Aporahè

MarleyWolf

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(Mal was "neues", auch wenn die Idee uralt ist, aber ich glaube eh nicht das ich je meinen sog. "Fantasyroman" fertigstellen werde... also verwurste ich es eben so... have fun)



Kap. 1
"Das schwarze Leid"


Über den Gipfelzinnen eines fernen Landes, verschneit und strahlend im Sonnenschein erhob sich ein großes Gebäude mit mächtigen Mauern. Geziert mit erhabenen Zinnen, auf deren Dächern Wimpel im steifen Wind der Berge wehten.
Hinter den mächtigen Mauern öffnete sich ein gewaltiger Hof, bewachsen von Grün. Groß genug das darin Obstbäume, Buche, Ahorn und Kiefer wuchsen. Wohl geordnet und gepflegt, mit viel Hingabe und Kunst der Gärtnerei angelegt, wie ein Garten Eden.
Der Hof war in ausladende Bereiche unterteilt, in denen ausgesuchte und bezeichnete Pflanzen wuchsen. Kultiviert mit viel Mühe und Liebe, gehegt und gepflegt über Wochen und Monate. Ein Kraut nach dem anderen reihte sich akkurat neben das Nächste.


Geschäftige und emsig arbeitende Wesen wuselten durch die angelegten Wege aus Kies, schoben so manche Karre vor sich her oder trugen so manchen Korb. Es wurde gegraben, geerntet, gesetzt und gedüngt. Man mochte sie auf den ersten Blick beinahe für Zwerge halten, in ihren Kapuzenjacken und mit den Werkzeugen in Händen. Ihre Kapuzen formten eine Spitze und ihre Farbe mag eine Mischung aus grün und braun sein. Derber Stoff, für die Arbeit gewebt. Grob und um die Taille mit einem rohen Strick zusammengebunden.

Die kräftige Statur der Wesen wirkte äußerst kurios, denn sie waren auffallend flink und behende bei allem was sie taten. Hoch gewachsene Wesen mit muskulösem Körperbau, wohl geformt und doch andersartig als das man es gemeinhin von menschlichen Wesen gewohnt ist.


In der Mitte des gewaltigen Hofs befand sich ein aus groben Steinen gemauertes Haus. Es war auf einen natürlichen Sockel platziert worden und schmiegte sich in die Flanke einer ehemaligen Steilwand, die nun, da sie abgerutscht und verwittert war, eine weite ebene Fläche ausgeformt hatte. Auf ihr errichtete man aus den Bruchsteinen des Berges jenes Haus. Es erweckte den Anschein als stünde es schon seit Anbeginn der Zeit hier. Es war alt, sehr alt. Die Balken des Dachstuhls ließen nur schwer erahnen das es einstmals mächtige Ulmen gewesen sein mussten. Sicherlich an die 400 Jahre alt, ihrem augenscheinlichen Erscheinen nach zu schließen.


In der Mitte des Hauses befand sich eine große Pforte, sie führte in einen großen Vorraum. Mehr war nicht von außen zu sehen, denn die Pforte stand offen, jedoch war der Durchgang von Stofftüchern und Lacken verhangen. Offenbar wurde hier Wäsche im Wind getrocknet und zum Schutz vor plötzlich aufziehenden Regenschauern im Inneren aufgehangen.


In der Pforte, welche verziert war mit Schnitzereien die reich über die gesamten Tore und Türpfosten verteilt waren, stand eines jener Wesen.
Allerdings war es nicht in das ansonsten so übliche bräunliche grün gekleidet, sondern in strahlendes Weiß eines Leinengewands. Auch war es nicht mit einem bloßen Strick zusammen gebunden, sondern wurde von einem Gürtel zusammen gehalten. Der Gürtel war reich verziert mit Nähten und erhabenen Gravuren. Es schien aus Leder gefertigt, in das Metallstreifen eingearbeitet waren. Er glitzerte im, durch die Lücken zwischen den Regenwolken, gleißenden Sonnenlichts.
An der Brust trug das Wesen eine einzelne grüne Spange, umsäumt von Gold in der Form eines eines Eichenblatts.


Das Wesen hatte liebliche Züge, anmutig und ehrbar.
Bei näherer Betrachtung fiel auf das es sich nicht um ein menschliches Wesen handelte, sondern um etwas das einem Wolf am ehesten zu ähneln schien. Langes weißes Fell umfing seinen muskulösen Körper und wogte bei jedem zarten Windhauch hin und her. Einzig an den Gliedmaßen schien es kürzer zu sein, hier zeichneten sich leichte Unterschiede in der Färbung ab, das ansonsten reine weiß ging in ein grau über bis es zu den Händen schließlich in ein tiefes Dunkelgrau überging.
Er war ein wahrhaft schönes Geschöpf.



Er schritt in das Sonnenlicht und schob die Kapuze seines weißen Gewands in den Nacken zurück. Hervor kam sein wundervolles Gesicht und sein langes weißes Kopfhaar das nun im Wind flatterte.
Sein Gesicht war langgestreckt und hatte scharfe Züge. Weiche schwarze Lippen schmiegten sich um seine langen Reißzähne, die lange Nase hatte auf ihrem Rücken einen feinen schwarzen Strich, der nur dem zweiten Blick ins Auge fiel. In dem gutmütigen und doch erhabenen Gesicht ruhten funkelnde Augen, bernsteinfarben und leuchtend wie zwei glimmende Kohlen eines nahezu erloschenen Feuers. Doch sie konnten Funken sprühen, wenn er es wollte. Sie durchdrangen jeden Geist und forschend konnten sie jeden noch so geübten Betrüger entlarven. Ihrem Blick entging kein Lug und Trug.



Dies war Trilas, der Herr der Gestade um Aporahè, seinem Herrschaftshof, gelegen in dem Land der Freien Wesen, das den gleichen Namen trug. Gegründet von seinen Ahnen und seit Jahrhunderten Zuflucht all jener die ausgestoßen und von den Menschen verachtet in die entlegenen Berge flohen. Die Menschen fürchteten die Berge, sie hielten ihre himmelhohen Zinnen für die Geburtsstätte des Bösen. Die Einwohner von Aporahe hingegen verehrten die Berge und dankten ihnen für den Reichtum an Kraut und Tier das sie ihnen bereithielten.


„Welch Freude in meinem Herz wenn ich sehe wie alles wächst und gedeiht“, murmelte Trilas vor sich hin, als spräche er mit einem guten Freund.
„Ich danke Dir für diese reiche Ernte“ führte er fort und nickte ehrfürchtig in die Richtung des höchsten Berges der direkt vor ihm in Wolken verhangen lag.


Ein sichtlich gealterter Wolf mit dunkelgrauem Fell, hagerer Statur und viel zu langem Kopfhaar kam auf ihn zu geschritten. Auf den ersten Blick sah er tatsächlich aus wie ein Mensch, hätte einen seine sehr imposante Nase nicht sofort eines besseren belehrt.


„Herr, es ist etwas seltsames geschehen. Seht...“ er streckte Trilas in der geöffneten Hand etwas kleines rundes entgegen.


Trilas Schritt die drei Stufen vom Sockel des Hauses hinab und betrachtete den Inhalt der Hand.


„Ist es das was ich vermute?“ sprach er zu sich selbst und grübelte, während er mit dem Finger daran stieß um es umzudrehen.


„Wahrlich,“ führte er nun laut fort. „Es ist das Zeichen der Kastanie, ich sehe es wohl. Doch ich mag es nicht glauben. Es kam niemals vor das sie schwarze Früchte trug. Ist dies die Einzige?“


„Nein, alle sind in eben dieser Art. Schwarz wie Pech und winzig klein“, antwortete der Gefragte.


„Alle?“ - „Allesamt“, beteuerte dieser eifrig.


„Diese Kastanien hat mein Urgroßvater gepflanzt. Niemals in der Geschichte meiner Ahnen kam es jemals zu diesem Zeichen. Dies mag schreckliches für die Welt bedeuten, denn die Weissagungen der Bäume ist nicht umsonst heilig. Sie irren niemals“ Trilas seufzte als er mit dieser Ausführung schloss, nahm die schwarze Kastanie in die Hand und wog sie in ihr hin und her.


„... wir werden noch an diesen Tag denken, mein lieber Gevatter Deras, glaube mir!“ beteuerte er eindringlich und drehte sich um um zurück durch die Pforte zu schreiten.


*** --- *** --- ***


In den Herzen herrschte Dunkelheit, unerträgliche Furcht vor dem dräuenden Unbekannten, der Ungewissheit des Schattens der umging. Er befiel die Ungläubigen, die Sünder welche Frevel an Gottes Werken begingen. Die Gottesmänner predigten in ihren heiligen Messen die Züchtigkeit und das Gebot der Stunde, die heilige Mutter Kirche zu ehren. Gott prüfe den Glauben, so hieß es mahnend in den anprangernden Predigten.
Voller tiefer gläubiger Inbrunst sah man nun die Menschen durch die rohen Lehmstraßen ziehen, betend und demütig gebeugt dahin schleichend. Immer den Worten des Priesters folgend, im Chorgesang. Weihrauch sollte das Böse, den Teufel, aus den düsteren Ecken dieser Welt zurück in die seinige des Feuer treiben.



Die Stadt lag seit Wochen in einem tödlichen Schlaf versunken. In den Gassen und Winkeln schien sich ein giftiger Brodem zu sammeln. Man sagte er zöge umher, als kleine Flamme, blau lodernd. Verführerisch und magisch anziehend. Die Flamme des Bösen, die den befiel dessen Glaube nicht rein und fest sei.
In den Straßen häuften sich der Unrat und die dahinsiechenden Körper. Nicht mehr als rohes Fleisch, ohne Form und undenkbar das dies dereinst ein menschliches Wesen gewesen sein mag. Ächzen und Stöhnen lag in der Luft, allenthalben wohin man seine Schritte lenkte. Das Siechtum unter dem Dach zu beherbergen, bedeutete dem Bösen Unterschlupf zu gewähren. So geschah es das Mütter ihre Töchter und Söhne ihre Väter auf der Straße zurück ließen.



Monate schon wütete die Pest in Stadt und Land Sie versengte die Felder, mähte die Menschen wie die Sense das reife Korn im Sommer niedermäht. Sie befiel die Geister der Menschen und lies Wahnsinn um sich greifen.
Räuber lauerten den Flüchtenden in den Wäldern und an den Wegen auf. Die Diener des adligen Grundherrn waren zerstreut und aufgerieben. Sie fielen durch Pest, Dolch und Forke. Das Volk bebte und murrte. Es stand schlecht um das einst so prächtige fruchtbare Land.



Wer von Gott mit Glück gesegnet war, besaß ausreichend Geld sich der Kunst der Pestärzte hinzugeben. Doch auch deren Kunst brachte oftmals nichts weiter ein, als tiefe klaffende Wunden die nicht heilen wollten. Aderlass und andere einst so hilfreiche Kunstgriffe der Heiler blieben wirkungslos und so reihten sich die Reichen mit den Armen in die Reihen der Toten ein.
Niemand traute sich ohne Grund auf die Straße, doch in den Häusern, so hieß es, lauere die Sünde und das Unheil in jeder Ecke. Trat man vor die Tür, so jagte einen der stetige Graus all des Leides umher schleunigst zurück in eine Behausung.


In einer Gasse, nahe dem ehemaligen Gasthaus, ehemals berühmt für sein Bier und die Geschäftigkeit des Wirts, lagen nunmehr einzelne Trümmer umher. Plünderer hatten auch den letzten Teil der Habseligkeit mitgenommen. Unrecht bedeutete nichts mehr in diesen Stadtmauern, es zählte einzig wer schneller sein Messer zog.
In den Trümmern, gehüllt in zerfetzte Lumpen, strauchelte schluchzend und wirr ein kleines Mädchen umher. Es war die Tochter des Wirts. Das vierzehnte ihrer Lebensjahre war nunmehr zur Hölle auf Erden geworden. Der Vater ermordet und sein nackter Leichnam in der Gosse liegen gelassen. Die Mutter verschleppt und vermutlich nach zahllosen Taten der Unzucht ebenfalls getötet, oder aber an die nun so zahlreichen Freudenlager verkauft, in denen sich Gesindel und Räuberpack einfanden um weit vor den Toren der Stadt ihre Fleischeslust zu befriedigen.


Einst wehte ihr goldenes Haar im Wind wie zahllose Spinnweben, an einem sonnigen . Oktobermogen. Es schimmerte in leuchtenden Farben wenn Sonnenlicht auf es fiel.
Nun hing es in Strähnen herab, bräunlich schmutzig und verfilzt. Ihre früher so leuchtenden Augen, klar wie ein See und ebenso tief blau, waren nun matt und erfüllt von dem leeren Blick eines Geistes der sich selbst aufgegeben hatte. Sie starrte in die Welt als wäre diese Welt nicht dort, sie starrte durch die Menschen die an ihr vorbei krochen, durch die Häuser und Mauern hindurch. Es gab nichts, einzig das Leid.
Sie stapfte durch den knöcheltiefen Schlamm der vom letzten Regen aufgeweichten Straßen, immer im Kreis um ihr einstiges wunderschönes Elternhaus in dem sie arbeitete und lebte. Einst im Schlafraum der Familie stand ihr Bett neben der ihrer Mutter, dort schlief sie friedlich nach einem harten Tag voller Arbeit. Das Bett das ihr Vater ihr selbst zimmerte und mit Stroh befüllte. In dem ihre Mutter sie liebkoste und jeden Morgen zärtlich weckte.



Sie war ihrer Mutter ganzer Stolz, war sie doch die Tochter die sie sich so sehnlichst wünschte und die ihr so viele Jahre verwehrt blieb. Im Schankraum war sie der Mittelpunkt unter den Gästen, denn ihr Antlitz verzauberte sie alle. Ihr Vater genoss dies sehr, bestellten doch die meisten ihretwegen noch etwas mehr als sie ursprünglich wollten.
 

Lomina

Faultier
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echt ne geschichte zum gänsehaut bekommen und auch sonst wow
 

MarleyWolf

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Wie die meisten Kinder ihres Alters war ihr Leben trist und die Arbeit schwer, doch sie nahm es mit einer gewissen Stärke, da sie sich sicher war einstmals zu höherem berufen zu sein. In der Jugendweihe sprach man ihr, wie allen Mädchen ihres Alters, ins Gewissen. 'Die Erbsünde mein Kind, denke stets daran. Gott liebt uns alle, doch wir dürfen seine Gaben nicht mit Füßen treten. Das Weib ist die Sünde, spricht der Herr und so steht es geschrieben'. Der Priester erzählte nur allzu gern die Geschichten von Adam und Eva, Kain und Abel und Sodom und Gomorrha.

Er beteuerte dies alles stünde in jenem in Leder gebundenen Buch das er stets mit sich herumtrug, doch sie glaubte ihm kein Wort. Sie konnte ohnehin nicht lesen, wie alle aus der bürgerlichen Zunft die Kunst der Schrift niemals erlernt hatten. Einzig ihr Vater vermochte mit Abakus und Kreide die Anzahl der Humpen zu vermerken und den Leuten auf diese Weise ihre Zeche anzukreiden.
Kunstfertigkeit in Wort und Schrift war nur dem Adel und den reichen Kaufleuten vergönnt, das Latein der heiligen Schrift einzig und allein den Dienern Gottes.
Dennoch wehrte sich etwas in ihr gegen die Worte des Priesters. Anders als ihre Altersgenossen schenkte sie diesen Worten bald keine Beachtung mehr, sondern ließ es stumm über sich ergehen.

Sie träumte lieber von fernen Ländern, weiten Straßen und dem Meer.
Fahrende Sänger und Gaukler gewährten ihr Einblick in ihre Handschriften und künstlerische Darstellungen. In manchen Zeiten gab es Märkte und Feste in der Stadt, dann schlich sie sich gern von Zuhause fort und streunte dort umher, um Neuigkeiten zu erhaschen.
In einem Sommer gelangte eine Gruppe des fahrenden Volkes in die Stadt. Träumerisch und wie in Trance wandelte sie durch die Zelte und betrachtet all die Wunder die sie dort sah. Orientalische Gewürze die dufteten, so wie sie es noch nie gerochen hatte und wohl auch niemals wieder riechen würde. Zimt weckte ihr besonderes Interesse und sie verbrachte lange Zeit neben dem Karren um in den Genuss dieses Geruchs zu kommen. Insgeheim hoffte sie, sie würde diesen Geruch annehmen, wie sie es mit dem Gestank nach Bier und ranzigem Fett tat, wenn sie in der Schankstube arbeitete. Doch leider war dem nicht so, sie roch immer noch ebenso wie eh und je.

Der Händler hatte eine Tochter, sie schlich um den Karren herum und bezirzte die vorbeigehenden Menschen auf das sie sich die Waren ansähen. Ihr volles schwarzes Haar quoll ihr wie ein Wasserfall über die Schultern. Es wiegte sich und tanzte mit jedem ihrer Schritte. Der Sonnenschein spiegelte sich in tiefem Blau in ihnen und wogte wie ein sanftes Meer in dunkler Nacht. Ihre tief gebräunte Haut schimmerte bronzefarben und betonte ihre weichen Gesichtszüge. In Nase und Ohren hatte sie kleine goldene Ringe und wirkte so wild und ungestüm. Voller Temperament und einem gewissen Zorn der in ihren dunklen Augen blitzte. Doch schmeichelhaft war ihre Stimme, liebevoll säuselnd und wispernd. Gleich einem wunderschönen Gesang vermochte sie zu sprechen, wenn es ihre Absicht war. Wie alle ihrer Familie war sie sehr hochgewachsen und für ihr Alter umso mehr überraschend groß. Sie überragte die meisten Männer auf der Straße um Handbreite.

Sie trug ein langes Kleid das sich um ihre kräftigen Waden hin verjüngte so das sie keine ausladenden Schritte tun konnte. Aber es war umso prächtiger geschmückt mit Perlen aus einem seltsamen Material, ähnlich dem Glas der Kirchenfenster. Sie schimmerten in allen Farben des Regenbogens. Sie schwang einen Reif aus Ebenholz mit kleinen Rasseln aus Metall daran. Es klingelte und Schrillte wenn sie sprang und sich drehte.

Nach einer ganzen Weile wendete sie sich von den Menschen der Straße ab und kam wutentbrannt auf den Karren zugelaufen, an dessen anderem Ende offenkundig ihr Bruder auf Kundschaft wartete.

„In dieser Stadt werden wie wieder nichts verkaufen, ich sage es dir!“ rief sie aus, ihr Akzent war plötzlich wesentlich stärker ausgeprägt. So als hätte sie den Text der Worte, die sie zuvor den Menschen auf der Straße entgegen richtete, lange geübt, um ihn zu verbergen.
Wütend warf sie ihre Rasseln in den Karren und es klirrte darin.

„Farina! Beherrsche dich! Du hast das Glas gebrochen, schau es dir nur an, oweh“ rief ihr Bruder voller Entsetzen und hielt ein Glas in die Höhe in dem zuvor Zimt gewesen zu sein schien.

„Ob gebrochen oder in einem Stück, es wird niemand etwas nehmen...“ sie wendete ihren Blick zu Linken und da bemerkte sie das sie schon die ganze Zeit beobachtet wurden.

„Was bist Du denn für eine Göre?“ fragte sie keck und stemmte ihre Hände energisch in die Hüften.
„Mein Name ist Rosalyn, wenn ihr erlaubt. Ich schaue euch lediglich beim Tanzen zu. Ihr seid so schön anzusehen und flink“, wisperte Rosalyn und strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht.

„Wie höflich. Das erste freundliche Wort seit ich in dieser scheußlichen Stadt verweilen muss. Ich gehe recht in der Annahme das Du keines von unseren köstlichen Gewürzen kaufen möchtest?“, antwortete sie mit einem höhnischen Unterton und musterte Rosalyn derweil von oben bis unten.

„Nein, gute Frau. Ich habe kein Geld“, antwortete die Gefragte und neigte den Kopf zur Erde. Sie schämte sich für ihr Aussehen in dem dreckigen Kittel den sie trug und so wie sie roch musste dieses Mädchen sie für eine Bettlerin halten.

Doch wider ihrem Erwarten kam sie auf sie zu und hob ihren Kopf mit dem Finger in die Höhe. Sie schaute ihr in die Augen und sprach dann mit zärtlicher Stimme:

„Lausche mir, Mädchen. Schäme dich nicht um deinetwillen. In dieser Stadt regiert die Macht des Geldes. Doch alle Straßen sind unendlich lang und die Ländereien riesig, auf ihnen regiert die Macht des Stärksten. Für dich gibt es eine größere Aufgabe als dreckiges Geschirr zu waschen. Hier, nimm das und geh“

Sie griff in den Karren, nahm eine handvoll Zimtstangen heraus und drückte sie ihr in die Hand. Ein unvorstellbar wertvolles Geschenk. Jede dieser Stangen war fünf Goldstücke wert. Mehr als ihr Vater in einem Monat einnahm. Hastig versteckte sie die Stangen in der Tasche ihres Kittels. Sie hatte nicht einmal Atem dem Mädchen zu danken, sondern sie drehte sich breit grinsend um und schritt mit viel zu ausladenden Schritten davon.

Fast wäre sie über ihre eigenen Füße gestolpert. So stolz und erhaben kam sie sich vor, als würde sie eine Parade anführen. Sie war die Reichste im Viertel, im gesamten Stadtteil vermutlich und erst dreizehn Lenze jung.

Als sie es ihrer Mutter erzählte, spendete sie die Hälfte des Schatzes der Familie und man verkaufte das Gewürz an den Meistbietenden. In dieser Gegend der Welt waren jene Gewürze wertvoller als Gold und kaum jemand hatte die Mittel sie zu erwerben. Noch am darauffolgenden Tag fand Vater einen Abnehmer und so bekam Rosalyn einen wahren Schatz in Goldmünzen überreicht. Darauf versuchte Vater noch das Mädchen zu finden um vielleicht noch etwas mehr ergattern zu können.
Doch, an der Stelle fand er nichts vor. Niemand vermochte sich an dieses Mädchen oder ihren Bruder zu erinnern. Keiner der anderen Händler hatte etwas gesehen oder bemerkt. Es war, als wäre sie niemals dort gewesen, wie ein Geist entschwunden ohne Erinnerung und ohne Spur.

… als sie eine weitere Runde um die Ruine ihres Elternhauses vollendet hatte, blieb sie wie angewurzelt vor der Eingangstüre stehen, sank auf die Knie und weinte. Ihr Gesicht in den Händen vergraben, schluchzend und in völliger Verzweiflung gefangen.

Die Abenddämmerung lag über der sterbenden Stadt. Das Wehklagen und Jammern der Sterbenden lag wie eine Glocke des Leids über allem. Schatten schoben sich die Hauswände entlang und schienen nach allem und jedem zu greifen. Das blutige Rot der Sonne tauchte alle Häuser zuerst in ein feuriges Inferno, dann erblasste die Farbe und tiefstes Schwarz senkte sich über die Dächer nieder. Ein Mantel aus Dunkelheit bedeckte alles, auch die Gemüter und Gedanken der Wenigen, die dem schwarzen Tod bislang entronnen waren.

Rosalyn lag zusammengekauert an der selben Stelle wie Stunden zuvor und wimmerte im Schlaf. Sie träumte vom Mord an ihrem Vater, sie sah ihn betteln und flehen auf Knien rutschend. Doch die Plünderer machten sich einen Spaß daraus ihn zu quälen. Mit Knüppeln prügelten sie ihn, zerschmetterten seine Knochen und droschen auf ihn ein bis rohes Fleisch aus den Wunden quoll. Dann packten sie den Sterbenden und warfen ihn in die Gosse vor dem Haus mit den Worten: „Du quiekst wie ein Schwein, also wühle im Dreck wie eines“.

Darauf ergriffen zwei derbe Kerle ihre Mutter und schleiften sie an den Haaren in die Küche wie sie sich wieder und wieder an ihr vergingen, ehe es still wurde und der eine wieder hervor kam. Rosalyn wohnte all dem bei und zerbrach in ihrem Innersten, zu Anfang vermochte sie noch zu weinen, zu zetern und zu schreien, sich mit Händen und Füßen gegen jene zu wehren die sie festhielten. Doch je länger das Grauen anhielt, umso weiter entschwand ihr Geist in die Ferne. Bis sie schließlich nichts weiter sah, als Erinnerungen und Leere vor ihren Augen. Sie sprach kein Wort und vernahm keinen Laut mehr. Nichts drang zu ihr hindurch.
Was mit ihrer Mutter daraufhin geschah, das wusste sie nicht und konnte sie nicht wissen.


*** --- *** --- ***


Auch über den fernen Gipfeln senkte sich die Nacht hernieder. Die Bergflanken leuchteten in den Farben der untergehenden Sonne, während im Hof und auf den Treppen des Hauses bereits die Laternen angesteckt werden mussten.
Geschäftiges Treiben fand sich fortan lediglich in den umliegenden Gehöften und im Inneren des Hauses, indem Licht brannte und Rauch aus allen Kaminen aufstieg. Die Gärten lagen nun still in der heraufziehenden Dunkelheit. Nur der ein oder andere Vogel sang noch einen letzten Abendgesang.

Im Inneren des großen Hauses befanden sich zahllose kleine Räumlichkeiten, die um einen großen Saal herum angeordnet waren. In jenen Räumen gab es je drei Betten, in der Mitte wiederum stand jeweils ein kleiner Tisch und drei Stühle aus einem dunklen Holz. Der Boden war ebenfalls wie das Mauerwerk aus großen Steinen gepflastert, allerdings glatt geschliffen und teilweise so gesetzt das die natürlichen Farbunterschiede verspielte Ornamenten bildeten, dass sich Muster und Wellenformen ergaben wie auf einem Ozean aus Stein.

Jedoch legte man Wert darauf das es warm und zufrieden in diesem Haus aus Stein war und so legte man fein gewobene Tücher und Teppiche aus, in vielen Farben gefärbt und sicherlich unermesslich wertvoll. Wie in den Gärten, so hingen auch hier in den Ecken und an den Türpfosten große Laternen die ein wohl duftendes Aroma verströmten wenn sie entzündet wurden. Nach einiger Zeit lag der Duft eines Waldes in der Luft, wie er nach einem kräftigen Sommerregen duftet. Tannennadeln, frische Erde, zartes Laubwerk und Kräuter.

In jenem großen Saal stand eine lange Tafel, für jeden im Haus gab es einen Sitzplatz. Holzstühle, schlicht in ihrer Art und dennoch liebevoll gezimmert und hie und da mit Schnitzerei verziert.
Am Kopf der Tafel, in Richtung der aufgehenden Sonne, stand ein größerer Stuhl, er unterschied sich lediglich in seiner Größe, nicht in seiner Form oder den Verzierungen. Manche kleinere Stühle hatten wahrlich weitaus prächtigere Zierde. Doch an der Lehne dieses Stuhles hing das weiße Übergewand von Trilas und dies war sein Platz, als Erster unter Gleichen. In seinem Staat gab es keinen Rang, keine Hofordnung wie sie die Menschen kennen. Es war ein respektvoller Umgang untereinander vorherrschend, der auf Freundlichkeit und Güte fußte. Den Einwohnern war es stets wichtiger dem Gegenüber etwas zu geben, als für sich etwas zu verlangen. Somit wurden Ränge überflüssig. Einzig Trilas galt unter allen als nochmals ehrenwerter, als der Ahne der Gründer und Herrscher über das Land und die Ordnung, hatte er einen besonderen Stand.

Die Laternen tauchten das gesamte Innere des Hauses in ein schummriges Licht. Schatten flackerten an den Wänden. Jedoch verbreitete dies eine angenehme Form der Behaglichkeit und des Friedens.

Die Tafel war gedeckt mit einfachen Holztellern und Löffeln, einem Humpen für jeden in den offenbar klares Wasser geschüttet worden war. Auf den Tellern lagen einige Scheiben Brot, Käse und der Form nach zu urteilen, Dörrfleisch. Zudem gab es getrocknete Früchte, Mehlfladen und Milch. Emsige Küchenhilfen hatten diese Speisen aufgetragen, während die übrigen Arbeiter sich in ihren Wohnstuben erfrischten. Nachdem alles aufgetragen war, setzten sich die Küchenhilfen und auch die Köche und Köchinnen kamen herauf um sich zu setzen.

Wie auf ein unhörbares Zeichen strömten mit einem Male alle Arbeiter aus den Räumen und nahmen jeder an seinem eigenen Teller Platz. Es wurde nun kaum noch gesprochen. Einige wenige Worte wechselten, um die Kanne für die Milch zu erbeten, oder um weiteren Käse zu bitten, der in Körben von Hand zu Hand ging.
Als alle versorgt waren, trat Trilas aus seinem Gemach hervor und alle standen auf um ihn zu ehren. Nachdem er sich gesetzt hatte, nahmen alle anderen ebenfalls wieder Platz und blickten zu Trilas herüber, da sie wussten das er vor jedem Abendmahl wichtige Dinge kundtun würde.
Trilas holte tief Luft und sprach mit seiner freundlichen tiefen Stimme:

„Ehe wir das Mahl zum heutigen Abend beginnen, möchte ich euch, meine Lieben, für eure gute Arbeit danken. Die Kammern füllen sich und die Heiler preisen am heutigen Tage schon die diesjährige Ernte der Melisse und der Kamille“, Freude und Applaus scholl durch die Halle.

„Doch haltet ein“, Trilas hob die Hand.

„Es gibt auch schlechte Kunde, die ich zu überbringen habe...“, sprach Trilas und erhob sich gemächlich.

Ein Raunen lief durch den Saal und leises Flüstern wogte durch die Menge, bis Trilas abermals seine Hand erhob und ihnen somit Stille gebot.
 

MarleyWolf

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... ich hab heute mal in meinen Ordnern gegraben und bin auf eine alte Fassung eines der Höhepunkte der Story gestoßen. Weil ich generell gerne viele Dateien verliere oder unabsichtlich lösche, poste ich es mal hier... mit dem (erfreulichen?) Nebeneffekt das es andere auch lesen können.



Auf den Berggipfeln erschallten die mächtigen Trommeln und ließen die Erde ringsumher erzittern, als würde das Gebirge mit einem gewaltigen Schlag zerschmettert und vom Erdboden getilgt werden. Die vom Dunst geschwängerte Luft bebte, mit jedem Atemzug sog man die unbändige Kraft der tief grollenden Töne in den Körper ein.

Im Schein der zahllosen Fackeln, stolz empor gestreckt von ihren Trägern, stand allen voran, mit wehendem Haar und flatterndem purpurnem Umhang, der Herr von Aporahè .
Das goldene Licht der Flammen spiegelte sich ungezählt in seinem reinen weißen Fell, als tanzten die lodernden Flammen gleichwohl wie schimmernde Edelsteine über seinen Körper. Auf jedem Haar sammelte sich der Nebel in kleinen Tropfen, der fahle tödliche Hauch dieses kühlen Herbstmorgens. Regungslos stand er dort, vor all seinen Kriegern und stierte in die stahlblaue Weite des östlichen Tales hinab. Der Aufgang der Sonne war bereits zu erahnen. Fackelzüge durchschnitten die Dunkelheit vor ihm, wie unzählige Bäche und Rinnsale aus Feuer.
Die Menschen. Auf dem Wege ihres Feldzuges würde kein Halm unversehrt, kein Stein unbewegt zurückbleiben. Ihre Mannen strotzten vor Gier nach Blut und Verderben, nach Rache. Blinde Wut schenkte ihnen doppelte Kraft, Wut geboren aus dem Neid, der Hilflosigkeit des Elends.

Allen voran, umringt von seinen erfahrensten Rittern, zog hoch erhoben zu Pferde, der Fürst in von Goldschmuck gezierter Rüstung einher. Seine ganze Aufmerksamkeit galt einzig und allein der Einhaltung alter antiker Gebaren. Er ließ Posaunisten erklingen, die gegen die rituellen Trommeln der Cuse nichts auszurichten vermochten. Und dennoch, er zog in die Schlacht, wie ein Feldherr des uralten römischen Reiches. Als wie zu Zeiten der großen Schlacht um Varus und seinen Männern. In eben selber Entschlossenheit und Erkenntnis, dass einzig der Sieg oder der elende Untergang jenes Los war, welches ihn erwarten konnte. Keine Gnade und keinen Frieden, gab es zu erhoffen.

Trilas, senkte sein Haupt und fasste allen Mut in seinem Herzen.
Alle Worte waren bereits gesprochen, alle Taten wohl durchdacht worden.
Sein Clan hatte über Jahrhunderte die Vorherrschaft der Gipfelzinnen bestritten, kein Mensch wagte auch nur den Gedanken an ein Eindringen. Doch dies, so fühlte er in seiner Seele, war der Moment an dem die hohe Herrschaft der Cuse ihr Ende fand. Denn gleichgültig wie sehr sie den Menschen die Stirn zu bieten fähig seien würden, es gäbe keine Rückkehr mehr. Die Schlacht war bereits verloren, ehe sie ihren ersten Blutstropfen forderte.
Eine Erkenntnis, die Trilas das Mark gefrieren und frösteln ließ.

Nun war der Moment gekommen, an dem er seine Untertanen in die letzte sinnlose Schlacht führte, ohne den Funken einer Hoffnung auf eine Zukunft. Aporahè würde vergehen, wie ein Funke im Wind.
Die blühenden Gärten würden verdorren, die üppigen Haine und Wälder würden abgeholzt und zu Brennholz verarbeitet. Die Flüsse und Bäche, Seen und Teiche, sie alle würden der Bewässerung spärlicher gleichförmiger Äcker dienen. Die Menschen würden alles Schöne, von Generationen tüchtiger Gärtner aufgebaut, achtlos niedertrampeln und ihre eigenen eintönigen Klöster errichten. Sie würden ihre Pflanzen begradigen, einpferchen und versklaven. So, wie sie es immer taten.
Die Natur war in ihrer Welt einzig und allein ihr willenloser Sklave. Sie knechteten die Welt, mit jeder Tat und jedem Dünken aufs Neue.

Als der Zeitpunkt gekommen war, die ersten Truppen zu verlegen, drehte sich Trilas schwermütig zu den hinter ihm gespannt ausharrenden Kriegern und erhob seine Hände in die Luft.
Die Trommeln verstummten mit einem Mal und es ward Stille, einzig der kühle böige Wind pfiff eine schauerliche Melodie, wie er über die schroffen Felsen fegte.
Eine einzelne Träne rann seine rechte Wange hinab und ihr Weg zeichnete sich als glitzernde Spur auf seinem Fell ab. Er atmete schwer und schloss für einen winzigen Augenblick seine Augen.

Er senkte bedächtig seine Arme und stand nun vor ihnen, wie ein einfacher kleiner Bursche, all sein Zauber und seine Stärke schienen verschwunden. Er wirkte winzig und bedeutungslos.
Dunkle Schatten schienen ihn zu umhüllen und über sein Gesicht zu streifen, als sei das Tuch des Todes bereits auf seine Schultern gelegt und umschlinge just in diesem Moment seine sonst so lebhaften Züge.

Er holte tief Luft und wollte die Worte sprechen, die er bereits ersonnen hatte, noch ehe der Ort der Schlacht feststand. Doch nun, da er hier stand und in die Gesichter seiner Freunde und Gefolgsleute schaute, waren diese Worte den Atem nicht wert, der nötig war sie auszusprechen.
Stattdessen stockte er einen Augenblick und sprach frei heraus, hell und klar, mit seiner unerschütterlichen Stimme:

„Meine Brüder! Alle, die ihr mich seht, die ihr mich ehrt und liebt. Alle, die ich sehe, ehre und liebe. Wir sind an diesem Morgen angetreten, den Tod zu finden.“, ein raunen ging durch die Reihen und einige schauten sich entgeistert an. Die Stimme von Trilas klang erhaben wie eh und je, doch verkündete sie das allererste Mal ein unausweichliches Unheil, ein Leid von solcher Endgültigkeit, dass allen das Blut in den Adern gefror.

„Der Schwur, den zu leisten ihr bereit gewesen seid!“, rief er weiter mit bebender Stimme aus.
„Er ist erloschen! Ich fordere ihn nicht länger. Ihr habt die Treue zum großen Wald, dem Rahè, gelobt, ihr habt eure Schuld beglichen. Alle Mühe war letztlich vergebens und es wird fürderhin keinerlei Schwur geben. Der Clan, er wird vergehen. Und ich mit ihm“
In den Reihen brachen immerzu weitere Krieger in Tränen und Schluchzen aus, denn sie ahnten bereits, auf welche Weise Trilas seine Ansprache zu beenden gedachte.

„Mit diesem Tag, dieser Stunde, endet die Zeit des Clans der Curie und es wird mein Untergang sein. Gedenkt meiner Sippe und pflanzt einen Baum in meinem Namen.“ er öffnete die Spangen des Umhangs und ließ ihn in den Wind gleiten. Er schwang von seinen Schultern sofort hoch in die Luft und flatterte in die Dunkelheit.

„Es sei!“, rief er und kniete nieder.
„Geht nun und überlasst mich meinem Schicksal!“ schrie er gellend hervor.

Der Aufmarsch wendete gehorsam und in absoluter Gleichförmigkeit. Sie kehrten ihm den Rücken zu und schritten bedächtig in völligem Schweigen den steilen Hang hinunter, auf dem selben Wege den sie hinauf gestiegen waren. Sie alle wussten was geschehen würde, doch ebenso waren sie sich allesamt der Unabänderlichkeit gewiss. Viele weinten still, zahllose Tränen troffen auf den nackten Fels. Das der Sonne weichende Mondlicht spiegelte sich ein letztes Mal darin und tauchte ihre Felle in mattes glanzloses Zwielicht. Dieser Pfad, er trägt bis zum heutigen Tag den Namen jenes Morgens, der „Pfad der Mondtränen“.

Die Menschen kamen immer näher auf Trilas zu, er kniete noch immer an jener Stelle und gedachte seiner Urahnen. Er beschwor ihre Kräfte und alles jenes, was dem Wolf jemals auf Erden innewohnte. Er sammelte seine letzten Kräfte, für diesen einen Moment.
Die Sonne schob sich gleißend über das entfernte blaue Massiv und erhellte nun den Grat auf dem Trilas sich zum letzten Gefecht eingefunden hatte. Als das Licht ihn erreichte, erhob er sich langsam und drehte sich den Menschen entgegen.
Der Fürst kam gemächlich auf ihn zu und zügelte sein Tier eine Pferdelänge vor ihm. Die Sonne blendete Trilas und er sah lediglich eine glitzernde goldene Gestalt, welche wie aus weiter Ferne zu sprechen schien. Der Fürst erhob seine Stimme:

„Mag dies etwa der hohe Herr der Berge sein? Oder trügen mich die Augen durch eine eurer wölfischen Zauber?“ er spottete mit jedem Wort seinem Gegner. Doch Trilas schaute gütig zu ihm auf und lächelte, so das zart seine Reißzähne zum Vorschein traten. Seine dunklen Lippen kräuselten sich in aller Zierlichkeit.
Er, im Licht der Sonne, durch sein strahlend weißes Fell und die muskulöse Statur, war nun wieder der Herr von Aporahè. Für diesen winzigen Augenblick erkannte selbst der boshafte Fürst, die wahrhaft mächtige Natur, dieses Wolfswesens.

„Ihr habt unbedacht gehandelt, Fürst der Menschen“, sprach Trilas nun hauchzart aber mit kristallklarer Stimme.
„Ihr habt das wahre Sein der Welt verkannt. Ihr wiegt euch im Glauben einer Beständigkeit, welche euch nicht beschieden ist. Es sei fortan euer Fluch, jenes zu morden, was euch nährt. Ewiglich wird das Leid an euch kleben, keine Rast wird euch vergönnt sein. Eines fernen Tages, wenn auch eure Knochen zu Staub zerfallen sind, wird das Schicksal sich bewahrheiten und der letzte eurer Art wird elend eingehen“

Trilas sprach diesen Fluch in solch klarer Form, sakral und poetisch, dass niemand umher seine wirkliche Drohung erahnte. Lediglich der Fürst, der ihm gegenüber stand, vernahm alles.
Der Fürst machte einen Schritt auf Trilas zu, schaute in seine stechenden Augen und erzitterte für einen Augenblick am ganzen Körper. Trilas schloss seine Augen und senkte den Kopf, als wolle er nun Abschied nehmen von allem Sein.
Den Fürst packte mit einem mal eine unendliche Wut und im jähzornigen Wahnsinn zog er seinen Doch und trieb ihn Trilas mitten in sein Herz.

Getroffen von der Klinge, die in seiner Brust stak, sank Trilas zu Boden und blieb reglos liegen. Seine linke Hand öffnete sich und aus seiner Faust entflog ein Nachtfalter den er behütet hatte. Er flatterte in die aufgehende Sonne und ward verschwunden.

An diesem Tag fiel das Reich Aporahè und seine Bürger verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Sie fanden allzu oft den Tod durch den Mensch, durch Hunger und Krankheit. Doch seit diesem Tage erzählt man sich die Mär, man habe sie gesehen, tief im Wald hausend.
Die Wolfswesen der Cuse, jene Wesen, die einstmals die Schönheit unserer Welt erschufen und an den Mensch verloren, der sie ihnen kaltherzig gestohlen hatte.


:cool:... ob ich das Ding jemals "fertig" bekomme, weiß ich nicht. Aber es macht Spaß dran herum zu werken.
 
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