Kaltes Wasser

Grivies

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Ein etwas längerer Text, denn ich in den letzten zwei Tagen hin gekritzelt habe.

Viel Spaß und Danke für das Lesen + Danke extra für Kommentare, egal welcher Sorte.

Kaltes Wasser.

Man liegt am kalten Boden. Auf Kieselsteinen, Sand, Dreck und Sträuchern. Die Augen weit offen, dem verhangenen Himmel entgegen gerichtet. Graue Wolken in allen Variationen. Dunkle und helle. Es gab keine Sonne. Nur Töne von Weiß und Schwarz. Der Gedanke war schon hier, und hinterließ das Innere in einem Chaos. Das erste das bewusst wurde, waren die Schmerzen. Die aufbäumenden Schmerzen, die im Sekundentakt an- und abschwellen, ohne jedoch erträglich zu wirken, geschweige denn aufzuhören. Stechen, als ob einem das rostige, blutige Blatt einer Kreissäge im Magen stecken würde. Anfangs kamen keine Worte, nur Zittern über die Lippen. Ein Zittern und Stottern. Doch spätestens dann als man sich aufraffte, versuchte hinzublicken auf die Schmerzen, ging das Brüllen los. Eine Säge schnitt durch das Fleisch, die Nerven arbeiteten wie ein wütender Panzer, der über eine zerstörte Straße donnert. Doch da war kein Blut, nur der Schmerz. Eine Infektion oder ein Riss in der Magengegend? Voller Pein rollte ich mich ein, biss mit meinen Zähnen in den Mantel. Es waren Schmerzen, man könnte sich mit Prometheus vergleichen. Erst später schien das imaginäre Glüheisen aufzuhören, gegen meine Gedärme zu kämpfen. Zumindest schrumpfte der Brand in mir auf ein beinahe erträgliches Maß hinab.

„Mein liebster Alexander. Ich schreibe dir hier, verlassen auf diesem öden Eiland, einen Brief den du nie erhalten wirst. Seit mehr als einem Monat harre ich nun schon hier aus, doch kein Schiff durchbricht die Nebelbank, die kreisrund diesen Flecken Erde umgibt. Das Wetter ist kalt, es stürmt und regnet jede Woche mehrmals. Es gibt keine Bäume, nur Strauchwerk und Stein. Steile Küstenhänge, auf denen die Möwen ihre Nester bauen. Es gibt keine Tiere, außer den Möwen, den weißen Tieren die über meinen Kopf kreisen, mich auslachen auf ihre Art und Weiße. Ich will zu dir mein Geliebter. Ich will zu dir. Ich will nicht länger auf dieser Insel sein. Wo bist du, warum bist du nicht bei mir? Welchen Fehler habe ich in meiner Vergangenheit begangen, als das ich dieses Schicksal verdiene? Ich wünsche mich jede Nacht zu dir, denn sie sind kalt, die oft mondlosen Nächte. Ich will dich spüren, dich fühlen, um deine Nähe wissen. Doch da ist nichts, außer das kalte, raschelnde Stroh auf dem Ich mein Dasein friste.“

Stacheldraht. Weit verzweigt. Einzelne, niedrige Zäune, verbunden mit zuvor genanntem. Hoch genug, das Schafe ihre Bäuche aufschlitzen, würden sie es wagen, über dieser von Menschenhand erschaffenen Konstruktion zu springen. Als Konstrukteur-Rasse aber konnte man leicht von dem teuflischen, ohnehin teils kaputtem Gefängnis ausbrechen. Es reichte, Beine zu besitzen. Auf diesem Eiland hatten Schäfer gewohnt. So, oder ähnlich. Vielleicht Ziegen und Schäfer. Alles wies darauf hin. Die Zäune und die einfachen Hütten, die aus Stein, Balken und Stroh gebaut worden waren. Ich hatte mein Heim darin bezogen. Säcke voll Wolle standen darin. In meiner völligen Unkenntnis konnte ich jedoch das eine vom anderen nicht unterscheiden. Waren es Schafe, oder Ziegen? Solche Gedanken spielten nur in meinem Kopf ab, wenn mich nicht gerade meine Gedärme, oder doch mein Magen, quälten.

Ich stand am Ostrand der Insel. Ich wusste nicht wirklich, ob es sich hierbei um den Osten handelte. Seit meiner Zeit auf diesem Eiland habe ich gelernt, vieles mir so zu gestalten, wie es mir am einfachsten vorkam. Ich konnte keine Sterne lesen, konnte die Flugrichtung der Vögel nicht bestimmen. Ich war ein Einbrecher, ein Fehler in einem funktionierten System. Wäre ich einer der Schäfer gewesen, ich hätte gewusst wo ich mich befand, was ich zu tun hatte, um mein Leben erträglicher zu machen. Doch ich war kein Schäfer, nur ein erfahrungsloser Mittelmensch. Ich stand am Ostrand der Insel und blickte hinaus auf das Meer. Die Wellen brandeten wild gegen die Klippen, die steil bergab führten. Möwen kreischten über meinen Köpfen, Wind kam auf. Wind kam auf, und die Äste des Strauchwerks beugten sich nieder. Ich blickte derweilen hinaus auf das Wasser. Das graue Gewässer, das so lange fortführte, bis es hinter der dicken Nebelwand verschwand. Auf allen Seiten. Es wurde verschlungen von der Wand. Ich hasste sie. Es war ein Ungetüm, ein Monster das mich abschnitt von meiner Umwelt. Es ließ mich nicht sehen, es zerstöre die Hoffnung immer mehr. Doch nicht nur ich war von diesem Schicksal betroffen gewesen.

Denn an den Felsen, die sich hier besonders aus dem Wasser türmten, lag ein Tanker. Es war ein altes Schiff, rostig und bereits voller Löcher. Man konnte es gut erkennen, lag es doch praktisch vor der Nase, wagte man den Abstieg von den Klippen hinunter. Die Wellen brandeten dagegen. Für das Schiff, bedeutungslos. Es war gestorben, hier in Wind und Wetter, und nur die leere Hülle lag hier, zerfressen von Muscheln, Gestein und Meersalz. Ich wusste nicht was sich darin befand. War dies mein Heim gewesen? War ich ein Matrose, ein Passagier auf einem Schiff das kenterte hier bei diesem von Gott und Welt verlassenen Fleck? War ich der Überlebende eines Unfalls, der von diesem Nebel herbeigeführt worden war? Diesem Nebel, der sich wie der Rauch aus einer Pfeife eines höheren Wesens über alles legte, was mehr als einen Kilometer außerhalb der Insel lag. Es verschmolz mit dem Himmel, oder war es der Himmel selbst? Grau, überall grau. Doch der Lichteinfall war gut genug, um die Farbe genauso auf die Insel zu reflektieren. Und so gab es beinahe keine Farbe auf meiner Welt.

Die Möwen kreischten über mir. Was sagten sie, was dachten sie? Lachten sie über den unfreiwilligen Einwanderer? Weinten sie mit mir über mein Schicksal? Oder diskutierten sie, wie sie es wohl schaffen würden, mich los zu werden? Es waren nur Möwen, einfache weiße Vögel, die dort über mir ihre Bahnen zogen. Das einzige Leben auf dieser Insel.

Doch der Blick auf das Meer gab auch einen gewissen Trost. Es nahm die Zeit, es nahm das Gefühl für die Vergänglichkeit. Denn es würde immer bestehen, treiben, brausen, zischen. Es würde immer existieren, egal ob ich hier saß auf diesem Stein, diesem Fels. Es würde weitergehen, für alles und für jeden, der hinter dieser Wand saß. Nur für mich brach alles zusammen. Ich war verlassen, ausgestoßen. Wie lange war er schon hier? Wie viele Briefe hatte ich schon geschrieben? Der Blick auf das Meer hinterließ Spuren. Gedanken kamen und gingen. Lichter blitzten auf im Inneren Auge. Zwei Lichter, gleich zwei Sonnen in einem Abstand voneinander, der so bekannt schien. Ein Abstand. Ein Meter Zwanzig. 1,20. Es stieg mir in den Kopf, und das Bild der Lichter war verschwunden. Eins Zwanzig blieb. Und die Gedanken fluteten den Kopf, ohne sichtlichen Erfolg. Befand sich mein Körper, befand ich mich 12 Kilometer vom Festland entfernt? Oder 120? Welche Zahl frisst sich in mein Gehirn und besetzt es mit solch einer Kraft, das für mehr als fünf Sekunden kein Schmerz aus meiner Bauchgegend zu spüren war?

„Liebster Alexander. Fehle ich dir? Fehle ich dir, nach Monaten? Jahren? Fehle ich dir, oder ist es alles egal? Jacke wie Hose für dich, wenn ich hier stehe, blickend auf den großen, tristen Ozean? Jede Hoffnung auf Rettung zunichte gemacht durch die schiere Zeit die ich hier schon sitze und warte? Ich warte, ich warte auf dich Alexander. Das du kommst und mich rettest. Das du hier bist. Dein Gesicht verschwimmt vor meinen Augen zu einem Brei, denn ich kann mich nicht mehr erinnern wie du aussiehst. Wie du dich anfühlst, wie du atmest und wie du sprichst. Ich verliere die Gabe zu denken, zu handeln und zu fühlen. Schmerzen hören nicht auf, sie verstecken sich und versuchen dich zu überwältigen. Wie ein feiger Mörder lauern sie dir auf wenn du schläfst, graben ihr Messer in deinen Magen und schneiden dir einzeln die Gedärme heraus, während du wach liegst und aus voller Kehle schreist. Alexander, ich halte es nicht mehr aus. Ich sterbe auf diesem Eiland, und fern von allen Gedanken denke ich doch nur noch an dich. Ich brauche deine Wärme, ich brauche deinen Halt. Ich will wissen dass es dich gibt. Das du denkst, und zwar an mich.“

Der Weg hinab zu dem Tanker, jenem großen Gerippe, war nicht so schwer wie ich es mir dachte. Die Klippen wirkten mir vertraut, als ich an ihnen hinabstieg. Ich kann nicht sagen, ob es sich um Stunden handelte. Jeder Schritt löst eine Welle der Verzweiflung in mir aus, denn, ich kann es noch so oft sagen, mein Magen zerreißt. Auch der Weg auf das Schiff war nicht sonderlich schwer, lag es doch an den Klippen zerschellt, die vorteilhaft für den Entdecker wie mit einer Zunge aus Sand und Dreck mit der Insel verbunden waren. Ich schaffte es das Wassergefährt zu besteigen, doch der Ausblick von diesem mächtigen Koloss des Ozeans war schlicht und ergreifend dumpf. Jeder Berg auf der Insel lag höher, und nur die Wand war näher an mich gerückt. Also ließ ich ab von der Halterung und begab mich vom Deck hinein in den Bauch des künstlichen Titanen. Ich nannte es Uranos. Wohl auch aus dem Grund, da der Name auf der Außenseite des Schiffes so lautete. In schwarzen, verkrusteten Lettern geschrieben.

Viel gab es nicht zu sehen. Holz und weiteres hatte sich begonnen aufzulösen. Das eisige Wasser der Nordsee umspülte meine Beine. Durch das dunkle Wasser watend, erblickte ich im nichts des Seins hier im Magen des Titanen etwas. Ein roter Kasten, an der Wand hängend, genauso zerschlissen wie der Großteil des Schiffs. Uranos war mehr als nur entmannt, würde man den Titan auf diesen hier beziehen. Der Kasten wurde von der Wand genommen. Auf dem weißen Kreis, ein genauso rotes Kreuz. Mehr nicht. Das Schiff schien leer, vollkommen verlassen von jeglichem Leben wie Einrichtung. Geradezu aufreizend hatte sich der Erste-Hilfe-Kasten angeboten. Doch bevor ich den Weg zurück machte, trugen mich meine Beine in die Deckaufbaute. Darin, alleine, genauso wie der Verbandskasten, fand ich ein Buch. Ein Logbuch. Kein Kapitän. Nur eine Zahl: 1212.

Die Nächte vergingen wie immer. Sie vergingen nicht. Wurde der Körper müde, dann erwachten die Schmerzen aufs Neue, und ließen das Auge nicht ruhen, ließen mich nicht schlafen. Dann nahm ich sie zum ersten mal. Meine neue Droge, mein Überlebenselixier auf diesem Anti-San-Salvador. Ich hatte sie im Schiffswrack gefunden, nebst einigen Bandagen und Pflastern. Schmerzmittel. Tabletten. Eine nahm ich. Würde sie helfen, und ich zog das Ablaufdatum gar nicht in Betracht, dann würde sie meinen Darmbruch mindern, zumindest die Schmerzen würden dumpf erscheinen. Ich wartete. Und musste mich spätestens nach einer Stunde des Wartens übergeben. In meinem Magen hatte sich eine Infektion ausgebreitet. Hin und wieder spuckte ich Blut. Doch die Tablette half. Der Schmerz verging. Er verging, doch was folgte, war schlimmer als jeder Schmerz den man einem Menschen antuen konnte.

Sobald der körperliche Schmerz gedämpft unter einer Haube von Schmerzmittel lag, fluteten und spülten Gedanken das Gehirn, umwarfen es mit Wortfetzen, Zahlen, Daten und Fakten aus vergangenen Tagen, die sich mir so entfremdet hatten. 1,20 und Straße. Straße und Automobil. Scheinwerfer. Das Feiern auf einer Party, das Rauchen einer Zigarette, zwei Zigaretten, drei Zigaretten. 12,0 Zigaretten und Schmerzen. Der Alkohol. Der Rauch, der Schweiß, das Blut und die Haut. Die Liebe und die Lippen. Der Sex. Das dumpfe Treiben in meinem Kopf verformte zu einer Maße aus Leibern, die tanzten. Barfuß auf einem Fest, Gras. Dunkle Flecken auf weißem Stein, schwarze Kohle im Augenlicht. Und schlussendlich ertrank ich in einem Traum voller Gedanken, einer nie dagewesenen Menge und Fülle an Strickmustern und heulenden Wölfen, die lechzend mir Glasstücke ins Fleisch bohrten.

„Alexander. Ich schreibe dir diesen Brief heute, denn du bist der letzte Gedanke in meinem verworrenen Sein, dem ich glauben darf, real zu sein. Ich kenne die Zeit nicht. Ich kenne den Tag und die Woche nicht, das Jahr und den Monat. Mir ist alles vergangen bis auf dein Name, dein Name und dein Sein. Ich weiß dass du existierst, du bist der letzte dem ich das Sein und das Existieren absprechen würde. Ich weiß dass es dich gibt, das du lebst und bist, irgendwo hinter der Wand. Ich weine Alexander. Ich weine vor Kummer und vor Trauer. Ich will Wärme und Geborgenheit spüren, und keine Schäferhütte der Welt vermag mir dies zu geben. Ich liebe dich, ich habe dich immer geliebt. Liebst du jemand anderen, jetzt, da so viel Zeit vergangen ist, werde ich es dir nicht vorwerfen wollen. Doch im tiefen grämt es mich, dich in meinen Gedanken neben einem anderen liegen zu sehen. Ihn zu küssen, ihn zu umarmen wie du mich umarmt hast. Wir haben alles geteilt, wenn du dich erinnerst. Unsere Kleidung, unsere Schuhe, ja selbst unser Essen. Wie es uns nicht gut ging, wie ich meine Arbeit verloren hatte. Wie wir uns freuten als ich eine neue bekam. Alles verschwindet, doch all die Erinnerungen an dich, und jene die mit dir verbunden, bleiben. Sie bleiben in meinem Kopf und vergehen nicht. Und ich kann nicht einschätzen, ob dies gut oder schlecht für mich ist.“

Heute traf ich die Möwe. Sie war eine andere Möwe. Sie war anders als die anderen. Sie war nicht verängstigt. Sie flog nicht von mir davon. Sie starrte mich an mit ihren dumpfen Augen, die doch interessiert wirkten. Sie flog nicht weg als ich auf sie zuging. Sie stand dort, auf ihren keinen Füßen und blickte mich an. Sie zeigte mir ihr Nest. Sie erzählte mir von sich, ohne dass ich es verstand. Ich kannte die Möwe nicht, und doch flog sie in meinem Haus ein und aus, setzte sich neben mich und las meine Schriften. Sie stapfte in meinem Haus herum wie ein Hund. Sie ernährte sich wie jede andere Möwe von Fisch, sie flog hin und wieder zu mir, verspeiste ihre Beute vor meinem Haus und ließ die Gräten liegen. Sie war nicht wie jede andere Möwe. Sie war meine Möwe, meine ohne zutun domestizierte Möwe. Ich kümmerte mich nicht um sie, strich ihr resigniert hin und wieder über den Kopf. Ich hatte Macht über Leben, und nutzte sie nicht aus. Die Möwe schien mich zu mögen, denn ohne das ich ihr Futter oder Wasser versprach, blieb sie hier, blieb sie bei mir und verschwand nicht für immer. Sie war eine schöne Möwe. Sie war ein Männchen, und dennoch lagen in dem Nest Eier. Woher kamen die Eier, wo war Frau Vogel? Gehörten ihm die Eier, oder hütete er ein fremdes Nest?

Ich studierte das Buch. Das Logbuch des Unbekannten Kapitäns. War es nicht verwunderlich, das ich nach all der Zeit auf der Insel meinen Namen vergessen hatte? Schreiber und Füller liegen neben mir, ich hatte erst zuvor einen weiteren Brief beendet. Nicht nur der Kapitän war ohne Name, auch ich war es. Ich war ohne Namen, den schlimmer als ihn zu vergessen ging nicht. Auch der Kapitän trug keinen Namen, doch er wusste ihn, als er noch lebte. Jeder kannte seinen Namen. Jeder kannte meinen Namen, doch ich nicht. Ich selbst, der Träger, die Prominenz meines Namens wusste nichts über mein Glück. Ich verkam an dem Gedanken, nichts zu wissen. Nicht über mich selbst, außer Dinge, die für mich momentan vollkommen belanglos schienen.

Ich studierte das Buch. Lagerungen von Waren. Zwölf Seiten. Öl. Fleisch und Fisch wurde hier befördert. Mit dem Tanker, dem Uranos. Man musste zugeben, die Größe des Schiffes hatte ich überschätzt. Hier, im Logbuch stand nichts genaueres über das Schiff, aber doch genug um heraus zu finden, das es sich bei diesem Lastwagen der See um ein Gefährt handelte, das dem pompösen Aussehen seiner erwachsenen Kollegen zwar nacheiferte, doch niemals auch nur annähernd so groß werden würde. Das Schiff machte auf mich den Eindruck, es würde existieren um hier gestrandet zu sein. Doch es hatte Vorleben. Wie ich. Ich verbrüderte mich im Geiste mit dem Wrack des Titanen, des kleinen, unscheinbaren Titanen, der von totem Gestein ermordet schief in der Brandung stand. Die ganze Seite hatte man ihm aufgerissen, scharfer Stein hatte es ihm angetan. Uranos war tot, und Kronos nahm seinen Platz im Götterhimmel ein. Doch wer war Kronos? War es ein gleicher Schiffstyp? Hatte die Schiffsfahrtindustrie mit dem Tod des Uranos das Glück gewittert und gleich einen Sohn bereitgestellt? Die Seiten wurden leer. Das Logbuch gab keine Information. Es war belanglos. Es war belanglos, belanglos wie das Leben das ich führte. Und die Tablette schaffte Abhilfe vom Schmerz, der sich wieder anbahnte.

Heute hatte ich ihn getroffen. Den Einsiedler. Den stillen Kumpan. Er lebte in einer Höhle. Kalt. Einsam war er dort gelegen. Er trug keine unfeine Kleidung, sie erinnerte an Abendgewandung. Wie man sich zu einer Feier eben anzog. Er trug Schuhe. Ich trug keine. Meine Füße waren gegerbt vom Inseldasein, alle Tätigkeiten arbeitete ich barfuß ab. Doch welche Tätigkeiten waren da schon bis auf Schlafen und Wandern und schreiben und lesen und denken? Ich fragte es den Einsiedler. Ich fragte ihn, wie er hierher gekommen war, was er hier verloren hatte auf meiner Insel. Die Haut bleich und auf gequellt vom Salzwasser. Er antwortete nicht. Er redete nicht mehr. Er würde nie mehr reden, der Einsiedler der Insel. Ich hatte ihn zuvor nie gesehen. Ich hatte seine Kleidung untersucht, hatte alles abgesucht nach Möglichen Mitteln, seinen Namen zu erfahren. Ich fand etwas. Ich hatte etwas gefunden, eine Karte. Ohne Bild und Ohne Fingerabdruck. Ich fand die Karte.
 
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„In liebe zu dir William, ich zahle dir was du willst.“ Es stand geschrieben, in Kugelschreiberlettern. Das Papier war befeuchtet vom Wasser gewesen, doch die Schrift trotz allem klar erkennbar. Vielleicht war er erst heute angespült geworden, doch die Salzkrusten, die seinen Körper wie Korallen bedeckten, ließen auf einen längeren Aufenthalt schließen. Ich hatte keine Scheu vor dem Einsiedler. Ich löste das Salz nicht ab, nahm mir jedoch seine Schuhe. Sie passten. Sie passten mir, sie waren etwas zu groß, doch sie passten. Ich wollte das Gesicht des Einsiedlers nicht kennen, ich wollte es nicht wissen wie er zu seinen Lebzeiten ausgesehen hatte. Ich hielt mich davon ab. So viel Salz lag auf seinem Fleisch, es schien ästhetisch in all dem Makaber.

Ich hatte ihn verpackt. In einen der großen Säcke. Die Wolle hatte ich an der Klippe ausgelehrt, und sie dem Einsiedler angezogen. Ich nannte ihn William. William, den so stand es auf der Karte. William der Einsiedler, verpackt in einem Sack. Wie ein Diogenes, dessen Fass eben ausgetauscht war. Es war der Diogenes der Insel, der stille Philosoph des stürmischen Eilands. Es machte mich unruhig, zu wissen, dass dieser Mensch einst gelebt hatte, und nun als Leiche auf meiner Insel lag. Ich empfand es jedoch als Leichenschändung, ihn wieder der See zu übergeben. Ich behielt ihn bei mir, zumindest behielt ich ihn auf der Insel. In einem Sack verpackt, mit einem dünnen Seil verschnürt. Man konnte den Kopf vom Körper trennen, die Beine vom Körper trennen. Man wusste das dort ein Mensch lag, ein toter, lebloser Mensch, zur Seite gekippt. Er würde nicht reden wollen, er würde nie wieder reden. Welcher Gott schickte einem Gestrandeten eine Leiche. Ich war der Anti-Crusoe, der der den Glauben an Gott auf dieser vom Sturm gepeitschten Plateau-Insel den Glauben an Gott verlor.

Steine lagen verstreut. Ich nannte es das Feld der Steine, denn zwischen verkümmerten Sträuchern, die das sonstige Buschwerk wie blühende Apfelbäume erscheinen ließen wuchs nichts mehr außer Steine. Rohe, kantige Steine, und runde, glatte. Und dann welche die beides waren. Beinahe immer Handgroß. Stieg man darüber, es knirschte wie Steine zu knirschen hatten. Für sie war die Welt noch Heil, nicht verkommen und leer. Für mich war sie leer, als ich über das Feld der Steine stapfte. Die Möwen krächzten und der Sturm kam wieder auf, Regentropfen fielen vom Himmel. Es schmerzte. Jeder Tropfen viel eisig vom Himmel, wie Glassplitter rissen sie imaginäre Wunden in meine Haut. Ich musste mich unterstellen, zurück ins Haus gehen. Stein zersprang unter der Last des Regens. Wie Tränen flossen sie hinab aus dem grauen Himmelreich, und der Sturm trug sie quer über die ganze Insel. Es regnete immer heftiger, immer stärker. Regen auf Ozean. Wasser in Wasser ist Wasser und würde immer Wasser sein. Wasser verging nicht. Ich hob meine Hand aus der Türe und fing einige Tropfen auf. Es regnete so stark, in geraumer Zeit waren die Handflächen gefüllt mit Regen. Ich roch daran. Es roch wie das Salz des Meeres. Ich trank es, ohne Durst zu verspüren. Zwölf Tropfen reichten, um die Hand zu füllen.

„Alexander. Es war nicht Hansens Schuld, das der Unfall passierte. Das Auto ging zu schnell. Der Alkohol in seinem Blut hatte ihn schlecht fahren lassen. Ich hatte ihn dazu gebracht, mehr zu trinken als er brauchte. Der Fahrer auf der anderen Seite war genauso in Streifen gefahren, es war auch nicht seine Schuld. Jeder und niemand hatte Schuld, denn welche Schuld besitzt schon ein Betrunkener? Der Hang war tief. Ich weiß nicht, wie lange wir gefallen waren. Und das Wasser kalt. Es war so kalt gewesen, das Wasser. Es hatte mich umspült. Und der Schmerz in meinem Körper. Aber Hansen war nicht Schuld. Er war nicht Schuld gewesen. Du kennst Hansen, er war mein bester Freund. Er hätte es nicht absichtlich getan. Die Trauer, die er empfunden hatte, hatte nichts mit dem Unfall zu tun. Wir hatten einfach zu viel getanzt. Barfuß. Er nicht, er wollte nicht. Er hatte gesagt, ich könne das vergessen. Ich habe getanzt. Solange, bis sie mich anredeten. Ihnen gefiel meine Lebensweise nicht. Ich habe es dir nie erzählt, aber sie haben mich geschlagen. Und getreten. Die Glasscherben waren das ideale Folterwerkzeug.“

Würde man mich fragen: Was weißt du über dein Leben, ich würde antworten: Nicht viel. Ich wusste nichts über mein Leben. Nichts, außer das ich gearbeitet hatte. Ich hatte meinen Job verloren, war lange Zeit arbeitslos. In einer globalisierten Welt ist Arbeitslosigkeit das Schlimmste, was dir wiederfahren konnte. Kein Geld zu haben, abhängig zu sein. Dann bekam ich wieder einen Job, und ich war glücklich. Wir waren glücklich, Alexander und ich. Wir hatten immer einen Kinderwunsch, doch das Adoptionsamt hatte es uns untersagt. Er wollte immer Kinder, er hatte sich immer ein Baby gewünscht. Seine Kinder. Wir saßen auf un-geschlüpften Eiern, denn es war uns nicht erlaubt ein Kind zu haben. Das Einkommen wäre zu schwach, die Situation zurzeit kompliziert. Das hatten sie gesagt. Alexander war traurig. Oft hatte er dann gesagt: Lass uns zurückgehen, dort ist es besser. Ich aber dachte daran, dass ich erst vor kurzem meine Arbeit zurückbekommen hatte.

Die Tabletten taten mir nicht gut. Sie zu schlucken kam einem Pakt mit dem Teufel gleich. Sie nahmen mir die Schmerzen, gaben mir dafür andere zurück. In meinem Hirn brodelte es, jedes mal wenn ich sie schluckte. Die Gedanken kamen und verschwanden, Regenbogenfarben auf kaltem Grau. Blitze durchzuckten die Dunkelheit meines Gedächtnisses, wie eine Schnellbahn, die keine Passagiere aufnimmt rasen sie über die imaginären Zugstrecken. Oft bleibt der Kopf schlussendlich leer, durchbohrt, durchlöchert von unfassbaren Bruchstücken meiner Vergangenheit. Wie in einer Gummizelle sind sie gefangen, mein Unterbewusstsein weiß sehr wohl wer ich bin. Doch ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht entsinnen mich jemals gekannt zu haben. Doch dafür erahnte, erkenne ich so vieles in meinem einstigen sein das so gut wie keine Relevanz zu haben scheint.

Oft, wenn ich auf das Meer hinaus blickte, dachte ich daran wie es eigentlich sein konnte das Menschen glücklich sein dürften, wenn ich es nicht bin. Wie konnte eine solche Ungerechtigkeit sein? Warum durfte man nicht froh sein? Was hatte ich verbrochen? Ich war ein Napoleon ohne Anhänger, die mich hier wieder raus schaffen würden. Ein privater Ovid, einer den niemand kannte. Ich wollte nicht Ovid sein. Ich wollte nicht Napoleon sein. Ich wollte nicht mit Diogenes leben, nicht mit Uranos und nicht mit der Möwe. Ich wollte fort von hier, so gerne fort von hier. Doch es ging nicht. Ich konnte nicht schwimmen, das Wasser war eisig und ich würde erfrieren. Und dazu kam der Nebel, dieser verdammte Nebel der mir jede Sicht nahm. Der mir alles nahm. Er hatte mir alles genommen der Nebel. Tränen rannten über meine Wange, schlugen wie kleine Bomben auf dem Boden auf. Ich hielt die Hände vor das Gesicht. Mein Gehirn begann abzuschalten. 1,20. 1,20 die ganze Zeit. 120. 1,20. 12,0. Was war diese Zahl in meinem Kopf? Was war Eins-Zwanzig? Ich hielt dieses Leben nicht mehr aus, ich wollte sterben. Schon oft war es mir im Kopf herum gegangen. Doch ich konnte es nicht. Ich wollte nicht sterben. Ich konnte mein Leben nicht beenden. Ich wollte, aber ich konnte nicht. Schon oft stand ich an der Steilklippe und dachte nur mehr daran, hinunter zu springen. Zu springen und zu vergessen. Doch es ging nicht, meine Füße verkrampften sich, mein Kopf schrie auf. Es ging nicht.

Wer war William? Wer war William der Einsiedler? Wer war er? Es beschäftigte mich. Ich trug seine Schuhe, ich sah ihn an. Er lag still im Eck. Die Möwe mied ihn, sie erkannte den Geruch von aufgedunsenem Fleisch und vom Tod. Sie war mir gefolgt, in die Höhle. Sie war ausgeschwemmt worden vom Wasser, die Wellen rauschten herein und bildeten eine kleine Bucht. Wir befanden uns im Westen der Insel, dort wo ein Strand aus Kies und Sand vorherrschte. Untiefen soweit das Auge reichte. Wir waren im Westen, die Möwe und ich und William. William, wer bist du, fragte ich. „Ich bin dein Schatten, dein Leben und dein Sterben, ich bin dein Wesen, deine Freude und dein Leid seit zwölf Jahren. Ich kenne dich, und du kennst mich. Du kennst mich.“ Und ich fragte woher er mich kannte. Doch er schwieg wieder. Die Leiche schwieg. Seit zwölf Jahren kannte er mich? Seit zwölf Jahren kannte er mich? Ich kannte William nicht, wer war William? Die Möwe erhob die Schwingen und flog davon, ließ mich alleine mit dem Brüllen und dem Gekreisch. Ich erschlug den Einsiedler mit meinen Worten. „Ich kenne dich nicht William! Hörst du? Ich kenne dich nicht und du kennst mich nicht!“ Dann sackte ich wieder auf den Boden. Ich hatte die Tabletten vergessen, der Magen begann zu verkrampften. Und als ich so dalag, voller Schmerzen, da sah ich hinauf in den von Stein bedeckten Himmel. Und dort las ich es. Essen ist unnötig, Trinken ist unnötig William.


Mit einem Mal erst erkannte ich, das ich nichts gegessen hatte. Ich hatte nichts gegessen, seit ich auf dem Strand erwacht bin. Ich schlang den Mantel mit einem mal enger um mich. Keinen Hunger, keinen Durst. Seit Monaten. Seit Jahren? Mein Herz begann zu klopfen, und mit einem Mal vergaß ich die Schmerzen in meinem Magen. Ich verspürte keinen Hunger. Das konnte nicht sein. Nein das konnte nicht sein! Ich war normal, ich stand lebendig hier, mit Schmerzen. Ich musste Hunger haben! Mein Gehirn spielte mir nur einen Streich. Ich hatte Hunger. Ich hatte Hunger und ich wusste es nur nicht. Mein Kopf machte die Probleme, nicht ich. Meine Gedanken mussten wieder normal werden. Ich musste wieder anfangen zu denken. Der Kopf schlug gegen den Stein. Einmal. Zweimal. Dreimal. Ich musste klar denken. Blut auf Stein. Ich wollte klar denken. Blut auf Stein. Ich dachte endlich wieder klar.

Ein Knacken. Einmal. Zweimal. Zwölfmal. Ich leckte die Eier der Möwe leer, warf die Schalen die Klippen hinab. Endlich keinen Hunger mehr. Endlich war das Gefühl im Magen gestillt. Ich war doch normal. Ich war nicht anders, abstrus oder gar verrückt. Ich war vollkommen normal, William war verrückt. Die Möwe war verrückt. Uranos, der Göttervater, war verrückt. Ich nicht, nein. Nein meine Gedanken waren klar wie nie zuvor. Ich musste Essen um zu überleben. Den Verfall aufhalten. Meinen Verfall. Ich schlürfte die Eier nur so leer. Doch dann, dann sah sie mich. Die Möwe. Sie sah, was ich ihren ungeborenen Kindern antat. Sie sah wie ich sie ausschlürfte, ihre Hülle durchschlug. Sie kreischte vor Schmerz, sie weinte, sie pickte nach mir mit ihrem Schnabel. „Du wirst niemals Kinder haben, du kannst das nicht!“ Sagte ich zu ihr. „Du bist ein Mann, du kriegst keine Kinder!“ Sagte ich zu ihm. Das wollte sie nicht hören. Und ich wollte sie nicht mehr hören. Deshalb nahm ich den Stein. Einen großen, eckigen Stein, den ich aufgehoben hatte, aus dem großen Feld der Steine.

Ich begrub sie nicht. Ich ließ sie dort liegen, den Schädel zerquetscht von einem groben Gerät, das selbst die ältesten Vorfahren schon gekannt hatten. Die Eier waren fort, verschwunden in meinem Magen. Ich fühlte keinen Hunger mehr. Hatte ich je Hunger empfunden? Was war Hunger? Das Eiklar tropfte von meinen Lippen hinunter auf den Boden, besudelte den glatten Stein. Meine Finger waren Rot vom Blut. Ich hatte Macht über Leben, und nutzte sie schamlos aus. Die Möwe war nicht mehr, und ich ging zurück in das Haus, um einen Brief zu schreiben.

„Alexander, ich sehne mich nach dir. Ich habe getan was ich konnte, doch meine Gedanken spielen mir einen Streich nach dem anderen. Ich weiß nicht mehr wohin, ich weiß nicht ein noch aus. Sei mir nicht mehr böse für das was ich getan hatte. Ich war immer schon ein schwacher Mensch gewesen, ich war immer schon ein schlechter Mensch gewesen. Ich habe versprochen, mich daran zu halten. Hansen war nicht Schuld für das was dort passierte. Ich war Schuld. Ich habe einen anderen wie dich geküsst, er wurde deshalb traurig. Er trauerte, während man mich auf meine Neigung ansprach. Nachdem ich getanzt hatte. Barfuß. Barfuß auf nacktem Stein, dann auf Glassplitter. Hansen hatte mich mitgenommen, nachdem sie mit mir fertig waren. Zuvor hatte er sich aber betrunken, wegen mir. Es war nicht seine Schuld Alexander. Es war nicht seine Schuld. Es war alles meine. Meine Schuld ganz alleine für alles das passiert ist. Für den Autounfall, für die Glasscherben in meinem Bauch. Für den Berufswechsel, für das viele Trinken. Deshalb das wir kein Kind bekommen durften. Es war nie Hansens Schuld. Es war immer, immer war es meine Schuld gewesen! Und das ist jetzt das Los dafür das ich trage!“

Ich verliere mein Gesicht. Ich verliere mein Gesicht in den Wellen, denn ich habe keinen Hunger. Denn ich habe keinen Durst. Die Schnitte in der Wand, die Schnitte in dem Stein. Die Schrift. Ich habe keinen Durst. Ich habe keinen Hunger. 1,20 Meter ist der Abstand zwischen zwei Autoscheinwerferlichtern. 1,20 Meter, so lange waren alle Glassplitter, die, aneinander gereiht, in meinem Magen steckten. 1,20 Sekunden dauerte der Kuss mit dem Fremden Mann. 1,2 Jahre war das Kind alt, das uns zugesprochen gehört hätte. 1,20 Jahre nur hatte ich meinen ersten Job. 12 Seiten hatte das Buch, 12 Regentropfen in der Hand. Zwölf Jahre kannte mich Hansen. Hansen. Mein Gesicht wurde bleich. Es wurde vollkommen bleich, und kalt wurde mir. Und der Schmerz setzte ein. Er setzte ein, während ich mich aufraffte, zwei Tabletten schluckte, und mich zu der Höhle aufmachte. Den dort lag er. Er war nicht William. Er war nicht der, für den er sich ausgab. Er war ein Lügner, ein gemeiner Lügner. Ein gottverdammter Lügner auf dieser gottverdammten Insel. Ich griff nach dem blutigen Stein. Ich würde mein Werk fortsetzen, ich würde ihn Auslöschen, diesen falschen psychopatischen Philosophen. Ich war der erklärte Mann hier auf dieser Insel, ich ganz alleine. Und wer mir nicht mit loyaler Seele zur Seite stand, gehört vernichtet. Denn wenn ich schon kein Leben haben dürfte, denn wenn ich schon kein Mensch sein durfte, dann war es doch meine Pflicht es zu versuchen.

Und da lag er. Da lag er. Hansen lag dort, vor mir. Ja. Genauso. Du bist nichts als eine Leiche. Du bist nicht William. Ich bin William und nicht du. Du hast das hierher geschrieben. Du bist an allem Schuld. Hansen. Hansen du hast es geschafft das ich hier stecke, feststecke auf dieser Insel. Und dafür werde ich dich und deinen Körper richten. Ich bin ein Mensch, ich bin kein Untier. Ich habe das Leben in meiner Hand, und den Tod in der anderen. Ich alleine entscheide was richtig oder falsch ist. Ja Hansen, das hattest du dir so gedacht. Du hattest dir gedacht dass ich mich schuldig fühlen musste. Ich alleine. Doch du hast die Karosse im Meer versenkt. Du warst besoffen an diesem Abend. Du hast mich nicht gerettet, du wolltest mich verrecken lassen. Hansen, du bist genauso ein Idiot wie Alexander. Und mit diesen Worten schlug ich mit dem Stein auf den Kopf im Sack, ich schlug. Ich schlug immer fester und immer härter, setzte mich auf die Leiche und trommelte mit dem spitzen Stein gegen den Schädel, so lange bis er unter dem Druck schlussendlich brach. Die Hände zitterten. Ich zitterte. Ich war William. Den Zettel hielt ich in der Hand. Ich war William. Ich ganz alleine. Existenzraub wird mit dem Tode bestraft. Diogenes war Tod. Die Möwe war Tod. Hansen war Tod. Und ich, ich stapfte weiter. Den Sack hinter mir herziehend.

Ich nahm die letzten Tabletten. Es waren vier. Vier auf einmal. Ich stand dort, die Möwen kreischten über mir. Es waren zwölf an der Zahl. Ich stand dort, den Sack an meinem Schienbein gelehnt. Wir standen an der Klippe. Ich wollte es wissen. Ich wollte wissen wie es war, was passierte das es so, das es hier endete. Ich wollte wissen warum ich hier war. Ich wollte diesen Verräter neben mir von der Klippe stoßen. Ich wollte ihn von der Klippe stoßen, ihn mitsamt meinem Glas im Körper, mit all den Schmerzen. Ich wollte es wegstoßen, das Nicht-Hungrig-sein. Das Nicht-Durstig-sein. Ich wollte es weghaben, alles weg. Es sollte zerschellen auf dem Boden, auf dem Grund, an den Klippen. Die Schmerzen vergingen bei der Dosis an Pillen komplett. Ich spürte nichts in meinem Magen, ich spürte nichts in meinem Herzen. Ich packte den Sack, zog ihn ab. Dort lag er, mit einer gedrückten Schädelseite, mit unbekanntem Gesicht. Verborgen hinter Salz. Seine Schuhgröße war genauso wie meine. Er trug meine Jacke. Er trug meine Jeans. Er trug einen Ring am Finger. Mit dem Verlust des Schmerzes verging das Salz in seinem Gesicht. Es war Hansen. Er trug mein Gewand. Wie kam er dazu? Warum hatte ich es damals nicht bemerkt? An jenem Abend? Wer war Hansen? Wieso? Hansen hatte sich immer Kinder gewünscht. Doch es war ihm verwehrt geblieben. Er hatte sich bei mir ausgeweint, ich hatte ihm gesagt: „Du bist ein Mann, du kriegst eben keine Kinder.“ Alexander hatte mir das sehr übel genommen. Sein Gesicht war aufgequollen, bleich wie Papier. Den Zettel trug ich in der Hand. Ich spürte die Blockade in meinem Gehirn. Ich ließ ihn nicht zu. Ich ließ den Gedanken nicht zu. Ich ließ den Gedanken, der alles lösen, alles Beenden würde, ich ließ ihn nicht zu. Mein Herz schlug. Ich hatte die Möwe getötet. Ich hatte Hansens Leiche erschlagen. Ich war der unumschränkte Herrscher meiner Insel. Ich würde er bleiben, ich wollte er bleiben. Ich war William. Mir wurde alles gezahlt. Meine Kräfte vergingen.

Ich hatte es nicht getan. Hansen lag alleine an der Klippe, ruhig. Die Möwe knapp daneben. Eine leere Eierschale lag im Nest. Die Zwölfte. Ich lag alleine in meinem Bett aus kaltem Stroh, lag wach. Alexander neben mir. Ich sah ihn, sonst würde ihn niemand sehen. Niemand sah ihn, weder die Spinne an der Decke, noch das Gras. Nur ich fühlte ihn, sonst keiner. Nicht das Stroh, nicht der Boden. Nur ich hörte ihn Flüstern. Worte, die nur ich hören konnte. Er flüsterte, und ich konnte, ich wollte nicht hören. Tränen rannten von meinem Auge hinab in das Stroh. Ich hatte Angst. Schreckliche Angst vor der Leiche in dem Sack auf der Klippe. Ich hatte Angst das Diogenes aufwachte, Uranos weckte, die Möwe weckte und sie mich umbringen würden. Sie würden in der Nacht kommen um mir mein Leben auszusaugen. Mir, dem letzten, lebenden, denkenden Wesen auf dieser Insel.
 
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Grivies

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„Alexander. Ich bin verzweifelt, mein Leben erlischt. Es wird erstickt unter dem Druck meiner Gedanken, meines Fühlen und Handelns. Mir entweichen meine Gedanken, ich höre und sehe nichts mehr, kann Fiktion und Realität nicht mehr unterscheiden. Alleine bin ich hier im Exil, in meinem persönlichen Exil. Sie alle hassen mich. Alles Leben, auch wenn es nur ein geringes ist, versucht mich, den Einwanderer, den Gestrandeten zu zerstören. Sie wollen mich nicht, die Möwen. Sie wollen mich nicht, die Steine und Pflanzen. Sie wollen mich vertreiben, doch nun gehört diese Insel mir, mir ganz alleine. Ich brauche dich. Ich brauche dich so sehr. Was zwischen uns war, was passiert war. Es tut mir alles so schrecklich Leid. Ich will um deine Vergebung wissen, ich will wissen dass du mich noch liebst. Ich will nicht, dass du jemanden anderen hast, dass du jemand anderen liebst. Ich will dass du auf mich wartest, mich nicht fallen lässt. Mich birgst aus der abgrundtiefen Kälte, in der ich mich befinde. Bitte verlass mich nicht. Verlass mich nicht, nie wieder. Ich will es nicht mehr hören, dieses Rauschen der Wellen. Ich will es nicht mehr sehen müssen, diese graue Wand aus dunklem Nebel. Ich will hier fort, ich will hier endlich fort und nie wieder zurückkehren.“

Ich wollte mich schützen, doch die Tabletten hatten mich wie gelähmt. Nur Alexander war hier, sein Arm lag um meine Brust. Von hinten umarmte er mich. Ich fühlte mich sicher, frei. Mir konnte niemand etwas tun, er war doch hier. Er war hier und alles würde gut werden. Er war doch hier. Er war hier! Ganz sicher war er hier, er konnte nur hier sein! Verbittert, kalt wie ich war, begann ich zu weinen, hielt meine Augen mit meinen Händen bedeckt. Sie sollten mich nicht weinen sehen, die Steine des Hauses, die Spinne. Hansen sollte mich nicht weinen hören. Und mit der Umarmung eines nicht anwesenden Lebensgefährten, schlief ich ein. Die Schmerzen waren vergangen, und ich stand einem Traum bevor, dem ich bis jetzt versucht hatte, zu entkommen.

Schön dass du wieder an eine Stelle gekommen bist…
„Das sollten wir feiern.“
Du, ich fühle mich überhaupt nicht in Feierstimmung.
„Komm, grad heute hat doch die Disco wieder offen.“

-

Was soll ich anziehen?
„Nimm was von mir, das steht dir.“
Aber ich wollte doch mein neues Kleid anziehen.
„Nicht in der Umgebung, nicht dort. Woanders gerne, aber nicht dort. Nimm meine Schuhe, die passen dir doch. Ganz neu.“
Ja. Danke…

-


Du trinkst heute nicht viel, verstanden? Ich brauche kein vollgekotztes Auto, nicht schon wieder.
„Ich verspreche hoch und heilig, ich werde weder trinken, noch rauchen.“
Rauchen auch nicht? Da hast du dir ja was vorgenommen.
„Na vielleicht doch ein Bier, nur eins. Oder zwei.“
Du verträgst den Alk nicht, ich sags dir.

-

Ich zahl dir was du willst. Zwei Getränke. Ich versprechs.
„Du hast doch selbst fast kein Geld.“
Ich will aber, du trinkst doch ohnehin nicht viel. Da, der Zettel.
„Für was ist der?“
Damit du mich erinnerst, wenn es sein muss.
„Sind doch nur zwei Bier…“

-

„Ja, zwei Bier bitte.“
Ich trinke nicht.
„Ich weiß, aber ich dafür doppelt soviel.“
Das sind schon deine zwei Bier.
„Ja, ich weiß, ich weiß.“

-

„Komm, wir gehen raus tanzen.“
Draußen, im Gras? Wie viel hast du getrunken?
„Ich? Nicht viel, gar nicht viel. Nicht viel. Vielleicht… ganz sicher nicht viel.“
Du bist betrunken William, du hast mir versprochen nicht viel zu trinken.
„Du ich auch nicht, du ich nie. Nie trink ich viel.“
Nach Rauch stinkst du auch. Dabei hast du gesagt…
„Kommst du mit, oder nicht?“
Ich komme mit, ich werde nicht tanzen.

-

Hörst du jetzt bitte auf zu trinken!
„Jetzt werd nicht gleich so laut.“
Weißt du wie viel du jetzt schon gesoffen hast? Das ist dein sechstes. Dein sechstes und du hast gesagt zwei. Genau zwei. Ich hab genug, ist das klar? Du kommst jetzt mit, wir gehen wieder, ich hab gesagt ich bin nicht in Stimmung für den Mist!
„Gleich, gleich nur noch eine Minute, ich…“

-
„Hey du tanzt ja gar nicht schlecht, wo kommst du den her? Was? Von dort, da bin ich ja gar nicht weit entfernt. Magst was trinken? Ich zahl dir was. Na das macht gar nichts, besser zu viel als zu wenig.“

-

Was fällt dir ein meinen Freund hier abzuknutschen?
„Alex schau da…“
Verpiss dich! Verpiss dich gefälligst! Was hast du dir dabei gedacht! Warum… du bist betrunken, wir gehen! Jetzt sofort! Ich kann’s nicht fassen. Ich kann es einfach nicht fassen…
„Jetzt reg dich doch nicht auf, es war ja nichts.“
Es war nichts? Du hast hier grad beinahe vor meinen Augen mit jemand rumgemacht. Wir kennen uns seit zwölf Jahren, was glaubst du wie ich mich fühle!
„Alex warte… bitte warte!“

-


Steig ins Auto!
„Ich will noch… Alex du hast eine Fahne, hast du dich besoffen?“
Steig ins Auto oder ich fahr ohne dich!
„Ich steig nicht zu einem Betrunkenen in den Wagen…“
Du steigst jetzt aber sofort ein!

-

„Hey was willst du? Ich will geh ‘n. Was ist? Was? Nein, ich hab mit niemand rumgemacht. Was ist dein Problem? Hey, lass mich los, ich sag’s dir, lass mich los. Was ist dein Problem, akzeptierst du es nicht? Du bist besoffen Alter, Alter geh weg gut? Du bist die intolerante Sau hier. Freund und Zwetschkenröster, verschwind bevor ich rabiat werd.“

-

„Ich blute.“
Ja, ich auch.
„Halts Maul, ich hab echt Schmerzen. Der Typ hat mir glaub ich in den Bauch geschnitten oder so… Ich fühl mich echt nicht gut.“
Du hast jemand anderen geküsst…

„Alex, du bist betrunken, hör bitte auf zu denken und fahr mich in ein Krankenhaus.“
Du hast dich besoffen, du hast geraucht und du hast mit jemand anderem rumgemacht!
„Bitte, bitte hör auf. Ich brauch echt jemanden der mir hilft. Alex ich hab verdammte Schmerzen!“
Ich dachte wir wären weiter. Ich dachte das ehrlich. Aber wir sind nicht weiter. Wir sind überhaupt nicht weit. Wir kriegen kein Kind. Aber das ist wohl auch gut so.
„Was? Wa… ich meine was? Was meinst du jetzt?“
Schau dich an. Du hast dich besoffen und jetzt brauchst du sogar ein Krankenhaus. In so einem Umfeld wäre ein Kind nicht glücklich gewesen.
„Das… so denkst du? So denkst du über mich? Ich verrecke hier neben dir und du denkst an das Kind? Das Kind das wir nie kriegen werden? Alex, ich sag dir jetzt etwas ganz ehrlich…“
Ich will es nicht hören, ich fahr dich jetzt ins Krankenhaus.

„Es war nicht meine Schuld dass wir kein Kind bekommen. Es war nicht deine. Es war unsere, unsere Alex. Die Frau hat ganz genau gewusst dass sie jemand wie uns das Kind nicht gibt. Was glaubst du eigentlich? Das sie jemanden wie dir ein Kind geben würde?“
Was… was ist den das Problem mit mir?
„Takelst dich auf wie ein Weib, glaubst es geht alles so flott im Leben. Alex du hast nicht mal einen richtigen Job, du hast nichts. Und ein Kind kriegst du auch nie. Männer kriegen nämlich keine Kinder.“

Hör auf… bitte. Ich hab’s kapiert. Bitte hör auf.
„Fließen da etwa die Tränen? Ich sag dir was! Ich verkomme hier vor Schmerzen, ich glaub der Typ hat mir Glassplitter in den Bauch gerammt! Aber das ist dir egal nicht, es geht dir nur um so ein beschissenes Grafster!“
Das war unser Kind.

„Unser Kind? Wäre es nie gewesen. Hätte ja nicht einmal wissen können wie es dich anredet. Du bescheuertes Stück Fleisch du. Na nicht weinen, schau lieber auf die Straße.“
Das war unser Kind William. Das wäre unser Kind gewesen. Das war unser Kind. Wir waren seine Eltern!
„Alex, hör auf Schlingen zu ziehen, davon wird das Profil vom Reifen auch nicht besser! Und jetzt fahr mich verdammt noch einmal ins Krankenhaus!“

Du hast mir viel mehr wehgetan William. Viel mehr als dir selbst…
„Das ist eine Kurve, lenk ein!“
Ich lenk nicht ein!
„Du lenkst jetzt ein, sofort! Scheiße pass auf, das Auto!“
Du hast mir Weh getan!
„Lenk ein!“

Lange kniete ich dort und hielt ihn fest. Tränen rannten über seine Haare. Der Verwesungsgeruch hatte schon eingesetzt, und ich konnte ganze Büschel seines Kopfes mit meinen Händen greifen. Der eingeschlagene Schädel hing schlaf nach hinten ab. Durch den Mond bleichte das Gesicht noch mehr aus, der offene Mund starrte dem Himmel entgegen. Die Augen, leblos. Alexander Hansen. Seit zwölf Jahren. Tränen rannten über mein Gesicht, ich weinte und verurteilte das Leben und alles das passiert und mir wiederfahren war. Ich schrie meinen Schmerz heraus, die Trauer, hinein in seine kalten Schultern. Mein Gehirn spielte mit mir, mein Unterbewusstsein hasste mich. Was lag dort vor mir auf der Klippe? Was umarmte ich? Die Haare glitten von meiner Hand auf den Boden. Wen umarmte ich denn? Ich wollte es nicht mehr sehen, ich wollte es nicht mehr fühlen. Was ich getan hatte zerstörte mich von innen heraus, es brannte tausendmal schlimmer als die Schmerzen des Glases.

- Klippen. Ein zerfetztes Auto auf Stein. Wasser umspülte die Leiber. Ein anderer Wagen stand knapp an der Klippe. Er hatte einen Vollschaden. Der Helikopter der Einsatzkräfte transportierte die hochschwangere Frau ins Spital. Ihr Kopf war gegen ein abstehendes, scharfes Metallstück gekracht, zehn Zentimeter steckten in ihrem Kopf. Situation: Sie würde die Nacht nicht überleben. Für die zwei Männer im zerschellten Mobil gab es keine Rettung mehr. –

Mit einem Tritt beförderte ich mein Liebstes von einer Klippe. Emotional wie Real. Mit einem Tritt. Lange Zeit hörte man nichts, dann schlug der Leib an den Klippen auf. Ich konnte ihn nicht mehr sehen. Die Haare, seine schwarzen Haare lagen verstreut am Boden. Meine Fingernägel waren blutig. Ich hatte seit Jahren nicht mehr daran gebissen, doch vor allem in letzter Zeit hatte ich wieder damit angefangen. Ohne Zigaretten und in einer aussichtslosen Situation blieb einem nicht viel mehr übrig. Doch nun war ich ruhig. Ich wusste nicht, wie lange ich meine Tränen ausgegossen hatte, doch nun war ich still. Alleine saß ich an der Klippe, blickte zu dem Nebel hin. Dort war kein England im Osten. Dort war kein Norwegen im Westen. Dort war nichts. Hinter dem Nebel war nur noch mehr Nebel. Überall würde Nebel sein denn ich war nichts anderes als schon Tod. Mir war es alles klar geworden. Wie schnell man doch seine Erinnerungen zurück gewinnen, wie tiefe Furchen man damit doch reißen konnte. Wie ein Canyon, der nun im Blut und Wasser erstickt. Denn mehr als dies hätte man mir nicht antun können. Ich hatte sie geschrieben, die Zeichen in der Höhle. Ich hatte es alles gewusst. Nicht ich, nein, mein Unterbewusstsein hatte es gewusst. Mein eigener Körper war mein Feind geworden. In allen Bereichen. Das Glas in mir, die Gedanken in mir. Sie zerfraßen mich wie ein Parasit, lebten in mir wie ein Fungus. Ich wollte sie los werden, wollte sie zerstören so wie sie mich zerstört hatten. Ich war schon lange nicht mehr am Rande des Wahnsinns, ich war mitten drin in der endlosen Spirale. Mein Leben lag dort zwischen den Gebeinen meines Lebensgefährten zersplittert bei den Klippen. Ich selbst hatte es getan.

Der Ozean hatte etwas Tröstendes an sich, das man mit seinem menschlichen Auge nicht verstehen konnte. Mein Mantel war durchnässt von Meerwasser und dem Salz der Jahre. Meine Füße zeigten Wunden und Blasen, und meine Magengegend war von einer Fäulnis befallen, das gewisse Abschnitte der Haut wie Kohle erscheinen ließ. Die fiebrigen Augen blickten hinaus in die farblose Wolke der Welt. Meiner Welt. Zitternd umklammerte ich mich selbst, mir schien, der Sturm ging kälter als sonst. Und die ersten Regentropfen fielen auf mein Haupt, rannten an meinen Wangen herunter. Nun löste sich der Himmel in Tränen auf. Doch ich spürte keine Trauer mehr. Ich spürte nichts in mir, denn nun wusste ich wo ich war. Denn nun wusste ich was ich getan hatte. Kein Unrecht war es, hier zu sitzen. Hier und jetzt, auf der tristen Insel der Einsamkeit. Zwischen Leben und Tod, in einem endlosen Grau ohne Sonnenschein. Ich war gefangen in meinem persönlichen Fegefeuer, für immer und alle Zeit. So schien es. Doch der Ozean tröstete auch mit seiner Zeitlosigkeit. Er tröstete mich, wo ich doch keine Trauer empfand. Meine Gefühle waren ausgelöscht.

Ich stand alleine auf der Klippe. Die Möwen kreischten über mir, doch ich vernahm nicht mehr ihr rufen. Ich war mir egal geworden. Vollkommen. Ich dachte nicht mehr. Alleine Alexander lag in meinen Augen, er alleine. Ich stand vor dem Ende der Klippe, vor dem Ende meiner Welt. Vor mir, die Luft. Darunter, der todbringende Felsen. Und ich sehnte mich so sehr nach diesem Felsen. Über mir kam nur der Regen, der Gegen der nicht mehr aufhörte, das Feld der Steine voll mit Wasser laufen hat lassen. Er hatte die tote Möwe zu meinem Haus gespült, hatte Alexander endgültig von den Klippen aus meiner Reichweite transportiert. Die Tropfen schlugen auf mich ein. Sie traten auf mich ein. „Spring!“ riefen die Tropfen. „Spring!“ rief die tote Möwe. „Spring endlich!“ Ich wollte springen. Ich wollte endlich gehen, alles fallen lassen. Mein Werkzeug. Mein Schaffen. Ich hielt den Hammer noch in der Hand, konnte mich wenden. Doch mit dem Drehen wusste ich das die Schmerzen zurückkommen würden. Das Glas, die Gedanken. Ich wollte nicht mehr. Und da legte ich das Werkzeug endlich nieder. Der Körper schlug bei den Klippen auf. Und meine Arme spannten sich zu Flügeln, und ich segelte knapp über dem Meer der Sonne entgegen.

Die Möwe blickte hin. Sie blickte hin zu ihrem ermordeten Artgenossen. Er war von dem Stein erschlagen worden. Tod lag sie am Boden, der Schädel zerquetscht. Lange blickte sie hin. Unendlich lange blickte hin, verstand, bevor sie ihre Schwingen entfaltete und flog. Und sie floh von der Insel.

Ende.
 
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Fiete Langohr

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1 Sep 2013
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Eine sehr starke Kurzgeschichte, wie ich finde. Sie hat Atmosphäre, viel Überraschendes, liest sich packend und man erfährt nach und nach mehr Hintergründe und Zusammenhänge. Lediglich mit etwas Rechtschreibkorrektur halte ich deine Geschichte für druckreif und auch äußerst passend für einen Kurzgeschichtenband zum Thema Tod / Liebe. Würd ich einen Verlag kennen, der nach genau so etwas gerade sucht, ich würd dir raten denen deine Geschichte zu schicken. Besten Dank, dass du die Geschichte hier hereingestellt hast.
 

Tyger

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13 Aug 2012
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2.375
Donnerwetter, schön, so eine Perle hier zu finden! Im ersten Moment wollte ich die wechselnden Zeitformen beanstanden, aber dann wurde mir klar, dass die zur Konstruktion der Story gehörten, genau wie die unpersönliche Ausdrucksweise. Du hast Dir da viel mehr Gedanken gemacht, als einem beim ersten Durchlesen auffällt. Nichts auszusetzen!
 

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