Ein magischer Morgen

Fiete Langohr

Guest
Ich konnte letzte Woche schlecht schlafen, da mich Gedanken und zu viele Geräusche um mich herum plagten. Meine Cousine und ich waren zu Besuch bei meinen Eltern und daher hatte ich dieses Mal nicht wie sonst ein Schlafzimmer für mich allein, sondern musste es mir mit meinem Papa teilen. Seit 4:30 Uhr wälzte ich mich hin und her, bis ich mich knapp eine Stunde später dazu entschloss aufzustehen und laufen zu gehen.

Es war ein klarer Morgen und die Sonne stand noch in den Startlöchern. Witzigerweise begegnete mir nach 100m mein ehemaliger Latein-Nachhilfe-Schüler, den ich sicher 10 Jahre nicht mehr gesehen hatte. Er hatte wohl ganz gut in den Vatertag reingefeiert und war auf dem Heimweg. An ein paar Kleingartenpazellen und Vorstadthäusern vorbei schlug ich den Weg zum Öjendorfer Park ein.

Die Vogelwelt war um diese Uhrzeit bereits recht umtriebig. Ich konzentrierte mich weiterhin auf eine gleichmäßige Atmung. Mein letzter längerer Lauf lag schon ein ganzes Weilchen zurück und ich wollte es daher nicht gleich mit dem Tempo und der Distanz übertreiben. Umgeben von hohen Kiefern zeichnete sich im fahlen Morgenlicht die Miniaturbahngolfanlage ab, auf der ich schon so manche lockere Runde gespielt hatte. Kurz darauf kam der See in Sicht. Auf seiner Oberfläche waberte sanft eine Decke aus weißgrauem Nebel. Am Horizont kündigte sich bereits die Sonne an. Ich lief weiter. Der Weg zog sich gerade längs am Ufer des Sees entlang. Die Buchen und Birken schlugen durch die Wärme der letzten Tage nun endlich aus. Der April war bis dahin doch noch recht kalt gewesen. Zwischen den Baumwipfeln der größten der drei kleinen Seeinseln stieg allmählich aber stetig die orangegelbe Sonnenkugel empor. Ein anderer Jogger kam mir entgegen. Wir grüßten einander mit einem freundlichen Kopfnicken. Schon war er hinter mir verschwunden und ich war wieder allein. Nur die knirschenden Geräusche, die meine Schuhe auf dem planierten Sandweg verursachten, meine Atmung, die aus einem Einatmer und zwei kürzeren Ausatmern bestand, und das polyphone Meer aus zahlreichen Vogelstimmen waren zu hören.
Nach der Insel war der Blick auf den See wieder frei. Die Nebelschicht die über weiten Teilen der Wasseroberfläche schwebte, nahm durch die nun auf sie scheinende Sonne eine sehr sonderbare orange-bläuliche Färbung an. Einzelne Schilfhalme im Bereich der Vogelschutzzone lugten dazwischen hervor. Ich genoss diesen Anblick und freute mich darüber, dass ich mich aufgerafft hatte. Die kühle, frische Luft regte meinen Geist an und ich fühlte mich einfach gut, wie ich so leicht angeschwitzt in meinen schmuddeligen Gartenarbeitsklamotten so lief und die Schönheit der Natur einfach bewundern konnte.
Ich musste schmunzeln. Meine Eselsohren vernahmen den Ruf eines Kuckucks und ich dachte unweigerlich an das Kinderlied "Der Kuckuck und der Esel". Die einzelnen Strophen erklangen nach und nach in meinem Kopf, doch einige Erinnerungssplitter waren im Laufe des Heranwachsens abhanden gekommen, wodurch sich nun ein paar Textlücken auftaten.
Allmählich machten sich meine Oberschenkel bemerkbar, ich wusste, das war kein gutes Zeichen. Ich würde es übertrieben gehabt haben und am nächsten Tag einen ordentlichen Muskelkater haben. Wider besseren Wissens lief ich die Parkrunde zu Ende und ging ins gemütliche Schritttempo zum Ausklingen über. Auf den umzäunten Feldern vor dem Park wuchsen Erdbeeren, Spargel und Schnittblumen, teilweise zum späteren Selberpflücken.

Wieder zu Hause zurück trank ich nach und nach zwei Gläser Mineralwasser und lauschte den Klängen des Küchenradios, das erfreulicherweise nur Lieblingslieder um diese Zeit spielte. Eine plötzlich hereinkommende Verkehrsmeldung brachte mich dann auf die Idee für einen neuen Comicstrip meiner Traveldonkeys. Um sie zu behalten, schnappte ich mir ein paar der kleinen, quadratischen Notizzettel, die meine Mutter für ihre Einkaufslisten benutzte, und brachte die Idee zu Papier. Als ich damit fertig war, war es 7 Uhr. Ich ging nach oben und legte mich wieder hin. Mein Vater fragte mich, wo ich gewesen sei. Ich antwortete, dass ich laufen war. Worauf seine Antwort kurz und knapp war: "Red doch keinen Stuss, du spinnst."
 

Fiete Langohr

Guest
Silvana;bt1382 schrieb:
Das war bestimmt ein schöner Anblick^^
Das war es. Einerseits bedauerte ich es, nicht wenigstens eine Handykamera dabei gehabt zu haben, andererseits konnte ich so den Moment mehr genießen.
 

Pawly Tigris

Guest
Wirklich schön geschrieben Fiete! :3 Die Antwort Deines Vaters hat mich dann zuletzt auch noch richtig schmunzeln lassen. :lol:
 

Fiete Langohr

Guest
Pawly Tigris/Chupp;bt1384 schrieb:
Wirklich schön geschrieben Fiete! :3 Die Antwort Deines Vaters hat mich dann zuletzt auch noch richtig schmunzeln lassen. :lol:
Danke und ja, so ist Vaddern. Zu seinen Standardsprüchen gehört auch "Was ist das denn schon wieder für ein Scheiß?" und "Das ist doch alles Scheiße."
 

Pawly Tigris

Guest
Fiete Langohr;bt1385 schrieb:
Danke und ja, so ist Vaddern. Zu seinen Standardsprüchen gehört auch "Was ist das denn schon wieder für ein Scheiß?" und "Das ist doch alles Scheiße."
Das klingt ja sehr... erm "positiv" Gestimmt... ^^° Aber mein Dad ist auch Zyniker durch und durch..
 

Fiete Langohr

Guest
Pawly Tigris/Chupp;bt1386 schrieb:
Das klingt ja sehr... erm "positiv" Gestimmt... ^^° Aber mein Dad ist auch Zyniker durch und durch..
Ich find's lustig bei ihm, kann sehr darüber lachen und freue mich immer darauf, wenn ich mal auf ein Wochenende in der Heimat vorbei schaue.
 

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