Ein Esel fiebert mit den Störchen (2)

Fiete Langohr

Guest
Das Spiel und auch alle Stadionbesucher gehen in die Halbzeit. Ich hole mir einen Kaffee gegen die Kälte. Es hatte einmal während des Spiels kurz angefangen zu regnen, aber die Wolken zogen rasch weiter. Wenigstens das Wetter spielt heute mit, sinniere ich so, während ich am Imbissstand warte. Ich halte den Becher mit dem Heißgetränke in meinen Händen und spüre nach einigen Schlucken, wie die Wärme über die Hände und den Rachen in meinen Körper dringt. An die Stelle, wo ich vorher das Spiel verfolgt habe, zurückgekehrt höre ich, wie ein Mann über die Kieler Mannschaft lästert. Wie schlecht doch der Trainer sei und dass den Spielern überhaupt nichts einfalle. Ich kann mit diesen Äußerungen nicht viel anfangen. Der Trainer hat die Mannschaft gut durch die Hinrunde gebracht. Sicher tut sich Kiel im Angriff meist etwas schwerer, dafür ist die Defensive ein wahres Prunkstück der Mannschaft. Ich komme jedenfalls in erster Linie nicht zum Meckern über das eigene Team ins Stadion. Anstatt mich auf ein hoffnungslos emotional-tendenziös geprägtes Gespräch mit diesem Fan einzulassen, amüsiere ich mich viel mehr innerlich über seine ihn begleitende Tochter, die eine THW Kiel Bommelmütze trägt.

Die Protagonisten kehren zurück auf den Rasen und die zweite Halbzeit wird angepfiffen. Kiel hat sich ganz klar etwas für die zweite Halbzeit vorgenommen und will einen versöhnlichen Jahresabschluss vor heimischer Kulisse erzielen. Doch das Bollwerk des BVB hält dieser Drangphase stand und schafft es sich mit kleinen Verletzungsunterbrechungen Luft zu verschaffen und den Rhythmus der Störche zu unterbrechen. Die sich ergebenen Standardsituationen scheinen nun das Mittel der Wahl zu werden. Leider finden die getretenen Bälle nicht die Mitspieler und so geht auch davon keine Gefahr aus. Bei zunehmender Spieldauer werde ich unruhiger und ungeduldiger. Die Entscheidungen der Schiedsrichter scheinen mir nicht immer berechtigt und die ausgedehnten Wechselpausen der Gästespieler nagen weiter an meinem Nervenkostüm. Es kommt, wie es kommen muss. Ein in der Vorwärtsbewegung schlampig gespielter Pass wird von den Dortmundern abgefangen, die den Ball postwendend in Richtung Kiel tragen und mit Leichtigkeit den Konter mit dem 0:2 abschließen. Meine Stimmung ist auf dem Nullpunkt, ich wende mich ab, weil ich kein Vergnügen daran finden kann, wie sich die schwarz-gelben Spieler vor mir auf dem Feld abfeiern. Aus dem Block der Ultras ertönen "Holstein Kiel" und "Holstein - kämpfen und siegen" Sprechchöre, die mich wieder aufrichten und mit einstimmen lassen. Die Mannschaft braucht jetzt mehr denn je die Unterstützung von den Rängen. Doch das Kieler Publikum ist größtenteils sehr verhalten und kritisch. Die ersten verlassen das Stadion, haben resigniert und haben keine Hoffnung auf eine Spielwende. Ich bleibe und fiebere weiter mit. Und die Kieler Störche bemühen sich dafür nach Kräften noch einmal alles in die Waagschale zu werfen. Kurz darauf landet ein Kopfball nach einer Ecke am Querbalken. Glück für die Dortmunder, die sich fortan nur noch auf die Defensivarbeit beschränken. Mein besonderer Freund mit seiner Halbzeitkritik bricht nun verärgert auf, natürlich nicht ohne es den ganzen Block lautstark wissen zu lassen. Was bin ich froh, dass der weg ist. Mir bleiben einzig noch ein paar erfolglose Freistöße und abgewehrte Flanken zu verfolgen. Dann pfeift der Schiedsrichter das Spiel ab. Schlagartig leert sich das Stadion und die Zuschauermassen strömen zu den Ausgängen. Ich verharre noch ein Weilchen, spende den Spielern, die sich für die Unterstützung bedanken, ein wenig Applaus und trete dann auch meinen Heimweg an. Dortmund hat sich heute einfach cleverer angestellt und seine Chancen gnadenlos genutzt. Das muss ich anerkennen. Da nützt es wenig den vertanen und schlecht ausgespielten Möglichkeiten hinterherzutrauern.

Heute hat meine Mannschaft verloren, ein anderes Mal gewinnt sie oder spielt unentschieden. Ich leide, freue, zittere, hoffe, ärgere, fiebere und fühle einfach mit im Stadion. Die Saison ist noch lang und die nächste kommt bestimmt.

Anhang anzeigen 26890Anhang anzeigen 26891
 

Similar threads

Oben