Gedanken eines Melancholikers I

Fenrir

Guest
in Anbetracht der Umstände habe ich mich entschlossen ein Wenig über mich zu schreiben um eventuell dem einen oder anderen einen Einblick in die Gedankenwelt eines Depressiven zu geben und zu erläutern was die Umstände waren die mich zu dem gemacht haben was und wer ich heute bin.

kurz zu mir.
mein Name ist Christian,
ich bin derzeit 25 Jahre alt und bin Depressionspatient nach (ICD-10) F32.3

im Klinischen Fachjargon heißt das soviel wie:

"Schwere depressive Episode mit Psychotischer Symptomatik"

beschrieben wird das ganze wie folgt:

Eine schwere depressive Episode, wie unter F32.2 beschrieben, bei
der aber Halluzinationen, Wahnideen, psychomotorische Hemmung oder
ein Stupor so schwer ausgeprägt sen können, dass alltägliche soziale
Aktivitäten nahezu unmöglich sind und Lebensgefahr durch Suizid und
mangelhafte Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme bestehen kann.
Halluzinationen und Wahn können, müssen aber nicht, synthym sein.


wow. als ich von meinen Ärzten damals das erste mal diese Diagnose auf einem Befund fand, war ich erstmal weg vom Fenster. das haut einen ganz schön vom Hocker kann ich euch sagen.

wie kam es überhaupt dazu dass diese Diagnose bei mir gestellt werden musste werdet ihr sicherlich wissen wollen.

nja, eigentlich war das ganz einfach. ich hatte im Vorfeld den Entschluss gefasst gehabt, dass ich keine Lust mehr am Leben habe.
bis zu diesem Zeitpunkt war mein Leben nie sonderlich gut verlaufen.
meine unbeschwerte Kindheit endete Abrupt mit etwa fünf ein halb Jahren als meine Eltern nach einer Ehe aus der vier Kinder hervor gegangen waren, eben diese zu beenden.

dieser Scheidungskampf dauerte meine gesamte Grundschulzeit und brachte mich und meine älteste Schwester das erste mal in unserer beider Leben auf unterschiedliche Weise zur Depression.
(was ich aber erst gute 14 Jahre Später erfuhr)

meine älteste Schwester konzentrierte sich damals eher darauf jede freie Minute vor der Tür zu verbringen um dem Streit zuhause aus dem Weg zu gehen.

ich hingegen vergrub mich zuhause weil ich damals nur außerordentlich wenige freunde hatte, und meine freunde alle am ende der Stadt wohnten was für einen Jungen im Grundschulalter wie das Ende der Galaxis erscheint.

ich wurde ein sehr stiller junge, der aufgrund der Gewalt die er zuhause erlebte auch nur sehr selten mit Coolen Sprüchen aufwarten konnte weil er zuhause immer untergebuttert wurde.

während meiner Grundschulzeit war Gewalt meine Sprache.
wenn ich geärgert wurde schlug ich ohne Vorwarnung zu.
wenn jemand mich nervte, trat ich ihn.
mehr als einmal bekam ich verweise, die mir zuhause nur noch mehr prügel und Isolation einbrachten, was die Lage nicht verbesserte.

Höhepunkt meiner Gewaltexzesse an der Grundschule wurde ein Vorfall bei dem ich einem Mitschüler eine Schere hinterher warf, welche nahezu bis zum Griff in seinem Unterarm steckte und die Schlagader um nur etwa 4 mm verfehlte.

mehrere Gespräche mit dem Schulpsychologen und ein Schulverweis war die Folge.

am ende meiner Grundschule hatte ich etwa 4 Menschen in meinem Leben die ich als Freunde bezeichnete, wovon 2 aufgrund des Schulwechsels auf die Realschule ab diesem Zeitpunkt nicht mehr länger verfügbar waren.

Weiter in Teil II
 

Tyger

Guest
Alle Achtung dafür, dass Du den Mut hast, das alles so offen zu erzählen. Ich neige eher dazu, so etwas für mich zu behalten, allein schon, um die Erinnerungen nicht nochmal aufzurühren. Eine kaputte Kindheit scheint unter Furrys nichts Ungewöhnliches zu sein.
 

Fenrir

Guest
ich kann diesbezüglich ziemlich offen sein.
hat zwar lange gedauert aber vielleicht liest es ja der ein oder andere und kann dann ein wenig besser nachvollziehen was in den Köpfen von Menschen wie mir vor sich geht.

die meisten menschen, die noch nie eine ernsthafte Depression erlebt haben können sich so etwas gar nicht vorstellen.

zB. dass man 5-6 tage einfach keine Lust hat etwas zu essen, und man sich dazu zwingen muss wenigstens ein paar scheiben Brot herunter zu würgen.

vielleicht liest es ja auch der ein oder andere und ist glücklich zu sehen, dass es menschen gibt die die gleichen Probleme haben.

mir hat es damals sehr geholfen zu erkennen dass das was ich fühle und erlebe nicht der Normalität entspricht, und es auch andere menschen gibt die so leben.
 

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