#4 Come as you are

Todai

Guest
Ich mache im Grunde keinen Hehl daraus, dass ich meinen Körper strategisch zurichte, um den Vorgang des Verfalls präzise zu beschleunigen. Aber ich habe mir einige Euphemismen dafür zurechtgelegt:

- Das Carpe Diem leben/ Yolo geht hier auch super
- Weltlichen Genuss ausreizen
- Der vehementen Parole der Gesundheit den Kampf ansagen
- Kriegsführung gegen das Schicksal

Kurzum also auch saufen.
Es liegt nahe, dass Orte, an denen ich mich besonders gerne aufhalte Kneipen sind. Ich liebe diese düsteren ruhigen Orte. Musik im Hintergrund und Menschen, die am Tresen oder den Tischen sitzen, ein Glas vor sich stehend und über alles mögliche reden. Besonders liebe ich diese verrauchten Kneipen. Man bekommt einfach ein skuriles Gefühl von Geborgenheit und Ruhe wenn man sich niederlässt und das Cliché des Thekers dort steht, ruhig mit seinem Tuch in langsamen, kreisförmigen Bewegungen den Tresen wicht, aufblickt und fragt "Was darf's'n sein?".

Es mag wohl an meiner Sozialisation liegen, würde der geneigte Psychoanalytiker jetzt schreien, aber ich fühle mich seit je her in Kneipen wohl und in meinem Leben hab' ich schon einige gesehen. Oft sogar doppelt.

Was mich jedoch immer wieder fasziniert ist, wie schnell Leute dort zusammenfinden. Manch einer braucht Jahre in seiner Schule um Freunde zu finden. Selbst in Vereinen geht das nicht so schnell. Aber Alkohol lockert wohl doch jede Zunge.
Erst letztens war ich in meiner favorisierten kleinen Kneipe. Ein verdammt versiffter Laden. Esst vom Tresen wenn ihr Hepes wollt und vom Boden, falls euch an Tripper etwas liegt. Aber ich liebe diese Spielunke.
Auf jeden Fall kam eine Frau herein. Mitte/Ende Dreißig. Geschätzt. Blond, naja eher bleiche Haare. Nervöse Haltung, groß gewachsen und ziemlich unruhig. Solche Leute begegnen euch im Grunde jeden Tag, aber merken tut man es an sich nicht. An den meisten laufe ich vorbei und vergesse sie direkt.
Also setzte sich die Frau an den Tresen und bestellte irgendwas. Natürlich sah man ihr an, dass sie im Grunde ein Wrack war, aber statt sie als verrückte Alte abzustempeln unterhielten sich die Leute mit ihr, obwohl sie sie nicht kannten und sie aussah, als wäre sie einem Brunnen entstiegen um ein Kind zu opfern oder Gott bewahre - Andrea Berg auf einem Livekonzert zu besuchen.
Später ging sie raus weil ihr zu warm war. Die Thekerin gab ihr eine Decke und ein Bier mit, weil sie lieber draußen sitzen wollte. Bei 2 Grad. Also nahm ich einfach meinen...naja ich könnte es euch erzählen was ich getrunken habe, aber es würde wohl niemand verstehen. Also ging ich auch nach draußen und setzte mich zu ihr. Sie war mittlerweile sogar noch nervöser und ich fragte, was eigentlich mit ihr los sei. Es stellte sich heraus, dass sie paranoid schizophren ist und starke Medikamente bekommt und ab und zu ein bisschen Ruhe braucht.

Wir redeten noch eine Weile und sie erzählte mir, dass sie im Grunde niemanden der Leute drinnen kannte, sie es aber immer wieder erstaunlich findet, wie gerade einige Menschen einfach über alles hinwegsehen können und Leute so nehmen wie sie sind.
Nachdem es mir dann zu kalt wurde und mir die Finger an der Gitarre schon froren, meine Seiten verstimmt und meine Songs mehr als miserabel klangen, ging ich wieder rein.

In gewisser Weise liebe ich diese Orte auch deshalb so.
Come as you are.
 
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