Der Adventskalender-Roman: Tierische Wege

Tyger

Well-Known Member
Wer selbst schreibt, wird das vielleicht kennen - man schreibt etwas, ist hinterher dann doch nicht zufrieden damit und lässt es einfach in der Versenkung verschwinden. Mir ging es mit einem Furry-Roman so, den ich vor etlichen Jahren einmal schrieb; ich fand ihn hinterher einfach zu flach, zu klischeehaft, zu unrund. Nun ja, ich bin eben eher Kurzgeschichtenautor. Als ich letztens noch einmal darauf aufmerksam wurde, fand ich es dann doch ein wenig schade, den Roman komplett untergehen zu lassen und dachte mir: Wenn ich die Welt damit auch nicht gleich in gedruckter Form beglücken muss, kann ich ihn doch allemal online stellen.
Passend zur Jahreszeit gibt es den Roman nun also in Form eines Adventskalenders vom 1. bis zum 22. Dezember - die Sonnenwende ist schließlich am 22. und nicht am 24. Dezember, aber dafür fange ich heute schon an. Ihr dürft natürlich auch gern etwas dazu zwischenrein schreiben.
Also, los gehts!



Tierische Wege
Prolog

Anno 153 Neuer Zeit



Mit rhythmischem Schnaufen bahnte sich das Lokomobil seinen Weg durch die Nacht, rasselnd und quietschend auf acht großen Eisenrädern. Für Augenblicke riss der matte Schein seiner beiden Ölscheinwerfer verdorrtes Dickicht aus dem Dunkel, Steine und Felsbrocken, hier und da auch ein paar bleiche Knochen oder Überreste einer Mauer, die unter den Rädern der schweren Maschine zermalmt wurden. Ein muskulöser Mann mit einem bärenartigen Kopf, dessen freier Oberkörper von dichtem schwarzem Pelz bedeckt war, warf unermüdlich Holzscheite aus dem einachsigen Anhänger in die Feuerluke unter dem Kessel, fütterte die rasenden, dröhnenden Flammen, die im Innern der Maschine tobten. Gelbroter Feuerschein beleuchtete die deutlich ergraute Wolfsschnauze eines weiteren Mannes, der das Lokomobil mittels zweier meterhoher Hebel durch die Finsternis steuerte, den Blick seiner bernsteinfarben blitzenden Augen aufmerksam auf den schwachen Lichtschein vor dem Langkessel der Maschine gerichtet.
„Sie verfolgen uns“, stellte der Heizer fest.
Der Fahrer warf einen kurzen Blick über die Schulter und konnte in der Ferne winzige Lichtpunkte erkennen. „Sie haben kein Fahrzeug mehr“, knurrte er. „Zu Fuß können sie uns nicht einholen.“
„Sie reiten“, sagte der dritte Mann an Bord. „Zu Pferd sind sie schneller als wir.“
Der Fahrer warf auch ihm einen Blick zu. Jener dritte Mann war ein Mensch ohne Tiertyp, mit einem seltsam flachen Gesicht, unterentwickelten Zähnen und fast ohne Behaarung. Um wenigstens diesen Mangel ein wenig auszugleichen, trug er eine dicke Jacke und Hose. Wenn die Überlieferungen stimmten, hatte es früher eine Zeit gegeben, in der alle Menschen so aussahen wie dieser, dem sie in blindem Vertrauen folgten. Und wenn sie nicht stimmten, wenn alles nur Fantasie und Lüge war, ergänzte der Fahrer in Gedanken, dann war das alles hier wahrscheinlich umsonst.
Dröhnend rumpelte die Maschine über Felsbrocken; Dampf zischte pfeifend aus Ventilen und undichten Rohren.
„Du bist krank“, sagte der Fahrer.
Der flachgesichtige Mann war bleich und hatte rote Flecken auf der Haut, ab und zu spuckte er Blut. Mit einem gequälten Lächeln wies er auf den großen Kasten aus schimmerndem Metall, den sie seiner Hitze wegen in die äußerste Ecke des Führerhauses gestellt hatten. Es war nicht die gewöhnliche Hitze, die er ausstrahlte, wie die des Holzfeuers unter dem Kessel; es war das Stille Feuer. Es schien jenem Menschen in erschreckendem Maße zu schaden – ja, selbst eine angenehme stille Wärme machte ihn bereits krank. Dabei fühlte er die Wärme des Stillen Feuers nicht einmal, wie er behauptete, und war so gleich doppelt gefährdet. Obendrein hatte niemand außer ihm jenen Kasten besorgen und in Betrieb setzen können; er hatte ihn jedoch für wichtig genug gehalten, um dafür zu sterben.
„Wofür, sagtest du, ist das Ding gut?“ fragte der Fahrer.
„Der Isotopengenerator? Das alte Wissen wird für lange Zeit in seinem Versteck bleiben müssen. Damit es überhaupt noch jemand findet, wenn es so weit ist, muss es ... nun ja, muss es rufen. Mit einer Stimme, die bis dahin niemand hört.“
Der Fahrer schwieg. Entweder war der Mann ein Weiser, der Dinge verstand, die sich niemandem sonst erschlossen, oder aber ein Narr, der Unsinn redete. Sie beide hatten ihr Leben auf Ersteres gesetzt.
Der Heizer hielt einen Moment inne, schloss die Augen und bleckte die Zähne, dann brummte er: „Es sind sechzehn. Und sie kommen näher.“
„Du kannst das wirklich erkennen? Auf eure Art?“ fragte der Haarlose matt, als wollte er die nagenden Zweifel des Fahrers noch schüren. Die wenigen noch existierenden Menschen ohne Tiertyp hatten auch diese Fähigkeit nicht oder kaum – eigentlich kein Wunder, dass so benachteiligte Wesen ausstarben. Der Weg führte immer steiler aufwärts ins Gebirge und das Lokomobil wurde langsamer, obwohl der Heizer in immer schnellerer Folge Holzstücke durch die Feuerluke warf. Rohrleitungen vibrierten, Zeiger schmutziger Messuhren krochen von links nach rechts, heißes Öl zitterte hinter Sichtgläsern. Die Verfolger kamen allmählich näher; sie waren eine gemischte Gruppe von Menschen mit und ohne Tiertyp. Der Fahrer wusste nicht wirklich, warum sie hinter ihnen her waren, er verstand nicht, wieso ein Teil der Flachgesichtigen sich mit anderen Menschen verbündete, ein anderer Teil sie bekämpfte und ein dritter Teil gemeinsam Selbstmord begangen hatte. Die einen waren verrückt, die anderen hatten Angst, die nächsten nutzten die Gelegenheit für Machtkämpfe. Was ihn mit dem Heizer und dem Flachgesicht vereinte, war vor allem, dass sie mit dem ganzen Irrsinn nichts zu tun haben wollten. Das Vorhaben des Flachgesichtigen schien vernünftig: Er wollte einen Haufen alter Überlieferungen und Dinge, mit denen niemand mehr etwas anzufangen verstand, vor Wahnsinn und Zerstörungswut retten und für bessere Zeiten in Sicherheit bringen, für ferne Nachfahren wohl erst. Der Heizer war ein ungebildeter Mann aus dem Wald, der das Wissen, gerade weil er selbst so wenig davon hatte, als etwas Heiliges betrachtete; deshalb war er dabei. Und natürlich, weil er von der Gesellschaft in den Siedlungen nichts hielt. Bei ihm selbst war das Gegenteil der Fall. Als Schlosser und Maschinist gehörte er zu den Gebildeten und Wohlhabenden, was ihm viel Missgunst einbrachte. Aber dem Traum von besseren Zeiten, für die es etwas zu tun galt, hatte auch er nicht widerstehen können – in welch weiter Ferne jene Zeiten auch liegen mochten. In den letzten zwei Wochen hatten sie unbehelligt Tonnen von Material in die geheimnisvolle Höhle oben in den Bergen bringen können, die in den letzten Jahren der Alten Zeit so etwas wie ein Tempel gewesen sein mochte, doch auf ihrer letzten Fahrt verließ sie das Glück. Sie hatten zu viel Aufsehen erregt.
„Das Holz wird bald alle“, sagte der Heizer.
Das Wasser auch, fügte der Fahrer in Gedanken hinzu. Ohne Zwischenhalt und mit solcher Geschwindigkeit waren sie die Strecke bisher nie gefahren. Rutschend und schlingernd, mit immer wieder durchdrehenden Rädern polterte die rhythmisch schnaufende Maschine auf der schlechten Straße an einem Steilhang entlang; linkerhand gähnte der Abgrund. Aus dem Schlot schossen Funkengarben in den Nachthimmel, Dampfstrahlen hinterließen einen glänzenden Wasserfilm an der rechtsseitigen Felswand. So vorsichtig es mit solcher Geschwindigkeit und im Dunkeln möglich war, steuerte er die Maschine um Haarnadelkurven, Serpentinen hinauf, ab und zu mit dumpfen Dröhnen die Felswand auf der einen Seite streifend und fast über dem Abgrund auf der anderen Seite hängend.
Die Höhle war nicht mehr fern, als der Heizer das letzte Holzstück ins Feuer warf.
„Was nun?“
„Häng den Anhänger ab!“ knurrte der Fahrer.
Der bärenköpfige Mann klappte den Laufsteg nach hinten und begann mit dem Vorschlaghammer den Bolzen aus der Kupplung zu schlagen. Ein Blick aus dem Seitenfenster hinab zeigte die Fackeln der Verfolger auf der Serpentine unter ihnen. Die Kupplung löste sich, der einachsige Anhänger überschlug sich hinter ihnen, donnerte Funken sprühend gegen die Felswand, prallte ab und stürzte von der Straße nach unten auf die Nachhut der Verfolger. Schreie durchdrangen den Lärm der schneller werdenden Maschine. Hoffentlich würde sie das aufhalten. Der Dampfdruck ließ schnell nach, und mehr als hundert Meter vom Eingang der Höhle entfernt kam das Lokomobil schnaufend zum Stehen.
„Los, raus, schnell!“
Zusammen mit dem Heizer packte er den Metallkasten, dessen Stilles Feuer nahezu unerträglich heiß war. Im Unterschied zu den Flachgesichtigen würden die Verbrennungen bei ihm zwar heilen wie jede andere Verbrennung auch, aber er konnte ein Jaulen durch die zusammen gebissenen Zähne nicht unterdrücken. Der Flachgesichtige konnte sich selbst kaum auf den Beinen halten; er war jedoch der Einzige, der wusste, wie der Kasten in der Höhle mit verschiedenen anderen Dingen zu verbinden war. Und jemand würde die Pulverfässer zünden müssen, um den Höhleneingang zum Einsturz zu bringen. Sie rannten in die Höhle, in der sie ein Öllicht hatten brennen lassen und setzten ihre Last ab.
„Wo ist ..? Oh, verflucht!“
Der Flachgesichtige war neben dem Lokomobil zusammengebrochen; die Fackeln der Verfolger hatten ihn fast erreicht, Hufschlag hallte in vielfachen Echos von den Bergen wider.
Der Bären- und der Wolfsmensch stießen gleichzeitig ein lautes Gebrüll aus und rannten auf den am Boden Liegenden zu, Pfeile zischten an ihnen vorüber, Schüsse krachten. Sie selbst hatten keine Waffen bei sich. Während sein Gefährte den Mann zur Höhle schleppte, sprang der Fahrer auf das Trittbrett des Lokomobils, von dem ihn ein heftiger Schlag fast wieder herab stieß. Einen Augenblick später wurde ihm bewusst, dass ein Pfeil seine Brust durchbohrt hatte; Blut tränkte sein Fell, ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Körper aus und ein jäher Hustenreiz wurde mit jedem Atemzug stärker. Er zog sich zum Führerstand hinauf und löste die Bremse, ein zweiter Pfeil traf seine linke Schulter. Langsam begann die Maschine rückwärts zu rollen, keine Ausweichmöglichkeit auf der schmalen Straße lassend. Sein linker Arm hing kraftlos herab und er versuchte das Fahrzeug, so gut es ging, einhändig zu lenken. Unter den Verfolgern herrschte plötzlich das Chaos, die vorderen drängten zurück, die hinteren begriffen nicht, was geschah, das eiserne Heck des Lokomobils prallte gegen Pferde und Reiter, die schwere Maschine zermalmte Fleisch und Knochen unter sich, Blut spritzte bis in den Führerstand hinauf, ein Pferd sprang samt Reiter mit schrillem Wiehern in den Abgrund. Die Maschine wurde schneller und schneller, während der Fahrer nichts dagegen tun konnte, dass ihn die Kraft verließ. Seine Hand löste sich vom Steuerhebel und er rutschte an der eisernen Wand herab, sich im Fallen instinktiv am Signalhebel festhaltend. Mit laut dröhnendem Horn stieß die führerlos abwärts rasende Maschine einen langgezogenen Todesschrei aus und stürzte die Felswand hinab, auf die darunter liegende Serpentine, wo sich die letzten Überlebenden der Verfolger bereits gerettet glaubten, und nach dem Aufprall schließlich weiter hinab, einen Meteorschweif von Feuer nach sich ziehend bis zum donnernden Aufschlag in der Tiefe.
Eine Stunde später ließ ein zweiter, noch lauterer Donner den Boden erbeben, und ein Steinschlag verschüttete den Eingang der Höhle.
 

Fiete Langohr

Well-Known Member
Nach dem spannenden Prolog freue ich mich auf weitere Teile des Romans. Meine Neugier und mein Interesse an der Geschichte sind jedenfalls geweckt :-D
 

Tyger

Well-Known Member
Freut mich, dass es Dir gefällt Fiete! Dann mache ich doch gleich das heutige Fensterchen auf:



Erstes Buch

Anno 1211 Neuer Zeit


Ragan LD Wildbach schaute aus dem Fenster seiner Wohnung auf die sonnenbeschienene Uferpromenade von Oberkalkstadt. Ein farbenfroh bemalter Dampfomnibus schnaufte die Straße entlang, zwei entgegen kommende Reiter wichen ihm aus. An einem kleinen Verkaufsstand vor einer hellen Mauer, an der sich Weinreben empor rankten, verkaufte jemand Gebackenes, dessen Duft den Frühsommertag durchzog und den Rauch- und Pferdegeruch des Verkehrs versüßte. Am Flussufer saß ein Pärchen und schaute einer vorüber dampfenden Barkasse nach. Soweit Ragan das erkennen konnte, war sie von canidem Typ, während er eher zu den Feliden zu gehören schien – also nicht gerade die Art von Beziehung, aus der Nachkommen entstehen konnten. Ragan selbst gehörte ebenfalls zu den Feliden; seine Familie war sogar stolz auf ihren Leopardentyp und darauf, ein LD statt eines F im Namen zu führen.
Ein protziger Dampfwagen, an dem reichlich poliertes Messing in der Sonne blinkte, näherte sich und hielt neben der verschnörkelten Gaslaterne direkt vor der Tür. Mit einem Seufzen trat Ragan vom Fenster zurück und war nicht sicher, ob er sich über den Besuch freuen sollte, denn in dem Wagen hatte er den seines Vaters erkannt. Er warf sich eine graue Weste über, obwohl er sich mit freiem Oberkörper wohler fühlte – wer sein Fell pflegte, brauchte keine Kleidung, wie er fand. Die Glocke läutete und er ging die Treppe hinab. Sein Vater, ein hochgewachsener Mann mit bemerkenswert einseitig gemusterten Gesichtsfell, begrüßte ihn mit einem kurzen Zucken der Ohren sowie den üblichen Floskeln und folgte ihm die Treppe hinauf. Obwohl Rawn LD Wildbach schon mehr als einmal in der Wohnung seines Sohnes gewesen war, ließ er einen langen Blick über den Tisch, die wenigen Stühle, den einzigen Schrank und Ragans schlichte graue Kleidung schweifen, worauf er die übliche ebenso provokativ wie ehrlich gemeinte Frage stellte: „Brauchst du mehr Geld?“
„Sieht es so aus, als ginge es mir schlecht?“
„Ja.“
Ragan wusste, dass er derjenige in der Familie war, der es zu nichts brachte, mit dem nichts anzufangen war. Seine beiden Schwestern waren diejenigen, die die elterlichen Fabriken übernehmen würden, während er sich als Kind schon entschlossen hatte, Priester zu werden. Er hatte die Priesterschule so gut wie abgeschlossen, mehr oder weniger, aber Priester war er nicht geworden. Später hatte er, nur um überhaupt etwas zu tun, zwei Jahre auf das Studium der Nautik verwandt und war auf einem Flussdampfer gefahren. Eigentlich könnte er einen solchen jetzt sogar als Kapitän führen, wenn er das wollte. Aber er hatte sich etwas anderes darunter vorgestellt als die immer gleichen Fahrten flussauf und flussab, zu immer gleichen Häfen, wobei der Wechsel zwischen Hoch- und Niedrigwasser die einzige Abwechslung bot. Ein Geschäft letztlich, das nicht wesentlich interessanter war als die Führung der elterlichen Fabriken. Inzwischen war er 27 Jahre alt und tat – nun ja, derzeit eigentlich gar nichts. Nun versuchte ihn sein Vater wenigstens zu einer Größe unter den Müßiggängern zu machen, einem Glanzlicht der Gesellschaft, besorgte ihm Einladungen zu allen wichtigen und spektakulären Anlässen – nur lag ihm das noch viel weniger als alles andere. Irgendwie brachte er es fertig, selbst als Müßiggänger zu versagen.
„Hast du je daran gedacht, dass es besser für mich sein könnte, wenn du mir nicht jeden Stein aus dem Weg räumst?“
Wieder zuckte Rawn LD Wildbach mit den Ohren und meinte: „Das Thema hatten wir schon oft genug. Ich bin nicht gekommen, um zu streiten.“ Er zog einen Brief aus seiner eleganten Gürteltasche hervor und machte eine vage Handbewegung zu Ragans Bücherregal. „Wie ich weiß, interessierst du dich für Geschichte und kennst die alten Sprachen. Das hier ist eine Depesche aus dem Lichthaus, die irgendjemand für wichtig genug hielt, um sie als allgemeine Nachricht durchzugeben. Sie wird morgen sogar in der Zeitung stehen.“
Die Nachricht besagte, dass eine „mystische Maschine“ aus alter Zeit, die im Parlament von Eisenfeld ausgestellt war, plötzlich zu arbeiten begonnen habe und „unverständliche Zeichen“ anzeigte.
„Sie suchen jemanden, der darin eine Bedeutung erkennen kann. Du als so etwas wie ein Priester könntest es ja immerhin versuchen. Deine Mutter meinte, dass dich das interessieren könnte.“
Ragan räusperte sich: „Wenn du versprichst, nicht jemanden mitzuschicken, der die Aufgabe für mich löst ...“
Sein Vater stieß ein säuerliches Lachen aus. „Einverstanden – wenn du mir dafür versprichst, dich nicht verschämt in einem Mauseloch zu verkriechen, wenn du es schaffst.“
Ragan musste zugeben, dass die Nachricht nicht uninteressant war; dem nachzugehen war jedenfalls besser als zu Hause herumzuhängen, Nächte über philosophischen Diskussionen mit Freunden zu verbringen, die sich stets wiederholten und zu nichts führten, und sich noch immer zu fragen, was er mit seinem Leben eigentlich anfangen sollte. Zumindest war es eine Ablenkung.
Bevor Rawn LD Wildbach sich verabschiedete, fragte er wie nebenher: „Wie geht es eigentlich Esga?“
Diesmal lachte Ragan. „Keine Ahnung; wir haben uns vor Wochen schon getrennt.“
Esga war eine Frau von H-Typ – Hybrid, mit rotbraunem Fell und einem blauen und einem braunen Auge. Ob er mit ihr hätte Kinder haben können, war völlig ungewiss (was ihm egal war, weil er dergleichen keineswegs plante), aber wenn, dann wäre es mit dem schönen reinen LD-Typ in der Ahnenreihe natürlich aus gewesen. Also war sie die schlimmstmögliche Wahl sowohl im Vergleich zu einer feliden Frau, mit der der LD-Typ mit ein wenig Glück erhalten werden konnte als auch im Vergleich zu Frauen ganz anderen Typs, mit denen garantiert keine Fortpflanzung klappen würde. Nicht aus Ragans Sicht natürlich, der den Familienstolz auf den Leopardentyp albern und snobistisch fand – aber Rawn LD Wildbach war entsetzt gewesen. Er selbst hatte großen Wert darauf gelegt, dass seine beiden Frauen, sowohl Ragans Mutter als auch die seiner beiden Schwestern, von reinem Leopardentyp waren, und man erzählte sich, er hätte nur deshalb keine dritte Frau, weil dieser Typ einfach zu selten sei. Ragan wusste, dass das stimmte.
„Wenn es darum ging, hättest du dir den Weg sparen können.“
„Habe ich schon wieder etwas falsch gemacht?“
„Nein.“ Ragan schüttelte den Kopf und bemühte sich um ein Lächeln. „Danke für die Nachricht.“


Die Fahrt nach Eisenfeld


Noch am selben Abend ging Ragan an Bord des Dampfers DORRENGA. Zwar führte eine gute Straße nach Eisenfeld, es gab eine Dampfbusverbindung und der Mietstall befand sich gleich hinter der nächsten Ecke, aber er hatte sich dennoch für die anderthalb Tage dauernde Reise per Schiff entschieden. Der quietschende rostige Hafenkran war dabei, den noch rostigeren kleinen Dampfer zu beladen, als Ragan über die Planke schritt und das Fahrgeld direkt an den Kapitän zahlte. Der Kapitän war ein untersetzter korpulenter Mann von sehr unbestimmtem Typ (ein wenig erinnerte er an eine Hyäne), er trug eine offene Jacke über seinem struppigen Fell und sah eher aus wie ein Krämer denn wie ein Kapitän.
„Willkommen an Bord. Kabine Nummer drei, achtern“, sagte er kurz angebunden.
Ragan hängte sich seine Reisetasche über die Schulter und ging über das schmuddelige Deck, in sich hinein grinsend bei dem Gedanken, dass jeder andere aus seiner Familie auf ein besseres Schiff gewartet hätte statt mit der DORRENGA zu fahren – selbst wenn es Tage gedauert hätte. Die Mannschaft schien nur aus fünf oder sechs Leuten zu bestehen, die jedoch Lärm für zehn machten. Passagiere waren ebenfalls nur eine Handvoll an Bord, dafür transportierte das Schiff reichlich Ladung und lag tief im Wasser. Ragan lehnte sich über die Reling, um das Ablegen zu beobachten.
„Alle an Bord!“ brüllte der Kapitän durch einen Sprechtrichter und ließ die Dampfpfeife dröhnen. „Alles an Bord, wir legen ab!“ Wieder dröhnte das Signal.
Jemand lachte leise neben Ragan. „Weit und breit ist niemand zu sehen außer den beiden alten Damen da drüben auf der Bank. Glaubt er, dass die jetzt noch schnell an Bord gesprungen kommen?“
Ragan wandte sich dem Mann neben ihm zu und stimmte in dessen amüsiertes Lachen ein. Da er sich mit der Schifffahrt auskannte, erschien ihm alles auf diesem Schiff doppelt grotesk – es war so weit von allem entfernt, was er bei seinen Fahrten auf der sauberen, von seinem Vater für ihn ausgesuchten BIBER gelernt hatte.
„Ich bin Merrow“, stellte sich der andere vor, „Merrow Gaukler.“
„Ich bin Ragan LD Wildbach.“ Und etwas überrascht setzte er hinzu: „Du bist RC, nicht wahr?“
Der junge Mann, der kaum älter als achtzehn sein konnte, lächelte breit. „Kaum zu übersehen, der Waschbär, nicht wahr? Bin aber der einzige in meiner Familie, alle anderen sind einfach ursin oder hybrid. Eine Rückzüchtung, sagt der Doktor, so etwas kommt vor. Hast du dir deine Kabine schon angesehen?“
„Nein, ich bin gerade auf dem Weg dahin.“
„Die sind richtig luxuriös, mit Türen, die manchmal sogar schließen und fast ohne Kakerlaken, denn die haben die Ratten alle gefressen.“ Er lachte lauthals und klopfte Ragan auf die Schulter. „Keine Angst, das war nur ein Witz!“ Dann prustete er noch lauter die Pointe heraus: „So viel können Ratten nämlich gar nicht fressen!“
„Bist du schon länger an Bord?“
„Seit gestern, ich komme aus Felsenberg.“
Die Kabine war nicht so schlimm wie befürchtet, und Ragan konnte keine einzige Kakerlake entdecken. Lediglich das rhythmische Rauschen und Plätschern des großen Schaufelrades am Heck drang unangenehm laut durch das schlecht schließende Fenster und die Maschine ließ die Planken unter ihm vibrieren. Es begann zu dämmern, draußen läutete jemand eine Glocke und brüllte, dass das Abendessen fertig sei.
 

Tyger

Well-Known Member
Ich bin gerade auf eine Längenbegrenzung für Beiträge gestoßen und muss den Text deshalb aufteilen.


Die erwachte Maschine


Am Morgen des zweiten Reisetages kam Eisenfeld in Sicht. Ragan wusch sich nach dem Aufstehen in einem aus dem Fluss geschöpften Eimer Wasser an Deck, wie das auf diesem Schiff üblich war.
„Donnerwetter“, brummte ein Mann von ursinem Typ, der zum ersten Mal nach Eisenfeld kam. „So groß hatte ich mir das nicht vorgestellt. Wie soll sich einer da zurechtfinden?“
So weit man sehen konnte, erstreckte sich eine Vielzahl von vier-, fünf- und noch mehrstöckigen Häusern, überragt von qualmenden Schloten und eisernen Türmen. Brücken schwangen sich durch die Stadt und über den Fluss, ganze Bündel von Rohrleitungen zogen sich zwischen den Gebäuden hindurch und emsiger Dampfwagenverkehr rollte durch die Straßen, in denen kaum Pferde zu sehen waren. Die Stadt hatte weit über einhunderttausend Einwohner und bot einen fast schon erschreckenden Kontrast zu dem beschaulichen Oberkalkstadt. Die vorherrschenden Farben waren hier nicht weiß und grün, sondern grau und rostbraun, und ein allgegenwärtiger Geruch nach Rauch lag in der Luft.
In weitem Bogen schwenkte die DORRENGA in einen Seitenarm des Flusses ein, ließ ihr Horn dröhnen und verlangsamte die Fahrt. Weit vor ihnen wurde eine niedrige Brücke nach oben geklappt, so dass der Dampfer die Hafeneinfahrt passieren konnte.
Am Ufer schnaufte eine Lokomotive mit zwei Anhängern vorüber, Kräne drehten sich rasselnd und quietschend und eine Seilbahn beförderte Schüttgut über die Köpfe zumeist canider Hafenarbeiter hinweg, die einander Unverständliches zu bellten. Rumpelnd legte der kleine Dampfer an der Kaimauer an, Seilwinden knarrten, Ketten klirrten, ein Hafenbeamter kam auf einem Fahrrad herbei geradelt.
„Findest du von hier aus zum Parlament?“ fragte Merrow.
„Ich hoffe doch“, erwiderte Ragan unsicher. Seine letzte Reise nach Eisenfeld lag drei Jahre zurück.
„Wie wär's, wenn ich dich hin führe? Ich kenne mich aus, habe Verwandte hier, die alle halben Jahre einen Besuch erwarten.“
Ragan nahm das Angebot dankbar an; während der Reise hatte er sich mit dem Jungen angefreundet und fand inzwischen nicht nur dessen freundliches Waschbärgesicht, sondern auch seine offene und alberne Art sympathisch.
„Gehen wir zu Fuß oder hast du es eilig?“
„Zu Fuß.“ Sie beide reisten mit leichtem Gepäck und trugen jeder lediglich eine Reisetasche an einem Schulterriemen. „Wie kämen wir denn sonst noch hin?“
„Mit dem Einspurwagen.“ Merrow wies auf einen dicken eisernen Balken in der Mitte der Straße, auf dem ein doppelstöckiger Dampfwagen entlang fuhr, den Fahrbalken umfassend. „Und ob du es glaubst oder nicht, hier am Hafen kann man sich sogar ein Pferd mieten.“
„Ich dachte schon, Pferde seien in dieser Stadt unbekannt.“
Ragan nahm die Atmosphäre von Eisenfeld in sich auf, den Verkehr auf dem breiten Boulevard, die Rufe der Straßenhändler, die Gerüche von Essen, Rauch und Maschinenöl und die Musik der Straßenmusikanten, die auf Gitarren oder kleinen, aber lauten Dampforgeln spielten. Ihm fiel auf, dass die zumeist wohlgenährten Bewohner der Stadt ein schlechtes Fell hatten und dafür umso mehr Kleidung trugen.
„Sag mal, diese mystische Maschine, von der du gesprochen hast“, begann Merrow mit einem neugierigen Blick. „Das ist etwas von ganz früher, nicht wahr? Aus der Zeit vor der Zeitrechnung?“
„Auch damals hatten sie eine Zeitrechnung; die ist heute nur vergessen. Sie soll zu dem Zeitpunkt begonnen haben, als sie einen ihrer Götter oder Propheten schlachteten, weil er sich in ein Schaf verwandelt hatte.“
„Ich dachte, damals hatten die Menschen noch gar keinen Tiertyp?“
„Die Menschen nicht, aber die Götter schon, einige zumindest.“
„Tatsächlich? Das muss ein interessantes Zeitalter gewesen sein!“ Der junge Mann mit dem Waschbärgesicht machte den Eindruck, als würde er vor Aufregung gleich von einem Bein auf das andere zu springen beginnen wie ein kleines Kind; Ragan unterdrückte ein Lachen und kam ihm zuvor: „Wenn du willst, kannst du mitkommen und dir das Ding selbst ansehen. Es braucht ja keiner zu wissen, dass du davon nichts verstehst.“
„Oh, das ist großartig! Weißt du, ich habe schon so viel von diesem alten Zeug gesehen, aber noch nie etwas, das noch funktioniert! Und du meinst, die lassen dich da einfach so heran?“
„Nun, ich habe eine Priesterschule absolviert, jedenfalls so gut wie, und ich kenne die alten Sprachen. Sie können mein Wissen prüfen, indem sie mir Fragen stellen.“
Schließlich erreichten sie das Parlament von Eisenfeld, einen Bau aus dunkelgrauem Stein, der von geringer Schönheit, aber beachtlicher Größe war. Sie stiegen die Freitreppe hinauf und traten zwischen zwei mächtigen Pfeilern auf das Eingangsportal zu, über dem ein steinerner Löwenkopf angebracht war, der würdig auf sie herab sah; eine Inschrift tat kund, dass es sich dabei um den ersten König von Eisenfeld handelte.
„Ein König?“ fragte Ragan. „Ich dachte, hier regiert ein Parlament?“
„Der König wird alle fünf Jahre neu gewählt“, erwiderte Merrow. „Woanders würde man ihn wohl Oberbürgermeister nennen.“ Kichernd setzte er hinzu: „Aber wir sind hier in Eisenfeld!“
Im Foyer des Parlamentsgebäudes befand sich das Anmeldebüro genau gegenüber des Eingangs, ein abgegriffenes hölzernes Geländer mit kunstvoll gedrehten Sprossen leitete einen Besucher geradewegs hin. Hinter dem Schalter saß eine dickliche Frau von Dachstyp, die ihnen schläfrig entgegen sah und die Kleidung der beiden Besucher abschätzend musterte, Ragans kurze Hose und die offene graue Weste sowie Merrows grüne Hose und sein rot gemustertes Hemd, das deutlich zu weit geraten war.
Ragan stellte sich vor und noch bevor er sein Anliegen vorbringen konnte, sagte die Beamtin, nun plötzlich wacher und mit freundlicherem Blick: „Oh ja, Ragan LD Wildbach, du bist angemeldet.“
„Angemeldet?“
Die Frau blinzelte irritiert. „Von deinem Vater, Rawn LD Wildbach, per Lichtdepesche.“
Ragan knurrte unhörbar in sich hinein. Wieso hatte sich nicht eine Nebelbank zwischen zwei Lichthäuser legen können, die kein Signalfeuer durchdrang, oder eine Signalblende sich verklemmen?
„Ja, natürlich“, sagte er.
„Und was ist dein Anliegen?“ wandte sie sich, weniger zuvorkommend, an Merrow.
Ragan bemühte sich um ein bestürztes Gesicht: „Du meinst, er wurde in der Depesche nicht erwähnt? Das ist mein wichtigster Gehilfe, Merrow RC...“ Verdammt, wie hieß er doch gleich?
Merrow sprang schnell ein: „Merrow RC Gaukler.“
„Gaukler?“
„Ja, Gaukler.“
Die Beamtin räusperte sich und strich über den weißen Fellstreifen ihres Gesichts. „Ähm ... ja, also gut. Ich werde veranlassen, dass euch jemand zu der Maschine führt.“
Sie beugte sich über den silbern schimmernden Trichter einer Sprachröhre und redete ein paar Worte hinein, blechern scheppernd hallte eine kurze Antwort zurück.
Kurz darauf erschien ein hochgewachsener junger Mann von hybridem Typ mit dunkelgrauem Fell, welcher derart mager war, dass er beinahe spinnenhaft wirkte.
Er stellte sich als Elgif H und irgendetwas Unverständliches vor; weder Ragan noch Merrow fragten nach, sondern folgten ihm einfach. Sie stiegen Teppich bespannte Treppen hinauf, Etage um Etage, kamen an Türen vorüber, aus denen das Klappern von Schreibmaschinen hallte, vorbei an goldglänzenden Hinweisschildern und Akten tragenden Beamten, bis sie schließlich das Dachgeschoss erreichten. Durch einen Flur von majestätischer Höhe, der mit Gemälden und Statuen verstorbener Politiker geschmückt war, erreichten sie eine Rotunde, über der sich eine verglaste Kuppel wölbte, durch die Tageslicht herein flutete. In zahlreichen Vitrinen war ein Sammelsurium von allem ausgestellt, was in Eisenfeld von besonderer Wichtigkeit oder wichtiger Besonderheit war: Handgeschriebene Urkunden und Tafeln, in Formalin eingelegte Missgeburten, ein ausgestopftes zweiköpfiges Kalb, Edelsteine und mystische Technik.
„Nur an wenigen Tagen im Jahr hat die Öffentlichkeit hier Zugang“, erklärte der junge Beamte bedeutsam, dessen ebenso laute wie undeutliche Stimme und laut trapsende Schritte die geheimnisvolle Atmosphäre wirkungsvoll zerstörten.
„Oh... wir fühlen uns geehrt“, fühlte sich Merrow verpflichtet zu sagen, während Ragan fragte: „Wo ist die Maschine, um die es geht?“
Der Beamte ging zu einem großen unscheinbaren Klotz von mattem Grau, in den ein paar ebenso matte Scheiben eingelassen waren. Einige Knöpfe waren erkennbar und kleine Kalotten, durch die vermutlich Lichter leuchten sollten. Nach oben ragte ein dicker Stab aus dem Gehäuse und schwach, kaum wahrnehmbar, strahlte der Kasten die Wärme des Stillen Feuers ab.
„Da tut sich nichts“, stellte Ragan fest.
„Nein“, sagte der Beamte. „Seit einigen Tagen nicht mehr. Ende des letzten Monats begann eine Lampe an der Maschine rot zu leuchten, diese hier.“ Er zeigte mit seinem langen Finger auf eine der gläsernen Wölbungen. „Dann erschien in einem der Fenster Schrift, ganz matt, nur zu erkennen, wenn man sehr genau hin schaute. Die Schrift blieb ein paar Tage da stehen und veränderte sich ab und zu. Ich halte seitdem Wache davor und protokolliere alles.“ Er reichte Ragan ein Notizbuch und erklärte stolz: „Die Buchstaben der alten Schrift kenne ich nämlich. Allerdings schien immer ein Teil zu fehlen; es sieht aus, als wäre das Fenster kaputt. Einmal hat die Maschine sogar gesprochen, aber davon habe ich nichts verstanden; es hörte sich so an, als ob ...“ Er suchte nach einem passenden Wort und fuhr dann fort: „Als ob das Sprechwerkzeug auch kaputt wäre.“
Ragan legte das Notizbuch auf den Kasten und schlug es auf. Der junge Beamte schien sorgfältig abgeschrieben zu haben; viele einzelne Worte erkannte er auf Anhieb und sie waren auch richtig geschrieben, aber Ragan konnte keinen Sinn darin erkennen.
„Das muss ich mir abschreiben“, meinte er.
Während der Beamte davon eilte, um Schreibzeug zu holen, meinte Merrow mit enttäuschtem Blick: „Schade! Kannst du denn mit dem Schrieb wenigstens etwas anfangen?“
Ragan zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht ... da sind viele Zahlen drin und auch Worte, die ich nicht kenne, außerdem fehlt tatsächlich immer ein Stück.“
„Spürst du das Stille Feuer? Ich habe gehört, dass die Altvorderen davon krank wurden; wieso haben sie dann ..?“
Ragan wies auf ein auffälliges dreiflügeliges Zeichen, das in verblichenem Gelb den grauen Kasten schmückte. „Dieses Amulett haben sie angebracht, um sich davor zu schützen.“
„Und das hat geholfen?“
„Keine Ahnung.“
Eine Stunde später war Ragan fertig mit der Abschrift der Notizen und der Beamte führte sie wieder hinab in die Eingangshalle, in der jetzt das Rattern einer großen Rechenmaschine widerhallte.
„Und?“ fragte Merrow. „Was hast du nun vor?“
„Ich weiß nicht; ich denke, ich suche mir einen ruhigen Ort, an dem ich über den Text nachdenken kann. Dann werde ich mich nach einer Herberge umsehen; ich will ein paar Tage bleiben und mir die Stadt ansehen, wenn ich schon einmal hier bin. Vielleicht gibt es in den nächsten Tagen auch noch etwas Neues von der Maschine.“
„Aber du kannst doch bei uns wohnen!“ rief Merrow aufgeregt. „Tante Daya wird sich freuen, und Onkel Jark natürlich auch!“
„Bist du sicher?“ Tatsächlich war Ragan froh über das Angebot seines neuen Freundes, denn als einen solchen betrachtete er Merrow inzwischen.
„Aber ja! Komm, wir nehmen den Einspurwagen, es ist ziemlich weit!“
Im Laufschritt erreichten sie den doppelstöckigen Wagen, der soeben quietschend unter einer Reihe von Parkbäumen anhielt.


Reisepläne


Ragan saß auf einer Bank in dem mit roten Ziegelsteinen gepflasterten Hof. Über ihm breitete ein Apfelbaum seine Äste aus, auf dem prächtige bunte Raupen gediehen – um die Äpfel dagegen war es schlechter bestellt. Daya H Steinbrecher war eine füllige, laute und fröhliche Frau, die sich tatsächlich darüber gefreut hatte, dass ihr Neffe einen Gast mitbrachte, und noch mehr natürlich über Merrow selbst. Durch Daya hatte Ragan in den letzten paar Stunden mehr über Merrow erfahren als in den letzten zwei Tagen: Dass er soeben eine Schule für Maschinen- und Gerätebau beendet hatte und eine Zeitlang mit Onkel Jark zusammen arbeiten wollte, um auch von ihm etwas zu lernen, dass er gerne reiste, aber höchstens alle halben Jahre zu Onkel und Tante kam, dass Onkel Jark, Dayas Mann, der eigentlich Jarkon hieß, Metallgräber war ...
Ragan hatte sich schließlich in den ruhigen Hof zurückgezogen und versuchte, den abgeschriebenen Text zu verstehen. Zwar hatte er keinerlei Wörterbücher zur Hand, aber die Sprache war eine der damals geläufigen, die er recht gut beherrschte. Einige der teils unvollständigen Sätze schienen nur zu besagen, dass die Maschine lief und was sie eigentlich tat – was auch immer das sein mochte. Worte wie „Empfang“ und „Übermittlung“ tauchten auf, es war die Rede von Rufen, automatischen Meldungen, Antworten und Positionsangaben. Positionsangaben – um solche handelte es sich offenbar bei den meisten der Zahlen. Das war interessant, denn die Mathematik hatte sich in den letzten tausend Jahren nicht geändert und auch die Art der Welteinteilung in Breiten- und Längengrade war noch immer dieselbe wie in der Alten Zeit. Jetzt brauchte er eine Weltkarte, bezweifelte jedoch, dass die Steinbrechers eine solche besaßen.
Er schaute auf und blinzelte durch die Zweige des Apfelbaums in die tief stehende Sonne, die gleich hinter dem Nachbarhaus verschwinden würde. Von irgendwoher drang quäkende Musik aus einem Automaten, begleitet von der Stimme einer Sängerin, dazwischen das lauter werdende Schnaufen und Scheppern eines sich nähernden Fahrzeugs. Vor dem offenen Tor der Einfahrt liefen ein paar Kinder beiseite und ein betagtes dreirädriges Vehikel bog dampfend in den Hof ein; es war ein kleiner offener Lastwagen mit einem Schlot, der direkt neben dem auf einem Sattel sitzenden Fahrer aufragte. Hinter ihm befand sich eine Ladefläche, die einen großen Haufen Schrott trug.
„Onkel Jark!“
Augenblicke später umarmten sich Merrow und der Fahrer des Vehikels, und Daya rief aus dem Fenster, dass der Badeofen angeheizt und das Abendessen bald fertig sei. Ragan wurde dem Onkel vorgestellt, der eine Arbeitshose, eine Schirmmütze und mindestens ein Kilo grauen Staubes im Fell trug, und die Ruhe des Nachmittags war beendet.
Während des Abendessens erfuhr Ragan, dass Dayas Mann nicht jeden Tag von der Arbeit nach Hause kam, sondern oft „draußen“ übernachtete, bis sich eine Fahrt lohnte. Ragan sollte ihn doch unbedingt einmal begleiten, um sich seine interessante Arbeit anzusehen – er würde doch hoffentlich eine Weile bleiben? Daya und Jark empfingen gern Gäste, da sie keine Kinder hatten, was sie beide nicht verstehen konnten, wie Daya betonte, da sie doch beide Hybrid-Typen seien.
An dieser Stelle musste sich Ragan ein Lachen verkneifen, denn die beiden hätten kaum unterschiedlicher sein können. Sie war groß, hatte eine auffallend stumpfe Schnauze und ein in verschiedenen Tönen geschecktes Fell, während er ein gutes Stück kleiner war und eine enorm lange Schnauze sowie Augen mit Schlitzpupillen hatte; sein Fell war von durchgehend dunkelgrauer Farbe. Während sich bei ihm noch einigermaßen deutlich ein Fuchstyp erahnen ließ, war Daya schlichtweg einzigartig und ähnelte nichts und niemandem sonst.
Beim Nachtisch ging es um die Sache mit der mystischen Maschine – interessant, so etwas, ob er denn den Text schon entschlüsselt habe? Aber ja, eine Weltkarte musste man doch im Hause haben, die Steinbrechers besaßen sogar einen dicken Atlas! Einen heißen Kräuterwein zur Verdauung? Wenn er sich für Technik aus dem Altertum interessierte, sollte er auf jeden Fall einmal Jark zur Arbeit begleiten, aber welchen Ort bezeichneten denn nun die Koordinaten? Und was sollte dort überhaupt sein? Oh, natürlich ging das nicht so schnell, aber vielleicht bis morgen zum Frühstück? Weil Jark doch dann wieder fort musste, seine Ausbeute verkaufen und wieder hinaus ...
Als sich Ragan mit Merrow ins Gästezimmer zurückzog, den dicken Atlas unter dem Arm tragend, atmete er auf.
„Du bist kein Familienmensch, stimmts?“ fragte Merrow und entzündete die Öllampe, obwohl noch Helligkeit von draußen in den Raum fiel. „Der Abend war dir zu hektisch, nicht wahr?“
„Sagen wir, ich bin ruhigere Töne gewohnt; in unserer Familie geht es entweder leise zu oder es fliegen die Fetzen. Ich hoffe, ich habe nicht die Stimmung verdorben?“
„Aber nein!“ Merrow entkleidete sich und machte sich auf den Weg ins Badezimmer. In der Tür hielt er noch einmal inne. „Sag mal – machst du dich jetzt an die Arbeit mit der Karte? Weißt du, ich bin wirklich neugierig ...“
„Schon klar, ich auch! Ich denke, länger als eine halbe Stunde werde ich nicht brauchen.“
Als Merrow schließlich mit feuchtem Fell aus dem Bad zurückkehrte, sah Ragan vom Tisch auf, wo der Atlas und seine Abschrift im Licht der blakenden Öllampe lagen.
„Ich habe die Orte“, verkündete er. „Aber ich weiß nicht, was dort zu finden sein soll.“
Merrow beugte sich über Ragans Skizze. „Dieser eine Punkt, der ist in Tempelstadt, gar nicht so weit von hier entfernt.“
Ragan nickte. „Ich weiß. Das ist seltsam – ich war dort in der Priesterschule. Der zweite Ort ist weiter entfernt, zwei-, dreitausend Kilometer ungefähr. Er befindet sich auf einer kleinen Insel, die wahrscheinlich nicht einmal bewohnt ist. Der dritte ist noch weiter weg und liegt mitten in der Wüste. Nun frage ich mich, was diese drei Orte gemeinsam haben.“
Merrow ließ sich auf sein Bett fallen und meinte: „Weißt du, die Idee ist vielleicht verrückt – aber wenn wir nun an einen der Orte reisen und nachsehen würden? Nicht, dass ich mir große Reisen wirklich leisten könnte, aber ich weiß, wo wir billige alte Pferde her kriegen könnten.“
Ich kann uns eine ganze Herde bester Rennpferde kaufen, wenn es sein muss, dachte Ragan. Aber wieso eigentlich nicht? Die Reise mochte eine Enttäuschung werden, aber etwas Besseres hatte er ohnehin nicht zu tun. Immerhin wäre es eine Gelegenheit, sich eine Weile vorzumachen, er würde endlich etwas Sinnvolles mit seinem Leben anfangen. Er beschloss, darüber zunächst zu schlafen und meinte: „Ich will zuerst nach Tempelstadt; vielleicht kann ich dort etwas in Erfahrung bringen. Dann sehen wir weiter.“
Als Merrow enttäuscht schwieg, setzte er hinzu: „Also gut, die Idee mit der Reise gefällt mir.“
 

Tyger

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Express nach Tempelstadt


Die Tempelstadt trug keinen anderen Namen als einfach Tempelstadt, denn ursprünglich hatte es dort nur einen einzigen Tempel gegeben, um den im Laufe der Zeit eine ganze Stadt gewachsen war, wozu die Nähe zur Metropole Eisenfeld das Ihrige beigetragen hatte. Tempelstadt war gute zweihundert Kilometer entfernt und Merrow, der begeistert zugestimmt hatte, Ragan zu begleiten, wusste auch eine Spedition, auf deren Lastwagen man für einen Spottpreis mitfahren konnte.
„Gibt es nicht eine bessere und schnellere Möglichkeit, dorthin zu kommen?“ hatte Ragan beim Frühstück gefragt. „Ich erinnere mich, dass während meines Priesterstudiums an einer Bahnverbindung gebaut wurde, die sogar besonders schnell sein sollte. Ist die noch nicht fertig?“
Merrow hatte sich an seinem Kaffee verschluckt und nach einem ausgiebigen Hustenanfall geantwortet: „Der Kanonenexpress! Dafür können wir uns keine Fahrkarte leisten, der ist für Leute wie uns zu teuer.“
„Naja“, Ragan hatte sich verlegen geräuspert, „Ich habe nie behauptet, ich sei arm. Ich zahle für uns beide.“
Diesmal reisten sie beide ohne Gepäck. Als sie aus der Hofeinfahrt traten, fragte Ragan: „Und, wie kommen wir zum Kanonenexpress?“
Verlegen sah Merrow ihn an. „Bist du wirklich sicher? Ich meine, mit dem Speditionswagen brauchen wir auch nicht viel länger als einen Tag ...“
Ragan lachte. „Ja, ich bin sicher!“
Mit dem Einspurwagen erreichten sie die Station des Express in weniger als einer halben Stunde; Ragan fragte Merrow indessen aus: „Sag mal, wieso ist die Fahrt mit diesem Zug eigentlich so teuer? Ich kann mich erinnern, dass da etwas Besonderes gebaut wurde, eine neue Erfindung, aber ..?“
„Weil er so wahnsinnig schnell ist! Der Express wird durch Kanonenrohre geschossen und braucht bis Tempelstadt keine zwei Stunden.“
Ruckelnd und quietschend bog der Einspurwagen um eine Kurve; Ragan hielt sich an einer Haltestange fest und sah zwischen den Häusern hindurch eine komplizierte Schienentrasse, die auf Pfeilern aus der Stadt hinaus geradewegs in die Steppe führte. In der Mitte über den beiden Schienen, auf denen der Zug fahren sollte, gab es eine dritte, die ihn vermutlich am Entgleisen hindern sollte; durch die Trägerkonstruktion vermittelte das Ganze den Eindruck einer Röhre. Nach einem kurzen Blick darauf schoben sich die Häuser der Straße und der hölzerne Fensterrahmen des Einspurwagens davor.
„Hier sind wir!“ meinte Merrow kurz darauf. „Da drüben ist der Fahrkartenschalter.“
„Abfahrt ist in einer halben Stunde“, sagte der Schalterbeamte und gab Ragan die beiden Fahrkarten. „Die Treppe hinauf geht es zum Bahnsteig.“
Freudig erregt folgte Merrow ihm zum Bahnsteig hinauf. „Ich hätte nie gedacht, einmal selbst mit diesem Zug zu fahren“, meinte er. „Danke dir!“
Der „Zug“ bestand nur aus einem einzigen langgestreckten Wagen mit einem spitz zulaufenden Bug und Reihen von Bullaugen an den Seiten. Ein intensiver Geruch nach Pulverqualm ging von ihm aus. Ein Bahnarbeiter putzte die verrußten Bullaugen blitzblank und öffnete zuvorkommend die Einstiegsluke. Die drei Schienen führten direkt in die schwarze Öffnung einer Röhre, die wenige Meter vor dem Wagen-Projektil gähnte und mit einem jetzt offen stehenden Schott verschlossen werden konnte.
Ragan und Merrow ließen sich in weich gepolsterte Plüschsitze nieder, über denen Schilder angebracht waren, die in freundlichen Wortlaut besagten, dass das Aufstehen während der Fahrt verboten war.
„Ich hasse diese Art zu reisen“, sagte eine Frau hinter ihnen zu ihrem Sitznachbarn. „Wenn ich es nur nicht so eilig hätte.“
„Mit der Zeit gewöhnt man sich daran“, meinte jemand in der Robe eines Tempelbeamten.
„Mir wird manchmal schlecht bei der Fahrt; könnte ich wohl eins dieser Gefäße haben?“
Die Reisenden stimmten sich in eine gemeinsame Klage über den Express und seinen hohen Fahrpreis ein.
„Früher sind wir auch ohne dieses Ding nach Tempelstadt gekommen.“
Der Zugführer, ein kleiner Katzenmann, schloss die Einstiegsluke, nahm seinen Platz im Heck ein und rief, durch einen Sprechtrichter verzerrt: „Abfahrt nach Tempelstadt. Aufstehen während der Fahrt verboten.“
Ein paar Arbeiter schoben das Projektil in die Röhre, deren Deckel kurz darauf mit dumpfen Dröhnen verschlossen wurde.
„Ich hasse das, ich hasse das ...“, flüsterte die Frau hinter ihnen durch die zusammen gepressten Zähne.
Donner erschütterte den Wagen, ruckartig wurden die Reisenden in die weichen Polster gepresst. Kurz darauf folgte ein zweiter Knall, ein zweiter Andruck, dann ein dritter, vierter, fünfter ... Im Bug befand sich ein großes messinggefasstes Tachometer, dessen Zeiger rasch von null auf fünfzig, hundert und noch mehr Stundenkilometer stieg. Als sie das Startrohr verließen, raste der Express Funken sprühend über die Vorstadt hinweg. Nach nur wenigen Kilometern Fahrt erreichte der Wagen das nächste Beschleunigungsrohr, wo er von einer weiteren raschen Folge von Explosionen erschüttert wurde und der Zeiger des Tachometers auf 230 stieg.
Merrow sah fasziniert durch das Bullauge auf die unter ihnen hinweg rasende Steppe, ein paar Reiter, die, kaum in Sicht gekommen, schon wieder hinter dem Express verschwanden, und die schattenhaft vorüber zuckenden Metallträger der Oberschiene.
„Donnerwetter, was für eine Fahrt!“
Alle paar Kilometer passierte der langsamer gewordene Wagen ein Beschleunigungsrohr, aus dem er in einer Eruption von Pulverrauch und Feuer wieder heraus schoss.
Nach eineinhalb Stunden Fahrt kamen die Gebäude von Tempelstadt in Sicht, die sich da, wo die Steppe in die Berge überging, in die Felslandschaft einfügten. Der langsamer werdende Wagen rollte gemächlich auf die Mündung das Abschussrohres zu, in dem das Quietschen der Bremsen widerhallte, dann kam er in der Station auf einer Drehbühne zum Stehen, die sich rumorend zu bewegen begann, um den Express wieder in die Gegenrichtung zu drehen. Schließlich öffnete der Zugführer die Luke.
„Tempelstadt, bitte aussteigen!“
Die geräumige Bahnstation mit ihren großen Bogenfenstern und hellen Wänden erinnerte an die Bauweise von Oberkalkstadt.
„Ich war erst ein einziges Mal hier“, meinte Merrow auf der Treppe, während er fast ehrfürchtig den Blick über die Prachtbauten schweifen ließ. „Und damals war ich noch ein Kind. Kennst du dich hier aus?“
Tempelstadt war ruhiger, sauberer und kleiner als Eisenfeld, aber nicht weniger beeindruckend. Ragan sah schweigend zum Portal des Haupttempels am hinteren Ende der Stadt hinüber, dessen Pfeiler und Säulen wie natürlich aus der grauen Felswand gewachsen zu sein schienen. Erst während der Fahrt war ihm das Datum des heutigen Tages eingefallen und welche Zeremonie an diesem Tage statt fand. Wieso musste er ausgerechnet an diesem einen von den dreihundertfünfundsechzig Tagen des Jahres hierher kommen? Er wünschte, er wäre doch mit dem Speditionswagen gefahren.
„Ragan?“ Merrow riss ihn aus seinen Gedanken. „Was ist los?“
„Nichts, nur alte Erinnerungen. Ich habe meine ganze Jugend hier verbracht. Also, pass auf, eigentlich findet man sich hier gut zurecht. Der hohe Bau da hinten an der Felswand ist der Haupttempel, der ist für alle Gottheiten bestimmt. Heute ist er aber geschlossen. Auf der rechten Seite gibt es einen See und Parkanlagen, dort ist eine Badeanstalt und ein Sanatorium. Auf der linken Seite sind hauptsächlich Wohnviertel, Industrie und ein paar Geschäftsstraßen ...“
„Hier gibt es Industrie?“
„Ja, eine große Druckerei und ein Papierwerk gleich nebenan, eine Schnapsbrennerei, eine Dampfwäscherei und ein paar Werkstätten und Schmieden. Auf der Straße in Richtung Eisenfeld kommst du nach einer halben Stunde Fußweg zur Orakelstätte. Dort gibt es auch ein schönes Kaffeehaus und einem Tempel für die Götter der Reisenden. Die Tempel und Heiligtümer der verschiedenen Götter sind ansonsten überall in der Stadt verteilt. Dort hinten, rechts neben dem Haupttempel, führt eine Straße zu einem Hochplateau hinauf, dort findest du die Totenstadt. Im Laufe der Zeit haben sich dort viele bedeutende Leute ganz beachtliche Grabmale errichten lassen; ein paar schöne Statuen sind dabei und Obelisken, so hoch wie Fabrikschornsteine.“
„Willst du mich denn los sein?“
„Willst du den ganzen Tag mit mir in dunklen Archiven herumhängen und staubige Bücher wälzen?“
Merrow lachte. „Nein, ehrlich gesagt nicht!“
Sie trennten sich und vereinbarten ein Wirtshaus in der Nähe der Station als Treffpunkt.
Allein ging Ragan die sauberen Straßen entlang und zog seine goldene Taschenuhr aus der Gürteltasche. Es war kurz vor Mittag; es sollte wohl sein, dass er ausgerechnet heute um genau diese Zeit im Haupttempel ankam. Götterstatuen links und rechts der Straße blitzten silbern und golden im Sonnenlicht, Gestalten von Göttern, die älter waren als die Neue Zeit, Götter, welche die antike Menschheit schon gekannt und verehrt hatte und die dennoch eher den modernen Menschen ähnelten. Die kuhköpfige Hathor mit den langen, elegant geschwungenen Hörnern, der krokodilsköpfige Sobek und der langgesichtige Set mit dem hybriden Tiertyp ...
Auf der Freitreppe zum Haupttempel hinauf hielt ihn eine Wächterin auf: „Der Haupttempel ist heute für die Öffentlichkeit geschlossen.“
Sie war eine junge Frau von LX-Typ und achtete darauf, beim Reden ihre geweißten Zähne möglichst deutlich zu zeigen, was trotz ihres hübschen Luchsgesichts ausgesprochen albern wirkte.
„Ich bin nicht die Öffentlichkeit.“ Er sprach den Satz des inneren Zugangs und fügte hinzu: „Ich möchte zum Hohepriester.“
Sie sah ihn einen Moment zweifelnd an und fragte nach: „Zu Reddiff Sekhmetian?“
Verblüfft starrte Ragan sie an und fragte überrascht: „Reddiff ist Hohepriester geworden? Aber er ist nicht älter als ich! Ich war mit ihm zusammen auf der Priesterschule.“
„Warte hier“, sagte die Wächterin. „Ich kündige dich an. Du weißt, dass er die Zeremonie abhält?“
„Natürlich. Ich habe Zeit.“
Sie machte Anstalten zu gehen, hielt plötzlich inne und sah ihn eindringlich an. „Bist du Ragan LD Wildbach?“
„Ja. Kennen wir uns?“
„Nein.“
Sie ging in den Tempel, während eine andere, nicht weniger gut aussehende Wächterin von Fuchstyp mit blauschwarzem Fell ihren Posten übernahm und ihm mit ihren strahlend grünen Augen neugierige Blicke zuwarf, kurz darauf erschien sie wieder und bedeutete ihm, einzutreten.
Sein Name war hier also noch immer bekannt; das Gras wuchs wohl nicht so schnell in Tempelstadt.
Die Zeremonie hatte kaum zweihundert Teilnehmer, die riesige Halle war also fast leer. Vor dem Altar, im Halbkreis der Götterstatuen, stand Reddiff L Jäger, der jetzt den Namen Reddiff Sekhmetian trug. Bei der Priesterweihe wurde meist darauf geachtet, dass Priester oder Priesterin vom Tiertyp her zur seiner oder ihrer Gottheit passte, soweit das möglich war. Da es keinen Menschen von Krokodil- oder Vogeltyp gab, hätten Götter wie Sobek oder Thoth sonst niemals einen Priester bekommen und erhielten deshalb meistens die Hybridtypen, aber Reddiff war durch seinen Löwentyp ganz klar für die löwenköpfige Sekhmet prädestiniert gewesen.
Ragan gesellte sich lautlos und unauffällig zu den Versammelten, hauptsächlich Priestern und natürlich den Priesterschülern. Reddiff redete weitaus würdiger als er ihn in Erinnerung hatte; seine golddurchwirkte schwarze Robe schien im flackernden Licht der Feuerschalen selbst in Flammen zu stehen. Er rief alle Gottheiten an und redete davon, ihnen das Wertvollste zu opfern.
Einer der Priesterschüler des Abschlussjahrgangs war es, der bei dieser alljährlichen Zeremonie geopfert wurde – keiner einzelnen Gottheit, sondern allen. Ein Junge mit grau geflecktem Fell wurde von einem Priester und einer Priesterin zum Altar geführt, unsicher lächelnd. Ragan musste eine aufwallende Woge von Neid auf diesen Jungen unterdrücken, in dem er sich plötzlich selbst sah. Er dachte zurück an damals, an das letzte Jahr seiner eigenen Ausbildung, an das Ziehen der Lose. Das Leben in Tempelstadt und insbesondere der Priesterschule hatte eine eigene Qualität; nirgendwo sonst war die Verbindung zur Welt der Götter so eng. Kein Außenstehender konnte die eigenartige Stimmung bei der Auslosung verstehen, in der der Wille zu leben und die Verheißung, auf diese wundervolle Art zu den Göttern zu gehen, einen Widerspruch erzeugten, der für knisternde Spannung sorgte und einen beinahe innerlich zerriss. Welche von beiden Möglichkeiten sollte man mehr fürchten oder mehr erhoffen – dass das Los einen traf oder dass es einen nicht traf? Der Ausgeloste wurde am Ende jedenfalls von allen anderen beglückwünscht und gefeiert und ... ja, insgeheim auch beneidet. Es hatte damals eins der Mädchen getroffen. Irgendwann nach der Zeremonie, Wochen später, ein paar Tage, bevor die Priesterweihen begannen, hatte Ragan etwas im Arbeitszimmer des Hohepriesters zu holen gehabt. Eigentlich durfte kein Schüler dort hinein, aber da er bald Priester sein würde, hatte ihm der Verwalter den Schlüssel gegeben. Der Hohepriester hatte sich ein Bein gebrochen und war deshalb seit einiger Zeit nicht im Tempel gewesen – und wohl nicht dazu gekommen, gewisse Dinge aufzuräumen. Außerdem hatte der Schrank halb offen gestanden. Es war eine ganze Reihe von kleinen Zufälligkeiten und Unregelmäßigkeiten gewesen, die Ragan jene Schale mit den elf Losen hatte entdecken lassen, dem einen offenen und den zehn noch zusammen gefalteten. Aus einer Eingebung heraus hatte er die Lose auseinander gefaltet und seinen Namen auf keinem davon gefunden. Fünf der elf Namen fehlten, dafür waren fünf andere doppelt, der von Reddiff sogar dreifach vorhanden gewesen. Einen Moment hatte er dagestanden wie vom Schlag getroffen, dann hatte er die Lose zusammen gerafft und war damit zum Stellvertreter des Hohepriesters gerannt, dann zu den anderen Priestern. Sie hatten ihn von einem zum anderen geschickt, hatten alle nichts damit zu tun haben wollen. Schließlich hatte er den Hohepriester in seinem Haus aufgesucht, der ihm alles erklärte. Es war ganz einfach: Eine der Schülerinnen war die Tochter einer Priesterin des Hathor-Tempels gewesen, ein anderer mit einem wichtigen Politiker verwandt, er selbst der Sohn von Rawn LD Wildbach, der kräftig dafür gezahlt hatte, dass sein Sohn kein Los bekam ...
So war er wenige Tage vor den Priesterweihen abgereist, nicht ohne zuvor einen Eklat zu verursachen, seinen Mitschülern die offenen Lose hinzuwerfen und den Priestern in aller Öffentlichkeit zu sagen, wohin sie sich ihre Weihen stecken könnten.
Am meisten enttäuscht war er von den Göttern selbst gewesen, die ihn doch seit seiner Kindheit so fasziniert hatten, dass er niemals etwas anderes als Priester hatte werden wollen. Wieso ließen sie sich betrügen? War ihnen das Opfer etwa egal? Aber dann ... dann durfte er gar nicht weiter denken.
Rings um ihn ließen Vibrationsgesänge die Luft erzittern, und er stimmte unwillkürlich ein.
Ein weiterer Gedanke drängte sich auf. Was wäre, wenn er die Priesterweihe nicht abgelehnt hätte, wenn vielleicht er selbst irgendwann Hohepriester geworden wäre und das hätte tun müssen, was Reddiff jetzt tat – und das mit dem Wissen, dass ihn selbst niemals das Los hatte treffen können? Reddiff hatte es gut; ihn hatten gleich drei Lose nicht getroffen.
Duftende Schwaden stiegen aus Räucherschalen auf, der schlanke Dolch blitzte in der Hand des Hohepriesters auf und drang an genau der richtigen Stelle in das Opfer ein für einen schnellen und schmerzlosen Tod. Danach folgte ein Schnitt und Blut floss in ein goldenes Becken. Die Gesänge brachen ab, und in den Ohren dröhnende Stille erfüllte die heilige Halle.
Nachdem die Zeremonie beendet war, sagte ihm jemand, dass der Hohepriester sich für ein bis zwei Stunden zurückgezogen habe und nicht gestört werden dürfe; so lange würde er warten müssen.
„Ja, natürlich.“ Ragan nickte und bat darum, in der Bibliothek warten zu dürfen, wo er die Zeit nutzen konnte.
 

Tyger

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Der Hohepriester


„Ich wusste, du würdest irgendwann wiederkommen.“
Reddiff umarmte Ragan. Aus dem einst so introvertierten dicken jungen Mann, der sich damals stundenlang zurückgezogen und geweint hatte, nachdem er erfahren hatte, dass nicht nur eins, sondern gleich drei Lose ihn verfehlt hatten, war ein würdiger Hohepriester mit einer kraftvollen Ausstrahlung geworden. Er war jetzt von beinahe schlanker Gestalt, wirkte alterslos und schien sogar ein Stück gewachsen zu sein.
„Es hat sich so ergeben“, meinte Ragan verlegen, denn er hatte eine so freudige Begrüßung nach seinem damaligen Abschied nicht erwartet. „Ich hatte nicht vor, ausgerechnet heute aufzutauchen.“
„Du willst mir aber hoffentlich nichts von Zufall erzählen“, lächelte Reddiff entwaffnend. „Du bist heute hier, weil es so sein soll.“
„Meinetwegen.“ Ragan erzählte von der mystischen Maschine in Eisenfeld, die zum Leben erwacht war und die Koordinaten von Tempelstadt angezeigt hatte.
Der Hohepriester nickte. „Wir haben hier auch eine solche Maschine, oben in der alten Gruft. Wahrscheinlich zeigt die eine Maschine die Position der anderen an. Wir können nachsehen, aber mach dir lieber keine Hoffnung, dass unsere auch erwacht sein könnte. Sie sieht nicht mehr danach aus.“
„In der alten Gruft in den Bergen, hinter der Totenstadt, wo wir als Schüler niemals hinein durften?“
Wieder nickte Reddiff. „Ja, komm mit.“
In seinem Arbeitszimmer vertauschte der Hohepriester seine Robe gegen eine kurze schwarze Hose und behielt ansonsten lediglich seine goldene Halskette mit dem großen Siegel als Zeichen seiner Priesterwürde um. Dann machten sie sich zu Fuß auf den Weg in die Berge.
„Wie habt ihr diesmal ausgelost?“ konnte sich Ragan nicht enthalten zu fragen.
„Jeder zieht eine verschlossene goldene Kapsel und öffnet sie“, erwiderte Reddiff ernst. „Eine davon enthält ein Los, alle anderen sind leer und müssen ebenfalls geöffnet werden, damit jeder sieht, wie es funktioniert.“
„Nanu?“
„Was damals üblich war, das war unter den Priestern ein offenes Geheimnis, aber nachdem du es so offenkundig gemacht hattest, war die Stimmung ziemlich schlecht, gelinde ausgedrückt. Nur zwei Wochen später, als unser alter Hohepriester wieder laufen konnte, traf ihn der Herzschlag, im Tempel, direkt vor dem Altar. Alle waren sich schnell einig, stillschweigend das Lossystem zu ändern und die Entscheidung, wer der neue Hohepriester werden sollte, diesmal ganz allein den Göttern zu überlassen. Wie du siehst, hatten die Götter soviel Humor, mich auszuwählen, als den jüngsten Hohepriester, den der Haupttempel je hatte. Von dir reden seitdem alle mit Ehrfurcht. Schließlich warst du ein Sprecher der Götter.“
„Aber das ist doch ... das ist doch verrückt! Ich war einfach nur wütend!“
„Ich weiß, und wie wütend du warst!“ Reddiff lachte. „Erinnerst du dich an die Stele, der du mit ausgestreckten Krallen einen Schlag verpasst hast? Zentimetertiefe Furchen hast du hinein gezogen! Sie steht noch genauso da und trägt deinen Namen als Inschrift.“
Jetzt lachte auch Ragan. „Ich bin eine Berühmtheit in Tempelstadt – wenn das mein Vater wüsste! Falls ihr mir auch noch ein Denkmal setzen wollt, gebt ihm einfach Bescheid; er wird es bezahlen. Nein, bloß nicht, das war ein Witz!“
„Er hatte Angst, dich zu verlieren. Nimmst du ihm das immer noch übel?“
„Wie du siehst, kann ich inzwischen darüber lachen.“
Die schmale gepflasterte Straße mündete in das Hauptplateau der Totenstadt, auf dem sich die prächtigsten der Gräber und Gedenkstätten befanden. Die Silhouetten einiger Statuen zeichneten sich gegen das strahlende Blau des Nachmittagshimmels ab. Eine schmalere, steilere Straße führte weiter aufwärts zwischen die Felsen, an kleinen Nischen mit Urnengräbern vorüber. Sie mussten ein gutes Stück hinauf steigen, bis sie den Eingang zur alten Gruft erreichten, vor dem ein Wächter postiert war. Reddiff schloss die grobe Bohlentür auf und erklärte: „Das ist nicht der ursprüngliche Eingang, der ist verschüttet. Dieser hier wurde erst vor 230 Jahren angelegt, als man die Gruft wiederentdeckte.“
Ein schmaler Gang führte nur wenige Meter weit in die Kühle eines weitläufigen Höhlengewölbes, in dem sich der schwache Schein einiger brennender Lampen verlor. Eine Vielzahl von Kisten und anderen Gegenständen war in der Höhle verteilt, in der keinerlei Zierat oder Bebilderung zu erkennen war.
„Eine sehr schmucklose Grabstätte“, bemerkte Ragan bedrückt.
Reddiff nahm eine Laterne in die Hand und erwiderte: „Es ist vermutlich gar keine Grabstätte. In einer der Kisten haben wir zwar zwei Leichen antiker Menschen gefunden, die auf eine seltsame Weise präpariert waren; sie schienen wie mit Wachs durchtränkt. In der Nähe des verschütteten Eingangs lagen außerdem zwei Skelette, interessanterweise das eines antiken und das eines modernen Menschen. Ansonsten schien die Gruft aber eher als eine Aufbewahrungsstätte gedacht zu sein für alles Mögliche, was man erhaltenswert fand, vermutlich aus der Zeit des Übergangs von der alten zur neuen Zivilisation. Viele der Kisten waren mehr oder weniger wasserdicht verschlossen und enthielten empfindliche Dinge wie Bücher und Bilder; wir mussten sie in die Stadt bringen, um zu retten, was zu retten war.“
Ragan schloss die Augen und nahm geistigen Kontakt zur Umgebung auf. Hier waren niemals viele Menschen gewesen, weder moderne noch antike. Die Unberührtheit der Höhle, die sich in der Tiefe der Zeit verlor, war nur sehr wenig gestört worden. Es schien ein kurzer Zeitraum gewesen sein, in dem hier ein Lager eingerichtet wurde. Er öffnete die Augen wieder und richtete sie auf einen Kasten im Hintergrund.
„Ist das dort drüben die Maschine? Die sieht vollkommen anders aus als die in Eisenfeld.“
Neben dem korrodierten Kasten der Maschine selbst stand ein weiterer, an dem jenes dreiflügelige Amulett zu erkennen war. Verbunden waren die beiden Kästen durch Leitungen, von denen weitere sich ins Dunkel der Höhle hinein verzweigten.
Ragan betastete jene vom Zahn der Zeit zerfressenen Schlangen. „Waren das Rohre?“
„Nein, Kabel. Sie arbeiteten damals viel mit Elektrizität, der Kraft der Blitze. Jener eine Kasten scheint nichts weiter als eine Kraftquelle gewesen zu sein.“
Vom stillen Feuer war hier fast nichts mehr zu spüren, alles fühlte sich kalt an und die Maschine war offenbar tot. Als Ragan vorsichtig an einem der Kabel rüttelte, zerbröckelte die Verbindung zu dem Kasten und es fiel herab.
„Schade“, meinte er.
„Schon einige von uns haben an Reparaturversuche gedacht“, sagte Reddiff. „Aber selbst wenn wir wüssten, wie das funktioniert – das Material hat die Feuchtigkeit der Höhle nicht vertragen. Was zerfallen ist, wissen wir nicht zu ersetzen.“
Ihre Worte hallten in der Tiefe des Höhlengewölbes wider.
„Was denkst du, was an den anderen beiden Orten zu finden ist, welche die Maschine angegeben hat? Noch zwei solcher Höhlen?“
„Das wäre interessant. Vielleicht aber auch nur zwei weitere Maschinen. Willst du wirklich eine solch weite Reise unternehmen?“
Ragan zuckte mit den Schultern. „Es ist nicht gerade so, dass ich Wichtigeres zu tun hätte oder mir die Reise nicht leisten könnte. Warum also nicht?“
„Und dein Freund, von dem du erzählt hast?“
„Merrow? Es war seine Idee, da kann ich ihn nicht zurück lassen!“
Sie verließen die Höhle, die Reddiff sorgfältig abschloss und machten sich auf den Rückweg. Ragan fiel noch etwas ein: „Sag mal, was ist eigentlich mit all dem Zeug aus der Höhle? Wieso bekommt das niemand zu sehen?“
„Weil es sehr empfindlich und einiges nicht zu entschlüsseln ist. Vieles davon ist in den Lehrstoff der Schule und auch ins Allgemeinwissen übergegangen, Details über Maschinenbau und Geografie, außerdem ...“
Reddiff redete den ganzen Rückweg derart viel über das Thema, dass es Ragan zu viel wurde und er irgendwann nicht mehr hin hörte. Hatte er Reddiffs Lieblingsthema angeschnitten? Oder konnte es sein, dass er hinter all den Worten etwas verbergen wollte?
„He, Ragan, was ist?“
Er schrak auf. „Entschuldigung, ich habe gerade nicht zugehört.“
„Ich fragte, ob wir gemeinsam zu Abend essen. Dein Freund Merrow ist natürlich auch eingeladen.“
„Danke, aber wir fahren heute abend noch zurück.“
„Den Express schafft ihr ohnehin nicht mehr, und du hast selbst gesagt, dass ihr es nicht eilig habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr in den Gästezimmern des Tempels übernachtet.“
„Also gut“, erwiderte Ragan und sah auf seine Taschenuhr. „Dann sind wir in einer Stunde bei dir. Aber jetzt muss ich mich beeilen; Merrow wartet auf mich.“
Im Laufschritt rannte er durch die Stadt zum Treffpunkt, wo Merrow ihm aufgeregt entgegen rief, dass sie gerade den Express verpassten.


Worüber man nicht redet


„Schön hast du es hier“, sagte Merrow zu Reddiff, als sie sich an den Frühstückstisch setzten. Er fand es sichtlich aufregend, im Haus eines Hohepriesters zu übernachten und konnte seine Blicke kaum von all dem vergoldeten Zierat und Stuck abwenden, der die Wände sowie die Decke fast lückenlos bedeckte.
„Das sagen die Meisten“, erwiderte Reddiff. „Man wird sofort einige Jahrhunderte älter, wenn man hier einzieht. Das gehört zu der Verwandlung in einen Hohepriester.“
„Ist es sehr schwer?“ fragte Ragan zurückhaltend.
„Nein, im Gegenteil, es ist erschreckend leicht. Die Begegnung mit dir hat mich nur daran erinnert, dass ich nicht schon immer Hohepriester war, sondern einst ein völlig anderer. Aber lasst euch die Laune und den Appetit nicht verderben, greift zu!“
Er hatte reichlich aufgetischt und sie ließen es sich schmecken. Nach einem langen bedächtigen Schluck aus seiner Teetasse sagte Reddiff: „Ihr beide seid zu dieser Expedition entschlossen?“
„Ja“, erwiderten Ragan und Merrow beinahe im Chor.
„Dann habe ich einen Vorschlag. Was haltet ihr davon, wenn der Haupttempel euch unterstützt? Ich gebe euch gute Pferde, Waffen und alles, was ihr an Ausrüstung braucht.“
„Waffen?“ fragte Merrow.
„In den Steppen und Wüsten soll es hier und da Räuber geben.“
„Räuber? In der heutigen Zeit?“
„Nicht viele sicherlich – aber man sollte immerhin vorbereitet sein.“
„Und wieso willst du das tun?“ fragte Ragan.
Reddiff lächelte: „Ich dachte, das wäre klar. Wenn ihr ein weiteres Höhlenarchiv wie unseres findet, müssen die empfindlichen Dinge darin ja irgendwohin, wo sie restauriert, kopiert und schonend gelagert werden. Irgendwohin, wo sich jemand um sie kümmert. Ihr beide habt ja sicherlich nicht die Absicht, das selbst zu übernehmen.“
„Du meinst, in Tempelstadt seien die Dinge am besten aufgehoben.“ Ragan musterte ihn mit einem langen Blick.
„Wo sonst? Im Parlamentsgebäude von Eisenfeld? Mir geht es selbstverständlich nur um die Überlieferungen – was ihr an Edelmetallen und sonstigen Dingen von materiellem Wert findet, gehört natürlich euch.“
Merrow strahlte, Reddiff sah Ragan erwartungsvoll an, der nach einer Pause fragte: „Gibt es Dinge, die du mir nicht sagst?“
„Nun, ich bin Hohepriester.“ Reddiff machte eine entschuldigende Geste. „Natürlich gibt es Dinge, die ich für mich behalten muss.“
Als Ragan schwieg, fuhr er fort: „Vielleicht würdet ihr sie gar nicht wissen wollen.“
„Wieso nicht?“ fragte Merrow neugierig und wischte sich ein paar Krümel aus dem Gesichtsfell.
„Also gut“, sagte Reddiff entschlossen erhob sich. „Mit dem Essen sind wir ja fertig. Einen Augenblick, ich bin gleich wieder da.“
Er holte ein paar Bücher aus dem Nebenzimmer, schob das Geschirr beiseite, legte sie auf den Tisch und begann zu blättern. „Es ist ein offenes Geheimnis, dass wir lebenden Wesen aus Zellen bestehen, sehr kleinen wässrigen Dingen mit halbdurchlässigen Wänden ...“
Ragan spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. Wieso musste er jetzt mit so etwas anfangen, mit diesen Dingen, über die ... über die man nicht redete? Die Vorstellung, dass jedes Lebewesen, ja, man selbst, gar kein einziges Ganzes war, sondern eine Ansammlung von Unmengen winziger Schleimbeutelchen – das war einfach widerlich! Er schüttelte sich unwillkürlich. Reddiff blätterte weiter und zeigte ausführliche Darstellungen solcher Dinge in all ihrer Perversion. Dann führte er das Ganze weiter und redete von den kleinsten Teilchen, aus denen selbst unbelebte Dinge wie Steine oder Metalle bestanden, davon, dass das Feste zum größten Teil aus gar nichts bestand und nur scheinbar fest war, weil all das winzige Zeug so schnell umher schwirrte. Ragan spürte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg und Panik nach ihm griff, als sich ihm die Vorstellung aufdrängte, der Stuhl unter ihm könne jeden Augenblick zerfließen und er selbst in die Erde einsinken oder zu einer Pfütze aus schleimiger Flüssigkeit zerfließen und sich dann in Nichts auflösen, weil da eigentlich nichts war, aus dem er bestand ...
„Sag mal, willst du, dass wir das Essen wieder auskotzen?“ fragte er mit rauer Kehle. „Wieso erzählst du uns all das perverse Zeug?“
Reddiff klappte die Bücher wieder zu. „Du wolltest wissen, worüber ich mit dir nicht rede.“ Dann wandte er sich an Merrow, der zu Boden sah und krampfhaft schluckte: „Und du wolltest wissen, wieso ihr es nicht wissen wollt.“
Ragan räusperte sich. „Du meinst, wir werden Aufzeichnungen dieser Art finden?“
„Gut möglich. Den antiken Menschen waren diese Dinge wichtig. Sie sahen das alles anders als wir.“ Er stellte eine kleine goldene Schale mit getrockneten scharf duftenden Kräutern auf den Tisch. „Kaut etwas davon, dann geht es euch wieder besser.“
„Also gut“, meinte Ragan, die aromatischen Kräuter kauend und wandte sich an Merrow: „Nehmen wir seine Unterstützung an?“
Merrow nickte: „Ja, gern.“
„Wann könntest du alles für uns bereit haben?“ fragte er Reddiff.
„Morgen könnt ihr starten.“
„Großartig – also dann morgen!“
„Ähm“, meinte Merrow. „Ich kann nicht einfach verschwinden, ohne mich zu verabschieden, und außerdem habe ich noch ein paar Sachen bei Tante Daya und Onkel Jark ...“
„Kein Problem, dann reiten wir morgen zuerst nach Eisenfeld; das liegt sowieso ungefähr in unserer Richtung. Und heute beschäftigen wir uns mit der Planung. Ein paar Landkarten und Schreibzeug hat doch ein Hohepriester sicher im Haus, oder?“
 

Fiete Langohr

Well-Known Member
Die Geschichte macht mir großen Spaß zu verfolgen. Da bleibe ich bis zum Ende dran und bin auf die weiteren Teile gespannt.
 

Tyger

Well-Known Member
Zumindest einen Fan gibts also schon mal!:)



Ein großer Aufbruch


Es war ein schöner Morgen und die Strahlen der aufgehenden Sonne fluteten durch die großen Bogenfenster.
„Ich bin wahnsinnig aufgeregt“, sagte Merrow, noch nass vom Baden.
„Weil wir schon zum zweitenmal mit einem Hohepriester frühstücken?“ grinste Ragan und Merrow stimmte in sein Lachen ein.
„Heute werden wir noch nicht viel erleben“, meinte Ragan dann. „Die Sache beginnt ziemlich zäh. Zuerst will der Vorsteher des Thoth-Tempels unbedingt eine Zeremonie für uns abhalten. Der Tempel will Geld vom Haupttempel für einen größeren Anbau; deshalb nutzen die Thoth-Priester jede Gelegenheit, um ihre Bedeutsamkeit zur Schau zu stellen. Danach schaffen wir es vielleicht gerade noch bis zum Abend nach Eisenfeld.“
„Dann wollen wir uns stärken“, sagte Reddiff, der unbemerkt in den Raum gekommen war. „Der Tisch ist gedeckt.“
Als sie den Speiseraum betraten, sah Ragan überrascht, dass für vier gedeckt war.
„Wer wird uns denn Gesellschaft leisten?“ fragte er.
„Oh, habe ich wirklich vergessen, euch das zu sagen?“ Reddiff setzte eine unglaubwürdig zerknirschte Miene auf. „Eure Begleiterin natürlich, Serraya LX Felstal.“
„Unsere Begleiterin? Nein, davon hattest du tatsächlich nichts erwähnt. Wieso sollte uns jemand begleiten?“
„Aber Ragan! Und Merrow! Ihr nehmt mir das doch hoffentlich nicht übel! Auf einer so anstrengenden und gefährlichen Reise sollte euch einfach eine unserer Wächterinnen begleiten; sie ist eine perfekte Kämpferin ...“
„Auch ich habe in der Schule kämpfen gelernt und war nicht der Schlechteste, wie du weißt.“
„Außerdem versteht sie viel von Medizin und Kräutern. Ich verstehe nicht, was es dagegen einzuwenden gibt.“
„Ich mag es nicht, wenn jemand Dinge für mich arrangiert, ohne mich zu fragen“, sagte Ragan leise. „Das solltest du doch wissen.“
„Und wenn ich dich jetzt frage? Du kannst immer noch nein sagen.“
Ragan seufzte und Merrow warf ein: „Vielleicht ist das ja wirklich keine schlechte Idee.“
„Ich will sie erst einmal sehen und mit ihr reden, bevor ich mich entscheide, in Ordnung?“
Reddiff atmete sichtlich auf und sagte: „Du bist ihr schon begegnet; sie hielt am Eingang des Haupttempels Wache, als du kamst.“
„Die Frau, die so schrecklich albern die Zähne fletscht?“
Ragan fuhr erschrocken herum, als eine weibliche Stimme von der Tür her erklang: „Man hat mir beigebracht, das sähe gut aus.“
Er starrte die Frau an und suchte nach Worten. Wie unangenehm! „Tut mir leid, ich wollte nicht ...“
Sie grinste ihn an und meinte: „Ich habe mich angeschlichen, bin also selber schuld. Wie könnte man besser erfahren, was jemand über einen denkt? Ich denke, ich werde mir das Zähnefletschen abgewöhnen.“
Sie kam heran, reichte Ragan und Merrow die Hand und stellte sich als Serraya vor. Am Tisch setzte sie sich zwischen sie. Sie war eine schlanke, muskulöse, gut aussehende Frau mit geflecktem Fell und trug zu ihrer schwarzen Reisekleidung einen silbernen Halsschmuck.
„Als Wächterin hast du auch einen Priesterstatus, nicht wahr?“
„Ja“ bestätigte sie. „Einen organisatorischen.“
„Was bedeutet das?“ fragte Merrow, während er sich einen Kaffee einschenkte.
„Wächter haben zwangsläufig fast überall Zutritt und müssen wissen, welche spirituellen Besonderheiten wo und auf welche Weise zu beachten sind. Wir bekommen deshalb eine Art Kurzausbildung als Priester, erhalten aber keine Verbindung zu einer Gottheit. Bei einfachen Zeremonien dürfen wir einen Priester im Notfall sogar vertreten, wenn er selbst verhindert ist.“
Ragan musste zugeben, dass Serrayas Anwesenheit für eine angenehme, lockere Stimmung bei Tisch sorgte. Im Stillen verzieh er Reddiff, dass er sie ihnen so überfallartig aufgedrängt hatte.
Als hätte er seine Gedanken gelesen, fragte Reddiff: „Nun, Ragan und Merrow, seid ihr mit eurer Begleitung einverstanden?“
„Ja, natürlich, ich freue mich“, sagte Ragan und Merrow konnte seine Begeisterung kaum in Worte fassen. Was mochte er sich wohl erhoffen?
„Aber nun wollt ihr sicher endlich eure Pferde und die Ausrüstung sehen“, sagte Reddiff zum Abschluss des Frühstücks und erhob sich. „Kommt mit. Vor dem Tempel des Thoth ist schon alles vorbereitet.“
Es war eine Viertelstunde Fußweg bis zum Thoth-Tempel, vor dem sich eine kleinere Menschenmenge versammelt hatte.
„Moment mal, da stehen neun Pferde!“ rief Ragan überrascht aus.
„Ja, natürlich“, erwiderte Reddiff. „Drei Reitpferde, drei Packpferde und drei zur Reserve, falls ihr Glück habt und ein paar Dinge zum Mitbringen findet.“
„Drei Packpferde?“
„Ja, sicher, für Zelt, Schlafzeug und Kochgeschirr, Gewehre und Munition, Wasserkanister und all das.“
Merrow schüttelte ungläubig seinen strubbeligen Kopf. „Und ich hatte an zwei ausgediente Wagengäule gedacht.“
„Hältst du das nicht für etwas übertrieben?“ fragte Ragen.
„Ein wenig zuviel kann nicht schaden. Falls euch unterwegs das Geld ausgeht, könnt ihr Pferde oder etwas von der Ausrüstung verkaufen.“
Ragan machte eine verstohlene Geste zu dem erwartungsvoll dreinschauenden Thoth-Priester hin, der reich geschmückt im Tor des Tempels stand. „Nach soviel Großzügigkeit wirst du aber nicht mehr umhin kommen, Geld für den Tempelanbau herauszurücken.“
Reddiff lachte leise. „Das ist inzwischen sowieso unvermeidlich.“


Zurück nach Eisenfeld


Es war später Abend, als die Lichter von Eisenfeld in Sicht kamen. Sie passierten das letzte Lichthaus vor der Stadt, von dem mit laut klappernden Blenden Botschaften von und nach Tempelstadt übertragen wurden. Ragan kannte den Code und vertrieb sich die Zeit, indem er gelegentlich mitlas, was das blinkende Licht übermittelte – meist irgendwelche geschäftlichen oder persönlichen Kurznachrichten, die für Außenstehende uninteressant oder auch verschlüsselt waren.
Sie alle hatten aufgeatmet, als die Zeremonie beendet war und sich beeilt, Tempelstadt zu verlassen. Wie ausziehende Helden waren sie verabschiedet worden, mit Jubel, Sprechchören, Musik und einer Spalier stehenden Menschenmenge. Zwar hatte so gut wie niemand gewusst, worum es überhaupt ging, aber wo sich hundert Leute zum Schauen versammeln, werden bald tausend daraus. Nur dass er Ragan LD Wildbach war, eben jener, den ein Tempelstädter Chronist als einen Sprecher der Götter bezeichnet hatte, wobei nur Wenige wussten, wieso eigentlich, das hatte sich herum gesprochen. Kurzum – die ganze Schau war ihm peinlich gewesen.
„In welcher Gegend der Stadt wohnen deine Verwandten?“ wandte sich Serraya an Merrow.
„Auf der gegenüber liegenden Seite.“
Während der ersten zwei, drei Stunden der Reise hatten sie lange, angeregte Gespräche geführt, die dann allmählich versiegt waren. Die Pferde, vier Rappen, zwei Braune, zwei Schecken und ein Schimmel, waren allesamt nicht schnell, aber kräftig und ausdauernd und liefen gutmütig die Straße entlang, so dass die drei Reiter vor sich hin dösen konnten. Nur zwei Mal mussten sie die Straße verlassen, um einem zwölfspännigen Lastzug Platz zu machen.
„Was werden sie eigentlich dazu sagen, wenn wir uns gleich zu dritt aufdrängen?“ fragte Ragan.
„Das ist kein Problem“, versicherte Merrow. „Tante Daya hast du doch kennengelernt. Onkel Jark ist wahrscheinlich gar nicht da, der übernachtet draußen in seiner Mine. Und zwei Straßen weiter gibt es einen Mietstall, wo wir die Pferde unterbringen können.“
Obwohl sie die Innenstadt umgingen, erregte ihr Tross einiges Aufsehen; ein Dampfomnibus hielt an, um ihnen den Vortritt zu lassen und ein alter Laternenanzünder mit weißgrauem Fell blieb stehen und sah ihnen hinterher. Auch in der Stadt erwiesen sich die Pferde als gut und scheuten die Hupen und Glocken des Verkehrs ebenso wenig wie sonstigen Stadtlärm.
Es dauerte noch über eine Stunde, bis die Pferde untergebracht und abgeladen waren, das Gepäck verstaut war und sie endlich an Dayas gemütlichem Tisch saßen, den ein Blumensträußchen schmückte. Wie Merrow vorausgesagt hatte, war sie kein bisschen verärgert wegen des überraschenden Besuchs zu später Stunde.
Merrow kicherte: „Was für ein Kontrast! Zuerst die glorreiche Heldenverabschiedung in Tempelstadt – und nun sitzen wir hier!“
Serraya und Ragan stimmten in sein fröhliches Gelächter ein. Und Ragan war inzwischen ausgesprochen froh darüber, dass die Wächterin sie begleitete, deren Wesen ihm immer sympathischer wurde.
 

Tyger

Well-Known Member
In der Tiefe der Vergangenheit


Auch am Tage darauf kamen sie erst am späten Vormittag dazu, die Stadt zu verlassen. Dayas herzliche Verabschiedung und nicht zuletzt das Satteln und Beladen der Pferde brauchte seine Zeit. Außerdem hatten sie Daya versprechen müssen, auch noch Jark zu besuchen, weil es doch sowieso auf dem Weg lag. Nun ritten sie eine schmale Kiesstraße entlang, die den ausgedehnten Wald, der sich am Fluss hinzog und die Kokereien und Gaswerke Eisenfelds versorgte, von der Steppe trennte. Gegen Mittag erreichten sie eine Biegung der Straße, die auf eine Anhöhe führte, hinter der eine riesige, bizarr zerklüftete Senke begann.
„Was ist das denn?“ fragte Serraya überrascht.
„Die Klüftung“, antwortete Merrow. „Hier arbeiten Leute wie Onkel Jark, die Metalle ausgraben.“
„Donnerwetter“, meinte Ragan. „Das ist doch nichts natürlich Gewachsenes!“
„Nein, das sind antike Anlagen, voll von mystischer Technik. Das Zeug ist natürlich alles längst kaputt und verrottet, aber es lässt sich jede Menge Metall abbauen. Fast ganz Eisenfeld ist aus der Klüftung gebaut.“
„Donnerwetter“, wiederholte Ragan. „Wieso habe ich davon noch nie etwas gehört?“
Merrow zuckte mit den Schultern. „Na, das Zeug ist völlig vergammelt und nur noch als Rohstoffquelle zu gebrauchen. Außer seiner Größe und Tiefe hat dieser Ort nichts Besonderes.“
„Und wieviele Leute arbeiten hier?“
„Zwischen fünfzig und hundert, sagt Onkel Jark. Ich selbst habe das bisher auch nur einmal von hier oben gesehen.“
„Und wie kommen wir da hinunter?“
„Irgendwo muss es einen Weg geben, der für Wagen befahrbar ist.“
Nach kurzem Suchen fanden sie den Weg hinab und stießen schließlich auf eine Gruppe von fünf Männern, deren dichtes Fell von Rost und Staub bedeckt war. Merrow fragte nach Jark und einer der Männer, dessen canider Typ unter der Schmutz- und Rostschicht kaum auszumachen war, schob seine dreckige Schutzbrille in die Stirn, warf einen misstrauischen Blick auf den Tross der neun Pferde und fragte mit heiserer Stimme: „Seid ihr Freunde von ihm?“
„Freunde und Verwandte.“
„Ah, du bist Merrow, nicht wahr?“ Die angelegten Ohren des Mannes richteten sich auf und er wurde freundlicher. „Der Neffe vom Jark Kupfernase!“ Er beschrieb den Weg zwischen rostbedeckten Klumpen und Pfeilern aus brüchigem Beton hindurch zu einer Stelle, wo Jark sein Lager hatte. Die Leute, die in der Klüftung arbeiteten, schienen gut miteinander bekannt zu sein. Schnell fanden sie das Lager von Jark, der ihnen verblüfft entgegen sah. Merrow erklärte ihm, was der große Aufmarsch zu bedeuten hatte und schließlich meinte Jark: „Da habt ihr aber Glück, dass ihr mich draußen erwischt! Meistens bin ich nämlich tief drin; ich meine, wirklich richtig tief. Dann komme ich den ganzen Tag über nicht wieder nach oben.“
„Wieso?“ fragte Serraya. „Die anderen haben direkt an der Oberfläche gearbeitet.“
„Die bauen ja auch nur Eisen ab. Das ist Knochenarbeit und bringt nicht viel. Aber wer sich nicht scheut, ganz tief nach unten zu gehen, der findet Kupfer und Aluminium. Und noch Wertvolleres, manchmal Titan oder gar ein Stück Platin. Man muss sich nur so weit hinunter wagen. Für euch vielleicht eine Gelegenheit zum Üben, wenn ihr vorhabt, irgendwelche alten Höhlen zu erkunden.“ Er schaute sie der Reihe nach fragend an: „Naaa?“
„Haben wir es eilig?“ fragte Ragan seine beiden Begleiter.
„Oder hat jemand Angst?“ setzte Jark verschmitzt hinzu und setzte seine dreckige Schirmmütze über die spitzen Ohren.
Bald darauf folgten sie ihm unternehmungslustig in die Dunkelheit einer Höhle, jeder von ihnen eine Laterne mit Reflektor in der Hand tragend. Nach wenigen Metern führte eine hölzerne Leiter ein paar Meter hinab in einen tieferen Gang; Jark führte sie hier nach links, dort nach rechts, Rampen und Treppen hinab, dann wieder eine Leiter, durch Säle, zwischen unverständlicher Maschinerie hindurch, die zu unförmigen Klumpen korrodiert war und wieder und immer wieder abwärts, Treppen, Rampen, Leitern hinab. Die Luft wurde immer stickiger.
„Ich denke, irgendwann muss ich mir ein Atemgerät kaufen“, sagte Jark schnaufend. „Aber so lange es noch ohne geht ...“
„Und du findest dich in diesem Labyrinth zurecht?“ fragte Merrow erstaunt.
Jark lachte: „Ich bin ja heute nicht zum ersten Mal hier!“
„Wir sind jetzt mindestens 200 Meter unter der Erdoberfläche“, stellte Serraya fest. „Wie tief gehen wir denn noch?“
„Wir sind bald da; dort vorn ist schon die nächste Treppe. Bleibt von jetzt an dicht bei mir und fasst nichts an!“
Ragan konnte nichts erkennen und stellte fest, dass Jark offenbar hervorragend im Dunkeln sehen konnte; vermutlich hing das mit seinen Schlitzpupillen zusammen.
Sie alle atmeten schwer, als Serraya eine halbe Stunde später feststellte: „Da vorn ist ein Licht!“
„Ja“, bestätigte Jark. „Ich lasse hier immer eine Kerze brennen.“
Ringsum war Ragan seit geraumer Zeit eine Menge Grünspan und gelegentlich sogar ein Stück blankes Metall aufgefallen; offenbar befanden sie sich in den äußersten Bereichen, die Jark gerade erst zu erschließen im Begriff war.
Vor der Kerze blieben sie stehen. Sie beleuchtete das goldgerahmte Bildnis eines Mannes mit caniden Zügen, dessen Fell aus rot lohendem Feuer statt Haaren bestand. In einer Hand hielt er etwas metallisch Glänzendes und seinen Kopf schmückten Hörner.
„Pluto“, erklärte Jark und räusperte sich schnaufend. „Auf sein Wohlwollen bin ich angewiesen – das brauche ich euch Priestern ja nicht zu erklären, oder?“
Ragan versuchte sich an jenen Gott zu erinnern. In Tempelstadt spielte er keine Rolle, weil er keinen Tiertyp hatte; vermutlich stammte er aus einer anderen Mythologie. Der Künstler, von dem das Bild stammte, hatte jene Gottheit wohl frei interpretiert. „Er ist ein Unterweltgott, nicht wahr?“ fragte er zögernd.
„Ja. Aber nicht wie Anubis ein Gott der Totenwelt, sondern einer der materiellen Unterwelt, der Geheimnisse und Schätze unter der Erde, der Metalle und des Feuers. Welcher Gott könnte für einen wie mich wichtiger sein?“
Jark kniete ein, zwei Minuten vor dem Bildnis und schien mit seinem Gott Zwiesprache zu halten, alle anderen schwiegen. In der eintretenden Stille waren plötzlich Geräusche zu hören und sie alle bemühten sich unwillkürlich, leiser zu atmen. Ein leises, hintergründiges Dröhnen füllte die Dunkelheit, aus dem sich nach einigen Minuten angestrengten Lauschens eine Art Rhythmus heraus hören ließ. Laut und deutlich hörte Ragan seine Taschenuhr ticken und die Lampen knistern, überlaut raschelte Stoff und Fell, sobald jemand von ihnen eine Bewegung machte.
Endlich erhob sich Jark wieder und Merrow fragte fast flüsternd: „Was ist das?“
Wieder räusperte sich Jark. „Ähm... ich weiß es nicht. Tiefer war ich noch nie.“
„Onkel Jark ..!“ Ein deutliches Tremolo schwang in Merrows Stimme, die gleich überzuschnappen drohte. Die Ohren hatte er angelegt und den Kopf eingezogen. Ragan packte seinen Arm und drückte mit aller Kraft zu.
„Au!“ schrie Merrow, jetzt mit sicherer Stimme. „Was soll denn das?“
„Allein traust du dich also nicht weiter hinunter“, stellte Serraya belustigt fest; ihre Augen funkelten golden im Licht der Laternen. „Deine Kumpels dort oben können dir nicht helfen, denn wenn die den Mut hätten, hier herunter zu steigen, würden sie sich ja nicht mit dem Eisen an der Oberfläche abmühen. Also sind wir genau richtig gekommen, stimmts?“
„Naja“, gab der graufellige kleine Mann zu. „Wenn ich euch das so deutlich gesagt hätte, wärt ihr nicht mitgekommen, oder?“
„Ich schon“, meinte Serraya.
Ragan war etwas aufgefallen, als er sich in die Umgebung hinein fühlte, was er mit Rücksicht auf Merrow aber erst nach ihrer Rückkehr an die Oberfläche zu erwähnen beschloss.
Jark fasste nach der Verriegelung einer eisernen Tür, öffnete sie entschlossen und leuchtete in den dahinter liegenden Raum. Erst auf den zweiten Blick fiel Ragan auf, was hier anders war als in den Räumen, die sie bisher passiert hatten. Was auch immer hier an Unverständlichem vom Boden bis zur Decke installiert war, sah sauber aus, kaum korrodiert, blank – funktionsfähig.
„In diesem Raum war ich schon“, flüsterte Jark. Jetzt lagen seine Ohren fest an seine Mütze gepresst. „Den schwarzen Stab dort drüben, den habe ich heraus gesägt; er hat einen Kern aus reinem Kupfer. Als ich eine Woche später zurück kam, war er durch einen neuen ersetzt. Als ich den dann wieder anfasste, habe ich einen Schlag bekommen!“
„Einen Schlag?“
„Ja, wie von einer Elektrisiermaschine, nur viel stärker. Es hat mich ein paar Meter zurück geschleudert und ich dachte fast, ich müsste sterben. Seitdem war ich nie wieder hier drin.“
„Übrigens hast du die Tür gut geölt“, meinte Serraya. „Sie quietscht kein bisschen.“
Jark sah betroffen zu ihr hinüber. „Ich habe sie nie geölt.“
Serraya strich mit einem Finger über ein Scharnier und hielt ihn hoch. „Öl!“
Ragan fiel auf, dass es in diesem Raum deutlich wärmer war als vor der Tür. Es hatte ganz den Anschein, als würde jene geheimnisvolle Maschinerie noch auf eine unsichtbare Weise laufen. Die Hintergrundgeräusche waren hier lauter, deutlicher, differenzierter; ein tiefes Wummern war auszumachen, ein Schaben und ein Ticken ...
„Los, gehen wir weiter!“ drängte Serraya und ging voraus, direkt zwischen den Installationen hindurch. Ragan fühlte sich unwohl, aber er folgte ihr, Merrow mit sich ziehend. Jark, den der ganze Mut des Kupfergräbers hier verließ, bildete den Schluss. Ein Gang führte schräg abwärts, ein relativ sauberer Gang, der den Eindruck machte, als würde er öfters gereinigt. In wenigen Metern Entfernung mündete er in einen Quergang. Plötzlich näherte sich ein rasches Klacken, ähnlich dem Hufschlag eines Pferdes. Wie erstarrt blieben sie stehen und Ragan zuckte zusammen, als direkt neben ihm ein lautes Klappern einsetzte. Es waren nur Merrows Zähne; Ragan grub ihm seine Krallen in den Arm und das Zähneklappern hörte mit einem leisen Schmerzlaut auf. Das rasche Klacken näherte sich, von der rechten Seite her. Was auch immer da aus dem Dunkel kam, war nicht klein und hatte mehr als vier Beine.
„Was bei allen Göttern ...“, flüsterte Serraya, die die Vorhut bildete.
Ein metallener Spinnenkörper tauchte auf, mannshoch, auf ebenso metallenen Spinnenbeinen, mit blitzenden Glasaugen und einer Vielzahl glänzender Werkzeuge besetzt.
Klack-klack-klack-klack – das Wesen kam rasch auf sie zu gelaufen. Merrow und Jark schrien gemeinsam auf, Jark ergriff die Flucht, Merrow versuchte Ragan mit sich zu ziehen und verlor seine Laterne, die scheppernd am Boden zersprang, Serraya stieß einen Kampfschrei aus, schleuderte dem Wesen ihre Laterne entgegen und verpasste ihm in Sekundenschnelle mehrere Fußtritte und Krallenhiebe. Es stockte nur einen Augenblick, gerade lange genug, um ihnen Zeit zur Flucht zu lassen und verfolgte die Fliehenden bis zur Eisentür, an der Jark wartete. Mit Wucht schlug er die Tür hinter ihnen zu, die dröhnend ins Schloss fiel, und verriegelte sie.
„Vielleicht sollte ich die Tür zuschweißen“, flüsterte er.
Ragan atmete tief durch und hielt Merrow fest im Griff, der am ganzen Leib zitterte und ihn kläglich anschaute. Er selbst spürte, wie sein Herz raste. Lediglich Serraya hatte sich offenbar schon wieder gefasst und meinte: „Ich denke, hier draußen sind wir in Sicherheit.“ Dann warf sie einen Blick auf das Bildnis: „Danke, Pluto!“
„Wir sollten gehen“, sagte Ragan. „Wir haben nur noch zwei Laternen.“
„Ja, natürlich.“ Jark ging voraus.
„Einen Augenblick!“ Jetzt hatte Serraya Merrows Zustand bemerkt, der Tränen in den Augen hatte und nicht imstande schien, einen Schritt zu tun. Sie legte ihre Arme um ihn und meinte mit einem Blick über die Schulter: „Ihr könnt ja schon ein Stück voraus gehen.“


Ein Abend am Feuer


Das Lagerfeuer knisterte, die Pferde hatten sich in der Umgebung verteilt und knabberten die Kräuter, die zwischen den Ruinen wuchsen und am Spieß brieten appetitlich duftend zwei Kaninchen, die den Arbeitern in die Falle gegangen waren. Am dunkelnden Himmel über ihnen erschienen die ersten Sterne.
Ragan fand, dass es jetzt an der Zeit war, über das zu reden, was er unten erspürt und für sich behalten hatte. „Sag mal, Jark, ist dir eigentlich aufgefallen, dass dort unten niemals Menschen waren?“
Der kleine Mann wandte ihm erstaunt seine langgestreckte Schnauze zu. „Das hast du bemerkt? Ja, ich spüre das auch und habe mir darüber schon Gedanken gemacht – das müsste ja heißen, dass das alles von irgend... ähm... von irgendetwas anderem gebaut wurde. Vielleicht von dem, was uns da unten angriff ... Oh, verdammt, wenn ich daran nur denke!“ Sein Nackenfell sträubte sich sichtlich.
Ragan dachte darüber nach, ob Götter und Dämonen der Unterwelt wohl Maschinerie bauten. Oder ob dergleichen, wenn es nur kompliziert genug war, vielleicht von selbst wachsen und sich vermehren konnte wie Pflanzen oder Tiere. Hatten es die antiken Menschen mit ihrer mystischen Technik vielleicht geschafft, derart Unheimliches in die Welt zu setzen, das jetzt noch immer in der Tiefe lebte? Aber wieso gab es dann in der Tempelhöhle nichts dergleichen? Und an den Stätten, zu denen sie unterwegs waren, was würde sie dort erwarten? Er hoffte, dass Merrow nicht abspringen würde. Wenn Serraya sich weiterhin so um ihn kümmerte wie in den letzten Stunden, war das aber wohl kaum zu befürchten; für sie schien seine Schwäche geradezu eine willkommene Gelegenheit zu sein, über ihn herzufallen – was Merrow offensichtlich keineswegs unangenehm war.
Das wäre es mir auch nicht, dachte Ragan.
In der Ferne schrie ein Käuzchen. Jark zerlegte eines der Kaninchen und schenkte allen Kräuterwein ein, weil er meinte, dass sie heute unbedingt etwas Alkoholisches brauchten. Niemand widersprach.
„Was wird jetzt aus deinem Pluto-Bildnis?“ fragte Ragan, als er seinen Holzteller voll Fleisch entgegen nahm. „Lässt du es dort unten?“
„Was meinst du?“ fragte Jark zurück. „Ja, sicher lasse ich ihn dort. Er bewacht schließlich die Tür für mich. Und bekommt immer neue Kerzen von mir.“
„Du willst wieder da hinunter?“
„Natürlich – was denn sonst? Da unten bin ich zu Hause. Wer weiß – wenn mal wieder Leute wie ihr vorbei kommen, die genauso verrückt sind wie ich, dann traue ich mich vielleicht auch wieder durch die Tür. Weißt du, ich habe mir überlegt, dass man diesem Spinnending mit einem großen Vorschlaghammer wahrscheinlich ziemlich weh tun könnte. Wir hatten einfach nur keine Ahnung, was uns erwartet und waren völlig unvorbereitet.“
Ragan fühlte Bewunderung für diesen unscheinbaren Mann in sich aufsteigen. Er fragte sich, ob er selbst ohne Begleitung wieder bis zu jener Tür hinab gehen würde, ganz allein durch die Dunkelheit, die von undefinierbaren Geräuschen erfüllt war.
„Übrigens“, meinte Jark kauend. „Davon braucht Daya nichts zu wissen – das ist doch klar, oder?“
„Ja, natürlich.“
„Sagt mal“, fragte Merrow, das Thema wechselnd, „was diesen Pluto angeht – wieviele Mythologien hatten die in der alten Zeit eigentlich? Und wieso überhaupt mehrere?“
Ragan zuckte mit den Schultern. „Das weiß niemand so genau. Die Götter sind schon immer da gewesen, nur die Art, wie wir sie wahrnehmen, ändert sich.“
Serraya ergänzte: „Wir wissen noch nicht einmal, ob unsere Götter, die wir in Tempelstadt verehren, in der alten Zeit alle in dasselbe Pantheon gehörten. Bei Sobek vermuten wir, dass er bereits aus der präantiken Zivilisation stammen könnte, seines Reptilientyps wegen.“
„Aus was?“
„In einer Zeit noch vor den Menschen ohne Tiertyp lebte eine Zivilisation von Reptilienwesen, die von enormer Körpergröße waren. Die alten Menschen verehrten sie, soviel wir wissen. Sie sammelten ihre Gebeine und schufen viele Bildnisse von ihnen. Wie der Übergang von ihnen zu den alten Menschen erfolgte, ist aber völlig unklar.“
„Der Übergang von den alten Menschen zu uns eigentlich ebenso“, warf Ragan ein.
„Wieso?“ Serraya schaute ihn fragend an. „Das haben wir doch in der Schule gelernt. Die alte Zivilisation hat vieles nicht verstanden, weil sie zu weit vom Tier und damit dem Leben entfernt war. Bevor sie alle Tiere und sich selbst umbrachten, schenkten die Götter ihnen die Tiertypen und machten sie so zu modernen Menschen.“
„Ja, aber wie haben sie das angestellt? Gab es einen Knall und plötzlich waren alle verwandelt? So plump ist das Wirken der Götter nicht, wie wir wissen.“
Serraya wurde nachdenklich. „So genau habe ich darüber noch nicht nachgedacht.“
Jark lachte leise: „Ich hätte nie erwartet, je zwei Priester an meinem Lagerfeuer zu haben, die hier über Religion und Vorgeschichte diskutieren. Die Welt ist schon verrückt! Na, sehen wir zu, dass das zweite Kaninchen nicht verbrennt; ihr habt hoffentlich alle noch Hunger!“
Während er das zweite Kaninchen zerteilte, beobachtete Ragan, wie sich Merrow und Serraya dicht aneinander drückten. Er vermutete, dass die beiden heute Nacht etwas abseits schlafen würden.
 

Tyger

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In die Wildnis


„Mir tut der Hintern weh“, stöhnte Ragan, während er trockenes Gestrüpp für ein Feuer zusammen raffte.
„Und mir irgendwie alles“, fügte Merrow hinzu.
„Ich habe gelernt, schnell zu reiten“, meinte Serraya erschöpft. „Aber vier volle Tage im Sattel ...“
Die Zeltplane, mit der sie das Gepäck abgedeckt hatten, flappte im Wind; ein Stück entfernt hatte sich ein Geier in der Trockensteppe niedergelassen und fraß irgendein totes Tier, immer wieder misstrauisch herüber schauend. Serraya nahm ein Gewehr und ein Messer und sagte: „Ich versuche etwas zu jagen.“
„Vielleicht hätten wir doch auf der Straße reisen sollen“, meinte Merrow.
„Dann wäre der Weg dreimal so weit. Wir waren uns doch alle einig über die Route, oder?“
„Ich war ja noch nie in der Steppe!“
„Ich auch nicht. Aber wir können uns die Karte ja noch einmal ansehen. Ich bestehe nicht auf der Steppenroute. An der Straße würden wir immerhin Gasthäuser finden.“
„Wie spät ist es eigentlich?“ fragte Merrow.
„Keine Ahnung. Meine Uhr ist gestern stehen geblieben; ich hatte vergessen, sie aufzuziehen. Und wonach soll ich sie hier stellen?“
„Was soll's – auf jeden Fall Abend.“
Ragan holte sein Feuerzeug hervor und entzündete das Feuer.
„Was meinst du - werden wir den Bratspieß brauchen?“ fragte Merrow, der an einem Rinnsal kniete, das bald versiegen würde, und mit einem Becher Wasser in einen Kanister schöpfte. „Nicht, dass der Hunger nicht groß genug für das Trockenbrot wäre ...“
„Bis jetzt haben wir keinen Schuss gehört.“ Ragan warf einen Blick zu den Pferden hinüber. „Die scheinen auch nicht begeistert von dem mickrigen Gras zu sein. Zum Glück haben wir erst Frühsommer; in ein paar Wochen ist hier wahrscheinlich alles vertrocknet.“
Er sammelte weiteres Brennmaterial, da das trockene Gesträuch sehr rasch verbrannte. Dann machte er sich daran, die Zeltplane besser festzubinden, damit der Wind sie über Nacht nicht davon wehte. Bisher hatten sie das Zelt nicht ein einziges Mal aufgebaut – wozu auch bei dem trockenen Sommerwetter?
Serrayas weiche schnelle Schritte näherten sich.
„Hey, seht mal, was ich habe!“ rief sie und hielt ein wahres Prachtexemplar von einem Hamster sowie eine Schlange von mittlerer Größe in die Höhe, die sie beide ohne einen Schuss erlegt hatte.
Merrow strahlte und Ragan meinte bewundernd: „Wo hast du die in den paar Minuten hergezaubert?“
„Wie das so geht – die Schlange war dabei, den Hamster zu erwürgen; damit hatte ich beide.“
Während das Fleisch am Spieß briet, holte Ragan die Karte und tippte auf einen Punkt inmitten der Landschaft. „Ungefähr hier müssten wir sein. Dort sind Eisenfeld und Tempelstadt und da vorn verläuft die Küste. Das da ist die Insel, auf der unser erstes Ziel liegt.“
Merrow beugte sich neugierig über die Karte. „Da drüben ist die Eisenbahnlinie nach Neuenhafen – sag mal, hätten wir tatsächlich mit der Eisenbahn fahren können?“
„Nein. Neuenhafen liegt dort drüben und unsere Insel liegt hier, dazwischen ist das Flussdelta. Wir hätten auf der Straße nach Muschelbank reisen können, das ist eine kleine Stadt, die wenigstens auf der richtigen Flussseite liegt. Aber da wollen wir eigentlich auch nicht hin, sondern am besten in eines jener namenlosen Fischerdörfer, die hier an der Küste angedeutet sind.“
„Und der kürzeste Weg dorthin war geradeaus“, meinte Serraya. „Aber eigentlich ist doch die Straße gar nicht so weit entfernt, höchstens fünfzig Kilometer rechts. Wenn wir uns in die Richtung halten würden, könnten wir morgen in einem Gasthaus sein. Und vielleicht sogar baden!“
„Das Dumme ist nur die Bergkette dazwischen. Die ist zwar nicht hoch, aber ob das sanfte Hügel sind oder schroffe Felsen und Schluchten, das weiß der Geier. Und wenn wir die umgehen wollten, müssten wir fast bis nach Eisenfeld zurück.“
„Bis zur Küste brauchen wir gut noch einmal vier Tage, wenn wir auf unserer Route bleiben. Sag mal, ist das da vorn ein See? Könnten wir uns da nicht einen Tag ausruhen?“
„Ja. Ich weiß aber nicht, ob wir den finden.“
„Aber du hast doch den Kompass!“ warf Merrow ein.
„Naja, die Küste ist breit genug, um sie nicht zu verfehlen, aber so ein kleiner See ... ich bin auch nur ein Stadtmensch!“
„Wenn wir mit dem Fernglas Ausschau halten, müssten wir ihn finden. Außerdem wittern die Pferde das Wasser; bisher haben sie uns jede Wasserstelle gezeigt.“
Merrow goss einen großen Becher mit frischem Wasser voll, aus dem sie abwechselnd tranken. In der Ferne heulte ein Wolf. Während Ragan die Karte zurück in die Packtasche brachte, küssten Serraya und Merrow sich ausgiebig. Seine Vermutung an jenem Abend bei Jark hatte sich bestätigt; sie war nachts über den verunsicherten Jungen hergefallen und seitdem waren die beiden ein Paar.


Wilde Tiere


Es war nicht schwierig gewesen, den See zu finden, der sich am Fuße einer Hügelkette in einer Senke befand; einige hohe Bäume sowie zahlreiche wilde Rinder und Ziegen machten die große Wasserstelle schon von weitem erkennbar. Ab und zu flatterten Schwärme von Vögeln auf und saftig grünes Gebüsch kam in Sicht. Die Pferde schnaubten erregt und beschleunigten ihren Schritt.
„Das ist ja fast zu schön, um wahr zu sein!“ rief Merrow begeistert.
Ragan sah auf die von vielen Hufen festgetrampelte Erde hinab, auf der nicht mehr viel wuchs, obwohl die Tiere sie reichlich gedüngt hatten.
„Das fürchte ich auch“, meinte er, noch bevor er den Geruch des Wassers wahrnahm.
Enttäuscht sahen sie schließlich einen großen grünlichbraunen Schlammpfuhl vor sich, in dem sich ein Bad von selbst verbot. Es war schwer, die durstigen Pferde zurückzuhalten.
„Seht mal, dort hinten am Hang“, meinte Serraya, mit dem Finger in die Richtung weisend. „Da könnte es einen Zufluss geben, wenn wir Glück haben.“
„Wenn wir kein Glück haben, geht uns morgen das Wasser aus“, erwiderte Ragan. „Zur Not müssen wir die Brühe da so lange abkochen, bis wir sie trinken können. Und die Pferde trinken zu lassen müssten wir eben riskieren; die anderen Tiere bringt es ja auch nicht um.“
„Pfui!“ Merrow schüttelte sich. „Lieber suche ich die ganze Nacht nach frischem Wasser!“
Serraya behielt glücklicherweise recht; zwischen ein paar Schilfbüscheln versteckt plätscherte tatsächlich ein kleiner Wasserlauf aus einer schmalen Felsspalte, durch die man sich nur seitwärts hindurch zwängen konnte. Im Halbdunkel zwischen einem zerklüfteten Durcheinander bemooster Steinplatten stürzte sogar ein kleiner Wasserfall herab. Zwei Füchse, die sich zum Trinken an dieser einsamen klaren Stelle eingefunden hatten, sprangen belfernd davon, als Merrow sich die Kleidung vom Leib riss und sich in die Nische unter den Wasserfall zwängte.
„Klares Wasser zum Baden! Was für ein Luxus!“
Gemeinsam mit dem fröhlich prustenden Merrow machte sich Ragan daran, mit einem Eimer die Pferde zu tränken, die zu groß waren, um das Frischwasser zu erreichen.
„Wenn wir damit fertig sind, können wir uns sogar richtig waschen, mit Seife!“
Serraya betastete die brüchigen Steinplatten und stellte fest: „Das waren Gebäude. Die ganze Anhöhe könnte einst eine Stadt gewesen sein.“ Sie schloss die Augen, lehnte sich für ein paar Minuten an den Stein und bestätigte: „Ja. Wahrscheinlich sogar die ganze Hügelkette.“
Merrow wurde stiller und meinte: „Versunkene Städte haben immer so etwas Deprimierendes an sich.“
Seine Ausgelassenheit war verschwunden und er machte sich schweigend auf, die leeren Kanister von den Packpferden zu holen, die sich abseits der übrigen Tiere unter einem halb kahlen Baum um die Wassereimer drängten. Er hängte die Packriemen über einen Ast, Metall schepperte gegen den Baumstamm und plötzlich schrie er auf: „Au, verdammt!“
Fast gleichzeitig mit ihm schrien die Pferde, stiegen schrill wiehernd auf und galoppierten panisch davon.
Verblüfft sah Ragan ihnen nach. „Was ist denn jetzt passiert?“
Im selben Moment hörte er ein durchdringendes Brummen und sah eine dunkle Wolke aus dem Baumstamm hervor quellen.
„Wespen!“ schrie Serraya. „Wir brauchen die Zeltplanen!“
„Die sind mit den Pferden weg!“ schrie Ragan zurück, während Merrow panisch auf ihn zu rannte. Die dunkle Wolke näherte sich, ein bedrohlich brummender Schwarm von hunderten oder tausenden von Wespen.
„In den See!“ rief Serraya.
„Nein!“ gab Merrow entsetzt zurück.
Der klare Zulauf war schmal, steinig und höchstens zehn Zentimeter tief, also blieb nur der See als einzige Möglichkeit. Ragan spürte die ersten zwei, drei Wespenstiche. Zusammen mit Serraya packte er Merrow, dessen Ekel vor dem Schlammpfuhl größer zu sein schien als die Angst vor dem Wespenschwarm und zerrte ihn durch das Schilf ins Wasser. Es kostete Überwindung, in dem grünlichen Schleim unterzutauchen, aber das Brummen und Brausen sowie die schmerzhaften Stiche der Insekten hatten genügend Überzeugungskraft. Nach mehrfachem tiefem Luftholen und Tauchen gab der Schwarm auf und zog sich allmählich wieder in den Baumstamm zurück wie er daraus hervor gekommen war.
Heftig atmend steckten Ragan und seine beiden Gefährten die Köpfe aus dem Schlamm, ein paar dicke braune Frösche glotzten sie aus dem Schilf an. Merrow würgte und übergab sich in den Schlamm.
Serraya gluckste belustigt: „Wisst ihr, wie ihr ausseht?“
„Genauso wie du!“ keuchte Ragan und schließlich konnte auch Merrow wieder halbherzig lachen. Als sie das Wasser verließen, war ihr Fell eine einzige Masse von Schlamm und Algen; ihr erster Weg führte zwischen die Steine zu dem kleinen Wasserfall.
„Du hattest Glück“, sagte Ragan zu Merrow, „du warst wenigstens schon ausgezogen! Wieviele Stiche habt ihr eigentlich abgekriegt?“
Keiner hatte mehr als zehn Stiche abbekommen und Serraya meinte, das dürfte nicht gefährlich sein.
„Das Lager sollten wir oben in den Hügeln aufbauen“, schlug Serraya vor.
Ragan nickte und Merrow fragte: „Apropos Lager aufbauen – wie fangen wir eigentlich die Pferde wieder ein?“
Das Problem löste sich von selbst; acht der Pferde kamen nach und nach von selbst zurück, nachdem sie sich wieder beruhigt hatten, die Nähe jenes einzelnen Baumes jedoch sorgsam meidend, nur einer der beiden Braunen blieb verschwunden. Ein Problem war allerdings, dass zwei der Packpferde es geschafft hatten, ihr gesamtes Gepäck abzuwerfen und weit in der Steppe zu verstreuen, und auch die Reitpferde hatten bei ihrer rasenden Flucht einiges verloren. Es kostete Stunden, die Dinge, soweit sie überhaupt zu finden waren, wieder einzusammeln. Das Fernglas war auf einen Stein gefallen und die Linsen beider Seiten zersprungen, eine der Planen war zerfetzt und beinahe alle noch vorhandenen Konservendosen lagen von Steinen aufgerissen oder von Hufen zertreten am Boden. Einige große Raubvögel hatten sich bereits darüber her gemacht und rissen sie mit ihren scharfen Klauen und Schnäbeln geschickt auseinander.
Auf der Kuppe eines Hügels machte sich Ragan gemeinsam mit Merrow daran, zum ersten Mal das Zelt aufzubauen, während Serraya wie gewohnt auf die Jagd ging. Das Zelt war eine knifflige Konstruktion aus Aluminiumstangen und Schnüren, die vermutlich schnell aufzubauen war, wenn man nur wusste, wie. Er war erstaunt, wie schnell Merrow damit zurecht kam.
„Baust du öfter Zelte auf?“ fragte er.
„Nein, noch nie.“
Es war später Abend und schon recht dunkel, als das Zelt endlich stand. Ragan suchte Holz für das Feuer zusammen, als er Serraya aus der Ferne rufen hörte. Er sah hinab in die Ebene, konnte sie aber nicht erkennen. In einem Gebüsch blitzte es kurz auf, ein Schuss krachte.
„Ich glaube, Serraya braucht Hilfe“, sagte er zu Merrow und griff sich eine Laterne.
„Es wird ihr doch nichts passiert sein?“ Merrow sah alarmiert auf und folgte ihm im Laufschritt den Hügel hinab.
„Hier bin ich!“ Serraya winkte ihnen vom Rand des Gesträuchs aus zu.
„Ist etwas passiert?“
„Kann man so sagen. Ich habe unser neuntes Pferd gefunden.“
Es lag zwischen den Blut bespritzten Büschen, mit den deutlichen Spuren großer Zähne im Hals und tiefen Risswunden. Der Bauch war aufgerissen und ein guter Teil der Eingeweide heraus gefressen. Der intensive Geruch des noch warmen Kadavers hatte eine Anzahl Fliegen angelockt.
„Das arme Pferd“, meinte Merrow traurig.
„Das dürfte ein Tiger oder ein Löwe gewesen sein“, stellte Ragan fest.
„Wo so viele Tiere versammelt sind, muss es auch Raubtiere geben“, sagte Serraya. „Eigentlich hätten wir uns das denken können.“
Irgendwo in der Nähe heulte ein Wolf, ein zweiter fiel ein, dann ein dritter, vierter ... bis ein vielstimmiger Chor daraus geworden war.
Serraya zog ihr langes Messer. „Wir sehen besser zu, dass wir noch unseren Anteil von dem Pferd kriegen.“
Während Ragan ihr half, entzündete Merrow die Laterne und meinte zerknirscht: „Ich glaube, zu diesem See zu reiten war die dümmste Idee, die wir bisher hatten.“
Im Gebüsch raschelte es, ein Augenpaar blitzte im Dunkel auf, gleich darauf noch ein zweites.
„Halt sie mit der Lampe in Schach“, keuchte Ragan, während er mit dem Messer in dem Fleisch umher hackte. „So ein Pferd ist verdammt stabil!“
Das Fell seiner und Serrayas Arme war bis zu den Ellbogen mit Blut getränkt, als sie es endlich geschafft hatten, ein paar große Stücke loszuschneiden. Es war höchste Zeit, denn aus dem Gebüsch tauchten bereits drei Wölfe von beachtlicher Größe auf; ihre hochgezogenen Lefzen und ihr drohendes Knurren waren eine deutliche Aufforderung, von dem toten Pferd zu verschwinden.
„Nicht rennen“, raunte Serraya. „Wir ziehen uns ganz ruhig zurück. Merrow, du nimmst das Gewehr und schießt notfalls in die Luft.“
Der Rückzug mit den Fleischstücken war kein Problem; die Wölfe stürzten sich sofort auf den Pferdekadaver, der hoffentlich reichen würde, um das ganze Rudel zu sättigen.
Als sie das Lager wieder erreicht hatten, machte sich Merrow daran, das Feuer anzuzünden und das Fleisch zuzubereiten.
„Ich schätze, wir brauchen noch eine Wäsche“, meinte Serraya. Ragan folgte ihr den Hügel hinab zum Frischwasser, wo sie sich das Blut aus dem Fell wuschen.
„Sieh mal, hier kann man abkürzen“, sagte Ragan mit einem Blick auf ein paar Felsspalten und Vorsprünge und begann, die wenigen Meter hinaufzuklettern.
„Ich bin schneller!“ rief ihm Serraya fröhlich von oben her zu und reichte ihm die Hand. „Ich freue mich nämlich schon auf einen guten Braten.“
„Lass das bloß nicht die anderen Pferde hören!“ lachte Ragan, zog sich hoch und trat in eine Spalte, um sich ganz nach oben zu stemmen. Plötzlich schoss ein scharf stechender Schmerz durch seinen Unterschenkel, dicht über dem Fuß, der ihn zusammen zucken ließ.
„Aua, verdammt!“ stieß er aus.
Serraya reagierte blitzschnell, warf sich zu Boden, griff in jene Spalte und zog eine schwarze Schlange daraus hervor. Sie betrachtete sie kurz und ließ sie wieder davon kriechen, dann befahl sie: „Leg dich hin!“
Er gehorchte und fragte leise: „Die war giftig, nicht wahr?“
„Ja.“ So schnell, wie sie die Schlange gefangen hatte, zog sie ihr großes Jagdmesser aus der Scheide und hieb es in seinen Unterschenkel. Ragan konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken und krallte sich mit beiden Händen in den Boden. Serraya packte sein Bein und presste das Blut aus der Wunde, dann beugte sie sich darüber und saugte die Wunde aus, das Blut immer wieder beiseite spuckend. Als sie ein zweites Mal schnitt, stieß er vor Schmerz ein langgezogenes Jaulen aus, sie saugte wieder und sagte schließlich: „Alles in Ordnung, du kannst wieder aufstehen.“
Mit einem flauen Gefühl im Magen ließ er sich von ihr nach oben ziehen; das aus der Wunde fließende Blut tränkte das Fell seines Fußes.
Serraya stützte ihn und sagte beruhigend: „Keine Sorge, das meiste Gift sollte draußen sein. Die Wunde verbinden wir im Lager.“
„Das meiste?“
„Der Rest wird dich nicht umbringen.“ Im Lager angekommen schärfte sie Merrow eindringlich ein, bei einem Schlangenbiss so schnell wie möglich zu ihr zu kommen, ohne auch nur eine einzige Sekunde zu vergeuden.
Es war, dem Stand der Sterne nach zu urteilen, nach Mitternacht, als sie endlich das Fleisch verzehrten, das noch immer halbroh und zäh war, aber hungrig wie sie waren, trotzdem gut schmeckte.
„Im stillen Gedenken an unser neuntes Pferd lassen wir es uns schmecken“, bemerkte Ragan kauend.
„Mir tut es leid“, sagte Merrow traurig.
Ragan legte ihm die Hand auf die Schulter. „Schon gut – mir ja auch.“
„Wie geht es euch eigentlich?“ fragte Serraya, die im Glutschein des herunter gebrannten Feuers nur als Silhouette mit rot blitzenden Augen zu sehen war.
„Mies“, sagte Merrow. „Wahrscheinlich von den vielen Wespenstichen. Ich fühle mich ganz angeschwollen.“
„Mir geht es großartig“, meinte Ragan. „Ich bin nicht einmal müde – ich könnte plötzlich Bäume ausreißen.“
Serraya nickte. „Das kommt von dem Schlangengift. Morgen wird sich das anders anfühlen.“
Sie krochen ins Zelt, ordneten im Dunkeln die Decken und Serraya drängte sich dabei dicht an Ragan. „Wir haben noch nie so eng beieinander geschlafen“, raunte sie ihm ins Ohr. „Das Gift dieser Schlange müsste noch eine andere Wirkung haben. Spürst du sie schon?“ Überraschend griff sie ihm zwischen die Beine, wo sich jene Wirkung sehr deutlich zu zeigen begann. „Ich gefalle dir doch, nicht wahr?“
„Aber ihr beide ...“ setzte er an.
„Für mich ist das in Ordnung“, sagte Merrow, ebenso leise, um die Atmosphäre nicht zu stören. „Wir sind doch Freunde, oder?“
„Es ist nur so, dass ich noch nie eine Dreierbeziehung hatte“, gab Ragan etwas verlegen zu.
„Dann wird es Zeit.“ Serraya biss ihn sanft in die Schulter und zog ihn zu sich herüber. „Ich glaube, mit Merrow ist heute sowieso nicht viel anzufangen. Stimmts?“
„Stimmt“, brummte der leise. „Die verdammten Wespen ...“
 

Tyger

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Ungewisse Pläne


Wie Serraya voraus gesagt hatte, ging es Ragan am nächsten Tag nicht gut. Merrow kam nachträglich auf die Idee, dass eigentlich jemand hätte Wache halten sollen – aber alles war gut gegangen, das Lager unbeschädigt und die übrigen acht Pferde noch alle da. Sie beschlossen, einen Ruhetag einzulegen, der entgegen allen Befürchtungen tatsächlich ruhig verlief; von dem Pferdefleisch war noch genügend für den ganzen Tag übrig, die Raubtiere ließen das Lager in Ruhe und die Pferde konnten unbehelligt weiden. Serraya gelang es sogar, unbeschadet die Packriemen von dem Ast des Wespenbaumes zu holen. Ragan lag auf einer Decke, blinzelte in den Himmel, wo ein großer Raubvogel kreiste, und fühlte sich zu schlapp, um aufzustehen. Er genoss das schöne Wetter und die Erinnerung an die letzte Nacht. Die neue Situation war angenehm, irgendwie entspannter als vorher und auch Merrow hatte ihm am Morgen gesagt, dass er sich jetzt viel wohler fühle. Er wusste selbst nicht mehr zu sagen, wieso er sich vor einer Dreierbeziehung gescheut hatte.
„Morgen könnten wir es bis zur Küste schaffen“, sagte Merrow und kniete sich mit der Karte in den Händen neben ihn.
„Ja, wenn wir gut voran kommen und einigermaßen die Richtung halten. Die Küste ist in dieser Gegend aber kaum bewohnt und deshalb schlecht kartiert. Da sind ein paar Ortschaften gestrichelt eingezeichnet und der Küstenstrich nur mit 'schwache Besiedlung' beschriftet, wobei die Karte wahrscheinlich schon mindestens ein Jahrhundert alt ist. Wenn wir Pech haben, ist die Gegend inzwischen völlig verlassen. Einigermaßen sicher dürfte nur der Waldstreifen zwischen dem Steppengebiet und der Küste noch da sein.“
„Eigentlich seltsam“, meinte Merrow nachdenklich. „Auf der Welt leben Millionen Menschen, wir sind zivilisiert, wir reisen viel, von einem Kontinent zum anderen fahren Schiffe – und trotzdem ist die Welt so schlecht kartografiert, dass man sich auf keine Karte mehr verlassen kann, sobald man sich kaum 200 Kilometer von der nächsten Stadt oder Straße entfernt. Wieso eigentlich?“
Ragan nickte. „Du hast dir die Antwort schon gegeben. Wir reisen viel, von Stadt zu Stadt auf den vorhandenen Verkehrswegen, auf Straßen, auf Flüssen, mit der Eisenbahn – aber wer reist schon dahin, wo keine Stadt ist? Wer will schon mitten in die Wildnis?“
„Wir?“
„Nein, wir auch nicht. Wir haben nur ein ungewöhnliches Ziel, zu dem es keinen direkten Verkehrsweg gibt, aber wir reisen schnurstracks dahin. In die Wildnis wollen auch wir nicht.“
„Aber wieso nicht?“ Nachdenklich ließ Merrow den Blick über die weite Landschaft schweifen. „Eigentlich ist es doch schön hier – trotz der Wespen und Schlangen und Löwen.“
Seufzend wälzte sich Ragan auf den Bauch. „Die Frage habe ich mir auch schon gestellt. Mit gefällt unsere Expedition auch, aber nur deshalb, weil wir ein Ziel haben. Was sollte ich sonst hier wollen? Würdest du einfach nur so hierher reisen?“
„Nein.“ Merrow schüttelte den Kopf, dann schaute er Ragan an, als käme ihm soeben eine Idee: „Aber eigentlich könnte man doch hier ein neues Dorf oder sogar eine Stadt gründen.“
„Wozu? Warum sollte jemand so weit von allen Annehmlichkeiten der Zivilisation und von anderen Menschen entfernt leben wollen?“
„Wenn man hier eine Stadt bauen würde, wäre das alles ja hier! Und Verkehrswege zu anderen Städten würden dann auch entstehen!“
„Und wieder: Wozu? Was würde es nützen, wenn hier statt der Wildnis eine Stadt wäre, dazu Straßen und Eisenbahnlinien, die ohne sie niemand brauchte? Was wäre an dieser Stadt hier anders als an Eisenfeld, Felsenberg oder Oberkalkstadt?“
„Nichts. So weit hatte ich nicht gedacht.“ Merrow zuckte mit den Schultern. „Ich hatte einfach nur das Gefühl, dass etwas mit der Welt nicht stimmt.“
„Das Gefühl kenne ich. In der Priesterschule lernt man sogar, sich solche Gedanken zu machen und über Selbstverständlichkeiten nachzudenken.“
„Und?“
„Nichts und. Zu einem Ergebnis bin ich damit noch nie gekommen.“
Merrow hatte eine neue Idee: „Die Karten auf den aktuellen Stand zu bringen wäre doch ein sinnvolles Ziel! Wäre das nicht ein Grund, von Zeit zu Zeit in jede Wildnis zu reisen?“
„Nicht wirklich. Wozu sind genaue und aktuelle Karten von Gebieten nötig, die nur alle paar Jahrzehnte oder Jahrhunderte einmal jemand bereist?“
Resigniert senkte Merrow den Kopf. „Was du sagst, klingt alles so vernünftig.“
„Ich weiß. Es wäre mir lieber, wenn es nicht so wäre.“
Serraya kam heran und sagte: „Ihr schaut drein, als ob jemand gestorben wäre.“ Sie gab jedem einen Kuss und fragte: „Habt ihr euch eigentlich schon Gedanken gemacht, wie wir auf die Insel kommen?“
„Sie ist nicht weit von der Küste entfernt“, meinte Ragan. „Vielleicht sogar noch in Sichtweite. Wir brauchen also kein großes Schiff; bei schönem Wetter müssten wir mit einem kleinen Segelboot hin kommen – und so etwas gibt es in jedem Küstendorf. Ein Stall, in dem wir die Pferde für ein paar Tage unterbringen und versorgen lassen können, findet sich sicher auch. So weit entfernt von den Verkehrswegen besitzt wahrscheinlich niemand einen Dampfwagen, aber jeder ein Pferd.“
„Dann können wir nur hoffen, dass der Küstenstrich nicht verlassen ist“, ergänzte Merrow.


Das Dorf an der Küste


Die Sonne stand tief am Horizont, als die Vegetation grüner und das Gebüsch höher wurde und allmählich in eine Art Heidelandschaft überging, aus der hier und da einzelne bemooste Platten und Pfeiler ragten, die Überreste antiker Bauten zu sein schienen. Bald darauf begann lichter Wald, der zu Pferd trotz seiner Urwüchsigkeit leicht zu passieren war. Einige der Pferde begannen erregt zu schauben und scheuten gelegentlich für einen Augenblick, als sie in den Wald hinein ritten, indem es schon recht dunkel war. Ragan bemerkte, dass er sich selbst nicht wohl fühlte in diesem Wald.
„Wir könnten die paar hundert Meter zurück reiten und in der Heide lagern“, schlug er vor. „Was meint ihr?“
„Es kann nicht mehr weit sein bis zum Meer“, erwiderte Merrow abenteuerlustig. „Und es ist noch gar nicht spät!“
Serraya, die voraus ritt, zügelte ihren Rappen und wandte sich um: „Du fühlst dich auch nicht wohl hier, stimmts, Ragan? Und du auch nicht, Merrow, gib es zu!“
„Ich hatte aber auch in der Heide schon kein gutes Gefühl“, gab Merrow zu. „Da würde ich auch nicht gern übernachten.“
Sie nickte: „Ganz meine Meinung. Also reiten wir weiter, einverstanden?“
Sie ritt weiter voraus, die Ohren ebenso aufmerksam aufgerichtet wie ihres Pferdes.
„Hier ist ein Weg!“ sagte sie schließlich erleichtert.
Es war kaum mehr als ein Trampelpfad, aber eindeutig kein Wildpfad, sondern von Menschen angelegt. Sie folgten ihm. Wieder scheuten die Pferde, scharrten mit den Hufen und waren kurz davor, durchzugehen. Sie nahmen die Pack- und Reservepferde fest am Zügel und redeten beruhigend auf sie ein. Aus dem Wald drang ein deutlicher Verwesungsgeruch, der Geruch nach etwas, das schon länger tot war.
Ragan bemerkte etwas, das Merrow aussprach: „Der Geruch kommt von beiden Seiten des Weges. Werden tote Tiere im Wald nicht von anderen Tieren gefressen?“
Er sprach leise und hatte die Ohren angelegt.
Ebenso leise, aber mit wachsam aufgerichteten Ohren sagte Serraya: „Von welchen Tieren? Hört mal!“
Ragan lauschte angestrengt. „Da ist nichts.“
„Genau! Wir sind mitten im Wald und da ist kein Geräusch. Kein Vogel zwitschert, keine Krähe krächzt, keine Maus und kein Igel raschelt.“
„Raubtiere?“
„So völlig geräuschlos?“
„Wir reiten besser schnell weiter“, raunte Ragan. „Lange können wir die Pferde sowieso nicht mehr halten.“
Im Wald war es so dunkel, als sei innerhalb weniger Minuten die Nacht herein gebrochen; Ragan begann sich nach der Steppe zurückzusehnen. Er wünschte, er wüsste wenigstens die Uhrzeit. Als sie den Todesgeruch hinter sich gelassen hatten, beruhigten sich die Pferde ein wenig, aber ringsum herrschte noch immer völlige Stille; kein Käuzchen schrie, kein Fuchs belferte, kein Wolf heulte.
„Ich höre etwas“, sagte Serraya plötzlich, nachdem sie ein gutes Stück geritten waren. „Ich glaube, das ist Meeresrauschen.“
Kurz darauf hörte Ragan es auch und Merrow, der zu Serraya aufgeschlossen hatte, rief: „Da vorn ist ein Licht!“
Ragan atmete auf, als kurz darauf noch weitere Lichter in Sicht kamen. Zwischen Felsen hindurch ging es bergab auf eine am Hang liegende Ansiedlung zu, hinter der sich das Mondlicht im Meer spiegelte. Etwas abseits war auf dem Wasser sogar die markante Silhouette eine zweizylindrigen Turbosegelschiffes auszumachen. Auf der Höhe einer einzelnen Klippe brannte ein Leuchtfeuer.
„Wir haben es geschafft!“ jubelte Merrow und auch Ragan atmete auf. Er ritt an Serrayas Seite und fragte: „Na, auch erleichtert?“
„Ich weiß nicht“, erwiderte sie zögernd. „Erinnerst du dich an Merrows Worte, als wir diesen See erreichten? Zu schön, um wahr zu sein.“
„Na, komm schon, so schlecht war es dort am Ende schließlich nicht!“
Sie sah ihm in die Augen. „Ich habe dir nicht gesagt, wie giftig die Schlange war. Zehn Minuten später hätte ich dich nicht mehr retten können.“
Ragan erschauerte nachträglich. „Und was stört dich an diesem Dorf?“
Sie machte eine ratlose Geste. „Ich weiß nicht. Wie ich schon sagte – es sieht einfach zu schön aus.“
Als sie in das Dorf ritten, wurde man sofort auf sie aufmerksam. Einige Bewohner von hybridem Typus begrüßten sie fröhlich, Laternen und Fackeln schwenkend, als hätten sie auf die drei Reisenden gewartet.
„Wir freuen uns immer über Gäste!“ rief eine Frau mit grau geschecktem Fell und bedeutete ihnen abzusteigen. Andere drängten sich um die Reisenden und ihre Pferde, fast durchweg junge Leute.
„Wir haben euch schon von weitem kommen gesehen!“
„Es kommt selten jemand von der Landseite her.“
„Was für schöne Pferde ihr habt!“
„Kommt mit zum Dorfplatz!“
„Ihr seid sicher hungrig und durstig ...“
„Natürlich haben wir einen guten Stall für die Pferde; um das Absatteln und Abladen braucht ihr euch nicht zu kümmern.“
„Ihr seid gewiss müde ...“
Inmitten einer Gruppe von zehn bis fünfzehn fröhlich schwatzenden Leuten wurden sie zur Mitte der Dorfes geführt. Vor einem großen offenen Gemeinschaftshaus brannte dort ein Feuer, um das sich scheinbar das ganze Dorf versammelt hatte.
„Feiert ihr ein Fest?“ fragte Serraya.
„Aber nein, das ist bei uns immer so. Wir leben sehr gut hier, müsst ihr wissen!“
Für einen Augenblick hatte Ragan ein ungutes Gefühl, als die Dörfler ihnen einfach die Pferde samt Gepäck und Waffen wegnahmen und sie selbst auf Holzbänken inmitten der Trubels unterbrachten, doch die Leute waren von so offener Herzlichkeit, dass es ihm einfach unmöglich war, ihnen unlautere Absichten zuzutrauen. Merrow, Serraya und er selbst saßen plötzlich inmitten einer fröhlichen Menge mit Schüsseln voll Gemüse und gefüllten Weinbechern vor sich, jemand machte schräge Musik, ein paar Dörfler tanzten ausgelassen verrückte rhythmische Tänze, irgendwer pries lautstark die Götter und Ragan ließ sich das Essen schmecken, das mehr oder weniger ein Pilzeintopf zu sein schien.
Eine fremde Frau beugte sich über ihn, streichelte sein Brustfell, drückte ihm einen Kuss auf die Wange und verschwand.
Serraya beugte sich zu ihm herüber und raunte ihm zu: „Wie ich schon sagte – zu schön, um wahr zu sein. Ich werde mich ein wenig umsehen.“ Ohne das Essen oder den Wein anzurühren verschwand sie im Dunkel.
Ragan musste zugeben, dass die Situation seltsam war. Er sah sich um und beobachtete die Leute. Sie waren alle von canidem oder hybridem Typ und hatten graues oder grau geschecktes Fell; was umso mehr auffiel, da sie alle kaum Kleidung trugen. Die meisten sahen sich recht ähnlich und waren eine weder schöne noch hässliche, sondern einfach unscheinbare Art von Mensch. Das war bei einem so abgelegenen Ort nicht erstaunlich – wahrscheinlich hatten sie kaum je Kontakte zur Außenwelt. Umso erstaunlicher war allerdings die Selbstverständlichkeit, mit der sie als Fremde hier aufgenommen wurden. Dann fiel ihm auf, dass er nur mehr oder weniger junge Leute sah – wesentlich älter als dreißig schien hier niemand zu sein.
„Feiern die Älteren nicht mit?“ fragte er seinen Sitznachbarn.
„Wieso?“ fragte der lachend zurück. „Es sind doch fast alle da!“
Schließlich machte er doch jemanden aus, der nicht ins Bild passte, einen kräftig gebauten, gut vierzigjährigen Mann von Tigertyp, dessen schwarz-gelb gestreiftes Fell sich deutlich aus der Menge abhob. Ragan stand auf, ging zu dem Mann hinüber und stellte sich vor: „Ich bin Ragan, heute hier angekommen. Du bist auch nicht von hier?“
„Nein! Ich bin von der HAIFISCH, dem Schiff da drüben.“ Er wies mit ausgestreckter Kralle in Richtung des im Dunkel liegenden Turboseglers und schien das lustig zu finden. „Trink mit mir, Ragan, auf diese wundervolle Gemeinde!“
Er trank mit dem Mann, der sich als Mroun vorstellte und sein Misstrauen verließ ihn allmählich. Er stellte Mroun und Merrow einander vor, wurde selbst etlichen Dörflern vorgestellt, lachte über irgendwelche Witze, spürte, wie ihm der Wein zu Kopfe stieg, tanzte verrückte Tänze um das Feuer, suchte nach Serraya, ohne sie zu finden, fühlte sich so wohl wie seit langem nicht mehr und wurde schließlich irgendwohin gebracht, wo er schlafen konnte ...
 

Tyger

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Schiff zu verschenken


„Guten Morgen, du Säufer!“ Serraya kraulte ihm grob, aber freundlich die Brust. Er konnte sich nicht erinnern, neben ihr eingeschlafen zu sein. „Merrow ist schon aufgestanden.“
Er stöhnte, fühlte sich aber nicht so schlecht wie es nach einem Vollrausch hätte der Fall sein müssen.
„Wo warst du eigentlich den ganzen Abend?“ fragte er.
„Das erzähle ich dir beim Frühstück. Du wirst staunen.“
Sie führte ihn zum Strand, wo Merrow gerade fröhlich prustend aus dem Wasser kam. Ragan genoss das Bad in dem kühlen Wasser, den weichen Sandstrand und die Strahlen der aufgehenden Sonne.
Als sie zu dem Haus zurückkehrten, wurden sie von dessen Bewohnern, zwei Frauen und einem Mann, schon mit dem Frühstück erwartet. Serraya packte einen Beutel voll Muscheln auf den Tisch, die sie am Strand gesammelt hatte.
„Könntet ihr uns die bitte zum Frühstück kochen? Wir waren schon lange nicht am Meer und würden deshalb so gern ...“
Die drei waren leicht davon zu überzeugen, es nicht als Beleidigung anzusehen, dass ihre Gäste das servierte Frühstück verschmähten; eine der Frauen kochte die Muscheln, während die andere und der Mann das Haus verließen.
Serraya, Merrow und Ragan ließen sich am Tisch auf der Veranda nieder und tranken duftenden Kräutertee.
„Wieso sollten wir das Frühstück nicht essen?“ raunte Merrow.
Ebenso leise erwiderte Serraya: „Vielleicht essen sie hier etwas, das wir besser nicht essen sollten. Ich habe euch gestern beobachtet – das war nicht nur der Wein. Ich tippe auf die Pilze, die in allem waren.“
„Was meinst du damit?“
Die Frau, die einen großen Topf mit den gekochten Muscheln brachte, unterbrach ihr Gespräch. Nachdem sie wieder in der Küche verschwunden war, sagte Serraya wie beiläufig: „Wir haben ein Schiff.“
„Ein Schiff?“ fragte Ragan erstaunt zurück. „Ich habe hier keins gesehen – seltsam eigentlich bei einem Küstendorf. Moment mal, doch nicht etwa den Turbosegler?“
Serraya nickte: „Doch, genau den. Der Kapitän hat mir das Schiff geschenkt.“
„Wie bitte?“ Merrow fiel eine Muschel aus der Hand und Ragan verschluckte sich.
„Nun, der Kapitän ist ein ganz vernünftig scheinender Mann, groß und kräftig, von ursinem Typ mit graumeliertem schwarzen Fell, etwa 50 Jahre alt – und er hat mir erklärt, dass er in diesem Dorf zu bleiben gedenke und sein Schiff, die HAIFISCH, daher nicht mehr brauche. Also hat er es mir geschenkt.“
„Ein Kapitän, der sein Schiff verschenkt? Das gibt es doch gar nicht! Ist es denn überhaupt sein eigenes?“
Sie warf eine kleine goldene Plakette auf den Tisch, wie ein Schiffskapitän sie traditionell an einem durch die Brust gestochenen Ring trug. „Zumindest war er tatsächlich der Kapitän; er hat sich das Ding vor meinen Augen heraus gerissen. Und ich wette darauf, dass er stocknüchtern war.“
Merrow nahm die Plakette mit der Inschrift HAIFISCH in die Hand und betrachtete das getrocknete Blut, das daran klebte. „Das ist doch völlig verrückt. Was sagt denn die Mannschaft dazu?“
Ragan erzählte von Mroun und war sich plötzlich sicher, dass niemand von der Mannschaft mehr Interesse an dem Schiff haben würde.
„Was wollen wir eigentlich mit einem Schiff ohne Kapitän und Mannschaft?“ fragte er.
„Du hast erzählt, dass du selbst ein Schiff führen kannst“, meinte Merrow unbekümmert.
„Aber doch nur Flussdampfer; vom Meer habe ich keine Ahnung! Und vom Segeln erst recht nicht, schon gar nicht mit diesem Ding; ein Turbosegelschiff habe ich noch nie aus der Nähe gesehen!“
„Dann suchen wir doch einfach die Mannschaft und den Kapitän, die müssen ja alle im Dorf sein.“
Sie erhoben sich vom Tisch und gingen die ungepflasterte Straße entlang. Das Dorf war größer als es ihnen am gestrigen Abend erschienen war; es wirkte weder sauber noch ordentlich, aber freundlich und fröhlich. Überall zwischen den netten kleinen Häusern, den Weinlauben und Obstbäumen spielten lärmend Scharen von Kindern.
„Ich habe selten so viele Kinder auf einmal gesehen“, stellte Merrow fest.
Ragan nickte. „Die Leute hier sind alle canid oder hybrid und sehen sich ausgesprochen ähnlich, da dürfte wahrscheinlich fast jedes Paar Kinder haben. Was für ein fruchtbares Dorf!“
„Und immer schön unter sich“, fügte Serraya ironisch hinzu. „Wer weiß, was uns beim näheren Hinsehen noch alles auffällt; vielleicht ist das ja die Erklärung dafür, dass es hier keine Alten gibt.“
„Guten Morgen!“ rief Merrow einem Mädchen mit einer weißen Blüte im Haar zu, das einen Korb voll Gemüse trug. „Wir suchen den Kapitän und die Mannschaft der HAIFISCH; kannst du uns sagen, wo wir die finden?“
Das Mädchen stellte den Korb ab und setzte ein verständnisloses Lächeln auf.
„Die Leute von dem Schiff, das da drüben vor Anker liegt!“ erläuterte Merrow.
„Ach, die Leute von dem Schiff!“ Sie lachte bezaubernd. „Ja, die sind auch bei uns geblieben.“
„Auch?“ fragte Serraya. „Wer denn sonst noch?“
Das Mädchen schien Serraya ihrer dummen Frage wegen jetzt freundlich auszulachen. „Jeder bleibt bei uns, hier ist der schönste Ort auf der ganzen Welt!“
Sie nahm ihren Korb wieder auf und ging weiter, leise vor sich hin kichernd.
„Habe ich es nicht gesagt?“ raunte Serraya.
Ein Mann kam die Straße entlang, eine Schubkarre vor sich her schiebend.
„Guten Morgen!“ grüßte diesmal Serraya. „Wir suchen die Leute von dem Schiff. Wo können wir die finden?“
Der Mann stellte die Schubkarre ab und breitete die Arme aus: „Oh, überall! Der eine wohnt hier, der andere da – und jeder ist frei zu gehen, wohin er will!“
„Auch fort von dem Dorf?“
„Natürlich!“ Er beugte sich ein Stück weit herüber und sagte leiser, als wolle er ihnen ein Geheimnis anvertrauen: „Aber ganz ehrlich – wer würde das denn schon wollen?!“ Er brüllte vor Lachen, als hätte er einen guten Witz erzählt, nahm die Schubkarre wieder auf und ging weiter.
Kopfschüttelnd sah Ragan ihm nach. „Gestern abend beim Fest dachte ich, die wären einfach schon alle besoffen. Aber sie sind ja nüchtern genauso!“
Sie folgten dem Klingen von Eisen, das aus einer Schmiede hallte, um den Schmied zu fragen, da Serraya meinte, Schmiede seien allgemein bodenständige vernünftige Leute. Doch auch der dicke Schmied strahlte sie an und schwatzte darüber, wie schön alles sei, dann bot er ihnen etwas zu trinken an. Serraya trat Merrow auf den Fuß, der gerade einen Becher annehmen wollte und zog ihn aus der Schmiede. Im letzten Augenblick erhaschte Ragan einen Blick auf auffällig gestreiftes Fell, das hinter einer Ecke verschwand.
„Hey!“ schrie er und rannte hinterher. „Mroun!“
Der Tigertyp-Mann, der mit seinem Aussehen und vor allem dem gestreiften Fell seines unbekleideten Oberkörpers in diesem Dorf auffiel wie ein bunter Hund, kam zurück.
„Hey, Ragan!“ rief er und begrüßte ihn mit einer herzlichen Umarmung, die Ragans Rippen knacken ließ. „Wie schön, dich zu treffen! Ist das nicht schön hier in der Gemeinde?“
„Gemeinde? Wie heißt das Dorf überhaupt?“
„Es heißt überhaupt nicht, es ist einfach die Gemeinde. Sind das deine Freunde?“
„Ja, Serraya und Merrow. Wir brauchen dich; dich und die anderen Leute vom Schiff!“
„Wozu?“ Mroun lächelte fragend, noch immer Ragans Schultern umfassend.
„Als Mannschaft für das Schiff, nur für ein, zwei Tage. Wir wollen zu einer kleinen Insel vor der Küste.“
Mroun lachte dröhnend auf und winkte ab, als hätte Ragan ihm eine Reise zum Ende der Welt vorgeschlagen: „Oh nein, was denkst du dir nur? Wir fahren alle nicht mehr zur See; dazu müssten wir ja die Gemeinde verlassen!“
Fassungslos schüttelte Ragan den Kopf. „Aber die Insel ist doch nur ein paar Kilometer entfernt! Übermorgen können wir schon wieder zurück sein!“
„Nein, nein, Ragan, überleg dir das noch einmal ausgiebig, mach es dir hier bequem, iss und trink etwas Gutes und schlaf darüber.“
Mit einer weiteren Umarmung verabschiedete er sich und ging.
„Wo ist denn die übrige Mannschaft?“ rief Ragan ihm nach.
„Den Kapitän habe ich gestern noch gesehen, die anderen schon länger nicht mehr. Er ist ein großer Mann von ursinem Typ und wird dir bestimmt auffallen! Viel Glück!“
Hilflos wandte er sich zu Serraya um, die spöttisch fragte: „Seit wie vielen Jahren, sagtest du, seid ihr enge Freunde?“
Wieder schüttelte er den Kopf. „Das ist doch alles nicht normal!“
Merrow zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hatte Serraya recht mit dieser Andeutung über Inzucht ...“
„Was ist dann mit Mroun? Und dem Kapitän, der sein Schiff verschenkt? Die sind nicht von hier!“
Serraya meinte: „Die nehmen hier irgendeine seltsame Droge, eindeutig. Sie essen oder trinken etwas, das sie so verändert. Gut, dass wir heute morgen die Muscheln hatten. Also esst und trinkt nichts in diesem Ort.“
„Dann sollten wir nach unseren Pferden und dem Gepäck sehen und die Vorräte heraus holen“, meinte Ragan. „Und dann müssen wir sehen, wie wir allein mit dem Schiff klar kommen.“


Freundlichkeit und gutes Essen


Die Pferde waren gut versorgt, aber von den Lebensmittelvorräten waren nur noch ein knappes Kilo Trockenbrot und zwei Dosen mit Fleischkonserven übrig. Merrow blieb beim Gepäck, um es zu ordnen. Danach sollte er sich noch ein wenig im Dorf umhören und nach der restlichen Besatzung der HAIFISCH suchen, die aus mindestens zehn Mann bestanden haben musste. Ragan und Serraya machten sich auf den Weg zum Strand rechts des Dorfes, wo einige Felsen aufragten.
Serraya sah zu dem Schiff hinaus und fragte: „Wie kommen wir da eigentlich hin? Müsste hier nicht irgendwo ein Boot liegen?“
„Hatte ich auch gedacht.“ Ragan sah sich um und wies auf eine deutliche Schleifspur: „Sieh mal, hier haben sie es auf den Strand gezogen. Nun ist es weg.“
„Vielleicht hat es die Flut weg gespült?“
„Wir haben gerade Flut.“
„Oder jemand hat es gebraucht.“
„Im ganzen Dorf ist nirgendwo ein Boot zu sehen, nicht die kleinste Nussschale.“
Serraya streckte die Fusskrallen heraus und zeichnete spielerisch ein Schutzsiegel in den Sand.
„Dann müssen wir wohl schwimmen.“
Sie liefen in die ruhige See, deren leichte Wellen sie umspielten. Wenig später stiegen sie eine Strickleiter hinauf, die an der Bordwand herab hing, und schließlich standen sie auf den knarrenden Planken des leeren Decks. Es sah ordentlich aus, aber dennoch war zu erkennen, dass das Schiff seit Wochen verlassen war. Überall lag Möwendreck, ein Seil schaukelte im leichten Wind, irgendetwas knarrte leise, etwas quietschte kaum hörbar. Ein Geruch nach Teer, Schmieröl und feuchtem Holz lag in der Luft. Ragan klopfte gegen den hoch aufragenden Zylinder des einen der beiden Turbosegel, die mit festgezogenen Bremsen reglos wie Türme standen. Ein hohles lautes Dröhnen war die Folge, das ihn zusammenzucken ließ. Sein Nackenfell stellte sich auf.
„Eine eigenartige Atmosphäre“, meinte Serraya. „Deshalb also bezeichnet man verlassene Schiffe als Geisterschiffe.“
Sie öffneten unverschlossene Türen und betraten die Brücke. Steuerrad, Windmesser, Kompass, ein Rechner mit einer abgegriffenen Kurbel, die Trichter zweier Sprachrohre und ein Chronometer, das ebenso stehen geblieben war wie Ragans Taschenuhr und deshalb nutzlos, da auch im Dorf niemand eine Uhr hatte - auf den ersten Blick sah alles unkomplizierter aus als auf einem Flussdampfer. Er entzündete eine Laterne und ging nach hinten in den Maschinenraum, der ihm für ein Segelschiff allerdings sehr kompliziert schien. Da waren Schmierölbehälter, Drehzahlmesser, etliche Handräder und Hebel, und über Kupplungen, Wellen und Getriebe ließen sich auch noch irgendwelche Mechaniken durch die Segel und Windräder betreiben.
„Ein Glück, dass Merrow auf einer Maschinenbauschule war“, sagte Ragan. „Er wird sich hier hoffentlich zurecht finden.“
„Wir sollten sehen, was wir noch Brauchbares finden“, meinte Serraya und ging zur Brücke zurück. „Sieh mal da, ein Fernglas – wenn das nicht wie gerufen kommt!“
„Ein Glück! Endlich haben wir wieder eins.“
In der Kombüse entdeckten sie zu ihrer Freude noch einen großen Vorrat verschiedenster Konserven, außerdem fanden sich nützliche Dinge wie Lampenöl und Kerzen, mit denen sie ihre Vorräte auffrischen konnten.
Am Heck fand sich außerdem ein zweites Boot, das sich mittels einer Seilwinde zu Wasser lassen ließ, was allerdings eine schwere Arbeit war. Während Ragan zurück ruderte, sagte er: „So unheimlich das verlassene Schiff auch ist; ich glaube, wir sollten sofort an Bord gehen, auch wenn wir heute noch nicht abfahren.“
„Ganz meine Meinung! Wenn wir alle drei an Bord gehen und uns mit dem Schiff anfreunden, wird es auch nicht mehr unheimlich sein.“
Das Boot schabte über Sand, sie sprangen ins flache Wasser und zogen es auf den Strand.
Auf dem Weg ins Dorf meinte Serraya: „Wir sollten das gesamte Gepäck mitnehmen.“
„Bist du nicht zu misstrauisch? Gut, die Leute hier sind seltsam, aber sie machen einen freundlichen und ehrlichen Eindruck. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie uns bestehlen.“
„Nur wissen wir nicht, inwieweit sie Herr ihrer selbst sind. Sie sind wahrscheinlich ihr Leben lang zugedröhnt, womit auch immer; wahrscheinlich wird deshalb keiner von ihnen alt. Am liebsten würde ich sogar die Pferde mitnehmen, wenn wir die nur an Bord kriegten.“
Sie mussten nach Merrow suchen, liefen kreuz und quer durch die abschüssigen Straßen, fragten Dorfbewohner, gewöhnten sich an deren unergiebige Antworten und fanden ihn schließlich in einer Weinlaube an einem Tisch mit einer hübschen karierten Tischdecke sitzend mit einer unscheinbaren jungen Frau im Arm.
„Hallo, ihr beiden!“ rief er ihnen entgegen. „Na, wie ist das Schiff? Setzt euch, es gibt etwas Gutes zu essen!“
„Hallo Merrow!“ Serraya setzte sich neben ihn. „Hat es geschmeckt?“
„Aber ja!“ Er strahlte. „Ragan, setz dich doch auch – oder hast du es eilig?“
„Ja. Wir wollten auf das Schiff.“
„Ach, das hat doch Zeit! Wir können auch nächste Woche noch fahren, das Schiff läuft uns ja nicht weg.“ Er wandte sich an die junge Frau, die ebenso strahlte wie er: „Könntest du bitte noch zwei Becher für meine Freunde holen?“
„Natürlich!“ Sie verschwand im Haus.
Serraya streichelte Merrows Hals und sagte: „Kommst du vorher noch kurz mit zu den Pferden? Einer der Schecken sieht krank aus.“
„Wirklich?“ meinte Merrow etwas widerwillig, dann strahlte er wieder. „Natürlich; wir streicheln ihn einfach wieder gesund. Weißt du, dass ich Pferde liebe?“ Ins Haus gewandt rief er: „Wir sind gleich wieder da!“
Während Merrow den ganzen Weg über schwatzte, flüsterte Serraya Ragan ins Ohr: „Auf mein Zeichen hältst du ihn fest.“
Ragan nickte. Im Stall war kein Mensch, nur die Pferde wandten ihnen die Köpfe zu. Serraya nahm ein Stück Holz in die Hand, das vermutlich der Stiel eines Werkzeugs sein sollte.
„Jetzt“, sagte sie, zu Ragan gewandt. Er packte Merrows Arme von hinten und zwang ihn in die Knie, Merrow schrie erschrocken auf. Serraya nutzte seinen Schrei, um ihm das Holz zwischen die Zähne zu klemmen und ihm dann tief in den Rachen zu greifen. Merrow übergab sich ausgiebig in das Stroh; mit entsetztem Blick sah er dann auf. Serraya hatte einen der Wasserkanister geholt und ließ ihn sich die Schnauze ausspülen und trinken, während Ragan ihn noch immer festhielt.
„Wir waren uns doch einig, dass wir hier nichts essen wollten“, sagte sie sanft.
Merrow begann zu schluchzen: „Ich verstehe das alles nicht.“
Ragan ließ seine Arme los und sie beide beruhigten ihn.
„Ich gebe es zu“, sagte Ragan schließlich. „Das Dorf ist unheimlicher als das Geisterschiff. Also los, verschwinden wir!“
Sie griffen so viel Gepäck wie sie tragen konnten und drückten auch Merrow eine Tasche in die Hand, der sich willenlos mitziehen ließ.
Als die den Strand erreichten, konnten sie aus der Entfernung gerade sehen, wie eine Schar Kinder das Boot ins Wasser schob und es kräftig abstieß.
Ragan ließ das Gepäck fallen, rannte durch das aufspritzende Wasser und holte das Boot zurück. Während die Kinder lachend davon liefen, warfen sie die Gepäckstücke ins Boot und sprangen hinein, als würden sie verfolgt, Ragan griff die Ruder und Serraya nahm den noch immer verstörten Merrow in den Arm. Erst als sie mit ihrem Gepäck an Deck standen und das Boot mit der Winde nach oben gehievt hatten, atmete er auf.
„Ich hoffe, hier sind wir bis morgen in Sicherheit. Merrow hätte ich heute lieber nicht als Maschinisten.“
Er ging auf die Brücke, Serraya folgte ihm. „Ich habe etwas für dich.“
Sie hatte die kleine goldene Plakette mit dem Namen des Schiffes auf einen dünnen Lederstreifen gefädelt. „Normalerweise wird der Ring durch die Brust gestochen, über dem Herzen. Aber ich denke, es geht auch so; du willst dich ja sicher nicht als Kapitän der HAIFISCH verewigen.“
Feierlich hängte sie ihm das Band um den Hals. „Kapitän Ragan.“
Draußen läutete die Schiffsglocke und Merrow lächelte unsicher durch die offene Tür. „Herzlichen Glückwunsch!“
Auch Ragan lächelte und legte eine Hand auf das Steuerrad. „Von jetzt an ist mir das Schiff nicht mehr unheimlich.“
„Es ist ja auch kein Geisterschiff mehr.“
 
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Tyger

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Zur See


Sie hatten den Tag mit der Begutachtung des Schiffes verbracht und sich abends ein gemütliches Lager auf dem Boden der geräumigen Kapitänskajüte eingerichtet. Serraya meinte, dass sie diese Kajüte ordentlich einweihen sollten und startete damit eine wilde heiße Nacht. Irgendwann hatte Ragan seine Zunge auch in Merrows Schnauze und Serraya hatte ganz offensichtlich ihren Spaß daran, die beiden Männer zueinander zu drängen. Es war gegen Mitternacht, als sie endlich erschöpft einschliefen, umgeben von den leisen Geräuschen des Schiffes, dem Knarren der Planken, dem Knacken und rostigen Quietschen von Metall und dem sanften Plätschern kleiner Wellen, sich geborgen fühlend wie im Innern eines lebenden Wesens.
Der nächste Morgen war klar und frisch. Gemeinsam mit Serraya machte sich Ragan mit der Kombüse vertraut und zauberte ein gutes Frühstück, das aus Haferbrei und verschiedenen Konserven bestand, während Merrow die Segelmaschinerie inspizierte. Als sie sich zum Frühstück in der Messe nieder ließen, deren Tisch viel zu lang für drei Personen war, meinte Merrow, dass er die wichtigsten Dinge wohl verstanden habe.
Nach einem Schluck Kaffee fügte er hinzu: „Es sind übrigens nicht die Pilze.“
„Wovon sprichst du?“
„Von der Droge. Ich habe gestern keine Pilze gegessen, sondern so etwas wie Spargel. Das Gemüse ist in fast allem; die Leute sagten, es wären junge Triebe von Bäumen oder Sträuchern, die sie im Wald sammeln. Sie machen sogar Wein daraus.“
Ragan nickte nachdenklich und stimmte zu: „Ja, so etwas wie Spargel war in fast allem, ich erinnere mich. Das erklärt wohl einiges.“
Serraya schnitt ein anderes Thema an: „Wie finden wir eigentlich die Insel? Du sagtest, du verstehst nichts von der Navigation auf See.“
Ragan zuckte mit den Schultern. „Wir kennen die Richtung, in der wir die Küste entlang segeln müssen. Wenn wir so weit hinaus fahren, dass wir die Küste gerade noch sehen, müsste auf der anderen Seite irgendwann die Insel in Sicht kommen. Zumindest mit dem Fernglas müssten wir sie sehen; jetzt haben wir ja wieder eines.“
Nach dem Frühstück, während Serraya abräumte, zogen die beiden Männer gemeinsam den Anker hoch, dann verschwand Merrow unter Deck und Ragan betrat die Brücke.
„Alles klar, ich löse die Bremsen“, hallte Merrows Stimme aus dem Trichter eines Sprachrohrs.
Mit einem langgezogenen Quietschen begann sich der vordere der beiden zylindrischen Türme langsam in der leichten Brise zu drehen, von Windflügeln angetrieben; in Längsschlitzen bewegten sich metallene Lamellen. Kurz darauf startete mit noch lauterem Quietschen der hintere. Das Quietschen ließ nach und hörte schließlich ganz auf, als offenbar die Schmierung in Gang kam, dann begann das Schiff sich langsam zu drehen und Fahrt aufzunehmen; seltsamerweise schräg gegen den Wind. Da er nicht wusste, wie er den Segler steuern sollte, war Ragan vorerst einfach froh, dass die HAIFISCH sich von der Küste entfernte, dann probierte er einige Ruderbewegungen. Der leichte Wind, die gemächliche Geschwindigkeit und die ruhige See waren ideal zum Lernen. Eine Weile später, als er auf einen Kurs parallel zur Küste ging, trat Serraya neben ihn.
„Und?“ fragte sie.
„Ich habe keine Ahnung, wie diese Segel funktionieren, aber rein gefühlsmäßig verstehe ich es allmählich. Nimmst du das Fernglas und hältst Ausschau?“
Serraya stieg auf das Dach der Brücke, Möwen begleiteten das Schiff, das mit sanft rauschender Bugwelle durch die ruhige See zog.
„Willst du schneller fahren?“ klang Merrows Stimme aus dem Trichter.
„Wenn das geht bei dem bisschen Wind?“
Es ging. Die beiden Zylinder rotierten schneller und ließen das Deck vibrieren, ihr Dröhnen und Rauschen wetteiferte mit dem der lauter werdenden Bugwelle. Es war gegen Mittag, als Serraya rief: „Da ist sie!“
Die kleine Insel lag ein gutes Stück seewärts, war aber bald auch ohne Fernglas gut auszumachen.
„Langsamer, Merrow!“, rief Ragan schließlich durch das Sprachrohr und näherte sich vorsichtig dem Strand der Insel. Ganz langsam manövrierte er das Schiff näher, ankerte schließlich und ließ Merrow die Turbosegel stoppen. Dann ließen sie das Beiboot zu Wasser und beluden es mit Dingen, die sie vielleicht brauchen würden.
Während Ragan ruderte, fragte Merrow: „Wie finden wir eigentlich, was immer wir suchen? Die kleine Insel ist doch ganz schön groß.“
Ragan zuckte mit den Schultern. „Wir müssen einfach suchen. Wenn es etwas ist, was die Zeit überdauern sollte wie das Archiv bei Tempelstadt, wird es wahrscheinlich möglichst hoch über dem Meeresspiegel liegen, um es vor Feuchtigkeit schützen. Also müssen wir in den Felsen umher klettern und die Augen offen halten.“
„Ab und zu sollten wir eine Meditation einlegen und den Geist öffnen“, ergänzte Serraya. „Der Eingang zu einem wichtigen Objekt müsste auch nach langer Zeit noch mental wahrzunehmen sein.“
Das Boot schabte auf feinem Kies, sie sprangen ins Wasser und zogen es auf den Strand, der von den sterblichen Überresten großer Krebstiere bedeckt war, bizarren Panzern und Scheren, die aus dem Kies ragten und einen eigentümlichen Geruch verbreiteten. Die Ausrüstung vorerst im Boot lassend machten sie sich auf den Weg in die Felsen, die einige hundert Meter in die Höhe ragten. Kleine Echsen huschten davon und Seevögel flogen schreiend Scheinangriffe, um ihre Gelege zu verteidigen. Beinahe alles hier schien ausgebleicht, die hellen Felsen ebenso wie die Federn, Knochen und Schädel von Vögeln und Kleintieren, die in allerlei Nischen umher lagen und die bleichen Halme und Zweige des vertrockneten Gestrüpps vom letzten Jahr, inmitten dessen das Grün dieses Jahres wuchs. Der Weg wurde schnell zur Klettertour.
„Ich glaube, hier sind wir richtig.“ Merrow wies auf die Überreste einer Konstruktion, von der nur noch die weißgrau blühenden Überreste korrodierten Aluminiums übrig waren. Ein großer rostiger Fleck am Boden sah aus wie die Hinterlassenschaft eines umgefallenen Schildes. Eine ebenmäßige breite Schneise zwischen den Felsen konnte man mit gutem Willen für eine ehemalige Straße halten; an den Felswänden zur Linken und Rechten befanden sich Löcher, die einst zur Befestigung wovon auch immer gedient haben mochten.
„Da vorn!“ rief Merrow, der voraus ging.
Die Straße endete an einem Tor, oder besser, einer großen viereckigen Öffnung im Fels, die von einer unebenen Rostfläche verschlossen war.
„Die Türklinke wird wohl nicht mehr funktionieren“, stellte Serraya fest und Ragan ergänzte: „Vermutlich sind auch die Scharniere etwas schwergängig.“
Er nahm einen großen Stein auf und warf ihn gegen das Tor. Mit gedämpften Dröhnen prallte er dagegen und schlug ganze Platten von Rost ab; eine braune Wolke stob auf. Merrow wiederholte das Spiel und bald hatten sie ein schartiges Loch in das dicke Tor geschlagen, das fast nur noch aus Rost bestand. Merrow steckte den Kopf hinein und murrte: „Es ist völlig finster da drin; nichts zu sehen.“
Ragan erwiderte: „Was hast du erwartet – einen brennenden Kronleuchter?“
Sie vergrößerten die Öffnung, um etwas Tageslicht hineinzulassen, aber es war lediglich eine große leere Vorhalle zu erkennen, von der aus ein Gang in den Berg hinein zu führen schien.
„Wir sollten die Lampen holen“, meinte Serraya. „Wer weiß, was uns erwartet.“
Bis zum Boot war es keine Viertelstunde Weg, doch Ragan beschlich plötzlich ein unheimliches Gefühl. Sie hatten das Boot unbewacht zurück gelassen und angenommen, dass die kleine Insel unbewohnt war. Was, wenn hier jemand lebte, vielleicht sogar jemand von noch seltsamerem Wesen als jene immerhin freundlichen Dorfbewohner? Die Insel sah zwar unbewohnt aus, sehr unbewohnt sogar, aber trotzdem atmete er auf, als er das Boot unberührt am Strand liegen sah. Nur eine halbmetergroße Krabbe hatte sich darin eingerichtet und war eifrig damit beschäftigt, mit ihren riesigen Scheren die Tasche mit der Ausrüstung in Stücke zu reißen und auszuräumen.
„Hey!“ schrie Merrow und rannte zum Boot, um die Krabbe zu verscheuchen. Mit überraschender Schnelligkeit griff das bizarre Tier ihn jedoch an und er musste sich mit einem schnellen Sprung vor den klackenden Scheren in Sicherheit bringen. Die Krabbe verschwand in Sekundenschnelle im Meer und Serraya und Ragan brachen in Gelächter aus, in das schließlich auch der verdutzte Merrow einstimmte, dabei protestierend: „Hey, das war nicht lustig! Habt ihr die Scheren gesehen?“
Während Merrow nach den Lampen und Feuerzeugen griff, bemerkte Ragan, dass jenes unangenehme Gefühl noch nicht ganz verschwunden war.
„Wir sollten am besten gleich die ganze Ausrüstung vom Schiff holen“, meinte er. „Auch ein Gewehr.“
„Das Tor war zu“, erwiderte Merrow. „Da kann kein größeres Tier drin hausen; wir sind die ersten seit tausend oder mehr Jahren, die da hinein gehen.“ Er verschluckte sich fast an den letzten Worten und bekam große Augen; offenbar war ihm das Grandiose der Sache eben erst bewusst geworden.
„Mann!“, flüsterte er. „Die ersten seit so langer Zeit!“
Serrayas Hand war zu dem großen Messer an ihrem Gürtel gewandert, als wollte sie sich davon überzeugen, dass es noch da war. Sie nickte und sagte langsam: „Erinnere dich an den Ausflug mit Jark. Ich hatte da oben ein ungutes Gefühl.“
Mit einem Blick zum Himmel sagte Ragan: „Es ist schon Nachmittag, außerdem habe ich Hunger. Ich glaube, wir sollten uns Zeit nehmen und erst zum Schiff zurückkehren, um etwas zu essen; wer weiß, wie lange wir dort drin bleiben und wieviel Kraft wir brauchen werden.“
„Es gibt wieder nur Konserven“, meinte Serraya zustimmend. „Merrow hat ja gerade eine üppige Mahlzeit davon laufen lassen.“
Ragan bemerkte, dass es ihr darum ging, die Stimmung aufzulockern, und stimmte in ihr Lachen ein. In gespielter Empörung fing Merrow eine kleine Rauferei an und bald wälzten sie sich alle drei lachend am Boden.


Geister und Schüsse


Es war später Nachmittag, als sie zur Insel zurück ruderten, diesmal mit sorgfältig zusammen gestellter Ausrüstung, zu der auch ein Gewehr mit reichlich Munition gehörte. Vielleicht würde ihre Expedition bis in die Nacht dauern; ob es draußen dunkel wurde, konnte ihnen unter der Erde egal sein.
„Ich bin so wahnsinnig aufgeregt“, sagte Merrow. „Was glaubt ihr, was wir finden?“
Serraya warf ihm einen Seitenblick zu und meinte grinsend: „Eine große Garage mit ein paar verrotteten Lastwagen darin. Was sonst?“
Vor dem Tor entzündeten sie drei Lampen mit verstellbaren Reflektoren und beschlossen, das als Durchstieg gerade ausreichende Loch nicht weiter zu vergrößern, um möglichst wenig zu zerstören. Merrow stieg als Erster hindurch und kurz darauf hallte seine enttäuschte Stimme nach draußen: „Das gibt's doch gar nicht! Serraya, woher hast du das gewusst?“
Sie folgten ihm und sahen sich tatsächlich inmitten einer großen Garage. Die darin stehenden Automobile, seltsam schlichte, schmucklose und offenbar nicht dampfgetriebene Gefährte, waren erstaunlich gut erhalten. In all den Jahrhunderten hatten sie zwar reichlich Rost angesetzt und waren von Staubschleiern bedeckt, waren aber nicht zerfallen.
Ragan ließ den Lichtkegel seiner Lampe schweifen und entdeckte einige Türen, die keinerlei Rost zeigten.
„Kopf hoch, Merrow“, sagte er. „Da geht es weiter.“
An einem grünen Lastwagen vorbei, dessen Gummireifen sich in unförmige, zerbröselnde Gebilde verwandelt hatten, gingen sie über rissigen Betonboden auf eine graue Tür zu, Serraya voran. Vorsichtig drückte sie die Klinke herab, die mit einem Klacken nachgab.
„Eine über tausend Jahre alte Türklinke dürfte nicht mehr so einfach funktionieren“, flüsterte Ragan.
Langsam zog Serraya an der Tür, die sich mit lautem Quietschen öffnete und leuchtete dahinter.
„Ein Gang.“ Sie flüsterte ebenfalls, aufatmend.
An Decke und Wänden des breiten Ganges zogen sich Leitungen entlang, durchsetzt von allerlei Installationen. Einiges sah rissig aus, zerbröselt und teilweise herab gefallen, anderes schien noch in gutem Zustand zu sein; Spinnweben und Staubfäden hingen herab. Die Luft roch muffig und nach Staub.
 
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Tyger

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„Seht mal!“ Merrow richtete das Licht seiner Lampe auf den Boden. Ragan erkannte sofort, was er meinte. An den Seiten des Ganges, auf einem von den Wänden aus etwa zehn Zentimeter breiten Streifen, war der Boden so schmutzig, wie er sein müsste. Dazwischen jedoch schien jemand gefegt zu haben.
Ragan flüsterte Merrow zu: „Deinen Onkel zu besuchen war eine gute Idee; diesmal sind wir vorbereitet.“
Serraya und Merrow trugen Gewehre über der Schulter und er selbst eine Axt am Gürtel. Er fragte sich, ob das reichen würde gegen solch ein Maschinenwesen, wie es ihnen dort begegnet war. Immerhin waren Automaten zumindest in der heutigen Zeit umso empfindlicher, je komplizierter sie waren – und etwas, das nach tausend Jahren noch funktionierte, sich wahrscheinlich selbst reparieren oder vielleicht gar reproduzieren konnte, musste zweifellos ungeheuer kompliziert sein.
Serraya, die noch immer voraus ging, öffnete eine weitere Tür am Ende des Ganges, nicht ohne vorher das Gewehr von der Schulter zu nehmen und zu spannen. Diese Tür quietschte nicht. Der Gang führte dahinter einfach weiter, sah hier jedoch noch deutlich sauberer aus. Die Installationen an Wänden und Decke machten einen noch funktionstüchtigen Eindruck. Serraya blieb stehen und richtete angespannt die Ohren auf. Ein leises Hintergrundgeräusch, etwas wie ein Summen, war mehr zu ahnen als zu hören. Links und rechts des Ganges begann von hier aus eine regelmäßige Folge von Türen. Vorsichtig ging Serraya weiter, Ragan und Merrow folgten ihr, schleichend, um Lautlosigkeit bemüht. Ragan zuckte zusammen, als plötzlich ein Licht an der Decke aufflammte. Wie erstarrt blieben sie stehen.
„Das ist nur eine Lampe“, flüsterte Serraya schließlich.
„Und wieso geht sie gerade jetzt an?“ zischte Merrow, das Gewehr an der Hüfte im Anschlag haltend.
Ragan legte ihm die Hand auf die Schulter. „Vorsicht mit dem Gewehr!“
Sie gingen weiter, wobei Serraya alle Türen auf der rechten und er selbst alle Türen auf der linken Seite probierte. Sie waren alle verschlossen. Was nicht heißen musste, dass sie sich von der anderen Seite nicht öffnen ließen. Nachdem sie alle passiert hatten, könnten sie sich sogar alle gleichzeitig öffnen und was auch immer heraus kommen und ihnen den Rückweg versperren. Ein Seitenblick zeigte ihm, dass es Merrow noch schwerer fiel als ihm, die Angst zu unterdrücken. Der Gang beschrieb einen Bogen und sie verließen den Schein der einzigen funktionierenden Lampe, die hinter ihnen in der Dunkelheit verschwand. Schließlich sahen sie sich vor einer weiteren Tür, die den Gang abschloss.
„Irgendwo muss doch Schluss sein“, flüsterte Merrow, während Serraya anscheinend ungerührt nach der Klinke griff. Ragan bewunderte ihre Nerven und erwiderte leise: „Fragt sich nur, wie sich Schluss hier definiert.“
Hinter der aufschwingenden Tür kam ein großer Raum in Sicht, ein Saal beinahe, dessen sämtliche Wände von allerlei Installationen und grauen Fenstern bedeckt waren. In Hüfthöhe waren Konsolen angebracht, voll von Tastaturen, die an Schreib- oder Rechenmaschinen erinnerten.
Diesmal ging Merrow voraus, dem die Neugier Mut verlieh.
„Seht euch das an!“ raunte er und ging auf eine der Konsolen zu. „Bestimmt war das alles elektrisch!“
Plötzlich flackerte erneut ein Licht auf, diesmal nicht an der Decke, sondern mitten im Raum, ein Licht von durchdringendem Gelb, das Gestalt annahm und zu einem Kopf ohne Körper wurde, welcher frei in der Luft schwebte. Merrow schrie auf, Ragan selbst zuckte zusammen. Der leuchtend gelbe kahle Kopf ähnelte dem eines antiken Menschen, schien aber dennoch eine seltsame Art von Tiertyp zu haben. Er richtete seine leuchtenden und trotzdem wie blind scheinenden Augen auf sie und öffnete den Mund, um mit einer unheimlich hallenden, eiskalten Stimme zu reden:
„Specterformat Gelb aktiviert. Bleiben Sie, wo Sie sind und nennen Sie Ihren Namen und das Passwort!“
Ragan spürte, wie sich jedes einzelne Haar seines Fells sträubte; jenes Wesen strahlte eine beinahe greifbare Bedrohlichkeit und Kälte aus.
„Was will er?“ zischte Serraya. „Unsere Namen und was?“
Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass der Kopf in einer toten Sprache geredet hatte, mit anderem Klang und anderer Betonung als er sie in der Priesterschule gelernt hatte. So also hatten sie damals geredet!
„Er fragt nach einer Parole!“
„Aber die wissen wir doch nicht!“ wisperte Merrow tonlos.
Der Kopf, der eine Art Wächter sein musste, wiederholte seinen Spruch.
Serraya sagte laut und deutlich: „Mein Name ist Serraya LX Felstal. Ich bin berechtigt, hier zu sein.“
„Nennen Sie das Passwort, Serraya LX Felstal“, erwiderte der Kopf mit seiner eiskalten Geisterstimme.
Vielleicht lässt er sich verwirren, wenn wir alle durcheinander reden, dachte Ragan und stellte sich nun selbst vor. Als daraufhin der Kopf die Frage nach dem Passwort nun an ihn richtete, raunte er Merrow zu: „Los, jetzt du!“
Bevor Merrow sich fasste, hallte eine Stimme durch den Raum, die nicht die des Kopfes zu sein schien: „Drei Eindringlinge in Kontrollraum zwei. Verteidigungssystem aktiviert.“
„Jetzt wird es kritisch“, raunte Serraya, während Ragan für Merrow übersetzte. Der Kopf fragte erneut nach dem Passwort und an den Wänden begannen hier und da Lichter aufzuleuchten. Irgendwo in der Wand klickte etwas.
Aufs Geratewohl probierte Ragan, was ihm einfiel: „Insel, Automobil, Schiff, Krabbe, Archiv ...“
Merrow verlor die Nerven und schoss auf den gelben Kopf, einmal, zweimal, immer wieder. Das Mündungsfeuer tauchte den Saal in zuckendes Licht, die Schüsse dröhnten Ohren betäubend, Querschläger heulten, Glas splitterte, dann war das Magazin leer und der Kopf noch immer unbeschadet. So durchscheinend und geisterhaft, wie er aussah, machte er auch nicht den Eindruck, als könnten Gewehrkugeln ihm etwas anhaben. Ganz im Gegenteil schien er in den Schwaden von Pulverdampf, die nun in der Luft lagen und in den Augen brannten, festere Form anzunehmen. In der gegenüberliegenden Wand öffnete sich eine Tür, indem sie brummend zur Seite glitt; irgendetwas bewegte sich in der schwarzen Öffnung.
„Raus hier!“ rief Serraya und sprang zur Tür. Ragan packte den wie erstarrt stehenden Merrow und zog ihn mit sich.
Draußen im Gang näherte sich dröhnend etwas Dunkles, an dem zwei schwache gelbe Lichter wie Augen glommen.
„Zurück!“ brüllte Ragan. Sie stürzten zurück in den Saal, wo der Kopf und was auch immer sonst noch lauerte, sprangen von der Tür weg und schlugen sie zu – keine Sekunde zu früh. Ein Maschinengewehr begann draußen zu hämmern, dessen Geschosse große ausgefranste Löcher in die Eisentür rissen. Von der anderen Seite her näherten sich metallisch klappernde Schritte. Ein Blick zeigte ihm, dass ein metallenes Spinnenwesen auf sie zu kam, ähnlich dem bei Jark. Ein Schuss aus Serrayas Gewehr schlug das Ding ein Stück weit zurück, schien aber nur eins seiner acht Beine leicht beschädigt zu haben. Das Maschinengewehr war verstummt, dafür näherte sich vom Gang her das Dröhnen. Auch Serrayas zweiter Schuss richtete nur wenig aus.
„Merrow, lad dein Gewehr nach!“ schrie Ragan und riss die Axt vom Gürtel. Er hatte Teile an dem Spinnenautomaten entdeckt, die aus Glas zu bestehen schienen und vielleicht etwas wie Augen sein mochten; auf jeden Fall sahen sie nach einer empfindlichen Stelle aus. Unterhalb der Beinansätze glaubte er etwas wie Schläuche zu sehen, die ebenfalls eine Schwachstelle sein konnten. Er sprang auf das Ding zu, das ihn mit verschiedenen bizarren Armen und Auswüchsen zu greifen und aufzuspießen versuchte, und schlug gezielt mit der Axt zu. Es knallte, Funken sprühten, Qualm stieg auf und der Automat begann unkontrolliert im Kreis zu laufen. Bevor er triumphierend nachsetzen konnte, erscholl hinter ihm ein Ohren betäubendes Krachen und die Tür wurde mitsamt dem Rahmen von einem Kasten auf Raupenketten aus der Betonwand gerissen.
„Da rein!“ schrie Serraya und zeigte auf die Tür, aus welcher der Spinnenautomat gekommen war, gleichzeitig gab sie einen Schuss auf das Raupenfahrzeug ab und schleuderte ihre Lampe nach ihm, warf sich auf den Boden und rollte zur Seite. Sie hatte wohl gehofft, es mit der Lampe in Brand zu setzen, doch das hatte nicht funktioniert; das Öl spritzte über das Fahrzeug, ohne sich zu entzünden. Wieder ratterte das Maschinengewehr, Ragan und Merrow rannten geduckt zu der Tür, Serraya folgte ihnen. Der kleine Raum hinter der Tür bot etwas Deckung, hatte aber keinen anderen Ausgang. Sie saßen in der Falle. Merrow hatte es noch immer nicht geschafft, sein Gewehr neu zu laden; Ragan riss es ihm aus der Hand und füllte das Magazin auf. Der beschädigte Automat lief noch immer lahmend im Kreis umher und behinderte das sich nähernde Raupenfahrzeug. Das Maschinengewehr verstummte und ein Blick um den Türrahmen zeigte Ragan, dass das Fahrzeug nun doch brannte; vermutlich hatten die eigenen Schüsse das Öl entzündet. Schwaden von Qualm füllten den Saal, beleuchtet vom flackernden Schein des Feuers.
„Wie kriegen wir die verdammte Tür zu?“ Ragan zerrte an der Schiebetür, die von selbst in die Wand gefahren war; etwas wie ein Griff oder ein Auslösehebel für die Mechanik war nicht zu finden. Das brennende Fahrzeug näherte sich dröhnend auf seinen quietschenden Raupenketten.
Merrow hatte eine Idee: „Vielleicht können wir es ablenken!“
Er löste den Riemen seiner Umhängetasche und warf sie quer durch den Saal. Das wie ein Kopf auf dem Fahrzeug sitzende Maschinengewehr drehte sich in jene Richtung und gab einen einzelnen Schuss ab, das Fahrzeug verharrte.
„Es klappt!“ flüsterte Merrow erregt.
Das Fahrzeug schien Ohren zu haben; sofort drehte sich das Gewehr brummend in ihre Richtung zurück. Merrow riss sich den Gürtel aus der Hose und schleuderte auch ihn durch den Saal, noch weiter als die Tasche. Wieder gelang es ihm, das Fahrzeug dadurch zu verwirren.
Serraya hatte etwas beobachtet; sie beugte sich zu Ragan herüber und wisperte ihm ins Ohr: „Es schießt meistens rechts vorbei.“
Die Ohren der Maschine waren offenbar sehr gut; sie reagierte sofort auf Serrayas fast unhörbares Flüstern und näherte sich weiter; nur wenige Meter fehlten noch, dann würde sie sie erreicht haben. Kurz entschlossen zog Merrow das Letzte aus, was er noch trug, seine Hose. Als er sich nach vorn beugte, um sie zu werfen, krachten Schüsse, Serraya sprang nach vorn und schoss zurück, Merrow warf und seine Hose landete auf den beschädigten Spinnenautomaten. Diesen hatte das Ding bisher offensichtlich als Verbündeten erkannt und ignoriert; dass er jetzt jedoch das als feindlich erkannte Kleidungsstück trug, schien es zu verwirren. Wieder hämmerte das Maschinengewehr und riss den Automaten in Stücke.
Ragan erkannte plötzlich die Chance zu entkommen. Das Gewehr zeigte jetzt genau in die andere Richtung und würde ein paar Sekunden brauchen, um sich zu drehen – in der Zeit könnten sie es bis zur Tür schaffen. Sein Blick traf den Serrayas und Merrows, die dasselbe dachten. Das Fahrzeug gab ein paar Einzelschüsse auf den Automaten ab, dessen Überreste sich noch immer hartnäckig bewegten.
„Jetzt!“ riefen sie alle drei gleichzeitig und stürzten aus der Tür. Die Schüsse verstummten, das Brummen des sich drehenden Gewehrs und das Rasseln und Quietschen der Raupenketten erscholl. Ragan und Serraya erreichten den Gang, Schüsse rissen hinter ihnen Betonsplitter aus der Wand. Einige der Türen links und rechts standen ganz oder teilweise offen, Serraya riss eine auf der rechten Seite auf, zerrte Ragan mit sich hinein und schlug die Tür zu.
„Merrow!“ schrie er. „Wo ist Merrow?“
Serraya hielt ihm die Schnauze zu. Auf dem Gang draußen dröhnte das Fahrzeug vorüber und entfernte sich. Erst als seine Geräusche fast nicht mehr zu hören waren, ließ sie ihn los und sagte tonlos: „Er war hinter uns und ist über ein Trümmerstück gestolpert; wir hätten es nicht geschafft, ihm zu helfen.“
„Nein ...“ flüsterte er.
„Das Ding hat nur auf uns geschossen“, flüsterte Serraya mit einem Schimmer Hoffnung im Blick. „Komm, wir sehen nach ihm!“
Ragan hoffte auf ein Wunder, als sie vorsichtig die Tür öffneten. Im Gang war alles ruhig; das Fahrzeug war verschwunden und auch von dem Spinnenautomaten war nichts mehr zu hören. Auch nichts von Merrow. Rauchschwaden zogen durch den Gang, von dem gelbem Schein des Geisterkopfes im Saal beleuchtet.
Aus dem Saal hallte wieder die seelenlose Stimme: „Eindringlingsalarm aufgehoben. Verteidigungssystem deaktiviert. Specterformat Gelb deaktiviert.“
Das gelbe Leuchten erlosch. Das alles konnte nur eins bedeuten. Ragan fühlte sich elend; er rief alle Götter um ein Wunder an. Er gab sich einen Ruck und zwang sich, in die Halle zu sehen. Und dankte den Göttern für das Wunder. Merrow kniete auf allen Vieren am Boden und sah sich ängstlich im Raum um. Als Ragan mit einem Freudenschrei auf ihn zu laufen wollte, schlug ihm Serraya die Hand auf die Schnauze und hielt ihn zurück.
„Der gelbe Kopf wird uns wieder bemerken“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
Er nickte – sie hatte natürlich recht. Aber wieso bemerkte er Merrow nicht? Der stand mit einem Seufzer der Erleichterung auf. Im nächsten Augenblick zuckte er zusammen, als unvermittelt der Kopf wieder auftauchte und mit seiner eiskalten Geisterstimme zu reden begann, dann rannte er aus dem Saal zu Serraya und Ragan. Sie zogen sich ein Stück weit in den Korridor zurück, außer Sichtweite der gelb leuchtenden toten Augen und warteten atemlos. Nach einer Weile verschwand die Helligkeit im Saal, der Kopf war weg.
Jetzt endlich sagte Ragan: „Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist. Wir hätten dich nicht zurück lassen dürfen.“
Merrow schüttelte den Kopf. „Ich weiß zwar nicht, warum die mich nicht wollten, aber eins ist sicher: Wenn ihr zurück gekommen wärt, dann wären wir jetzt alle drei tot.“
Erst jetzt kamen sie dazu, ihre zahlreichen Verletzungen zu beachten, die vor allem umher fliegende Splitter hinterlassen hatten. Serraya hatte eine Verletzung am linken Unterschenkel und hinterließ blutige Fußabdrücke, ein tiefer Riss, vielleicht auch Streifschuss in Ragans Schulter hatte das Fell seines rechten Arms mit Blut getränkt und Merrow hatte an Brust und Rücken tiefe Kratzer davon getragen und blutete am rechten Unterarm.
Während die Männer ihre Wunden leckten, meinte Serraya nachdenklich: „Dieses Ding hat dich erst bemerkt, als du aufgestanden bist. Vielleicht reicht sein Blickwinkel nicht bis zum Boden hinab.“ Bevor jemand antworten konnte, setzte sie kurzentschlossen hinzu: „Los, das probieren wir aus!“
Sie lief zu dem unregelmäßigen Loch, das der heraus gerissene Türrahmen hinterlassen hatte, ging auf die Knie und lief auf allen Vieren in den Saal hinein. Sofort tauchte der gelb leuchtende Kopf aus dem Nichts auf. Sie reagierte sofort, sprang auf und rannte hinaus, noch bevor er zu reden begann.
„Verdammt, was war falsch?“ raunte sie draußen. „Ich war mir so sicher!“
Ragan räusperte sich. „Müssen wir es jetzt wirklich darauf anlegen, nachdem wir gerade mit knapper Not überlebt haben?“
„Ja“, erwiderte sie bestimmt. „Wenn wir jetzt nichts mehr unternehmen, wird uns die Rückkehr morgen umso schwerer fallen. Und wir sind doch schließlich nicht umsonst her gekommen, oder?“
Ragan musste ihr recht geben. Wenn sie sich nicht länger in dem Saal aufhielten, als der Geist brauchte, um nach der Parole zu fragen, würde ihnen wohl nichts passieren.
Merrow hatte eine neue Idee: „Dieser Kopf erscheint erst, nachdem wir bemerkt wurden, und er ist nur ein Trugbild, durch das man hindurch gehen kann. Also sieht er vielleicht gar nicht selbst, sondern mit Augen, die irgendwo versteckt sind ...“
„... und du warst einfach in einem toten Winkel!“ ergänzte Serraya.
„Moment mal!“ Ragan hatte plötzlich eine ganz andere Idee. „Zwischen euch beiden gibt es einen Unterschied. Du trägst Kleidung und Merrow ist nackt, nachdem er alles weg geworfen hat!“
„Aber wieso sollte das einen Unterschied machen?“ zweifelte Merrow. „Außerdem war ich immer noch nackt, nachdem ich aufgestanden bin.“
Ragan war sich plötzlich völlig sicher. „Passt auf!“
Er legte seine Ausrüstung ab, zog sich vollständig aus und ging auf das Ende des Korridors zu; vor dem Eingang zum Saal ließ er sich nieder und lief auf Händen und Knien weiter, quer durch den dunklen Saal, ohne dass etwas geschah. Er holte sogar Merrows weg geworfene, arg lädierte Tasche und brachte sie hinter sich her ziehend in Sicherheit. Ohne dass der Geisterkopf aufgetaucht wäre, erreichte er den Ausgang, stand auf und überreichte dem verblüfften Merrow seine Tasche.
„Das musst du uns erklären“, sagte Serraya.
„Ganz einfach. Wir haben es hier mit keinem Menschen zu tun, sondern mit irgendeiner Art von Maschinerie, kompliziert, antik und unheimlich, aber wohl nichts, was denken kann wie ein Mensch. Woran erkennt so ein Ding einen Menschen?“
„Nun, er sieht aus wie ein Mensch und er läuft auf zwei Beinen und er kann reden und ...“ Merrow brach den Satz hilflos ab, während sich auf Serrayas Miene Verstehen abzeichnete. Sie ergänzte: „Und er trägt Kleidung. Aber wenn er nun keine Kleidung trägt, nicht redet, nicht auf zwei Beinen geht und auch nicht das Gesicht eines antiken Menschen hat ...“
„... nicht zu vergessen unser Fell, das der antike Mensch kaum oder gar nicht hatte“, übernahm Ragan wieder. „Wir können der Maschine vormachen, wir seien Tiere!“
„Aber wieso tut sie Tieren nichts?“
„Keine Ahnung. Vielleicht hielten sie auch damals schon Wachhunde – und die konnten sich kaum durch eine Parole zu erkennen geben, wenn sie allein kamen.“
Serraya lachte leise. „Wenn das wirklich stimmt, ist es verrückt! Da haben sie so viel Aufwand getrieben, um Eindringlinge abzuwehren und das alles sollte derart leicht auszutricksen sein?“
Sie legte ihre Kleidung ab und probierte es ebenfalls. Auch sie konnte sich unbehelligt auf Knien und Händen durch den Saal bewegen. In der Mitte des Saals begann sie probeweise zu reden, worauf sofort der Kopf erschien.
„Miau, ich bin eine Katze, siehst du das nicht?“ rief sie ihm belustigt zu, während sie eilig hinaus lief.
„Ich glaube, das reicht für heute“, sagte Ragan. „Oder?“
Auf dem Rückweg stellten sie mit Unbehagen fest, dass einige der zuvor verschlossenen Türen einen Spalt weit offen standen, gerade weit genug, um hinaus zu spähen oder hindurch zu schießen. Vorsichtig sichernd stießen sie einige der Türen auf und leuchteten in die dahinter liegenden Räume, in denen glücklicherweise keine Gefahren zu lauern schienen. Einige erwiesen sich als Quergänge, andere offenbar als Archive – also genau das, wonach sie suchten. Aufmerksam verfolgten sie die Spuren des Kettenfahrzeugs, das sie mit dem Maschinengewehr angegriffen hatte; sie führten bis in die Garage und endeten an einem verschlossenen Metalltor an der Seite, das sie seiner unauffälligen betongrauen Farbe wegen zuvor nicht beachtet hatten. Merrow schlug vor, eines der Fahrzeuge zur Sicherheit davor zu schieben, doch diese ließen sich keinen einzigen Zentimeter weit bewegen. Ragan kam schließlich auf die Idee, einen kleineren Wagen, der in der Nähe stand, umzustürzen und das Tor auf diese Weise zu versperren. Zu dritt hievten sie den Wagen seitlich an, bis er schließlich krachend und quietschend umstürzte und zu einem Haufen verbogener Einzelteile zerfiel. Als sie endlich ins Freie stiegen, war es bereits dunkel; die Mondsichel schimmerte schwach durch den Wolken verhangenen Himmel.
„Frische Luft!“ rief Merrow tief einatmend. „Ich wusste nicht, dass die so gut schmeckt!“
 

Tyger

Well-Known Member
Ein blendend helles Ungeheuer


„Das ist ja richtig schwere Arbeit!“ keuchte Merrow, der gemeinsam mit Ragan eine Kiste in Richtung Ausgang trug.
„Ja“, bestätigte Ragan. „Und zwar eine, die Freude macht!“
Es war tatsächlich nicht leicht, all das Material aus den ergiebigen Archiven aus der Anlage hinaus und zum Strand hinab ins Boot zu bringen, zum Schiff zu rudern und die Kisten schließlich darin zu verstauen.
Sie waren an diesem Tag daran gegangen, die Materialien in den Räumen seitlich des Ganges zu sichten, die zum großen Teil bereits gut für einen Abtransport verpackt waren. Vieles war auf die eine oder andere Weise unbrauchbar geworden; da waren beinahe zu Staub zerfallene Papiere und Bücher sowie viele Tausende silbriger runder Scheiben und schwarze Plättchen, die vermutlich auf irgendeine Weise beschrieben waren, die nur mit Maschinen gelesen werden konnte, von denen mehr als fraglich war, ob sich hier noch ein funktionierendes Exemplar fand, ganz abgesehen von der Frage, wie man dieses bedienen sollte. Viele der Kisten enthielten eine Vielfalt völlig unverständlicher technischer Teile, die sie ebenfalls vorerst stehen ließen. Sie fanden jedoch auch Kisten voll Bücher und Bildtafeln, die nicht aus Papier, sondern einem Papier ähnlichen glänzenden Material bestanden und deren Bedruckung in all den Jahrhunderten nicht verblichen war. Wahrscheinlich waren sie von Anfang an dafür bestimmt, lange Zeiträume zu überdauern.
Serraya half ihnen, die Kiste ins Boot zu laden.
„Das war die zwanzigste“, stellte sie fest.
„Wie transportieren wir die eigentlich nach Tempelstadt?“ fragte Merrow. „Wir haben nur fünf Packpferde und von denen sind mindestens zwei schon mit unserem Gepäck beladen.“
Ragan schüttelte den Kopf. „Mit den Pferden schaffen wir das überhaupt nicht, aber wir haben doch ein Schiff! Wenn wir weiter an der Küste entlang fahren, kommen wir bis nach Muschelbank. Von da gibt es eine Straße nach Eisenfeld und wir finden dort bestimmt eine Spedition. Oder wir fahren gleich weiter bis nach Neuenhafen und verladen dort alles auf die Eisenbahn. Ein Flussdampfer käme auch noch in Frage.“
Auf dem Weg zurück in die unterirdische Anlage sagte Merrow: „Ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt.“
„Wie denn?“ fragte Ragan.
„Ich weiß nicht – geheimnisvoller. Ich hatte mir Höhlen vorgestellt, in denen vielleicht ein paar Fledermäuse hausen, wo wir geheimnisvolle Dinge finden und Du alte Schriften entzifferst. Statt dessen schleppen wir Kisten heraus wie Bauarbeiter Kisten mit Ziegelsteinen. Das ist alles so ... so ernüchternd.“
Mit einem nachdenklichen Nicken erwiderte Ragan: „Glaub mir, der Inhalt der Kisten ist ganz sicher geheimnisvoll. Wenn wir uns das alles näher ansehen, wirst du bestimmt nicht enttäuscht sein. Ich verspreche, dass ich dir eine Menge daraus vorlesen werde. Davon abgesehen“, er wies auf Merrows bandagierten Unterarm: „Wenn du noch mehr dem brauchst, was wir gestern hatten – das könnte klappen. Wer weiß, was uns hier noch alles erwartet!“
„Noch mehr schießende Maschinen?“
„Vielleicht Schlimmeres.“
Ragan dachte an das, was sie bei der Untersuchung jenes Saales heute vormittag noch gefunden hatten. Serraya hatte sich an das erste Geräusch erinnert, das sie gehört hatten, nachdem das gelbe Gespenst seinen Angriff erklärt hatte und eine Klappe in der Wand gefunden, die sich geöffnet hatte. Darin war eine rostige Gasflasche mit einem gelb-schwarzen Zeichen darauf, das einen Totenschädel und zwei gekreuzte Knochen darstellte; offenbar hatte an dieser Stelle ein giftiges Gas ausströmen sollen. Ob sich das im Laufe eines Jahrtausends verflüchtigt oder die Mechanik einfach nicht mehr funktioniert hatte – es war reines Glück, dass sie noch am Leben waren. Auch die Sache mit den Türen war geheimnisvoller als ihm lieb war, denn einige der gestern Nacht geöffneten waren heute verschlossen, andere dafür geöffnet. Hier und da brannten auch noch schwache oder flackernde Lampen und jenes diffuse allgegenwärtige Hintergrundgeräusch zeugte davon, dass etwas in der Tiefe arbeitete. Er sorgte sich nicht zuletzt deshalb darum, möglichst schnell so viel wie möglich in Sicherheit zu bringen, weil er mit irgendeiner bösen Überraschung rechnete, die die Bergung der Schätze jeden Augenblick beenden konnte.
„Seht mal!“ hörten sie den Ruf von Serraya aus dem Gang hallen, während sie durch den inzwischen erweiterten Durchstieg im Tor kletterten. „Dieser Seitengang führt nach unten und ist ziemlich breit. Sehen wir nach, wo der hin führt?“
Sie folgten ihr in den abwärts führenden Gang, der mehrere Biegungen beschrieb, so dass seine Richtung bald völlig unklar war. Seitliche Türen gab es hier so gut wie keine, dafür schien der Wust von Kabeln und allerlei Installationen, der sich an der Decke entlang zog, noch dichter zu sein als in dem oberen Gang. Das dumpfe Hintergrundgeräusch wurde lauter. Schließlich trafen die Lichtkegel ihrer Lampen auf eine abschließende Tür, die ebenso breit war wie der Gang selbst. Wie auf Kommando blieben sie stehen und sahen sich an.
„Vielleicht sollten wir uns gleich ausziehen und auf allen Vieren hinein gehen“, schlug Merrow vor.
„Sehen wir erst einmal, ob die Tür überhaupt offen ist.“ Ragan ging zur Tür und drückte dagegen. Sie bewegte sich nicht. Es gab nichts, das wie eine Klinke oder eine Verriegelung aussah.
„Was nun?“
Merrow wies auf einen Kasten, der an der Wand rechts der Tür angebracht war. Neben verschiedenen Erhebungen, Vertiefungen und Schlitzen fand sich daran eine mit Ziffern beschriftete Tastatur. „Könnte das nicht eine Art von Zahlenschloss sein?“
Ragan schüttelte zweifelnd den Kopf. Dass die geheimnisvolle alte Geistertechnologie nach tausend Jahren noch teilweise funktionierte, konnte er hinnehmen, weil er sie nicht verstand – aber ganz gewöhnliche Tasten? Er dachte an das Fahrzeug, das beim Umkippen zerfallen war. Andererseits hatte das schießende Kettenfahrzeug noch gefährlich gut funktioniert ...
„Warum nicht“, meinte er. „Versuchen wir es.“ Er drückte auf die Taste 1; sie war schwergängig, ließ sich aber drücken. Ansonsten tat sich jedoch nichts. Serraya drückte die 0; diesmal glomm ein mattes rotes Leuchten durch die Staubschicht auf einem kleinen grauen Fenster. Merrow versuchte die 5 und das Licht veränderte sich ein wenig.
„Wenn ich das Ding aufschrauben könnte“, grübelte Merrow. „Mit der Mechanik von Zahlenschlössern kenne ich mich aus!“
„Wollen wir wetten, dass das nicht mechanisch funktioniert?“ erwiderte Serraya. „Außerdem sind die Schrauben tausend Jahre alt!“
„Also versuchen wir es mit Glück.“ Ragan begann wahllos Tasten zu drücken. „Oder hat jemand eine bessere Idee?“
Serraya untersuchte die Tür und stellte fest: „Das scheint eine Schiebetür zu sein und sie sieht ziemlich stabil aus. Mit Gewalt kommen wir da ...“
Ein sirrendes Geräusch unterbrach sie, ein roter Schein erleuchtete den Gang und eine eisige Stimme erscholl: „Specterformat Rot aktiviert. Identifizieren Sie sich mit Ihrem Ebene 2 Zugang, Sie haben fünf Minuten Zeit bis zur Aktivierung der Selbstzerstörung.“
Ragan fuhr erschrocken herum und sah sich einem durchscheinenden Geisterkopf gegenüber, gleich jenem, den sie schon kennengelernt hatten, nur leuchtete dieser hier rot.
„Er will eine Parole, die wir nicht kennen, richtig?“ flüsterte Merrow.
„Ja. Und diesmal wird nicht nur geschossen!“
„Rennen wir weg? Wir können ja durch ihn hindurch laufen!“
„Nein“, meinte Serraya. „Wer weiß, wie der hier darauf reagiert. Wir ziehen uns besser aus.“
Sie begann damit, ihre offene Jacke abzulegen.
„Sie haben vier Minuten Zeit bis zur Aktivierung der Selbstzerstörung.“
Eilig legten sie alles ab, was sie an sich trugen und gingen auf die Knie.
„Sie haben drei Minuten Zeit bis zur Aktivierung der Selbstzerstörung.“
„Verdammt, bei dem klappt das nicht!“ zischte Merrow.
„Still!“ zischte Serraya zurück. „Vielleicht dauert es eine Weile. Legt euch hin!“
Sie pressten sich flach auf den Betonboden und warteten ab, vor Erregung beinahe zitternd.
„Sie haben zwei Minuten Zeit bis zur Aktivierung der Selbstzerstörung.“
Ragan spürte, wie Tränen der Wut und Hilflosigkeit in seine Augen traten. Wieso konnte das verdammte Ding sie nicht wenigstens für tot halten, wenn sie regungslos am Boden lagen? Er versuchte sich vorzustellen, wie die Selbstzerstörung aussehen würde. Vermutlich waren Sprengstoffladungen in der Anlage installiert, mit denen sich alles in die Luft jagen ließ. Würde es ausgerechnet auf diese dumme Weise enden; war das wirklich schon alles?
„Sie haben eine Minute Zeit bis zur Aktivierung der Selbstzerstörung.“ Die eiskalte Geisterstimme verriet keinerlei Gefühlsregung – natürlich nicht, der Kopf war nichts weiter als eine seltsame Art von Maschine, für die es keinen Tod gab, weil sie ohnehin kaum lebte. Jetzt aufzuspringen und zu flüchten hätte keinen Sinn; sie würden die Anlage niemals innerhalb einer einzigen Minute verlassen können. Serraya und Merrow dachten offenbar das Gleiche und blieben ebenfalls liegen. Eigentlich sollte er sich jetzt Gedanken um andere Dinge machen. Wie würde es werden nach dem Tod? Würde er Göttern begegnen und wenn ja, welchen? Oder nur in irgendeine Unendlichkeit hinein schweben? Oder würde etwas völlig anderes geschehen als die Möglichkeiten, die er in der Schule von Tempelstadt gelernt hatte?
Er zuckte zusammen, als plötzlich ein durchdringender Ton durch den Gang zu heulen begann und brauchte eine Weile, um ihn als den Klang einer Sirene zu erkennen.
„Die Selbstzerstörung erfolgt in 60 Minuten.“ Der Kopf verschwand, die Sirene heulte weiter.
Aufatmend erhob er sich vom Boden.
„Sechzig Minuten!“ stieß Merrow aus, kichernd und schluchzend zugleich. „Wir haben eine ganze Stunde Zeit!“
Serraya atmete geräuschvoll aus und sagte tonlos: „Also dann, hauen wir ab.“
„Die Selbstzerstörung erfolgt in 59 Minuten.“ Der Kopf war verschwunden, aber seine Stimme noch da.
Auf dem Rückweg dachte Ragan an all die Wissensschätze, die wahrscheinlich für immer verloren waren. „Eine Stunde ist eine Menge Zeit; wir könnten noch viel in Sicherheit bringen!“ rief er.
Serraya schüttelte energisch den Kopf. „Wenn wir eine Stunde Zeit haben, dann brauchen wir die, um weit genug weg zu kommen! Ich habe ein ganz mieses Gefühl.“
Noch immer heulte die Sirene entnervend durch die Gänge. Das miese Gefühl hatte Ragan ebenfalls, aber er bestand darauf, wenigstens noch eine kleine und eine große Kiste bei der Flucht mitzunehmen. Keuchend erreichten sie das Boot, schoben es ins Wasser, luden die Kisten ein und ruderten eilig zum Schiff zurück.
„Verdammt, wir haben keine Uhr!“ keuchte Ragan, während er sich in die Riemen legte. „Wieviel Zeit haben wir bisher gebraucht, zwanzig Minuten?“
Serraya nickte. „Ja, ungefähr.“
Das Boot hochzuhieven und den Anker zu lichten war eine anstrengende Arbeit, die ebenfalls ihre Zeit brauchte, und als sie endlich zur Abfahrt bereit waren, musste mehr als eine halbe Stunde vergangen sein. Ragan ging auf die Brücke und Merrow verschwand unter Deck, um die Segelmaschinerie zu bedienen.
„Kann ich irgendetwas tun?“ fragte Serraya schwer atmend und stellte sich neben Ragan.
„Nein, im Moment nicht.“ Ragan drehte das Steuerrad und nahm den Kurs zurück, den sie gekommen waren. Trotz des bedeckten Himmels an diesem Tag war der Wind schwach und die HAIFISCH nahm nur gemächlich Fahrt auf.
„Was glaubst du, wann wir in Sicherheit sind?“ fragte Serraya. „Immerhin sind wir schon ein paar hundert Meter von der Insel entfernt; bei einer Sprengung dürfte uns da nichts mehr passieren, oder?“ Es klang nicht so, als glaubte sie selbst daran.
„Wir haben keine Ahnung, was die damals für Sprengstoffe hatten. Wer weiß, vielleicht wird sogar ein Vulkanausbruch ausgelöst oder ein Ungeheuer frei gelassen.“
„Ein Ungeheuer?“ Das kam aus dem Sprachrohr, durch das Merrow mitgehört hatte.
„Was weiß ich – wenn die damals Geisterköpfe und eiserne Spinnen hatten, warum dann nicht auch Feuer speiende Drachen?“
„Du kannst einem Mut machen“, sagte Serraya leise.
Ragan hatte sie noch nie so unsicher erlebt; ihr mieses Gefühl musste sehr intensiv sein. Er hatte sich so an ihre draufgängerische Art gewöhnt, dass er es seltsam fand, sie beruhigen zu müssen. Während er das Steuerrad mit der Linken hielt, legte er den rechten Arm schützend um sie.
„Kein Ungeheuer wird sich mit uns anlegen“, sagte er beruhigend. „Außerdem sind wir wirklich verdammt weit weg, bis die Stunde um ist.“
Sie lehnte sich an ihn, während die Vibrationen der rasenden Turbosegel ihre Körper leise beben ließen und das Schiff mit gischtender Bugwelle durch die sanften Wellen pflügte.
Merrow kam die Treppe herauf. „Die Segel laufen mit voller Geschwindigkeit; so lange der Wind sich nicht ändert, gibt es da unten nicht viel zu tun. Die Stunde müsste bald um sein, oder?“
„Ja, ich denke schon“, erwiderte Ragan und reichte ihm das Fernglas. „Wahrscheinlich ist die Insel schon außer Sicht; sieh mal nach, wie weit sie ist!“
Merrow verließ mit dem Fernglas die Brücke und Ragan meinte: „Der Kurs entlang der Küste liegt an und ich schätze, es werden uns kaum Balken in den Weg kommen.“ Mit einem Feststellrad fixierte er das Ruder. „Na los, schauen wir, was es zu sehen gibt!“
Serraya lachte etwas gekünstelt. „Wahrscheinlich nur das Rauchwölkchen einer kleinen Explosion. Danach können wir umkehren und den Rest holen.“ Dass sie daran nicht glaubte, war deutlich herauszuhören.
Als sie das Deck betraten, setzte Merrow gerade das Fernglas ab und wandte sich zu ihnen um. „Wir sind weit genug weg; hier kann uns garantiert nichts mehr passieren!“
In diesem Augenblick zuckte ein grellweißer Blitz auf und fast gleichzeitig versengte eine Woge glühender Hitze Ragans Fell. Er hatte reflexartig die Augen geschlossen, Serraya riss ihn grob auf das Deck herab und Merrow schrie auf. Als er die Augen wieder öffnete, sah er Merrow ebenfalls auf den Decksplanken liegen, offenbar unverletzt; verwirrt fragte er Serraya, die neben ihm lag: „Alles in Ordnung?“
Bevor sie antworten konnte, traf ein ungeheurer Schlag das Schiff. Ragan wurde nach oben und zur Seite geschleudert, Ohren betäubender Donner erfüllte die Luft, Holz splitterte, reißendes Metall kreischte, etwas schlug in seine linke Seite und raubte ihm beinahe das Bewusstsein. Scheinbar endlos lange flog er durch die Luft, als hätte irgendein Wunder ihn der Erdanziehung entrissen, dann plötzlich klatschte er schmerzhaft auf die Wasseroberfläche, tauchte unter, bekam keine Luft, strampelte sich mit reflexartigen Bewegungen nach oben, hustete, keuchte, tauchte abermals unter und wieder auf – und hätte nicht sagen können, wie lange es dauerte, bis er endlich wieder zu vollem Bewusstsein kam. Noch immer ohne nachzudenken entledigte er sich seiner Kleidung, wobei er bemerkte, dass das Wasser um ihn her blutrot war, machte langsame Schwimmbewegungen, beruhigte sich und begann die Dinge um sich her wahrzunehmen, als ob sie ihn nichts angingen. Rings um ihn war eine scheinbar endlose Wasserfläche, sanfte Wellen, die ihn wiegten, linkerhand trieb das Wrack der HAIFISCH mit abgerissenen Turbosegeln im Wasser, so schräg, dass es wohl bald sinken würde, rechterhand ragte gespenstisch ein riesiger schwarzer Pilz in den Himmel.
Er versuchte der HAIFISCH hinterher zu schwimmen, aber entweder war die Geschwindigkeit des treibenden Wracks zu groß oder er selbst einfach zu langsam. Nach einer viertel Stunde, wie er schätzte, gab er es auf und beschloss, in Richtung Land zu schwimmen. Wenn vor ihm die HAIFISCH trieb und sich hinter ihm der allmählich zerfasernde Pilz befand, der aus der Insel empor gewachsen war, dann musste sich das Festland links von ihm befinden. Mit ruhigen Bewegungen begann er in diese Richtung zu schwimmen. Wie lange würde er wohl durchhalten? Und was war aus Serraya und Merrow geworden? Er versuchte sie mit seinem Geist zu erspüren, aber er war zu angeschlagen und das Meer zu voll von Leben, um sie ausmachen zu können; außerdem lag über allem noch der Brandhauch des stillen Feuers. Er bat die Götter, ihn nur dann überleben zu lassen, wenn die beiden es auch schafften. Die Zeit verging und seine Kraft ebenfalls, während der Kopf des unheimliche Pilzes in Richtung Meer trieb – er war wohl über den zur Küste wehenden Wind hinaus aufgestiegen. Er wusste nicht zu sagen, wie lange er schon im Wasser trieb und wie in Trance Schwimmbewegungen machte, aber die Sonne stand bereits tief über dem Horizont, als etwas seinen linken Fuß berührte. Er schrak auf und sah große dunkle Schatten unter sich hinweg ziehen. Wieder berührte ihn etwas, diesmal an der Brust, und jetzt erkannte er, was es war. Einige große Rochen mit mehr als zwei Metern Spannweite schwammen um ihn herum und stießen ihn immer wieder an. Er verstand nichts von diesen seltsamen Tieren, aber so bedrohlich sie auch aussahen, schien das, was sie taten, kein Angriff zu sein. Als eines der Tiere geradezu auffordernd unter ihm her schwamm – oder besser flog – , sich seiner lächerlich langsamen Geschwindigkeit anpassend, griff er aus einem plötzlichen Impuls heraus die Vorderkanten seiner ledrigen Flügel. Der Rochen beschleunigte, dicht unter der Oberfläche bleibend, und Ragans Herz machte einen Freudensprung, als er aufschaute und die Küste in Sichtweite kam. Er bog den Hals weit nach hinten, Wasser gischtete um sein Kinn und drang ihm immer wieder in Schnauze und Nase; er hustete und keuchte, hielt sich aber krampfhaft an dem Rochen fest, dessen Haut sich wie nasses Leder anfühlte. Die Küste war zum Greifen nahe, als das Tier ihn völlig mühelos mit einer einzigen schnellen Bewegung abschüttelte. Seines Halts beraubt, sank er nach unten, schluckte wieder Wasser und fühlte schließlich Boden unter den Füßen. Der Rochen drehte eine Abschiedsrunde um ihn und verschwand.
„Danke“, krächzte Ragan und erbrach einen Schwall Salzwasser. Mit den Armen rudernd ging er langsam auf den Strand zu und glaubte eine ganze Ewigkeit zu brauchen, bis er ihn erreichte. Es wurde dunkel, aber wenn er sich nach rechts wandte, würde er früher oder später vermutlich auf das Wrack der HAIFISCH stoßen, das dort irgendwo angetrieben sein musste. Oder auf das Dorf ohne Namen. Er fand es plötzlich unbeschreiblich lustig, dass sie ihre Pferde in einem Dorf zurück gelassen hatten, dessen Namen sie nicht einmal kannten. Glucksend lachte er vor sich hin, nicht bemerkend, wie seine Knie nachgaben und der Sand auf ihn zu stürzte.
 

Tyger

Well-Known Member
Am Morgen nach dem Schiffbruch


Ein aromatischer Duft stieg in seine Nase und weckte ihn. Er fragte sich, was geschehen sein mochte – schließlich war er doch eben noch den Strand entlang gelaufen und nun lag er zwischen weichen Decken und blinzelte in flackernden Lichtschein, der von einem Feuer her rühren musste.
„Ragan?“ Da war Serrayas Gesicht über ihm. Er versuchte zu antworten und musste mehrmals ansetzen, bis er einen Ton heraus brachte. In seiner linken Seite pochte ein dumpfer Schmerz und ihm wurde klar, dass er sich weit mehr als gedacht verausgabt hatte.
„Ja“, flüsterte er. „Ich bin wieder da.“
„Ragan!“ Das war Merrow, sein Gesichtsfell war nass von Tränen. „Ich bin so froh ...“
Mit einiger Mühe hob er ihm die Hand entgegen. „Ich bin auch froh, euch beide wiederzusehen.“ Er wunderte sich selbst darüber, wie schwach seine Stimme klang.
„Ich dachte, du wärst tot“, schluchzte Merrow. „Serraya hat dich gefunden. Ohne sie ...“
Er wandte ihr den Blick zu. „Danke. Du hast mir schon wieder das Leben gerettet. Beim nächsten Mal bin ich an der Reihe.“
Sie beugte sich zu ihm herab und flüsterte ihm ins Ohr: „Vielleicht kannst du mir auch einfach irgendwann etwas verzeihen.“
Eine Sekunde lang wollte er fragen, was sie damit meinte, dann nötigten sie ihn dazu, etwas aromatischen Tee zu trinken. Bevor er wieder einschlief, hörte er Serrayas leise Worte, die im Knistern des Feuers beinahe untergingen: „Es ist ein Wunder. Er hat viel Blut verloren; ich weiß nicht, wie er bis zum Ufer kommen konnte.“
Als er am nächsten Morgen erwachend in die aufgehende Sonne blinzelte, fühlte er sich weit besser. Unter den provisorischen Verbänden, die Serraya ihm angelegt hatte, spürte er nur leichte Schmerzen. Sie hatten am Strand übernachtet und ihre Decken waren nun vollgesogen von der Feuchtigkeit der Nacht, die auch das Feuer gelöscht hatte. Alles war kühl und klamm, doch die Strahlen der Morgensonne wärmten und trockneten rasch.
Das Wrack des einst so schönen Turboseglers lag dicht am Strand, wohin die Flut es getragen hatte, und bot einen traurigen Anblick. Sein Herz krampfte sich zusammen, als er an die geborgenen Schätze dachte. Was mochte aus den Kisten geworden sein?
„Wir haben die Kisten sicher an Deck vertäut“, sagte Merrow, als hätte er seine Gedanken erraten. „Vielleicht sind sie nicht einmal nass geworden.“
Das Boot war zertrümmert worden, aber da Ebbe herrschte, war es kein Problem, das Schiff zu Fuß zu erreichen und die Kisten zu holen, deren Inhalt wunderbarerweise trocken und unbeschädigt war. Obwohl Merrow und Serraya es ihm auszureden versuchten, bestand er darauf, beim Schleppen der Kisten zu helfen. Als die endlich am Strand in Sicherheit waren, spürte Ragan, dass er sich übernommen hatte. Ein Schwindelanfall ließ ihn zu Boden gehen und Serraya brachte ihm eilig etwas zu trinken.
„Jetzt sollten wir uns endlich Zeit für ein Frühstück nehmen“, sagte sie.
„Wie geht es nun eigentlich weiter?“ fragte Merrow. „Wie kriegen wir die zwanzig Kisten von hier weg?“
Beim Frühstück einigten sie sich darauf, dass Ragan und Merrow zu Fuß zum Dorf gehen, die Pferde holen und möglichst noch ein paar dazu kaufen sollten, während Serraya bei den Kisten und sonstigem Gepäck zurück blieb. Irgendwie mussten sie es dann schaffen, die Kisten zu Pferd an der Küste entlang nach Muschelbank zu transportieren.
„Was war das eigentlich?“ fragte Merrow plötzlich.
„Was meinst du?“ fragte Ragan zurück.
„Dieser Blitz, die Explosion – das war ... ich meine, so etwas gibt es doch gar nicht!“
„Das war eine Atombombe.“
„Aber die gab es doch nicht wirklich, das sind doch nur Geschichten!“
„Das dachte ich auch immer. Aber die Überlieferungen beschreiben ziemlich genau das, was wir erlebt haben. Zum Glück hat der Wind den Pilz auf die See hinaus getrieben.“
„Wieso zum Glück? Was hätte denn noch passieren können?“
„Uns schadet das stille Feuer nicht allzu sehr, aber auf dem Land würde es vermutlich eine Menge Tiere krank machen oder gar töten. Im Meer verteilt es sich.“
„Wisst ihr, wie so etwas funktioniert?“ fragte Serraya in einem seltsamen Tonfall. „Da sind bestimmte Metalle, deren kleinste Teilchen sich gegenseitig in noch kleinere Teilchen spalten. Das, woraus alle Stofflichkeit besteht, ist nämlich letztlich nur Energie, zu winzigen Pünktchen zusammen geballt ...“
„Hör auf!“ rief Ragan, dessen Fell sich sträubte. Er sah deutlich, wie es Merrow, der das Gesicht abwandte, ebenso erging.
„Was ist los, Ragan?“ fragte Serraya unschuldig, während ihre Augen funkelten. „Du hast das doch auch alles gelernt in der Priesterschule! Erinnert ihr euch, dass auch Reddiff darüber geredet hat? Die kleinen Teilchen können übrigens auch miteinander verschmelzen.“
„Verdammt, und ich war froh, als solche Themen abgehandelt waren! So wie jeder andere auch! Was soll das jetzt?“
„Wir sind unter uns und können reden, worüber wir wollen; vor wem schämst du dich? Also, wie die Überlieferungen besagen, können Energie und Stoff sogar ineinander umgewandelt werden. Stellt euch vor, der Boden unter uns ist eigentlich nichts anderes als Leere und Hitze und wir selbst auch ...“
„Das ist abartig“, stieß jetzt Merrow aus. „Solche Gedanken, die sind ... ach, ich weiß nicht! Ich hätte von dir nicht gedacht ...“
Ihr Gesicht entspannte sich und das Funkeln in ihren Augen verschwand.
„Entschuldigung“, sagte sie mit einem Schulterzucken. „So etwas macht mich einfach geil. Ich dachte, ich könnte euch dafür begeistern.“ Nacheinander umarmte sie Ragan und Merrow und gab jedem einen langen Kuss, was sie angespannte Atmosphäre auflöste. Merrow sah sogar aus, als bekäme er ein schlechtes Gewissen, weil er nicht auf sie eingegangen war.
Schließlich packten sie zwei Rucksäcke mit dem Nötigsten, was sie für den voraussichtlich zweitägigen Fußmarsch brauchen würden. Bevor sie sich auf den Weg machten, erklärte Ragan, dass er noch etwas auf der HAIFISCH zu tun habe. Obwohl die Flut bereits zu steigen begann, war das Wrack noch gut erreichbar. Er erklomm das schief liegende Deck und stieg über verbogenes Metall und zersplitterte Reste hölzerner Aufbauten zur Brücke. Das Brückenhaus war schief und die Tür abgerissen, hatte aber ansonsten standgehalten. Ragan strich über das Steuerrad, das sich nicht mehr bewegen ließ, über das gesprungene Glas des Kompasses und die kleine Rechenmaschine, dann nahm er die goldene Plakette, die er noch immer um den Hals trug, in die andere Hand. Jetzt bedauerte er, sie nur am Halsband getragen zu haben. Er suchte die Verbindung zur Seele des sterbenden Schiffes und vertraute sie den Göttern des Meeres an. Als er die Plakette an das Steuerrad hängte und die Brücke verließ, lief ein durchdringendes Geräusch durch den Schiffrumpf, das wie ein erleichterter Seufzer klang.


Strandlauf


Es war noch heller Tag, als sie in den Dünen ihr einfaches Nachtlager aufschlugen, das lediglich aus Decken bestand. Ragan war schnell müde geworden und hatte schließlich schlapp gemacht, da er sich von den Strapazen noch nicht erholt hatte, außerdem waren sie beide geschwächt von der durchdringenden Wirkung des stillen Feuers. Merrow hatte ein paar Vogelnester ausgenommen und behauptete sicher zu sein, dass die Eier noch nicht angebrütet waren, wobei Ragan sich fragte, woran er das erkannte. Sicherheitshalber hatte er noch einen Beutel voll Muscheln gesammelt. Merrow machte ein Feuer aus ausgeblichenem Treibholz, dessen Rauch nach Meer roch.
„Eigentlich wäre es besser gewesen, wenn du bei den Kisten geblieben wärst“, meinte er dabei. „So angeschlagen, wie du bist.“
Dieser Gedanke war Ragan selbst schon gekommen. „Ich hätte das Zeug aber auch schlecht verteidigen können“, versuchte er eine Erklärung.
„Gegen wen denn verteidigen? Glaubst du wirklich an Räuber?“
Ragan zuckte mit den Schultern. „Wir sind ein gutes Stück von der Zivilisation entfernt; wer weiß schon, wie jemand drauf ist, dem wir hier begegnen. Denk nur an die Leute in diesem Dorf. So freundlich sie sind, hätten sie uns fast um das Boot gebracht.“
„Hoffentlich kriegen wir unsere Pferde unbeschadet zurück.“ Merrow schob etwas Glut aus dem Feuer, legte die Eier hinein und fragte über die Schulter: „Und, wie geht es dir?“
„Schon wieder ganz gut; morgen bin ich völlig in Ordnung, denke ich.“
Sie waren an diesem Tag nicht weit gekommen; das Gehen im weichen Sand war anstrengend. Ein paar Kilometer Geröllstrand waren allerdings noch unwegsamer gewesen, so dass sie schließlich froh waren, als sie wieder Sand unter den Füßen hatten. Aus den geschätzten zwei Tagen Fußmarsch würden aber drei, vielleicht sogar vier werden.
Die in der Glut gekochten Eier, die tatsächlich so frisch waren wie Merrow behauptete, waren vorzüglich. Da sie sich nicht schälen ließen, aßen sie sie mitsamt der Schale und der daran haftenden Asche.
Als sie sich schließlich in einer Sandkuhle zum Schlafen legten, tauchte die tief stehende Sonne die Dünen in einen unwirklichen tief roten Schein. Das gleichmäßige Rauschen des Meeres wirkte einschläfernd.
„Sag mal“, fragte Merrow im Halbschlaf. „Gibt es eigentlich Meeresgötter? Wegen des Schiffes, meine ich – zu wem hast du es gehen lassen?“
„Zu Dagon, dem Gott allen Wassers.“
„Ich habe nie von ihm gehört.“
„Er gehört eigentlich auch nicht zu unseren orthodoxen Göttern. Aber da wir seltsamerweise sonst keinen Meeresgott kennen ...“
„Woher kommt er dann, woher weißt du von ihm?“
„Aus wenigen unklaren Überlieferungen, deren Ursprung niemand kennt. Er gehört in ein Pantheon uralter Götter, die die Menschen schon verehrt haben sollen, bevor sie irgendeinen anderen Gott kannten – und wahrscheinlich sogar schon die Reptilienzivilisation vor ihnen.“
„Und niemand verehrt sie?“
„Doch, es gibt ein Heiligtum namens Neu R'lyeh, etliche tausend Kilometer von Tempelstadt entfernt und vermutlich in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit erbaut. Ich habe eine alte Fotografie davon gesehen; darauf sieht es sogar ziemlich beeindruckend aus. Aber es ist nichts darüber bekannt.“
„Halten sie dort alles so geheim?“
„Nein, es interessiert niemanden. Vielleicht ist es längst verlassen.“
Merrow seufzte. „Was geschieht mit Göttern, wenn sie vergessen werden? Sterben sie?“
„Nein, sie schlafen nur, bis jemand sich an sie erinnert und sie aufs Neue erweckt.“
„Und wenn niemand sich erinnert?“
„Erscheinen sie in Träumen. Eine alte Priesterin in Tempelstadt sagte immer, die Geisterwelt sei voll träumender Götter.“
Sie schwiegen und Ragan spürte, dass sie beide das selbe dachten. Vielleicht würde ihnen der Meeresgott im Traum begegnen. Er ließ sich vom Rauschen der Wellen in die hereinbrechende Dunkelheit tragen.
 

Tyger

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Der Wald des Todes


Der nächste Tag verging über einem gleichförmigen, anstrengenden Fußmarsch ohne besondere Ereignisse, abgesehen von der Durchquerung eines Baches, in dem sie ihre bedenklich zur Neige gehenden Wasserflaschen auffüllen konnten.
Am dritten Tag ersetzte wieder grobes Geröll den Sandstrand und allmählich wurde der Weg zu einer Klettertour über eine unwegsame Felsenküste.
„Ein Gutes hat der Weg am Meer entlang immerhin“, keuchte Merrow. „Wir können uns nicht verlaufen!“
„Da ist was dran! Aber sag mal, war die Küste in der Nähe des Dorfes nicht felsig? Vielleicht sind wir schon ganz in der Nähe.“
„Hoffentlich – hier kommen wir nämlich nicht mehr weiter. Und oben im Wald könnten wir uns dann doch verlaufen.“
Die Felsen ragten derart schroff vor ihnen auf, dass ein weiter klettern zu gefährlich wurde; Merrow hatte recht, sie mussten zum Wald hinauf steigen und sich dort durchschlagen.
Den Wald zu erreichen war nicht allzu schwierig. Er hatte wenig Unterholz und war einigermaßen gut begehbar. Obwohl die Sonne hoch am Himmel stand, war es unter dem Dach der dichten Baumkronen jedoch überraschend dunkel; es herrschte eine unangenehme Düsternis. Sie waren etwa eine halbe Stunde gegangen, als Merrow tief die Luft einsog und fragte: „Riechst du das?“
Ragan schnupperte. In der Luft lag jener eigentümliche morbide Geruch, den sie bei der Durchquerung des Waldes auf dem Weg zum Dorf schon wahrgenommen hatten.
Er nickte. „Ich glaube, wir sind bald da.“
„Ich wüsste nur gern, woher dieser Geruch kommt.“
Ragans Blick fiel auf etwas Helles an einem der Bäume, was er bei näherem Hinsehen als ein Skelett erkannte. Er zeigte darauf. „Von dem da vielleicht?“ Kopf schüttelnd fügte er hinzu: „Ich frage mich nur, was um alles in der Welt ...“
Merrows Kinnlade klappte herunter, als er entdeckte, was Ragan meinte. Es war das Skelett eines Rehes oder Hirsches und es lag nicht am Boden, sondern hing am Stamm eines Laubbaumes, besser gesagt, im unteren Teil der Krone, einige Meter über dem Boden und am Stamm und dem Gewirr schlangenartig verwundener Äste entlang verteilt, als sei der Baum geradewegs durch das Tier hindurch gewachsen.
„So etwas Verrücktes habe ich noch nie gesehen!“ brachte Merrow schließlich heraus. „Die Knochen sind mit dem Baum verwachsen!“ Nach einer Pause setzte er hinzu: „Aber eins steht fest: Dieses Tier riecht schon lange nach nichts mehr.“
Bei der Überlegung, woher der Geruch dann wohl stammen mochte, war sich Ragan plötzlich sicher, dass etwas ganz und gar Bizarres sie erwartete. Er bemerkte, dass die Bäume von einer Art waren, die er nicht kannte. Ihm schoss ein verrückter Gedanke durch den Kopf, den er für sich behielt, aber Merrow sprach ihn aus: „Sag mal, es gibt doch Fleisch fressende Pflanzen?“
„Die fressen Insekten, keine Hirsche oder Rehe! Wie sollten sie die fangen?“ Er spürte, wie sich sein Nackenfell beim Aussprechen dieser Frage steil aufrichtete und er unwillkürlich die Ohren anlegte, ebenso wie Merrow.
Beim weitergehen fiel ihm auf, dass keinerlei Tierlaute zu hören waren, nicht einmal Vögel. Gleichzeitig fühlte es sich dennoch wie von Menschen oder Tieren umgeben, war sich beinahe sicher, dass irgend jemand in der Nähe sein musste. Er atmete erleichtert auf, als ein Weg in Sicht kam, vermutlich derselbe, den sie bei ihrer Ankunft schon gekommen waren.
„Da!“ zischte Merrow plötzlich und blieb stehen. Wieder schien ein Baum durch ein Skelett hindurch gewachsen zu sein, doch dieses stammte eindeutig von einem Menschen. Ragan erschauerte; gleichzeitig wollte er wissen, was hier los war. Er sog tief die Luft in die Nase; der Geruch kam von der Seite, rechts des Weges. Er verließ den Weg und ging der Nase nach, Merrow folgte ihm. Sie umgingen Felsklippen und ein dichtes Brombeergestrüpp, dann betraten sie eine kleine schattige Lichtung, wo der Geruch zu einem durchdringenden Gestank wurde. Schließlich war es Merrow, der dessen Ursprung entdeckte und mit tonloser Stimme sagte: „Sieh dir das an!“
Was sie sahen, war eigentlich nichts Anderes als das bisher Gesehene: Ein junger Baum war durch einen Menschen geradezu hindurch gewachsen, die noch dünnen Äste und Zweige drangen durch Brust und Rücken, durch die nach oben gestreckte Schnauze und die Augenhöhlen heraus. Der Unterschied bestand lediglich darin, dass es sich hier um kein Skelett handelte, sondern um eine halb verweste Leiche.
„Wie kann so etwas sein?“ murmelte Ragan kopfschüttelnd.
Merrow war zu sehr mit dem Kampf gegen den Brechreiz beschäftigt, um zu antworten.
„Haben andere ihn auf diese seltsame Weise getötet?“ überlegte Ragan weiter. „Aber wieso tun sie das?“
„Hier gibt es noch nicht einmal Fliegen“, stellte Merrow nach einer Weile des Schweigens fest.
Tatsächlich schien der Geruch keinerlei Insekten angelockt zu haben. Um sich zu versichern, stocherte Ragan mit einem Stock in dem mürben Kadaver. Nicht eine einzige Made kam zum Vorschein. Der junge Baum dagegen gedieh prächtig und seine Blätter waren von sattem glänzendem Grün.
„Die Skelette, die wir gesehen haben, hingen alle an Bäumen von genau dieser Art. Hast du solche Bäume schon einmal irgendwo gesehen, Merrow?“
„Nein, noch nie. Also doch Fleisch fressende Bäume?“
„Mir fällt nichts Besseres ein. Ich wüsste nur gern, wie sie ihre Opfer fangen.“
Merrow legte die rechte Hand auf den Griff seines Messers. „Es könnte sein, dass wir es erfahren, wenn wir hier stehen bleiben. Wieso gehen wir nicht einfach ins Dorf und fragen die Leute dort? Die müssen doch Bescheid wissen!“
Ja, dachte Ragan, das müssen sie auf jeden Fall. Vielleicht war das ja sogar die Erklärung dafür, dass sie dort keine Alten gesehen hatten. Desto unverständlicher war allerdings, dass die Dörfler ihnen nichts von dieser Gefahr gesagt hatten.
„Also auf ins Dorf“, erwiderte er und wies auf eine Lücke im Gestrüpp, das hier dichter wuchs. „Sieh mal, da ist wieder ein Pfad, der dürfte genau hin führen.“
Der Geruch ließ nicht nach, sondern änderte sich lediglich, so dass Ragan nicht allzu überrascht war, als sich ihnen der nächste unangenehme Anblick bot. Diesmal war der betreffende Baum ein gutes Stück größer und kräftiger, was daran liegen mochte, dass seine Beute aus einem Pferd bestand, dessen noch recht frischer Kadaver ausgetrocknet wirkte.
Ragan fluchte. „Erkennst du es? Das war einer unserer Rappen!“
„Aber wie kommt der hierher?“ fragte Merrow fassungslos.
„Wenn die Bäume nicht ins Dorf gegangen sind, um ihn zu holen, müssen ihn die Dörfler her gebracht haben.“
In den wenigen Tagen, die seit ihrer Abfahrt vergangen waren, hatte es der Baum geschafft, vollständig durch das Pferd hindurch zu wachsen und den Kadaver sogar senkrecht aufzurichten; die Beine des Tieres waren von rankenartig gewachsenen Ästen gefesselt, verdreht und teilweise in die Länge gezogen worden. Ein derart schnelles Wachstum, das obendrein so viel Kraft aufbrachte, war geradezu unheimlich.
Eine weibliche Stimme erscholl plötzlich hinter ihnen: „Guten Tag, Merrow, guten Tag, Ragan! Wie schön, dass ihr wieder hier seid; wir haben euch schon vermisst!“
Sie fuhren herum und sahen sich einer jungen Frau gegenüber, die mit einem Blick auf Ragans Verband fortfuhr: „Oh, du bist verletzt, hoffentlich nicht ernsthaft? Aber kommt erst einmal, ihr seid sicher hungrig und durstig von der Reise und ...“
„Moment mal“, unterbrach Ragan, nahm sie am Arm und zeigte mit der anderen Hand auf das tote Pferd. „Sieh mal, da drüben, da ist ein Baum durch ein Pferd gewachsen. Ist das hier normal?“
„Du bist so aufgeregt“, entgegnete sie, irritiert blinzelnd.
„Ich sehe nicht oft Bäume durch Pferde wachsen. Auch nicht durch Menschen.“
Sie blinzelte wieder. „Nun, Tiere essen Pflanzen und Pflanzen essen Tiere, das ist ganz natürlich. Nun kommt schon, ihr beiden!“
Ragan ließ sich von ihr zu einem kleinen Picknickplatz ziehen, den sie sich eingerichtet hatte, Merrow folgte. Die Frau nahm einen verkorkten Krug aus ihrem Korb und Ragan spürte, wie Merrow ihn unauffällig von hinten anstieß.
„Ragan, denk daran!“ raunte er ihm leise ins Ohr.
Er dachte daran und lehnte ab: „Nein, danke, wir sind nicht durstig. Wir haben genügend Wasser dabei.“
Während die Frau irgend etwas Wortreiches erwiderte, spitzte er plötzlich die Ohren und horchte an ihr vorbei. Das Gefühl, nicht allein zu sein, hatte sich verstärkt; er war sich plötzlich sicher, dass noch jemand in der Nähe war. Als er einen Schritt in die betreffende Richtung machte, hielt die Frau ihn am Arm fest, sah abwechselnd ihm und Merrow in die Augen und sagte: „Ihr werdet vielleicht nicht verstehen, was ihr seht. Aber wir leben in einer Gemeinschaft mit den Bäumen. Sie können nicht ohne uns leben und wir nicht ohne sie. Sie sind Wesen wie wir.“
„Die Bäume?“ fragte Merrow erstaunt.
Ragan löste sich sanft aus dem Griff der Frau und ahnte nun ungefähr, was ihn erwartete. Mit einem Blick auf den Boden fragte er: „Sag mal, die jungen Triebe dieser Bäume, schmecken die so ähnlich wie Spargel?“
Sie lächelte unsicher. „Spargel kenne ich nicht. Aber die Triebe sind unsere wichtigste Nahrung. Die Blätter und Früchte auch. Wir leben von den Bäumen wie sie von uns, wisst ihr?“
Während Merrow noch immer verständnislos drein schaute, nickte Ragan. Ja, er verstand allmählich; die einzelnen Teile des Puzzles fügten sich zu einem Bild zusammen. Langsam ging er auf die Quelle der kaum hörbaren Geräusche zu, die er bemerkt hatte und fand schließlich genau das vor, was er erwartet hatte und was jene Frau vermutlich bewachte: Einen noch lebenden Menschen, der auf einem jungen Baum gepfählt und von Rankenästen gefesselt war. Dass er ihn kannte, traf ihn dennoch. Es war Mroun. Sein prächtiges Streifenfell beulte sich unter dem rechten Schlüsselbein und an der Bauchdecke aus, wo offensichtlich Triebe die Haut durchdringen wollten, und die eigentlich zu dünn aussehenden Rankenäste hatten ihm beide Schultern ausgerenkt und den linken Arm fast ausgerissen.
Merrows erstickter Schrei schreckte ihn auf. „Mroun!“
Der Tigermann öffnete die Augen und lächelte: „Schön, euch noch einmal zu sehen; ich freue mich.“ Er sprach langsam, verschlafen, aber er strahlte uber das ganze Gesicht und Ragan bemerkte, dass er widersinnigerweise unglaublich gesund und glücklich erschien.
„Wir befreien dich!“ rief Merrow und griff nach seinem Messer.
Ragan packte sein Handgelenk. „Was glaubst du, wie lange er seine Befreiung überleben würde?“
„Aber ... aber wir können ihn doch nicht ...“
„Mroun“, wandte sich Ragan an den Sterbenden. „Warum hast du das getan?“
„Es ist ein Weg des Lebens. Ein sehr schöner ...“
„Aber du bist schrecklich verletzt!“ rief Merrow dazwischen.
Mroun lachte leise: „Keine Angst, es tut nicht weh. Glaub mir, es ist sehr schön. Wisst ihr, ich bin nicht mehr nur Mroun; ich bin jetzt ... wir sind jetzt im Wir.“
„Die Bäume sind denkende Wesen? Und du lebst in dem Baum weiter?“ fragte Ragan.
Mroun schien ein Schulterzucken zu versuchen. „Ich kann es nicht erklären. Es ist so, wie du sagst und doch ganz anders. Ihr müsst von den Bäumen essen, um zu verstehen.“
„Was ist, wenn ein junger Baum keinen Menschen und kein Tier bekommt?“
„Er stirbt. Oder er ruft ein kleines Tier wie eine Maus, um wenigstens ein paar magere Jahre zu leben.“
„Diese verdammten Bäume halten sich Menschen als Nutzvieh, um sie zu schlachten!“ schrie Merrow.
„Nein“, sagte Mroun ruhig. „Es ist eine Symbiose. Vergiss nicht, dass auch die Menschen von den Bäumen essen.“
„Sie könnten auch andere Dinge essen!“
Hinter ihnen raschelnde Schritte unterbrachen das Gespräch. Es waren zehn der Dörfler, die sie einkreisten, und es waren offensichtlich nicht die Schwächsten. Auch der einstige Kapitän der HAIFISCH befand sich unter ihnen.
„Wir können euch nicht gehen lassen, nachdem ihr dies erfahren habt; nicht, bevor ihr zu uns gehört.“
„Wieso nicht?“ fragte Merrow, schwang sein Messer und bleckte die Zähne.
„Ihr könntet uns vernichten.“
„Mit uns meint ihr vor allem die Bäume, nicht wahr?“ fragte Ragan.
„Ja. Du wirst es bald besser verstehen können.“
„Was habt ihr mit uns vor?“
Der Redner schien sich etwas zu entspannen und erwiderte freundlich: „Wir wollen euch bei uns aufnehmen und ihr sollt mit uns essen und trinken. Noch niemand hat das bereut.“
„Ihr werdet uns nicht ...“ begann Merrow angriffslustig, doch Ragan fasste ihn am Arm. Wäre Serraya dabei, hätten sie eine Chance, aber zu zweit gegen zehn, er selbst verletzt und Merrow wahrscheinlich kein guter Kämpfer – das war sinnlos. Es würde nur unnötig Verletzte oder gar Tote geben. Eindringlich sah er Merrow in die Augen und brachte ihn dazu, das Messer einzustecken.
Vorsichtig reichte ihnen der Sprecher der Dörfler jenen Krug, den auch die Frau ihnen schon angeboten hatte. Ragan nahm ihn entgegen und trank ausgiebig von dem Wein mit dem eigenartigen Spargelgeschmack, dann reichte er ihn Merrow, der ihn fassungslos anstarrte.
„Vertrau mir und trink!“
Während Merrow widerwillig den Krug ansetzte, sah Ragan mit einem Seitenblick, wie ein blutiger Zweig durch Mrouns Fell brach, der dabei lustvoll stöhnte.
Noch immer mit Vorsicht, stets einen Angriff erwartend, nahmen die Männer sie in ihre Mitte und führten sie zum Dorf.
 

Tyger

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Gefangen


Man hatte sie in einem Schuppen untergebracht, der vielleicht ein ehemaliger Stall sein mochte, aber mit zwei Strohsäcken, einem Tisch und einer Öllampe einigermaßen bequem eingerichtet war. Überhaupt hatten die Dörfler sie ausgesprochen freundlich behandelt und mit einem guten Abendessen bewirtet, wobei sie darauf achteten, dass sie es auch tatsächlich aßen. Merrow schwebte in irgendeiner Sphäre der Glückseligkeit und konnte sich vor Wohlergehen kaum fassen. Ragan atmete tief und gleichmäßig und kämpfte gegen die Krämpfe, die sich in seinen Eingeweiden anbahnten.
„Der Abort ist da drüben, oder?“ fragte er und zeigte auf eine schiefe Tür.
„Ja, aber du solltest nicht gerade eine Wasserspülung erwarten!“ Merrow wieherte vor Lachen. „Aber wozu braucht man schon solchen Luxus!“
Ragan schlich hin, wobei ihm vor Anstrengung, Schmerz und Übelkeit Tränen in die Augen stiegen – und konnte sich endlich übergeben. Einmal, zweimal, dreimal, den Wein, das Essen, noch mehr Wein ...
Die Beherrschung innerer Körperfunktionen hatte zu seiner Ausbildung in der Priesterschule gehört und er war nie besonders gut darin gewesen; danach hatte er dergleichen kaum je wieder gebraucht. Wer kam schon jemals in die Verlegenheit, seine Verdauung anhalten, den Magen und die Därme lähmen zu müssen, um alles, was er gegessen und getrunken hatte, unverdaut wieder herauswürgen zu können? Jetzt wusste er, dass er es noch konnte, wenn es sein musste, und das fast zwei Stunden lang. Als er endlich alles von sich gegeben hatte und seinen Körperfunktionen wieder freien Lauf ließ, brach er am Boden zusammen und nahm mit tränenverschleiertem Blick wahr, wie Merrow besorgt auf ihn zu kam und ihm auf seinen Strohsack half.
„Fühlst du dich nicht gut, soll ich jemanden rufen?“
„Nein, nein, auf keinen Fall. Ich habe mich wohl nur überfressen.“ Er zwang sich zu einem schlappen Lachen, das Merrow beruhigte. „Bring mir bitte etwas zu trinken. Klares Wasser meine ich!“
Er trank und ließ sich auf den Strohsack zurück fallen. In dieser Nach noch etwas zu unternehmen hatte keinen Sinn. Er selbst fühlte sich viel zu elend und Merrow stand unter dem Einfluss jener Droge. Er schlief fast augenblicklich ein, nachdem er sich dazu entschlossen hatte.
Als er im Dämmerschein des Morgens erwachte, der durch die kleinen Fenster fiel, fühlte er sich wesentlich besser und völlig ausgehungert. Sich gleich im Morgengrauen die Pferde zu schnappen und zu verschwinden, war sicherlich das Beste. Er weckte Merrow, der neben ihm lag.
„Guten Morgen“, murmelte der. „Mit dir war gestern gar nichts mehr los.“
„Und mit dir wird heute nicht viel los sein, befürchte ich.“
Ragan erhob sich und zog ihn mit nach oben. „Komm, wir müssen gehen.“
„Wohin denn?“ stöhnte Merrow, sich den Schlaf aus den Augen reibend.
Jemand näherte sich von draußen und ersparte Ragan eine Erklärung. Die Leute hier waren Frühaufsteher. Die Tür öffnete sich und eine Frau, begleitet von einem Mann, brachte ein großes Frühstückstablett herein.
Ragan bemühte sich um ein möglichst dummes Grinsen und sagte: „Ihr verwöhnt uns! Danke.“
Die beiden antworteten mit irgendwelchen Freundlichkeiten und gingen wieder. Ragan untersuchte das Frühstück und entdeckte ein Stück Brot, das tatsächlich wie Brot roch und schmeckte. Heißhungrig verschlang er es, mit Wasser aus dem Waschkrug nachspülend. Als Merrow auch zugreifen wollte, hielt er ihn zurück.
„He, wieso ..?“ protestierte Merrow.
„Das Brot war das einzig Essbare, und ich war hungriger als du, tut mir leid.“
Merrow sah unschlüssig auf das Essen. „Du meinst, wegen ... aber ich fühle mich gut. Und ich kann völlig klar denken. Glaube ich jedenfalls ...“
Es schien, als käme er langsam zu sich. Ragan versteckte das Essen in einer Ecke hinter den Strohsäcken und schüttete den heißen Tee mit dem verräterischen Duft in den Abort, von Merrow mit traurigen Blicken beobachtet. Er hoffte, dass er sich inzwischen wieder auf ihn verlassen konnte.
„Sie werden sicher nichts dagegen haben, wenn wir unsere Pferde sehen wollen. Sieben müssten ja noch übrig sein. Hoffe ich wenigstens.“
„Und dann?“
„Werden wir sehen. Sieben Pferden versperrt jedenfalls keiner so leicht den Weg.“ Er probierte die Tür nach draußen, aber sie war verriegelt. Geduldig wartete Ragan darauf, dass jemand käme, dabei stets auf Merrow achtend, der sich sichtlich unwohl fühlte, sich immer wieder nervös durch das Gesichtsfell strich und schließlich heraus platzte:
„Meinst du nicht, dass wir etwas falsch machen? Ich meine, du kannst doch gar nicht beurteilen, wie das ist; du hast es ja nie probiert.“
Ragan ging zu ihm und fasste ihn an den Schultern. „Merrow, erinnerst du dich an Mroun, wie wir ihn gestern gesehen haben?“
„Natürlich. Aber jeder muss irgendwann sterben und es war für ihn nichts Schlimmes.“
Ragan setzte zu einer Entgegnung an, hielt sich jedoch zurück. Er erinnerte sich an jenes Abschlussritual in Tempelstadt, an die fiebrige Begeisterung bei der Ziehung der Lose, daran, wie Außenstehende so etwas aufnahmen. Das Ritual hatte einen Sinn, der sich nicht jedem erschloss – das hier aber sicherlich auch. Merrow hatte recht, er durfte nicht für andere entscheiden; er selbst kannte dieses symbiotische Leben mit den Bäumen nicht, abgesehen von jenem diffusen Einfühlen am ersten Abend, als er selbst hier gegessen und getrunken hatte.
„Also gut“, sagte er. „Gib mir drei Tage, in denen du mit mit kommst und mir einfach gehorchst. Wenn du danach hierher zurück gehen willst, werde ich dich nicht daran hindern.“
Er hoffte, dass eine Zeitspanne von drei Tagen genügend Sicherheit bot.
„In Ordnung“, stimmte Merrow zu und brachte ein schwermütiges Lächeln zustande.
Draußen näherten sich Schritte und die Tür wurde geöffnet. Die Frau, die das Frühstück gebracht hatte, trat ein, diesmal begleitet von dem Mann, in dem Ragan den Schmied erkannte.
„Guten Morgen, wie geht es euch?“ begrüßte er sie strahlend, während die Frau das Frühstückstablett mitnahm und ein zufriedenes Gesicht angesichts der leeren Teekanne machte.
„Gut, sehr gut“, erwiderte Ragan und strahlte zurück. „Ganz so wie in der ersten Nacht. Weißt du, ich war noch nie in einem so schönen Dorf wie diesem. Aber warum habt ihr uns hier eingeschlossen? Wir würden gern nach unseren Pferden sehen.“
„Ich denke, wir brauchen euch nicht mehr einzuschließen, aber in den ersten Tagen hier wird euch immer jemand begleiten. Kommt, ich zeige euch euer Haus; es ist gerade frei geworden und wird euch gefallen.“
„Könnten wir nicht doch erst zu den Pferden?“ fragte jetzt Merrow.
„In Ordnung, der Stall liegt ohnehin fast auf dem Weg.“
Ragan konstatierte zufrieden, dass sie bei den wenigen Dörflern, denen sie auf der Hauptstraße begegneten, keinerlei Aufsehen erregten. Die übrig gebliebenen sieben Pferde standen offensichtlich gut versorgt im Stall; sie kamen gerade zurecht, als ein Junge sie hinaus auf die Weide führen wollte. Die Pferde erkannten sie sofort, schnaubten erfreut, drängten sich heran und drückten ihnen ihre weichen feuchten Mäuler in das Fell. Ein Blick zur Seite zeigte Ragan, dass all ihr Gepäck, Sattel- und Zaumzeug noch unberührt in der Nische lag, in der sie es zurück gelassen hatten.
„Sieh mal, der Braune“, wandte sich Ragan an den Jungen, der sich um die Pferde kümmerte. „Was hat er da am Maul?“
Der Junge und auch der Schmied kamen heran, um nach dem Pferd zu sehen; Ragan wartete ab, bis beide gleichzeitig in Reichweite waren. Blitzschnell schlug er zu und landete bei beiden einen perfekten Treffer. Sekunden später lagen beide still am Boden. Auch das gehörte zu den nützlichen Dingen, die er in der Priesterschule gelernt hatte.
„Sie sind nicht ernsthaft verletzt“, beruhigte er den erschrockenen Merrow. „Aber in zehn Minuten können sie gut wieder wach sein. Hast du schon mal sieben Pferde in zehn Minuten gezäumt, gesattelt und beladen?“
„Du meinst: Beeilung? Also dann los!“ Merrow schnappte sich das Zaumzeug. Allmählich schien er wieder der Alte zu werden.
Die beiden am Boden Liegenden begannen sich bereits wieder zu regen, als sie mit den Pferden fertig wurden.
„Wohin reiten wir eigentlich?“ fragte Merrow beim Aufsitzen.
„Unten am Strand versperren uns die Felsen den Weg, also können wir nur in den Wald hinauf, das scheint der einzige Weg zu sein.“ Ihm kam plötzlich die Frage in den Sinn, was die Pferde hier wohl zu fressen bekommen hatten und wie sie sich im Wald verhalten würden. Da ihnen keine andere Möglichkeit blieb, mussten sie es darauf ankommen lassen. Er schwang sich ebenfalls in den Sattel seines Rappen und fragte: „Alles klar bei dir?“
„Ja, es kann losgehen!“
Die erregt tänzelnden Pferde warteten nur auf ein Kommando.
„Hiiija!“
Sieben Pferde galoppierten nacheinander durch das Stalltor und die Dorfstraße entlang. Bevor jemand reagieren konnte, hatten sie das letzte Haus schon hinter sich gelassen und jagten mit donnernden Hufen zwischen Bäumen hindurch, ganz normalen Fichten vorerst. Nun schrie jemand hinter ihnen her und ein einzelner Reiter versuchte sie zu verfolgen. Erst jetzt fiel Ragan auf, dass er im Dorf kein einziges anständiges Reitpferd gesehen hatte, nur Ackergäule und Esel; eine Verfolgung hatten sie also kaum zu befürchten. Nach fast einer halben Stunde gestreckten Galopps hatten sie den Wald hinter sich gelassen und die Heidelandschaft erreicht, die den Übergang zur Steppe bildete; sie zügelten ihre schwer atmenden, von Schweiß bedeckten Pferde und ließen sie im Schritt weiter gehen. Ein kühler Wind jagte in Böen durch das Gebüsch.
„Womit tränken wir eigentlich die Pferde?“ fragte Merrow. „Wir haben die Wasserkanister leer mitgenommen.“
„Es kann nicht allzu weit sein bis zu dem Bach, den wir durchquert haben. Bis dahin müssen sie durchhalten.“ Mit einem besorgten Blick nach oben setzte er hinzu: „Ich glaube, die Frage erledigt sich gleich.“
Der Schein der Sonne glomm in schwefeligem Gelb durch eine dichte, tief hängende Wolkendecke, die immer finsterer wurde. Aus der Ferne war ein leises Donnergrollen zu hören. Die Pferde wurden unruhig, begannen zu tänzeln und mit den Hufen zu scharren.
Merrow stieß einen Fluch aus und Ragan meinte schulterzuckend: „Bis jetzt hatten wir immer nur schönes Wetter. Irgendwann muss es ja auch mal regnen.“
Eine Sturmböe presste die Heidesträucher zu Boden und sie lenkten die aufgeregten Pferde in vorsichtigem Trab auf eine Senke zu, die einige Sicherheit vor Blitzschlägen bieten würde.
 

Tyger

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Durch Sturm und Gewitter


„Was für ein beschissener Tag!“ stöhnte Merrow in das elende Lagerfeuer aus nassem Holz, das mehr qualmte als brannte. Es war Abend und das Unwetter vorüber, der Sturm hatte sich gelegt, nur das Toben des Meeres war noch immer zu hören.
Ragan nickte in stummer Zustimmung und kaute auf einem Bissen Fleisch herum. Es war das Fleisch der Schimmelstute; von den neun Pferden waren jetzt nur noch fünf übrig, die so nahe grasten, als suchten auch sie die Nähe des Feuers.
Als das Unwetter begonnen hatte, hatten sie die Senke erreicht und eilig alles, was Metall enthielt, von den Pferden abgeladen. Der Regen war so dicht gefallen, dass man kaum noch hatte atmen können; das Gewitter war direkt über ihnen gewesen, Blitz und Donner gleichzeitig gekommen. Die Pferde hatten sich dicht aneinander gedrängt und waren bei ihnen geblieben – bis ein Blitz eine einzeln stehende Eiche getroffen hatte, kaum hundert Meter entfernt. Das Krachen war ohrenbetäubend gewesen und der Blitz grell blendend, der Stamm des mächtigen Baumes war in einer Explosion zerschmettert worden – und die Pferde in wilder Panik in alle Richtungen davon geprescht.
Stunden später, nachdem das Gewitter längst vorüber war und die Heide in eine Sumpflandschaft verwandelt hatte, hatten sich fünf der Pferde wieder eingefunden. Die Schimmelstute hatten sie erst am Nachmittag entdeckt, am Fuß der Steilküste zerschmettert. Die Möwen hatten sich bereits darüber her gemacht und der Kadaver war nur unter Lebensgefahr zu erreichen gewesen, da die Brecher der aufgewühlten See bis an die Felsen heran donnerten. Das andere Pferd blieb verschwunden; die Braunen hatten sie nun beide verloren.
„Ich hatte mir das alles so anders vorgestellt“ sagte Merrow leise, die durchnässten Decken wendend, die um das Feuer zum Trocknen hingen.
„Das hattest du auf der Insel schon gesagt.“
„Bin ich naiv? Ich bin nun mal erst achtzehn, weißt du ...“
Ragan schüttelte den Kopf. „Ich habe so ein Abenteuer ja auch noch nie erlebt. Ich bin nur“, er suchte nach einem passenden Wort, „ein bisschen abgebrühter, wahrscheinlich durch die Priesterschule. Aber ich hätte mir auch gewünscht, nicht so viel zu verlieren.“
„Vielleicht haben wir einfach Pech?“
Ragan schüttelte den Kopf. „Nein. Wir sind noch am Leben. Und sind vermutlich die einzigen Menschen in den letzten tausend Jahren, die die Gelegenheit hatten, eine Atomexplosion zu sehen. Erst jetzt wissen wir, dass es so etwas wirklich gab. So gesehen sind wir Glückspilze.“
„Das meinst du doch nicht im Ernst?“
„Es ist die ständige Nähe des Todes, die dich bedrückt, nicht wahr?“
Merrow senkte den Kopf und sah eine Weile stumm in die Flammen. „Ja.“
Nach einer Weile fuhr er mit etwas gequälter Munterkeit fort: „Was wollen wir übrigens wegen jenes Dorfes unternehmen?“
„Nichts.“
„Nichts? Aber wir können doch die Leute nicht ihrem Schicksal überlassen, du hast doch erlebt ...“
„Nein. Nein, du hast es erlebt, nicht ich. Denk einen Tag zurück.“
Merrow fuhr auf und starrte Ragan an: „Aber da war ich doch nicht ... ich meine, du kannst doch nicht ...“
Ragan fasste ihn an den Schultern und befahl mit ruhiger Stimme: „Schließ die Augen. Sei im Gestern.“
Er beherrschte solch einfache Dinge noch und Merrow gehorchte. Er ließ ihn jenes Bewusstsein des symbiotischen Dorfes aufs Neue erleben und ihn nach wenigen Minuten zurückkehren. „Und, was sagst du?“ fragte er dann. „Sollen wir den Wald nieder brennen?“
Merrow schüttelte stumm den Kopf und sah zu Boden. „Manchmal bist du mir unheimlich.“
Ragan wechselte das Thema: „Morgen dürfte die See wieder ruhig genug sein, um am Strand entlangzureiten. Am Abend müssten wir wieder bei Serraya sein.“
Wenig später schliefen sie in den nur halb getrockneten, nach Rauch riechenden Decken ein, sich gegenseitig wärmend, während von irgendwoher die Schreie eines Käuzchens durch die Nacht hallten.


Trümmer und Hindernisse


Am nächsten Morgen ritten sie zum Strand hinab, wo die Sonne über einer spiegelglatten See aufging, als hätte es niemals einen Sturm gegeben. Berge toter Algen und Seetiere am Strand verströmten einen intensiven Geruch, gelegentlich zerspritzten Quallen unter den Hufen der Pferde. In den Dünen standen Tümpel und hier und da war eines der vereinzelten Kiefernbäumchen aus dem sandigen Boden gerissen.
Ragan behielt recht; die Pferde kamen schnell voran und bald erreichten sie die Mündung jenes Baches, in dem sie auf dem Hinweg ihre Wasserflaschen aufgefüllt hatten. Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte ihnen heiß auf das Fell.
Irgendwann sprach Merrow aus, woran Ragan schon gedacht hatte: „Wir haben die Kisten nicht weit genug an Land gebracht. Denkst du, Serraya konnte sie vor dem Sturm retten?“
„Ich hoffe es“, erwiderte er. „Sie wird damit ordentlich zu tun gehabt haben.“
Wenig später erreichten sie jenen Strandabschnitt, an den sich Ragan gut erinnerte. Auch Merrow stellte fest: „Wir sind da.“
Das Wrack der HAIFISCH war verschwunden, dafür lagen Teile davon überall am Strand und selbst in den Dünen verstreut und teilweise im Sand begraben. Der Sturm schien das gestrandete Schiff regelrecht in Stücke gerissen zu haben. Sie ritten in die Dünen hinauf, um Serraya zu suchen, konnten aber weder sie noch die zwanzig Kisten entdecken.
„Ob sie die Kisten bis in den Wald getragen hat?“ fragte Merrow.
Mit einem Blick auf die Auswirkungen des Sturmes ringsum meinte Ragan zustimmend: „Ich glaube, das war nötig. Hoffentlich konnte sie alle in Sicherheit bringen.“
Er rief, zum Waldrand gewandt: „Serraya!“
Ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn, als keine Antwort kam. Zum Glück gab es hier keine jener seltsamen Bäume; die schienen tatsächlich nur in der Nähe des namenlosen Dorfes zu wachsen. Er konzentrierte sich auf die Umgebung, konnte aber nur die Präsenzen einiger Tiere wahrnehmen.
Mit Merrow im Chor rief er ein zweites Mal, dann ritten sie auf den Wald zu.
„Allzu weit kann sie die Kisten allein nicht geschleppt haben“, meinte Merrow und Ragan hörte am Klang seiner Stimme, dass auch er sich Sorgen machte.
Sie suchten mehr als eine Stunde lang, suchten wenigstens einen Kilometer Strand, Dünen und Waldrand ab, doch erfolglos. Ragans Fantasie begann düstere Spiele zu spielen, Szenarien zu entwerfen, in denen Serraya den Sturm zu spät bemerkt hatte und am Strand von riesigen Brechern überrascht worden war, als sie versuchte, die wertvollen Schätze zu retten.
Merrow erging es offenbar nicht anders. „Wenn sie es nicht rechtzeitig geschafft hat ...“, begann er, doch Ragan unterbrach ihn. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht wenigstens eine einzige der Kisten in Sicherheit bringen konnte – und die müsste jetzt hier irgendwo herum stehen. Die hätten wir sicher nicht übersehen.“
Sie suchten weiter bis zum Abend, doch ohne Ergebnis. Von Serraya, den Kisten und dem Lager fehlte jede Spur.
„Wir haben viel länger gebraucht als wir dachten“, überlegte Merrow schließlich am Feuer, das sie auf der windgeschützten Seite einer kleinen Anhöhe entfacht hatten. „Wenn sie sich nun auf den Weg nach Muschelbank gemacht hat, um Hilfe zu holen?“
Dann wären die am Strand zurück gebliebenen Kisten ins Meer gespült worden. Das klang plausibel und war immerhin nur die zweitschlimmste Möglichkeit, wenn nur Serraya nichts passiert war.
„Ich weiß nicht“, meinte Ragan. „Wären die Kisten dann so völlig spurlos verschwunden, ohne auch nur ein Trümmerstück zu hinterlassen? Irgendwie kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Serraya sie ganz unbewacht zurücklassen würde.“
Merrow starrte eine Weile schweigend in die Flammen, dann sagte er mit belegter Stimme: „Wenn ihr etwas passiert ist ...“
Ragan legte einen Arm um ihn und sagte aufmunternd: „Nicht Serraya. Sie würde jedes Seeungeheuer in Stücke reißen.“
In gedrückter Stimmung schliefen sie schließlich ein, schweigend und jeder für sich; Serrayas Fehlen schuf heute gut zwei Meter leeren Platz zwischen ihnen. Ein weiterer Gedanke schlich sich in Ragans Geist, den er nicht weiter denken wollte. Sie hatten alles geholt, was zu holen war – konnte es sein, dass Serraya einfach mit den Kisten verschwunden war und sie beide zurück gelassen hatte? Nein, Unsinn … und überhaupt, wie hätte sie das anstellen sollen?
Er schlief unruhig und wälzte sich von einer Seite auf die andere, bis irgendwann der Morgen graute. Gelegentlich in den heller werdenden Himmel blinzelnd blieb er liegen; das Rauschen des Meeres schien ihn im Halbschlaf festzuhalten.
Ein Dampfhorn dröhnte in der Ferne. Er brauchte einige Sekunden, bis ihm klar wurde, dass ein Schiff in der Nähe war. Schließlich öffnete er die Augen, setzte sich auf und sah auf das Meer hinab. Eine Barkasse dampfte schnaufend, mit munter plätscherndem Schaufelrad direkt auf ihn zu. Wieder dröhnte das Horn des kleinen Schiffes und am Bug stand eine Gestalt, die mit beiden Armen winkte. Er blinzelte ein-, zwei Mal, dann war er sich sicher, sich nicht zu irren.
„Serraya!“ schrie er, sprang auf und winkte zurück. „Merrow, aufwachen, Serraya kommt!“
Gefolgt von Merrow lief er zum Strand und ins Wasser hinein, auf das langsam heran gleitende Schifflein zu, von der Serraya herab sprang, direkt in seine Arme. Außer ihr war nur ein alter Mann von Löwentyp mit zerzauster aschgrauer Mähne an Bord, offensichtlich der Kapitän der Barkasse, die den Namen WINDIGO trug.
„Bin ich froh, dass euch nichts passiert ist!“ rief sie, erst Ragan, dann Merrow umarmend. „Nachdem das Pferd allein nach Muschelbank kam, dachte ich schon ...“
„Was für ein Pferd?“
„Der Braune. Habt ihr ihn denn nicht vermisst?“
Merrow lachte: „Was denn, der ist bis nach Muschelbank gelaufen? Und wir hatten ihn schon aufgegeben!“
„Kommt an Bord, mit dem Schiff sind wir heute Abend noch in der Stadt!“
„Und die Pferde?“ fragte Ragan mit einem zweifelnden Blick auf das kleine Schiff.
Diesmal antwortete der alte Kapitän, während er einen Steg über die Bordwand schob, dessen Ende ins Wasser klatschte. „Glaubst du, die WINDIGO trägt keine fünf Pferde? Sag das bloß nicht nochmal, sonst ist sie beleidigt – wenn ihr wollt, könnt ihr auch einen Elefanten an Bord bringen!“ Dank seiner heiseren Stimme und seinem starken Küsten-Dialekt war der Alte kaum zu verstehen, aber Ragan mochte ihn auf Anhieb.
Sie räumten eilig das Lager zusammen und gingen an Bord, dabei immer wieder die Pferde beruhigend, die noch nie an Bord eines Schiffes gewesen waren und sich auf dem schwankenden Deck unwohl fühlten. Es wurde eng auf der WINDIGO, die jetzt beunruhigend tief im Wasser lag; Ragan hoffte, dass die See so ruhig blieb.
Serraya erzählte ihnen, was geschehen war:
Der Atompilz war in Muschelbank nicht unbemerkt geblieben und ein Fischer hatte sich mit seinem Einmaster auf den Weg gemacht, um nachzusehen, was geschehen war. Unterwegs hatte er Serrayas Lager entdeckt und sie hatte die Gelegenheit genutzt, die Kisten mit dem Schiff des Fischers nach Muschelbank zu schaffen, wo sie jetzt in einem Lagerhaus am Hafen untergebracht waren. Eigentlich hatte sie Ragan und Merrow sofort wieder entgegen fahren wollen, was der überraschend hereinbrechende Sturm jedoch unmöglich gemacht hatte. Nach dem Sturm war der Einmaster des Fischers so schwer beschädigt gewesen, dass er nicht ohne eine größere Reparatur wieder in See stechen konnte. Als dann ein herrenloses Pferd am Strand entlang gelaufen kam, direkt zum Hafen hin, in dem Serraya den Braunen erkannte, hatte sie kurz entschlossen die Barkasse der Hafenmeisterei gechartert.
„Was hast du diesem Fischer eigentlich gesagt?“ wandte sich Merrow an Serraya. „Wegen der Explosion, meine ich.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe ihm die Wahrheit erzählt, von der unterirdischen Anlage auf der Insel, den elektrischen Lampen und Geistern, dem Fahrzeug mit dem Maschinengewehr und der Atombombe. Danach hat er herzlich gelacht und gesagt, das sei das beste Seemannsgarn, das er je gehört habe. Die Leute in Muschelbank hielten die Explosion für eine Art Wetterphänomen, das den Sturm ankündigte.“
Die gleichmäßig schnaufende kleine Maschine brachte sie flott an der Küste entlang voran und der nach Meer riechende Wind strich ihnen durch das Fell. Als die untergehende Sonne schließlich Meer und Himmel in tief rotes Licht tauchte, kam der Leuchtturm von Muschelbank in Sicht.


Das Ende der Reise


Sie ritten gemächlich die staubige Landstraße entlang, vor dem rumpelnden Dampflaster her, der die zwanzig Kisten und die Überreste ihrer ramponierten Ausrüstung transportierte. Der Rückweg war beinahe komfortabel; sie übernachteten nicht im Freien, sondern in Herbergen an der Straße. Sie witzelten darüber, dass sie zum Abschluss der Expedition nun doch endlich Gelegenheit bekamen, richtig Geld auszugeben. Ihre Reise ging dem Ende zu; sie näherten sich bereits Eisenfeld und der Verkehr auf der Straße, die hier asphaltiert war, nahm zu. In den allgegenwärtigen Geruch nach Staub und Pferdeschweiß mischte sich immer mehr von dem Rauch- und Ölgeruch des Dampfverkehrs.
„Nun ist das ganze Abenteuer schon fast vorbei“, stellte Merrow betrübt fest.
„Es war doch ohnehin alles ganz anders als du es dir vorgestellt hattest.“ Ragan lächelte. „Warst du nicht enttäuscht?“
„Wenn nicht alles ganz anders gekommen wäre als ich es mir vorgestellt hatte, dann ...“, Merrow schüttelte nachdenklich den Kopf. „Dann wäre es wohl kein Abenteuer gewesen.“
„Ihr beide habt euch verändert während der Reise“, sagte Serraya.
Ein paar Minuten ritten sie schweigend nebeneinander her und Ragan dachte über Serrayas Worte nach. Ja, die Reise hatte ihn verändert. Er hatte so vieles von dem gebraucht, was er in der Priesterschule einst gelernt hatte; nie zuvor war ihm so klar gewesen, dass das alles nicht vergebens gewesen war. Er sollte all sein Wissen und Können endlich wieder mehr pflegen und vertiefen. Auch den Umgang mit Schiffen hatte er nicht umsonst erlernt. Und alles, was er künftig noch lernen würde, wäre es ebenfalls nicht. Seine Wohnung in Oberkalkstadt, in dem hübschen Haus an der sonnigen Uferpromenade, in jenem netten, satten Städtchen, das nur dafür geschaffen schien, seine Zeit so angenehm totzuschlagen, dass der Verlust nicht schmerzte, schien ihm unendlich weit entfernt. War er jemals dort zu Hause gewesen?
Er räusperte sich und sagte: „Auf die Gefahr hin, die melancholische Stimmung zu zerstören – erinnert ihr euch, dass wir noch ein anderes Ziel haben, mitten in der Wüste? Kommt ihr beide wieder mit oder habt ihr schon die Schnauze voll?“
 

Tyger

Well-Known Member
Zweites Buch


Ein neuer Morgen


Ein sanfter Regenschauer erfrischte den Morgen des warmen Sommertages und über Tempelstadt wölbte sich ein prächtiger Regenbogen. Die beiden sich langsam drehenden Windräder des Wasserpumpwerks ließen die Schatten ihrer Flügel verspielt über die Kuppel des Gasometers und den kleinen Industria-Tempel gleiten, einen rotbraunen Ziegelbau, der sich im Vergleich zur großen Kathedrale der Göttin in Eisenfeld wie eine Gartenlaube ausnahm.
Zwei Männer gingen einen schmalen Fußweg entlang, der in die Berge führte. Einer der beiden war von Löwentyp und aufgrund seiner würdigen Erscheinung und kraftvollen Ausstrahlung auch ohne seine Robe unschwer als der Hohepriester zu erkennen, der andere, ein sehr junger Mann von Waschbärtyp mit zerzaustem Kopfhaar, war Merrow, der zur Zeit ebenfalls einen gewissen Bekanntheitsgrad in Tempelstadt erlangt hatte. Sie näherten sich den Eingängen zu einigen Höhlen.
„Ich wusste nicht, dass es hier Höhlentempel gibt“, sagte Merrow.
„Sie sind auch nicht öffentlich“, erwiderte Reddiff.
„Es gibt keine Absperrung.“
„Aber auch keine Hinweisschilder.“ Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Hohepriesters. „Und nur einen schmalen Weg. Also verirrt sich niemand hierher.“
„Und wenn doch?“
„Geht er nicht in die Höhlen.“
„Und wenn doch?“
Wieder lächelte Reddiff. „Dann ist das ein Weg, sich für eine spirituelle Tätigkeit zu qualifizieren. Menschen, die die richtigen Wege finden, sind aber selten. Die wirklichen Schätze brauchst du weder zu verbergen noch einzuschließen. Schütte sie auf den Marktplatz und die Leute beschweren sich allenfalls über das Hindernis.“
Sie betraten eine der Höhlen durch ein unauffälliges, aus grauem Stein gemauertes Portal.
Drei Wochen waren vergangen seit der Expedition. Niemand hatte den drei Abenteurern Vorwürfe gemacht, weil sie von allem, was zu bergen gewesen wäre, nur so wenig hatten retten können. Im Gegenteil, sie wurden als Helden gefeiert und die mitgebrachten Schätze in den Museen und Archiven von Tempelstadt untergebracht. In einer der Kisten, die sie ihres Gewichtes wegen fast stehen gelassen hätten, um eine andere, leichtere mitzunehmen, fand sich ein ganzer Vorrat an Barren hochreinem Goldes, der unter Ragan, Serraya und Merrow zu gleichen Teilen aufgeteilt wurde – wovon natürlich jeder von ihnen das erwartete Zehntel an den Haupttempel spendete. Die Tempelstadt ließ sich ihrerseits nicht lumpen und hielt ihre momentanen Helden frei; Merrow ließ es sich eine Weile in den Bade- und Vergnügungseinrichtungen gut gehen und fuhr dann mit dem Kanonenexpress nach Eisenfeld, um noch ein paar Tage bei seinen Verwandten zu verbringen.
Sie betraten ein kleines, von drei Kerzen beleuchtetes Höhlengewölbe. In dessen Mitte stand Ragan, unbekleidet und regungslos, eine bronzene Kugel mit beiden Händen über seinem Kopf haltend.
„Steht er schon den ganzen Morgen so da?“ fragte Merrow leise.
„Nein“, antwortete der Hohepriester. „Seit gestern Abend.“
„Werden wir ihn nicht stören?“ fragte Merrow nach einer kurzen Pause des Erstaunens weiter.
„Nein. In ein paar Minuten wird er die Kugel absetzen und sich uns zuwenden.“
Schweigend standen sie und sahen abwartend auf Ragans Rücken; der Kerzenschein schimmerte auf seinem geflecktem Leopardenfell. Schließlich bewegte er sich und setzte die Kugel ab, wobei gleichzeitig ohne erkennbaren Zusammenhang eine der Kerzen erlosch. Ragan begann heftig zu atmen und schien aus einem tiefen Schlaf zu erwachen.
„Es ist schön, jemanden erwachen zu sehen“, sagte Reddiff.
Ragan wandte sich zu ihnen um und meinte lächelnd: „Damit meinst du nicht nur den heutigen Morgen, nicht wahr?“
Reddiff lächelte zurück. „Nein. Es ist alles vorbereitet; eurem erneuten Start übermorgen steht nichts im Wege, und Serraya ist natürlich wieder dabei.“
„Was wird uns wohl in der Wüste erwarten?“ fragte Merrow. „Kennst du dieses Gefühl, wenn man sich gleichzeitig auf etwas freut und sich doch irgendwie fürchtet?“
„Oh ja.“ Ragan fasste Merrow an der Schulter und sah gleichzeitig ihn und Reddiff an. „Genau das Gefühl kennen wir hier sehr gut.“
Reddiff ließ eine Weile des Schweigens verstreichen, dann wechselte er das Thema: „Also los, bei mir ist inzwischen das Frühstück angerichtet. Merrow hat sich schon daran gewöhnt, vor größeren Expeditionen beim Hohepriester zu frühstücken, nicht wahr?“ Er nickte Merrow freundlich zu. „Und sogar an noch ganz andere Dinge.“
„Was meinst du?“ fragte Merrow so bestürzt, dass die Frage nicht ganz ehrlich gemeint sein konnte.
„Jene kleinen Dinge, mit denen sich niemand gern beschäftigt.“
„Nun, ich dachte mir, wenn es schon solches Wissen sind, das wir mitbringen ... Hast du dich denn über mich erkundigt?“
„Nein, ich merke es dir an. Das soll auch kein Vorwurf sein – ganz im Gegenteil.“


Die zweite Reise


Am Morgen ihrer Abreise brannte die Sonne von einem wolkenlosen Himmel und die öffentliche Verabschiedungszeremonie fand diesmal vor dem Tempel des Set statt, da neben dem Thoth-Tempel ein Bagger schnaufte und einen höchst unfeierlichen Lärm verursachte, während rings um den Tempel emsig Baugerüste errichtet wurden.
Sie bekamen diesmal acht Pferde, vier Schimmel und vier Rappen, unter denen ihre drei Reitpferde von der letzten Expedition waren; darauf hatten die drei Reisenden bestanden. Die Ausrüstung war neu und eigens für die Wüste zusammengestellt. Die Menschenmenge, die sich eingefunden hatte, war kleiner als beim letzten Mal; eine zweite Expedition war weniger interessant als eine erste und eine dritte oder gar vierte würde wahrscheinlich kaum noch einen Hund hinter dem Ofen hervor locken.
Der Set-Priester war ein Mann von hybridem Typ, der mit seiner langen zierlichen Schnauze und seinem glänzend schwarzen Fell tatsächlich eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den üblichen Darstellungen seines Gottes hatte.
Ragan erinnerte sich an den gestrigen Abend, an dem Reddiff sie zu einer Theatervorstellung eingeladen hatte. In dem Stück stießen die nicht lebenden Metallgeschöpfe aus dem Reiche der Industria mit Untoten zusammen, die sich weigerten, das Reich des Anubis zu betreten. Es war einer der moderneren Mythen, den jeder kannte – und während der Vorstellung hatte sich Ragan plötzlich gefragt, wo in diesem Stück die Metallspinnen des Pluto blieben. Und was war mit den unheimlichen Geschöpfen der Flora, deren Zusammenleben mit den Menschen darin bestand, sich gegenseitig zu verzehren? Die Welt war nicht so einfach und vorhersehbar wie die Mythen – wieso kam niemand auf die Idee, Theaterstücke zu spielen, die ganz neu waren und deren Ende noch niemand kannte? Machten all die vorhersehbaren, bekannten Theaterstücke den Zuschauern nicht weis, das Leben bestünde nur aus Bekanntem und Vorhersehbarem? Oder kamen sie gar her, um genau das bestätigt zu bekommen? Sollte es nicht Theaterstücke geben, die die Fantasie anregten statt sie einzumauern?
Reddiff, der hier in der Theaterloge seine offizielle Robe trug, hatte sich zu ihm herüber geneigt und ihm zugeraunt: „Ja, es gibt Interessanteres als dieses Stück, deinen Gesichtsausdruck zum Beispiel. Ich kann Deine Gedanken geradezu lesen.“
„Bin ich anders als andere Menschen?“
„Ja. Und Merrow ebenfalls. Ihr beide musstet euch begegnen.“
„Und Serraya?“
„Sie begleitet euch.“
„Um uns zwei Ungeheuer zu bewachen?“
„Vielleicht.“
Trommelschläge lenkten ihre Aufmerksamkeit zurück zur Bühne und beendeten das kurze Gespräch.
Ragans Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf den Priester, der bewusst aus dem Schatten in die brennende Sonne hervor getreten war und von der Liebe zur Wüste und dem Weg ins Unbekannte redete. Merrow, der zu seiner Linken stand, lauschte fasziniert, Serraya zu seiner Rechten gelangweilt. Auf wieviele solcher Redner kommt eigentlich einer, der sich wirklich auf den Weg macht? fragte er sich.
Der Priester hielt die Zeremonie kurz, da die versammelte Menge diesmal zu einem großen Teil aus Kindern bestand und entsprechend unruhig war. Einige der Kinder drängelten sich schließlich um sie und wollten unbedingt mitkommen; einige von ihnen hatten sich sogar schon reisebereit gemacht und trugen kleine Rucksäcke. Ragan, Merrow und Serraya wehrten sie mit freundlichen Worten ab und gingen zu den Pferden. Unvermittelt trat ein Mann von auffälligem Rotfuchstyp auf sie zu und sprach Ragan an: „Was du wirklich suchst, wirst du auf dieser Reise nicht finden. Und was du finden wirst, suchst du nicht.“
Ragan sah den Mann verwundert an. Er war von mittlerer Größe und unbestimmten Alters. Über seinem roten Fell trug er kein Stück Kleidung, dafür jedoch auffällige Ohrringe und eine große Anzahl irgendwelcher Talismane an Lederbändern um den Hals. Seine Oberarme wiesen Brandzeichen auf, die durch das Fell nur undeutlich erkennbar waren. Ganz offensichtlich war er einer jener Sonderlinge, die von irgendwoher kamen, um in der Umgebung von Tempelstadt zu leben, wo sie immer gern gesehen waren und als „Heilige“ galten, wobei stets offen blieb, ob das respektvoll oder spöttisch gemeint war. Diese Heiligen waren typisch für Tempelstadt und konnten gut von den Spenden leben, die ihnen die Einwohner gern gaben.
Bevor Ragan den Mann fragen konnte, was er damit meinte, wandte der sich Merrow zu und sagte: „Auch für dich wird es nicht die letzte Reise sein. Du brauchst andere Ziele, größere. Weißt du eigentlich, dass die Alten wenigstens zehnmal mehr Götter hatten als wir aus den Überlieferungen heute kennen?“
„Und ich?“ fragte Serraya herausfordernd.
Der Fuchsmann sah sie eindringlich an. „Es ist gut, dass du mitgehst.“
Bevor Ragan eine Münze für den Heiligen aus der Tasche nehmen konnte, wandte dieser sich um und ging davon. Serraya ließ ein Lachen hören, aus dem eine Spur Unsicherheit klang: „Na, wenn das nicht eine original Tempelstädter Verabschiedung war!“
„Stimmt das, was er sagte?“ fragte Merrow. „Das mit den vielen Göttern, meine ich.“
„Es ist vermutlich noch stark untertrieben“, antwortete Ragan. „Die alte Zeit dauerte viele Jahrtausende; in dieser Zeit kannte man viele Götter in allen Teilen der Welt.“
„Gegen Ende der alten Zeit waren sie aber fast alle vergessen oder wurden zumindest nicht mehr als Götter verehrt“, ergänzte Serraya. „Ich habe einen Nachdruck eines alten Lexikons gesehen, das manch ganzes Pantheon lediglich mit Namenslisten und ein paar kurzen Stichworten abhandelte.“
Ihr Ritt aus der Stadt hinaus wurde von weit weniger Menschen bejubelt als beim letzten Mal, worüber Ragan erleichtert war. Sie verließen die Stadt diesmal in beinahe der entgegengesetzten Richtung, um die Berge zu umgehen, an deren Fuß die Stadt erbaut war, teilweise an ihnen hinauf wachsend. Der Weg war wesentlich weiter als der zu ihrem letzten Ziel und führte schließlich in eine Wüste, in der keine einzige der Karten irgendeine Oase, Wasserstelle oder gar eine Siedlung verzeichnete. Die einzige Ansiedlung und letzte Station auf ihrem Weg war eine kleine Stadt namens Sandberg, die durch eine ebenso lange wie wenig benutzte Straße mit den Städten am Oberlauf des Flusses verbunden war. Sie führte als die einzige Verkehrsverbindung zu einer Reihe von Bergdörfern über mehrere unwegsame Pässe. Sie hatten kurz erwogen, nach Eisenfeld oder Oberkalkstadt zu reiten, dort einen flussaufwärts fahrenden Dampfer zu nehmen und dann diese Straße zu benutzen, aber Merrow, der die kleinen Städte am Oberlauf des Flusses und ein Stück jener Straße gut kannte, hatte an die zahllosen Serpentinen und hohen Pässe erinnert und in einem Satz erklärt, was davon zu halten war: „Dann kommen wir dieses Jahr nicht mehr hin.“
Also hatten sie sich dafür entschieden, das Gebirge zu umgehen. Jene nach Sandberg führende Straße zu finden konnte nicht schwierig sein; wenn sie weit genug nach Süden ritten, mussten sie zwangsläufig darauf stoßen. Dort hofften sie zu erfahren, wie sie die letzten tausend Kilometer durch wasser- und wegelose Wüste bewältigen könnten, auf deren anderer Seite sich ihr Ziel am Fuße einer Berggruppe befand. Wenn man den alten Karten glauben konnte.
Sie ritten durch das Grün der Steppe, welches der Sommer auszubleichen begann; links von ihnen erhoben sich die Berge, rechts von ihnen graste eine kleine Herde Wildesel, die ihnen neugierig nachschauten und ihre langen Ohren unruhig bewegten.
„Auf den alten Karten“, begann Serraya, „ich meine, auf den wirklich alten, ist dort, wo wir hin wollen, keine Wüste.“
Ragan nickte. „Ich habe mir die Karten mit Merrow zusammen angesehen. Dort sind sogar Städte eingezeichnet.“
„Ich kann einfach nicht glauben, dass es wirklich irgendwann Städte von solcher Größe gegeben haben soll“, meinte Merrow. „Die müssten ja zehnmal so groß gewesen sein wie Eisenfeld. Mindestens!“
„Wer hätte schon geglaubt, dass es Atombomben wirklich gab?“ erwiderte Serraya. „Dass diese eine noch immer funktionierte, ist übrigens noch erstaunlicher, wie mir einer unserer Wissenschaftler erklärte. Eigentlich müsste sich der ... der Sprengstoff im Laufe der Jahrhunderte ...“, sie musste wieder nach passenden Worten suchen, „zersetzen.“
„Glaubst du, wir haben diesmal etwas Ähnliches zu erwarten?“ fragte Merrow.
Sie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Aber wir könnten uns darauf einrichten und planmäßig alles ausräumen, was wir finden, bevor wir auf einen Geisterwächter stoßen.“
„Einen Unterschied gibt es dieses Mal“, sagte Ragan langsam. „In der Wüste haben wir kein Schiff und könnten innerhalb einer Stunde nur in Sicherheit bringen, soviel die Pferde tragen.“
„War überhaupt schon einer von uns in einer Wüste?“ fragte Merrow.
„Nein“, antworteten Ragan und Serraya im Chor.
„Dann wird es ja Zeit!“ lachte Merrow.
Ragan bemerkte, dass der Junge mutiger geworden war; nach ihrer Rückkehr würde er seinem Onkel Jark vielleicht eine gute Hilfe bei der Erforschung von Plutos Reich sein können.
 

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