Die Hauer der Macht

Fiete Langohr

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Aus meiner Aktion "Fiete schreibt dir eine Geschichte for free" ist die folgende Kurzgeschichte entstanden. Sie ist etwas umfangreicher, weshalb ich ihr einen eigenen Thread widmen möchte.
Die Geschichte ist fertig, umfasst 6 Kapitel und Malice, für die ich die Geschichte geschrieben habe, hat ihr ok zur Veröffentlichung gegeben. Ich werde die Kapitel nach und nach posten (1/Tag), damit sich keiner erschlagen fühlt alles auf einmal lesen zu müssen.
Ich wünsche viel Vergnügen beim Lesen!

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Fiete Langohr

Die Hauer der Macht
eine fantastische Kurzgeschichte

Vorwort und Danksagung


Diese Geschichte entstand im Rahmen eines Aufrufs von mir sich eine Geschichte zu seiner Fursona zu wünschen. Ich bat um eine kleine Charakterbeschreibung und der Nennung von drei Begriffen, die auftauchen sollten. Zusätzliche Angaben und Wünsche durften außerdem genannt werden.


Malice beschrieb mir ihre Fursona und nannte mir die Begriffe Löffel, Schamane und Schnecke. Sie hat sich eine Geschichte in einer fremden Welt gewünscht, wo eine Aufgabe auf sie wartet und Stämme oder Clans leben. Um in diese Welt zu gelangen, schlug sie eine spirituelle Reise oder einen Traum vor.




Ich danke Malice für ihre Anregungen und ihren Rat bei der folgenden Geschichte und hoffe, dass sie vielen Freude bereitet.





1



Christine zog Malice weiter an ihrer Hand, die immer noch ihre Zweifel hatte, ob sie das wirklich machen sollte.



Von ihrer Freundin war Malice ja schon so einiges gewohnt und wusste, dass sie ein Faible für Esoterik hat. Sie selbst hatte das immer ein wenig belächelt. Doch Christine war für sie da, als sich ihr langjähriger Freund Marc von ihr getrennt hatte. Darum konnte Malice auch ihr Angebot zu einer Traumreise bei ihrer geistigen Lehrerin nicht ablehnen. Zumindest wollte sie der ganzen Sache eine Chance geben.
Sie waren eine gute Stunde aus der Stadt aufs Land gefahren. Zuletzt ging es von einem verschlafenen Bauerndorf einen Feldweg entlang. Gedankenverloren ließ Malice die Umgebung an ihren Augen vorbeiziehen. Christine brachte den Wagen vor einer Buchenhecke zum Stehen. Die beiden Frauen stiegen aus. In der Hecke vor ihnen war ein Durchgang mit einem Briefkasten eingelassen.
„Hier wohnt also deine Amodia-Kimama?“
„Ja, warte nur bis du ihr Anwesen gesehen hast.“
Christine stieß die Pforte auf und ging Malice' Hand ergreifend vorweg.


Einen Kieselweg eine leichte Anhöhe folgend schritten sie durch einen malerisch angelegten Garten auf ein verträumtes Landhaus zu. Altes Fachwerk, ein mit Reet gedecktes Dach und klassische Holzfensterläden ließen Malice glauben in einer längst vergangenen Zeit angekommen zu sein. Hinzukamen die vielen liebevollen Details, wie eine alte mit Geranien bepflanzte Zinnwanne, alte von Efeuranken umwachsende Eichenbäume und überall verschiedene Skulpturen und Figuren von Tieren in allen Größen.
„Amodia“, rief Christine, als sie die unverschlossene Tür des Hauses öffnete, „wir sind da. Wo steckst du?“
„Christine“, ertönte eine sanft melodische Stimme aus dem Inneren des Hauses und kurz darauf stand vor den beiden Ankömmlingen eine in einen orangenen Sari gekleidete Frau, die sie mit einem warmen Lächeln und ausgebreiteten Armen herzlich begrüßte. Eine weiße Katze folgte ihr zum Gruße der Fremden mautzend.
„Wen hat Christine mir denn heute mitgebracht?“
„Ich bin Malice, Christines Freundin.“
Die weiße Katze beschnupperte sie unterdessen neugierig und streifte verschmust um ihre Beine, was ihr nichts ausmachte, da sie bei ihren Eltern mit mehreren Katzen aufgewachsen war.
„Malice, schön dass du hier bist. Percy scheint dich bereits in sein Herz geschlossen zu haben. Ich habe bei unserer Umarmung eine leichte Zurückhaltung gespürt. Das ist in Ordnung. Ich denke wir sollten uns erst einmal ein wenig kennenlernen und uns lockern. Ich habe gerade ein Mango-Chutney und etwas Reis auf dem Herd. Wenn ihr mögt, essen wir erst einmal eine Kleinigkeit. Legt ab und fühlt euch wie zu Hause!“
Während Christine und Malice ihre Jacken aufhingen und ihre Schuhe auszogen, verschwand Amodia-Kimama in der Küche, aus der nun auch ein herrlicher Duft und das Klappern von Tellern und Besteck auf den Flur drangen. Der Einladung folgend betraten die beiden nun die Wohnküche. Der Tisch war bereits gedeckt und ihre Gastgeberin nahm gerade den Topf mit dem Chutney vom alten Küchenofen, der den ganzen Raum wohlig wärmte.
Während des Essens erzählte Amodia-Kimama erst einmal von sich: von ihrem Leben als Spitzenmanagerin bei einer Bank, wie sie einen seelischen Zusammenbruch erleben musste und dadurch zu sich gefunden hatte und eben zu Amodia-Kimama wurde. Die Reisen zu einem Guru nach Indien und das Leben bei einem Stamm der Navarro-Indianer in der Wüste Nevadas, das alles machte großen Eindruck auf Malice, besonders da sie sah, wie ausgeglichen und in sich ruhend die vor ihr sitzende Frau wirkte.
„Ich denke, du bist jetzt bereit für deine Traumreise. Ich schlage vor, Christine zeigt dir ein wenig noch meine kleine Oase draußen, während ich alles vorbereite. Ich rufe euch dann, wenn ich soweit bin. Genießt einfach die Natur und versucht ein wenig euren Geist in Einklang mit eurer Umgebung zu bringen!“, bei den letzten Worte lächelte sie die beiden freundlich an, erhob sich und fing an den Tisch abzudecken.


„Was denkst du?“ fragte Christine, als sie einem kleinen Bachlauf folgend barfüßig auf einer Wiese spazieren gingen.
„Deine Amodia ist wirklich eine faszinierende Frau. Sie wirkt so souverän und überzeugt in allem, was sie tut. Ich war offen gestanden nur dir zuliebe hergekommen, aber jetzt bin ich ehrlich gespannt, was gleich passiert.“
„Das kannst du auch sein. Amodia ist sehr behutsam und wird dich sorgsam auf alles vorbereiten. Vertraue ihr einfach. Sie weiß genau, was sie tut.“
„Das Gefühl habe ich auch. Danke, dass du mich zu ihr gebracht hast“, legte Malice ihre Arme um ihre Freundin und drückte sie fest an sich.
Ein ertönender Gong durchbrach diesen Moment. „Das wird Amodia gewesen sein, die uns ein Zeichen gegeben hat, dass wir kommen sollen“, sagte Christine.


Wieder am Haus angekommen, leckte Percy sich gerade die Vorderpfote am Eingang und folgte den beiden Frauen ins Haus. Amodia-Kimama wartete dort auf sie. Sie nahm Malice an der Hand und führte sie in einen dunklen Raum, der nur schwach von ein paar Kerzen beleuchtet wurde. Räucherstäbchen verströmten einen würzig-rauchigen Geruch. Von der Decke hing eine Art rundes Bett, das an einem Haken von mehreren Seilen gehalten über dem Boden hing. Amodia bat Malice sich auf das Bett zu legen und Christine neben ihr auf dem Boden Platz zu nehmen. Das Bett schwang ein wenig hin und her und Malice war überrascht, wie angenehm sie doch darin lag.
„Liebe Malice“, richtete Amodia nun fast schon feierlich das Wort an sie, „wie fühlst du dich jetzt?“
„Ich, äh, fühle mich so weit ganz gut, ein wenig aufgeregt vielleicht.“
„Hervorragend, sei ganz unbesorgt! Was vor dir liegt, ist eine wundervolle Reise. Du wirst Dinge sehen, die tief in deiner Seele schon seit je her schlummern. Ich werde dir nun helfen sie bewusst wahrzunehmen. Bist du bereit dazu?“
„Ja, ich denke schon.“
Amodia-Kimama füllte eine unscheinbare Masse aus einem Tiegel vor ihr auf einem etwas größeren, silbernen Esslöffel, erhitzte das Ganze ein wenig unter einer Kerze und reichte es an Malice, „dann trete jetzt deine Reise an! Wir wachen solange über dich.“

Der Geruch, der von dieser seltsamen flüssig gewordenen Paste ausging, war sonderbar und Malice, die in ihrem Leben noch nicht einmal Gras probiert hatte, war nun doch etwas skeptisch, aber ihre Freundin zwinkerte ihr aufmunternd zu. Also ließ sie ihre letzten Zweifel hinter sich, nahm den Löffel in den Mund und schluckte dessen Inhalt hinunter, der überraschenderweise nach nichts schmeckte. Was dann passierte, war jedoch schier unglaublich. Malice sank sofort auf ihr Lager und spürte gerade noch, wie Amodia das Bett leicht anstieß und es sich leicht zu drehen begann. Ihr wurde schwarz vor Augen und sie hatte das Gefühl, als würde sie ins Bodenlose fallen. Nach einiger Zeit gewöhnte sie sich daran und begann es als angenehm zu empfinden. Ihr Körper fühlte sich angenehm warm und wie in Watte gehüllt an. Sie begann tief und fest zu schlafen.
 
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Fiete Langohr

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Als sie die Augen wieder öffnete, fand sie sich auf einer phantastischen Waldlichtung mit ihr völlig unbekannten Pflanzen wieder. Vor ihr saß eine große, weiße Katze, die sich gerade ihre Pfote leckte. „Wie ich sehe, bist du endlich wach, Schlafmütze“, sprach eine sonore Männerstimme zu ihr.
„Woher kam diese Stimme?“, fragte sich Malice, „das war doch nicht etwa der Kater vor mir?“
„Wer denn sonst oder siehst du hier sonst noch jemanden?“
„Aber wie ist das möglich? Wieso kann ich verstehen, was du sagst?“, wollte Malice sichtlich irritiert wissen.
„Hihi, vielleicht solltest du dich besser mal selbst ansehen. Dann würdest du dich sicher weniger darüber wundern, warum wir miteinander sprechen können.“
Daraufhin begann Malice an sich herab zu sehen und konnte ihren eigenen Augen nicht trauen. Statt menschlicher Haut war sie am ganzen Körper dicht befellt. Ihre Hände und Füße waren zu Pfoten geworden und beim Versuch aufzustehen, fand sie sich auf allen Vieren wieder. Ein Schwanz als Verlängerung ihrer Wirbelsäule schwang hinter ihr aufgeregt hin und her. In einer Pfütze vor ihr konnte sie ihr Gesicht erkennen und dieser Anblick bestätigte alle bisherigen Anzeichen. Sie war eine Katze. Ihr Fell war nachtblau mit weiß gezeichnet. Das rosa Näschen war von prächtigen Schnurrhaaren umrahmt. Ihre jeweils zwei Narben von ihrem Motorradunfall vor fünf Jahren zeichneten sich an ihren beiden Flanken klar im Fell ab. Ihre vier Pfoten begannen zittrig zu werden, Schwindel stieg in ihrem Kopf hoch, bis ihr ein weiteres Mal schwarz vor Augen wurde und sie übermannt von der Situation zur Seite fiel.


Etwas strich sanft ziehend an ihrer Wange entlang und etwas rüttelte behutsam an ihrer Schulter. Sie hörte ihren Namen an ihr Ohr dringen: „Malice..., Malice...“
Es war wieder diese Männerstimme und ihre nun langsam aufgehenden Augenlider gaben erneut den Blick auf den großen, weißen Kater frei.
„Das..., das..., das kann doch alles nicht wahr sein“, stammelte sie vor sich hin.
„Malice, beruhige dich etwas und setze dich erst einmal!“
Mit einer kleinen Drehung ihres Körpers saß Malice plötzlich auf ihren vier eingeknickten Beinen, schaute über diese Haltung etwas verwundert an sich herunter und dann wieder zum Kater.
„Ich verstehe aber immer noch nicht, wie das alles möglich ist und warum ich eine Katze bin?“
„Wirklich? Hat Amodia dir nicht gesagt, dass du eine Reise zum Innersten deiner Seele antrittst?“
„Ja schon, aber was bedeutet das?“
„Du scheinst wirklich etwas schwer von Begriff zu sein. Hast du dich nie gefragt, warum du so gut mit Katzen kannst und sich Katzen in deiner Nähe wohl fühlen?“
„Äh, nicht wirklich. Ich meine, meine Eltern hatten seit jeher Katzen, und ich dachte einfach, dass ich es einfach gewohnt bin mit Katzen zu leben.“
„Die Wahrheit ist, du bist selbst eine Katze. Sie ist dein Seelentier und deshalb nimmst du an diesem Ort auch dessen Gestalt an.“
„Das ist ja unglaublich, was du mir da erzählst. Aber sag, wie heißt du überhaupt?“
„Du kannst mich Percy nennen. Das ist am einfachsten.“
„Dann bist du die Katze, die bei Amodia lebt?“
„Das stimmt nicht ganz. Zumindest gebe ich mich in dieser Gestalt in deiner Welt so zu erkennen. Mein wahres Aussehen ist ein anderes, aber das tut nichts zur Sache. Es ist Zeit, dass ich dir erkläre, was dich hier erwartet. Dein Aufenthalt ist nämlich nicht ganz ungefährlich und soll nur von begrenzter Dauer sein.“ Percy machte eine kurze Pause und blickte Malice ernst an. „Dich erwartet eine Aufgabe in dieser Welt und du musst Muraco, die große Schnecke, finden. Er ist ein Schamane und der einzige, der deinen Astralleib wieder zurück zu deinem materiellen Körper schicken kann. Schaffst du es nicht, bevor du hier einschläfst, stirbt dein Körper in deiner Welt und du kannst nicht mehr zurückkehren.“
„Bitte was?“, entsetzt starrte sie den Kater mit weit aufgerissenen Augen an, „aber woher weiß ich denn bitte, welche Aufgabe ich zu lösen habe und wo ich diesen Muraco finde?“ Erneute Panik stieg in Malice auf. Von einer Reise ohne Wiederkehr hatten weder Christine noch diese Amodia etwas erwähnt und nun musste sie in Katzengestalt in einer Traumwelt um ihr wahres Leben in der Realität fürchten. Hatte Amodia nicht von einer wundervollen Reise gesprochen? Und nun entwickelte sich das alles gerade in einen furchtbaren Alptraum.
„Sei ganz unbesorgt, Malice. Was ich dir eben sagte, sollte nur als Warnung dienen, damit du dich besser auf deine Aufgabe konzentrierst und nicht ziellos umherirrst. Ich bin überzeugt, dass du deinen Weg schon finden wirst. Lass dich einfach von deinem Herzen leiten und gebrauche deinen Verstand.“ Der weiße Kater gab ihr einen aufmunternden Katzenkuss und löste sich urplötzlich in Luft auf. Malice stand nun völlig alleine auf der Lichtung und sah sich verunsichert um. „Der ist gut. Ich soll unbesorgt sein, wenn ich womöglich auf ewig in dieser Welt als Katze festhängen sollte, und dann verschwindet der mir nichts dir nichts einfach so“, dachte Malice, „und was mache ich jetzt? Ich weiß ja nicht einmal in welche Richtung ich gehen sollte, um diese Aufgabe zu erledigen, geschweige denn um diesen ominösen Schnecken-Schamanen zu finden.“
Allerdings war alles besser, als hier darauf zu warten, dass sie müde werden würde. Also machte Malice ihre ersten Tapse als Katze. Ihr Körper fühlte sich sehr geschmeidig und leichtfüßig an. Mit ihren Augen und Ohren nahm sie ihre Umgebung wesentlich deutlicher wahr. Obwohl diese vielen neuen Eindrücke sie normalerweise überwältigen müssten, begeisterten sie sie zugleich.


Ein sich näherndes Rascheln riss sie aus ihren Gedanken. Aus dem Unterholz vor ihr brach etwas heraus und sackte völlig entkräftet vor ihr zusammen. Malice beäugte das abgekämpfte, rot getigerte Fellknäuel besorgt, das ein kleines, blaues Halstuch trug. Ein zweites herankommendes Geräusch ließ sie alarmiert aufhorchen. Instinktiv packte sie das fellige Etwas mit ihrem Maul am Nacken, haute ihre Krallen in die Rinde des nächstbesten Baumes und kletterte geschwind in sichere Höhe auf einen Ast. Im Schutze der Blätter spähte sie herab, um einen Blick auf das werfen zu können, was da wohl hinter diesem kleinen Kameraden her sein mochte. Malice musste nicht lange darauf warten. Ein gewaltiger Keiler mit triefendem Geifer stürmte wild rasend heran und kam an der Stelle zum Stehen, wo sie das gejagte Opfer aufgelesen hatte. Wütend suchte das Wildschwein den näheren Waldboden schnuppernd nach einer weiterführenden Fährte ab. Allerdings konnte es nichts mehr wittern, was dessen Zorn ganz offensichtlich noch steigerte.

„Kendra, ich weiß, dass du hier irgendwo steckst und mich hören kannst“, stieß der Keiler schnaubend hervor, „du kommst besser jetzt gleich aus deinem Versteck und gibst mir zurück, was du unserem Stamm gestohlen hast. Vielleicht sehen wir dann noch einmal davon ab, über euer Lager herzufallen.“
Sich noch etwas wütend umschauend kehrte das Wildschwein um und lief zurück in die Richtung, aus der es gekommen war.
Malice, die alles angespannt auf dem Baum verharrend mit angehört hatte, fragte sich nun, wovon dieses Wildschwein wohl gesprochen hatte und was diese kleine Katze in ihrem Maul ihrem Jäger wohl Besonderes entwendet haben mochte. Sie setzte die Katze sachte vor sich auf dem Ast ab und begann sich ihre Wunden näher anzusehen. Als hätte sie nie etwas anderes gemacht, begann sie die Wunden ihres kleinen Schützlings zu lecken. Dabei fiel ihr auf, dass sich einige Dornen und Stachel in ihrem Fell verfangen hatten, die sie behutsam mit den Zähnen hinauszog und ausspuckte. Die Augenlider der kleinen, roten Katze begannen zu zucken und mühevoll öffnete sie schwach ihre Augen: „Wo, wo bin ich? Wer, wer bist du?“
„Shht, nicht sprechen!“, wies sie die Katze an, „du bist noch sehr schwach. Spare dir deine Kräfte! Ich heiße Malice. Du warst auf der Flucht vor einem Wildschwein vor mir zusammen gebrochen. Ich habe dich gepackt und bin mit dir auf diesen Baum geklettert, um uns vor deinem Verfolger in Sicherheit zu bringen. Ich nehme an du bist Kendra, ja? Der Keiler rief deinen Namen, forderte sein Eigentum zurück und drohte dein Lager anzugreifen. Ich weiß ja nicht, was du ihm gestohlen hast, aber er schien ziemlich sauer darüber zu sein.“
Das Kätzchen durchzuckte es. „Ich..., ich muss die anderen warnen“, stieß es geschwächt hervor, „aber..., ich werde es nicht alleine schaffen. Ich verdanke dir schon mein Leben. Du hast zudem unsagbar viel für meinen Clan getan. Hilfst du mir weiterhin, Malice?“
„Das hätte doch jeder getan. Aber sag, was kann ich tun?“
„Wir müssen auf schnellstem Weg zurück zum Lager meines Clans. Wenn wir uns beeilen, sind wir nicht mehr allzu lange bis dorthin unterwegs. Allerdings werde ich in meinem Zustand länger brauchen.“
„Kannst du dich auf meinem Rücken festhalten und mir den Weg dorthin weisen?“
„Das ist die Lösung, so könnten wir es noch rechtzeitig schaffen. Wir sollten keine Zeit mehr verlieren und gleich los.“
„In Ordnung Kendra, dann lass uns aufbrechen.“
Malice packte die kleine Katze erneut am Nacken und stieg vorsichtig mit ihr vom Baum herab, was deutlich schwieriger als das Hinaufklettern war. Unten sanft im Gras gelandet, wandte sie sich um und setzte die rote Kendra auf ihrem Rücken ab, die sich mit ihren Krallen sodann dort festhielt. Die Route von ihr nun vorgegeben bekommend lief Malice pfeilschnell durch den Wald. Das Adrenalin, das sie durchströmte, fühlte sich großartig an. Sie genoss es. Gleichwohl wusste sie, dass Eile geboten war. Hatte sie doch eine grobe Ahnung davon, was auf dem Spiel stand. Diese kleine Katze hatte sicher nicht ihr Leben für einen gewöhnlichen Diebstahl riskiert. Da musste mehr dahinter stecken, wenn nicht sogar die Existenz eines ganzen Clans davon abhängen sollte.
 

Fiete Langohr

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Sie war einige Zeit mit der kleinen Kendra auf dem Rücken so gelaufen und kam an ein von zwei bewaldeten Bergzügen umgebenes, wunderschönes Tal in deren Mitte sich ein großer See befand. An dem See grenzten viele weidenartige Bäume, die durch eine sehr breite und weit geflochtene Baumkrone auffielen. Grüne Wiesen, einige Sträucher und weitere kleinere Baumgruppen rundeten das malerische Bild ab.
„Wir sind gleich da. Sicher sind wir schon von unseren Spähern bemerkt worden und werden gleich empfangen“, hörte Malice die Stimme ihrer Gefährtin an ihr Ohr dringen.
Sie verlangsamte ihr Tempo und drehte ihren Kopf zurück: „Wie meinst du das, wir werden empfangen?“
„Halt!“ erklang es entschieden glatt einstimmig aus vier verschiedenen Richtungen. Malice buckelte reflexartig, legte die Ohren an und fauchte bestimmt die aus dem Nichts Aufgetauchten an. Sie konnte nicht darüber nachdenken, warum sie so handelte, aber die vier Katzen, die sie jetzt umstellt hatten, sahen nicht so aus, als würden sie Willkommensgeschenke für sie bereit halten.
„Wenn du tust, was ich sage“, hob jetzt der Kater vor ihr an, „dann passiert dir nichts. Darauf gebe ich dir mein Wort. Setz ganz langsam die Katze von deinem Rücken ab!“
„Murray, lass den Blödsinn!“, krächzte Kendra schwach dazwischen, „bring uns lieber zu meinem Vater! Malice hier hat mir mein Leben gerettet und ich habe eine dringende Botschaft für unseren Anführer.“
Die Blicke von Murray und Malice trafen sich und blieben aneinander hängen. Der eine verriet musternde Anerkennung, der andere zeigte aufkommenden Stolz und Selbstsicherheit.
„Worauf wartet ihr? Los Murray, geh vor! Malice kann den Weg schlecht kennen, die anderen Späher bleiben besser auf ihrem Posten“ ordnete die kleine Katze an, die trotz ihres jungen Alters offensichtlich schon zeigte, was sie an Führungsqualitäten in die Wiege gelegt bekommen hatte.
Der bräunlich getigerte Kater lief forsch vorweg und Malice folgte ihm mit aller Mühe. Keineswegs wollte sie sich ihm gegenüber dabei eine Blöße geben. Vor ihnen tauchte eine mächtige alte Eiche auf zu deren Fuße einige Katzen saßen. Manche schliefen, andere waren mit ihrer Fellpflege beschäftigt. Es gab Gespräche. Es wurde gegessen und gelacht. All dies wurde unterbrochen oder verstummte jäh. Schlafende wurden geweckt. Ein prächtiger, großer, roter Kater erhob sich von seinem Platz direkt unter der Eiche und trat auf die Ankömmlinge zu. Murray verbeugte sich vor ihm und auch Malice hatte durch dessen imposante Ausstrahlung das Gefühl ihm ihre Ehrerbietung zumindest mit einem Kopfnicken zu zeigen. Der Kater lächelte sie warmherzig an.
„Wie ich sehe, bringst du mir meine Tochter lebendig zurück. Ich stehe tief in deiner Schuld. Ich bin Kalou und heiße dich im Namen meines Clans hier willkommen. Sag Fremde, wie heißt du?“
„Malice...“, antworte sie ehe ihr auch schon Kendra ins Wort fiel: „Vater, wir müssen dringend reden. Ruf deine Vertrauten zusammen! Ich werde dir in der Zwischenzeit alles erklären.“
Der rote Kater blickte ernst drein und verstand sofort. Er wandte sich an Murray: „Geh und schicke nach meinen Beratern!“, und wieder zu seiner Tochter und Malice, „Kommt, erzählt mir alles, was vorgefallen war!“

Kalou ging leichtfüßig elegant vorweg und führte Malice, Kendra immer noch auf dem Rücken tragend, zu einem schattigen Plätzchen am Ufer des großen Sees.
„Hier können wir ungestört reden. Die anderen wissen, dass sie die Diskretion ihres Anführers besser nicht stören.“
Sie setzten sich und Kendra stieg von Malice sichtbar schmerzlich ab.
„Kendra Liebes, mach langsam! Du siehst sehr mitgenommen aus“, sorgte sich Kalou.
„Vater, meine Verletzungen müssen warten. Viel wichtiger ist, ich hatte Erfolg. Ich habe den Hauer dem Medizinmann in der Nacht stehlen können und habe ihn bei mir.“ Aus dem Halstuch ließ sie nun einen Wildschweinhauer gleiten. „Leider ist der Verlust schnell aufgefallen und deren Verfolger waren mir unbarmherzig auf der Spur. Ich war schon geschlagen, als Malice mich zufällig fand und in Sicherheit brachte. Wilbur, der Hauptmann der Keilertruppe, hatte mich fast erwischt und weiß, dass ich dahinter stecke. Unser Clan steckt in großer Gefahr. Die Wildschweine werden uns bald hier angreifen, um den Hauer zurück zu bekommen.“
„Ich verstehe und bin beeindruckt zugleich. Ihr beiden bleibt hier und ruht euch aus! Trinkt vom Wasser des Sees und esst eine Kleinigkeit! Ich werde nach euch schicken, wenn ich mich mit meinen Vertrauten beraten habe und das weitere Vorgehen geplant habe“, sprach Kalou und lief zurück in Richtung der großen Eiche.
„Komm Malice, das Wasser dieses Sees wirkt erquickend und heilend und außerdem ist er auch noch sehr fischreich.“ Kendra tapste noch etwas wackelig auf den Pfoten los und Malice ging neben ihr her. Beide schlabberten im seichten Uferbereich des Sees von dem wahrhaftig wohltuenden Wasser. Malice fühlte sich wieder vollkommen frisch und noch mehr überraschte es sie zu sehen, dass dieser Effekt gleichfalls bei der zuvor nahezu entkräfteten Kendra sich einstellte. Diese sprang nun wieder völlig munter und von neuen Lebensgeistern beseelt im Wasser umher und hatte auch schon mit einem gezielten Pfotenschlag ins Wasser einen Fisch erwischt. Freudig präsentierte sie Malice ihre Jagdtrophäe im Maul haltend, die ihrerseits doch etwas Mühe hatte es ihr gleichzutun. „Hier nimm, ich fange mir einfach einen Neuen“ reichte die kleinere Katze der größeren ihren Fang weiter. Am Ufer ließen die beiden sich dann den Fisch genüsslich schmecken.
„Du Malice, was ich dich schon längst fragen wollte, woher kommst du eigentlich und welchem Clan gehörst du an? Ich habe dich hier in der Gegend noch nie zuvor gesehen.“
„Äh, ich weiß gar nicht wie ich das erklären soll.“
„Versuch es doch einfach“, lächelte Kendra Malice aufmunternd an.
„Ich fange am besten damit an, dass ich keinem Clan angehöre. Ich komme nämlich gar nicht von dieser Welt. Ich weiß, das klingt komisch, aber es ist die Wahrheit. Ein großer, weißer Kater war mir begegnet und hat mir erklärt, dass ich auf einer Art Seelenreise sei. Um wieder in meine Welt zurück zu kehren, muss ich Muraco die große Schnecke finden. Dafür habe ich nur begrenzt Zeit und darf vorher nicht einschlafen.“
Die kleine, rote Katze staunte bei Malice' Ausführungen nicht schlecht. „Ist dir eigentlich bewusst, dass sich dir Hotah, unser höchster Gott und Erschaffer von allem, was du hier siehst, offenbart hat?“
„Äh, das wusste ich nicht, aber das erklärt natürlich so einiges. Du hast nicht vielleicht eine Ahnung, wo ich diesen Muraco finden kann?“
„Du hast großes Glück. Muraco zeigt sich für gewöhnlich nur zu Vollmondnächten auf einer Lichtung unweit von hier und gerade heute ist so eine Nacht. Wenn du möchtest, bringe ich dich zu ihm.“
Malice blinzelte vor Freude und Erleichterung: „Ja, das wäre klasse.“
„Gut“, blickte auch Kendra freudig zurück.
„Ich habe auch eine Frage an dich. Warum hast du dein Leben riskiert und diesen Hauer von den Wildschweinen gestohlen? Welche Bedeutung hat der?“
„Das will ich dir gerne verraten. Es handelt sich dabei um den Hauer ihres letzten Anführers. Damit können sie mit Hilfe ihres finsteren Medizinmannes ein schreckliches Ritual vollführen, dass die Wildschweine allmächtig aber auch zu untoten, reißenden Bestien machen wird. Godrik, ihr Anführer, weiß von diesem bedeutenden Nebeneffekt nichts und sieht nur die Macht, die ihm der Medizinmann versprochen hat. Einer unserer Jäger wurde Zeuge, wie jener Medizinmann der Wildschweine in einem entlegenen Sumpf seinen Meister beschworen hatte, der ihm dieses Ritual lehrte. Mein Vater hatte ohne Erfolg versucht Godrik zu warnen und wurde von dem nur verspottet und davon gejagt. Ich habe mich infolgedessen alleine aufgemacht den Hauer zu stehlen, um das Ritual so zu verhindern.“
„Das war sehr mutig von dir“, erwiderte Malice sehr nachdenklich.
Kendra blickte auf. „Ich schätze, wir werden gerufen“ deutete sie über Malice' Schulter hinweg, die Murray nun ebenfalls auf sie zu kommen sah. Beide Katzen erhoben sich und liefen dem Kater entgegen.
„Ich bin geschickt worden, um euch beide zu holen. Kalou wird gleich sein Wort an den Clan richten. Kommt!“, grüßte er die beiden kurz und machte umgehend kehrt, um gleich wieder mit den beiden im Gefolge zur großen Eiche zu laufen.
 

Silvana

die Trolljägerin
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Nach wie vor eine interessante Geschichte.
Du schreibst ja recht fleißig^^
 

Fiete Langohr

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Danke, freut mich, dass ich dein Interesse wecken konnte.
Wie meinst du fleißig auf mein Schreiben bezogen? Zum Entstehungsprozess kann ich sagen, dass ich 11 Tage an der ganzen Geschichte gesessen habe (mit Unterbrechungen natürlich), die so ca. 14 A4 Seiten umfasst, und brauchte für so manche Formulierung und Idee so meine Zeit. Ich kann nicht einschätzen, ob das jetzt ein rasantes Tempo ist. Aber du weißt, dass ich mehr der gemächlichere bin. Da lass ich mir dann lieber etwas Zeit, um eine für mich zufriedenstellende Arbeit abzuliefern, als husch-husch schnell ein paar Worte hinzurotzen. Wenn du mit fleißig meinst, dass ich einiges an Energie und Arbeit darein gesteckt habe, dann kann ich das bestätigen und auch das freut mich, dass das dir auffällt :).
 

Silvana

die Trolljägerin
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Sowohl als auch.
Ich finde auch das Tempo beachtlich, ebenso das du dabei auch noch eine ordentliche Geschichte dabei zustande bringst.
 

Fiete Langohr

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Danke für beides, hatte auch irgendwie mal das Bedürfnis ein paar Sachen selbst zu schreiben anstatt lediglich die Geschichten anderer zu kommentieren.
 

Falki

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Ich bin ja auf die ganze geschichte gespannt aber da muss ich ungeduldiger tiger wohl noch warten >.<
 

Fiete Langohr

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>.".< jaja, immer diese ungeduldigen Tiger. Wennich richtig zähle, gibt es das Ende am Montag ;)
 

Malice

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Was vielleicht auch noch toll wäre, fällt mir grad ein, wenn man am Schluss noch die Bedeutungen der Namen hinschreibt. Damit hast du dir ja viel Mühe gegeben. ;)
 

Fiete Langohr

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Die Stimmung an der großen Eiche war eine völlig andere, als noch vor Kurzem, als Malice Kendra hergebracht hatte. Eine deutlich größere Menge Katzen war nun um den mächtigen Stamm versammelt. Zu dessen Fuße saß anmutig und noch auf die letzten Ankömmlinge wartend Kalou. umgeben von seinen engsten Vertrauten. Sein Blick wanderte musternd durch die Menge, als wolle er persönlich noch einmal sicher gehen, ob auch wirklich jeder seines Clans da war. Murray, Kendra und Malice fanden ihren Platz in der vordersten Reihe. Alles war gespannt und Kalou erhob das Wort:
„Liebe Katzen und Kater,
uns steht eine ernste Bedrohung bevor. Wie ihr wisst, waren meine Gespräche mit Godrik, dem Anführer der Wildschweine, nicht nach unseren Vorstellungen verlaufen. Aus einem langjährigen Freund ist eine große Gefahr für uns entstanden. Die Gründe dafür liegen bei deren Medizinmann, der eigene Ziele verfolgt. Godrik vertraut ihm blind und ist dessen falschen Versprechungen erlegen. Er und die Seinen werden sich durch ein Ritual des Medizinmanns in reißende, untote Bestien verwandeln. Um das abzuwenden, hatte sich meine Tochter Kendra aufgemacht und konnte einen für dieses Ritual entscheidenden Gegenstand an sich bringen.“
Ein anerkennendes Raunen ging durch die Menge.
„Liebe Freunde, hört mir bitte weiter zu! Die Wildschweine werden alles daran setzen diesen Gegenstand zurück zu holen und werden sicher schon bald hier auftauchen. In der Zwischenzeit müssen wir uns darauf vorbereiten. Dazu müssen wir unsere Schwachen, Alten und Kinder in Sicherheit bringen. Dafür ist meine Frau Adsila zuständig. Die betreffenden finden sich bitte bei ihr ein und folgen ihr in unser Versteck in den Bergen! Alle anderen sichern unser Lager hier und machen sich bereit für den Kampf mit den Wildschweinen! Inola ist bereits mit der Zerstörung des besagten Gegenstandes beschäftigt. Gemeinsam schaffen wir das und wenden die Gefahr ab! Beim großen Hotah! Miau!“
Alle Katzen stimmten in das Miauen mit ein und so besangen sie die große Eiche.

Danach setzte rege Betriebsamkeit ein. Malice sah Kendra fragend an: „Und was machen wir?“
„Ich werde mich mit auf den Kampf vorbereiten und dabei helfen unser Lager zu verteidigen. Dir steht es frei zu tun, was du möchtest. Du gehörst nicht unserem Clan an und musst dich dieser Gefahr nicht aussetzen.“
„Ich möchte es aber. Ich mag diesen Ort und möchte nicht, dass die Wildschweine ihn zerstören. Außerdem welchen Sinn hätte meine Aktion dich zu retten gehabt, wenn ich dich jetzt im Stich lasse?“
„Es freut mich, dass du so denkst. Aber noch einmal, du schuldest mir und unserem Clan nichts, umso mehr ehrt es dich, dass du an unserer Seite kämpfen willst. Also gut, komm wir gehen zu meinem Vater und den anderen.“

Die Besprechung ging gerade los. Kalou hatte einen klaren Plan, wie das Tal rund um die Eiche am besten gegen die Schwarzkittel zu verteidigen war und zeichnete mit der Kralle seiner rechten Tatze ein Skizze von der Umgebung in den Sand, während die anderen Katzen um ihn standen.
„Der einzige Zugang führt über einen von vielen Bäumen umgebenen Weg, hier“, er markierte die Stelle mit einem Kreuz, „den muss Godriks Rotte nehmen. Dort werde ich ihn mit einem kleinen Gefolge empfangen und ein letztes Mal versuchen, ihm von seinem Vorhaben abzuhalten. Ich rechne zwar nicht damit, aber die langwährende Freundschaft unserer Clans gebietet es einfach, dass wir es zumindest versuchen. Wenn ich ehrlich bin, gehe ich von einem Bruch und einer Konfrontation aus. Deshalb sollten wir auf deren Angriff gefasst sein. In diesem Fall werden wir dann Richtung Tal laufen und sie so an unseren Baumspringern entlang führen. Die stürzen sich auf die laufenden Keiler und Bachen. Lasst sie eure Krallen schmecken! Wir werden sie sicher nicht alle so aufhalten können. Einige werden durchkommen. Unsere Nachhut muss die Eiche und die Weiden am See schützen. Die Wildschweine dürfen sie nicht zerstören. Sonst verliert der See seine Kraft! Aber das wisst ihr ja. Nur gemeinsam sind wir stark und jeder muss auf den anderen aufpassen, dann schaffen wir das. Miau!“
Die umstehenden Katzen miauten auch. Die beiden Vertrauten Kalous wählten sich die Katzen für die Nachhut und die Baumspringer aus. Kendra drängte zu ihrem Vater: „Malice und ich werden an deiner Seite sein. Sie ist unglaublich schnell und möchte uns helfen.“
„Kendra, ich würde dich lieber bei der Nachhut sehen, aber ich weiß, dass du eh deinen eigenen Kopf hast. Also gut, begleitet mich“, sprach er zu seiner Tochter und zu den anderen, „wir werden jetzt dann aufbrechen.“
Neben Murray begleiteten noch sieben weitere Katzen die Gemeinschaft um Kalou. Ein Stück des Weges liefen sie mit den Baumspringern, die nach und nach ihre Posten auf den den Weg säumenden Bäumen bezogen. Als das Empfangskomitee allein war, stoppte Kalou und hielt die anderen an mit ihm zu horchen. Sie nahmen einen seltsam anmutenden Singsang aus Grunzern und Stimmen nicht weit vor ihnen wahr. Sie liefen los, um dorthin zu gelangen, wo sie die Geräusche vermuteten.
Die Wildschweine saßen in einem Kreis versammelt und ein Wildschwein in der Mitte, das mit einer Knochenkette behangen war, strich nacheinander den anderen Wildschweinen eine grünlich leuchtende Tinktur auf die Stirn. Ein besonders großer Keiler grunzte laut auf und erhob sich.
„Ach sieh an, wenn das nicht Kalou mit seiner Diebesbrut ist. Du kommst genau richtig, um Zeuge zu werden, wie wir Wildschweine zu neuer Macht kommen und uns über alle Tiere erheben werden. Was ihr nämlich nicht bedacht habt, als deine Tochter den Hauer meines Ahnen gestohlen hatte, war, dass es davon nämlich noch einen zweiten gab, und aus dem hat unser Medizinmann nun seine für sein Ritual nötige Zaubertinktur herstellen können. Er braucht nur noch die Aktivierungsformel sprechen.“
„Godrik, ich flehe dich an als dein Freund. Du weißt nicht, was du da tust und worauf du dich da eingelassen hast, als du da diesem Medizinmann dein Vertrauen geschenkt hast. Er hat dir sicher grenzenlose Macht und Unbesiegbarkeit versprochen. Aber hat er dir auch den Preis dafür genannt? Ihr werdet zu willenlosen, untoten Bestien und müsst seinen Befehlen folgen.“
„Mach dich nicht lächerlich, Kalou. Aus dir sprechen der Neid und die Angst. Du kannst nicht ertragen, dass mein Clan künftig die führende Rolle spielen wird. Wir werden wie ein Sturm über euch hinwegfegen und euch zerschmettern!“
„Wenn das so ist, Godrik, dann liegen unsere Clans von nun an in Fehde“, rief Kalou dem Keiler entschieden entgegen.
„Du Narr, hast du immer noch nicht begriffen? Zu so etwas wie einer Fehde werdet ihr gar nicht mehr in der Lage sein, wenn wir mit euch fertig sind“ antwortete er widerwärtig halblachend, halbgrunzend und rief seinem Medizinmann zu: „Los Devaki! Schließe dein Ritual ab!“
Der Medizinmann stellte sich in die Mitte auf seine Hinterhachsen, streckte seine Vorderhachsen zum Himmel entgegen und stieß mehrere markdurchdringende Quieker hervor. Der Himmel verfinsterte sich. Die Markierungen auf den Wildschweinen begannen zu leuchten und die Tiere strahlten plötzlich gleichfalls ein grünes Licht ab. Ihre ohnehin schon massiv gedrungenen Körper begannen zu pulsieren und zu wachsen. Muskeln bildeten sich auf unnatürlich starke Weise in raschem Tempo aus und Schlagadern traten hervor. Die Iris der Augen wich einem leeren Weiß. Geifer triefte aus ihren Mäulern und wildes Grunzen breitete sich aus. Kalous schlimmste Befürchtungen hatten sich trotz eindringlicher Warnung an seinen Freund vor seinen Augen bewahrheitet.
„Hahahahaha, alles hört jetzt auf mein Kommando“, stieß der vor Freude entzückte Medizinmann nun hervor, „Kalou, du hattest recht, mit allem, was du Godrik gesagt hattest. Hat es was genützt? Nein! Hahahaha! Sei aber unbesorgt, ich werde dafür sorgen, dass der gute Godrik seine Drohung immer noch wahrmachen kann, auch wenn er davon nicht mehr viel mitkriegen dürfte, hahaha.“
„Devaki, du bist ja wahnsinnig! Du hast dich mit Kräften eingelassen, die du nicht kontrollieren kannst. Hör auf, solange du noch kannst!“, drängte Kalou ihn mit letzter Hoffnung vergebens.
„Haha, nenne es wie du willst. Wir werden euch jetzt vernichten. Los, macht sie fertig!“, befahl er der monströsen Rotte, die sich nun geschlossen den Katzen zuwandte und wild schnaubend auf diese zulief.
„Los Freunde!“, schrie Kalou und die Katzen sprinteten den Weg zu ihrem Tal entlang. Kendra und Malice rannten wie der Wind und tauschten dabei nervöse Blicke aus. Damit hatten sie nicht gerechnet, dass die Wildschweine das Ritual trotzdem durchführen konnten. Sie sahen sich immer mal um und bekamen mit, wie sich die Baumspringer auf einzelne Wildschweine stürzten. Doch fanden sie meist nur schwer Halt auf den borstigen Rücken ihrer Feinde, rutschten ab und hatten große Mühe nicht von den Folgenden zertrampelt zu werden. Jene, die sich halten konnten, schienen mit ihren Krallen keinen sonderlich spürbaren Schaden anrichten zu können.
Vor ihnen tauchte in der Ferne die große Eiche auf, wo bereits die Nachhut die Angreifer gespannt erwartete. Doch Malice bemerkte, dass deren Entschlossenheit nach und nach einer Unsicherheit und dem Entsetzen wich. Das, was sich ihnen dort näherte, überstieg ihre Vorstellungskraft.
Kalous Gruppe erreichte die Stellungen des Clans und reihte sich dort mit ein. Der Anführer beriet sich mit seinem Vertrauten und mautzte kampfeslustig seinen Mitstreitern zu. Der Kampf begann.

 
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Fiete Langohr

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„Kendra, ich habe eine Idee“, sagte Malice zu der kleinen roten Katze, nachdem sie beide mehrere erfolglose Angriffe gegen ihre Widersacher unternommen hatten.
„Raus damit! Was meinst du?“
„Es kommt auf einen Versuch an, aber es scheint doch so, dass diese Monsterwildschweine mit unseren Waffen so gut wie nicht zu schlagen sind. Einzig ihr Medizinmann ist noch ein normales Wildschwein. Er ist der einzige, der sie kontrollieren kann und sie in seinem Bann hat. Wenn wir den ausschalten, bricht das vielleicht den Zauber. Aber er ist clever und hält sich im Hintergrund.“
„Du hast recht. Das könnte funktionieren. Wir müssen es versuchen. Murray, hilfst du uns? Wir wollen den Medizinmann angreifen.“
„Ich habe mitbekommen, was ihr vorhabt. Ich werde mit euch kämpfen“, antwortete der Kater.
Kendra übernahm schon wieder die Rolle der Anführerin: „Dann auf geht’s! Wir müssen zu ihm hinlaufen. Die anderen Wildschweine werden, wie es momentan ausschaut, nicht mehr lange aufgehalten werden können.“

Die Schlacht hatte verheerend für die Katzen begonnen. Die Monsterwildschweine pflügten mit ihren Hauern nur so durch die Reihen der Katzen und schleuderten sie wütend durch die Luft. Die Attacken der Katzen mit ihren Krallen zeigten wenig Wirkung, schienen sie doch nicht einmal durch das dicke Borstenkleid durchzudringen. Einzig einzelne gezielte Krallenhiebe auf die Rüssel hatten einen spürbaren Effekt, nämlich dass sie die Gegner noch rasender und wütender machten. Es zeichnete sich schnell ab, dass die Katzen, auch wenn sie zahlenmäßig ihren Angreifern noch überlegen waren, einer sicheren Niederlage mit fatalen Folgen für sich und ihre Heimat entgegensteuerten. Kalou, ihr Anführer, erkannte das, wollte es aber nicht akzeptieren. Es galt irgendwie doch noch die Wildschweine von ihren heiligen Bäumen und dem magischen See fernzuhalten. Hätten sie doch bloß mehr Zeit gehabt, um sich eine List auszudenken. Aus dem Augenwinkel sah er seine Tochter mit zwei anderen Katzen in Richtung des Medizinmanns laufen und plötzlich wurde ihm klar, was sie vorhatten. Er konnte sie nicht dabei selbst unterstützen. Hatten er und sein Clan doch gerade größte Not ihre Linie aufrecht zu halten. Aber er spürte endlich wieder Hoffnung in sich aufkommen, die er unbedingt an die Seinigen weitergeben wollte: „Haltet durch meine Brüder und Schwestern! Für Hotah und unser geliebtes Heim! Miau-uh!“

„Hört ihr? Mein Vater hat uns sicher bemerkt und macht den anderen noch einmal Mut durchzuhalten.“
„Sieh nach vorne, Kendra! Dieser Devaki hat uns bemerkt und stürmt auf uns zu“ warnte Malice die vor ihr stehen gebliebene rote Katze.
Kendra hatte zuvor dem Ruf ihres Vaters gelauscht und war daher völlig überrascht, als sie den auf sie zu stürmenden Keiler erblickte. Murray, der wie Malice nicht mit Kendra Schritt halten konnte, aber noch vor ihr bei Kendra war, bemerkte dies. Geistesgegenwärtig stieß er sie von den heran nahenden Hauern weg und wurde an ihrer statt voll davon getroffen. Mit einer schwungvollen Kopfbewegung schleuderte der Medizinmann den Kater durch die Luft und blieb schnaubend vor Malice stehen. Benommen von dem Stoß landete Murray unsanft im Gras und blieb zunächst einmal liegen.
„Du gehst mir besser aus dem Weg, elendes Katzenvieh!“
Malice buckelte und fauchte. Ihr Fell war aufgeplustert und sie lauerte ihn angriffslustig an. Solle er sie ruhig verspotten, dachte sie sich. Bei der kleinsten Unachtsamkeit würde sie zuschlagen.
Devaki scharrte mit seinen Vorderbeinen und schnaubte wild, bevor er dann auf Malice losstürzte. Das war der Moment, auf den sie gewartet hatte. Mit einem Satz sprang sie hoch in die Luft und vollführte dabei eine halbe Drehung. Sie landete wie gewünscht auf dem Rücken des Medizinmannes, der seine Borsten zu einem Kamm aufgerichtet hatte, und schlug ihre ausgefahrenen Krallen beherzt in die Augenhöhlen ihres Feindes. Außer sich vor Schmerz schrie der geblendete Devaki auf, blieb stehen und versuchte die Katze von seinem Rücken abzuschütteln. Malice sprang ab und lief zu einem nahestehenden Baum rüber. „Na warte, das wird dir noch leidtun, du reudige Katze! Wo steckst du?“, schrie der Keiler tobend. „Hier drüben bin ich“, rief ihm Malice zu. „Haha, das war dein Fehler!“ Devaki drehte sich um und rannte zielsicher auf Malice mit geiferndem Schaum vorm Maul zu. Die Katze war natürlich darauf vorbereitet und sprang erneut kurz vor dem möglichen Zusammenprall diesmal zur Seite in Sicherheit, während der Medizinmann mit voller Wucht mit dem Kopf gegen den Baumstamm prallte, der sich hinter Malice befunden hatte. Das Tier taumelte benommen und ging dann bewusstlos zu Boden. Kendra, die sich wieder aufgerappelt hatte, sprang herbei, kratze gnadenlos am Hals des Wildschweins entlang und vergrub ihre Leftzen an der aufgekratzten Stelle. Das Blut triefte nur so heraus und ihr am Maul herunter. Sie hatte seine Halsschlagader erwischt. Der Boden unter ihnen begann zu beben.
„Kendra, schnell, komm zu mir!“, schrie Malice zu ihr rüber, die diesmal sofort reagierte.
Vor dem sterbenden Medizinmann tat sich die Erde auf und mit einem ohrenbetäubenden Donnern erhob sich daraus eine gewaltige, grüne, humanoide Hand, die den Keiler ergriff und zu sich in die Tiefe zog. Die Erde schloss sich wieder. Die beiden Katzen hatten gebannt dieses Schauspiel verfolgt.
„Was in Hotahs Namen war das bitte?“, stammelte Kendra ungläubig vor sich hin.
„Ich habe keine Ahnung“, erwiderte Malice halbapathisch neben ihr.
Ein jubelndes Gejauel mehrerer Katzen ließ sie wieder zu sich kommen.
„Die anderen! Der Kampf muss zu Ende sein. Wir haben gesiegt und unsere Feinde geschlagen. Lass uns zu ihnen gehen, Malice!“
„Warte, was ist mit Murray? Wir müssen nach ihm sehen.“ Malice lief auch schon zu dem immer noch im Gras liegenden Kater hin. Sein Brustkorb hob und senkte sich leicht und Malice atmete erleichtert auf. Sie leckte sein Gesicht und seine Augen öffneten sich langsam. Er lächelte, als er die besorgte, nachtblau-weiße Katze vor sich sah. „Habt ihr..., habt ihr es..., geschafft und diesen Irren gestoppt?“
„Dieser Irre hatte einen noch viel Irreren gestoppt“, mischte sich Kendra ein.
„Sie hat recht. Das war sehr gefährlich und edelmütig von dir. Wahrscheinlich hast du ihr mit deinem Einsatz das Leben gerettet“, pflichtete Malice ihr bei.
„Na toll, wie es aussieht, verdanke ich jetzt schon euch beiden mein Leben.“
Malice und Murray mussten über Kendras Worte schmunzeln.
„Kannst du aufstehen?“, wollte Malice von ihm wissen. Mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht mühte sich der Kater wieder auf die Pfoten und mit zusammen gebissenen Zähnen sagte er:
„Unkraut vergeht nicht.“
„Na dann los! Die anderen erwarten uns sicher schon“, erinnerte Kendra die beiden und so machten sie sich auf den Weg zur großen Eiche.

 
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Fiete Langohr

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Kalou kam ihnen als erster entgegen. Er erstrahlte regelrecht, als er seine Tochter munter auf ihn zulaufen sah. Innig kuschelten sie sich und schmusten liebevoll miteinander.

„Ich bin heilfroh dich wohlbehalten wiederzusehen, meine kleine Kendra. Ich wusste, dass ihr Erfolg haben würdet. Als ihr diesen üblen Devaki besiegt hattet, zerfielen die anderen Wildschweine zu Staub. Die anderen sind gerade dabei ihre Wunden zu lecken. Es gab leider viele Verletzte, aber mit Hilfe des Sees und seiner Kräfte werden sie bald wieder ganz die Alten sein.“
„Vater, du hättest dabei sein müssen. Malice hat den Medizinmann fast im Alleingang besiegt. Sie ist eine waschechte Kratze!“
„Das musst du mir später alles in Ruhe erzählen. Ich werde nun zu deiner Mutter gehen und den anderen Bescheid geben, dass die Gefahr gebannt ist“, vertröstete Kalou sie.
„Ich komme mit dir.“
„Wie du magst.“

Murray und Malice waren stehen geblieben. Sie hatten beide lange Zeit Vater und Tochter beobachtet und blickten dann verlegen einander an. Murray war es, der ihr einen sanften Nasenkuss gab und dann seine Schläfe an ihre strich. Erschrocken darüber langte sie ihm blitzschnell eine, ohne jedoch dabei ihre Krallen auszufahren. Er schreckte kurz zurück und lächelte dann wieder: „Tatsächlich, eine waschechte Kratze, hihi.“ Mir erhobenen Schwanz ging er zum See und ließ Malice dort stehen, die ihm immer noch benommen von ihrer eigenen Reaktion hinterher sah.

Als der Clan wieder vereint war, setzte die Dämmerung über dem Tal langsam ein. Malice hatte sich noch ein wenig umgesehen. Die Kunde von ihrem Kampf hatte sich schnell verbreitet und die anderen Katzen blinzelten sie freundlich an oder senkten ihren Kopf zum Gruße. Ihr war das etwas unangenehm so im Mittelpunkt zu stehen und so suchte sie sich ein ruhiges Plätzchen etwas abseits unter einem Baum. Sie spreizte ihre Zehen und putzte die Zwischenräume, als Kendra zu ihr kam.
„Hier steckst du. Ich habe dich schon eine ganze Weile gesucht.“
„Ich brauchte etwas meine Ruhe und musste meine Gedanken ordnen.“
„Ich habe eine kleine Überraschung für dich,“ verkündete die rote Katze fröhlich, „dafür musst du mir allerdings folgen.“ Keck drehte sich Kendra um, hob stolz ihre Rute nach oben und blickte auffordernd zurück zu Malice, die sich nur noch einmal streckte und ihr dann mit einer gewissen Neugier hinterher lief.
Kendra führte sie zur großen Eiche. Doch was Malice diesmal dort sah, versetzte sie in unsagbares Staunen. Sämtliche Katzen des Clans waren zusammen gekommen und standen Spalier. Kendra stellte sich an dessen Anfang Murray gegenüber und beide nickten ihr aufmunternd zu: „Das ist alles zu deinen Ehren, du Heldin!“ Malice konnte nicht fassen, dass dies alles ihr galt. Langsam und immer noch mit staunenden Augen schritt sie fasziniert die Gasse der nun zu singen beginnenden Katzen entlang. Am Ende dieser Ehrenformation wartete schon der Clansführer Kalou mit seiner bezaubernd schönen Frau Adsila, die komplett weißes Fell mit Ausnahme einer blütenähnlichen Fläche am Kopf von der Nasenspitze bis hinter den Ohren mit rötlicher Färbung hatte.
Bei ihnen angekommen verbeugte Malice sich vor ihnen.
„Setz dich bitte, Malice“, forderte Kalou sie freundlich auf und sie senkte alle ihre vier Pfoten ab, um vor den beiden gespannt Platz zu nehmen.
„Und auch ihr meine Brüder und Schwestern, sucht euch bitte einen Platz!“
Nach dieser kurzen Pause kehrte wieder Stille ein und alle Augen und Ohren waren aufmerksam auf die drei Katzen gerichtet.
„Liebe Malice, mein Clan und ich stehen tief in deiner Schuld. Dein tapferes und besonnenes Handeln haben großes Unheil von uns abgewendet. Dir allein verdanken wir es, dass wir jetzt hier stehen und unsere Heimat unbeschadet geblieben ist. Deshalb sind wir überein gekommen, dir unsere höchste Auszeichnung zuteilwerden zu lassen und dich als Ehrenmitglied in unserem Clan willkommen zu heißen.“ Bei diesen Worten legte Kalou seine Pfote Malice auf die Stirn. „Dir steht es als solches frei zu tun und zu lassen, was dir beliebt. Du findest bei jedem von uns Hilfe und genießt die Gastfreundschaft. Wir möchten dir außerdem ein weiteres Geschenk geben, nachdem ich gehört hatte, dass du nicht von dieser Welt bist und gleich mit meiner Tochter noch zu Muraco gehen willst, um uns leider schon wieder zu verlassen.“
Adsila holte eine Kette mit einem weißen Glöckchen daran hervor und band sie Malice um den Hals.
„Inola, unsere weise und in den Dingen der Magie bewanderte Katze, hat dies für dich angefertigt. Wo immer du dich auch befinden magst, diese Kette anlegst und dich drei Mal kräftigt schüttelst, gelangst du wieder hierher an den Fuß der großen Eiche“, erklärte Kalou ihr.
Malice war mächtig bewegt von dessen Rede: „Ich danke euch allen von ganzem Herzen und bin überwältigt davon, dass ihr mich in euren Clan aufnehmt. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Danke!“
„Wir danken dir, es ist uns eine Ehre und ein großes Glück zugleich, dass sich unsere Wege gekreuzt haben“, fügte Adsila mit sanfter Stimme hinzu und stimmte dann einen Lobgesang an in den die anderen Katzen dann mit einsetzten. Malice standen die Tränen vor Rührung in den Augen, als alle für sie sangen.

Danach löste sich die Versammlung allmählich auf und Kendra kam auf Malice zu, die sich gerade die Tränen mit der Pfote wegwischte.
„Du hättest mich ruhig einmal vorwarnen können, als du mich vorhin abgeholt hattest“ warf sie ihr leicht gekränkt vor.
„Hihi, wieso denn? So war es doch viel schöner und eine echte Überraschung, hoffe ich.“
„Das stimmt. Zeigst du mir jetzt, wo ich diesen Muraco finden kann?“
„Klar, aber vorher möchte ich mich noch einmal selbst bei dir für alles bedanken.“ Kendra kuschelte Malice herzlich und begann ihr Gesicht zu putzen und Malice tat es ihr gleich. Anschließend sah die rote Katze die nachtblaue an und fragte erwartungsvoll: „Freundin?“ „Freundin!“, lautete ohne Zögern deren Antwort und sie schmusten einander nochmals.
„Na los, ich bringe dich zu Muraco den Schamanen“, sagte Kendra und Malice ging neben ihr her.

Sie durchquerten im Schein des aufgehenden Vollmonds das langgezogene Tal und stiegen einen Hügel am Rande des Tals empor. Auf dessen Kuppe befand sich ein relativ karg bewachsenes und von mehreren flachen Felsen gesäumtes Plateau. Das silberne Mondlicht sorgte an diesem Ort für eine recht mystische Atmosphäre. Etwas weiter vor den beiden Katzen zeichnete sich bereits die Silhouette einer ungewöhnlich großen Weinbergschnecke ab.
„Ich verabschiede mich jetzt hier von dir, Malice, und wünsche dir in deiner Welt alles Gute! Du bist immer willkommen bei uns und ich werde nie vergessen, was du für mich getan hast“, sprach Kendra ihre Pfote ihrer Freundin auf die Schulter legend, die das gleiche tat und erwiderte: „Kendra, es war für mich eine ganz besondere Erfahrung dich und deine Welt kennen zu lernen. Ich wünsche auch dir und dem Clan alles Gute.“ So gaben sie sich zum Abschied noch einen Katzenkuss und gingen beide ihrer Wege.

Malice trat zum Schamanen, der bis dahin in einer Art Trance gewesen zu sein schien oder aber auch geschlafen haben mochte. Jedenfalls öffneten sich die Augen an den Enden der Fühler der großen Schnecke und blickten sie an. „Ah Malice, schön dass du da bist. Ich habe dich schon erwartet.“
„Woher kennst du meinen Namen und wusstest, dass ich kommen würde?“, blickte sie das Weichtier verwundert an.
„Der weiße Kater hat mir Bescheid gegeben. Du möchtest sicher jetzt zurück in deine Welt, nicht wahr?“
„Ja, aber vorher möchte ich dich gerne noch etwas fragen?“
Muraco beäugte sie neugierig, indem er ihr seine Augen entgegenstreckte: „Was möchtest du mich denn fragen?“
„Nun, ich habe von den Katzen ein Geschenk erhalten mit dem ich jederzeit zu ihnen reisen kann und da wollte ich wissen, ob ich dann auch wieder mit deiner Hilfe zurück in meine Welt kommen kann?“
„Hm“, die Schnecke überlegte eine Weile, „das sollte gehen, wenn du Folgendes beachtest: Das Lösen deiner Seele von ihrem Astralleib in deiner Welt kostet deinen Körper viel Kraft. Ohne deine Seele ist er nicht in der Lage sich neue Energie zuzuführen. Achte also darauf, dass du dein Geschenk nur nutzt, wenn du dich bei vollen Kräften befindest und in der kommenden Nacht Vollmond ist. Dann nämlich findest du mich auch in dieser Welt wieder hier an und ich kann deine Seele zurück in deinen Körper bringen.“
„Ich danke dir Muraco und werde das bedenken“, antwortete sie freudestrahlend.
„Aber gerne doch, Liebes. Jetzt wird es aber auch Zeit für deine Seele, dass ich sie wieder in ihren Körper schicke. Lege dich dafür bitte hier vor mich auf den glatten Stein und schließe die Augen!“
Malice befolgte die Anweisung des Schamanen und atmete ruhig.
„Was auch gleich passieren mag, bleib ganz entspannt und öffne unter keinen Umständen deine Augen! Hast du verstanden?“
„Ja, das habe ich“, bestätigte sie.
„Gut, dann werde ich jetzt mit dem Rückführungsritual beginnen.“
Muraco fing auf besänftigende Weise an zu singen. Malice lag da und lauschte den Klängen. Sie merkte wie ihr Körper sich schwerer anfühlte. Da spürte sie wie eine angenehm warme, feuchte Decke bei ihren Hinterpfoten beginnend nach und nach ihren Körper bedeckte und schließlich auch ihren Kopf umschloss. Der Schamane war mit seinem Fuß auf sie geglitten. Sie fühlte sich wieder wie in Watte gehüllt und plötzlich setzte abermals das Gefühl ins Bodenlose zu fallen ein.




[h=1]Epilog[/h]Malice riss die Augen auf. Der fahle Kerzenschein sorgte für ein diffuses Licht in dem Raum. Ein schwacher, seltsam vertrauter Duft stieg ihr in die Nase. „Wo..., wo bin ich?“, fragte sie mit schwacher Stimme in den Raum hinein.
„Ah, du bist wieder zurück, wie schön.“ Amodia-Kimama erhob sich aus ihrem Lotussitz und setzte sich an den Rand des schwebenden Bettes. „Ich hoffe dir hat deine ganz persönliche Traumreise gefallen. Du bist jetzt sicher sehr hungrig, stimmt's?“
Langsam richtete Malice sich auf und spürte sogleich ihren Magen rumoren, der dann auch hörbar knurrte. „Ja, Leugnen bringt in dem Fall wohl nichts.“
Beide mussten lachen. „Komm, ich mach uns noch einen kleinen Mitternachtsimbiss.“
„Mitternachtsimbiss? Wie spät ist es denn? War ich solange weg gewesen?“
„Oh ja, es ist jetzt sicher 2 Uhr nachts. Christine ist schon schlafen gegangen. Ich habe die ganze Zeit neben dir gewacht.“
„Danke..., danke für alles.“
„Schon gut, aber lass uns jetzt erst einmal etwas essen. Du kannst mir ja später von deinen Erlebnissen erzählen.“
Amodia stand auf und half Malice aus dem Bett. Sie gingen in die Küche. Eine Laterne leuchtete ihnen den Weg. Malice schob ihre Hand in die Hosentasche und ertastete dabei einen kleinen, runden, metallenen Gegenstand.

[h=1]Namen und ihre Bedeutung
[/h]Malice: Bösartigkeit (engl. u. franz. Übersetzung)
Christine: Anhängerin Christi oder auch die Gesalbte (griech.)
Amodia-Kimama: die Glückliche (weibl. Indischer Name) - Schmetterling (weibl. indianischer Name)
Percy: abgeleitete Kurzform des Namen Parzifal (altfranz. percer = durchstechen und val = Tal)
Hotah: weiß (männlicher indianischer Name)
Muraco: weißer Mond
Kendra: Frau mit viel Wissen (indianisch), Prophetin (keltisch), die aus dem Feuer geborene (altirisch), die Männer abweisende (hebräisch)
Murray: am Meer (keltischer Ursprung)
Kalou: keine mir bekannte Bedeutung
Adsila: Blüte (weiblicher indianischer Name)
Inola: schwarzer Fuchs (weiblicher indianischer Name)
Godrik: Kraft und Stärke (altengl.), Der in Gott Reiche (althochdt.)
Wilbur: der Willenstarke (althochdt.)
Devaki: schwarz (männlicher indianischer Name)



 

Falki

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Ich find die ganze Geschichte der absolute Hammer :) ein zwei Verbesserungen noch, die ich vornehmen würde, aber dass lass ich dir dann später zukommen ^^
 

Fiete Langohr

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Vielen Dank euch beiden, dass ihr euch die Zeit genommen habt sie zu lesen und es freut mich natürlich um so mehr, dass sie euch sogar gefällt.
 

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