Ein Esel fiebert mit den Störchen (1)

Fiete Langohr

Guest
[Allmählich finde ich Gefallen an diesem Format des Blogs.]

Samstagmittag, ein klarer Dezembermorgen hat die Temperaturen fallen lassen. Ich entscheide mich für eine weitere Schicht Kleidung. Über den wärmenden und isolierenden Fleece-Pulli dann das Trikot, das jedem Kieler klarmacht, was ich heute vorhabe. Ich trete vor die Haustür und sattel meinen giftgrünen Drahtesel. Auf dem Weg nicken mir Passanten freundlich zu. Ich lächle und nicke zum Gruße zurück. Vor mir kommen allmählich die stählernen Flutlichtmasten meines Ziels in Sicht. Nach und nach überhole ich immer mehr Leute, die es in die gleiche Richtung zieht. Das letzte Stück steige ich ab und schiebe. Mit zwei Rentnern, einem Vater mit seinem Sohn und vier Arbeitskollegen warte ich an einer Ampel. Es ist die letzte Straße, die uns noch vom Holsteinstadion trennt. Wir gehen rüber und ich steuer mein Klapprad zu einem der Anlehnbügel, um es anzuschließen. Die markante Farbe wird es mir später erleichtern mein treues Zweirad wiederzufinden.

Vor den Ticketcontainern herrscht noch bescheidener Andrang. Mein Stammblock in dem ich meist die Spiele verfolge ist nicht überdacht. Kurz bevor ich losgefahren bin, hatte es noch einen leichten Schauer gegeben. Ein Blick in den Himmel zeigt sowohl tiefgraue Wolkenbänder als auch einige klare Stellen, wo es blau durchbricht. Ich zocke und kaufe mir eine Karte für meinen Block. Hinterm Tor mag ich nicht so gerne stehen, weil mich das Maschengeflecht der Tribünennetze auf die Sicht des Spielgeschehens dann doch mehr als möglicherweise etwas Regen von oben stören.

Ich passiere die Einlasskontrollen und nehme mir ein Stadionheft. Bis zum Anstoß in einer halben Stunde kann ich mir damit gut die Zeit vertreiben. Ich lese einen kleinen Jahresrückblick des Vereins und ein Kurzportraits des heutigen Gegners, der U23 des BVB aus Dortmund. Die KSV Holstein hat eine Serie von elf Spielen in denen sie nicht verloren hat. Die letzten 4 Heimspiele wurden sogar allesamt gewonnen. Die Störche stellen die stärkste Abwehr der Liga, die Dortmunder haben auswärts den schwächsten Sturm jeweils mit den wenigsten Toren. The trend is your friend, und so deutet alles auf einen entspannten Fußballnachmittag hin. Langsam füllt sich der Block. Der Stadionreporter hat sich jeweils ein Kind der Einlaufmannschaften als Gesprächspartner ran geholt. Über die Lautsprecher und die Videowand ist das ganze Stadion dabei. Gian-Luca und Henning-Pascal werden erst gefragt auf welcher Position sie spielen und dann wie viele Tore sie in der Saison schon geschossen haben. Derweil denke ich mir, dass die Tendenz offenbar zu Doppelnamen bei der Namensgebung des Nachwuchses geht. Abschließend werden die beiden Jungs nach ihrem Tipp fürs Spiel gefragt. Ein schüchternes 5:0 und überzeugtes 6:0 hallt es durchs Stadion. Ich muss schmunzeln, obwohl ich natürlich nichts gegen ein solches Torspektakel einzuwenden hätte. Dann ertönt die Einlaufmusik. Es ist das Intro des Rockklassikers 'Entre dos tierras' der spanischen Band Heroes del Silencio, das in einer Endlosschleife läuft solange die beiden Mannschaften noch im Einlauftunnel verharren. Zwischen zwei Welten, das beschreibt das Aufeinandertreffen zweier Fußballmannschaften ganz gut, kommt es mir in den Sinn. Das anfängliche Klatschen ebbt allgemein wieder ab, weil die Spieler noch etwas auf sich warten lassen. In meine Fingern hat sich mittlerweile jedoch die Kälte geschlichen, also klatsche ich munter weiter, in der Hoffnung doch noch jemanden in meiner näheren Umgebung anstecken zu können. Vergebens! Erst als das Lied aus der Introschleife in den Anfang der Hauptmelodie übergeht und damit eindeutig signalisiert wird, dass die Spieler nun tatsächlich das Grün betreten, erhalte ich wieder Unterstützung und ein tosender Applaus bricht los.

Die Mannschaftskapitäne treffen sich mit den Schiedsrichtern, schütteln Hände und tauschen Vereinswimpel. Kiel verliert die Seitenwahl und muss, so will es der Kapitän der Gäste, auf der ungeliebten Seite beginnen. Ich gebe auf derlei Gewohnheiten nicht viel, sollten die Spieler doch Profis genug sein derlei psychologischen Feinheiten ausblenden zu können. Der Schiedsrichter pfeift an und der Ball kommt ins Rollen. Beide Mannschaften tasten sich ab. Früh zeichnet sich ab, dass Dortmund die Kieler das Spiel machen lässt, die eigenen Räume eng macht und auf Fehler im Spielaufbau des Gegners lauert. Ein legitimes Mittel, zu dem die Störche selbst nur allzu gerne greifen, um ihre Gegner zu zermürben. Jede gelungene Kombination und jeden auch noch so klägliche Abschluss quittiere ich mit einem kurzen Beifall. Weiter so! Bei gewonnenen Zweikämpfen, die den Weg in die Spitze frei machen, gehe ich entsprechend mit, schaue gebannt auf das Geschehen. Der Spieler vertändelt das Tempo. Die Abwehrspieler positionieren sich erneut und der Weg zum Tor ist erst einmal wieder zu. Mitspieler rücken nicht nach und so muss der Spieler erst einmal wieder zurückspielen, Chance vertan. Das Spiel findet größtenteils im Mittelfeld statt und wird durch kleinere Fouls in stetiger Regelmäßigkeit unterbrochen. Kiel spielt nicht härter als die Gäste, doch die Dortmunder bleiben deutlich länger auf dem kaltnassen Rasen liegen als ihre Kieler Kollegen. Das unterbricht den Spielfluss und zermürbt den Gegner. "Hubschrauber", brüllt einer sichtlich genervt mehrmals aus dem Nachbarblock, als der Schiedsrichter den Physiotherapeuten andeutet zur Behandlung des gefoulten Spielers aufs Feld zu kommen. Kurz darauf steht der Spieler auf und macht ein paar Bewegungen, als wäre überhaupt nichts gewesen, wodurch er sich einige Pfiffe einhandelt. Dortmund ist ganz klar nicht angetreten um Geschenke zu verteilen, sondern mindestens einen Punkt aus Kiel mitzunehmen. Dafür kämpfen sie mit allen Raffinessen, die das Spiel zu bieten hat. Die erste Halbzeit ist gut fortgeschritten und Kiel hat sich immer weiter an das Dortmunder Tor herangearbeitet. In dieser Drangphase unternehmen die Dortmunder einen Entlastungsangriff. Der quirlige und technisch beschlagene 7er der Dortmunder fasst sich ein Herz und hält einfach mal aus 20m auf das Tor. Von meinem Platz aus kann ich aus der Ferne mit Unbehagen die Flugbahn des Balles absehen und tatsächlich schlägt der Ball oben im linken Winkel des Kieler Tores ein. Der Torwart ist chancenlos und kann den Ball nicht mehr mit seinem Hechtsprung erreichen. Das Stadion verstummt größtenteils. Einzig die Spieler in schwarz-gelb und die paar hundert Fans im Gästeblock liegen sich in den Armen und freuen sich über den Treffer. "Die schießen einmal aufs Tor und schon ist der drin", sage ich fassungslos zu meinem Nachbarn. Der winkt nur frustriert ab. Der Stadionsprecher gibt den neuen Spielstand sachlich durch. Spieler und Fans der Kieler hat dieses Tor offensichtlich eiskalt erwischt. Ich will das nicht hinnehmen, klatsche weiter Beifall und rufe Anfeuerungsparolen Richtung Spielfeld.

(Fortsetzung im zweiten Teil)
 

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