Touch

Gratus

Frischling
Mitglied seit
12 Sep 2012
Beiträge
11
Eine kleine Geschichte die kein genaues Bildnis der Charaktere offenbart. Eine Geschichte, in die der Leser seine eigenen gedanklichen Einflüsse beitragen muss. Es ist eine Erzählung welche die Fantasie sowie auch die Emotionen wecken soll, losgelöst von jeglicher Ablenkung. Es sind Wörter die ich nicht grundlos schrieb, hinter denen Wahrheit, Erkenntnis, Freude, Leid und Verlust über einst wundervolle Menschen steht. Das, ist Touch.



Die Sonne erhebt sich. Nicht einmal die hohen Felswände können das Licht daran hindern das grüne Tal in Mitten von Wasser und umringt von Fels zu erhellen. Ein neuer Morgen beginnt. Die ersten Fenster werden geöffnet, um der frischen Luft Einzug zu gewähren. Die ersten Laute der alltäglichen Arbeit sind zu hören. Und sicherlich wird schon sehr bald wieder das gewohnt taktvolle Schlagen schallend durch das ganze Dorf erklingen, wenn der Hammer des Schmiedes auf glühenden Stahl trifft. Wieder beginnt der altbekannte Rhythmus von vorne, so wie schon seit Generationen. Viel hat sich noch nie geändert, und so wird es wohl auch immer bleiben. Die einzige Frage an jedem Morgen ist, welches Wetter der Tag wohl mit sich bringt. Kein aufregendes Leben, dafür jedoch ein Idyll mit der immer gleichen lieblichen Melodie. Letztendlich doch ein Leben, das es wert ist zu leben.
Zu spät wecken ihn die hellen Sonnenstrahlen. Zermürbt kämpft er sich aus dem Bett, bereit dazu so schnell wie möglich wieder zu Kräften zu kommen. Mit nicht mehr als ein paar Lumpen bekleidet eilt er nach unten. Der Tisch ist bereits gedeckt. Seine Rüstung liegt auf einer Truhe bereit. In Gedanken dankt er seiner Tochter für ihren Einsatz. Er erinnert sich daran, dass sie an diesem Morgen bereits vor Aufgang der Sonne aus dem Haus sein wollte, um einen Nachbarn die Ernte zu erleichtern. Er ist in Eile, doch er lässt sich Zeit beim Mahl das seine Tochter ihm zubereitet hat. Es ist das Mindeste.
Besorgt blicken die Einwohner hinter ihm her. Ein Soldat in voller Montur, der durch das Dorf eilt als würde er gejagt, weckt in vielen von ihnen Beklommenheit.
Er wird langsamer, sieht seinen Trupp in einer Reihe stehen. Die raue Stimme des Generals weist gerade die Anderen in das Vorgehen ein. So tut er es immer, auch wenn seine Worte immer die Gleichen sind. Ein mienenloser Blick des Generals über die Schulter ist die höflichste Begrüßung, die der Spätankömmling erwarten kann. Er salutiert, reiht sich stumm zu seinem Trupp. Vorfreude überkommt ihn. Diese Einsätze sind ihm doch die Liebsten.
Die steinigen Passagen entlang der hohen Felswände, für Ungeübte gewiss wohl durchaus tödlich, sind für ihn nicht mehr als eine altbekannte Route. Bloß einer der vielen Wegabschnitte, die zum Ziel führen. Und auch wenn für den Trupp der Weg das eigentliche Ziel ist, hat er noch ein anderes stets vor Augen. Er will bei Sonnenuntergang über das Tal blicken und bereits wenig später seine liebste Tochter wieder in die Arme nehmen können. So tut er es jeden siebten Tag. Er erhebt sogar sein Glas darauf, auf das es immer so bleiben möge.
Nach Stunden zu Fuß, sind die Ersten bereits bald am Ende ihrer Kräfte angelangt. Manchmal bestürzt es ihn der Älteste zu sein. Doch jedes Mal wenn er die Jüngeren außer Atem sieht, und er selbst noch voller Kraft und Elan ist, ergreift ihn erneut die Entschlossenheit. Mit seiner Erfahrung überbietet er mühelos jeden in seinem Trupp. Immerhin war er nicht umsonst selbst einst ein General. Nun wieder ein gewöhnlicher Soldat zu sein lässt keinen Zorn in ihm wachsen. Er ist dankbar dafür diesen Weg wie schon Jahre zuvor wieder beschreiten zu dürfen. Auch wenn sein Rang sich geändert hat, bleiben seine Erinnerungen und Gedanken, der Wille niemals unbrauchbar zu werden, immer gleich. Er sieht es als einen Schritt zur Widergutmachung. Er sieht seine Taten als Beweis für seine Reue. Und er hofft, dass Vergebung sein Lohn sein wird.
Die untergehende Sonne verwandelt das Tal in einen kontrastvollen Traum. Jeden siebten Tag sieht er es, dieses atemberaubende Panorama, ein Zusammenspiel aus Licht und Farben im Einklang, und dennoch wendet er seinen Blick nicht ab. Es ist so schön, weil es nicht von langer Dauer ist. Nur jeden siebten Tag kommt sein Trupp hier vorbei. Erst dann lässt er seinen Blick wieder über das Land schweifen, während ihm die Sinne langsam entgleiten. Doch dann das Kommando. Es geht wieder weiter, so wie immer. Der Abschied an seine Erinnerungen fällt schwer. Er sieht das Land und damit seine Vergangenheit. All die Erinnerung, die schönen sowie die weniger schönen, sie sind hier vereint.
Dieses Mal stimmt etwas nicht. Seine Gedanken sind ungeordnet, er kann sich nicht konzentrieren. Irgendetwas bringt ihn aus der Balance. Lange schon ist dies nicht mehr geschehen. Er sieht schon seine Tochter, mit einem breiten Lächeln in ihrem Gesicht, in seinen Gedanken. Sie begrüßt ihn mit offenen Armen und sogleich beginnt sie über ihren Tag zu reden. Wie gerne er ihr doch zuhört. Und wenn sie dann fertig ist und ihn fragt, womit er den ganzen Tag verbracht hat, dann wird er das gleiche wie immer sagen. Nicht mehr lange und er ist wieder Zuhause. Er braucht Entspannung, etwas Erholung vom langen Marsch. Seine Tochter wäre ihm nun die liebste Gesellschaft.
Ein Kommando des Generals, der ermüdete Trupp hält augenblicklich an. Für einen Moment hört er nichts, doch dann realisiert er das Scheppern einer Rüstung. Ein Soldat, er kennt ihn aus dem Dorf, eilt mit verzerrter Miene und einem Humpeln dem Trupp entgegen. Er stoppt, kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Seine Rüstung ist verbeult, zerkratzt und zerstört. Es ist nicht zu sagen ob es sein eigenes Blut ist, womit er besudelt ist. Tränen stauen sich in seinen Augen, er atmet schwer. Das Blut gefriert ihm in den Adern, als er den jungen Soldaten sieht. Sein Herz schlägt schneller, die Gedanken in seinem Kopf überschlagen sich. Und noch ehe der General erfragt was ihm zugestoßen ist, fällt der junge Soldat zu Boden. Seine Wunden sind zu tief, sein Wille gebrochen. Nichts kann ihn weiter in dieser Welt halten. Der Trupp löst sich auf, sie Helfen wo es nichts mehr zu retten gibt. Nur er steht noch immer da. Seine Waffe, ein Speer, fest in seine Hand geschlossen. Ein ausdrucksloser Blick besteht in seinen Augen, während die Geschehnisse um ihn herum immer langsamer an ihm vorübergehen.
Er braucht einen Moment bis er den mit schnellen Schritten voranlaufenden Trupp zu verfolgen beginnt. Sie laufen in die Richtung des Dorfes. Es ist ein breiter Weg, breiter als die gewöhnlichen Landstraßen. Jeden siebten Tag laufen sie hier entlang und dann weiß er, sein Heim ist nicht mehr weit. Freude überkommt ihn und er wartet sehnsüchtig darauf seine Tochter wieder in die Armen schließen zu können. Dieses Mal jedoch ist nicht wie jeder siebte Tag mit seinem Trupp. Ein mulmiges Gefühl macht sich in ihm breit, verschlingt und verzehrt all das Gute. Es fühlt sich für ihn an, als ob sein Herz einen schnelleren Rhythmus gefasst hat, als die Schritte, mit denen er ins Dorf eilt.
Schreie sind zu hören. Hilferufe klagen zuhauf, undefinierbar woher sie stammen. Ein Brüllen, nur eines von vielen, aber dieses ist immens lauter, durchstößt die hereinbrechende Nacht. Dieses Gegröle und Getöse, die Hilferufe, die Angst und das Leid in den Stimmen, er kennt es. Es ist wie damals und es ist wieder, und er ist jetzt. Die Bestien von denen er dachte sie wären bereits alle erschlagen, sind nun wieder da, doch er will es nicht wahr haben. Sein Trupp stürmt los, ohne Taktik und ohne Gespür für die Situation. Er kann es ihnen nicht verübeln. Viele von ihnen sind jung, fehlt es an Erfahrung. Sie sehen das Leid der Dörfler, wollen sie aus den dunklen Griffen dieser Kreaturen befreien, vergessen sich dabei selbst und die Konsequenzen mit dazu. Vor ihm das Dorf, dort wo er aufgewachsen ist, geliebt und gelebt hat, und gelernt hat für jeden Tag dankbar zu sein, verwandelt sich in ein Schlachtfeld.
Angst umhüllt nun auch schon seinen Geist. Es ist jedoch nicht sein eigenes Leben, worum er fürchtet, sondern das seiner geliebten Tochter. Er umgreift sein Speer mit Entschlossenheit, fühlt sich nochmal bestärkt, als er an das Schwert an seiner Seite denkt. Dieses Mal soll alles anders werden.
Sein Haus, das ist die erste Vermutung die er hat. Er durchsucht jeden Raum, jede Ecke und jeden Winkel, ruft ihren Namen und versucht eine Spur von ihr zu finden. Es ist alles vergebens. Doch dann das Quietschen der Tür. Durch Hoffnung getrieben eilt er die Treppen hinunter, steht da wo sein Morgen vor vielen Stunden begann. Die Tür steht offen, die Schreie sind noch deutlicher zu hören. Seine Augen blicken starr, er atmet flach. Seine Muskeln spannen sich an, er atmet langsam aus. Es ist nicht seine Tochter, die ihm gegenübersteht. Eine der Bestien hat den Raum betreten. Sie erwidert seinen Blick mit schauriger Miene, bewegt sich nicht, gibt keinen Laut von sich. Er bringt seinen Speer langsam in Position, bereitet sich auf einen todbringenden Hieb vor. Der eiskalte Blick der Bestie, er durchbohrt ihn regelrecht, versucht ihn in Furcht zu hüllen. Er kennt diese Dämonen und weiß wie er ihnen entgegnen muss. Sie würden sich an seiner Angst nähren, ihn für den Kampf völlig untauglich machen. Keiner der Beiden wagt es den Kampf einzuläuten. Nur die Schreie und das Gebrüll der Bestien vor der Tür ist zu hören. In einem bloßen Augenblick entscheidet sich die Bestie für den ersten Zug, mehr braucht er nicht um den Angriff zu entgegnen. Krallen und Zähne stürzen sich auf ihn, aber verfehlen ihn. Er weicht flink zur Seite, doch sein Speer sticht ins Leere. Die Bestie fegt den schweren Tisch aus Holz ohne Mühen aus ihrem Weg. Sein Blick ist immer noch auf die Augen gerichtet, sie sagen das meiste über den nächsten Zug der Kreatur aus. Er nutzt seine Gelegenheit, wirbelt den Speer gekonnt und elegant umher, während er seinen Gegner in einer flüssigen Bewegung flankiert. Es ist fast schon eine Ewigkeit vergangen, als sein Speer das letzte Mal mit Blut besudelt war. Röchelnd geht sein Gegner zu Boden, der Kampf so schnell beendet wie begonnen. Das warme Blut der Bestie rinnt am Griffe des Speeres hinunter und auf seine Hand. Immer schon schwor er sich nur zu töten, wenn es denn notwendig war, und das war es, aber er tat es noch immer ungern. Niemals will er daran Gefallen finden. Ein letzter Stoß beendet das Dasein der Kreatur, erlöst sie von dieser Welt. Er starrt den Leichnam an, fragt sich wie viel er heute noch töten muss, bis alles ein Ende nimmt, entweder für sie oder für ihn, aber nicht für seine Tochter.
Wiederwillig verlässt er das Haus. Lautlos hält er sich in den Schatten auf, versucht seine gefallenen Kameraden auf der Straße zu übersehen. Er muss sich konzentrieren, darf sich keine Fehler erlauben. Der Bauernhof, wie gerne sie doch immer dort Aushilft, doch im dämmrigen Licht wird er heute zu einem heimtückischen Gemäuer. Die Chance sie dort zu finden ist jedoch zu groß, er muss sich hineinwagen.
Die Scheunentür steht offen. Immer wieder fragt er sich ob er es wagen soll ihren Namen zu rufen. Erdrückende Stille entgegnet ihm, als er sich schließlich doch wagt. Behutsam und mit geschärften Sinnen geht er Schritt für Schritt, während das Getöse des eigentlichen Kampfes immer stummer wird. Wieder überstürzt ihn dieses beklommene Gefühl. Er versucht die Gedanken daran ihr könne etwas zugestoßen sein zu verdrängen.
Mit schwindender Hoffnung verlässt er die Scheune. Nicht weit von ihm sind die großen Felder im Dunklen zu erahnen. Da wo er steht, ist es auch das erste Mal geschehen. Niemand kennt sie, keiner weiß was sie sind, ein völlig neuer Feind. Damals, als alles seinen gewohnten Rhythmus ging, so wie immer. Sein Trupp, einer von einigen, soll das Vergangene nie wieder erst möglich machen. Doch es geschieht in diesem Moment.
Verzweiflung macht sich ihn ihm breit, wirkt betäubend wie ein Gift. Er will nicht noch einmal jemanden verlieren der ihm so nahesteht. Das Damals darf sich nicht widerholen. Seine Stimme verliert sich auf dem leeren Feld, als er ihren Namen ruft. Tränen stauen sich in seinen Augen. Er stützt sich an seinem Speer ab, fragt sich ob er versagt hat. Noch ehe es der ersten Träne gelingt zu Boden zu fallen, horcht er auf. Ihre Stimme ist zu hören, leise und fern, aber sie ist es, ganz eindeutig. Sie ruft ihn, fleht um Hilfe. Er lauscht, vermutet die Stimme aus der Richtung des Dorfinneren vernommen zu haben. Keinen Moment lässt er verstreichen, sofort hechtet er durch die Scheune, zurück ins Herzen des Dorfes. Er ruft sie, ihren Namen, immer und immer wieder. Sie antwortet, ihre Stimme wird klarer, lauter. Doch ohne Vorwarnung, ohne jegliche Vermutung, reist es ihn zu Boden. Mühsam richtet er sich auf, ist nicht verletzt, auch wenn seine Knochen schmerzen. Eine Bestie, sie steht ihm gegenüber, wild und bereits vom Kampf mit Blut befleckt. Aus dem Nichts, aus den toten Schatten, den Winkeln der wenigen Häuser, erscheint eine zweite, eine dritte, und eine vierte Kreatur. Sie spielen mit ihm, glauben sich in der Übermacht zu befinden. Er versucht sich auf den Kampf zu konzentrieren, aber der Ruf seiner Tochter hindert ihn, der wie ein Feil schnell und gerade durch seine Gedanke schnellt und alles verwischt. Erneut ist er gezwungen zu seinem Speer zu greifen, mit seiner Waffe zu töten. Seine Tochter, sie ist nahe, der Gedanke bestärkt ihn. Er wartet nicht länger, vertraut blind auf sein Können, hofft dass es genügt. Die Bestien entgegnen seinen Angriffen zunächst mit Parole, doch auch sie sind geschwächt, geprägt von vorherigen Kämpfen. Erst ist es eine einzige Kreatur die mit ihm kämpft, der Rest hält sich zurück. Einen schnellen Hieb später gelingt es ihm seinem Gegner eine tiefe Wunde zuzufügen. Die anderen Kreaturen erkennen den Ernst, sehen ihren Artgenossen bluten und steigen in den Kampf ein. Er wird umkreist, von den bedrohlich knurrenden Gestalten umzingelt. Seine Chance sie alle niederstrecken zu können sinkt.
Warmes Blut besudelt seine Rüstung. Ein Schwert durchdingt den Brustkorb einer Bestie. Die Waffe wird geführt von jungen Händen. Er kennt ihn, es ist ein Soldat aus seinem Trupp. Hinter ihm das schmerzerfüllte Aufschreien einer andren Kreatur. Und wie zuvor die Bestien selbst, erscheinen aus den toten Schatten, aus den Winkeln der wenigen Häuser, diese ihm vertrauten Gesichter, sein Trupp. Er nutzt diesen Moment der Überraschung, kann selbst auch noch einen Feind gekonnt niederstrecken. Zuletzt ist nur die eine Bestie übrig, mit einer tiefen Wunde, stark blutend und schwach auf den Beinen stehend. Selbst kommt er nicht dazu, der Speer eines anderen Soldaten lässt dem Geschöpf die kalte Umarmung des Todes spüren. Stille kehrt ein, auch wenn sie nur einen Moment anhält. Nicht alle aus seinem Trupp sind versammelt. Sie sind noch acht Männer.
 

Gratus

Frischling
Mitglied seit
12 Sep 2012
Beiträge
11
Er bekommt Bericht, erfährt dass die übrigen Dorfbewohner auf dem Weg über die Brücke auf die andere Seite des Tales sind. Das Gefühl für den Augenblick hat er verloren. In Mitten der Straße, übersät mit Leichnamen, spürt er eine kühle nächtliche Brise, angereichert mit dem Geruch von Blut und Metall, an sich vorüberziehen. Hier kann er nicht länger verweilen, er und der Rest seines Trupps. Er führt die restlichen Soldaten an, seine Füße tragen ihn an die Spitze der verbliebenen acht Männer. Seine Tochter muss bei den anderen Dorfbewohnern sein. Er hofft, und darum treibt er sich Schritt für Schritt voran, mit dem Blick nach vorne gerichtet.
Zusammengebtrieben wie Schafe zwängen sich die Dörfler über die viel zu enge Brücke. Einige wenige Fackeln lassen das Nötigste erkennen. Die Bestien sind nirgends zu sehen. Er ruft ihren Namen, voller Elan und Wille sie zu finden. Ihre Stimme, sie ist wieder zu hören, irgendwo aus der Menge heraus. Es fällt ihm ein Stein vom Herzen. Er atmet tief durch, Tränen stauen sich. Noch einmal ruft er ihren Namen, stellt sich auf seine Zehnspitzen, versucht sie in der Menge ausfindig zu machen. Und da sieht er sie, in der Mitte der Brücke. Sie ruft, winkt, macht auf sich aufmerksam und versucht gegen den Strom anzukämpfen. Angst treibt die Dörfler jedoch zu arg voran. Sie kann sich nicht wehren, wird mitgerissen. Nur noch einige wenige Verletzte, dann haben alle die Holzkonstruktion überquert, wiegen sich in Sicherheit auf der anderen Seite. Nur noch wenige Momente, dann kann er sie wieder in seine Arme schließen. Nur noch wenige Momente, und er würde sie nie wieder loslassen.
Grelle Lichter, ein Geschoss aus Feuer zerschellt und entfacht züngelnde Flammen. Die Brücke fängt Feuer. Ein zweites Geschoss aus dem Nirgendwo der pechschwarzen Nacht trifft, versetzt die Dörfler in Panik. Der eine Teil kann noch im letzten Augenblick auf die andere Seite eilen, der Rest muss umkehren um von den Flammen nicht verschlungen zu werden. Wieder schlägt sein Herz bis zum Hals. Er ruft, versucht sie auf der anderen Seite ausfindig zu machen. Sie entwarnt ihn mit einem Winken. Die Brücke steht lichterloh in Flammen, beleuchtet die beiden Seiten des rauschenden Flusses. Er, die acht Mann seines Trupps und einige verbliebene Dorfbewohner starren mit Entsetzen auf den einzigen Weg, der zu ihren Bekannten, Verwandten und Geliebten führt.
Noch nicht einmal ein grober Gedanke ist gefasst, kein Plan zum Überqueren des Flusses geschmiedet, als sich erneut große Unruhe bei den Dörflern auf der anderen Seite ausbreitet. Die ersten lauten Schreie sind zu hören, die Panik ist nicht unbegründet. Sein Augenmerk richtet sich auf die andere Seite. Er versucht den Ursprung zu ermitteln, als er hinter den Flammen, auf der anderen Seite, die Silhouette einer Bestie erkennt. Sofort alarmiert er seinen Trupp. Die Schreie werden Lauter, die armen Seelen sind in einen Hinterhalt geraten. Einige Soldaten auf der anderen Seite versuchen die Bestien zu vertreiben, doch ihr Scheitern ist vorherzusehen. Immer mehr Kreaturen kommen aus der Dunkelheit, tummeln sich um die Dörfler und beginnen sie abzuschlachten. Er ballt seine Finger zu Fäusten, schaut sich mit Entsetzen das Blutvergießen an, kann nicht helfen. Dann sieht er sie, seine Tochter, alles was ihm geblieben ist. Sie steht am Rande auf der anderen Seite, vor ihr der freie Fall in den reißenden Fluss. Sie weint und schaut sich verängstigt um. Ihr Blick schweift abwärts, sie versucht den Mut für einen Sprung zu sammeln. Doch dann blickt sie ein letztes Mal auf und ihre Blicke kreuzen sich. Sie sieht ihren Vater, ruft ihn um Hilfe. Er kann nichts tun, es bricht ihm das Herz, doch er kann ihr nicht helfen. Sie fleht, weint so bitterlich, dass auch er in Tränen ausbrechen muss. Die Schreie der Dörfler wollen nicht aufhören, einige stürzen sich bereits in den Fluss, haben so wenigstens noch eine kleine Chance zu überleben. Er kann es nicht mit ansehen, die Verzweiflung, die Angst und die Tränen im Gesicht seiner Tochter. Es ist der gleiche Ausdruck in ihrem Gesicht, wie der ihrer Mutter, als ihr Leben von den Bestien genommen wurde. Er versagte an diesem Tag, hat es sich niemals verziehen seinem Trupp die falschen Befehle erteilt zu haben. All die vergangenen Jahre über versuchte er zu vergessen, sich selbst zu vergeben. Das alles sollte ein Neuanfang werden, doch er versagte wieder. Er blickt auf zu seiner Tochter, dem einzigen Schatz der ihm noch verblieben ist. Sie entgegnet ihm mit entschlossener Miene, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und schaut nach unten in die Strömung. Er ruft ihren Namen, ein letztes Mal und so laut er nur kann. Sie schreitet nach vorne, bereit für ihr Schicksal, bewusst das dies das Ende sein könnte. Doch das Leben gibt ihr keine Chance. Dunkle Klauen umgreifen ihren schmalen Körper, ziehen sie von der Kante weg, pressen sie zu Boden. Ein schriller und lauter Schrei, der sein Herz fast zum Stillstand bringt, und der Tod hat ihre junge Seele verschlungen. Er wird taub, das Bildnis brennt sich in sein Gedächtnis ein, löscht Hoffnung, Wille und Kraft in nur einem einzigen Augenblick für immer aus. Sein Körper sackt zusammen, er fällt auf die Knie. Das einzige was er spürt, ist die Hitze der lodernden Flammen vor ihm. Es fühlt sich an wie die Hölle.
Seine Fäuste entspannen sich, er kann seine Hände kaum noch spüren. Sie ist fort, für immer. Er hat versagt, weist sich die Schuld zu. Alles liegt brach, ist irreparabel und für immer vernichtet. Das letzte, das einzige Licht in seinem Leben ist erloschen, nichts kann neu entfacht werden. Ohne sie, kann sein Leben niemals wieder einen Sinn ergeben.
Ein Soldat kündigt mit lauten Rufen das Eintreffen der blutrünstigen Kreaturen an, die durch das Dorf fegen und auch noch die letzten Verbliebenen in ihren Verstecken ausfindig machen und töten. Es ist das letzte Mal dass er zur Waffe greift, und das für immer. Seine Hand umschließt den Speer, er richtet sich auf, denkt an die Zeit damals. Damals, als jeder siebte Tag so gewöhnlich wie jeder andere war. Er blickt hinüber zu seinen Kameraden, den acht restlichen Männern seines Trupps. Sie sind bezwungen, verloren in der Tiefe, dort wo es keine Hoffnung mehr gibt. Er weiß, sie werden mit ihm kämpfen, ein letztes Mal. Für ihn wird es keinen morgigen Tag geben. Er atmet tief durch und schaut hoch zu den Sternen. Bald sind sie wieder vereint.
 
Thread starter Similar threads Forum Replies Date
Nebelhirn Second Life 0
Streifchen Tierische Begleiter 9

Similar threads

Oben