Ein Weihnachtswunsch

Swift

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2 Dez 2008
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So. Bald ist Weihnachten und da dachte ich, ich poste mal eine Weihnachtsgeschichte. SIe ist jetzt etwa ein Jahr alt. Ich hoffe sie gefällt euch.




Ein Weihnachtswunsch

Große, dicke Schneeflocken fielen vom Himmel, schienen im bunten Licht der Lichterketten zu tanzen und landeten sanft auf dem schneebedeckten Boden der Innenstadt.
Zusammengekauert und frierend lehnte der Fuchs an der Außenwand des Kaufhauses. Er trug einen versifften Mantel, darunter einen Rollkragenpullover. Seine dreckige Jeanshose war an den Knien aufgerissen und seine Handschuhe waren durchlöchert. Ihm war bitterkalt.
Er saß auf seiner Wolldecke und seinem Schlafsack. Eine weitere Decke diente ihm als Kissen. Vor ihm lag eine Konservendose, in die die Passanten Kleingeld schmeißen konnten. Doch kaum einer schmiss etwas hinein. Die meisten beachteten ihn nicht mal; oder wenigstens taten sie so, als würden sie ihn nicht sehen.
Sie sahen so glücklich aus. Sie lachten, scherzten und man konnte ihnen die Freude förmlich ansehen. Fast alle trugen Einkaufstaschen bei sich. Wahrscheinlich waren sie bei den letzten Weihnachtseinkäufen. Immerhin war morgen Heiligabend.
Vom Weihnachtsmarkt her duftete es nach Glühwein, Schmalzkuchen und Bratwurst und man konnte Weihnachtsmusik, sowie Kinderlachen hören.
Der Fuchs erinnerte sich an das Weihnachten letztes Jahr. Wo er noch ein Dach über dem Kopf gehabt hatte. Einen Job. Und jemanden, der für ihn da war. Doch innerhalb eines Jahres hatte er all dies verloren. Und jetzt saß er im tiefsten Winter in der Innenstadt und fror. Doch das war ihm immer noch lieber als das Obdachlosenheim.
Dann ging eine Wölfin an ihm vorbei. An ihrer Pfote lief ihre kleine Tochter. Sie war vielleicht fünf oder sechs. Sie starrte den Fuchs im Vorbeigehen an. Schließlich blieb sie stehen. Der Fuchs lächelte sie an. Das Mädchen lächelte zurück.
„Was ist denn, Monique?“, fragte die Mutter ihre Tochter.
Monique löste sich von ihrer Pfote und ging auf den Fuchs zu. In der anderen Pfote hielt sie ein Stofftier. Einen kleinen Tiger.
„Warum sitzt du denn auf dem Boden?“, fragte Monique den Fuchs.
Das Lächeln des Fuchses wurde etwas breiter.
„Weil ich kein zu Hause habe“, antwortete er.
„Monique, komm jetzt“, rief die Mutter.
Aber Monique blieb stehen.
„Und warum?“, fragte sie neugierig.
„Mach dir keine Gedanken um mich, Kleines. Ich wünsch dir frohe Weihnachten“, sagte der Fuchs.
Dann kam die Mutter, nahm Monique an die Pfote und zog sie weg. Der Fuchs konnte den angewiderten Blick in ihrem Gesicht sehen. Monique drehte sich noch einmal zum Fuchs um, um ihm zuzuwinken. Dann waren sie im Getümmel der Innenstadt verschwunden.
Der Fuchs schloss die Augen und musste an letztes Weihnachten denken. Wie er mit seinem geliebten Fuchs Puso unterm Weihnachtsbaum gesessen hatte. Der Fuchs hatte ihm von seinem letzten Geld ein Geschenk gemacht. Nie wird er das Gesicht vergessen, dass Puso gemacht hat, als er das Geschenk ausgepackt hatte. Erst hatte er ungläubig in die Schatulle geschaut, dann zu ihm. Mit einem Blick, den man schwer definieren konnte. Es war eine Mischung aus Trauer, Wut, Enttäuschung, Freude und Angst. Er hatte die Schatulle zugemacht, sie dem Fuchs zurückgegeben, war aufgestanden und gegangen. Der Fuchs konnte es nicht verstehen.
Das nächste Mal als sie sich sahen, hatte Puso einen neuen Partner gefunden. Der Fuchs war völlig am Boden zerstört. Als er Puso kennen gelernt hatte, war alles perfekt gewesen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er wahre Liebe für jemanden empfunden. Monatelang führten sie eine Beziehung, der es an nichts mangelte. Sie küssten sich, sie schliefen miteinander, aber Puso wollte nichts für immer. Daraus entstanden immer wieder Streits. Der Fuchs fühlte sich ausgenutzt, abgewiesen und als einer von vielen. Und als er dann Verdacht schöpfte, dass Puso noch andere Partner wie ihn hatte, kaufte er ihm das Geschenk. Das war das Aus für die Beiden.
Eine Träne lief dem Fuchs über das Gesicht, als er an die schöne Zeit mit Puso dachte. Wie sie zusammen eingeschlafen waren, Arm in Arm. Die schönen Augenblicke voller Zärtlichkeit, die sie geteilt hatten. Er erinnerte sich an seinen Geruch, seine Stimme, seine wunderschönen Augen.
Und nicht mal drei Wochen später hatte Puso jemand Neues.
Plötzlich wurde der Fuchs aus seinen Gedanken gerissen. Ein Hund, verkleidet als Weihnachtsmann, ging an ihm vorbei und schwang dabei seine Glocke. Eine kleine Gruppe Kinder folgte ihm schüchtern.
Der Fuchs lächelte, griff in seine Tasche und holte seine Zigaretten hervor. Er nahm eine hinaus, klemmte sie sich zwischen die Lefzen, zündete sie an und nahm einen kräftigen Zug. Es hatte inzwischen aufgehört zu schneien und langsam wurde die Innenstadt leer. Die Geschäfte schlossen alle nacheinander und die Leute gingen nach Hause in ihre warmen Häuser.
Auch in dem Kaufhaus, an dessen Wand der Fuchs lehnte, gingen die Lichter aus. Er drückte seine Zigarette im Schnee aus und seufzte. Er dachte weiter nach.
Darüber wie ihn die Sache mit Puso mitgenommen hatte. Er war zutiefst verletzt gewesen. Und das zeigte sich auch nach außen. Seine Freunde merkten bald, dass er entweder ständig traurig oder schlecht gelaunt war. Er versuchte zwar, immer gute Laune zu bewahren, aber es gelang ihm leider selten.
Auch auf der Arbeit machten ihm seine Launen zu schaffen. Er dachte den ganzen Tag nur an Puso und so ließ er seinen Frust an den Kunden aus. Nach einiger Zeit und einigen Beschwerden hatte sein Chef dann genug. Er verlängerte seinen Vertrag nicht.
Monatelang war der Fuchs arbeitslos, hatte keinen Anspruch auf staatliche Hilfe und wurde so auch noch aus seiner Wohnung geschmissen. Er sollte daraufhin in ein Obdachlosenheim, doch das wollte er nicht. Und so lebte er nun seit einigen Wochen auf der Straße. Die meisten seiner Freunde hatten sich von ihm abgewandt, seitdem er sich so sehr verändert hatte. Seine Eltern waren bereits verstorben, zum Rest der Familie war kein Kontakt. Niemand wusste, dass er auf der Straße lebte.
Wieder wurde der Fuchs aus seinen Gedanken gerissen. Diesmal von der Filialleiterin des Kaufhauses. Sie verließ gerade mit ihren Mitarbeitern den Laden und schloss ab. Er sah nicht direkt hin, aber er konnte ihre Blicke spüren.
Die Mitarbeiter verabschiedeten sich. Die Filialleiterin blieb zurück. Langsam kam sie herüber zum Fuchs. Er sah zu ihr hoch. Sie wühlte in ihrer Handtasche und warf dem Fuchs dann schließlich ein paar Euro-Stücke in die Konservendose. Doch in die Augen sah sie ihm nicht.
„Vielen Dank“, sagte der Fuchs.
Die Filialleiterin stapfte davon, ohne etwas zu sagen. Inzwischen war die Innenstadt leer. Vereinzelnd kamen nur noch ein paar Leute vorbei.
Und es war bitterkalt geworden. Weit unter null Grad. Der Fuchs fror ganz furchtbar. Er war in seine Decke gekuschelt und die Mütze hatte er über die Ohren gezogen. Trotzdem zitterte er vor Kälte. Und dann fing es wieder an zu schneien.
Der Fuchs überlegte, ob er nicht doch ins Obdachlosenheim gehen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Gegenüber von ihm war eine Bank und er konnte nur hoffen, dass bald jemand kam und mit seiner Karte die Türen der Bank öffnete, damit er in den warmen Vorraum konnte.
Es verging fast eine Stunde. Dem Fuchs wurde immer kälter. Inzwischen hatte er sich hingelegt und hoffte, dass er schlafen konnte. Doch es gelang ihm nicht.
Er schloss gerade die Augen, da wurde ihm plötzlich warm. Unglaublich warm. Er öffnete die Augen wieder und sah direkt in ein helles Licht, das ihn blendete. Er kniff die Lider zusammen und konnte inmitten des Lichtes eine Gestalt erkennen. Er sah nur Umrisse, doch die Gestalt kam deutlich näher. Das Licht nahm ab und dann konnte der Fuchs die Gestalt erkennen. Es war eine wunderschöne Füchsin in einem weißen Gewand. Sie lächelte den Fuchs an, der sich ungläubig aufsetzte. Zunächst dachte er, er würde träumen. Er war sich sogar fast sicher.
„Keine Angst“, sagte die Füchsin.
Der Fuchs sah nur weiterhin ungläubig und genoss die Wärme, die ihn plötzlich durchfloss.
„Wer bist du?“, fragte er.
Die Füchsin lächelte lieb.
„Ich bin dein Schutzengel“, sprach sie.
Das Herz des Fuchses schlug schneller. Das konnte doch nicht sein. Er musste träumen. Die Füchsin kam näher und schien dabei über den schneebedeckten Boden zu schweben.
„Es ist Weihnachten. Und deshalb erfülle ich dir einen Wunsch“, sprach sie weiter.
Der fallende Schnee schien durch die Füchsin hindurch zu fallen. Als wäre sie ein Geist.
„Du kannst dir wünschen was du willst“, sagte sie.
Der Fuchs wusste nicht, ob er nun träumte oder nicht, aber begann zu überlegen, was er wollte. Er könnte sich wirklich alles wünschen. Er könnte sich Reichtum wünschen. Er könnte sich wünschen, dass Puso ihn liebt. Oder er könnte sich wünschen, einfach ein Dach über dem Kopf und einen Job zu haben. Doch ein Wunsch ließ ihn nicht los. Aber er war sich nicht sicher, ob er sich das wirklich wünschen sollte.
„Lass dir ruhig Zeit“, flüsterte die Füchsin.
Doch der Fuchs hatte seine Entscheidung getroffen.
„Ich weiß, was ich will“, sagte der Fuchs.
Die Füchsin nickte und hörte ihm zu.
„Ich wünsche mir, dass Puso von nun an ein glückliches Leben führt und alles, was er sich wünscht, auch in Erfüllung geht. Und ich möchte, dass er bei seinem neuen Partner das findet, was er bei mir nicht gefunden hat“, sagte er.
Die Füchsin nickte wieder.
„Aber du weißt, dass du die Nacht hier draußen wahrscheinlich nicht überleben wirst. Bist du dir sicher, dass dies dein Wunsch ist?“, fragte sie ihn.
Der Fuchs griff in seine Jackentasche und holte etwas hervor.
„Ja“, antwortete er.
Die Füchsin hob die Pfote.
„So sei es“, sagte sie.
Dann wurde es wieder hell. Doch das Licht störte den Fuchs diesmal nicht. Die Füchsin verschwand darin und dann wurde es wieder dunkel in der Innenstadt.


Am nächsten Morgen, den Morgen des Heiligabends, fand die Filialleiterin des Kaufhauses den Fuchs leblos vor ihrem Laden. Sie rief natürlich sofort einen Krankenwagen, doch es war zu spät. Der Fuchs war über Nacht erfroren.
Als sie ihn wegbrachten, war kaum jemand in der Innenstadt. Nur ein paar Leute sahen es. Das einzige, was den Rettungskräften an dem Fuchs auffiel war, dass er lächelte und eine kleine Schatulle in der Pfote hielt. Später öffneten sie die Schatulle. Darin befand sich ein kleiner roter Edelstein in Herzform. In der oberen Innenseite der Schatulle stand: „Mein Herz soll für immer dir gehören. Ich liebe dich“.
Keiner bemerkte, dass der Fuchs gestorben war. Einige seiner Freunde fragten sich nur, was wohl aus ihm geworden war. Doch alle hatten ein schönes Weihnachtsfest. Besonders Puso und sein neuer Partner, die sich unterm Weihnachtsbaum verlobten.
Und genau in dem Moment, als sich Puso den Ring über den Finger stülpte, fing es wieder an zu schneien.
 

Rhys The Fur

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Eine sehr traurige aber auch schöne Geschichte (ka wie ich es sonst sagen soll^^*)
Vorallem zum Ende hin wurden die Augen feucht (ja bin manchmal sehr emotional)

Den Wunsch des Fuchses kann ich gut nachvollziehn da es mir vor ner Weile ähnlich ging (unerwiederte Liebe...)
 

Arco

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whoa....was für eine schöne Geschichte.....und dann so ein trauriges Ende :oops: *sniff*
 

Swift

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Nicht für jeden ist Weihnachten schön. Und die, an die niemand denkt, denken an andere. Das sind wohl die beiden Moralen dieser Geschichte ^.^
 

Latius Xeros

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Oh mein Gott, Swift. Du hast es echt dazu gebracht mich zum Weinen zu bringen...es ist eine sehr schöne Geschichte ob Fehler oder keine Fehler, die Geschichte widerspiegelt die Gefühle viele Leute hier. Weiter so, Füchschen!
 

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