Gedanken einer Andersdenkenden

Laena

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21 Aug 2011
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Vorwort
Ich habe das Geschichtchen hier mal vor einiger Zeit in meiner depressiven Phase geschrieben. Erwartet also keine Friede-Freude-Eierkuchen Geschichte^^

Gedanken einer Andersdenkenden


Ein kleiner Schritt noch, was ist schon dabei?
Der Wind spielt mit meinem Haar.
Ein kleiner Schritt noch...
Unten fahren die Autos. Menschenmassen laufen in ewig gleicher Monotonie von der Arbeit nach Hause. Es wird langsam kühl und es dämmert schon.
Ein kleiner Schritt noch.
Diese Menschen in ihrer hektischen Welt. Alles läuft nach Zeit, nach einem kleinen Gerät, dass die meisten an ihrem Arm tragen. Sie lassen sich von einem Gerät vorschreiben, wann sie was machen müssen. Der Mensch wird zur Maschine.
Ein kleiner Schritt noch...
Unten bildet sich eine Menschentraube. Hat man mich gesehen? Scheint so. Die Ansammlung da unten wird größer. Gaffer allesamt. Naja, andererseits passiert in dieser ewig gleichen Monotonie mal was Anderes, etwas Unerwartetes. Bei den Meisten ist ja das allabendliche Fernsehbild das Einzigste, was Abwechslung bringt. Unten drängen sie sich dicht zusammen, in einer doch schon recht ansehnlichen Masse. Ich werde wohl auf die Polizei warten müssen, sonst nehme ich noch jemanden mit. Dummköpfe.
Noch einen Schritt und ich reiße unwillkürlich ein halbes Dutzend von ihnen mit mir mit. Wird Zeit, dass die Polizei da unten Platz macht. Obwohl, vielleicht würde ich sie dadurch erlösen. Kann man Jemanden von seinem Leiden erlösen, der sich seines Leid´s nicht bewusst ist? Wie dem auch sei...
Ein kleiner Schritt noch...
Dahinten kommen sie ja endlich. Polizei, Feuerwehr und sogar ein Krankenwagen.
Was wollen sie mit einem Krankenwagen? Und die Feuerwehr? Was soll die da? Völlig unnötig. Ein kleiner Schritt noch...
Endlich ist die Polizei dabei, die Menschen in Sicherheit zu bringen. Sie standen in ihrer Neugier auch auf der Straße. Einen ziemlichen Stau haben sie verursacht. Ich muss lächeln, bei dem Gedanken, wie die Leute in ihren Autos über mich fluchen. Ich raube ihnen etwas, was sie nie besitzen. Ich raube ihnen die Zeit. Ein paar Umdrehungen des Zeigers an ihrem Handgelenk...
Bald werden die ersten Polizisten hier sein und mit mir reden wollen. Vielleicht haben sie auch einen dieser Psychotypen dabei. Ich hab darauf keine Lust. Ich will nicht reden, jetzt nicht mehr. Ich habe mich entschlossen. Ich wollt nur noch den Sonnenuntergang sehen, doch auf den werde ich wohl verzichten.
Ein kleiner Schritt noch...


Probleme mit den Eltern. Sie verstehen mich nicht. Wie sollten sie auch? Ich bin nicht normal, meinten sie. Doch wer ist schon normal? Was ist normal? Ich tanze aus der Reihe, doch aus welcher? Man kann nur sagen, ich sei anders.
Mein Zuhause ist... Hab ich überhaupt ein Zuhause? Zuhause ist da, wo man sich wohl fühlt und willkommen ist. Bei mir trifft weder das Eine noch das Andere zu.
Ich wohne... das trifft es schon eher... in einem kleinen Vorort einer größeren Stadt. Welche dies ist, ist uninteressant. Jeden Tag die gleiche Hetzerei nach dem Bus, jeden Tag die gleiche Jagt nach den Minuten. Wenige Minuten zu spät und man wird bestraft. Teilweise entscheiden schon Sekunden... Kranke Gesellschaft... Diese Bestrafung variiert sehr, je nachdem, wer gerade der Vorgesetzte ist. Eine Gesellschaft, die nach der Uhr lebt, nach der mechanischen Uhr. Die läuft gänzlich anders, als unsere biologische Uhr. Ungesund ist das. Und dann der Stress...
In solch eine Gesellschaft passe ich wahrhaftig nicht.
Irgendwann wurde mir das alles zu viel. Meine Eltern machten immer mehr Probleme. Ich sollte so sein, wie sie es sich vorstellten. So, wie sie es für normal hielten. Ihre Erziehungsmaßnahmen machten mich wütend. Ich würde sie am liebsten Grün und Blau schlagen, meine Wut in die Welt hinaus schreien. Stattdessen suchte ich mir ein anderes Ventil. Ich kann keinen anderen Menschen und auch kein Tier vorsätzlich Schmerzen zufügen. Es ist nicht meine Art. Sicher, ich hatte auch die ein oder andere Rauferei, zumeist in der Schule. Das war aber schon lange bevor die Probleme richtig anfingen.
So begann ich mich selbst zu verletzen. Es sind wahrhaftig Schmerzen, die von den Problemen ablenken, zumindest für eine gewisse Zeit.
Es war mir wichtig, dass dies nicht bekannt wird. Ich hatte Angst, noch weiter ausgegrenzt zu werden. Ich war ohnehin eine Person, die wenig Freunde hatte und über die man sich mehr oder weniger unbehelligt lustig machen konnte. Bei der sehr intoleranten Jugend hab ich nicht auf Verständnis gehofft. Sie hätten sich darüber vermutlich nicht mal Gedanken gemacht. Aber ein Ventil brauchte ich.
Ich legte mir so eines dieser Armbänder zu, das mir halbwegs zusagte. Solch eines mit Nieten, wie es die Punker zu tragen pflegen. Nicht dass ich einer wäre, aber es war breit genug, um die Wunden knapp oberhalb des linken Handgelenkes zu verbergen. Da mir das Handgelenk dann doch zu offensichtlich wurde, wechselte ich zu den Oberschenkel. Mehr, zum tiefer und auch zum länger schneiden und stechen.
Doch nach wenigen Wochen schon hatte ich einen Fahrradunfall. Einer dieser Autofahrer hatte mir an einer Kreuzung die Vorfahrt genommen. Wieder so etwas, was mich stört. Dieses Denken, dass Autofahrer vor allem und jeden kämen, dass Vorfahrt und überhaupt alle anderen Regeln für Fußgänger und Fahrradfahrer nicht gelten würden.
Besagter Autofahrer fuhr mir also in die Seite. Er war nicht gerade schnell, aber es reichte für mehrere Prellungen und einem Beinbruch. Und das Erste, was er machte war wiedermal so natürlich Mensch. Ob ich denn keine Augen im Kopfe habe, hatte er mich gefragt. Immer zuerst die Schuld auf die Anderen laden. Ist ja auch der bequemste Weg. Alsbald holte mich ein Krankenwagen ab. Ein Streifenpolizist kümmerte sich um den Autofahrer und hat ihm erstmal, so wie es schien, einen Ausschnitt aus der STVO vorgelesen.
Im Krankenhaus gab es eine gründliche Untersuchung, bei der leider auch meine Narben entdeckt wurden. Sie haben es wohl meinen Eltern gesagt. Mein Vater schnauzte mich gleich an, was das denn solle, was ich doch für eine Schwachsinnige Person sei und ähnliche 'nette' Bemerkungen über mich.
In der Schule lief es auch bei Weitem nicht mehr so gut. Einst in der Reihe der Klassenbesten rutschte ich immer mehr ab, sammelte eine 5 nach der anderen. Sechsen hagelte es wegen fehlender Hausaufgaben. Mir waren diese vollkommen egal. Eine Klasse musste ich wiederholen. Meine Eltern bestraften mich damit, dass sie mir das Internet kappten und das Handy entzogen. Abgeschnitten von der Außenwelt war ich also allein mit mir und meinen Problemen. Raus aus dem Elternhaus musste ich, und das so schnell wie möglich. Den Schulabschluss schaffte ich mehr schlecht als recht. Wegen des Zeugnisses und weil sie entdeckt hatten, dass ich mich erneut verletzte, setzte es eine gehörige Standpauke.
Ich fand per Zufall eine Lehrstelle, weit weg vom Elternhaus. Am Ende der Probezeit durfte ich wieder gehen. Der Ausbilder hatte den Betrieb gewechselt, weil seine neuen Arbeitgeber mehr Geld zahlten. Mein Ausbildungsbetrieb wollte keinen neuen Ausbilder einstellen und so durfte ich wieder zurück ins Elternhaus. Alle hielten es für meine Schuld, wie sollte es auch anders sein. In den Augen meines Vaters hatte ich versagt. Ich erntete von ihm nur noch Spott und Hohn.
Tiefe Depressionen waren die Folge. Internet hatte ich keines mehr. Der Handyvertrag war ausgelaufen und nicht verlängert worden. Ich hatte auch kein Geld, um mir heimlich ein Handy zu besorgen. Den Kontakt mit meinen Freunden, die Ich übers Internet kennen gelernt hatte und die mir wenigstens einen gewissen Halt gaben, verlor ich bis dahin gänzlich. Wenn sie morgen die Zeitung aufschlagen, werden sie das mit mir nicht in Zusammenhang bringen können. Wenn ich überhaupt in die Zeitung komme...
Ich zog mich immer weiter zurück. Ich versuchte, Allem und Jedem aus dem Wege zu gehen. Ich resignierte vollständig. Ich sprach so wenig wie möglich, schlief größtenteils am Tage und wanderte des Nachts durch die Gassen, wenn alles ruhig war und schlief.
Nach zwei qualvollen Jahren, voller Hass und Schikane, fand ich endlich wieder, wie durch ein Wunder, eine Lehrstelle. Ich schöpfte neue Hoffnung. Aber mein neuer Arbeitgeber war ganz in der Nähe. Das Gehalt war zu gering, um eine Bleibe zu mieten. So musste ich mich immer noch der Schikane ausliefern.
Mein neuer Arbeitgeber war ein ungeduldiger Mensch. Ich kam genau zweimal zu spät, so dass ich nach nur drei Wochen wieder arbeitslos war. Es waren nur wenige Minuten... Nichtmal 5 Minuten... Der große Zeiger ist einfach ein wenig zu weit gewandert...
Dass mein so genannter Vater derart viele Schimpfwörter für mich hatte, war erstaunlich. Er schrie mir eine Stunde lang die wildesten Beschimpfungen zu, dann ging ich einfach. Ich ging in die Stadt. Ich blickte Richtung Himmel und sah diesen neuen großen Wolkenkratzer. 94 Stockwerke war er hoch, richtig schön mit Glasfassade. Ich ging kurzerhand über das Treppenhaus nach oben. 94 Stockwerke... genug um in Gedanken nochmal nach zu denken. Keiner hielt mich auf, keiner fragte, was ich hier mache. Es waren viele Menschen da, aber keiner schien mich zu bemerken. Ich war für sie nicht da, so wie immer. Ich dachte gründlich nach. Ich hatte mehrere Zeichen gegeben, teilweise überdeutlich. Man konnte sie eigentlich nicht übersehen oder missverstehen. Und doch...
Nach einigem Suchen fand ich im obersten Stockwerk den Zugang zum Dach. Es war kein wirklich schöner Anblick. Dicht an dicht Häuser, Wolkenkratzer und ab und an auch Fabriken. Eine riesige graue Fläche, unterbrochen von dem ein oder anderem rotem Dach und dem Smog, der wie eine zweite Wolke weiter unten in der Stadt zu sehen war. Ich sah kein Grün, konnte keinen Baum sehen. Nichtmal am Horizont.
Ich stellte mich auf die Brüstung. Mein Leben war ein Trümmerhaufen. Mit zwei abgebrochenen Ausbildungen und einem recht schlechten Schulabschluss habe ich auf dem Arbeitsmarkt keine Chance. Meine Eltern hassen und schikanieren mich andauernd und den Kontakt zu Freunden habe ich schon seit langer Zeit verloren. Ich weiß schon nicht einmal mehr ihre Namen. Sie werden den Meinigen sicherlich schon lange vergessen haben. Was habe ich also noch zu verlieren?


So breite ich meine Arme aus und mache den einen Schritt. Ich bekomme sofort das mulmige Gefühl in der Magengegend, dass man bekommt, wenn es plötzlich abwärts geht. Langsam kann ich die Gesichter deutlicher erkennen.
Hätte dies verhindert werden können? Vielleicht. Hätte man mich umstimmen können? Ja, aber nicht heute, nicht hier. Heute ist es zu spät. Würden die Menschen nicht wegschauen, hätten sie es bemerkt. Aber die Menschen wollen so etwas nicht sehen. Sie wollen in ihrer kleinen heilen Welt keine Probleme haben. Besonders meine wollen sie nicht sehen. Wegschauen, das ist das allgemeine Motto. Nun ist es zu spät.
Wie ein Schnappschuss sehe ich das entsetzte Gesicht einer Frau, die meinen Fall verfolgt. Ich lächle unwillkürlich. Auch du hättest hinsehen müssen, dann wäre dir dies erspart geblieben.
Zu spät, da ist schon der Asphalt. Nun habt ihr ein Übel weniger. Viel Spaß in eurer kleinen heilen Welt...


Nachtrag
Ein Teil davon ist mir so widerfahren, ein Teil ist dazu gedichtet. Und ehe hier welche gut gemeinte Ratschläge einbringen, das Borderline ist dazu gedichtet. Ich hatte aber mit mehreren Borderlinern längere Zeit Kontakt.
Ich wollte damals meiner Mutter damit eine Botschaft übermitteln. Ihre Reaktion "Das ist gut, vieleicht sollten wir das einer Zeitung schicken." >.<

Da ich in meinen depressiven Phasen am produktivsten war/bin, hätte ich da noch einige Gedichte. Ich weis nur nicht, ob ihr die sehen wollt.
 
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