Sand

Grivies

Guest
Wann weiß man, ob man sich dreht? Im Kreis, andauernd im Kreis. Wie weiß man, ob man sich dreht? Wo man ist? Wo man tatsächlich steht? Für das Universum als ein solches bist du nichts. Du stehst nicht, du drehst nicht. Keinen interessiert es. Ob du dich bewegst, oder gar nichts machst. Alleine der Mikrokosmos, bestehend aus Wesen und Menschen, die einer kennt scheint interessant. Man ignoriert, wird ignoriert. Welche Strömung auch immer. Welche Richtung auch immer. Es ist egal. Wurscht. Liebe, gesehen im Universum, bedeutungslos. Die Höhenflüge enden in Abstürzen, die Lust verkommt im Alltag. Und übrig bleibt die Schwärze.

Die Dunkelheit. Seelenloses, dumpfes Nichts, bis in alle Ewigkeit und darüber hinaus. Und diese Schwärze, diese Dunkelheit, entreißt einem das Augenlicht, das Sprachwerkzeug und die Möglichkeit, zu fühlen. Der Mensch verkommt im Alltag, er verkommt in der Liebe. Der Mensch ist zum langsamen Verrecken geboren, denn Unendlichkeit ist ihm ein Fremdwort. Das ewige existiert nichts, weder in uns, noch in potentiellen, phantomartigen Göttern. Übrig bleibt nur diese Dunkelheit, dieses schwarze Loch aus Frust, Hass und Negativität, das alles ein-saugt und nichts zurück-lässt außer noch mehr Grau. Noch mehr Schwarz.

Schwarzer Sand, in Dünenform. Und du stolperst darüber, die Dünen hinauf und wieder hinunter, schaffst es nicht, müde zu werden. Schaffst es nicht zu halten. Du wanderst, du wanderst unerbittlich weiter, findest kein Ende und verlierst den Anfang. Du wanderst dein Leben durch die Wüste aus schwarz-körnigem Sand, einmal mehr grau, einmal weniger. Doch immer ist er da, stätig wandernd. Das Leben ist verdammt zur Einöde. Und in der Einöde des Lebens beginnt ein furchtbarer Baum zu sprießen. Dieser so grün scheinend Baum voller verbotener Dinge, voller negativen Lastern. Und wie gerne würde man davon kosten, lebt man doch sein Leben seit Jahren im Schatten der Ersten Welt und ihrer schieren Langatmigkeit, ihren Gesetzen, ihrem Konsumdrang. Man will nehmen von dem Baum, will den Apfel pflücken, denn nur so schafft man sich kurzzeitige Zufriedenheit. Man will ihn pflücken, diese verdammte Frucht, aber es geht nicht! Es geht nicht, denn er fürchtet die Folge seiner Handlung. Klerus und Staat, mit Schlagstock und Gesetzbuch, tauchen auf aus den untiefen des Sandes. Sie können ihn nicht fällen, diesen ewig grünen Baum, doch sie können jene dafür zur Verantwortung ziehen, die ihn berühren. Und sie treiben uns, wieder hinein in die Wüste, zurück in den Alltag. Lebe wie es sein soll, lebe wie es bestimmt ist. Mache deine Arbeit, erledige deine Sachen, blicke nicht nach links und rechts, lösche diesen Baum aus deinem Leben.

Dieser Baum, die Worte „Perversität.“ und „Extremismus“ und „Krankhaft“ umkreisen ihn wie der graue Trabant die Erde. Und übrig bleibt er, der Mensch. Das Arbeitstier des Staates. Zurück bleibt er, in seinem Frust. Er kann nichts an seinem Schicksal ändern. Und man redet es ihm ein. Alles ist Gut. Nichts ist schlecht. Sei so wie du bist, solange wir regeln wie du bist. Und er akzeptiert das, er akzeptiert es, glaubte sogar, das der Staat sein Freund wäre. Das die Kapitalgesellschaft sein Freund wäre. Er akzeptiert sein Los, genießt sein Los und freut sich in seinem stumpfen Leben, während er beginnt, Sandburgen in der Wüste zu bauen.

Und so ist das, mit dem Sand. Und mit dem Menschen. Sie leben, um zu sterben. Für den Staat, wenn es sein muss. Und der Baum beginnt zu welken. Er beginnt zu welken, stirbt, braucht die Berührung des Menschen, damit er leben kann. Doch niemand berührt ihn. Niemand berührt den Baum! Denn man könnte doch ein besseres Leben haben. Nur wenige schaffen es, diesen Baum zu fassen. Und sie werden beschimpft, verhöhnt, ausgestoßen. Es entspricht nicht der Norm! Es entspricht nicht dem guten Ton! Es entspricht nicht der Etikette. Es entspricht nicht dem normalen Menschenbild. Es übersteigt den Verstand, und davor haben wir doch alle Angst. Dinge, die wir nicht verstehen, sind negativ, böse. Pervers. Schlecht.

Der Mensch erträgt Ungewissheit nicht. Er muss es aus der Welt schaffen, mit Stein und Schläger, mit Waffe und Fackel. Er erträgt die Andersartigkeit nicht. Er ist ein rassistisches Wesen, der Mensch. Er erschlägt, wenn er nicht begreift. Er zertrümmert, wenn er nicht glaubt. Er mordet, wenn es seinem Gedanken entgegenkommt. Die potentielle Anarchie in einem System erlaubt es einem Menschen, Angst zu verspüren. Das es zusammenbricht, das System. Das die Werte nicht mehr gelten, das der Kopf quält, voll mit Blut, erschlagen auf dem Asphalt.
 

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