Citrinitas

Tyger

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13 Aug 2012
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Die folgende (Non-Furry-)Story hatte ich eigentlich für eine Anthologie geschrieben, die dann aber nicht mehr erschien, weil der Verlag unterging. Und da ich es schade fände, sie nun ewig unveröffentlicht herumliegen zu lassen, präsentiere ich sie einfach mal hier:


Citrinitas


Gelb ist allerdings sehr empfindlich und bekommt eine unangenehme Wirkung, wenn es beschmutzt, ins Minus gezogen wird. Es wird dann aus der Farbe der Ehre und Wonne die Farbe der Schande, des Abscheus und Mißbehagens.
(J.W. v. Goethe)


Die Spätsommersonne war im Begriff, hinter den Bäumen zu versinken, und tauchte den verwilderten Garten in warmes Licht; die Luft war schwer von Sommerblütenduft und dem Aroma überreifer Früchte. Fünf Männer waren kurz nacheinander zu dem unscheinbaren Landhaus gekommen und hatten nur wenige Worte miteinander gewechselt, ohne einander mit Namen vorzustellen. Man wollte nicht gern erkannt werden, nicht bei diesem seltsamen Anlass. Der Sechste kam, jener, auf den sie gewartet hatten. Er führte sie zu einem Schuppen, der von Winde, reich blühenden Wicken und Wein umrankt war. Kaum merklich stieg eine Rauchfahne aus einem rostigen Ofenrohr, das seitlich durch die Wand geführt war.
Die fünf Männer folgten ihm ins düstere Innere des Schuppens, wo es nach Kohlenrauch, Kräutern und aromatischen Substanzen roch. Auf mehreren Tischen und Wandregalen standen, ordentlich aufgereiht, Mörser verschiedener Größe, Pelikane, Alambiken und weitere Laborgerätschaften sowie Flaschen und Gläser mit allerlei Inhalten. Aus einem gemauerten Athanor, einem alchemischen Ofen, drang schwach der Schein eines Kohlenfeuers, dessen flüsternde Sprache den Raum füllte. Die Männer traten schweigend ein und waren unwillkürlich bemüht, leise aufzutreten, so lange zumindest, bis der schwarz gekleidete Alchemist die quietschende Tür hinter sich geschlossen hatte und der letzte Schein des Tageslichts nur noch durch ein schmutziges Fenster drang. Alle trugen Kleidung in dunklen Tönen, die ihnen aus irgendwelchen Gründen passend erschienen war; der Alchemist allerdings hatte auch noch eine weite schwarze Kapuze über den Kopf gezogen, was es unmöglich machte, sein Alter oder seine Persönlichkeit einzuschätzen, denn sein Gesicht schien ganz in deren Schatten zu verschwinden.
Ein Mann um die fünfzig, dessen großen, würdigen Kopf zwar wenig Haar, aber dafür ein prächtiger Vollbart zierte, brach das Schweigen mit einem Blick auf den Athanor: „Sie haben schon ohne uns angefangen?“
Freundlich und mit leiser, aber volltönender Stimme antwortete der Alchemist: „Natürlich habe ich das. Hatten Sie erwartet, das Werk sei an einem einzigen Abend zu vollbringen?“
„Sie haben uns nicht gesagt, um welches Werk es sich handelt“, antwortete der Mann.
Ein anderer, gut zehn Jahre jüngerer Mann, der steife dunkelgraue Kleidung trug, die etwas altmodisch wirkte, warf ein: „Wollen Sie denn kein Licht machen? Oder fühlen Sie sich im Dunkeln wohler?“ Seine linke Gesichtshälfte zuckte nervös.
Die Augen des Alchemisten leuchteten im letzten roten Strahl der untergehenden Sonne auf; ein Lächeln war darunter zu erahnen.
Bevor er antworten konnte, zerriss plötzlich der Lärm eines aktuellen Charthits die Stille. Einer der Männer, der zwischen dreißig und vierzig sein mochte und trotz der sommerlichen Temperatur auf das Jackett seines Anzugs nicht verzichtet hatte, griff in die Innentasche desselben und holte sein Handy hervor. Das Licht des Displays flackerte hektisch durch den Raum.
„Gut, dass du noch anrufst ... ja, okay, aber es ist jetzt etwas unpassend, wir machen das morgen ... ja, gleich früh ... Nein, auf keinen Fall bezahlen, nicht vor der zweiten Mahnung ... Das mit dem Finanzamt besprechen wir morgen persönlich ... also, bis dann!“ Er drückte eine Taste und grinste mit einer Art von zufriedener Verlegenheit in die Runde. „Sorry. Falls es stört, kann ich es auch ausschalten.“
„Ich bitte darum“, sagte der Alchemist. „Alle anderen natürlich auch.“
„Sie sind Geschäftsmann“, sagte der Mann mit den Zuckungen im Gesicht.
„Richtig geraten!“ antwortete der Geschäftsmann gut gelaunt und schien den verächtlichen Tonfall nicht bemerkt zu haben. „Und Sie?“
„Ich bin ein gläubiger Mensch.“
Unangenehm berührt wandte der Geschäftsmann sich ab und dem Bärtigen zu: „Sie sehen aus wie ein Psychologe.“
„Auch Sie haben richtig geraten.“
„Tja, Menschenkenntnis, die braucht man einfach!“ Der Geschäftsmann wandte sich seinem Nachbarn zur Rechten zu, einem Mann von knapp dreißig Jahren mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen und einem sehr schief in die Hose gezogenen Hemd. „Und Sie sind Wissenschaftler, stimmts?“
Der Mann räusperte sich. „Physiker. Ich bin nur aus reiner Neugier gekommen; ich will mir das einfach nur ansehen, ganz unverbindlich. Also, eigentlich bin ich gar nicht hier.“
Einen Augenblick herrschte Stille, dann schaltete der Alchemist das Licht ein, und obwohl die Lampe nicht allzu hell war, schlossen alle geblendet die Augen. Den jungen Mann, der sich im Hintergrund hielt, vergaß man darüber, obwohl er eigentlich von auffälliger Erscheinung war, weil er Kleidung im Gothic-Stil und schulterlanges schwarzes Haar trug.
Als sich die Augen aller auf das weiße Licht der verräucherten Leuchtstoffröhre an der Decke eingestellt hatten, wirkte der Raum plötzlich nicht mehr geheimnisvoll, sondern eher nüchtern. Ganz ähnlich dem, was die moderne Zeit unter einem Laboratorium verstand, nur schlampiger und billiger. Die Atmosphäre hatte sich so verändert, dass der Alchemist mit seiner schwarzen Kapuze nun einen geradezu lächerlichen Eindruck machte.
Der Physiker deutete auf ein Schild an der Wand, auf dem in kalligrafischen Großbuchstaben das Wort VITRIOL stand und stellte fest: „Das ist eine alte Bezeichnung für Kupfersulfat.“
„Ja, unter anderem.“ In der Stimme des Alchemisten schien leiser Spott mitzuschwingen.
„Vitriol statt Sulfat, Alchemie statt Chemie, Pelikan statt Retorte – ist das alles? Die Verwendung altertümlicher Begriffe und dazu ein paar Showeffekte? Sie sind Illusionist, nicht wahr, eine Art Bühnenzauberer?“ Es klang erleichtert; die Erklärung war gefunden, alle eventuellen Rätsel schon im voraus gelöst.
Bevor der Alchemist antworten konnte, warf der Geschäftsmann ein: „Na, ich hoffe aber sehr, dass das nicht alles ist! Man weiß doch schließlich, worum es Alchemisten geht!“
„Worum denn?“ fragte der Psychologe.
„Na ...“ Der Geschäftsmann sah ihn an, als sei er schwer von Begriff. „Na, um das Goldmachen natürlich!“ Dann wandte er sich an den Alchemisten: „Wann fangen Sie denn an?“
„Der Anfang ist längst getan und der Prozess im Gange“, erwiderte dieser, ging zum Athanor, holte mittels einer eisernen Zange eines von mehreren Gefäßen heraus und legte es auf einem Metalltischchen ab. Das Gefäß war geschlossen und von einer so dicken Rußschicht bedeckt, dass man nicht erkennen konnte, aus welchem Material es bestand.
„Ist da ein Geruch nach Schwefel?“ fragte der Gläubige und rümpfte die Nase. Niemand antwortete.
Der Alchemist nahm eine braune Glasflasche von einem Regal, die zweigeteilt war. „Diese Flüssigkeit wird erst zum Gebrauch zusammengemischt“, erklärte er. „Anders könnte man sie in nichts aufbewahren.“
„Alkahest?“ ließ sich nun erstmals der junge Mann vernehmen.
„Ja“, bestätigte der Alchemist. „Das universelle Lösungsmittel.“
„So etwas wie Terpentin?“ fragte der Physiker.
„Etwas entfernt Ähnliches“, sagte der Alchemist. „Sehr entfernt.“
Er öffnete die Flasche, hob sie empor zur Lampe und bewegte die Lippen, als spräche er tonlose Worte. Die anderen traten gespannt näher, versammelten sich um das Metalltischlein, auf dem der verrußte Behälter eine merkliche Hitze ausstrahlte. Der Alchemist senkte die Flasche und goss unvermittelt einen großen Teil ihres Inhalts über den Behälter. Es zischte und spritzte, Dampfschwaden stiegen auf und füllten innerhalb von Sekunden den ganzen Raum, dann erscholl ein lautes Knacken. Der Dampf färbte das Licht der Lampe in ein schwefliges Gelb und verbreitete einen Geruch, der nun tatsächlich an Schwefel erinnerte, unter anderem jedenfalls.
„Verdammt, mein Anzug! Sie haben mir meinen Anzug versaut!“
„... so was von unprofessionell, das ist ja gefährlich!“
„... gottlos und eine Schweinerei noch dazu! Ich gehe!“
„Wollen Sie nicht das Fenster öffnen?“ Das hatte der Psychologe gefragt.
„Nein, das ist nicht nötig“, erklärte der Alchemist. Die Gesichter der Anwesenden wurden durch die dunstig-gelbe Beleuchtung seltsam verfremdet; es gab keine Farben mehr außer Gelb und Schwarz.
„Da, der Behälter ist aufgeplatzt!“ rief der Geschäftsmann und hörte auf, die rußigen Spritzer auf seinem Jackett breitzuwischen. Mit einem schmutzigen Finger deutete er auf das Tischchen. „Ist da wirklich Gold drin?“
Der Gläubige zog seine Hand von der Türklinke zurück. „Ist da wirklich Gold drin?“
Mit der eisernen Zange schob der Alchemist die Scherben auseinander und goss auf das, was herausbröselte, etwas aus einem anderen Gefäß. Wieder zischte Dampf auf, wenn auch nicht mehr so heftig wie zuvor. Als die Wolken sich verzogen, blinkte etwas golden aus einem schlammigen Brei, der sich über den Tisch ausgebreitet hatte.
„Donnerwetter!“ rief der Geschäftsmann und hatte das Nugget Sekunden später in der Hand, dann ein: „Au!“ Er warf das noch heiße Stück von einer Hand in die andere, bis es abkühlte und warf dem Alchemisten einen bewundernden Blick zu. „Das geht also wirklich! Aber wieso nur in so einem kleinen Rahmen? Wissen Sie was? Sie brauchen einen richtigen Partner, der das in großem Stil aufzieht, damit Sie aus dieser Hütte hier rauskommen! Ich habe auch einen guten Patentanwalt an der Hand, der ...“
„Darf ich mal ...“ sagte der Physiker und griff nach dem Goldstück; der Geschäftsmann schloss reflexartig die Hand und zog sie zurück.
„Nun geben Sie schon her, das gehört Ihnen sowieso nicht.“
Widerwillig überließ der Geschäftsmann dem Physiker die Probe. Dieser zog ein kleines Gerät mit einem Display aus der Hosentasche, zog eine Art Schublade heraus und klemmte den Goldklumpen hinein. Dann sah er auf das aufleuchtende Display, tippte auf einer Tastatur herum und seine kantigen Gesichtszüge wurden etwas weicher, zu einem entspannten Lächeln sogar. „Kupfer, Zinn, etwas Zink und etwas Silber und noch ein paar weitere Spuren“, las er ab. „Messing also.“ Dann zog er ein Fläschchen aus der anderen Hosentasche, schraubte es auf und goss ein paar Tropfen über den goldglänzenden Klumpen. Das Metall reagierte, wurde stumpf und grünlich.
Während der Geschäftsmann nach Worten rang, rief der Gläubige in einem gleichzeitig wütenden und doch zufriedenen Ton aus: „Ich wusste doch, dass das hier gottlos ist! Die Geschenke des Teufels sind wertlos; sie verfaulen in euren Händen so wie das da!“
Nun ging er wirklich und schlug die Tür geräuschvoll hinter sich zu.
„Das ... das ist Betrug!“ fand jetzt auch der Geschäftsmann Worte. „Sie locken mich hierher, stehlen mir meine Zeit und wollen mir falsches Gold andrehen!“
„Ich habe nichts von Gold gesagt“, antwortete der Alchemist gelassen. „Und auch nicht, dass ich es Ihnen geben wollte.“
„Das ist eine verdammte Gaunerei! Auf Nimmerwiedersehen!“
Auch der Geschäftsmann verließ wütend das Laboratorium und ließ die Tür offenstehen, so dass der Dunst sich ins abendliche Dunkel verzog.
Der Physiker lächelte noch immer selbstzufrieden. „Ich hatte recht, Sie sind ein Illusionist. Aber Sie sollten zu so etwas keinen Naturwissenschaftler hinzuziehen.“ Im Gehen fügte er großzügig hinzu: „Aber es war eine schöne Show, vielen Dank dafür!“
Als er draußen war, begann der Psychologe leise und grollend zu lachen. „Es war tatsächlich schön“, sagte er schließlich. „Und aufschlussreich. Alchemie ist nichts anderes als Psychologie, nicht wahr? Deshalb haben Sie so verschiedene Leute wie uns hierher eingeladen, denn wir waren in Wirklichkeit das Material, mit dem Sie gearbeitet haben. Das alles hier, die Chemikalien, die Kulisse, Ihre Kostümierung, das dient alles nur zur Täuschung, denn in Wirklichkeit geht es um den Menschen, richtig? Auch Freud und Jung haben sich mit Alchemie befasst; wussten Sie das?“
Der Alchemist nickte: „Ich habe darüber gelesen. Sie sind also auch zufrieden mit diesem Abend?“
„Es war für mich natürlich nichts Neues, aber doch interessant. Wozu diente das Experiment eigentlich?“
„Es dient dem Finden und Bereiten von Zutaten. Das ist schwierig in der Alchemie.“
„Ah, ich verstehe.“ In seinem Blick lag kein Verstehen. „Nun, damit werde auch ich mich verabschieden. Leben Sie wohl!“
Der Psychologe schloss die Tür sorgfältig hinter sich. Motoren von Autos wurden draußen angelassen, einer heulte wütend auf.
Der Alchemist wandte sich dem letzten Verbliebenen zu, dem stillen jungen Mann mit dem schulterlangen Haar. „Und?“
„Das Werk ist noch nicht fertig“, sagte dieser. „Ich habe über die Reihenfolge der Rotationes gelesen; zuerst kommt die Schwärzung, dann die Weißung, dann die Gilbung und danach ...“
„Ja, Nigredo, Albedo, Citrinitas und Rubedo. Wenn das alles an einem einzigen Abend passiert, ist es aber vielleicht nur ein Cauda Pavonis, ein Pfauenschwanz? Manche schreiben, das sei ein Zeichen für einen Fehlschlag.“
„Manche schreiben auch, die Citrinitas sei unwichtig, oder erwähnen sie erst gar nicht. Vielleicht stimmt ja nicht alles, was geschrieben steht.“
„Du hältst dieses Werk für das große, die Bereitung des Lapis Philosophorum?“
„Warum solltest du etwas anderes tun? Du hast noch mehr Gefäße im Athanor.“
Wie selbstverständlich gingen beide zum Du über.
„Dann bist du derjenige, der bleibt und teilhat? Auch wenn es länger als einen Abend dauert?“
Der Alchemist zündete fünf Kerzen in einem Kandelaber an, löschte das elektrische Licht und platzierte einen schimmernden Kelch und einen scharfen Dolch unter die Kerzen.
„Ja, der bin ich.“
Das leise Feuer im Athanor veränderte seinen Ton und füllte den Raum für Augenblicke mit einem rot glosenden Leuchten.


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Pawly Tigris

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Gefällt mir auch sehr! Obwohl ich gehofft hatte das der Geschäftsmann noch auf irgendeine andere Art und Weise sein Fett weg bekommt (sei es eine Art Belehrung fürs Leben gewesen oder Ähnliches) war es ein sehr schöner Verlauf. Mir gefiel die detailreiche Beschreibung der Umgebung auch sehr.
 

Tyger

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Danke, freut mich, dass es gefällt.
Nun ja, wieso sollte da noch jemandem irgendetwas passieren; es hat ja niemand konkret etwas Böses getan, alle haben nur gezeigt, in welchem Realitätstunnel sie stecken.
 

Pawly Tigris

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Stimmt allerdings. Bin da wohl einfach zu sehr mit einer "Thriller-Versunkenen" Denkweise ran gegangen. Ist halt schon etwas länger her das ich Geschichten aus anderen Genres gelesen habe, Gott sei dank ist Abwechslung unterwegs mit Jeff Vandermeer`s Southern Reach Trilogie. :-D
 
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