Mehr Bewegung wagen

Fiete Langohr

Guest
Es ist ein gewöhnlicher Wochentag. Ich fahre auf meinem Drahtesel knappe 10 Minuten zur Arbeit, nehme die Treppe in den dritten Stock, betrete mein Büro und merke wie mein Körper am Pumpen ist. Der Schweiß läuft und ich lege erst einmal Jacke und Rucksack ab. Alter, ich bin 30 und fühle mich wie 60. Langsam mache ich mir mein Frühstück und komm erst einmal wieder runter. Den ganzen Tag über sitze ich vorm Computer und steh nur gelegentlich mal auf. Nach der Arbeit geht's in den heimischen Stall, wo außer etwas leichter Hausarbeit auch nicht mehr viel Bewegung ins Spiel kommt. Der sportliche Höhepunkt der Woche ist dann erreicht, wenn ich mit ein paar Kumpels mal knapp 2 Stunden Hufball spiele. Bei meiner Position als Torwart muss ich, glaube ich, nicht erwähnen, dass sich da die Anstrengung über weite Teile des Spiels in Grenzen hält.

So weit so schlecht, das ist bisher für mich aber alles noch kein Grund dafür gewesen meinen entspannten Lifestyle zu ändern. Mich stört es auch nicht, dass einige meiner Hosen auf geheimnisvolle Weise nicht mehr zu passen scheinen, sich der obere Knopf nicht mehr problemlos schließen läßt oder sie insgesamt oben herum doch recht spannen. Offensichtlich habe ich mir auf Arbeit tatsächlich den Arsch platt gesessen. Das Schlüsselerlebnis für mich ist dann schließlich gewesen, dass ich es nicht schaffte einen mit Büchern prall gefüllten Umzugskarton unter einem Tisch hervor zu ziehen. Ich zog mit aller Kraft und da der Karton keine Anstalten machte sich auch nur einen Millimeter weit zu bewegen, stieß ich angestrengt, in Anlehnung an den sympathischen Kernkraftwerkbesitzers C. Montgomery Burns bei den Simpsons, den Namen "Smithers" hervor, in der Hoffnung, dass meine Hilfskraft, die bei der Aktion neben mir stand, sich der Aufgabe annimmt, an der ich gerade kläglich scheiterte. Damit nicht genug, kurze Zeit später verspürte ich auch noch Schmerzen in Oberarmen und im Rücken. Da sagte ich mir, das kann so nicht weitergehen. Da muss ich etwas tun!

In der Vergangenheit habe ich immer mal wieder mit dem Laufen oder mit regelmäßigen Liegestützen vor und nach dem Schlafen angefangen. Die Begeisterung dafür ist anfangs immer recht groß. Selbst bei Regen habe ich mir die Laufschuhe gegriffen und habe meine Runde entlang der Förde gedreht. Aber zu Beginn einer neuen Woche, besonders wenn ich das Wochenende in Hamburg und nicht in Kiel verbracht habe, drohe ich wieder in alte Verhaltensweisen zurück zu fallen. Montags liegt eh Einkaufen und Kochen an. Da muss man nicht noch laufen. Dienstags arbeite ich gerne lange und die Wäsche muss auch mal gemacht werden. So suche ich mir ständig weitere Gründe und Ausreden, warum es gerade nicht mit dem Laufen geht, bis ich nicht mal mehr daran denke laufen gehen zu wollen.
Aus diesem Grund will ich nun einmal etwas anderes ausprobieren. Etwas, was ich nicht allein und zeitlich flexibel machen würde und was mich allein schon dadurch motiviert, dass es mich etwas kostet. Letzteres ist vielleicht nicht der edelste Beweggrund. Aber ich weiß auch, dass ich an meiner Brieftasche empfindlich bin. Ich beschließe also mal ein Fitnessstudio auszuprobieren. Ja, ich weiß, das ist nicht besonders kreativ und innovativ schon mal gar nicht. Aber von einer Modeerscheinung kann man davon ja nun auch nicht mehr sprechen und einige müssen da ja auch hingehen, sonst könnten die sicher nicht auf Dauer überleben. Ich schaue dafür also, welche Studios es in der Nähe meiner Arbeit oder meines Stalls gibt. Der Weg sollte nicht zu weit sein, denke ich mir vernünftigerweise. Schließlich will ich es dem inneren Schweinehund ja nicht zu leicht machen mich zu überwinden. In die nähere Auswahl kommen dann ein low-budget Studio, wo man einfach unter Anleitung und einem individuellen Trainingsprogramm sein Pensum abspulen kann, und ein Studio, welches neben diesen beiden Komponenten auch noch ärztliche Betreuung und einen Wellnessbereich mit Sauna für seine Mitglieder bereit hält. Da ich gerne sauniere, ärztliche Betreuung nicht schaden kann und Geiz ja auch nicht immer geil ist, habe ich mich dann in dem letzteren Studio zu einem Probetraining angemeldet.

Das Studio liegt in der Nähe meiner Arbeit. Also packe ich mir eine Sporttasche und nehme die mit zur Arbeit. Es klingt albern, aber ich bin tatsächlich ein wenig aufgeregt. Was erwartet mich? Eine Muckibude, wo lauter muskelbepackter Kerle Hanteln stemmen? Wie wird man da als Spargeltarzan angesehen? Ich zerstreue meine Zweifel und lass es auf mich zu kommen.
Bei der Anmeldung werde ich dann von David (Anm.: Name geändert), meinem Trainer, begrüßt. Er wirkt sehr freundlich, seine Sätze perfekt einstudiert und einem festen Ablauf folgend. Nachdem ich mich für mein erstes Training umgezogen habe, erhalte ich einen kurzen Rundgang durchs Studio an allerlei Gerätschaften vorbei. David erzählt und erzählt. Ich sehe lauter Menschen trainieren, die einen ganz normalen Eindruck machen. Anschließend fragt er mich, warum ich hier bin und was mir sportlich betrachtet wichtig wäre. Offen spreche ich über meine miese Kondition und dass ich meinen Rücken stärken will. Wenn dann noch Zeit wäre, könne etwas Kraft für die Bleistiftärmchen auch nicht schaden. David nickt verständnisvoll und schickt mich im Anschluss an unser Gespräch zum Aufwärmen für 10 Minuten auf einen Cross-Trainer. Ich kenne die Dinger sonst nur aus dem Fernsehen und habe noch nie auf so etwas selbst gestanden. Die Idee, dass man Beine und Arme dabei bewegt, scheint mir jedoch recht effizient und sinnvoll. Gegenüber sind Fernsehbildschirme montiert. Per Kopfhörer könnte ich mich dabei also künftig noch seicht berieseln lassen. Aber soweit bin ich noch nicht. Nach 3 Minuten merke, wie mein Körper auf Touren kommt. Nach 5 Minuten läuft der Schweiß. Meine Brille stört mich. Ich lasse sie aber auf, weil ich auch nicht aus dem Rhythmus geraten will. An dem Gerät neben mir fängt ein weiterer Mann mit seinem Training an, man grüßt sich freundlich. Als die Zeit rum ist, ist David noch nicht in Sicht. Er hat sich auch noch um anderes zu kümmern, verständlich, dass er nicht die ganze Zeit bei mir bleibt. Ich mache einfach noch etwas weiter, merke aber gleichzeitig, dass meinem Körper die ungewohnte Anstrengung doch allmählich zu schaffen macht.
Ich höre also auf und begebe mich auf die Suche nach David, finde ihn und er führt mich zu dem Parcour, bei dem 10 verschiedene seltsam aussehende Trainingsgeräte im Kreis angeordnet sind. Eine Ampel leuchtet grün. Er erklärt sie mir. Die Ampel leuchtet 45 Sekunden grün. In dieser Zeit trainiert man an dem jeweiligen Gerät. Springt sie auf rot, hat man 15 Sekunden das Gerät zu wechseln. So sehr wie hier freut man sich sonst nicht auf eine rote Ampel, meint er scherzend und nacheinander durchlaufe ich jedes Gerät im Parcour unter seiner Anleitung einmal. Nach einem zweiten Durchgang spüre ich, dass ich meinen Armen heute vielleicht etwas viel zugemutet habe. Das T-Shirt ist durch. Aber ich fühle mich gleichzeitig auch gut.
David geht mit mir in ein Büro und erklärt mir die unterschiedlichen Tarife und Leistungen, die es gibt. Dabei versteht er sich vorzüglich auf die Führung von Verkaufsgesprächen. Zu guter letzt eröffnet er mir dann noch, mich zu den Kondition der Weihnachtsaktion aufnehmen zu können. Ein wahrer Klassiker unter Verkäufern, dem Kunden suggerieren, dass man extra für ihn noch einen Bonus drauflegt. Ich war darauf vorbereitet, dass so etwas passieren würde, und wollte es zunächst etwas langsamer angehen lassen, weil ich auch von Knebelverträgen mit langen Laufzeiten bei Fitnessstudios gehört hatte. Allerdings hatte ich auch nicht gedacht, dass mir das Training so viel Spaß machen würde. Mir ist es zudem ernst damit, zumindest 2 Mal die Woche etwas für meinen Körper zu tun, damit ich nicht nach jeder kleinsten Anstrengung so schlapp wirke, als hätte ich gerade 3 Stunden schwer malocht. Hätte ich mal kein Bock auf Training, kann ich ja immer noch die Sauna zur Entspannung nutzen. Also unterschreibe ich umnebelt von meiner sportlichen Extase und trete dem Studio bei.
Auf das der Esel auch noch später im Alter auf einen funktionierenden Körper bauen kann!
 

Sangu

Guest
Daumen hoch.

Jetzt musst du nur noch dran bleiben ;) und nicht nach paar Monaten es wieder schleifen lassen.
Wie bei deinem Laufen kann das beim Studio auch passieren das du immer was findest das du dann doch nicht hin gehst :)

Ich sollte auch mal wieder mehr für meine Kondition machen :-? Aber mein Schweinehund ist so groß der verstopft die ganze Tür :lol:

mfg
Sangu
 

Fiete Langohr

Guest
Danke Sangu,

ja diese Gefahr ist mir sehr wohl bewusst. Ich hoffe die Lust aufs Saunieren lässt mich dran bleiben.
Ich fette mal deinen Schweinehund ein, damit er durch die Tür pflutscht. Findest bestimmt auch eine spaßige Sportart bei der du dich etwas bewegen kannst.

Bin jedenfalls mal auf die weiteren Trainingseinheiten gespannt. Vielleicht geben die ja auch noch Stoff für ein paar unterhaltsame Stories her.

Alles Gute
Fiete
 

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