Der König und der Stallbub

Kartoffelpue

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Es war einmal ein König. Wohl ein Sachsenkönig, doch seinen Namen hat die Zeit nicht bewahrt. Auch weiß niemand mehr zu sagen, wann sich diese Geschichte zugetragen hat. Ich weiß nochnichteinmal, ob mir diese Geschichte jemand erzählte oder ob ich sie mir selbst zusammengereimt habe.

Es war also ein König. Ein Weiser und Rechtschaffender dazu. Und dieser König fragte sich, ob denn all das Recht, welches in seinem Namen gesprochen wird, auch wert ist Recht zu heißen. Und da der König nicht nur weise und rechtschaffend, sondern auch klug und listig war ersann er ebend eine List um seinen Richter zu versuchen.

Also ging der König hin und reimte ein Spottlied der Stallbuben, welches eigendlich der Verhöhnung des Stallknechtes diente, um, sodaß es den König beleidigte. Und dieses Spottlied schrieb der König höchst selbst des Nachts an das Tor des Burgfrieds. Mit roter Tünche schrieb er es, gleich wie sie von den Stallbuben zur Behandlung des Zaumzeuges der königlichen Pferde genutzt wurde.
 

Kartoffelpue

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Als man am nächsten Tag den Spottreihm entdeckte gab es ein großes Aufsehen. Viele waren ins Geheim amüsiert über diese Flegeltat. Laut gelacht hat aber Keiner. Das hätte ihn sicher an den Galgen gebracht.

Man fragte den König nun, was denn ob der Unflat, welche über ihm ausgegossen worden sei, zu tun währe. Und der König beauftragte seinen Richter damit den Schuldigen zu ermitteln und entsprechend der Sitten und Gebräuche des Landes zur Rechenschaft zu ziehen.
 

Kartoffelpue

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Nun dauerte es nicht lange, derartige Flegeleien erfreuen sich beim Volk stets großer Beliebtheit, daß auch dem Stallknecht das Verslein zu Ohren kam. Dieser erkannte dahinter den eigendlich ihm geltenden Spottreim der Stallbuben, welchen sie sich stets erzählten wenn sie meinten, daß der Stallknecht es nicht hören würde. Doch so dumm und einfältig, so grob und hässlich der Stallknecht auch war, er hatte gute Ohren. Und so berichtete er dem Richter und verdächtigte seine Stallbuben diesen Frevel begangen zu haben. Da aber der Richter selbst seine Zeit nicht mit den Stallbuben, welche er ohnehin nicht schätzte ob ihrer frechen Art und ihrer schmutzigen Kleidung, vergeuden wollte, beauftragte er den Stallknecht, genau herauszufinden wer es denn gewesen sei. Das ist auch schlüssig und richtig, sind doch die Stallbuben dem Stallknecht zur Fürsorge, Erziehung und Ausbildung anvertraut.
 

Kartoffelpue

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Der Stallknecht aber war, wie alle Stallknechte seiner Zeit, ein zwar starker aber ebenso einfältiger Mann. Und er meinte, daß man die Buben nur recht kräftig schlagen müsse damit sie einmal groß und stark werden. So so rief er einen Buben nach dem anderen zu sich, schlug sie herzhaft und befragte sie, ob sie denn etwas wüßten von der Untat. Einige sagten, sie wüßten nichts, worauf er sie noch herzhafter und kräftiger schlug. Einige meinten aber, es müsse der kleine, der jüngste Stallbub gewesen sein. Schließlich empfand dieser die größte Verachtung für den Knecht. Denn diesen schlug der Knecht besonders gern, und besonders herzhaft und besonders kräftig. Denn er bedürfe ja besonderer Aufmerksamkeit, wenn er einmal groß und kräftig werden solle. Und auch die anderen Stallbuben schlugen den kleinsten und jüngsten, der auch wirklich ein armseliges, schwächliches Bürschchen war, gern und ausdauernd. So linderten sie die Qual der selbst erlittenen Schläge.

So rief der Stallknecht also den kleinsten und jüngten Stallbub zu sich. Und das armuselige Bürschchen, dem noch die Tränen aus den Augen und der Rotz aus der Nase lief - hatten ihn die anderen Stallburschen schließlich wieder kräftig vertrimmt um sich abzureagieren von den ebend erlittenen Schlägen - trat schluchtzend und weinend vor den Stallknecht. Dieser aber schlug ihm kräftig aufs Maul und sagte, er möge sich benehmen wie ein Mann. Und er fragte den armen Bub, was er denn von der Geschichte wisse. Er wisse nichts, sagte dieser. Und da schlug ihn der Stallknecht wieder aufs Maul, so kräftig, das es einen oder mehr Zähne aus dem Gebiß brach. Und er fragte den Jüngsten wieder. Aber dieser sagte nun garnichts mehr.
 

Kartoffelpue

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Also berichtete der Stallknecht dem Richter, daß es der jüngste Stallbub gewesen sei. Und da man an der Kleidung des Buben auch die rote Farbe entdeckte - die man an der Kleidung des Stallknechtes und der der Stallburschen und der der Stallbuben auch hätte gefunden - urteilte der Richter das amselige Häufchen, welches man ihm als Übeltäter vorgebracht hatte ab, daß es möge aufgehängt werden, noch bevor der Mond voll sei, ebend so wie es Sitte und Gebrauch im Königreich war.
 

Kartoffelpue

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Am Tag der Hinrichtung hatte sich eine große Menge auf dem Schinderacker versammelt. Hinrichtungen sind immer ein Volksfest, schließlich braucht an diesem Tag niemand zu arbeiten, vom höchsten Staatsbeamten bis zum armseligen Tagelöhner nicht. Und man wußte ja, wem heute der Hals langgezogen werden sollte. Das Volk war also auch recht begierig darauf zu erfahren, wer denn nun der Freche sei, der den doch eigendlich mittlerweile sehr beliebten - wenn auch stets im Flüsterton von Ohr zu Ohr weitergegebenen - Reim so kühn an den Bergfried geschrieben habe.

Und als man nun den zerlumpten, armseligen Buben vorführte und das Urteil verlas gab es ein großes Hallo. Von überall wurde gerufen. Man möge ihn nur gut aufhängen. Soll doch der Scharfrichter das Seil nicht zu lang machen, man wolle den Bub noch etwas tanzen sehen. Man solle ihn langsam heraufziehen daß er für die Untat auch reichlich büssen werde. So riefen die Leute. Und lachten innerlich doch alle über das Ferslein, welches man nun zuschrieb dem kleinen, armseligen Häufchen, das dort oben völlig zerlumpt vor dem Galgen stand, ja es stand einfach, blickte auf den Boden und sagte nichts. Nochnichteinmal die Hände hatte man ihm gebunden, es würde so oder so nicht weglaufen. War es doch schon beinahe freiwillig dem Scharfrichter auf das Podest gefolgt.
 

Kartoffelpue

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Da trat auch der weise König auf das Podest. Er legte seine Hand zum Zeichen des Schutzes auf den verlausten Kopf des kleinen, armseligen (und auch furchtbar stinkenden) Buben. Und der König beruhigte die Menge mit einem bloßen Handzeichen. Der Richter fragte ihn, ob er denn den Frevler begnadigen wolle. Da sagte der König "Ich kann ihn nicht begnadigen, denn er hat nichts unrechtes getan". Da staunte der Richter und das Volk war verwundert. So sagte der König, daß er diesen Spottreihm höchst selbst an den Bergfried geschrieben habe. Und da erschrak der Richter. Hatte er so leichtfertig ein falsches Urteil gefällt? Und da erschrak der Scharfrichter. Hätte er so leichtfertig einer unschuldigen Seele das Leben genommen? Und auch der Stallknecht erschrak. Würde man jetzt ihn aufhängen, da er ja den falschen Täter angebracht hatte?
 

Kartoffelpue

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Nun, an diesem Tag wurde niemand aufgehängt. Der weise König erkannte, daß seine Richter es nicht vermögen die Wahrheit herauszufinden. Und, daß wohl viele zu unrecht und auf bloße Vermutung hin aufgehängt oder gerädert oder sonst wie zu Tode gebracht worden waren.
 

Kartoffelpue

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Und so verkündete der weise König, daß ab diesem Tage niemand mehr von Rechts wegen und in seinem Namen zu Tode gebracht werden solle, der nicht selbst ein Geständnis abgelegt hätte.

Und weiter richtete er: Der Stallknecht möge geschlagen werden auf sein Maul so kräftig und herzhaft wie er auch den jüngsten der ihm anvertrauten Stallbuben geschlagen hatte. Und den Richter entließ er aus seinem Amt. Dem Scharfrichter aber befahl er, stets zu hinterfragen ob es nicht doch ein Unschuldiger sei, der er zu Tode bringen solle. Und der weise und rechtschaffende König erkannte auch, das es seine und nur seine Tat war, gerechtfertigt oder nicht, die den armseligen Stallbub beinahe das Leben gekostet hätte. Und so ernannte er den Stallbub zum Kavalierzögling, veranlaßte, das man ihn baden und gut pflegen möge, sodaß er bald die Schule besuchen könne und zu einem angesehenen Edelmann ausgebildet werden könne. Und zusätzlich versprach er ihm die Länderreien eines erst kürzlich in Ungnade gefallenen Vasallen. Die waren nicht groß, aber gut geführt und ertragreich. Den Richter setzte er aber als Verwalter ein, daß die Länderreien nicht verfielen bis zu dem Tage als das der Bub ein Edelmann sei und die Verwaltung des Lehens übernehmen könne. Und der König verpflichtete den Richter mit seinem Leben für den Erhalt und die Verbesserung der Länderreien zu sorgen.

Dem Volk aber sagte der König das es ihm aus den Augen gehen möchte. Es solle sich schämen und in schmach und schande an den Tag denken, an dem sie jemanden an den Galgen lobten der angeblich dieses von allen gern gesungene Liedchen angeschrieben habe. Denn auch der König hatte gute Ohren.
 

Kartoffelpue

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Jetzt könnte man meinen, die Geschichte sei gut ausgegangen. Jetzt könnte man sagen: Und alle lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihres Lebens. Aber was wurde aus den Menschen dieser Geschichte?
 

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Nun, der Stallknecht lebte glücklich und zufrieden bis ans Ende seines Lebens. Mann hatte ihm zur Strafe ein par Zähne ausgeschlagen, aber ein Stallknecht verliert häufig Zähne. Und das er jetzt noch ein par Narben mehr im Gesicht hat? Nun, die bedecken seine Hässlichkeit ein wenig. Des Übrigen ist er dumm genug um glücklich das Ende seines Lebens zu erreichen.

Und der Stallbub? Ist aus dem kleinen Häufchen Elend ein Edelmann und Lehner geworden? Hat er den Lehen vieleicht sogar als Grundbesitz erhalten und ist in den Adelsstand aufgstiegen? Nein, das ist er nicht. Möglicher Weise wäre er es geworden, wenn er nicht so ein kleines schwächliches Bürschen gewesen wäre. Er erlebte den Vollmond tatsächlich noch. Aber nur knapp. Schon am nächsten Tage erlag er einer Lungenentzündung die er sich möglicherweise im Kerker geholt hatte. Aber auch da war ja schon kaum noch Leben in der armen Brust gewesen.

Und der Richter, der so leichtfertig geurteilt hatte? Nun, er war mit der Verwaltung des Lehens betraut und kam seinem Auftrag nach. Und er verwaltete den Lehen so gut, daß er diesen noch kurz vor seinem Tod als Länderei übertragen und so aus dem kleinen Staatsbeamten ein Adelsmann wurde und seine Nachkommen eine neue Adelslinie begründeten.

Und was ist aus dem Galgen geworden? Auf dem Schindacker müßte es doch ruhiger geworden sein, sollte man meinen? Keine Sorge, der Galgen und das Rad und der Pfahl und der Hauklotz erfreuen sich noch viele hundert Jahre großer Beliebtheit. Schließlich befragen die Kerkermeister jetzt die Verdächtigen. Und sie befragen sie gut und gründlich. So gut, daß einige auch gestehen, den Herrn Jesus ans Kreuz geschlagen oder mit der Heiligen Jungfrau geschlafen zu haben, nur um endlich hingerichtet zu werden und so ihren Peinigern zu entgehen.

Und was ist aus dem König geworden? Ist er vor Gram vergangen? Nein, das ist er nicht. Er hat gerecht und weise geurteilt. Konnte er dem Stallknecht etwas vorwerfen? Nur, daß er den Buben wohl etwas zu hart geschlagen hat. Aber wie sollen die Buben denn zu kräftigen Burschen werden wenn man sie nicht erzieht? Und dem Richter? Konnte er Ihm etwas vorwerfen? Nun, dachte sich der König, der Richter hat zwar falsch, aber nur auf Basis der Beweise geurteilt. Hatte er sich selbst etwas vorzuwerfen? Nein, schließlich hat er den Buben ja danach mit Reichtum überhäuft. Und das der Bub so schnell verschieden ist war Wille der Götter, da kann der Mensch nichts tun.
 

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