Ein kolumnenartiger Bericht.

Opiumkatze

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Der Krankenhausbesuch.



Zur Vorgeschichte; Mein Großvater mütterlicherseits leidet an einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, COPD, und ich habe über diesen Besuch wohl einiges zu berichten. Aus meiner Sicht war die ganze Unternehmung zwar nett und eine solidarische Vorraussetzung, doch musste ich mit einigen merkwürdigen WTF-Augenblicken kämpfen. Bei der Ankunft am Krankenhaus leuchtete uns ein riesiges religiöses Motiv, das wohl Jesus und Maria darstellen sollte, von der Bildaufteilung her aber eher wie eine misslungene Abbildung der Dreifaltigkeit wirkte, in den futuristischen Lichtverhältnissen entgegen. Als Relikt aus vergangener Zeit, wo man noch öffentlich zugab, an blödsinnigen Orden wie der Kirche festzuhalten. Beim Eingang selber konnte ich zumindest keine Menschen sehen, die Gegend wirkte öd und ausgestorben. Wer hält sich schon freiwillig in der Nähe eines Krankenhauses auf? Nachdem ich die drei Stockwerke emporgerannt war und auf das Erscheinen meiner Begleitpersonen vor dem schäbigen Lift wartete, warf ich einen unabsichtlichen Blick in das Raucherzimmer, wo ein Mitte-80jähriger saß, mit einem an Rollen befestigten Ständer, an dem wohl eine Infusion und eine Sauerstoffflasche befestigt waren, und gemütlich seinen Aschenbecher mit halb fertig gerauchten Zigaretten füllte. Der dritte Stock war etwas belebter, eine grob geschätzt auf beiden Händen darstellbare Anzahl von Menschen war praktisch immer in Sichtreichweite, mein Vater ließ sich, wie es zu erwarten war, auf ein Gespräch mit einem Kollegen ein, was alles noch weiter verzögerte. Die sonstigen Mitarbeiter, seien es Schwestern oder Putzfrauen, wirkten eher genervt und gestresst. Die Zimmer waren unkonventionell durchnummeriert und so gelang es erst nach der Bewältigung einer kleinen Meinungsverschiedenheit, das 10er-Zimmer aufzuspüren. Mein Großvater saß auf seinem elektronisch regelbaren Bett, unter einem beweglichen Touchscreen-Flachbildschirm, neben einem weißen, mit einem Kabel, dick genug, um Schrottplatzmagneten zu befeuern, versehenen, wie ein Telephon aussehender Apparat, der auch für ein solches gehalten wurde. Während alle um des alten Herren Gesundheitszustand besorgt waren, ließ ich meine Gedanken schweifen und bildete mir eine Meinung über dieses Hospital. Wie um alles in der Welt sollten hier Patienten gesund werden? In einem erbärmlichen Zimmer, das außer Beige und Weiß keine Farben kannte, dessen einzig zusätzlich angebrachter Schmuck ein generisches Holzkreuz im hintersten Eck' ist. Die Vorhänge waren ekelhaft weiß, das Essen ungenießbar, der Schinken sah aus wie von einem leprakranken Kobe-Rind bezogen, die Karotten sahen kulinarisch ekelhafter aus als 1€-Brillianten für Kleinkinder. Anscheinend war das finanzielle Oberhaupt des Ladens eher damit beschäftigt, überteuerte Software für veraltete Rechner zu bezahlen, anstatt arbeitslosen Hippies wie mich einen Job als Maler anzubieten, als Maler, der die Räume dieser Anstalt bunt ausmalt, um den Patienten ihr elend-kastriertes Restleben erträglicher zu machen. Eine Kopie eines Bildes von Van Gogh, Salvador Dali oder von mir aus auch Bob Ross, hätte in keinem Fall geschadet. Es roch nach einer Mischung aus Desinfektionsmittel und Scheiße, und mein Großvater lag da so, sterbend, nach „Angst-Tabletten“, die wohl irgendwelche Opiate sein sollen, fragend, sichtlich an Demenz erkrankend. Wie um alles in der Welt sollte ein Patient in einer Umgebung gesund werden, in der auf LSD total durchdrehen würde? Großmütterchen umschwärmte ihn und tat alles, sofern er auch nur den leisesten Finger zuckte. Meine Mutter versank etwas in Trauer, hielt sich allerdings ganz gut, zumal es, wie mir scheint, eines ihrer oberen Gebote zu sein, an ihren Geburtstagen möglichst erträglich zu sein, mein Vater saß apathisch daneben, wies Kommunikationsversuche von mir ab und antwortete immer nur auf medizinische Fragen in dem gleichen abgedroschenen, sarkastisch-humoristischen Tonfall, bei dem man nie wusste, ob seine Aussagen ernstzunehmen waren. Hauptsächlich aber stritten sich meine Mutter und ihre Eltern um besagten Apparat, der wohl irgendeine Chip-Karte benötigte, um voll funktionsfähig zu sein. Selbstverständlich wurde ich, der mit den jüngsten Beinen, gesandt, um einen Arzt oder zumindest einen Bediensteten aufzutreiben, um eben so eine Chip-Karte aufzustellen. Ich verließ das Zimmer, ging gechillt den Gang runter, machte monologe Bemerkungen darüber, dass die einzigen Farben von Werbungen und Reklametafeln ausgestrahlt wurden. Dort wartend würdigte ich die anderen Menschen keiner speziellen Blicke, ich starrte leer in den Raum hinein, drehte meinen Kopf willkürlich in irgendwelche Richtungen, um eine Muskelstarre zu vermeiden. Wahrscheinlich haben sie diese Blicke als verachtend interpretiert – mir soll es egal sein. Es ist ja nicht strafbar, 85jährige, kastrierte Patienten böse anzustarren. Kein Mensch hatte Zeit für mich und mein Anliegen, ich betrachtete noch den etwas sonderbar gestalteten Auskunftsschalter, der komplett mit einer Glasscheibe verschlossen war. Zurücktrabend beobachtete ich noch die Leiden der anderen Menschen und stelle mir die Frage, was an der Idee, in den letzten lebenden Tagen vielleicht etwas Heroin oder LSD zu probieren, so unmoralisch, verwerflich oder bösartig sein soll. Ein bisschen Hedonismus am Ende des Lebens kann vermutlich Wunder in der launischen Verfassung der Patienten bewirken und ebenso die Lebensqualität steigern. An die Folgen eines langzeitlichen Heroinkonsums ist nicht zu denken, bei einer chronischen Psychose ist es auch schon egal – Auch im Alter von 80+ sollten Menschen das Recht haben, sich auf unchristliche Art zu amüsieren. Zumindest ich würde wollen, nicht in einem solchen Krankenhaus zu sterben, in der die primäre Empfindung besagter Geruch oder die sich metallisch und kalt anfühlende Bettpfanne ist, ich würde wollen, die letzten Tage oder Momente im Vollrausch in der Gartenhütte zu verbringen, die letzten Wochen vielleicht in Valun oder einem ähnlich subjektiv wunderbaren Ort. Es ist vielleicht erstrebenswert, wie ein Mann zu sterben, vorher noch gewisse Dinge zu erledigen, und nicht apathisch und von einem Benzodiazepamrausch runterkommend in einem ekelhaft weißen, elektronischen Bett, vollgeschwafelt von Familienmitgliedern, die für jede weitere Sekunde an Lebenserwartung alles tun würden, genervt von ewigen Blubbergeräuschen aus Sauerstoffbefeuchtern, langsam zu verfaulen und sich wertlos zu fühlen. Dann lächelt einen noch das Holzkreuz an und erinnert einen an zum Beispiel die ganze weihnachtliche Heuchlerei, daran, wie alle Jesus falsch verstehen (Falsch und richtig gibt es bei Glaubensrichtungen, wo freie Interpretation zählt, natürlich nicht. Aber ich gebe eher denen Recht, die zumindest andere Interpretationen kennen und sich in stiller, abseilender Stunde den Schädel zerbröselt haben.) oder bringt einem in irgendeinem Vollrausch total um das Bewusstsein, wenn es halt einfach so die Aufmerksamkeit erregt, weil es die einzige ansatzweise als mathematische Spielerei betrachtete Instanz in diesem kargen Zimmer ist. – Wir gingen. Spontan und einfach so. Ich drückte dem alten Herren meine Genesungswünsche aus, als Einziger, und deshalb überrascht, und wir entfernten uns. Auf dem Heimweg verbrachte ich meine Zeit noch damit, mich über Staubsauger zu ärgern. So eine Höllenmaschine befand sich zu diesem Zeitpunkt im Kofferraum, und wartete darauf, daheim in Betrieb genommen zu werden, nur um anschließend mitsamt Millionen anderer Staubsauger auf einem zufällig ausgewählten Schrottplatz in Uganda zu verfaulen. Für vier Staubsaugerbeutel bezahlt man übrigens 10€, aber das Spielchen mit der geplanten Obsoleszenz kennen wir schon zum Himmel und wieder zurück. Ich kam heim, soff' ein Glas Portwein, rauchte einen Joint und begann, diese Zeilen zu schreiben ...
 

Todai

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Joa Rechtschreibung und Grammatik an einigen Stellen mal verrutscht, aber das fällt fast nicht auf.

Vom Inhalt her halt ich ma die Fresse, da du gut schreibst. In Noten würd' ich 1 sagen :D
 

Grivies

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Schließe mich dem obigen Kommentar klang- und sang los an. Einfach klasse geschrieben, mir gefiel es sehr gut. Nachdem ich nie wirklich Kolumnen schreibe kann ich auch nicht sagen ob nicht Absatz-setzen von Vorteil gewesen wäre.
Die wenigen Rechtschreibfehler fallen nicht auf, alles in allem 1A :3.
 

Opiumkatze

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Habt herzlichen Dank :D

Ja, ich hab das so in's Netz geschmissen, wie es ist, ohne weitere Durchsicht. Freut mich, wenn mein Schreibstil ankommt, auch wenn er von Zynismus geprägt ist und in vielen Leuten vermutlich ein "HALT DIE FRESSE!" aufkommen lässt :D
 

JohnnyBlack

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Also ich lese ja nicht gerade oft oder gern, aber das hat mich grad begeistert und eine Leselust in mir entfacht. Naja, zumindest eine Leselust an Geschichten von dir. Macht auch viel mehr SPaß als diesen Ganzen Harrald Stotter Kram oder was auch immer zu lesen.
 

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