporteure, Karawanenmeister. Die waren reich. Die konnten sich Privatarmeen, Paläste und Frauen leisten. Sie konnten ganze Burgen einfach aus dem Boden stampfen, ohne über die Kosten nachdenken zu müssen. Ein kleiner Soldat war dagegen so etwas wie ein Sandkorn gegen einen Berg. Er war nichts. Und die hohe Kaste konnte mit ihm herum schaffen wie sie es wollte. Denn so ein Soldat dachte ja nicht, er tat nur. Sagte man etwas Falsches wurde man vertrieben oder ermordet. So einfach war das. Es gab doch genug von ihnen. Und dann natürlich die gottgleiche oberste aller Kasten: Der Sultan, der Sohn der Götter, rechtmäßiger Herrscher über die ganze Welt. Pah! Man sollte nicht einmal schlecht über den Sultan denken, es würde einem der Blitz treffen, so sagte man. Byago hatte oft genug schlecht über den eitlen selbsternannten Sohn der Götter gedacht, noch nie war er erschlagen worden. Doch die Worte auszusprechen, das traute er sich dann doch wieder nicht. Und darum war er wütend. Sollte Abd-al-Qadir doch diesen Dreck bereinigen. Sollte er doch seinen Gefangenen die Füße waschen, sie polieren. Aber das konnte der alte, senile Mann doch nicht. Dafür tat ihm wohl sein Kreuz zu weh, spöttelte Byago in Gedanken. Pah, und nochmals Pah! Ein dummer, unnützer Sack war Abd-al-Qadir geworden, ein schizophrener Narr der seine Sklaven verhätschelte. Aber nicht mit Byago, nicht mit mir! Er packte den schweren, hölzernen Wassereimer wieder, hob ihn hoch, watschelte ungeschickt den rutschigen Gang zum Eingang des Kerkers hinunter. Pah! Dort lagen sie, faul wie sie waren, diese dummen Viecher. Hatten so viele von ihren Männern umgebracht. Ihnen sollte das ausgetrieben werden. Damit sie kapierten wär hier der Meister war. Damit diese Bestien die Menschen mal so richtig kennen lernen würden. Und dann hatte Byago eine Idee. Er packte seinen Dolch, doch trug er auch das Wasser mit in den Kerkerraum. Dort also war er, im Gefängnis des abgebauten Lagers. Er blickte sich etwas verstohlen um, erkannte sofort dass einer der beiden Kreaturen schlief. Die andere knurrte ihn an, hatte die Ohren angelegt. Die Zähne fletschend hing sie an der Wand. Was wagte sich die Kreatur überhaupt! Der Soldat machte einige Schritte vorwärts. Sie würde sich nicht wehren können, das Gift wirkte noch. Byago ging noch einige Meter, blieb genau vor dem Vieh stehen.

Mit Byago machte man das nicht, man knurrte ihn nicht einfach an! „Ha sieh dich an, du dummes Tier!“, doch diese hörte nicht auf, knurrte und fletschte unablässig weiter, hatte ihn wohl nicht verstanden. „Du verstehst mich nicht einmal, du bescheuertes Vieh!“, es machte ihn noch wütender das der Sklave ihn nicht verstand, er wollte das er ihn verstand, wollte das er hörte was er über ihn sagte. Durch die Verschleierung seines Gesichts konnten nur seine Augen davon zeugen wie wütend er war. Das dumme Tier verstand wohl nicht einmal das. „Hör gefälligst auf die Zähne vor deinen neuen Meistern zu fletschen!“ Und mit diesem Mal schlug Byago der Kreatur in die Magengegend. Diese stöhnte auf vor Schmerzen, knurrte aber nur noch mehr. „Du sollst aufhören!“ Byago verpasste ihr noch mehr Boxer in den Bauch, trat mit voller Wucht gegen den Magen. Wieder ein Stöhnen der Kreatur. Schlussendlich bekam sie dann noch eine angespannte Faust auf die Nase, und mit solcher Kraft das diese sofort anfing zu bluten. Der Sklave ließ einen leisen Heuler los, hörte auf zu knurren. Doch nun war die Lust zum Schmerzen zufügen wieder in Byago geweckt. Er musste dem Sklaven nun weh tun, egal aus welchem Grund. Doch zuallererst tun wir wozu wir hier sind. Er packte den Wassereimer, schüttete die Hälfte der eiskalten Flüssigkeit über den angeketteten. Dieser heulte auf vor Kälte, bebte am ganzen Körper. „Ich werde dich zähmen und züchtigen du abartige Kreatur!“ Mit diesen Worten verließ er den Raum für einen kurzen Moment, kam dann mit einem schweren Holzstock zurück. Dieser war nur roh zugehauen, besaß noch all die kleinen Astauswüchse, die wie Dornen zugeschnitten worden waren. Die Kreatur blickte auf den Stock, dann zu Boden. „Bist du ein braves Hündchen? Na das wollen wir erst mal sehen!“ und schlug hemmungslos auf den gefesselten Körper ein. Spitzen stachen zu, die Wucht des Astes krachte gegen die Rippen des Gefangenen. Das Tier sagte nichts mehr, ließ dann und wann kleine Schmerzensschreie aus. Doch Byago hörte nicht auf, noch nicht. Er packte das Holz mit beiden Händen, ließ es mit einer ungeheuren Geschwindigkeit auf den Kopf des Viehs niedersausen. Der Stock brach, der Schädel blutete. „Schau was du getan hast, mein schöner Stock, du gestörte Kreatur!“, rief der Soldat noch aus, boxte dem Geschundenen hart aufs Kinn und noch einige Male in die Bauchgegend. Schließlich erbrach dieser und ließ den Kopf schlaf hängen. Die Magensäfte lagen auf dem Boden, bespritzen leicht die Schuhe des selbst ernannten Foltermeisters. Zuerst hatte dieser Angst das die Kreatur nun vielleicht tot sei, doch diese verflog genauso schnell wieder wie sie gekommen war. Sie lebte noch, also war alles gut. Nun denn, da war ja noch einer. Byago schlich sich zu der immer noch schlafenden Kreatur. „Und dir werde ich lehren zu schlafen während dein Meister den Raum betritt!“ Und damit zog er seinen kupfernen Dolch, kniete sich nieder neben den schlafenden. So was soll ich ihm zuerst abschneiden? Er ließ die Waffe über die Schultern des Gefangenen wandern, über dessen Kinn zu der Nase, über die Schläfen bis hin zu den Ohren. Oha, da haben wir wohl was gefunden. Byago setze sich auf das Vieh, genauer auf dessen Bauch, legte das Mordwerkzeug auf halber Höhe zu dessen Ohren an. Es würde mit einem Streich gehen, dass wusste der Soldat bereits. Und dann würde dieser blöde Sklave nie wieder schlafen während Byago anwesend war. Nie wieder! Er packte hart den Kopf der Kreatur, diese ließ sich aber dadurch nicht beirren, sondern schlief einfach weiter, öffnete nur leicht das Maul. Pah! Nun ja, gleich würde sie wach werden. Und mit diesem Gedanken im Kopf schnitt beziehungsweiße stach Byago zu. Blut schoss auf den Boden, befleckte die Erde. Das Ohr war ab. Gute Arbeit Byago, Herr der gefesselten Sklaven.
 

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Eine Welle des Schmerzes brach aus. Sander riss die Augen auf, sein Schädel trommelte vor Pein. Er blickte irritiert um sich, wo war er überhaupt? Er realisierte im ersten Moment gar nichts, doch bemerkte er dann sofort dass eine dieser Kreaturen auf ihm saß, mit blutiger Klinge und schrecklich übertriebener Schadenfreude in den Augen. In seinem Kopf brannte es wie Feuer, er versuchte sich einzurollen. Vergeblich. Der Wolf versuchte das Wesen von seinem Körper zu stoßen, dieses antwortete mit einigen schweren Hieben in Sanders Bauchgegend auf diese Aktion. Dieser riss die Pfoten hoch, versuchte seinen Kopf voll Schmerzen zu halten. Er berührte die Ohren, und riss sie reflexartig zurück. Sein Ohr! Sein Ohr brannte wie Feuer. Er riss den Kopf herum, sah gerade noch die obere Hälfte seines Ohres mit einer übergossen Lache Blut am Boden liegen. Und dann, dann blicke er noch einmal auf die Kreatur, die begonnen hatte ihn auf brutalster Weise zusammenzuschlagen. Auf seinem Magen sitzend boxte sie in ihrer Tobsucht auf Sanders Magen ein. Jeder einzelne Hieb schmerzte wie tausend. Sander wollte nur weg. Einfach weg! Doch die Bestie ließ nicht las, hörte nicht auf ihm Schmerzen anzutun. Sein Magen wölbte sich bereits, bald würde er erbrechen müssen. Und diese unvorstellbaren Schmerzen im und am Ohr. Sander weinte, schrie vor dem schrecklichen Brennen, Stechen das nun bald den ganzen Körper erfüllte. Der schwarze Wolf ballte seine Fäuste. Er ballte sie sodass sich seine Klauen in seine Pfoten Ballen bohrten und diese Anfingen zu bluten. Schlussendlich war es soweit. Sander hörte die Schmerzen des Körpers nicht mehr, er hörte die unverständlichen Laute des Monsters nicht mehr. Alles verschwamm, alles wurde trüb. Und dann, dann brach zum ersten Mal etwas in Sanders Körper aus. Etwas das er immer Versucht hatte zu verstecken. Etwas das er hoffte nie bekommen zu würden. Doch er bekam es, und in diesem Moment war es Sander mehr als egal. Diese Kreatur tat ihm weh! Er hatte ihr nichts getan, und sie fügte ihm nun penetrant Schmerzen zu! Sie musste Sterben. Sander riss seine gefesselten Pfoten nach vorne, packte den Schädel der Kreatur. Diese hörte plötzlich auf zu schlagen, war vollkommen irritiert. Egal. Es war vollkommen egal. Er warf die Kreatur von sich, stellte sich auf. Diese war wohl von Angst ergriffen, versuchte so schnell wie möglich aufzustehen. Die Waffe hatte sie bereits weggeworfen, diesen Ohrentöter.

Doch sie würde nicht mehr aufstehen! Nie wieder. Sander warf sich vor, auf die Kreatur. Knochen brachen. Sie schrie auf, schrie um ihr Leben, versuchte krampfhaft wegzurollen. Boxte verzweifelt gegen Sanders Beine. Der Wolf packte den Schädel der Kreatur wieder, die so unbeholfen auf dem Bauch lag und nur mehr wimmerte. Packte den Kopf, zog in langsam zurück. Zog immer mehr und mehr. Die Bestie schrie und flehte wahrscheinlich auch, es war Sander egal, vollkommen egal. Er zog immer mehr doch zur gleichen Zeit immer langsamer. Verrecke so langsam wie möglich zu mordendes Vieh! Schlussendlich, nach Minutenlangem ziehen des Schädels nach hinten, und immer lauter werdenden Schreien der Kreatur brach dieser, die Wirbelsäule war gebrochen. Die Kreatur war still. Die Luft und Speiseröhre standen wie kaputte Abwasserrohre aus ihrem Kanal. Es war vollbracht. Sander warf den Körper wieder zu Boden, sah das Fass. Er schleppte sich vorwärts, versuchte aufzustehen. Zumindest konnte er knien. Er packte das Wasserfass, hob es über seinen Kopf, leerte es aus auf seinem schmerzenden Ohr, seinem Kopf und dem Körper. Erst jetzt hatte er bemerkt wo er war, hatte bemerkt wie er aussah. Noch immer im Lager, als Gefangener. Noch immer hier. Der kleine Strom aus Wasser spülte die Magenflüssigkeit mit sich, genauso wie das verkrustete Blut auf Sanders Fell. Es spülte auch das frische Blut von dem halb abgeschlagenem Ohr, worauf sich aber gleich darauf wieder neues bildete. Er war noch immer in dem Lager. Er wusste das er eingeschlafen war, doch nicht wo oder wann genau in diesem Hort des Bösen. Die Mordlust war vorbei. Er wusste weder was genau vor sich ging, noch wo die anderen Wölfe waren. Das letzte was er sah bevor die Wachen das Gefängnis stürmten war Yul, einen auf übelste zugerichteten Yul der nur noch schlaff angekettet an der Wand hing. Das letzte was er sah bevor die Wachen auf ihn einschlugen, ihn bewusstlos machten waren Yul’s Augen, die ihn durch die halbgeschlossenen Lider anstarrten. Und Sander starrte nur zurück. Die Augen sagten: Lass es geschehen, Gegenwehr bringt nichts mehr. Sander verstand das, Sander würde es zulassen. Sander hatte es zugelassen. Dunkelheit.

Zorn. Was hatte dieser Sohn einer verkommenen Straßenhure nur aufgeführt? War es nicht schon genug dass er sich wie ein Vater um alle kümmerte? Man sollte keinem Toten nachtragen, aber wie konnte dieser Idiot nun auch noch mit den letzten gewinnbringenden Sklaven so umgehen? War es nicht schon genug dass sie über vierhundert Soldaten geopfert hatten? War dieser mehr als intensive Verlust nicht schon genug? Wie konnte es sich einer seiner Kaste überhaupt anmaßen mit Sklaven so umzugehen, stand er doch nur um einige Schritte über ihnen. Er musste aufpassen. Noch einmal durfte solch eine Aktion nicht stattfinden, wollte er nicht endgültig die Kontrolle über seine Männer verlieren. Abd-al-Qadir wartete. Vierzig Soldaten warteten. Die Männer, die der Sklavenhändler in den Kerker geschickt hatte, um den Schreien nachzugehen, hatten den in Rage gefallenen Sklaven wieder gebändigt, ihn zur Vernunft gebracht. Nun würden sie wohl alle bald aus dem Kerker treten, würden die Sklaven mit sich bringen. Das Lager war bereits komplett abgebaut. Nur mehr verkohlte Schuttreste, verbrannte Knochen und die Befestigungsbarrikaden, also die zugespitzten Holzpfähle und die kleinen Gräben zeugten von den einstigen Bauten und Leben auf diesem Gebiet. Zwei Kamele. Zwei Kamele und um die fünfzig Mann. Das war also geblieben von der einstig so kleinen, stolzen Privatarmee des Sklavenhändlers Abd-al-Qadir. Sie mussten die Wagen zurücklassen. Jeder seinen Proviant selbst schleppen. Einen Wagen bräuchten sie für die zwei Sklaven. Für den Rest waren nicht genug Kamele vorhanden. Was würden die Adeligen zu Hause in Sehir wohl dazu sagen. Sie würden sagen das Abd-al-Qadir zu alt wäre zum Sklavenjagen. Dass er kein Heer, keine Expeditionen mehr führen könnte. Er solle in den Ruhestand gehen und in seinem Reichtum leben. Reichtum, das er nicht lache. Der Sklavenhändler gehörte zu dem eher verarmten Adel, vor allem durch diese nun mehr als fehlgeschlagene Mission. Er würde gerade genug Geld besitzen um sein Haus und Familie erhalten zu können.

Ja sein Haus, es war nicht mehr als jedes andere einer etwas höheren Familie. Er, der Sohn eines der erfolgreichsten Sklavenjäger, musste sich ein Gebäude kaufen, das sonst nur die Menschen der Handwerkerkasten bewohnten. Es war nicht klein, das musste er zugeben, doch in höherer Gesellschaft zu sein und ein Haus wie seines zu besitzen war mehr als nur erniedrigend. In einer Gesellschaft, in der nur noch Geld und Macht zählt, war ein großes Wohnhaus von größter Wichtigkeit. Doch alles in allem war es nicht schlecht. Mitnichten. All den anderen Bauten in der Hauptstadt gleich, war auch das des großen Sklavenhändlers aus Sandstein mit abgeflachtem Dach gebaut worden. Offene Fenster und eine alte, schwere, dunkle Holztür. Sein Haus lag nahe dem Händlerdistrikt der Metropole. Alles in allem war diese in mehr oder weniger sechs Zonen aufgeteilt worden. Eben das Händlerviertel, auf dem jeden Tag unter hektischen Treiben die gleichen Waren angeboten wurden. Ob saftige Melonen, getrockenete oder frische Feigen, Orangen, Granatäpfel oder Zitronen oder Gewürze wie Thymian, Sesam oder Zimt. Salz, Fleisch von jeglicher Kreatur das im Reich bekannt war, Übermengen von Sardinen und anderen schwimmenden Meeresbewohnern.
 

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Seeigel, Miesmuscheln und sogar Robbenfleisch aus den tiefsten, südlichsten Regionen dieser Erde. Und dies waren erst die Lebensmittel die der überwältigend große Basar der Hauptstadt Sehir anzubieten hatte. Waffen, Schmuck, alle möglichen Altags Gegenstände und Möbel. Lebende Tiere sowie feine Stoffe. Vögel, Hunde, Katzen, Kamele oder auch Pferde. Abd-al-Qadir erinnerte sich gerne an den Basar. Überall war Trubel. Es wurde gefeilscht, verkauft und auch gestritten. Und da war dann auch sein Platz, die Sklavenhändleragora. Dort würde er wieder stehen und zu besten Preisen seine Sklaven anbieten. Und jeden Tag würden wieder tausende Menschen durch den Basar ziehen. Ein Schmelztiegel des Handels. Und er freute sich, der Sklavenhändler freute sich wieder auf Sehir, denn obgleich er mehr oder minder versagt hatte, doch war es ihm lieber dafür in dieser Stadt der Städte verhöhnt zu werden, als hier auszuharren, in dieser kalten, unwirtlichen Gegend, die von Wald und Grass nur so überschwemmt wurde. Neben dem Basar gab es dann als nächstes wichtiges Viertel die Wohnbezirke. Mehr als drei Viertel der ganzen Einwohnerschaft, die eine stattliche Zahl von fünf Millionen betrug, lebten in diesen Bezirken. Eng an eng standen die Bauten, eng an eng lebten die Menschen in ihnen. Nur die etwas reicheren konnten sich kleine Hügel erwerben, auf denen sie ihr Haus bauen konnten, und etwas abseits von dem ganzen Straßenlärm, den Huren, den Krawallen und hin und wieder statt findenden Revolutionsversuchen leben zu können. Abd-al-Qadir hatte das Geld dafür bezahlt. Nun thronte sein Häuschen auf einem kleinen Hügel, und man konnte wunderbar die Wohnungen derer überblicken die nicht so viel Glück oder Geld hatten wir er. Obwohl sich der Sklavenhändler zunehmend solidarisch gab, wurde immer wieder, wenn er über seinen Balkon blickte so etwas wie ein kleiner Funken kindlicher Schadenfreude in ihm wach.

Das untere Fußvolk in den beengten Hütten und er in seinem winzigen Palast darüber. Wie schön war doch die Welt. Neben den Wohnbezirken gab es dann noch die Lustgärten. Eine gigantische Gartenanlage mit Shisha Bars, Harems und Teehäusern. Dschungelbäume aus dem fernen Osten sowie Palmen aus der Region, Blumen und Gräser, künstlich angelegte Seen und Brunnen, Aquädukte und Wasserspender. Sie war herrlich. Man konnte den ganzen Tag durch die Gärten wandeln, Tiere beobachten und einfach frische Luft einatmen, ohne am Ende dieses schon alles gesehen zu haben. Der Garten war unvorstellbar groß. Bewässert wurde sie, wie alle anderen Leitungen der Stadt durch fünf Oasen aus dem Umland. Aquädukte lieferten das frische Wasser direkt in die Wüstenhauptstadt. Ja es war wahrlich eine Wüstenblume. Aus dem Sand gestiegen lag sie mitten in einer unwirtlichen Gegend, und doch verging sie nicht. Eine Kaktusblume. Direkt neben den Gartenanlagen schloss dann schon der Kasernenbezirk an. Dieser bestand aus fünfzehn einzelnen Kasernen, die jeweils bis zu fünftausend Wehrpflichtige oder zwangsrekrutierte beherbergen konnten. Nicht mit eingeschlossen waren aber die Privatheere, die von größeren Gilden oder Sklavenhändlern unterhalten wurden. Dies war allein das Heer des Sultans, der seine Soldaten immer direkt befehligte. Leider oder auch Glücklicherweise war dieses Heer niemals zureichend ausgerüstet. Zwar wurden schon vor Jahren neue Waffen versprochen, doch kämpften die Soldaten des Sultans nach wie vor mit den Waffen ihrer Vorgänger. Von Kriegen abgenutzt und vollkommen veraltet. Reine Kupferwaffen. Pah! Kein Krieg konnte mit solcher Ausrüstung betrieben werden. Nun denn, nebst den Kasernen, die wie kleinen, steinernen Burgen gleich aus dem Erdboden ragten, gab es nur noch das Handwerksviertel. In diesem Bezirk standen die Betriebsgebäude. Schreinerhütten, Schmelzöfen, Waffenschmieden. Doch zur gleichen Zeit standen in diesem Viertel auch die Schulen und Universitäten. Diese waren aber in einem weit genug entfernten Abstand zueinander aufgebaut, wodurch eine mögliche Lärmbelästigungsanzeige im Keim erstickt wurde. Würde man durch dieses Handwerksviertel wandern, man könnte den ganzen Tag über Hämmer, Hobeln und Wasserzischen hören. Es war einfach ein riesiger Betreib. Die gesamte Stadt. Händler kamen und Händler gingen. Karawanen brachten Waren in die Metropole und nahmen andere wieder mit um sie höchst wahrscheinlich gewinnbringend in einer anderen Stadt zu verkaufen. Trotz all den Mängeln die Sehir hatte, keine andere Stadt der Welt die Abd-al-Qadir kannte würde ihr gleichkommen. Die Mutter aller Metropolen. Das Leben, all die Möglichkeiten in dieser Wüstenblume, wenn man nur etwas Geld besaß. Der Sklavenhändler war schon immer in die Hauptstadt des Reiches verliebt gewesen. Und er würde sie immer als die Mutter alles Lebens ehren. Ja, Sehir, die Göttin aller Häuser. Als letztes, aber durchaus wichtigstes Viertel war eigentlich nur mehr der Palast des Sultans zu nennen. Die hohen, spitzen Zwiebeltürme, die gigantischen, aus Sandstein geformten Palastanlagen. All die gigantischen Springbrunnensysteme, die das klare Oasenwasser über zwanzig Meter in die Luft schleudern konnten, um es dann wieder mit ihren kreisrunden Mäulern aufzufangen und es wieder zu verschlingen. Es war ein richtiger Komplex. Der Palast alleine machte ein ganzes sechzehntel der Metropole aus. Das Königshaus war einfach nur Prunk und Pomp in höchstem Masse. Hunderte Eunuchen und Dienerinnen betreuten die alleine die Konkubinen des Monarchen. Viele der unehelichen Söhne wurden dann noch in den Bäuchen der Frauen tot gemacht, sodass niemals irgendeine Promenadenmischung den Thron des Reiches erkriechen könnte. Ja der Sultan, er war ein junger, schwacher Mann. Seine Verwanden, alle schielten sie schon nach dem Thron. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis der Sultan eines Morgens ermordet aufgefunden werden würde. Doch bis dahin, bis dahin musste man versuchen den Zorn des schwachen Mannes nicht auf sich zu ziehen. Denn ja, der Monarch war nicht willensstark, doch Bestrafungen vollziehen konnte er wie kein anderer. Und niemand wollte unbedingt gepfählt vor den Toren der Stadt hängen, nur wegen eines Fehlers der normalerweise durch eine Entschuldigung vergessen worden wäre. Doch etwas vermisste Abd-al-Qadir an seiner Stadt der Städte. Etwas das sie schon seit über einem halben Jahrhundert verloren hatte.

Die Magie. Während andere Staaten sich diesen Künsten sogar verschworen haben, lag ihr Reich zaubermäßig weit im Hintertreffen. Der Sklavenhändler hatte Zauberer schon immer bewundert. Für ihre Künste in der Magie, für ihr Wissen über die Welt. Abd-al-Qadir wusste nicht viel über die Welt. Er wusste von seinem Reich, dem Staat der Insanlar. Er wusste von anderen Reichen. Von vielen anderen Reichen. Er wusste von den Konflikten der anderen Menschen, den anderen Rassen. Doch mehr wusste er nicht. Er kannte das Umland um seine Heimat nicht. Er kannte auf dieser Seite der Erde niemanden. Keinen Ort. Er wusste nicht, was jenseits dieses Tales im Norden lag. Er wusste dass irgendwoher aus dem Norden Händler kamen. Doch mehr nicht. Sein Wissen war eingeengt. Wie gerne, so liebend gerne würde er mehr erfahren wollen über den gesamten Planeten. Doch das Wissen über all diese Dinge war in seinem Reich versiegt. Auf die letzten, alten Zaubermeister hörte niemand mehr. Den Insanlar war es egal, egal was für abartiges Zeug alte Männer mit langen Bärten brabbelten. Waren sie doch nicht mehr als Relikte vergangener Zeiten. Als Magier noch die angesehensten Schichten in der Bevölkerung bekleideten. Doch nachdem die Sultane an die Macht gekommen waren, war es auch mit der Macht der Magier vorbei. Keiner wollte mehr Zaubersprüche ausüben, Feuer aus seiner Hand werfen können und Tote zu neuem Leben erwecken. Viel mehr haftete man sich nach der Wende an die Füße der Wissenschaftler. Und diese hatten auch einige nennenswerte Erfolge erzielt. Doch alles in allem stimmte es den Sklavenhändler traurig. Traurig das all das Wissen seines Volkes in einen bodenlosen Loch der Dummheit und Intoleranz verschwand. Das arme Volk der Insanlar. Er blickte auf. Alle starten ihn an. Wie lange war er abwesend gewesen? Abd-al-Qadir räusperte sich zutiefst. Der Bart verdeckte die Schamesröte auf seinen Wangen, doch nicht die des gesamten Kopfes. Er hüstelte. Alle waren sie bereits da. Selbst die Gefangenen schon verladen. Jeder horchte nur mehr auf das Wort des Meisters. Und dieser war mit seinen Gedanken so weit weg gewesen. Der Sklavenhändler räusperte sich, strich durch seinen Bart. Einige Soldaten schauten sich fragend an, tuschelten in den hinteren Reihen. Sie alle waren mit den letzten, tragbaren Waffen ausgerüstet worden. Ihre Schleier schienen nicht zerfetzt, wohl war es die Ersatzkleidung. Jeder von ihnen trug einen kleinen, runden und ledernen Schild auf dem Rücken, eine Wurflanze und jeweils einen Eisendolch oder eines der vielen Bronzeschwerter, die einst so verstreut im zerstörten Lager gelegen haben. Sie alle standen in Reih und Glied. Fünf mal Zehn. Der Leutnant, abgesehen von Abd-al-Qadir dir letzte Führungskraft in der Truppe hatte sich durch eine einfache Konstruktion aus Lederbändern und einem mehr als kleinen aber umso hohen Weidenkorb die Standarte des Meisters an seinem Rücken befestigt. Und die Gefangenen, sie waren wirklich so fürchterlich zugerichtet worden wie der Bote es gesagt hatte. Dieser Hurensohn. Den Tod hatte er verdient. Und er hatte es verdient ihn ohne Begräbnis in dieser erdigen Höhle die einst den Kerker darstellte liegen zu lassen. Anders hatte er es nicht verdient. Ja die Sklaven, sie saßen nun im Käfig, der eine wohl noch etwas betäubt vom Gift oder der Misshandlung. Dem anderen hatte man, nachdem ihm sein halbes, nach oben spitz zugelaufenes Ohr abgeschnitten hatte auch noch zusammengeschlagen und dann erst verarztet. Er trug einen blütenweißen Verband um sein linkes Ohr, oder zumindest um die Hälfte des Ohres. Seine Nase hatte geblutet, verkrustete rote Flüssigkeit zeugte davon. Zumindest war er ansonsten wohl unbeschadet. Doch dies war schon genug um den Preis um mehrere Goldstücke sinken zu lassen. Die Käfigtüre was aus Eisen. Der ganze Transportkäfig war aus Eisen und normalerweise für Tiere wie Löwen oder Hyänen geschaffen. Unter normalen Umständen müsste er die Heimreise überstehen. Den Rest dieser Gefährte musste der Sklavenhändler schweren Herzens zurücklassen.

Sie waren alle nur geliehen. Alleine die Wagen hatten ein kleines Vermögen gekostet. Er hatte sie zu teuer geliehen. Es war trotz allem mehr als mindere Qualität. Die einzige Ausstattung die sie besaßen war ein Loch in der Mitte des Wagens, zu klein zum hindurch schlüpfen. Nun ja, man konnte sich bereits denken für was dieses Loch zu sein schien. Mehr war nicht. Es waren Billigwagen. Sie selbst mussten die Wagen mit viel Heu und Stroh auslegen, wollte man vermeiden das die Gefangenen noch abgewrackter in der Hauptstadt ankamen als sie bereits waren. Beide saßen sie da in ihrem kurzweiligen Zuhause, resigniert, sagten nichts, blickten auf den Boden. Abd-al-Qadir schoss ein kalter Schauer über Rücken den Rücken. Die Kreaturen, diese Gefangenen, sie waren arm. Arm, Hilflos. Ihrem neuen Schicksal ausgeliefert. Und all dies war seine Schuld. Er hatte sich doch gefangen. Er war derjenige der sie in die Sklaverei, in einen ewig währenden Teufelskreis führte. Alles durch seine Hand entstanden. Er wusste was er tat. Abd-Al-Qadir war sich seiner Daten bewusst, war es sich immer bewusst gewesen. Er würde diese Sklaven nun in eine oder besser in die Welt der Gefangenschaft führen, würde sie in ein Labyrinth stoßen, aus dem man keinen Ausweg finden konnte. Es war falsch. Es war immer falsch gewesen. Egal ob Menschen, Orcs oder all diese anderen Kreaturen.

Immer war es falsch gewesen einem Lebewesen seine Freiheit zu berauben. Der Sklavenhändler bewundernde immer seinen Vater, das dieser ohne zu viel Drumherum Gefangene zu tausenden nach Sehir gebracht hatte. Das Volk der Insanlar, Ehre war kein Begriff mehr in einem Staat der von Geld und Macht regiert wird. Und die Selbstzweifel des Sklavenhändlers fraßen sich einmal mehr mit ungeheurer Geschwindigkeit durch seine Gedärme, schmerzten. Es war ungerecht. Und Abd Al Qadir wusste es. Doch nun, nun müsste er es wieder einmal zu Ende bringen. Wie er es so oft schon getan hatte. Ja er würde mit diesen Bestien in die Metropole treten, würde sie präsentieren. Er würde die Kosten decken. Er würde sogar etwas einnehmen. Es war doch egal ob diese Kreaturen starben, es zählte nur seine Männer, sein Geld. Zumindest versuchte er sich dies so einzureden, um nicht wieder Schmerzen ertragen zu müssen. Er blickte auf. Seine Soldaten warteten immer noch. Der Kommandant mit der Fahre auf dem Rücken Schritt nach vorne, flüsterte dem Meister leise ins Ohr. “Oh Herr, die Männer warten, warten auf ihre Worte”. Er wusste es. Er sollte nun eine Rede halten. Doch wollte er nicht. Abd-al-Qadir wollte zu diesem Thema keine Rechenschaft geben, wollte es einfach nur zu Ende bringen. Der Meister richtete sich langsam auf, sattelte sein Pferd, sprang auf diesem auf und hielt den bronzenen, kalten Knauf seines Krummschwertes. Er blickte in die Runde. Nun würde er sprechen. Würde diese kleingeistigen Männer, diese ungebildeten aber loyalen Soldaten mit seinen Worten Mut machen. Er würde den Mob nun mit seinen Worten befriedigen, wie Hunde mit einem Stück gebratenen Rinderfleisches. Er würde ihnen wieder eine seiner Geschichten erzählen, von all den Reisen die sie schon bestanden hatten, und Mut würde er ihnen machen. Gespannte Augen blickten auf ihn. Abd-Al-Qadir räusperte sich wieder. “Wir brechen auf!” Kurze Rede, aber es wurde zumindest Verstanden. Er hatte keine Lust wieder irgendeine Geschichte zu erfinden. Nicht mehr heute. Es war doch alles egal. Und Abd-al-Qadir wollte nur mehr nach Hause. Und so marschierten sie zu, auf den Eingang des Tals. Zuerst zwanzig der Soldaten, dann Abd-al-Qadir und ihm nach die restlichen zweiunddreißig. Und dahinter saßen die Gefangenen in ihren kamelgelenkten Käfigen. Stiefel stampfen. Kamelhufe trampelten langsam über kalten, erdigen Boden. Und die Bestien blickten resigniert auf den Boden ihres einstweiligen Zuhauses. Einer ungewissen Zukunft entgegen. Und die Sonne stand bereits wieder kurz vor dem Untergang. Es wurde Dunkel, es wurde wieder kalt. Doch es war viel Kälter als normal. Das Tal wollte das verlassen verhindern. Eine mehr als schwächliche Hilfe für die Sklaven. Eisige Kälte.
Yul blickte zu dem schwarzen, zusammengeschlagenen Wolf neben sich, und Sander betrachtete den blutigen, braunen Stammesgenossen. Es war doch alles egal geworden. Warum diese Bestien sie nun auch noch verschleppten. Ihre Pranken waren gefesselt. Und nun, nun würden sie in das Reich des Nebels einkehren, und die Mühlsteinköpfigen Monster würden sie alle töten. Somit konnte man mit einem leicht ehrenhaften Tod rechnen. Sander war müde. Schrecklich müde. Er döste ein, riss sich wieder aus dem Halbschlaf nur um einige Sekunden später die Müdigkeit wieder siegen zu lassen. Immer wieder blickte er, sofern er nicht gerade gegen die Schwumrichkeit anzukämpfen hatte, zu seinem Artgenossen, der resigniert entweder auf den holzigen Boden oder die grauen Eisengitter betrachtete. Und der Nebel wurde dichter. Je weiter sie in die steinerne Schlucht hinein rollten, desto weniger konnte man seine eigne Schnauze vor den Augen erkennen.
 

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Der schwarze Wolf blickte zurück. Langsam verschmolz das grüne Tal, das er sein Leben lang sein Zuhause genannt hatte mit dem Nebel, bis die Farben endgültig in einem penetranten Grauweiß untergingen. Er spürte keine Trauer, etwas Furcht vor weiteren Misshandlungen durch diese Kreaturen, aber keine Trauer über den Verlust seiner Heimat. Es war ihm doch egal. Yul sah das wohl in ein etwas anderes Licht. Sehnsüchtig reckte er den Kopf nach Norden, als ob er versuchen würde so lange wie möglich seine Heimat zu sehen. Nachdem auch der letze grüne Fleck hinter einem kalten, feuchten Vorhang verschwunden war, blickte der braune Wolf wieder mehr als demoralisiert zu Boden. Es tat Sander weh, es tat ihm weh und Leid Yul so zu sehen. Sie waren wirklich nicht gekommen. Doch es war auch absehbar gewesen. Wölfe kamen nie um jemanden aus einer Gefahr zu reden. Sie waren viel zu rationell und gefahrenabwiegend eingestellt als sich darauf einzulassen. In einer gewissen weiße hatten sie ja recht. Wäre es nicht Yul gewesen, Sander wäre niemals mit in dieses verdammte Dämonenlager gelaufen. Doch, es war eben Yul, und Sander war eben mitgegangen. Dies war nun der Preis dafür. Oder, natürlich, es war Schicksal. All dies musste so passieren. Sie hatten den Stamm gerettet. Ihre Lebensaufgabe war erfüllt. Der Rest war nun ein absehbarer Tod und ein ehrenhafter Platz unter den Geistern der Ahnen. Sander glaubte ans Schicksal. Er hatte immer daran geglaubt. Auch wenn er den schwarzen Humor dieses Phänomens nicht immer teilen konnte. Ja, das Schicksal gibt und nimmt, und alles liegt in den Pfoten des großen Wolfes. Und wenn dieser nun entschieden hatte dass sie sterben müssten, dann sollte es eben so sein. Dann war es so. Ein sterblicher Wolf wie Sander, auch wenn er ein Schamanenlehrling war, würde nichts daran ändern können. Doch warum, warum hatten die Kreaturen sie nicht bereits umgebracht? Weshalb all diese Quall und dieses Verschleppen? Brauchten sie Nahrung für ihre Kinder? Es ergab doch all dies keinen Sinn. Doch nun ja, warum sollten göttliche Gedankengänge für einen sterblichen auch ergrüntlich sein? Sander platzierte sich etwas neben Yul, gähnte. Dieser sagte nichts, wollte nichts sagen und drehte denn Kopf zur Seite, leicht weg von Sander, der versuchte irgendwie die Aufmerksamkeit des trauernten Wolfes auf sich zu lenken. “Yul?” Yul sagte nichts. Sander blickte direkt auf dessen Gesicht. Er wollte nicht das Yul trauerte. Gerade das, dieses depressive Verhalten des braunen Stammesgenossen veranlasste Sander zu seiner Resignation. Er biss sich auf die Zähne, ließ den Schweif von einer Seite auf die andere fallen. “Yul?” Sander fragte noch einmal. “Yul?” Und noch einmal. “Was?”, der braune Wolf wollte nicht in seiner Niedergeschlagenheit gestört werden, und somit kam die Aussage als genervtes Raunzen herüber. “Ich... ich wollte nur sagen das es mir Leid tut.” “Weshalb...?” “Da ich... ich weiß nicht, es kommt mir vor als ob alles meine Schuld wäre”. “Ist es nicht”. “Gut, wenn du dass so sagst” “Ich sage es so” Sander schwieg. Dumme Diskussion. Nutzlos. Der Nebel lag nun so dicht um die Wölfe, dass man selbst sein Gegenüber nur schemenhaft erkennen konnte. Die Kämpfer der Monster riefen sich immer wieder Kehllaute zu, wohl um sich nicht total im Nebel zu verirren. Und etwas kristallisierte sich für Sander nun endlich heraus. Die Kreatur die auf dem Monster ritt das etwas von einem nackten Schaf hatte, nur wesentlich größer und schwarz war, diese Kreatur war wohl der Anführer. Er trug kein vermummtes Gesicht. Wenn er sprach, dann hörten die anderen zu, ohne zu reden. Es musste der Anführer sein. Der Herrscher über diese Truppe aus Dämonen. Und was Sander mit der Zeit auch interessierte: Wo blieben die Mühlsteinmonster? Wo waren sie mit ihren mächtigen Gesteinsköpfen, den metallenen Krallen und bronzenen Panzern. Den giftigen Stacheln und rostigen Klauen. Nirgends war auch nur ein Anzeichen von ihnen zu sehen. Zwar gab das Gebirge um sie herum, das sich so hoch in den Himmel erstreckte, das sie komplett im Nebel verschwanden, hin und wieder ein leicht unangenehmes Echo oder knarzten und schlagen von Stein von sich, doch dies war bereits alles. Keine Monster erschienen um sie umzubringen, ihre Gebeine zu Nebel zu verarbeiten. Niemand. Und der Nebel verschwamm vor seinen Augen zu einer Suppe. Einer dreckigen, grauen Suppe die alles zu verschlingen schien dass sie umfasste. Und so dermaßen dicht, als ob man mit einer Waffe Stücke heraus schneiden hätte können. Doch Sander besaß nun mal keine Waffe, und genauso wenig Yul. Ein Rad knirschte, es prallte gegen einen Stein. Der Käfigwagen wippte auf und ab. Es war nichts passiert. Nur Yul war für einige Sekunden aus seiner Traurigkeit gerissen worden, blickte erschrocken um sich, bevor er wieder in seiner eigenen, schwarzen Welt versank. Sander sah es nicht genauso. Für ihn gab es immer irgendeinen Sonnenschein. Irgendwo war immer Licht, immer etwas Positives. Zumindest tat er so nach außen hin. Und so vergingen Stunden im Nebel. Den im Nebel vergingen Stunden wie Minuten, Tage wie Stunden. Keiner wusste ob es Tag oder Nacht war, sie fuhren nur. Egal wie viel Zeit verging, man sah nicht ob es Tag oder Nacht war. Den diese feuchte Wolke war all diese Stunden hindurch nur eins: penetrant grau. Denn der Nebel war zeitlos. Denn es war ein Nebel ohne Zeit. Wie sollte auch im Reich des göttlichen so etwas wie Zeit relevant sein. Sie würden wohl auf ewig verdammt dazu sein, in dieser Suppe zu irren und irgendwann eines grausamen Todes zu sterben. Die Götter kannten kein Erbarmen. Sander blickte einmal mehr in die Richtung von Yul, zwar konnte er nicht mehr als eine schemenhafte Darstellung von diesem erkennen, doch wusste er das dieser dort sitzen würde. Der braune Wolf starrte immer noch auf die grauen Gitterstäbe, zurück in die Richtung wo sein Zuhause lag. Yul war mehr als nur traurig. Das spürte Sander. Es würde jeder in diesem mobilen Käfig spüren, aber es waren eben nur zwei Personen hier. “Yul?”

Der schwarze Wolf fragte noch ein letztes Mal. “Was?” “Hm, was sollen wir jetzt tun?” Der braune Wolf schwieg. Er schwieg nicht weil er keine Antwort geben wollte, er hatte einfach keine. “Nichts, wir können nichts tun”. Beide schwiegen wieder, beachteten den Nebel nicht mehr, blickten nur noch zu Boden. Sander, da er nichts Besseres zu tun wusste und mit seinem Leben mehr als abgeschlossen hatte und Yul weil seine Trauer zurzeit sein Herz, seine Seele gefangen hielt. Und dann, nachdem Schwarz bereits wieder in Versuchung gekommen war einfach die Augen zu schließen und Braun immer noch wie ein geborener Pessimist auf den kalten Holzboden starrte erstrahlte plötzlich ein gleisendes Licht, zerstörte die Wolken um den Käfig, den Kreaturen, flutete das gesamte Areal. Es war Licht. Es war Tag. Es war Sonnenschein.
Sie hatten wieder aus dem verfluchten Tal gefunden. Die Sonne lachte strahlend vom Himmel, keine Wolke durchzog den meeresblauen Himmel. Wahrlich, sie hatten es geschafft. Die Heimreise würde dauern, doch es gab so gut wie keine Gefahren mehr bis man endlich in Sehir einziehen würde. Das Gras rauschte, die vielen kleinen baumlosen Hügel in der Umgebung waren alt. Sehr alt. Wohl waren sie einst mächtige Berge gewesen, vielleicht auch nicht. Im Gegensatz zu dem Gebirge, diesem Atoll aus Bergen die das kleine Tal umschlossen, schien alles so flach und unscheinbar. Die ganzen schroffen Felsen die so plötzlich ausgestampft worden zu sein schienen, passten überhaupt nicht in die Landschaft. Als ob man ein ganzen Tal einfach verpflanzt hätte, in eine komplett anderen Teil dieser Welt. Nebel überzogen die Gipfel. Sie wirkten bedrohlich. Das Gebirge war wütend. Es donnerte, grollte hinter den Sklavenhändlern. Die niedrigen Wolken blieben in den Felsen der Berge hängen, steckten fest. So entleerten sie ihre Wut außerhalb des Tals. Nur wenige, leichte Regenwolken konnten das Gebirge überfliegen, konnten die Innereien der Kette aus Gestein erreichen. Von außen konnte man erkennen dass die Gipfel der übergossen Anhöhen verschneit waren. Ein Dröhnen rauschte herab. Große, überschwere dunkle Wolken hingen an den Seiten des Gebirges, wurden von diesem gefangen. Abd-al-Qadir hob seinen alten, knorrigen Zeigefinger in die Höhe, prüfte den Wind. Er würde bald drehen, würde die Wolken wenden. Und zwar in ihre Richtung. Bis dorthin mussten sie an einem anderen Ort sein, wollten sie nicht wieder Tote durch heftigen Blitzschlag erleiden wollen, so wie es bereits bei der Anreiße passiert war. Doch die Soldaten machten sich bereits fertig um zu rasten. Sie wollten nicht mehr gehen. Feldflaschen wurden geöffnet, Wasser in Kehlen gegossen. Waffen in den erdigen Boden gerammt, hingesetzt und durcheinandergeredet. Das konnte doch nicht wahr sein! “Was, bei den Göttern, macht ihr da?”, der Meister schrie die Worte gerade zu heraus. Sofort kehrte Stille ein. Der Kommandant, der dem ganzen Treiben mit leichter Sorge vor der Richtigkeit dieser Aktion beobachtet hatte aber nicht Manns genug gewesen ist einzuschreiten zuckte zusammen. Er trat vor das Pferd des Sklavenhändlers, dieser saß ungehalten auf diesem und blickte streng auf den hochrangigen Soldaten. “Herr, die Soldaten sind müde und hungrig. Wir sollten rasten.” “Wagt ihr etwa meine Entscheidung infrage zu stellen? Ich sage wenn wir rasten, oder wollt auch ihr von einem Blitz erschlagen werden?” Und mit diesen drohenden Worten richtete Abd-Al-Qadir seinen Finger, der zuvor noch die Windrichtung abgemessen hatte auf eine der tiefgrauen Wolken, die langsam, fast unscheinbar näher rückte. “Nein, nein Herr”, antwortete der Kommandant zögerlich, blickte sich dann um und begann so laut der konnte aufzukreischen: “Ihr Hurensöhne, auf eure faulen Beine! Sonst bekommt auch ihr den Holzstock zu spüren!” Die Stimme des ranghöheren klang weder bedrohlich noch sonderlich autark. Ein hysterisches Geschrei, den die Stimme schwoll so hoch an das sie nicht einmal mehr männlich klang. Doch zumindest half die Aussage des Satzes. Unter Verfluchungen des Offiziers richteten sich die Soldaten rasch wieder auf, bereit ohne Schläge weiterzumarschieren. Der Offizier blickte wieder zum Meister, der Meister nickte leicht und Weise, der Offizier blickte zu den Soldaten, die Soldaten standen kerzengerade, Waffen wieder in den Händen, niemand saß mehr. “Und weiter!” Und so marschierten sie. Der Sklavenhändler wusste den Weg genau. Sie würden nun eine ganze Woche lang durch Grasgebiet und Wälder wandern, dann durch Savannenartige Areale und schließlich würde auch das letzte bisschen Pflanze im stetig mehr werdenden Wüstensand versinken. Sie würden eine Woche lang durch die Wüste gehen. Bis zum Sonnenuntergang würden sie marschieren. Dann würden sie rasten und wieder marschieren. Und dies für die nächsten drei Wochen. Jeden Tag. Das Ziel immer voraus. Heimat.

Es war unfassbar. Einfach unglaublich. Durch welches Tor zu einer anderen Welt waren sie geschritten? Wo war all der Nebel von dem Amon erzählt hatte. Wo verdammt waren die Mühlsteinkreaturen? Und warum war er noch am Leben? Sanders Gedanken schossen wir durch seinen Kopf, bereiteten ihm Schmerzen. Sie waren noch im Nebel, er bildete sich das alles ein. Es konnte doch gar nicht wahr sein. Es gab keine Welt außerhalb des Tals, es durfte keine geben. Er blickte auf das Bild das sich ihm bot. Unendlich weite Grasebenen, kein Baum säumte den Blick. Grünes Gras, das sich sachte im Wind bewegen zu schien. Der schwarze Wolf sackte im Käfig zusammen. Starr auf die Welt dort draußen blickend. Es gab keine Mühlsteinmonster. Es gab keinen Nebel. Es war alles wahr. Warum, warum hatte Amon alle im Stamm angelogen? Was hatte es sich gebracht? So viele Fragen. Sander war mehr als verwirrt und begann ungemein depressiv zu werden. Wie? Was und Wo? Und natürlich Warum? Er dachte er würde sterben, durch die Klauen der Nebeldämonen. Aber dort waren gar keine dunklen Mächte gewesen. Es war nur Nebel gewesen. Einfach nur nasse Wolken. Es ergab doch gar keinen Sinn. Yul blickte zwar etwas verwundert durch die Gitterstäbe, sagte aber nichts zu den Geschehnissen. Er wollte es gar nicht wissen. Einfach nur sterben. Sander biss sich auf die Lippen. Er musste alles überdenken. Genauestens überdenken. Neugierte, unberechenbare Angst und Wut kämpften in seinem Gehirn einen mehr als fairen Kampf, doch ganz auf die Kosten des Besitzers. Sander verstand nicht. Wusste nicht. Seine ganze Welt in weniger als zwei Tagen auf den Kopf gestellt worden. Viel zu viel war in solch kurzer Zeit passiert. So viel das er nicht verstand. Dass er nicht verstehen konnte. Noch nicht. Sander war kurz davor das Wasser der Trauer aus seinen Augen rinnen zu lassen. Wie konnte ihnen der große Wolf so etwas nur antun. Was wenn diese Kreaturen, diese ekelhaften, häutigen Wesen die sie gefangen hatten sie nun doch nicht töten würden, sondern Dinge die viel schlimmer wären als der Tod. Er wollte das nicht. Sander wollte nicht noch einmal solch einer Misshandlung ausgesetzt werden. Und nun hatte er Angst. Angst und Neugierte. Wut war abgefallen, verschlungen von der Angst. Und dieser Welle drohte nun auch das Interesse auf Neues zu zerstören. In diesem Moment wäre es am besten gewesen, wäre all dies niemals passiert.
 

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Sie durften sich nicht erinnern. Sie würden sich nicht erinnern. Das musste Waweru gewehrleisten. Er würde es gewehrleisten können. Selbst wenn es ausgeschlossen war das diese Sklaven ausbrechen würden, so war es doch vonnöten sie daran zu hintern nach Hause zurück zu kehren. Sie würden den Weg nie wieder finden wen er mit ihnen fertig sein würde. Waweru der Giftmischer hatte noch nie versagt. Waweru, Sohn der Steppe, Kind der Savanne wurde er genannt. Der Meister würde zufrieden sein. Sie sollten schlafen, sie sollten für so gut wie zwei Wochen lang schlafen. Es war keine leichte Aufgabe, doch er würde es schon schaffen. Waweru war anders als die Soldaten im Lager. Waweru war der Sanitäter und der Mixturen Hersteller. Er kämpfte so gut wie nie, verarztete und heilte, vergiftete und machte krank. Dies war seine Aufgabe in Abd-al-Qadirs Privatheer.

Oder zumindest was davon noch übrig war. Die Kleidung des Waweru ähnelte auch nicht dem der anderen Soldaten. Sie war fester, lederner. Griffiger. Und er besaß eine Schürze. Eine blutige, dreckige feldbraune Schürze um seine leichte Lederrüstung. Die brauchte er, wollte er nicht von den Blutfontänen die hin und wieder von den Amputationen ausgingen vollgespritzt werden. Sein Volk in der Steppe, nahe der großen Wüste war einst auch von Sklavenjägern gefangen genommen worden. Damals war die Kunst des Heilens und des brauen von Tränken Alltag in ihrem Dorf gewesen. So hatte es der alte Heilmeister gelehrt. Der große Heiler hatte das Volk der Insanlar immer gehasst. Waweru hasste sie nicht. Seine Familie lebte schon seit Generationen in Sehir, hatte eine Schule für Heilpraktiken errichtet. Der große Heiler war der älteste und letzte des einstigen Volkes der Steppe gewesen, der sich noch an diese erinnern konnte. Er war immer wieder in die Steppe zurückgekehrt, hatte dort immer wieder gesessen, geklagt und geweint. Und er hatte allen Kindern der Steppe die Kunst des Giftes gelehrt, und diese hatten es wiederrum gelehrt und so weiter, bis zu der jetzigen Schule in der Metropole des Reiches. Waweru war ein Insanlar. Alle Nicht-Sklaven die in Sehir geboren wurden waren seit ihrer Geburt Insanlar. Und dann hatte er sich entschieden, damals als man ihn zum Militärdienst einzog. Entweder kämpfen oder heilen. Und Waweru mochte nicht kämpfen und wollte heilen. Und darum war der Sohn der Steppe Sanitäter geworden, und nach seinem Militärdienst war er zu Abd-Al-Qadir gegangen, der einen erfahrenen Heiler gebraucht hatte. Und nun war er der Heiler der Privatarmee. Er heilte, amputierte und half wo er konnte. Wie seine Familie es gelehrt bekommen hatte, und wie sie es ihm gelehrt hatten. Ein Sohn der Steppe kämpfte nicht für Geld. Ein Sohn der Savanne kämpfte nicht für andere. Er half nur. Und so tat es auch Waweru. Wie sein Vater, wie sein Großvater war er Sanitäter und würde später in der Schule der Heilkunst andere unterrichten. Denn nur dafür sammelte er die Erfahrungen. Dafür hatte er immer Erfahrungen gesammelt. Es war heiß. Heiß unter der Adlermaske. Aber das Gesetz der Armee verlangte das er wann immer er eine militärische Tat vollbrachte diese Maske tragen musste. So sagten es die Götter. So war es gegeben. Er mischte Mixturen zusammen, legte sie zusammen, kochte auf, kühlte ab. Das Gift musste halten. Für zwei Wochen. Wie, ob und von wem die Sklaven dann gepflegt werden würden wenn sie nur schliefen und stanken wusste er nicht. Aber oftmals hatte Abd-Al-Qadir einige schwarze Schafe in der Truppe die diese Drecksarbeiten übernehmen durften. Sklaven waschen und Kot beseitigen. Welch eine Ehre. Waweru lachte. Nein es war keine Ehre. Und sie brachte auch der Familie keine Ehre, wenn ihr Sohn solch wunderbare Arbeiten vollrichten durfte. Es würden wohl die Neulinge sein. Die Neulinge wurden immer und für alles eingesetzt. Sie waren auch die eifrigsten. Verdruss und Trägheit kam mit der Zeit. Nur die Neulinge, die jünger als zwanzig und älter als vierzehn waren. Aber sie taten es auch noch mit Fürsorge. Sie taten keinen Sklaven weh. So etwas machte man auch nicht. Man brachte keine Wesen um, die Denken und Fühlen konnten. Zumindest nicht aus Spaß. Man fügte ihnen auch keine Schmerzen zu. Byago hatte diese Schwelle aufs gröbste überschritten, war dadurch auch aufs gröbste von den Göttern bestraft worden. Niemand tat so etwas einem Lebewesen an, und nur der Tod konnte die Folge auf ein solches Schänden von Leben sein. Waweru war bei dem Sklavenhändler, da er hier seine Ausbildung machte. Hätte er sie bereits, er wäre niemals zu Sklavenjägern gegangen.

Man sperrte keine Lebewesen ein, schaffte sie aus ihrer Heimat weg. Das war gegen den Willen der Götter der Steppe. Doch hier regierten keine Götter der Savanne, des orangen Grases. Hier, und überall wo die Insanlar hinkamen herrschten ihre Götter, verdrängten die alten Mythen und Geister, zerstörten die Schreine und Tempel, die Haine und Anbetungsanlagen. Bei Eroberungsfeldzügen versteht sich. Es durfte nur die drei Götter der Wüste geben, keine Nebenbuhler durften übrig bleiben. Nur die übermenschlichen Wesen, die drei Götter der Wüste und der Ferne durften überleben. Ölü, der Skorpion-Gott des Todes, war der wichtigste unter den drei Göttern. Er schützte seine Diener, sein Volk in der Schlacht, verhalf den Insanlar immer wieder zum Sieg, solange man fest genug daran glaubte. Er, der große, schwarze Skorpion war erst einmal erschienen, so die Sagen um diesen ominösen, unsterblichen Gliedfüßler. Damals, als in der heutigen Metropole Sehir die ersten Häuser gebaut worden sind, soll er erschienen sein, soll Berge und Meere geteilt haben, den Menschen gezeigt hatte welchen Gott sie verehren sollten. Zu dieser Zeit habe er auch die zwei göttlichen Eier gelegt. Diese hatte Ölü darauf im Wüstensand vergraben, sodass sie wachsen konnten, den die Kinder des Skorpions konnten nur im Sand überleben. Und so bauten auch die Menschen ihre Städte in den Sand, um als Söhne und Töchter des Ölü zu gelten. Und der Skorpion nahm die Menschen auf, brachte ihnen bei was er wusste, erklärte ihnen das Jagen, das Fischen und den Bootsbau. Die Insanlar verehten ihn daraufhin, bauten noch mehr Städte in der Wüste, brachten noch mehr Opfer dar. Nichtsdesto trotz, eines Tages war er verschwunden, nachdem er den Menschen alles beigebracht hatte.Eines Tages sollte er wiederkommen, um den Menschen, dem Wüstenstaat ergo den Insanlar die Erlösung zu bringen. Die würde sich vor allem bei allen anderen Völkern dieser Welt bemerkbar machen, Zerstörung, Vernichtung und Tot würde über sie kommen, darum auch der Name Totengott. Aus den zwei Eiern aber, um die sich die Skorpiongottheit so gekümmert hatte entwickelten sich voll ausgewachsene Wesen, Tas und Bitki, der Gott der Gesteine beziehunsweise die Göttin des Lebens. Wärend Tas sich wirklich zu dem entwickelt hatte das ihm als Reich galt, also zu einem Berg, war Bitki zu einer wunderschönen Palme geworden. Die Göttin wuchs und wuchs, und dies in einer raßenten Geschwindigkeit, durstieß mit ihren Wurzeln unterirtische Quellen, legte ganze Seen frei. Und so galt seit jeher Bitki als die Schöpferin aller Oasen, sodass der Mensch nicht Hunger oder Durst leiden musste. Irgentwann, niemand nicht einmal die ältersten der Alten hatten je einen Gott gesehen, starb Die Fruchtbarkeitsgöttin, doch sie hatte sich bereits so rasend vermehrt das überall an den Oasen Dattelpalmen wuchsen. Und so galten diese Fruchtträger als die Kinder der Göttin, jede einzelne Palme. Man fällte zwar auch die, doch um die göttlichen Kinder nicht zu verergern wurde jedes Jahr ein Sklavenopferfest veranstaltet, um zu zeigen das die Insanlar auch ihresgleichen für die Götter töten würden. Wohl verstanden diese nicht das es sich nur um Sklaven handelte, den bis jetzt war noch kein Meteor vom Himmer gefallen und hatte sie alle erschlagen.
 

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Hitze. Orange, braune Grashalme. Hin und wieder Sand. Einzelne Schirmakazien gaben der Landschaft den typischen, trockenen Eindruck. Trockenzeit. Einzelne Wölken, kleine weiße Schafe des Himmels säumten den ozeanblauen Horizont, schienen unbeweglich in der Luft zu hängen. Die noch grünen Blätter der Bäume bewegten sich leicht in der mehr als dürftigen Brise, ein kaum spürbares Lüftchen, gerade genug um sie eben ein bisschen auf und ab zu wehen. Es war mehr lästig als hilfreich. Einige Heuschrecken, braun gepanzerte Insekten mit mehr als nur leicht Schmerzen zufügenden Mandibeln, saßen auf den trockenen Grashalmen, knapperten und fraßen sich durch das Savannengras. Einige Flugeidechsen huschten durch das Gestrüpp, breiteten ihre kleine Flügeln aus und fingen die Insekten im Flug von ihren Gräsern, begannen sie in der Luft zu verzehren und landeten schlussendlich wieder am Boden um die nährstoffreiche Beute fertig zu verschlingen. Es waren wohl eine Art Drachen.

Zwar waren diese Insektenvertilger nur so groß wie eine Hauskatze, scheu und taten keine Menschen was zu leide, doch hatten sie eine ziemliche Ähnlichkeit mit ihren gigantischen Artgenossen die irgendwo im Norden der Welt ihr Unwesen treiben sollen. Die hellbraunen Schuppen waren matt, glänzten nicht in der Sonne. Die Flügel, ledrig und eingeklappt leicht faltig. Die Tiere konnten sich für einige Minuten in der Luft halten bevor sie wieder auf der Haut der Mutter Erde Platz nehmen mussten. Es waren eigenartige Wesen. Anders. Es gab so gut wie keine Echsen Arten nebst den schuppigen, kleinen Heuschreckenmördern in dieser Savanne. Waren sie nicht gerade auf Beutezug, dann suchten diese Einzelgänger einen sonnigen Platz auf einem der vielen alten, tiefgrauen Steine in der Savanne um Sonnenlicht zu tanken. Alles in allem war es ruhig. Alleine das stapfen der Soldaten, eines Pferdes, zweier Kamele und das Rollen eines mobilen Käfigs war zu hören. Und es war heiß. Eine mehr als unspektakuläres Klima für dieses Terrain vor allem wenn es so nahe an der Wüste liegt, doch für Abd-al-Qadir und seine Männer die sich nun längere Zeit in den kühlen Gegenden des südlichen Nordens aufgehalten hatten war es eine unerträgliche Wärme. Eine Hitze die sich noch ins unermessliche steigern sollte. Die fliegende Eidechse sonnte sich in der Sonne und blickte stumpf aber gleichzeitig auch eigenartig frech zu dem Anführer der Sklavenjägergruppe. Dieser saß schwitzend, entnervt und übermüdet auf seinem schwarzen, heißblütigen Araber, der im Moment aber auch vor Hitze den Kopf gesenkt hielt. Den Soldaten die hinter dem Pferd nur mehr schlenderten ging es ebenso schlecht. Die leichten Jagdrüstungen wurden schwerer, das Leder zog und biss auf der verschwitzten Haut. Augen schmerzten, der Körper materte sich Schritt für Schritt. Die Hände und Arme schmerzten von den starren Lanzen, die sie nun schon so lange in diesen tragen mussten. Schultern schmerzten, Blasen waren schon längst auf den Füßen zu verzeichnen. Und das jammern, dieses ständige Jammern seiner Männer setzte Abd-al-Qadir am meisten zu. Immer wieder dieses lamentieren, dieses stöhnen und murren, jammern und ächzen, quengeln, schluchzen. Er hielt es nicht mehr aus. „Uns tun die Füße weh“, „es ist heiß“, „Können wir keine Rast machen Meister?“ Jedweder Sinn von Disziplin, Anstand war wohl verloren gegangen in diesen zwei Wochen, wagten sie es doch wirklich ihren Meister für eine Rast anzusprechen. Er würde es wissen wenn sie eine Rast brauchen würden. Er wusste es immer, immer bis jetzt. Abd-al-Qadir schnaufte durch, er setzte sich ein Stück auf seinen Sattel zurück, drehte sich ohne jegliche Vorwarnung um. Die Soldaten liefen Gefahr auf den Araber ihres Meisters aufzulaufen. Nur in einigen Sekunden kam der ganze Haufen zu stehen. Die kleine Wolke aus Staub die sich entwickelte, wenn über fünfzig Fuß Paare auf einem Trockenen, unbefestigten Pfad wandern, legte sich nach einigen Momenten. Die Jäger blieben stehen, blickten sich verwirrt um. Nach rechts, nach links. Neben ihnen wuchs das Savannengras bereits bis zu dem Anschlag des Kopfes, nächstes Jahr, sollten sie diese Route wieder begehen, es würde nichts außer Orangen Halmen zu sehen sein. So standen sie also, blickten um sich und auf ihren Meister.

„Nun, wollen die faulen Hunde und Glucken rasten? Wie ihr wollt, eine Stunde noch, dann sind wir in Köy. Dort werdet ihr euch ausrasten, und dann marschieren wir die ganze Nacht! Ist das klar?“ Das Gesicht des Händlers war rot. Rot von der unerträglichen Hitze, rot vor Wut auf seinen armseligen Haufen von Jägern die nicht einmal einen Tagesmarsch in der Savanne überleben würden. Die Soldaten ließen die Köpfe hängen. „Herr können wir nicht nun noch eine Weile marschieren und dafür in der Nacht rasten?“ , der Kommandant stammelte etwas, reichlich untertänig. „Ach wollt ihr das so? Tun eure Füße denn nicht bereits so schmerzen, und fließt euch euer eigener Schweiß nicht schon bis an die Knie? Wir können natürlich auch gleich rasten und am besten jede fünf Minuten wieder, sodass wir bis Jahresende in Sehir sind! Entscheidet euch, entweder in Köy oder in der Nacht auf freiem Feld“. „Dann wäre uns letzteres doch lieber oh Herr“. Der Meister schnaufte aus, rieb sich die Schläfen mit dem knochigen Daumen und Zeigefinger. Sie waren braun gebrannt. Keiner wollte in Köy rasten. Es war ein Kaff. Ein Kaff in der Pampa. Armselige Hütten aus Sandstein, Zweigen und Mörtel. Der Gouverneur der Stadt, eine fette Ratte mit einigen hässlichen Konkubinen. Er war einer von der Sorte die ihr Heim als Hochburg der Schönheit sahen, obwohl bereits der Verputz von der Wand fiel. Einer von der Sorte die getrocknete Trauben und Fladenbrot mit Fleisch als Festmahl ansahen. Ein richtiger Möchte-gern Sultan eines Dorfes irgendwo am vergessenen Rand des Reiches. Dorf. Pah! Eine Ansammlung von Hütten die Aussahen als ob sie für unproduktive Sklaven gebaut worden wären. Eine alte Zisterne in der Mitte des Platzes, daneben ein bis zwei Händlerstände die ihre zwielichtige Ware überteuert und Qualitätslos an die von Armut geplagte Bevölkerung verschacherte. Nun ja, es war eben wieder eine von diesen Vetternwirtschaftsaktionen des Sultans gewesen. Der Neffe zweiten Grates seines Großonkels wollte Gouverneur spielen. Und jetzt hatte er seinen Posten. Mit seinen wenigen Soldaten die aus Zwangs-pflichtigen Jugendlichen rekrutiert worden waren. Kinder stahlen von den Straßen, verwilderte Hunde streiften ohne Gegenwehr durch die Straßen, bissen Frauen und Neugeborene tot. Die Männer hatten keine Arbeit, mussten in der Leibeigenschaft wie Sklaven ackern oder durften für den Sultan des Dorfes Wache vor dessen Palast stehen. Ein trostloser Anblick. Doch so weit weg von dem Zentrum des Reiches interessierte sich niemand so wirklich für die Probleme einiger hundert Menschen. Wieso auch? Es zählte doch nur dass das Banner der Insanlar über dem Miniaturpalast des mittellosen Herrschers hing. Und solange dies geschah gab es auch keine Probleme. Armselig. „Nun denn, dann last uns wieder marschieren!“ Und so setzen sie ihren Weg fort, zwar unter leisem Murren, doch immerhin war es besser jetzt noch zu marschieren als in einem heruntergekommenen Kaff irgendwo in der verdammten Savanne zu rasten und wohl auch noch um das letze Geld gebracht zu werden. Alles war besser als das arme Köy.
 

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Die Lider öffneten sich, Sonnenlicht traf auf die Linse des Auges, spiegelte und so wurde Licht. Wo? Was? Verdammt wo waren sie denn jetzt? Yul lag auf dem Stroh des Gefängniswagens, er wollte seinen Kopf nicht heben, er war zu müde dazu. Schläfrig. Seine Knochen schmerzten, als ob er minutiös gegen eine Holzkante krachen würde. Er blickte aus den Gitterstäben. Sah Gras, Gras und noch mehr Gras. Es war golden, orange, gelb und braun, kurz, lang und länger. Das Zirpen einiger Insekten in der Nähe lag penetrant in seinen Ohren, ließ das schmerzende Hirn erbeben. Seine Gehörorgane pulsierten innerlich, genauso die Schläfen. Zumindest fühlte es sich so an. Er war wohl eingeschlafen. Eingeschlafen nachdem er von Durst gebeutelt diesen Krug Wasser geleert hatte. Und warum war es so unerträglich heiß? Dunstig, anormal warm. Er rollte seinen Kopf auf die andere Seite. Dort lag Sander, sein Schädel lag genauso auf dem hölzernen Boden, er hechelte. Die Augen schlossen sich im Takt mit dem Rollen der holzigen Vollräder auf dem staubigen Pfad. Um es näher zu formulieren, jedes Mal wenn der Wagen über einen Stein hüpfte schloss Sander seine Augen und öffnete sie wieder wenn das mobile Gefängnis ruhiger fuhr. Die Kreaturen, die wohl immer noch marschierten, blickten zu Boden, keuchten, schnauften. Die Kleidung und Nacken der unbekannten Spezies waren durchnässt bzw. tropften leicht, schienen auszulaufen. Ekelhaft. Schwitzen sie etwa? Über die Haut? Welch eine perverse Handlung ohnegleichen. Was waren das nur für abartige Wesen? Yul blickte wieder auf den schwarzen, dieser hatte seine Augen bereits auf ihn gerichtet, starrte ihn an. Hörbares Hecheln. „Hast du geschlafen?“ „Ich bin zumindest vor die aufgewacht“ „Das war nicht meine Frage gewesen“ „Ja Yul, ich habe geschlafen“ „Gut, dann war ich zumindest nicht der einzige“ Irritiert drehte Sander seinen Kopf in die Richtung des braunen, blickte ihn fragend an. „Was… ist ja egal“ Sander murrte und ließ seinen Blick wieder durch die zwar nicht glühenden aber trotzdem furchtbar heißen Eisengitter schweifen. Die ganze Zeit nur Gezirp und blondes Gras. Hin und wieder eine noch nie zuvor gesehene Baumart, hin und wieder ein unbekanntes Tier. Wie lange waren sie wohl gereist während er geschlafen hatte? Ein, zwei Tage? Also konnte das Tal gar nicht so weit weg sein. Sie würden nur dem Weg hinter sich folgen müssen, schon wären sie wieder zu hause. So einfach würde es gehen. Doch wo waren sie nun, in diesem Moment? Alles war so fremd und heiß, staubig und trocken. Einige Mücken schwirrten im mobilen Käfig herum, fanden aber keine Angriffspunkte zum Einstechen. Das Fell der Wölfe war zu dicht. So flogen sie weiter um sich auf die Kreaturen zu stürzen, die kein Fell zum Schutz besaßen. Sie setzten sich also auf deren Haut nieder, stachen sich durch das Fleisch und begannen zu trinken. Schlussendlich wurden sie dann oftmals von einer Hand zerquetscht, doch dies so gut wie immer zu spät. Somit bekamen einige Soldaten immer mehr Pusteln auf deren Nacken, sie stöhnten darunter und murrten noch mehr als sie es schon zuvor getan hatten. „Wo sind wir hier nur hingeraten?“ Schwarz blickte ein bisschen über das Gras, lugte durch den Käfig. „Wenn ich das nur wüsste“, Braun war genauso fraglich wie sein Stammesgenosse. Plötzlich blieben sie stehen, ein Ruck ging durch die Truppe. Die Holzräder knirschten und hielten schlussendlich an. Yul blickte auf die Soldaten vor ihm, konnte nichts erkennen, abgesehen von dem Anführer der Truppe der auf einen hölzernen Pfahl starrte, auf dem zwei genauso holzige Pfeile angebracht waren. Er starrte auf diese und bog dann nach links ab, die restlichen Kreaturen sagten nichts dazu, sondern folgten einfach ihrem Meister. Und schon ging es weiter, und jeder Schritt, jede Radumdrehung brachte sie ein kleines Stück weiter weg von ihrer alten, vertrauten Heimat.
 

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Die Sklaven waren also wieder wach. Auch nicht schlecht. Niemals würden sie den Weg nach Hause finden. Zwei Wochen Schlaf waren einfach zu viel gewesen um Wege zu finden die sie nicht kannten. Waweru marschierte leicht neben den Kamelen, die Sonne schien ihm bereits auf die linke Gesichtshälfte. Bald würde sie untergehen, der Tag würde der Nacht Platz machen. Und sie würden rasten. Sie würden rasten in der kühlen Savannenebene, würden es genießen nach einem solch langen, heißen Tag auf Reisen, stets nach Süden, stets Sehir entgegen. Er wusste das er dem Meister einen großen Dienst erwiesen hatte. Noch ein oder zwei Mal, dann würde er seine Arbeit bei den Sklavenjägern auf den Nagel hängen, würde sich ausrasten und schlussendlich als Lehrer der Heiluniversität in der Wüstenmetropole beginnen. Er warf einige Fleischstücke in den Käfig. Die Wölfe betrachteten diese zuerst ungläubig, doch fassen sie diese schlussendlich mit einer animalischen Geschwindigkeit. Sie waren hungrig. Offensichtlich waren sie das. Wie konnten sie auch nicht? Sie hatten zwei Wochen ohne Nahrung überleben müssen, Wasserhatte ihnen Waweru zuführen müssen. Dies war aber gar nicht so schwer gewesen. Einfach das Maul öffnen und die Flüssigkeit den Rachen hinunterfließen lassen. Andere Sklaven hätten Probleme mit der Atmung bekommen, doch diese Wesen, sie schluckten es auch schlafend. Alles in allem hatten diese Tiere eine abnorme Gestalt. Anthropomorphismus. Sie konnten auf ihren Hinterbeinen stehen, mit ihren Vorderpfoten greifen. Sie gingen aufrecht, wie Menschen. Ihre Köpfe waren leicht ähnlich der dieser grauen und schwarzen Vierbeinigen Gestalten im Norden dieser Welt, ähnlich den Haushunden in Sehir. Doch pelziger, pelziger und zur gleichen Zeit auch leicht anders geformt. Er kannte diese Kreaturen genauso wie die pelzigen Vierbeiner im Norden, ersteres sah er mit diesen zwei Sklaven nun zum ersten Mal, nur aus Sagen. Sie schienen ihm nun so, so derart anders. Wie konnten die Götter überhaupt solch Kreaturen erschaffen. Sicher sie hatten das Recht zu leben so wie er und all die anderen Lebewesen auf diesem Planeten erworben. Doch sie waren, um es nicht abwertend zu bewerten, sie waren einem mehr als suspekt. Die Stärke, der ganze Körperbau. Die Möglichkeit mit einem Griff einen Schädel zu zertrümmern. Zur gleichen Zeit taten sie ihm leid. Furchtbar leid. Eingesperrt. Traurig. Mutlos. Mit Sehnsüchten gefüllt. Und Wut. Er würde Abd-al-Qadir Fragen stellen müssen. Über seine Lebenseinstellung. Wie er damit leben konnte. Waweru durfte das. Er durfte den Meister einfach so fragen, denn er stand in der Rangordnung nach dem Hauptmann und dem Herren selbst direkt unter ihm. Sie waren zuerst drei gewesen. Asis, Okeke und Waweru waren die Sanitäter und Tränke-Brauer gewesen. Asis war schon vor der Reise schrecklich erkrankt und konnte nicht mehr geheilt werden. Fleischfliegen hatten Maden in seinen Kopf gelegt. Zumindest wurde dies als Todesursache angegeben. Er war zu spät in die Klink gekommen, hatte sich zu spät Krank gemeldet. Er dachte es wären nur Kopfschmerzen. Zumindest hatten das die Soldaten gesagt. Das Asis gegen die Monarchie demonstriert hatte, das Asis gegen den Sultan gewettert, die Armen und Verbannten, die Arbeiter und Sklaven gegen ihn aufgebracht hatte, das hatten die Soldaten nicht gesagt. Dass Asis in der Nacht als er verstorben war verschleppt und gefoltert worden war, das hatten die Männer auch nicht gesagt. Das sie ihm die Maden in die offene, blutende Schädeldecke legten während Asis noch gelebt hatte, auch dass verschwiegen die Schergen des Sultans. Asis war eben doch nur ein echter Insanlar gewesen. Doch auch er hatte in der Universität der Heilkunst studiert, in diesem prächtigen Bau aus Sandstein, mit seinen kleinen Gartenanlagen und Springbrunnen im Inneren des Hauses, den vielen hellen und dunkelroten Wandteppichen. Das Studium war wunderschön, wenn man im Nachhinein daran dachte, dann war es die schönste Zeit in Wawerus ganzem Leben. Asis, Okeke und Waweru. Sie waren Freunde gewesen. Richtig gute Freunde. Wie sie Späße gemacht, den weiblichen Studentinnen nachgestellt hatten. Die Jüngeren geärgert, den Armen geholfen hatten. Okeke und Waweru hatten sehr um Asis getrauert, die ganze Reise über zum nördlichen Tal hatten sie kein Wort gesprochen. Und dann, dann war auch Okeke von Ölu hinweggefegt worden. Ölu in der Gestalt einer dieser Hundewesen. Als all die Sklaven aus dem Lager geflohen waren. Später hatte man ihn gefunden, die Schultern zerstört, als ob ein Tier sie zertreten hätte. Der Kopf war so stark zur linken Seite gedreht worden das die Wirbelsäule nachgegeben hatte. Doch Waweru spürte keinen Hass gegen die Sklaven. Warum auch? Sie waren es doch gewesen die sie aus ihrer Heimat entführen wollten. Sie hätten sich über die Folgen im Klaren sein sollen. Sie waren sich nicht im Klaren gewesen. Und darum marschierten nun nicht fünfhundert Soldaten auf Sehir zu, nein es waren nur fünfzig. Wenn man genauer darüber nachdachte, auch diese Mission war traurig. So viele Leben waren bereits gelassen worden. Sie hätten mehr Soldaten gebraucht. Für das direkte bewachen der Gefangenen. Er wusste bereits dass er, wenn er nach Hause kommen würde, sofort zu seinem Haus gehen, die schwere Holztür öffnen und seine Mutter umarmen würde. Jedes Mal hatte er es so getan nachdem er lebendig und erfolgreich von einer Expedition zurückgekehrt war. Und noch jedes Mal war er sowie seine Mutter in Tränen ausgebrochen, zu gefährlich war die Aufgabe als Sklavenjäger. Wobei auch erwähnt werden musste das er nur weinte da seine Mutter geweint hatte. Doch glücklich war auch er. Auch er war froh wenn er lebendig wieder zu seiner Hütte in Sehir zurück kehren konnte. Dann würde er seine Frau umarmen, wenn sie von ihrem Marktstand am Abend zurückkehrte. Er würde sie umarmen, sie küssen. Seine gute, geduldige Frau, die ihm immer den Rücken gehalten , ihn immer aufgerichtet, ihn beschützt und gestärkt hatte. Sie war keine Zwangsheirat gewesen. Er und sie hatten aus freien Stücken gehandelt. Sie und er als liebendes Paar. Es waren erst drei Jahre der Ehe, und er wusste sie würden ewig zusammen bleiben. Waweru liebte sie wirklich, er liebte sie mehr als sein eigenes Leben. Sie würde seinen Sohn gebären. Die Schwangerschaft war bereits im dritten Stadium. Er würde ihr helfen, er selbst, der Vater möchte seinen Sohn helfen das Licht der Welt zu erblicken. Er liebte seine Frau über alles, und er liebte seinen Sohn über alles. Und schon war Waweru einige tausend Meter mehr gewandert. Die Sonne verschwand nun endgültig hinter dem Horizont, und die Nacht breitete sich in weniger als drei Minuten über die gesamte Savannenebene aus. Schlussendlich kam der Befehl auf den viele, um es genauer zu sagen zirka fünfzig Mann gewartet hatten. „Halt! Schlagt die Zelte auf, wir nächtigen hier!“

„Yul? Yul mir ist kalt“. Sander zitterte leicht. Sei es da er bereits seit mehr als drei Tagen nicht mehr als ein bisschen Fleisch zu fressen bekommen hatte, sei’s das Klima das er nicht vertrug, ihm war wirklich abscheulich Kalt. Er umarmte sich selbst, rollte sich ein. Nichts schien zu helfen. Wie gern hätte er nun seine alte Decke, die ihn so hilfsbereit und selbstlos jede Nacht aufs Neue gewärmt hatte. Wahrscheinlich war auch sie verbrannt, so wie der Großteil des Dorfes. Vermutlich erbauten die restlichen Wölfe des Clans gerade wieder ihre Hütten. Sie würden arbeiten als ob nichts passiert wäre. Die Zukunft in dieser Siedlung, er konnte sie bereits aus seinem Gedächtnis streichen. Sie würde nicht eintreten. Mehr als drei Viertel in seinem Kopf hassten diesen Käfig, verachteten bereits diese Kreaturen und auch die Wölfe die sie nicht befreit hatten, wollten aber gleichzeitig zurück ins Dorf. Doch bereits ein Viertel in ihm dachte anders, dachte wohl verkehrt. Die Neugierte war da, das Ausgeschlossen sein aus dem Dorf wurde ins positive geschliffen. Es war unmöglich zu sagen ob es einfach Angstverdrängung, oder doch mehr war. Vielleicht wollte Sander ja wirklich nicht mehr ins Dorf zurück. Vielleicht. Doch vor allem, in diesem Moment galt nur eins. Kälte. „Yul? Yul mir ist wirklich kalt“. Sander blickte auf. Nicht nur das ihm der Frost schon fast das Blut gefrieren ließ, nein auch noch dazu kam das der braune Stammesgenosse einfach nicht antworten wollte. „Yul!“ Schwarz setzte sich auf, starte zu dem anderen Wolf im Gefängniswagen. „Was ist?“ Braun maulte vor sich hin, befand sich wohl schon im Halbschlaf. „Mir ist kalt…“ Sander setzte eine elegische Mine auf, beobachtete jede Bewegung des Wolfes. „Und, und was soll ich dagegen machen?“ murmelte Yul, der sich schon fast im Reich der Träume wiegte. „Ich weiß nicht, vielleicht…, da wir ja keine Decken besitzen…“ Ein raunen ging aus von Yuls Maul, richtete für einen Moment den Schädel auf, schielte hinüber zu Schwarz, öffnete seine Schnauze, wollte bereits irgendeinen leicht sarkastischen Satz in Sanders Gesicht explodieren lassen. Kurz bevor Yul aber seine wohl anfragevernichtenden Worte aussprach, überdachte er die Frage, mehr noch das Stammeln des Stammesmietglieds. Er ließ seinen Kopf wieder auf das goldgelbe Stroh fallen. Seufzen. „Dann komm halt her.“ „Wirklich?“ „J… ja jetzt mach schon, mir ist auch kalt“ War ihm zwar nicht wirklich, doch was soll’s. Er musste für Sander sorgen, er war doch irgendwie das einzige Lebewesen das er hier kannte, in dieser Welt, die so anders war als das Zuhause im Tal. Und er wusste, er fühlte für Sander etwas wie Freundschaft. So etwas in der Art. Der schwarze Wolf kroch langsam auf allen Vieren nach vorne. Er kroch, machte aber keine Geräusche dabei. Er kroch, aber ohne jeglichen Laut. Wie ein Wolf. Er legte sich vor Yul, platzierte sich so dass sein Hinterkopf an dessen Brust lag. Sander war etwas kleiner als der Braune Wolf, nur einige Zentimeter, doch trotz allem kleiner. „Und… jetzt?“ Yul antwortete nicht, lag wach da. Zwei Wörter. Unbehagen und Wärme. Mehr wusste er im Moment nicht. Reflexartig, um die Wärme aufzunehmen legte er seinen rechten Arm um Sander, dieser weitete für einige Sekunden seine Sehorgane. Drei Wörter. Unbehagen, Wärme, Wohlbefinden. Wie konnte Unbehagen und Wohlbefinden zur gleichen Zeit existieren? Im Gegensatz zur Frage würde die Antwort ein Labyrinth aus Wörtern ergeben, ein Gedanke für den Sander in diesem Moment einfach zu müde war. Er ließ es einfach zu, legte seine Pfote auf die Yuls. Dieser sagte nichts mehr zu diesem Thema, schmiegte zwangsweiße, um einigermaßen komfortabel liegen zu können seinen Kopf gegen den von Sander. Dieser murrte leicht, biss sich aber gleich darauf auf die Lippen. Der braune Wolf schien es überhört zu haben, zumindest sagte er auch dazu kein Wort. Und dann, nach einigen Minuten des Schweigens schien Yul zu schlafen. Man hörte es, das gleichmäßige ein und ausatmen einer biologischen Maschine. Sander schloss die Augen, wollte auch nur mehr weg von dieser Welt, flüchten in ein Land der Gedanken und Erinnerungen. Und auch Sander wurde müde. Es war nicht mehr kalt, doch auch nicht wirklich heiß. Ein leichtes Gefühl der Geborgenheit das Sander seit seiner frühen Kindheit verwehrt wurde. Er glaubte nicht das die Gefühle für Yul von seinem Unterbewusstsein ausgingen, ihn versuchten als fehlende Vaterfigur einzusetzen. An so etwas glaubte Sander nicht. „Yul…“ Yul antwortete nicht mehr, bewegte nur hin und wieder leicht die felligen Ohren, ein leichtes, nicht hörbares Zucken. „Ich… ich mag dich, ich mag dich wirklich, also… , also ich mag dich mehr als… mehr als einen Freund.“ Für einige Sekunden schien der Atem des braunen Wolfes still zu stehen, doch dies bildete sich Sander wohl nur ein. Der Atem ging doch gleichmäßig, kein Anzeichen von Erstickungsgefahr. Und dann, obwohl es für Sander kurze Zeit lang unangenehm heiß wurde, schlief auch er ein. Ließ seine Gedanken abschweifen, fühlte nur mehr die Brust Yuls, die hin und wieder leicht gegen seinen Rücken drückte. Und dann schloss der schwarze Wolf die Augen und begann zu schlafen, schlussendlich. Und Yul, Yul lag still da, dachte darüber nach was Sander gesagt hatte. Das war also der Schwarze Wolf, der Schwächling des Dorfes. So waren also seine Gedankengänge. Und Yul legte seinen Arm ein ganz klein wenig fester um Sander, wollte einfach nur mehr schlafen. Er musste auf Sander aufpassen. Das war notwendig, für das Überleben beider. Und dann sagte Yul etwas das er vor einigen Tagen noch für unmöglich gehalten hatte, doch wenn er es tiefer überdachte eigentlich schon die ganze Zeit über da gewesen war. Wenn man bedachte das er noch nie eine Frau gehabt, sich jeglichen Heiraten und Bindungen mit dem anderen Geschlecht entzogen hatte. Es konnte doch nur eines bedeuten. Das Sander bisweilen der einzige wirkliche Freund war den er seit seiner Kindheit kannte, das genau sie zwei auserkoren waren den ganzen Stamm zu retten, das genau diese zwei Wölfe gefangen genommen wurden. Eine unendliche Kette aus Zufällen? Wenn man nur einen Funken Göttervertrauen besaß gab man Zufälle als Schabernack ab. Und so auch Yul. Es war kein Zufall. „Ja… ich, ich mag dich auch mehr als einen Freund, oder so…“ Es war kein Wasserfall an Worten, eher ein fast versiegter Quell, tröpfchenweise. Doch es sagte das aus was Yul sagen wollte. Er wusste dass es kein Zufall war. Genauso wusste er dass der Stamm, sollten sie ihn jemals wiedersehen, dies nicht so hinnehmen würde. Wie auch immer. Es war zu spät, er war zu müde um noch darüber nachzudenken. Er schloss einfach die Augen, schloss sie zu und schon fiel er in einen traumlosen, rabenschwarzen Schlaf.
 

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„Herr, wir müssen reden!“ Waweru betrat das Zelt einfach so, machte zwar eine leichte Verbeugung, aber sicher nicht das was sich ein ruhmreicher Sklavenhändler von seinen Männern erwartet hätte. Abd-al-Qadir saß gerade auf seinem Stuhl, schrieb schon wieder Briefe. Ein schlechter Zeitpunkt. „Heiler, wir reden später wenn beiden Gesprächspartnern danach ist, ich hoffe ihr versteht das“. Waweru verstand nicht. Er wollte reden, und zwar jetzt. „Oh Meister, mit Verlaub aber es muss jetzt sein!“ „Nun gut“, Der Händler legte Feder und Pergament zur Seite, erhob sich gemächlich von seinem Möbelstück und drehte sich um. „Nun, was wollt ihr mir sagen?“ „Herr, ich habe Fragen.“ „Nun gut, und worüber?“ „Über eure Lebenseinstellung zu dem vielbehandelten Thema Sklaven“.

Abd-al-Qadir wurde steif. „Ich bin Sklavenhändler, ihr solltet meine Einstellung zu diesem Geschäft kennen“. „Herr, das tue ich aber nicht, ich kenne ihre persönliche Einstellung zu diesem Handel nicht, einen Handel mit lebenden, fühlenden Wesen!“ „Wollt ihr mir etwas unterstellen? Wie könnt ihr es überhaupt wagen meine Gedankengänge in Frage zu stellen? Ihr kommt in mein Zelt, mitten in der Nacht, nur um mir negative Gedanken in mein ohnehin schon von Selbstzweifel geplagten Hirn zu pflanzen!“ Erst nach einigen Sekunden überdachte der Meister seinen Satz. Das hatte er nicht sagen dürfen. Wieder ein Schwachpunkt mehr. „Selbstzweifel? Worüber?“, Waweru hackte nach, seine Augen, die aus dem Rachen der Adlermaske glänzten schienen interessiert. „Nichts das euch etwas angehen würde, verlasst nun umgehend mein Zelt!“ „Herr, wir müssen reden, ich bemerke wie ihr in euch zusammensackt, und ich möchte wissen warum, warum steckt in euch nicht die einstige Macht als vor zehn Jahren? Als mein Vater noch unter euch gedient hatte. Was war passiert?“ Abd-al-Qadir schluckte, wollte rot werden vor Zorn, wollte diesen unberechenbaren Flegel hinausjagen, verbannen aus seinem Lager. Doch er entschied anders, vorerst. Nachdem er so gut wie all sein kostbares Mobiliar, den Taubenverschlag sowie sein ganzes Zelt am Ende des Tals zurücklasen musste, besaß er nur mehr diesen Stuhl, den Stuhl und einen Tisch der mehr schlecht als recht aus Holzteilen zusammengezimmert wurde. Der Tisch sowie der Stuhl konnten in alle Einzelteile zerlegt werden, waren so noch transportfähig. Er nahm zwei der drei letzten Teppiche die er besaß, breitete sie am erdigen Boden des Zeltes aus. „Setzt euch, kommt setzt euch“, und mit diesen Worten platzierte sich Abd-al-Qadir im Schneidersitz auf den schlechteren der zwei ausgelegten Stoffrollen. Waweru nahm Platz, etwas verwundert. „Und nehmt einmal den Helm ab, ihr müsst ja sterben bei dieser Hitze“, auch dies tat Waweru wie geheißen, dunkelbraune, fast schwarze Haut kam zum Vorschein, die Hände wie die Füße besaßen die selbe Farbe. Die Farbe der Savannenbewohner.

Lockiges, schwarzes Haar. Ja, wahrlich, ein Bewohner des Buschs. „Herr, was wollt ihr mir damit sagen, ich verlange nichts anderes als Antworten“, Waweru blieb standfest. Er wollte endlich wissen was den Meister bedrückte. „Waweru, wie denkt ihr über die Sklaverei in unserem Staatssystem?“ „Wie soll ich darüber denken? Ich bin ein Bewohner der Steppe, und alle Bewohner der Steppe denken gleich über die Sklaverei. Sie ist nicht gut. Man darf keine Menschen, keine Lebewesen versklaven und sie einen anderen Willen aufzwingen. Das ist ungerecht, das ist frevelhaft. Ich bin in dieser Armee da ich meine Ausbildung zum Lehrer in der Universität abschließen will. Würde ich dies nicht tun, keine Zehn Pferde hielten mich in dieser Truppe.“ „Seid ihr euch darüber im Klaren das, sollten wir keine Sklaven besitzen, unser ganzes System Gefahr laufen würde unterzugehen? Wer würde die Arbeiten verrichten? Würdet ihr etwa in einer Kupfermine schöpfen wollen? Würdet ihr das eure Kinder einmal in solch einem Untertagebau begraben werden? Wollt ihr etwa euer Leben lang Holz schlagen? Bei bestem Willen kann ich mir das nicht vorstellen.“ „Was ist mit den Armen? Würden die sich nicht nur Arbeit wünschen, egal welcher Art?“ „Ach fangt doch nicht mit den Bettlern an. Um diese Randgruppe kümmert sich niemand, sie stehen ja nur eine Ebene über den Sklaven. Wenn sie arbeiten wollen würden, sie hätten sich längst in meiner Armee gemeldet.“ Darauf wusste Waweru keine Antwort. Es stimmte ja, einige dieser Armen wollten gar nicht arbeiten. Sie liebten es den ganzen Tag herumzusitzen und zu betteln, war es doch einfacher als einem Handwerk nachzugehen. „Aber Herr, was betrügt euch dann? Was ist euer Problem?“ Abd-al-Qadir, Sklavenhändler aus Sehir seufzte. „Ich denke, ja ich denke dass ihr recht habt. Ihr habt sogar ansatzweise recht Waweru. Sklaverei ist ein Gräuel. Wäre diese Mission erfolgreich gewesen, ich hätte sofort damit aufgehört. Ich schwöre ich hätte keiner Kreatur mehr ihrer Freiheit beraubt. Doch nun seht was passiert ist. Für diese zwei werden wir nie genug Geld einbringen um auf ewig im Reichtum zu leben. Ich hasse diesen Beruf. All diese Jahre über habe ich ihn gehasst. Ich handle mit einem Leben, versteht ihr? Ich handle mit einem Leben als ob es nichts wert wäre. Tausende male habe ich versucht nicht daran zu denken das ich eine Mutter verkaufe, das ich ein Kind an einen Schänder gebe, einen Mann an einen Totschläger. Doch ich dachte immer wieder daran. Wisst ihr wie es ist? Wisst ihr überhaupt wie es ist in meiner Position zu stehen? Ich glaube ihr wisst es nicht. Waweru ihr könnt es gar nicht wissen.

Ich vernichte tausende Existenzen. Ich bin nicht roh, ich bin kein Sklavenhändler. Ich bin ein schwacher alter Narr der sich wünscht lieber den Beruf des Schmieds oder des Lehrers ausüben zu können als eine Aufgabe zu erfüllen die vorsieht die Zukunft von unzähligen Leben auszulöschen. Oh nein Waweru, Heiler aus der Savanne, ihr könnt mich gar nicht verstehen. Mein Leben wird enden und die Götter werden zu mir sagen, sie werden sagen: „Abd-al-Qadir, ihr habt tausende Leben beendet, abrupt und ohne Ausweg habt ihr Seelen ins Verderben gelenkt, habt Gott in einer Welt der Sterblichen gespielt. Und dann werde ich bestraft werden, tausend Jahre für jeden toten Sklaven. Meine Quallen werden unvorstellbar werden. Wisst ihr wie sich unzählbare Jahre des Schmerzes anfühlen würden? Kein Soldat kommt in dieses Reich, denn er war nicht der den Befehl zum Morden gab, die Kaste befahl es ebenso. Kein Sultan kommt in dieses Reich, denn sie sind doch von den Göttern selbst eingesetzt. Doch wer bleibt da übrig? Wer? Wer außer diesen verruchten Sklavenhändlern die aus freien Stücken handeln können, und ihre Macht ausnutzen um Lebewesen einzusperren, sie an andere zu Verkaufen. Ich werde gebraten, gekocht, tausende male ermordet, geschändet, erschlagen, vergewaltigt, zerrissen und gefoltert werden für die Taten die ich tat. Die Götter kennen keine Gnade mit jemand wie mir. Selbstzweifel, Selbstmitleid helfen hier gar nichts. Ich bin doch schon so gut wie Tod.“ Und mit diesen Worten beendete Abd-al-Qadir, verunsicherter und einst so ruhmreicher Sklavenhändler der Wüstenmetropole seinen Vortrag, schwieg und blickte zu Boden. Waweru blickte traurig, bemitleidend auf den gebrochenen Mann. „Die Götter haben Erbarmen Abd-al-Qadir“, bewusst sprach Waweru den Namen des Meisters aus: „Die Götter kennen Erbarmen und Gnade. Wenn man bedenkt was ihr alles für eure Soldaten tut, kein anderer Sklavenhändler würde so fürsorglich mit seinen Männern umgehen, ihr aber tut es wie ein Vater. Die Götter werden euch vergeben.“ „So, glaubt ihr dass?“ Abd-al-Qadir blickte auf, seine Augen glänzten, ein leichter Tränenspiegel hatte sich gebildet. Er fasste die Hand des Heilers, umklammerte sie mit der seinen. „Ich habe Angst vor dem Tod, ich habe solch unvorstellbare Angst“. Und mit diesen Worten gab sich der Sklavenhändler schlussendlich komplett der Trauer hin, legte seinen Zeigefinger und Daumen auf seine Schläfen und begann leise in sich hinein zu weinen. Er weinte um sein Leben, doch vor allem über die Taten die er vollbracht hatte, all die Kinder, all die Männer und Frauen. Welch eine Ehre, welch ein Ruhm konnte es sein Lebewesen zu versklaven? Tränen flossen den alten, faltigen Wangen hinab, verkrochen sich in den dichten Vollbart der schon von weißen Strähnen gezeichnet war. „Waweru“, er brachte es unter Tränen heraus: „Waweru, bettet für mich wenn ich sterbe.“ „Ich werde es tun Herr“. Der Heiler saß mehr als unbehaglich, getroffen auf seinem Platz. Keiner hatte je den Meister weinen sehen, und nun brach er vor ihm in Tränen aus. Dies wollte er alles nicht. Die ganze Situation hatte sich ins Absurde verwandelt. „Und… und noch etwas Waweru, erzählt keinem von dem was hier heute vorgefallen war, ich… ich kann keine Männer gebrauchen die in ihren Meister einen schwachen, senilen Mann sehen. Einer ist bereits genug. Und eines Verspräche ich euch Waweru. Sollten wir Sehir erreichen, nie wieder gehe ich auf eine Sklavenjagd. Damit ist nun für immer Schluss!“ „Herr ich sehe euch nicht als schwach an…“ Doch dies hörte Abd-al-Qadir schon nicht mehr, er sank zusammen unter salzigen Tränen, die Hand umklammerte immer noch fest die des Heilers. Kleine Ströme aus Salzwasser ergossen sich auf den Boden. „Nie wieder eine Sklavenjagd. Nie wieder!“
 

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Die Sonne brannte vom Himmel. Drei Tage waren es nun schon gewesen. Drei Sonnenaufgänge, drei Sonnenuntergänge. Das Gras war langsam aber sicher verschwunden, wich mehr und mehr einem Meer aus Sand. Sander blickte interessiert aus den Gitterstäben des Wagens. Es war zwar unvorstellbar heiß, doch hatten die Kreaturen an einem einsamen Brunnen irgendwo im goldenen Gras noch reichlich Rationen an Wasser mitgenommen, die sie nun gut verschlossen an Ledersäcken um den Bäuchen trugen. Sie marschierten auf einem Weg, es war nicht wirklich zu erkennen wie er aussah. Steine waren nah aneinander gelegt worden, mit einer Schicht aus hellem Gestein miteinander verbunden worden. Doch trotz allem ein recht holpriger Weg. Und sicherlich recht alt, Wüste bedeckte hin und wieder den Weg vor und hinter ihnen. Yul lag ausgestreckt am strohigen Boden, hechelte wie wild. Warmes Wasser schmeckte nicht. Doch war es die einzige Flüssigkeit von der auch sie hier in diesem Mobilen Kerker genug hatten. Jede Nacht war kälter geworden. Jede Nacht hatten sie nun Seite an Seite verbracht. Yul hatte nie etwas gesagt, nie etwas negatives doch auch nie positive Worte. Sander griff sachte zwischen den Käfiggittern hindurch, griff nach einer Portion Sand, legte sie auf den hölzernen Boden. Der Sand, diese vielen kleinen Steinchen, sie waren heiß. Die Sonne schien wohl schon seit sehr langer Zeit auf diesen Boden. Logisch. Seit genau einem Tag waren die letzten Pflanzen verschwunden, ihr Platz wurde von weiteren Steinchen eingenommen. Fünf an der Zahl. So viele von diesen grünen, in die Höhe ragenden Dingen hatte Sander gesehen seit sie hier in diesem unendlichen Ozean aus Sand wanderten. Sie trugen rote Blumen. Mehr hatte Sander nicht erkennen können, zu sehr verschwammen sie in der Hitze. Er backte einen der Schläuche die auf dem bebenden Boden des Wagens lagen, öffnete die Verstopfung und leerte die Hälfte des lauwarmen Wassers mit einem Zug. Nun sehnte er sich nach der Kühle des Tals, und in der Nacht würde er die Kälte verfluchen und sich den Tag herbei sehnen. Es war einfach ein unvorstellbares Klima. Zu heiß und gleichzeitig viel zu kalt.

Die Hitze machte Sander mehr und mehr zu schaffen, er begann pausenlos zu hecheln, sonderte den Schweiß aus seiner Zunge ab. Die Welt die er kannte, die er gekannt hatte war komplett verschwunden. Zurück blieb ein Ozean aus kleinen, winzigen Steinchen die von Wind und Wetter durch die Gegend getragen wurden. Es war eine Art von Zeitlosigkeit. Und mit der Zeitlosigkeit verschwand die Trauer. Denn was half die Trauer in einem Universum ohne Zeit? Die Welt schien still zu stehen und zur gleichen Zeit auch nicht. Der Wagen rummelte, dann knirschte es und so rollte er dahin, angetrieben von zwei der wandelnden Berge. Vor ihnen die Kreaturen, mit ihren Waffen und Schilden, Rüstungen und Kopftüchern. Hinter und vor jenen die endlos scheinende Sandebene. Die Sonne, im Norden ein so erfreulicher Himmelsgenosse entpuppte sich hier, in dieser kahlen und unwirtlichen Welt zu einer Tötungskugel die unbarmherzig ihre unsichtbaren, brennenden Lichttentakel nach den Wölfen und ihren Wächtern warf. Eine leichte Windböe kam auf, wirbelte einige Steinchen von einer Seite auf die andere. Stille. Trockenheit. Hitze. Schweiß. Wenige Worte konnten zusammenfassen was in einem jeden dieser Wesen vor ging, sei es nun pelzige, hechelnde Gefangene oder dunkelhäutige, schwitzende Krieger. „Ist dir heiß?“ Sander verdrehte leicht die Augen, schielte zu dem liegenden, leicht schlaftrunkenen Leidensgenossen. „Nein, weißt du mir ist bitterkalt, vor allem in dieser Gegend“. Mit diesen Worten wandte er sich wieder der Wüste zu, blickte über die Sanddünen. Kleine Tiere krochen hin und wieder aus dem Boden. Schwarz und Achtbeinig. Zwei hatten sie schon überfahren. Das Blut, das aus deren Körpern quoll als Sander sie danach tot auf der Straße hatte liegen sehen, es war durchsichtig.

Durchsichtig wie Wasser. Der Schwanz des Tieres war mit einem Stachel versehen gewesen, hatte noch gezuckt nachdem die totbringenden Holzräder über das Vorderteil des Viehs gerollt waren. Es gab nur ein leises Knirschen, schon war ein Leben mehr ausgelöscht. So einfach war es. Der schwarze Wolf blickte also durch den Käfig, er betrachtete noch immer die Wellen aus Sand die immer wieder aufeinander brandeten, sich wölbten und aufschlugen, Hügel und Berge bildeten. Dieses Land, diese Art von Landschaft, sie war so zeitlos. Und sie tröstete. Diese kleinen Steine, diese Wände, Gebirge aus Sand und ihr vehementes kommen und gehen gab ein nicht klar zu deutendes Gefühl der Sicherheit, machten die Reise erträglich da sie nicht zu enden schien. Fluch und Segen zugleich. Die Größe der Hügel aus Steinchen war von Augenblick zu Augenblick unterschiedlich. Groß, größer und winzig. Klein, kleiner und Riesig. Sie bildeten keine Ordnung, keine Reihenfolge. Die gesamte Region schien in einer Form von langatmiger Konfusion zu versinken. Wie bereits gesagt, sie war ohne Zeit und im selben Moment so minutiös wandelnd. Es war ein Schauspiel der Elemente Stein und Wind. Und dann, dann legte sich der Wind, alles lag still, der Ozean aus Sand ebbte ab. Die Berge lagen, wandelten nicht mehr. Und dann, unerwartet, beängstigend und penetrant: Ein Pulsieren des Sandes, Vibration. Die Kreaturen vor ihnen, die wandelnden Berge sowie die zweibeinigen, felllosen und pervers schwitzenden Monster lauschten, wurden unsicher. Man merkte dass sie unsicher wurden. Sie reckten die Köpfe, blickten verwirrt und entsetzt in alle möglichen Richtungen. Das Pulsieren wurde schneller, dann ebnete es wieder für eine Zeit lang ab. Schlussendlich, es war zu erwarten gewesen, brach eine weitere Konfusion aus, sie sprachen durcheinander, einige warfen ihre Speere und Schwerter, ihre Rüstungen und Schilde ab und rannten, viele aber blieben bei ihrem Anführer. Dieser hob den Arm, Stille trat wieder ein. Und sie lauschten. Lauschten und hofften auf etwas, wenn Sander auch nicht wusste was. Er selbst fürchtete sich etwas. Denn er wusste nicht was passierte. Und es machte ihm Angst.

Die Kreaturen waren unsicher. All die Tage die sie nun gereist, immer waren die Monster zielsicher marschiert. Zum ersten Mal aber waren auch sie uneins, blickten hoffnungslos zu dem Wesen auf dem schwarzen, geweihlosen Hirschen. Dieser aber blickte schielend auf den Sand, lauschte nur. Yul raffte sich auf, setzte sich hinter Sander, hechelte immer noch und tat es Sander nach, öffnete also einen weiteren warmen Lederschlauch und leerte deren Inhalt. „Was ist los?“ „Fragst du das etwa gerade mich?“ Sander blickte ungläubig auf Yul, dieser starrte an Sander vorbei, hatte die Gegenfrage wohl nicht wirklich wahrgenommen, beantwortete sie zumindest nicht. Und so drehte auch Sander seinen Schädel wieder, blickte wieder auf den Anführer der Truppe. Und es war Stille. Eine angstmachende, schleichende Stille. Eine Art zarter Todeskuss.
 

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Abd-al-Qadir blickte ließ seinen Blick noch einmal über die Wüste schweifen. Alle blickten sie auf ihn, die Soldaten sowie die Sklaven. Er biss sich leicht auf die Lippen, hob seinen Arm. Sie würden weiter marschieren. Es konnte nicht sein das sie wieder da waren, nicht um diese Jahreszeit. „Wir marschieren weiter!“ Der Herr der Sklavenjägertruppe hob die Hand, richtete sie vorwärts, der schwarze Araber machte einen Schritt. Ein Dröhnen als ob die Welt zerbarst ging durch die Wüste. Der Sand vibrierte unter dieser Lautstärke. Ein tiefes, wuchtiges Geräusch. Dann wurde es wieder still. Das Dröhnen ebnete ab, das Echo verschwand allmählich. Der Sklavenhändler reckte den Kopf, blickte leicht verzweifelt um sich. Doch dann, dann gab er seinem Pferd mit einem leichten Tritt in die Seite zur Kenntnis das er nun marschieren wollte, dass sie es schaffen würden. Der junge Hengst hatte diese Situation noch nie erlebt, verstand nicht was vor sich ging doch gehorchte dem Meister. So wanderten sie also wieder, Schritt für Schritt, Hufschlag auf Hufschlag. Die Sklaven verstanden es wohl als erstes, lehnten sich wieder zurück und versanken in einem leisen Geräuschschwall das wohl ihre Sprache darstellte. Seine Soldaten, die wussten was vor sich ging, sie beruhigten sich nicht mehr. Resigniert und mit Angst gefüllt stapften die hinter ihrem Meister, ließen aber die Köpfe hängen. Waweru blickte zu Abd-al-Qadir, sein Gesicht bzw. seine Augen zeugten von Trauer. Sie alle wussten was passieren würde. Auch er selbst. Auch der ruhmreiche Sklavenhändler aus Sehir wusste was nun jeden Augenblick über sie hereinbrechen konnte. Es war ein Wahnwitz gewesen. Der Drang endlich wieder die Heimat zu sehen hatte ihnen wohl die Sinne genommen. Sie, sie alle sollten nicht hier sein, waren nicht befugt gewesen. Nun würden sie wohl einen hohen Preis dafür zahlen. Einmal mehr hatte Abd-al-Qadir einige Seelen ins Verderben geführt.

„Herr, können… können wir nicht irgendetwas tun?“ Waweru sprach diese Worte aus, marschierte direkt hinter seinem Meister. „Oh Sanitäter, was wollt ihr denn tun? Es gibt nichts mehr außer die Möglichkeit zu beten, und diese Aktion vollführe ich nun schon seit einigen Minuten in Gedanken.“ „Nun ja, wir… wir könnten uns doch auflösen?“ Der Gedanke durchzuckte Abd-al-Qadir wie ein Blitz. Er schielte zurück, hob seine Hand, ließ anhalten. „Was glaubt ihr eigentlich? Würdet ihr alleine nach Sehir zurück finden? Ihr alle, ihr alle seit nichts alleine! Die Gruppe ist und bleibt geordnet! Ich bin hier immer noch der Anführer der Armee, nicht ihr oh Sanitäter!“ „Aber Herr…“ „Kein aber, und nun wird marschiert!“ Es würde kein aber geben. Schweiß ran von der Stirn des Herrn der einstigen Armee aus Straßenkindern. Sie würden nach Sehir kommen, sie würden den Weg bestreiten. Und dann, dann plötzlich wurde er sich einer schrecklichen Tatsache bewusst. Abd-al-Qadir starrte auf Waweru. Endlich, endlich wusste er was hier vor sich ging. „Ihr, ihr werdet hier niemals Befehle geben, ihr seid nur ein Heiler, ein Pazifisten Narr!“ Waweru fühlte sich überrumpelt, wirr blickte er auf zu seinem Herrn. „Aber Meister, ich schlug nur vor uns aufzuteilen…“ „Vorschlagen, Pah! Befehle erteilt ihr mir, wie ich zu richten habe, wie ich zu entscheiden habe!“ „Herr nur ihr entscheidet, wir haben euch bis jetzt aufs Wort gehorcht“ „Ach, ach habt ihr das? So wie ich das sehe sind die Tage des Gehorchens nun vorbei! Waweru ihr seid ein Übel in dieser Gruppe, in diesem Heer!“ „Wie… wie könnt ihr so etwas nur sagen? Ich heile, pflege die Kranken in euren Reihen, ich stehe unter euch, doch dies veranlasst euch nicht so über den Sanitäter eurer Armee zu richten!“ „Wagt ihr etwa meine Worte in Frage zu stellen? Ihr entehrt mich Heiler!“ „Nein oh Herr, ihr entehrt mich mit euren Worten! Seht ihr nicht was passiert ist? Wir sind euch gefolgt, bis hier in die Wüste. Und nun droht uns der Untergang, euretwegen! Hunderte Männer haben wir verloren! Bei dem Angriff auf diese verfluchte Siedlung in diesem dämonischen Tal, bei dem Ausbruch der Gefangenen aus unserem Lager und nun hier in dieser Wüste, so nah der Heimat werden wohl auch wir unser Ende finden, und dies alles dank euch! Euch alleine!“

Der Sanitäter zeigte mit seinem Finger auf seinem Herrn. Seinem ehemaligen Meister. Niemals mehr würde er ihm dienen. „Waweru, durch diese Worte ist euer wahres Gesicht zu Tage getreten. Durch diese Sätze die ihr ausgesprochen habt, habt ihr zur gleichen Zeit euer Urteil unterzeichnet. Ihr seid ein Separatist, ihr wollt diese Gruppe, diese Familie auseinanderreißen die ich mit meinen eigenen Händen geschafften habe. Dies soll euch nicht gelingen! Soldaten, nehmt diesen Spalter fest, nehmt ihn fest und bringt ihn auf die Knie!“ Mit diesen Worten sattelte Abd-al-Qadir ab. Es war ein Fehler gewesen. Er hatte sich seinen Emotionen hingegeben, hatte die Tränen fließen lassen. Waweru wusste zu viel, zu viel von der Angst und Konfusion in seinem Meister. Doch dieses Wissen würde er nie mehr nutzen können. Man fand diese Sanitäter doch so gut wie überall in Sehir. So viele brauchten Arbeit. Und Waweru, Waweru würde alles erzählen. Von Abd-al-Qadir, dem Schwächling der einst so ruhmreich als Anführer gepriesen wurde. Und sie würden ihm glauben, alle würden sie ihm dies glauben, wenn auch nur um den ihn schlecht dastehen zu lassen. Und er würde schlecht stehen. Das einstige Licht des Ruhmes würde verblasen und schlussendlich würde ein am Boden kriechender, alter Mann zurückbleiben. Das konnte er nicht zulassen.
 

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