Schatten der Vergangenheit

Larc

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Ist es möglich, ein Ereignis, welches die Kindheit prägte zu vergessen, wenn man die Erinnerung nur lange genug verdrängt? Wirft man einen Stein ins Wasser, glätten sich die Wogen irgendwann. Oberflächlich zur Normalität zurückgekehrt, deutet nichts darauf hin, was auf ewig in der Tiefe liegt. Egal wie weit dich deine Füße tragen. Der Schatten wird dein stetiger Begleiter sein, vor dem man niemals fliehen kann. Irgendwann muss sich jeder dem Gespenst der Vergangenheit stellen.



Schatten der Vergangenheit
(© Larc)


Part 1
Versteckspiel


Silbrig schien der Mond in sternenklarer Nacht. Ruhe hatte sich über die Ebene gelegt und alles Leben schien zu schlafen. Der Wind sang sein flüsterndes Lied, als er die herbstlich kahlen Äste der Bäume umspielte, welche wie knöcherne Finger in den Himmel ragten. Vom Hauch erfasst tanzten gefallene Blätter über den abgelegenen Pfad, der sich den bewaldeten Hügel hinauf schlängelte. Raschelndes Laub brach die Stille, als es unter den Füßen eines einsamen Wanderers zertreten wurde. Pirschenden Schrittes folgte die hochgewachsene Gestalt dem spärlich befestigten Weg durch die ansonsten unberührt wirkende Hügellandschaft. Ein robenartiger Mantel umhüllte die breiten Schultern. Die Kapuze, in deren Schatten rote raubtierhafte Augen das Mondlicht matt reflektierten, hatte er zum Schutz vor der klammen Umarmung des Herbstwindes tief über das Gesicht gezogen.


Anmut und Stolz lag in der Haltung der Gestalt. Ein langer, reptilischer Schweif, welcher aus dem für ihn zugeschnittenen, dunklen Gewand herausragte, balancierte seinen Gang mit sanften, pendelartigen Bewegungen. Sein Blick wanderte wachsam durch das Dickicht, welches den Weg zu beiden Seiten säumte. Innehaltend um konzentriert zu lauschen, legte er den Kopf leicht in den Nacken und richtete seine Schnauze etwas gen Himmel. Die Nüstern flackerten im Versuch eine Witterung aufzunehmen und züngelnd testete er die Luft. Wohl wissend, dass neugierige Augen ihn beobachteten. Blicke, welche fast wie ein Prickeln auf seiner Haut spürbar waren.


Ein leises Rascheln hinter ihm, ließ ihn herumwirbeln. Zu schnell, um sie mit dem Auge wahrzunehmen, war das kleinen Geschöpf, welches den Weg huschend überquerte und zwischen den Bäumen zur anderen Seite verschwand.


Synthia?“


Die Stimme des verhüllten Drachens klang kraftvoll und tief, jedoch lag auch Besorgnis darin. Ein mädchenhaftes Kichern erklang leise auf seinen Ruf. Der Versuch, dem Geräusch zu folgen blieb erfolglos und so verharrte er mit geschärften Sinnen in seiner Position.


Es ist schon spät und deine Eltern sorgen sich sicher schon um dich.“ fuhr er fort und seine Worte wurden nur durch Stille beantwortet. Ein resignierender Seufzlaut entfuhr seiner Kehle und nach endlos scheinenden Momenten des Wartens formte sich eine Idee in seinem Geist.
Ich habe mich verlaufen!“ begann er und zwang sich einen hilflos wirkenden Ton anzuschlagen.
Komm mit mir nach Hause. Es ist kalt und finster hier und du kennst den Wald wie niemand sonst.“ Voller Ungeduld verdrehte er die Augen. Das Spiel, welches das Mädchen mit ihm trieb, begann ihm auf die Nerven zu gehen.


Der große Wanderer, weiß und rein, möchte nicht alleine sein.“


Die flüsternde Stimme erklang in seinem Rücken und erneut hörte er das kindliche Lachen. Gefolgt von schnellen, emsigen und kaum wahrnehmbaren Schritten, welche sich entgegen seiner Blickrichtung leicht abseits des Weges von ihm entfernten. Herumwirbelnd begann er hastig, den Geräuschen zu folgen. Den Blick dabei stets auf den Wegrand gerichtet, doch er konnte ihre Gestalt in der Finsternis nicht ausmachen. Die sanften Trittgeräusche schienen langsamer und leiser zu werden, bevor sie komplett verhallten und ihn erneut in ummantelnder Stille zurück ließen.


Auch seine Schritte verlangsamten sich. Die Augen des Drachen zogen sich zu Schlitzen zusammen, welche den vermeintliche Ursprungsort des letzten Geräusches fokussierten. Den beschleunigten Atem unterdrückend, verließ er den Weg und pirschte wie ein Raubtier auf der Suche nach Beute an jenes Gebüsch . Beinahe lautlos trat er heran und drückte das Geflecht von dünnen Zweigen mit beiden Händen auseinander. Unmut kochte in ihm auf, als er nur Leere vorfand.


Raschelnd kehrte das Gestrüpp in die Ursprungsform zurück, als er sich davon abwendete. Die wild zu lodern scheinenden Augen in die Dunkelheit gerichtet, fasste er sich mit einer Pranke an die Stirn und fuhr mit deren Fingern tief unter die Kapuze. Diese glitt über die glatten Schuppen seines Schädels hinab und fiel in seinen Nacken, während er seinen Blick senkte. Die andere Hand zur Faust geballt und zähneknirschend, konnte er einen in seiner Kehle aufkeimenden Knurrlaut nicht unterdrücken. Deutlich war zu erkennen, dass sein Geduldsfaden langsam anfing, rissig zu werden.
Na schön...“ Ein beängstigender Ton lag in seiner Stimme und er nahm einen tiefen Atemzug, um sich etwas gemäßigter fortfahren zu können.


Na schön du hast gewonnen! Komm raus oder bleib hier! Zum Teufel! Ich werde nun zurück gehen!“ Erbost war er bereit, das letzte Mittel zu ziehen, um ein unfolgsames Kind gefügig zu machen. Sie würde schon bemerken, dass es ihm ernst war, wenn sie erst einmal eine Weile alleine in der Finsternis verbracht hätte. Weit würde er sich nicht entfernen. Nur eben weit genug, um sie zur Vernunft zu bringen und das Versteckspiel bleiben zu lassen. Bestimmten Schrittes bahnte er sich den Weg zurück zum Pfad, wo er noch einmal inne hielt, um der Stille seinen Worten Nachdruck verleihen zu lassen. Dann setzte er sich gemächlich in Bewegung und folgte der Richtung, aus der er gekommen war. Die Augen auf den Boden gerichtet, zwang er sich, nicht zurück zu sehen. Lauschend schritt er voran, doch sie schien keine Reaktion zu zeigen.


Vergessen hat er was einst geschah,
als er noch selbst ein Jüngling war.“


Der weiße Drache erstarrte in seiner Bewegung und seine Lippen pressten sich zu einer schmalen Linie zusammen.


Was weißt du schon? Hör endlich mit deinen albernen Versen auf!“ knurrte er über die Schulter hinweg in die Dunkelheit hinein. Ein Unterton lag im kindlichen Flüstern, welcher in seinem Schädel nach hallte und zu einem Dröhnen anschwoll. Der pochende Ton ließ ihn mit schmerzverzerrter Mine in die Hocke gehen und er vergrub sein Gesicht in den Flächen seiner Pranken. Verzweifelt versuchte er einen klaren Gedanken zu fassen. Bilder vergangener Zeiten rasten in Sekundenschnelle durch seinen Geist, doch sie verschwammen zunehmend, je weiter er versuchte zurück zu reichen. Innere Leere umfing ihn und der Ton in seinem Geist schien ebenfalls zu verebben. Wie ein verstörtes Kind wippte er in der Hocke und ließ langsam die Pranken über seine Schnauze hinab gleiten.


Ein schriller Schrei voller Panik und Angst fuhr ihm tief ins Mark. Vor Schreck zusammen zuckend, verlor er das Gleichgewicht und landete rücklinks auf seinem Gesäß. Er riss die Augen auf. Sein Herz raste in seiner Brust und seine Lippen begannen sanft zu beben. Nicht vor Entsetzen, sondern vor blankem Zorn. Sein Blick fiel auf ein Paar von kleinen, weißen Katzenpfoten, wanderte hinauf an dem sichtbaren Bereich ihrer Beine, welche von schwarzen Fell bedeckt waren und unter einem sehr mädchenhaft geschneiderten Kleid hervorragen. Es war in einem satten Grünton gehalten, welcher aber in der Finsternis kaum zur Geltung kam. Letztendlich fixierte er ihr schwarz weißes Gesicht. Die Nase und ihr Blick war schüchtern gesenkt, als würde sie versuchen, dem Blickkontakt auszuweichen. Völlig unversehrt stand sie vor ihm. Die Mundwinkel leicht nach unten gezogen, doch ihre smaragdgrünen Augen blitzten frech.


Ein Repertoire aus Schimpfwörtern lagen ihm auf der Zunge und er musste sein drachisches Temperament mühseelig im Zaum halten, damit diese nicht aus ihm heraus sprudelten wie ein Wasserfall. „Mach das nie wieder!“ knurrte er sie stattdessen an.


Aber... aber.. Larc. Du kannst noch nicht gehen!“ stammelte Synthia eingeschüchtert. „Ich muss dir unbedingt was zeigen!“ Aufgeregt wollte sie schon wieder an ihm vorbeihuschen, doch der Albino packte ihren Arm. „ Ich dir auch und zwar den Heimweg! Es reicht! Ich bin dir lang genug hinterher...“


"Fühlte sich so ganz allein,
Ach er war ja noch so klein.
Er weiß nicht mehr was einst geschehn.
Der stumme Zeuge hats gesehn."



Unwohlsein und Kälte fuhren durch den Leib des Drachen, als ihr nachhallendes Flüstern erneut in das dröhnende Geräusch verebbte, welches seinen Geist erfüllte. Genauso intensiv, doch kurz anhaltender als zuvor, reichte es aber dennoch dafür aus, dass sich das Katzenmädchen aus seinem sich lösenden Griff befreien konnte.


Komm!“ flüsterte sie leise.
Er wartet schon auf dich.“


Schnelle, leichtfüßige Schritte entfernten sich raschelnd in dem von Laub bedeckten Waldboden hinein. Der seidene Faden seiner Geduld riss und entlud sich in einem wutentbrannten Knurren.
Ich hab die Schnauze voll von deinen dämlichen Spielchen!“ brüllte er in die Stille hinaus und richtete sich dabei auf.
Weiß deine Mutter, dass du dich hier des Nachts mit zwielichtigen Gestalten triffst?“ Die Worte verhallten und es erfolgte keine Antwort.
Na schön! Zeig mir deinen rosa Elefanten und dann geht es ab nach Hause!“
Seine Geduld neigte sich dem Ende und er trat entschlossen hinein in die Finsternis des Unterholzes abseits des vom Mondlicht spärlich beleuchteten Weges.
Wenn es sein muss, zieh ich dich an den Ohren dort hin!“ schimpfte er im Flüsterton vor sich hin, während er mit scharfen Sinnen ein leises, entferntes Rascheln vernahm, welches die gespenstische Stille durchbrach. Mit aufkeimendem Unwohlsein folgte er der Richtung, aus dem das Geräusch entsprungen war mit langsamen, voran tastenden Schritten und verfluchte dabei innerlich die sieben Teufel, welche ihn dazu geritten hatten, sich auf die Suche nach dem kleinen Mädchen einzulassen.
 
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Part 2
Verborgen in tiefster Dunkelheit


Wie knorrige, skelettierte Finger rankten sich die kahlen Äste der Bäume in den Himmel empor. Im Winde wiegend, warfen sie bizarre, tanzende Schatten auf den mit Laub bedeckten Waldboden. Eingeschüchtert fühlte er sich. Trotz imposanter Gestalt, rang er mit dem stetig anwachsenden Unbehagen und fuhr mehrmals herum, als er mit der Schulter an ein einem der dünnen Zweige streifte. Die junge Katze huschte mit raschelnden Schritten voran, hielt manchmal kurz an, um sich zu orientieren und beschleunigte kichernd ihre Schritte wieder, um eine gewisse Distanz zu ihrem Verfolger zu wahren.


Es ist nur ein blöder Wald!“ knurrte der Albino keuchend vor sich hin, während er sich dank seiner kräftigen Statur schwer tat, mit dem flinken Katzenmädchen mitzuhalten. Den Blick stur auf den Boden gerichtet und immer wieder suchend aufschauend, um Synthia nicht aus den Augen zu verlieren, folgte er ihr durch den Wald. Er fluchte auf seine lebhafte Fantasie, welche ihm Bewegungen von schattenhaften Schemen in der Dunkelheit vorgaukelte, wo nichts war, als friedvolle Stille.


Wir sind da!“ rief das Mädchen nach einer Weile des Umherstreifens und deutete auf eine verwitterte Mauer, in die ein schweres Eisengatter eingefasst war, auf welches sie zu eilte. Ein gequältes quietschen durchbrach die Nacht, als sie das verwitterte Tor einen Spalt weit öffnete und dem Drachen einen erwartungsvollen Blick zuwarf.
Hey Kleine! Du kannst da nicht einfach rein spazieren. Was wenn...?
Doch die kleine Synthia schien nicht zuzuhören. Stattdessen winkte sie Drachen mit einer auffordernden Geste, um ihr zu folgen heran und zwang sich durch den Türspalt.


Argwöhnisch betrachtete der weiße Hühne das von Witterung und Moosbefall gezeichnete Mauerwerk. Was immer dahinter lag. Es wirkte, als wäre die Ruhe dieses Ortes ewig nicht mehr gestört worden. Aufblickend und sich langsam nähernd, musterte er die zwei steinernen Figuren. Auf Podesten stehend, welche in die hohen Torpfeiler eingearbeitet wurden, wachten sie einträchtig über den Eingang des Hofes.
Stumm und würdevoll wirkten die beiden Statuen. Den Kopf andächtig geneigt. Engelsgleich waren ihre friedlichen Mienen mit ihren geschlossenen, steinernen Liedern und ihrem stolzen, friedlichen Antlitz. Ihre Hände waren vor der Brust gefaltet. Anmutige Schwingen zierten ihre Rücken. Kunstvoll ausgearbeitet bis ins letzte Detail. Ein Wolf zur Rechten. Kraftvoll und weise wirkend zugleich. Zur Linken ein Löwe. Voller Edelmut und Stolz. Zwischen den so lebensecht wirkenden Wächtern hielt der Drache kurz inne. Mit mulmigem Gefühl lauschte er der leisen Stimme des Mädchens.
Die Melodie ihres kleinen Verses leise summend, lief sie einen Fuß vor den anderen setzend langsam voran. Einen Fuß vor den anderen setzend, ging sie hinein in den Hof. Dabei hatte sie beide Arme gespreizt. Gerade so, als würde sie auf einer unsichtbaren Linie entlang balancieren.


Er schluckte schwer. Ihre zarte Stimme war das einzige, was er noch wahrzunehmen schien, als er sich zwang, sich gegen das Tor zu stemmen. Allgegenwärtig und beinahe hypnotisch wirkte Synthias leiser Gesang. Stolz ließ ihn seine Bedenken verdrängen. Wenn ein kleines Mädchen voranpreschte, wäre es eine Schmach für einen der Seinen zu zögern. Allein der Gedanke an spöttisches Getuschel, ließ ihn voranschreiten.


Ein unbehagliches, metallisches Ächzen erfüllte den Hof, als er letztendlich das schwere Tor weiter öffnete, um hindurch zu schreiten. Leise auf die Unvernunft des Mädchens fluchend passierte er das Tor und beschleunigte seine Schritte. Sein Verdacht bestätigte sich, als er die Blicke über die Innenseite des Hofes schweifen ließ. Gräber! Uralt wirkende Gedenksteine, welche kreisförmig um einen großen, runden Brunnen im Zentrum des Hofes ausgerichtet waren. Schemenhaft konnte er in dessen Mitte eine weitere, steinerne Figur erkennen, welche im Gegensatz zu denen am Eingang demütig kniend dargestellt wurde.


Das ist nun wirklich kein Ort für kleine Mädchen. Man sollte die Ruhe der Toten des Nachts nicht stören sonst...“ er stieß ein kehliges Stöhnen aus und gestikulierte neckend mit starrem Blick, um das Mädchen etwas einzuschüchtern.
Die schlafen doch nur!“ antwortete die kleine Katze keck.
Sie ruhen dort unten. Man sieht sie nicht. Kommen nie mehr zurück ans Licht. Er hat mir gesagt, dass man sich von ihnen nicht fürchten muss.“


Er?“
Sie griff seine Pranke und zog ihn weiter auf den Brunnen zu. Der fahle Mond stand im Rücken der knienden, steinernen Figur am Horizont. Gespreizte Flügel warfen lange Schatten.
Der Engel!“ flüsterte Synthia und tauchte die Finger ihrer freien Pfote in das von Algen grünlich wirkende, abgestandene Wasser. Mit kreisförmigen Bewegungen ließ sie kleine Wogen entstehen, während sie ehrfürchtig aufsah.
Er ist so traurig, weil ihn jeder vergisst und keiner mehr mit ihm spricht.“


Larcs Blick war fixiert auf die Statue. Moos hatte den Stein bewuchert und bedeckte die edlen Züge des gesenken, pferdeartigen Kopfes. Ebenso kunstvoll gefertigt, wie die Statuen am Eingang, stellte diese Figur ein geflügeltes Pferd dar. Ein engelsgleiches Himmelsross. Einem humanoiden Pegasus sehr ähnlich. Eine traurige Mine war in sein steinernes Antlitz gegeben. Starre, lehre Augen blickten hinab ins Wasser des Brunnens und die Lippen waren sanft geöffnet, als würde die Figur leise säufzen.


Er flüstert dir sicher auch deine Reime zu?“ fragte der Drache mit spöttischem Unterton, worauf die Katze nur knapp nickte. Ein schriller Schrei durchbrach die Stille, als sie den Boden unter den Füßen verlor und von Larc geschultert wurde. Trotzig und erbost trommelten ihre kleinen Fäuste auf seine breiten Schultern, als dieser sie in Richtung Tor trug.


Bei Nacht und Nebel durch den Wald, nur um mir so einen alten Granitschädel zu zeigen? Ab nach Hause Madam! Ich hab mir genug die Hacken wund gelaufen.“
Ein einzelner Tropfen fiel auf die Wasseroberfläche, als seine Stimme verhallte und er spürte, wie sich der Körper des Mädchens versteifte.
Du machst ihn traurig.“ ihre leise Stimme klang besorgt und warnend zugleich, doch er schien sie zu ignorieren.


Dein Freund da ist aus Stein!“ knurrte er kurz innehaltend um einen verächtlichen Blick zurück zu werfen. Stille verschlang den Klang seiner Worte und ein weiterer Tropfen fiel deutlich wahrnehmbar ins Wasser des Brunnens. Ein Rinnsal von pechschwarzer Flüssigkeit schien den beiden Augenhöhlen der Figur entsprungen zu sein. Wie die Spur finsterer Tränen zeichnete sie sich über die lange Schnauze und war offenbar in den Brunnen getropft. Tintenartig vermengte sie sich langsam mit dem abgestandenen Wasser.


Er starrte in die Augen der Figur, deren reglos, starrer Blick leicht schräg an ihm vorbei sah.
Nur aus Stein geschlagen!“ bekräftigte er seine Aussage.
Feines Gestein der glatten Oberfläche der Figur rieselte an ihr herab, als der engelsgleiche Hengst den Kopf neigte und seinen Blick erwiderte. Knirschend stemmte er das angewinkelte Bein ins Wasser. Halt suchend, um sich langsam zu erheben. Risse bildeten sich an seinem Leib, als er über den Beckenrand trat und sein steinerner Huf in den lockeren Boden sankt. Bröckelnd hob er einen Arm und streckte die gespreizten Finger nach den Beiden.


Knurrend zurückweichend setzte der Albino die kleine Katze ab und zog sie schützend hinter sich, während er die Augen stets auf die skurile, zum Leben erwachte Kreatur fixierte. Synthia zerrte und kratzte an seinem Arm, worauf er sie fauchend laufen ließ. „Lauf weg!“ knurrte er und brüllte dem steinernen Geschöpf seine Entschlossenheit entgegen. Ungelenk, aber zielstrebig folgte ihm das Wesen und setzte einen knirschend, schleppenden Schritt nach dem anderen, während der Drache zurückwich. Der Huf des Pegasus trat in eine Unebenheit im Boden und die Beine gaben unter der Last des Leibes nach. Donnernd knallte die schwere Figur zu Boden, wobei der gestreckte Arm brach. Der verbleibende Stumpf hielt den Rumpf des Körpers in leichter Seitenlage.


Larc nutzte die Gelegenheit, um nach Synthia zu sehen, welche gerade das Tor passierte.Dann sah er hinab und trat angewidert weiter zurück. Schwarze Flüssigkeit quoll aus Augenhöhlen, Mund und Nüstern des starren Pferdeschädels und bildeten eine sich stetig vergrößernde Pfütze. Sein Rücken traf auf eine harte Fläche und er glaubte sich an der Friedhofsmauer. Steinerne Fäuste umschlossen seine Handgelenke und er blickte aufgeschreckt zu seinen Seiten. Direkt in die hässlich zerfurchten Fratzen der beiden Torwächter. Tiefe Risse wirkten wie zornige Falten und ihre aufgerissenen Augen glichen leeren Höhlen. Sich windend und zerrend, versuchte er dem Griff zu entkommen. Mit Tritten und Schwanzhieben versuchte er sie aus dem Gleichgewicht zu bringen und erstarrte, als er die Berührung der kalten Flüssigkeit an seinen Füßen spürte. Wie eine lebendige Masse rankte sich die Masse an seinen Beinen hinauf über seinen Leib. Geräuschvoll fiel das Tor ins Schloss und er blickte über seine Schulter. Die kleine Katze umklammerte die Gitterstäbe von außen mit ihren kleinen Fingern.
Es tut nicht weh.“ drangen ihre weinerlichen Worte an sein Ohr, bevor ihn Schwärze umfing. Er fühlte das Drängen an seinen Lippen und versuchte seine versiegelten Nüstern mit heftigem Schnaupen zu befreien. Keine Luft gelangte in seine Lungen. Nach endlos scheinenden Minuten öffnete er die lippen in einem reflexartigem Atemzug und das Dunkel drang in ihn.
 

Larc

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Part 3
Weiche böser Geist!


Erstickt und kehlig klang der Atemzug des Drachens. Sein Brustkorb bäumte sich auf, als er hustend und röchelnd nach Luft schnappte . Wild pochte das Herz in seiner Brust und sein Körper zuckte und verkrampfte sich. Die Augen geweitet, schmerzte das Licht, welches in geweitete Pupillen stach, welche sich zu Schlitzen zusammenzogen. Leer und voller Schrecken war sein trüber Blick. Wild und voller Panik sah er sich um und versuchte, seine Umgebung wahrzunehmen und seine Augen an die Lichtverhältnisse anzupassen. Ein Gewicht lag auf seiner Brust und erschwerte das Atmen. Ein Körper! Matt und reglos. Er wand sich schaudernd darunter und brüllte markerschütternd auf.


Um Himmels Willen!“ schrie eine weibliche Stimme und der reglose Leib wurde von ihm gerissen. Er wollte aufstehen und die klamme Umarmung der Finsternis von sich schütteln. Sein sich aufbäumender Brustkorb traf auf Widerstand. Zwei weiche Pfoten, die in niederdrückten. Begleitet von beschwichtigenden Worten.


Ruhig! Du bist zurück! Alles ist in Ordnung.“ Die Stimme klang vertraut und er begann ungläubig den Untergrund, auf dem er lag zu betasten. Weich und komfortabel fühlte sich die Matratze des Bettes an. Blinzelnd blickte er hinüber zum Schein der Kerze und dann hinauf zur schmächtigen Gestalt, die über ihn gebeugt stand. Netzartige Schatten fielen auf die blanke, weiße Haut, als die männliche Hyäne, deren Mähne zum borstigen Hirokesen frisiert war, einen Traumfänger über seinen Kopf hielt. „Er ist zurück und trägt ihn in sich.“ sagte diese leise und an jene Personen gerichtet, welche sich mit ihm im Raum befanden.


Mein armes Kind! Sie rührt sich nicht mehr! Nie hätte ich diesem heidnischen Ritual zustimmen sollen!“ Die Stimme der Dame des Hauses, die ihre Tochter in den Armen trug, klang besorgt und hysterisch, während ihre rastlosen Schrittgeräusche deutlich wahrzunehmen waren.
Sie schläft nur tief und fest und braucht nun Ruhe! Das Traumwandeln zehrt an den Kräften.“ beruhigte die Hyäne und begann leise in einer mysteriösen Sprache zu murmeln. Ein leises Quietschen erfüllte den Raum, bevor bevor die Tür wieder ins Schloss gezogen wurde.
Archer? Ich hab ihn gesehen!“ Stimme und Leib des Albinos zitterten, als würde er frieren, während er Blickkontakt zu seinem Vertrauten suchte, der nur einen Finger vor die flüsternden Lippen legte und mit seinem leisen Singsang fortfuhr.


Was fehlt ihm?“ Larcs Aufmerksamkeit schwang zur fremden Stimme und er musterte den erwachsenen, schwarzen Kater, welcher unweit des Fußendes des Bettes verharrte und den Schamanen beobachtete. „Die Austreibung darf nicht gestört werden!“ sagte Archer bestimmt und deutete auf die Tür. „Geht und lasst uns allein!“ Seine fremden Worte schwollen an und schienen den Raum zu erfüllen und die leisen Schritte des Herren des Hauses, der sich der Tür näherte und den Raum verließ zu übertönen. Angespannt war das Gesicht der Hyäne, während sie ihre Verse murmelte. Beiläufig richtete sich ein Ohr aus zur Tür und lauschte dem Geräusch, als diese geschlossen wurde. Weiter vor sich hinmurmelnd wich die Anspannung einem hämischen Grinsen, als die Schritte verhalten und er senkte den Traumfänger.


Verdammt ich hab ihn gesehen! Den Friedhof und den Engel, der schwarze Tränen weint!“ brüllte der Albino und Archers Gesicht wurde wieder ernst.
Nicht so laut!“ zischte dieser und hob eine Braue.
Sicher hast du ihn gesehen! Den Boden des Bierkrugs! Und das mehrfach hintereinander! Geister?Nichts als Hinterwäldlergeschwätz! Was denkst du, was wir hier machen?“flüsterte die Hyäne.


Gutgläubige Leute hinters Licht führen! Aber hörst du schlecht? Ich war dort! In ihrem Traum! Ein finsterer Wald. Die Kleine hat Verstecken gespielt und mich zu einem abgelegenen Friedhof geführt! Dort...“


Archer schüttelte den Kopf und fiel Larc ins Wort.
Da brat mir doch einer einen Storch! Der Kaltblüter hat ein Gewissen! Der Anfall war übrigens sehr nett inszeniert! Wusste gar nicht, dass du so gut schauspielern kannst! Nun verderbe einen genialen Plan nicht mit deiner plötzlich auftauchenden Moral! War es nicht deine Idee, den Start ins neue Glück zu erleichtern?“


Der Drache schüttelte entschieden den Kopf und ließ sich zurück sinken.
Da wusste ich auch noch nicht, dass was dran ist an der Geschichte!“ knurrte er. Sein Geist war wirr und rastlos. War es tatsächlich nur eine Ausgeburt seiner Phantasie? War er mit dem Kind im Arm eingeschlafen und die Vision nichts weiter als ein Traum? Hervorgerufen von seinem Gewissen?


Ich bin nicht verrückt!“ flüsterte er und rieb sich dabei die Augen.
Ach nein? Dann verdirb es nicht! Das ist eine Goldader hier! Hast du die Einrichtung unten im Saal gesehen?“ entgegnete Archer und rieb dabei Daumen und Zeigefinger aneinander. „Könnte eine kleine Aufwandsentschädigung herausspringen und wenn nicht...“


Desinteressiert blickte Larc zur Decke des Raumes empor und beobachtete die im flackern der Kerzenflamme tanzenden Schatten.
Was ist mit dem Mädchen?“ fragte er knapp.


Die wird heute Nacht schlafen wie ein Murmeltier. Hab ihr ein wenig beruhigende Tinktur verabreicht. Das Zeug würde einen aufgebrachten Vertreter deiner Art sanft in den Schlaf wiegen! Morgen werden wir zumindest fürstlich frühstücken und ein kostenloser Platz für die Nacht ist auch nicht zu verachten!“
Sein Grinsen verbreitete sich.
Und nun zieh keine Schnute! Es gibt keine Geister!“


Genauso wenig wie Drachen!“ brummte der Albino und legte die Pranken im Versuch seine gedankliche Anspannung zu lösen und es sich gemütlich zu machen unter den Kopf.
 

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