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Thema: Der Adventskalender-Roman: Tierische Wege

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    Ungewisse Pläne


    Wie Serraya voraus gesagt hatte, ging es Ragan am nächsten Tag nicht gut. Merrow kam nachträglich auf die Idee, dass eigentlich jemand hätte Wache halten sollen – aber alles war gut gegangen, das Lager unbeschädigt und die übrigen acht Pferde noch alle da. Sie beschlossen, einen Ruhetag einzulegen, der entgegen allen Befürchtungen tatsächlich ruhig verlief; von dem Pferdefleisch war noch genügend für den ganzen Tag übrig, die Raubtiere ließen das Lager in Ruhe und die Pferde konnten unbehelligt weiden. Serraya gelang es sogar, unbeschadet die Packriemen von dem Ast des Wespenbaumes zu holen. Ragan lag auf einer Decke, blinzelte in den Himmel, wo ein großer Raubvogel kreiste, und fühlte sich zu schlapp, um aufzustehen. Er genoss das schöne Wetter und die Erinnerung an die letzte Nacht. Die neue Situation war angenehm, irgendwie entspannter als vorher und auch Merrow hatte ihm am Morgen gesagt, dass er sich jetzt viel wohler fühle. Er wusste selbst nicht mehr zu sagen, wieso er sich vor einer Dreierbeziehung gescheut hatte.
    „Morgen könnten wir es bis zur Küste schaffen“, sagte Merrow und kniete sich mit der Karte in den Händen neben ihn.
    „Ja, wenn wir gut voran kommen und einigermaßen die Richtung halten. Die Küste ist in dieser Gegend aber kaum bewohnt und deshalb schlecht kartiert. Da sind ein paar Ortschaften gestrichelt eingezeichnet und der Küstenstrich nur mit 'schwache Besiedlung' beschriftet, wobei die Karte wahrscheinlich schon mindestens ein Jahrhundert alt ist. Wenn wir Pech haben, ist die Gegend inzwischen völlig verlassen. Einigermaßen sicher dürfte nur der Waldstreifen zwischen dem Steppengebiet und der Küste noch da sein.“
    „Eigentlich seltsam“, meinte Merrow nachdenklich. „Auf der Welt leben Millionen Menschen, wir sind zivilisiert, wir reisen viel, von einem Kontinent zum anderen fahren Schiffe – und trotzdem ist die Welt so schlecht kartografiert, dass man sich auf keine Karte mehr verlassen kann, sobald man sich kaum 200 Kilometer von der nächsten Stadt oder Straße entfernt. Wieso eigentlich?“
    Ragan nickte. „Du hast dir die Antwort schon gegeben. Wir reisen viel, von Stadt zu Stadt auf den vorhandenen Verkehrswegen, auf Straßen, auf Flüssen, mit der Eisenbahn – aber wer reist schon dahin, wo keine Stadt ist? Wer will schon mitten in die Wildnis?“
    „Wir?“
    „Nein, wir auch nicht. Wir haben nur ein ungewöhnliches Ziel, zu dem es keinen direkten Verkehrsweg gibt, aber wir reisen schnurstracks dahin. In die Wildnis wollen auch wir nicht.“
    „Aber wieso nicht?“ Nachdenklich ließ Merrow den Blick über die weite Landschaft schweifen. „Eigentlich ist es doch schön hier – trotz der Wespen und Schlangen und Löwen.“
    Seufzend wälzte sich Ragan auf den Bauch. „Die Frage habe ich mir auch schon gestellt. Mit gefällt unsere Expedition auch, aber nur deshalb, weil wir ein Ziel haben. Was sollte ich sonst hier wollen? Würdest du einfach nur so hierher reisen?“
    „Nein.“ Merrow schüttelte den Kopf, dann schaute er Ragan an, als käme ihm soeben eine Idee: „Aber eigentlich könnte man doch hier ein neues Dorf oder sogar eine Stadt gründen.“
    „Wozu? Warum sollte jemand so weit von allen Annehmlichkeiten der Zivilisation und von anderen Menschen entfernt leben wollen?“
    „Wenn man hier eine Stadt bauen würde, wäre das alles ja hier! Und Verkehrswege zu anderen Städten würden dann auch entstehen!“
    „Und wieder: Wozu? Was würde es nützen, wenn hier statt der Wildnis eine Stadt wäre, dazu Straßen und Eisenbahnlinien, die ohne sie niemand brauchte? Was wäre an dieser Stadt hier anders als an Eisenfeld, Felsenberg oder Oberkalkstadt?“
    „Nichts. So weit hatte ich nicht gedacht.“ Merrow zuckte mit den Schultern. „Ich hatte einfach nur das Gefühl, dass etwas mit der Welt nicht stimmt.“
    „Das Gefühl kenne ich. In der Priesterschule lernt man sogar, sich solche Gedanken zu machen und über Selbstverständlichkeiten nachzudenken.“
    „Und?“
    „Nichts und. Zu einem Ergebnis bin ich damit noch nie gekommen.“
    Merrow hatte eine neue Idee: „Die Karten auf den aktuellen Stand zu bringen wäre doch ein sinnvolles Ziel! Wäre das nicht ein Grund, von Zeit zu Zeit in jede Wildnis zu reisen?“
    „Nicht wirklich. Wozu sind genaue und aktuelle Karten von Gebieten nötig, die nur alle paar Jahrzehnte oder Jahrhunderte einmal jemand bereist?“
    Resigniert senkte Merrow den Kopf. „Was du sagst, klingt alles so vernünftig.“
    „Ich weiß. Es wäre mir lieber, wenn es nicht so wäre.“
    Serraya kam heran und sagte: „Ihr schaut drein, als ob jemand gestorben wäre.“ Sie gab jedem einen Kuss und fragte: „Habt ihr euch eigentlich schon Gedanken gemacht, wie wir auf die Insel kommen?“
    „Sie ist nicht weit von der Küste entfernt“, meinte Ragan. „Vielleicht sogar noch in Sichtweite. Wir brauchen also kein großes Schiff; bei schönem Wetter müssten wir mit einem kleinen Segelboot hin kommen – und so etwas gibt es in jedem Küstendorf. Ein Stall, in dem wir die Pferde für ein paar Tage unterbringen und versorgen lassen können, findet sich sicher auch. So weit entfernt von den Verkehrswegen besitzt wahrscheinlich niemand einen Dampfwagen, aber jeder ein Pferd.“
    „Dann können wir nur hoffen, dass der Küstenstrich nicht verlassen ist“, ergänzte Merrow.


    Das Dorf an der Küste


    Die Sonne stand tief am Horizont, als die Vegetation grüner und das Gebüsch höher wurde und allmählich in eine Art Heidelandschaft überging, aus der hier und da einzelne bemooste Platten und Pfeiler ragten, die Überreste antiker Bauten zu sein schienen. Bald darauf begann lichter Wald, der zu Pferd trotz seiner Urwüchsigkeit leicht zu passieren war. Einige der Pferde begannen erregt zu schauben und scheuten gelegentlich für einen Augenblick, als sie in den Wald hinein ritten, indem es schon recht dunkel war. Ragan bemerkte, dass er sich selbst nicht wohl fühlte in diesem Wald.
    „Wir könnten die paar hundert Meter zurück reiten und in der Heide lagern“, schlug er vor. „Was meint ihr?“
    „Es kann nicht mehr weit sein bis zum Meer“, erwiderte Merrow abenteuerlustig. „Und es ist noch gar nicht spät!“
    Serraya, die voraus ritt, zügelte ihren Rappen und wandte sich um: „Du fühlst dich auch nicht wohl hier, stimmts, Ragan? Und du auch nicht, Merrow, gib es zu!“
    „Ich hatte aber auch in der Heide schon kein gutes Gefühl“, gab Merrow zu. „Da würde ich auch nicht gern übernachten.“
    Sie nickte: „Ganz meine Meinung. Also reiten wir weiter, einverstanden?“
    Sie ritt weiter voraus, die Ohren ebenso aufmerksam aufgerichtet wie ihres Pferdes.
    „Hier ist ein Weg!“ sagte sie schließlich erleichtert.
    Es war kaum mehr als ein Trampelpfad, aber eindeutig kein Wildpfad, sondern von Menschen angelegt. Sie folgten ihm. Wieder scheuten die Pferde, scharrten mit den Hufen und waren kurz davor, durchzugehen. Sie nahmen die Pack- und Reservepferde fest am Zügel und redeten beruhigend auf sie ein. Aus dem Wald drang ein deutlicher Verwesungsgeruch, der Geruch nach etwas, das schon länger tot war.
    Ragan bemerkte etwas, das Merrow aussprach: „Der Geruch kommt von beiden Seiten des Weges. Werden tote Tiere im Wald nicht von anderen Tieren gefressen?“
    Er sprach leise und hatte die Ohren angelegt.
    Ebenso leise, aber mit wachsam aufgerichteten Ohren sagte Serraya: „Von welchen Tieren? Hört mal!“
    Ragan lauschte angestrengt. „Da ist nichts.“
    „Genau! Wir sind mitten im Wald und da ist kein Geräusch. Kein Vogel zwitschert, keine Krähe krächzt, keine Maus und kein Igel raschelt.“
    „Raubtiere?“
    „So völlig geräuschlos?“
    „Wir reiten besser schnell weiter“, raunte Ragan. „Lange können wir die Pferde sowieso nicht mehr halten.“
    Im Wald war es so dunkel, als sei innerhalb weniger Minuten die Nacht herein gebrochen; Ragan begann sich nach der Steppe zurückzusehnen. Er wünschte, er wüsste wenigstens die Uhrzeit. Als sie den Todesgeruch hinter sich gelassen hatten, beruhigten sich die Pferde ein wenig, aber ringsum herrschte noch immer völlige Stille; kein Käuzchen schrie, kein Fuchs belferte, kein Wolf heulte.
    „Ich höre etwas“, sagte Serraya plötzlich, nachdem sie ein gutes Stück geritten waren. „Ich glaube, das ist Meeresrauschen.“
    Kurz darauf hörte Ragan es auch und Merrow, der zu Serraya aufgeschlossen hatte, rief: „Da vorn ist ein Licht!“
    Ragan atmete auf, als kurz darauf noch weitere Lichter in Sicht kamen. Zwischen Felsen hindurch ging es bergab auf eine am Hang liegende Ansiedlung zu, hinter der sich das Mondlicht im Meer spiegelte. Etwas abseits war auf dem Wasser sogar die markante Silhouette eine zweizylindrigen Turbosegelschiffes auszumachen. Auf der Höhe einer einzelnen Klippe brannte ein Leuchtfeuer.
    „Wir haben es geschafft!“ jubelte Merrow und auch Ragan atmete auf. Er ritt an Serrayas Seite und fragte: „Na, auch erleichtert?“
    „Ich weiß nicht“, erwiderte sie zögernd. „Erinnerst du dich an Merrows Worte, als wir diesen See erreichten? Zu schön, um wahr zu sein.“
    „Na, komm schon, so schlecht war es dort am Ende schließlich nicht!“
    Sie sah ihm in die Augen. „Ich habe dir nicht gesagt, wie giftig die Schlange war. Zehn Minuten später hätte ich dich nicht mehr retten können.“
    Ragan erschauerte nachträglich. „Und was stört dich an diesem Dorf?“
    Sie machte eine ratlose Geste. „Ich weiß nicht. Wie ich schon sagte – es sieht einfach zu schön aus.“
    Als sie in das Dorf ritten, wurde man sofort auf sie aufmerksam. Einige Bewohner von hybridem Typus begrüßten sie fröhlich, Laternen und Fackeln schwenkend, als hätten sie auf die drei Reisenden gewartet.
    „Wir freuen uns immer über Gäste!“ rief eine Frau mit grau geschecktem Fell und bedeutete ihnen abzusteigen. Andere drängten sich um die Reisenden und ihre Pferde, fast durchweg junge Leute.
    „Wir haben euch schon von weitem kommen gesehen!“
    „Es kommt selten jemand von der Landseite her.“
    „Was für schöne Pferde ihr habt!“
    „Kommt mit zum Dorfplatz!“
    „Ihr seid sicher hungrig und durstig ...“
    „Natürlich haben wir einen guten Stall für die Pferde; um das Absatteln und Abladen braucht ihr euch nicht zu kümmern.“
    „Ihr seid gewiss müde ...“
    Inmitten einer Gruppe von zehn bis fünfzehn fröhlich schwatzenden Leuten wurden sie zur Mitte der Dorfes geführt. Vor einem großen offenen Gemeinschaftshaus brannte dort ein Feuer, um das sich scheinbar das ganze Dorf versammelt hatte.
    „Feiert ihr ein Fest?“ fragte Serraya.
    „Aber nein, das ist bei uns immer so. Wir leben sehr gut hier, müsst ihr wissen!“
    Für einen Augenblick hatte Ragan ein ungutes Gefühl, als die Dörfler ihnen einfach die Pferde samt Gepäck und Waffen wegnahmen und sie selbst auf Holzbänken inmitten der Trubels unterbrachten, doch die Leute waren von so offener Herzlichkeit, dass es ihm einfach unmöglich war, ihnen unlautere Absichten zuzutrauen. Merrow, Serraya und er selbst saßen plötzlich inmitten einer fröhlichen Menge mit Schüsseln voll Gemüse und gefüllten Weinbechern vor sich, jemand machte schräge Musik, ein paar Dörfler tanzten ausgelassen verrückte rhythmische Tänze, irgendwer pries lautstark die Götter und Ragan ließ sich das Essen schmecken, das mehr oder weniger ein Pilzeintopf zu sein schien.
    Eine fremde Frau beugte sich über ihn, streichelte sein Brustfell, drückte ihm einen Kuss auf die Wange und verschwand.
    Serraya beugte sich zu ihm herüber und raunte ihm zu: „Wie ich schon sagte – zu schön, um wahr zu sein. Ich werde mich ein wenig umsehen.“ Ohne das Essen oder den Wein anzurühren verschwand sie im Dunkel.
    Ragan musste zugeben, dass die Situation seltsam war. Er sah sich um und beobachtete die Leute. Sie waren alle von canidem oder hybridem Typ und hatten graues oder grau geschecktes Fell; was umso mehr auffiel, da sie alle kaum Kleidung trugen. Die meisten sahen sich recht ähnlich und waren eine weder schöne noch hässliche, sondern einfach unscheinbare Art von Mensch. Das war bei einem so abgelegenen Ort nicht erstaunlich – wahrscheinlich hatten sie kaum je Kontakte zur Außenwelt. Umso erstaunlicher war allerdings die Selbstverständlichkeit, mit der sie als Fremde hier aufgenommen wurden. Dann fiel ihm auf, dass er nur mehr oder weniger junge Leute sah – wesentlich älter als dreißig schien hier niemand zu sein.
    „Feiern die Älteren nicht mit?“ fragte er seinen Sitznachbarn.
    „Wieso?“ fragte der lachend zurück. „Es sind doch fast alle da!“
    Schließlich machte er doch jemanden aus, der nicht ins Bild passte, einen kräftig gebauten, gut vierzigjährigen Mann von Tigertyp, dessen schwarz-gelb gestreiftes Fell sich deutlich aus der Menge abhob. Ragan stand auf, ging zu dem Mann hinüber und stellte sich vor: „Ich bin Ragan, heute hier angekommen. Du bist auch nicht von hier?“
    „Nein! Ich bin von der HAIFISCH, dem Schiff da drüben.“ Er wies mit ausgestreckter Kralle in Richtung des im Dunkel liegenden Turboseglers und schien das lustig zu finden. „Trink mit mir, Ragan, auf diese wundervolle Gemeinde!“
    Er trank mit dem Mann, der sich als Mroun vorstellte und sein Misstrauen verließ ihn allmählich. Er stellte Mroun und Merrow einander vor, wurde selbst etlichen Dörflern vorgestellt, lachte über irgendwelche Witze, spürte, wie ihm der Wein zu Kopfe stieg, tanzte verrückte Tänze um das Feuer, suchte nach Serraya, ohne sie zu finden, fühlte sich so wohl wie seit langem nicht mehr und wurde schließlich irgendwohin gebracht, wo er schlafen konnte ...
    People who deny the existence of dragons are often eaten by dragons. From within.
    Ursula K. Le Guin

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    Schiff zu verschenken


    „Guten Morgen, du Säufer!“ Serraya kraulte ihm grob, aber freundlich die Brust. Er konnte sich nicht erinnern, neben ihr eingeschlafen zu sein. „Merrow ist schon aufgestanden.“
    Er stöhnte, fühlte sich aber nicht so schlecht wie es nach einem Vollrausch hätte der Fall sein müssen.
    „Wo warst du eigentlich den ganzen Abend?“ fragte er.
    „Das erzähle ich dir beim Frühstück. Du wirst staunen.“
    Sie führte ihn zum Strand, wo Merrow gerade fröhlich prustend aus dem Wasser kam. Ragan genoss das Bad in dem kühlen Wasser, den weichen Sandstrand und die Strahlen der aufgehenden Sonne.
    Als sie zu dem Haus zurückkehrten, wurden sie von dessen Bewohnern, zwei Frauen und einem Mann, schon mit dem Frühstück erwartet. Serraya packte einen Beutel voll Muscheln auf den Tisch, die sie am Strand gesammelt hatte.
    „Könntet ihr uns die bitte zum Frühstück kochen? Wir waren schon lange nicht am Meer und würden deshalb so gern ...“
    Die drei waren leicht davon zu überzeugen, es nicht als Beleidigung anzusehen, dass ihre Gäste das servierte Frühstück verschmähten; eine der Frauen kochte die Muscheln, während die andere und der Mann das Haus verließen.
    Serraya, Merrow und Ragan ließen sich am Tisch auf der Veranda nieder und tranken duftenden Kräutertee.
    „Wieso sollten wir das Frühstück nicht essen?“ raunte Merrow.
    Ebenso leise erwiderte Serraya: „Vielleicht essen sie hier etwas, das wir besser nicht essen sollten. Ich habe euch gestern beobachtet – das war nicht nur der Wein. Ich tippe auf die Pilze, die in allem waren.“
    „Was meinst du damit?“
    Die Frau, die einen großen Topf mit den gekochten Muscheln brachte, unterbrach ihr Gespräch. Nachdem sie wieder in der Küche verschwunden war, sagte Serraya wie beiläufig: „Wir haben ein Schiff.“
    „Ein Schiff?“ fragte Ragan erstaunt zurück. „Ich habe hier keins gesehen – seltsam eigentlich bei einem Küstendorf. Moment mal, doch nicht etwa den Turbosegler?“
    Serraya nickte: „Doch, genau den. Der Kapitän hat mir das Schiff geschenkt.“
    „Wie bitte?“ Merrow fiel eine Muschel aus der Hand und Ragan verschluckte sich.
    „Nun, der Kapitän ist ein ganz vernünftig scheinender Mann, groß und kräftig, von ursinem Typ mit graumeliertem schwarzen Fell, etwa 50 Jahre alt – und er hat mir erklärt, dass er in diesem Dorf zu bleiben gedenke und sein Schiff, die HAIFISCH, daher nicht mehr brauche. Also hat er es mir geschenkt.“
    „Ein Kapitän, der sein Schiff verschenkt? Das gibt es doch gar nicht! Ist es denn überhaupt sein eigenes?“
    Sie warf eine kleine goldene Plakette auf den Tisch, wie ein Schiffskapitän sie traditionell an einem durch die Brust gestochenen Ring trug. „Zumindest war er tatsächlich der Kapitän; er hat sich das Ding vor meinen Augen heraus gerissen. Und ich wette darauf, dass er stocknüchtern war.“
    Merrow nahm die Plakette mit der Inschrift HAIFISCH in die Hand und betrachtete das getrocknete Blut, das daran klebte. „Das ist doch völlig verrückt. Was sagt denn die Mannschaft dazu?“
    Ragan erzählte von Mroun und war sich plötzlich sicher, dass niemand von der Mannschaft mehr Interesse an dem Schiff haben würde.
    „Was wollen wir eigentlich mit einem Schiff ohne Kapitän und Mannschaft?“ fragte er.
    „Du hast erzählt, dass du selbst ein Schiff führen kannst“, meinte Merrow unbekümmert.
    „Aber doch nur Flussdampfer; vom Meer habe ich keine Ahnung! Und vom Segeln erst recht nicht, schon gar nicht mit diesem Ding; ein Turbosegelschiff habe ich noch nie aus der Nähe gesehen!“
    „Dann suchen wir doch einfach die Mannschaft und den Kapitän, die müssen ja alle im Dorf sein.“
    Sie erhoben sich vom Tisch und gingen die ungepflasterte Straße entlang. Das Dorf war größer als es ihnen am gestrigen Abend erschienen war; es wirkte weder sauber noch ordentlich, aber freundlich und fröhlich. Überall zwischen den netten kleinen Häusern, den Weinlauben und Obstbäumen spielten lärmend Scharen von Kindern.
    „Ich habe selten so viele Kinder auf einmal gesehen“, stellte Merrow fest.
    Ragan nickte. „Die Leute hier sind alle canid oder hybrid und sehen sich ausgesprochen ähnlich, da dürfte wahrscheinlich fast jedes Paar Kinder haben. Was für ein fruchtbares Dorf!“
    „Und immer schön unter sich“, fügte Serraya ironisch hinzu. „Wer weiß, was uns beim näheren Hinsehen noch alles auffällt; vielleicht ist das ja die Erklärung dafür, dass es hier keine Alten gibt.“
    „Guten Morgen!“ rief Merrow einem Mädchen mit einer weißen Blüte im Haar zu, das einen Korb voll Gemüse trug. „Wir suchen den Kapitän und die Mannschaft der HAIFISCH; kannst du uns sagen, wo wir die finden?“
    Das Mädchen stellte den Korb ab und setzte ein verständnisloses Lächeln auf.
    „Die Leute von dem Schiff, das da drüben vor Anker liegt!“ erläuterte Merrow.
    „Ach, die Leute von dem Schiff!“ Sie lachte bezaubernd. „Ja, die sind auch bei uns geblieben.“
    „Auch?“ fragte Serraya. „Wer denn sonst noch?“
    Das Mädchen schien Serraya ihrer dummen Frage wegen jetzt freundlich auszulachen. „Jeder bleibt bei uns, hier ist der schönste Ort auf der ganzen Welt!“
    Sie nahm ihren Korb wieder auf und ging weiter, leise vor sich hin kichernd.
    „Habe ich es nicht gesagt?“ raunte Serraya.
    Ein Mann kam die Straße entlang, eine Schubkarre vor sich her schiebend.
    „Guten Morgen!“ grüßte diesmal Serraya. „Wir suchen die Leute von dem Schiff. Wo können wir die finden?“
    Der Mann stellte die Schubkarre ab und breitete die Arme aus: „Oh, überall! Der eine wohnt hier, der andere da – und jeder ist frei zu gehen, wohin er will!“
    „Auch fort von dem Dorf?“
    „Natürlich!“ Er beugte sich ein Stück weit herüber und sagte leiser, als wolle er ihnen ein Geheimnis anvertrauen: „Aber ganz ehrlich – wer würde das denn schon wollen?!“ Er brüllte vor Lachen, als hätte er einen guten Witz erzählt, nahm die Schubkarre wieder auf und ging weiter.
    Kopfschüttelnd sah Ragan ihm nach. „Gestern abend beim Fest dachte ich, die wären einfach schon alle besoffen. Aber sie sind ja nüchtern genauso!“
    Sie folgten dem Klingen von Eisen, das aus einer Schmiede hallte, um den Schmied zu fragen, da Serraya meinte, Schmiede seien allgemein bodenständige vernünftige Leute. Doch auch der dicke Schmied strahlte sie an und schwatzte darüber, wie schön alles sei, dann bot er ihnen etwas zu trinken an. Serraya trat Merrow auf den Fuß, der gerade einen Becher annehmen wollte und zog ihn aus der Schmiede. Im letzten Augenblick erhaschte Ragan einen Blick auf auffällig gestreiftes Fell, das hinter einer Ecke verschwand.
    „Hey!“ schrie er und rannte hinterher. „Mroun!“
    Der Tigertyp-Mann, der mit seinem Aussehen und vor allem dem gestreiften Fell seines unbekleideten Oberkörpers in diesem Dorf auffiel wie ein bunter Hund, kam zurück.
    „Hey, Ragan!“ rief er und begrüßte ihn mit einer herzlichen Umarmung, die Ragans Rippen knacken ließ. „Wie schön, dich zu treffen! Ist das nicht schön hier in der Gemeinde?“
    „Gemeinde? Wie heißt das Dorf überhaupt?“
    „Es heißt überhaupt nicht, es ist einfach die Gemeinde. Sind das deine Freunde?“
    „Ja, Serraya und Merrow. Wir brauchen dich; dich und die anderen Leute vom Schiff!“
    „Wozu?“ Mroun lächelte fragend, noch immer Ragans Schultern umfassend.
    „Als Mannschaft für das Schiff, nur für ein, zwei Tage. Wir wollen zu einer kleinen Insel vor der Küste.“
    Mroun lachte dröhnend auf und winkte ab, als hätte Ragan ihm eine Reise zum Ende der Welt vorgeschlagen: „Oh nein, was denkst du dir nur? Wir fahren alle nicht mehr zur See; dazu müssten wir ja die Gemeinde verlassen!“
    Fassungslos schüttelte Ragan den Kopf. „Aber die Insel ist doch nur ein paar Kilometer entfernt! Übermorgen können wir schon wieder zurück sein!“
    „Nein, nein, Ragan, überleg dir das noch einmal ausgiebig, mach es dir hier bequem, iss und trink etwas Gutes und schlaf darüber.“
    Mit einer weiteren Umarmung verabschiedete er sich und ging.
    „Wo ist denn die übrige Mannschaft?“ rief Ragan ihm nach.
    „Den Kapitän habe ich gestern noch gesehen, die anderen schon länger nicht mehr. Er ist ein großer Mann von ursinem Typ und wird dir bestimmt auffallen! Viel Glück!“
    Hilflos wandte er sich zu Serraya um, die spöttisch fragte: „Seit wie vielen Jahren, sagtest du, seid ihr enge Freunde?“
    Wieder schüttelte er den Kopf. „Das ist doch alles nicht normal!“
    Merrow zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hatte Serraya recht mit dieser Andeutung über Inzucht ...“
    „Was ist dann mit Mroun? Und dem Kapitän, der sein Schiff verschenkt? Die sind nicht von hier!“
    Serraya meinte: „Die nehmen hier irgendeine seltsame Droge, eindeutig. Sie essen oder trinken etwas, das sie so verändert. Gut, dass wir heute morgen die Muscheln hatten. Also esst und trinkt nichts in diesem Ort.“
    „Dann sollten wir nach unseren Pferden und dem Gepäck sehen und die Vorräte heraus holen“, meinte Ragan. „Und dann müssen wir sehen, wie wir allein mit dem Schiff klar kommen.“


    Freundlichkeit und gutes Essen


    Die Pferde waren gut versorgt, aber von den Lebensmittelvorräten waren nur noch ein knappes Kilo Trockenbrot und zwei Dosen mit Fleischkonserven übrig. Merrow blieb beim Gepäck, um es zu ordnen. Danach sollte er sich noch ein wenig im Dorf umhören und nach der restlichen Besatzung der HAIFISCH suchen, die aus mindestens zehn Mann bestanden haben musste. Ragan und Serraya machten sich auf den Weg zum Strand rechts des Dorfes, wo einige Felsen aufragten.
    Serraya sah zu dem Schiff hinaus und fragte: „Wie kommen wir da eigentlich hin? Müsste hier nicht irgendwo ein Boot liegen?“
    „Hatte ich auch gedacht.“ Ragan sah sich um und wies auf eine deutliche Schleifspur: „Sieh mal, hier haben sie es auf den Strand gezogen. Nun ist es weg.“
    „Vielleicht hat es die Flut weg gespült?“
    „Wir haben gerade Flut.“
    „Oder jemand hat es gebraucht.“
    „Im ganzen Dorf ist nirgendwo ein Boot zu sehen, nicht die kleinste Nussschale.“
    Serraya streckte die Fusskrallen heraus und zeichnete spielerisch ein Schutzsiegel in den Sand.
    „Dann müssen wir wohl schwimmen.“
    Sie liefen in die ruhige See, deren leichte Wellen sie umspielten. Wenig später stiegen sie eine Strickleiter hinauf, die an der Bordwand herab hing, und schließlich standen sie auf den knarrenden Planken des leeren Decks. Es sah ordentlich aus, aber dennoch war zu erkennen, dass das Schiff seit Wochen verlassen war. Überall lag Möwendreck, ein Seil schaukelte im leichten Wind, irgendetwas knarrte leise, etwas quietschte kaum hörbar. Ein Geruch nach Teer, Schmieröl und feuchtem Holz lag in der Luft. Ragan klopfte gegen den hoch aufragenden Zylinder des einen der beiden Turbosegel, die mit festgezogenen Bremsen reglos wie Türme standen. Ein hohles lautes Dröhnen war die Folge, das ihn zusammenzucken ließ. Sein Nackenfell stellte sich auf.
    „Eine eigenartige Atmosphäre“, meinte Serraya. „Deshalb also bezeichnet man verlassene Schiffe als Geisterschiffe.“
    Sie öffneten unverschlossene Türen und betraten die Brücke. Steuerrad, Windmesser, Kompass, ein Rechner mit einer abgegriffenen Kurbel, die Trichter zweier Sprachrohre und ein Chronometer, das ebenso stehen geblieben war wie Ragans Taschenuhr und deshalb nutzlos, da auch im Dorf niemand eine Uhr hatte - auf den ersten Blick sah alles unkomplizierter aus als auf einem Flussdampfer. Er entzündete eine Laterne und ging nach hinten in den Maschinenraum, der ihm für ein Segelschiff allerdings sehr kompliziert schien. Da waren Schmierölbehälter, Drehzahlmesser, etliche Handräder und Hebel, und über Kupplungen, Wellen und Getriebe ließen sich auch noch irgendwelche Mechaniken durch die Segel und Windräder betreiben.
    „Ein Glück, dass Merrow auf einer Maschinenbauschule war“, sagte Ragan. „Er wird sich hier hoffentlich zurecht finden.“
    „Wir sollten sehen, was wir noch Brauchbares finden“, meinte Serraya und ging zur Brücke zurück. „Sieh mal da, ein Fernglas – wenn das nicht wie gerufen kommt!“
    „Ein Glück! Endlich haben wir wieder eins.“
    In der Kombüse entdeckten sie zu ihrer Freude noch einen großen Vorrat verschiedenster Konserven, außerdem fanden sich nützliche Dinge wie Lampenöl und Kerzen, mit denen sie ihre Vorräte auffrischen konnten.
    Am Heck fand sich außerdem ein zweites Boot, das sich mittels einer Seilwinde zu Wasser lassen ließ, was allerdings eine schwere Arbeit war. Während Ragan zurück ruderte, sagte er: „So unheimlich das verlassene Schiff auch ist; ich glaube, wir sollten sofort an Bord gehen, auch wenn wir heute noch nicht abfahren.“
    „Ganz meine Meinung! Wenn wir alle drei an Bord gehen und uns mit dem Schiff anfreunden, wird es auch nicht mehr unheimlich sein.“
    Das Boot schabte über Sand, sie sprangen ins flache Wasser und zogen es auf den Strand.
    Auf dem Weg ins Dorf meinte Serraya: „Wir sollten das gesamte Gepäck mitnehmen.“
    „Bist du nicht zu misstrauisch? Gut, die Leute hier sind seltsam, aber sie machen einen freundlichen und ehrlichen Eindruck. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie uns bestehlen.“
    „Nur wissen wir nicht, inwieweit sie Herr ihrer selbst sind. Sie sind wahrscheinlich ihr Leben lang zugedröhnt, womit auch immer; wahrscheinlich wird deshalb keiner von ihnen alt. Am liebsten würde ich sogar die Pferde mitnehmen, wenn wir die nur an Bord kriegten.“
    Sie mussten nach Merrow suchen, liefen kreuz und quer durch die abschüssigen Straßen, fragten Dorfbewohner, gewöhnten sich an deren unergiebige Antworten und fanden ihn schließlich in einer Weinlaube an einem Tisch mit einer hübschen karierten Tischdecke sitzend mit einer unscheinbaren jungen Frau im Arm.
    „Hallo, ihr beiden!“ rief er ihnen entgegen. „Na, wie ist das Schiff? Setzt euch, es gibt etwas Gutes zu essen!“
    „Hallo Merrow!“ Serraya setzte sich neben ihn. „Hat es geschmeckt?“
    „Aber ja!“ Er strahlte. „Ragan, setz dich doch auch – oder hast du es eilig?“
    „Ja. Wir wollten auf das Schiff.“
    „Ach, das hat doch Zeit! Wir können auch nächste Woche noch fahren, das Schiff läuft uns ja nicht weg.“ Er wandte sich an die junge Frau, die ebenso strahlte wie er: „Könntest du bitte noch zwei Becher für meine Freunde holen?“
    „Natürlich!“ Sie verschwand im Haus.
    Serraya streichelte Merrows Hals und sagte: „Kommst du vorher noch kurz mit zu den Pferden? Einer der Schecken sieht krank aus.“
    „Wirklich?“ meinte Merrow etwas widerwillig, dann strahlte er wieder. „Natürlich; wir streicheln ihn einfach wieder gesund. Weißt du, dass ich Pferde liebe?“ Ins Haus gewandt rief er: „Wir sind gleich wieder da!“
    Während Merrow den ganzen Weg über schwatzte, flüsterte Serraya Ragan ins Ohr: „Auf mein Zeichen hältst du ihn fest.“
    Ragan nickte. Im Stall war kein Mensch, nur die Pferde wandten ihnen die Köpfe zu. Serraya nahm ein Stück Holz in die Hand, das vermutlich der Stiel eines Werkzeugs sein sollte.
    „Jetzt“, sagte sie, zu Ragan gewandt. Er packte Merrows Arme von hinten und zwang ihn in die Knie, Merrow schrie erschrocken auf. Serraya nutzte seinen Schrei, um ihm das Holz zwischen die Zähne zu klemmen und ihm dann tief in den Rachen zu greifen. Merrow übergab sich ausgiebig in das Stroh; mit entsetztem Blick sah er dann auf. Serraya hatte einen der Wasserkanister geholt und ließ ihn sich die Schnauze ausspülen und trinken, während Ragan ihn noch immer festhielt.
    „Wir waren uns doch einig, dass wir hier nichts essen wollten“, sagte sie sanft.
    Merrow begann zu schluchzen: „Ich verstehe das alles nicht.“
    Ragan ließ seine Arme los und sie beide beruhigten ihn.
    „Ich gebe es zu“, sagte Ragan schließlich. „Das Dorf ist unheimlicher als das Geisterschiff. Also los, verschwinden wir!“
    Sie griffen so viel Gepäck wie sie tragen konnten und drückten auch Merrow eine Tasche in die Hand, der sich willenlos mitziehen ließ.
    Als die den Strand erreichten, konnten sie aus der Entfernung gerade sehen, wie eine Schar Kinder das Boot ins Wasser schob und es kräftig abstieß.
    Ragan ließ das Gepäck fallen, rannte durch das aufspritzende Wasser und holte das Boot zurück. Während die Kinder lachend davon liefen, warfen sie die Gepäckstücke ins Boot und sprangen hinein, als würden sie verfolgt, Ragan griff die Ruder und Serraya nahm den noch immer verstörten Merrow in den Arm. Erst als sie mit ihrem Gepäck an Deck standen und das Boot mit der Winde nach oben gehievt hatten, atmete er auf.
    „Ich hoffe, hier sind wir bis morgen in Sicherheit. Merrow hätte ich heute lieber nicht als Maschinisten.“
    Er ging auf die Brücke, Serraya folgte ihm. „Ich habe etwas für dich.“
    Sie hatte die kleine goldene Plakette mit dem Namen des Schiffes auf einen dünnen Lederstreifen gefädelt. „Normalerweise wird der Ring durch die Brust gestochen, über dem Herzen. Aber ich denke, es geht auch so; du willst dich ja sicher nicht als Kapitän der HAIFISCH verewigen.“
    Feierlich hängte sie ihm das Band um den Hals. „Kapitän Ragan.“
    Draußen läutete die Schiffsglocke und Merrow lächelte unsicher durch die offene Tür. „Herzlichen Glückwunsch!“
    Auch Ragan lächelte und legte eine Hand auf das Steuerrad. „Von jetzt an ist mir das Schiff nicht mehr unheimlich.“
    „Es ist ja auch kein Geisterschiff mehr.“
    Geändert von Tyger (06.12.2018 um 23:37 Uhr)
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    Zur See


    Sie hatten den Tag mit der Begutachtung des Schiffes verbracht und sich abends ein gemütliches Lager auf dem Boden der geräumigen Kapitänskajüte eingerichtet. Serraya meinte, dass sie diese Kajüte ordentlich einweihen sollten und startete damit eine wilde heiße Nacht. Irgendwann hatte Ragan seine Zunge auch in Merrows Schnauze und Serraya hatte ganz offensichtlich ihren Spaß daran, die beiden Männer zueinander zu drängen. Es war gegen Mitternacht, als sie endlich erschöpft einschliefen, umgeben von den leisen Geräuschen des Schiffes, dem Knarren der Planken, dem Knacken und rostigen Quietschen von Metall und dem sanften Plätschern kleiner Wellen, sich geborgen fühlend wie im Innern eines lebenden Wesens.
    Der nächste Morgen war klar und frisch. Gemeinsam mit Serraya machte sich Ragan mit der Kombüse vertraut und zauberte ein gutes Frühstück, das aus Haferbrei und verschiedenen Konserven bestand, während Merrow die Segelmaschinerie inspizierte. Als sie sich zum Frühstück in der Messe nieder ließen, deren Tisch viel zu lang für drei Personen war, meinte Merrow, dass er die wichtigsten Dinge wohl verstanden habe.
    Nach einem Schluck Kaffee fügte er hinzu: „Es sind übrigens nicht die Pilze.“
    „Wovon sprichst du?“
    „Von der Droge. Ich habe gestern keine Pilze gegessen, sondern so etwas wie Spargel. Das Gemüse ist in fast allem; die Leute sagten, es wären junge Triebe von Bäumen oder Sträuchern, die sie im Wald sammeln. Sie machen sogar Wein daraus.“
    Ragan nickte nachdenklich und stimmte zu: „Ja, so etwas wie Spargel war in fast allem, ich erinnere mich. Das erklärt wohl einiges.“
    Serraya schnitt ein anderes Thema an: „Wie finden wir eigentlich die Insel? Du sagtest, du verstehst nichts von der Navigation auf See.“
    Ragan zuckte mit den Schultern. „Wir kennen die Richtung, in der wir die Küste entlang segeln müssen. Wenn wir so weit hinaus fahren, dass wir die Küste gerade noch sehen, müsste auf der anderen Seite irgendwann die Insel in Sicht kommen. Zumindest mit dem Fernglas müssten wir sie sehen; jetzt haben wir ja wieder eines.“
    Nach dem Frühstück, während Serraya abräumte, zogen die beiden Männer gemeinsam den Anker hoch, dann verschwand Merrow unter Deck und Ragan betrat die Brücke.
    „Alles klar, ich löse die Bremsen“, hallte Merrows Stimme aus dem Trichter eines Sprachrohrs.
    Mit einem langgezogenen Quietschen begann sich der vordere der beiden zylindrischen Türme langsam in der leichten Brise zu drehen, von Windflügeln angetrieben; in Längsschlitzen bewegten sich metallene Lamellen. Kurz darauf startete mit noch lauterem Quietschen der hintere. Das Quietschen ließ nach und hörte schließlich ganz auf, als offenbar die Schmierung in Gang kam, dann begann das Schiff sich langsam zu drehen und Fahrt aufzunehmen; seltsamerweise schräg gegen den Wind. Da er nicht wusste, wie er den Segler steuern sollte, war Ragan vorerst einfach froh, dass die HAIFISCH sich von der Küste entfernte, dann probierte er einige Ruderbewegungen. Der leichte Wind, die gemächliche Geschwindigkeit und die ruhige See waren ideal zum Lernen. Eine Weile später, als er auf einen Kurs parallel zur Küste ging, trat Serraya neben ihn.
    „Und?“ fragte sie.
    „Ich habe keine Ahnung, wie diese Segel funktionieren, aber rein gefühlsmäßig verstehe ich es allmählich. Nimmst du das Fernglas und hältst Ausschau?“
    Serraya stieg auf das Dach der Brücke, Möwen begleiteten das Schiff, das mit sanft rauschender Bugwelle durch die ruhige See zog.
    „Willst du schneller fahren?“ klang Merrows Stimme aus dem Trichter.
    „Wenn das geht bei dem bisschen Wind?“
    Es ging. Die beiden Zylinder rotierten schneller und ließen das Deck vibrieren, ihr Dröhnen und Rauschen wetteiferte mit dem der lauter werdenden Bugwelle. Es war gegen Mittag, als Serraya rief: „Da ist sie!“
    Die kleine Insel lag ein gutes Stück seewärts, war aber bald auch ohne Fernglas gut auszumachen.
    „Langsamer, Merrow!“, rief Ragan schließlich durch das Sprachrohr und näherte sich vorsichtig dem Strand der Insel. Ganz langsam manövrierte er das Schiff näher, ankerte schließlich und ließ Merrow die Turbosegel stoppen. Dann ließen sie das Beiboot zu Wasser und beluden es mit Dingen, die sie vielleicht brauchen würden.
    Während Ragan ruderte, fragte Merrow: „Wie finden wir eigentlich, was immer wir suchen? Die kleine Insel ist doch ganz schön groß.“
    Ragan zuckte mit den Schultern. „Wir müssen einfach suchen. Wenn es etwas ist, was die Zeit überdauern sollte wie das Archiv bei Tempelstadt, wird es wahrscheinlich möglichst hoch über dem Meeresspiegel liegen, um es vor Feuchtigkeit schützen. Also müssen wir in den Felsen umher klettern und die Augen offen halten.“
    „Ab und zu sollten wir eine Meditation einlegen und den Geist öffnen“, ergänzte Serraya. „Der Eingang zu einem wichtigen Objekt müsste auch nach langer Zeit noch mental wahrzunehmen sein.“
    Das Boot schabte auf feinem Kies, sie sprangen ins Wasser und zogen es auf den Strand, der von den sterblichen Überresten großer Krebstiere bedeckt war, bizarren Panzern und Scheren, die aus dem Kies ragten und einen eigentümlichen Geruch verbreiteten. Die Ausrüstung vorerst im Boot lassend machten sie sich auf den Weg in die Felsen, die einige hundert Meter in die Höhe ragten. Kleine Echsen huschten davon und Seevögel flogen schreiend Scheinangriffe, um ihre Gelege zu verteidigen. Beinahe alles hier schien ausgebleicht, die hellen Felsen ebenso wie die Federn, Knochen und Schädel von Vögeln und Kleintieren, die in allerlei Nischen umher lagen und die bleichen Halme und Zweige des vertrockneten Gestrüpps vom letzten Jahr, inmitten dessen das Grün dieses Jahres wuchs. Der Weg wurde schnell zur Klettertour.
    „Ich glaube, hier sind wir richtig.“ Merrow wies auf die Überreste einer Konstruktion, von der nur noch die weißgrau blühenden Überreste korrodierten Aluminiums übrig waren. Ein großer rostiger Fleck am Boden sah aus wie die Hinterlassenschaft eines umgefallenen Schildes. Eine ebenmäßige breite Schneise zwischen den Felsen konnte man mit gutem Willen für eine ehemalige Straße halten; an den Felswänden zur Linken und Rechten befanden sich Löcher, die einst zur Befestigung wovon auch immer gedient haben mochten.
    „Da vorn!“ rief Merrow, der voraus ging.
    Die Straße endete an einem Tor, oder besser, einer großen viereckigen Öffnung im Fels, die von einer unebenen Rostfläche verschlossen war.
    „Die Türklinke wird wohl nicht mehr funktionieren“, stellte Serraya fest und Ragan ergänzte: „Vermutlich sind auch die Scharniere etwas schwergängig.“
    Er nahm einen großen Stein auf und warf ihn gegen das Tor. Mit gedämpften Dröhnen prallte er dagegen und schlug ganze Platten von Rost ab; eine braune Wolke stob auf. Merrow wiederholte das Spiel und bald hatten sie ein schartiges Loch in das dicke Tor geschlagen, das fast nur noch aus Rost bestand. Merrow steckte den Kopf hinein und murrte: „Es ist völlig finster da drin; nichts zu sehen.“
    Ragan erwiderte: „Was hast du erwartet – einen brennenden Kronleuchter?“
    Sie vergrößerten die Öffnung, um etwas Tageslicht hineinzulassen, aber es war lediglich eine große leere Vorhalle zu erkennen, von der aus ein Gang in den Berg hinein zu führen schien.
    „Wir sollten die Lampen holen“, meinte Serraya. „Wer weiß, was uns erwartet.“
    Bis zum Boot war es keine Viertelstunde Weg, doch Ragan beschlich plötzlich ein unheimliches Gefühl. Sie hatten das Boot unbewacht zurück gelassen und angenommen, dass die kleine Insel unbewohnt war. Was, wenn hier jemand lebte, vielleicht sogar jemand von noch seltsamerem Wesen als jene immerhin freundlichen Dorfbewohner? Die Insel sah zwar unbewohnt aus, sehr unbewohnt sogar, aber trotzdem atmete er auf, als er das Boot unberührt am Strand liegen sah. Nur eine halbmetergroße Krabbe hatte sich darin eingerichtet und war eifrig damit beschäftigt, mit ihren riesigen Scheren die Tasche mit der Ausrüstung in Stücke zu reißen und auszuräumen.
    „Hey!“ schrie Merrow und rannte zum Boot, um die Krabbe zu verscheuchen. Mit überraschender Schnelligkeit griff das bizarre Tier ihn jedoch an und er musste sich mit einem schnellen Sprung vor den klackenden Scheren in Sicherheit bringen. Die Krabbe verschwand in Sekundenschnelle im Meer und Serraya und Ragan brachen in Gelächter aus, in das schließlich auch der verdutzte Merrow einstimmte, dabei protestierend: „Hey, das war nicht lustig! Habt ihr die Scheren gesehen?“
    Während Merrow nach den Lampen und Feuerzeugen griff, bemerkte Ragan, dass jenes unangenehme Gefühl noch nicht ganz verschwunden war.
    „Wir sollten am besten gleich die ganze Ausrüstung vom Schiff holen“, meinte er. „Auch ein Gewehr.“
    „Das Tor war zu“, erwiderte Merrow. „Da kann kein größeres Tier drin hausen; wir sind die ersten seit tausend oder mehr Jahren, die da hinein gehen.“ Er verschluckte sich fast an den letzten Worten und bekam große Augen; offenbar war ihm das Grandiose der Sache eben erst bewusst geworden.
    „Mann!“, flüsterte er. „Die ersten seit so langer Zeit!“
    Serrayas Hand war zu dem großen Messer an ihrem Gürtel gewandert, als wollte sie sich davon überzeugen, dass es noch da war. Sie nickte und sagte langsam: „Erinnere dich an den Ausflug mit Jark. Ich hatte da oben ein ungutes Gefühl.“
    Mit einem Blick zum Himmel sagte Ragan: „Es ist schon Nachmittag, außerdem habe ich Hunger. Ich glaube, wir sollten uns Zeit nehmen und erst zum Schiff zurückkehren, um etwas zu essen; wer weiß, wie lange wir dort drin bleiben und wieviel Kraft wir brauchen werden.“
    „Es gibt wieder nur Konserven“, meinte Serraya zustimmend. „Merrow hat ja gerade eine üppige Mahlzeit davon laufen lassen.“
    Ragan bemerkte, dass es ihr darum ging, die Stimmung aufzulockern, und stimmte in ihr Lachen ein. In gespielter Empörung fing Merrow eine kleine Rauferei an und bald wälzten sie sich alle drei lachend am Boden.


    Geister und Schüsse


    Es war später Nachmittag, als sie zur Insel zurück ruderten, diesmal mit sorgfältig zusammen gestellter Ausrüstung, zu der auch ein Gewehr mit reichlich Munition gehörte. Vielleicht würde ihre Expedition bis in die Nacht dauern; ob es draußen dunkel wurde, konnte ihnen unter der Erde egal sein.
    „Ich bin so wahnsinnig aufgeregt“, sagte Merrow. „Was glaubt ihr, was wir finden?“
    Serraya warf ihm einen Seitenblick zu und meinte grinsend: „Eine große Garage mit ein paar verrotteten Lastwagen darin. Was sonst?“
    Vor dem Tor entzündeten sie drei Lampen mit verstellbaren Reflektoren und beschlossen, das als Durchstieg gerade ausreichende Loch nicht weiter zu vergrößern, um möglichst wenig zu zerstören. Merrow stieg als Erster hindurch und kurz darauf hallte seine enttäuschte Stimme nach draußen: „Das gibt's doch gar nicht! Serraya, woher hast du das gewusst?“
    Sie folgten ihm und sahen sich tatsächlich inmitten einer großen Garage. Die darin stehenden Automobile, seltsam schlichte, schmucklose und offenbar nicht dampfgetriebene Gefährte, waren erstaunlich gut erhalten. In all den Jahrhunderten hatten sie zwar reichlich Rost angesetzt und waren von Staubschleiern bedeckt, waren aber nicht zerfallen.
    Ragan ließ den Lichtkegel seiner Lampe schweifen und entdeckte einige Türen, die keinerlei Rost zeigten.
    „Kopf hoch, Merrow“, sagte er. „Da geht es weiter.“
    An einem grünen Lastwagen vorbei, dessen Gummireifen sich in unförmige, zerbröselnde Gebilde verwandelt hatten, gingen sie über rissigen Betonboden auf eine graue Tür zu, Serraya voran. Vorsichtig drückte sie die Klinke herab, die mit einem Klacken nachgab.
    „Eine über tausend Jahre alte Türklinke dürfte nicht mehr so einfach funktionieren“, flüsterte Ragan.
    Langsam zog Serraya an der Tür, die sich mit lautem Quietschen öffnete und leuchtete dahinter.
    „Ein Gang.“ Sie flüsterte ebenfalls, aufatmend.
    An Decke und Wänden des breiten Ganges zogen sich Leitungen entlang, durchsetzt von allerlei Installationen. Einiges sah rissig aus, zerbröselt und teilweise herab gefallen, anderes schien noch in gutem Zustand zu sein; Spinnweben und Staubfäden hingen herab. Die Luft roch muffig und nach Staub.
    Geändert von Tyger (08.12.2018 um 09:10 Uhr)
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    „Seht mal!“ Merrow richtete das Licht seiner Lampe auf den Boden. Ragan erkannte sofort, was er meinte. An den Seiten des Ganges, auf einem von den Wänden aus etwa zehn Zentimeter breiten Streifen, war der Boden so schmutzig, wie er sein müsste. Dazwischen jedoch schien jemand gefegt zu haben.
    Ragan flüsterte Merrow zu: „Deinen Onkel zu besuchen war eine gute Idee; diesmal sind wir vorbereitet.“
    Serraya und Merrow trugen Gewehre über der Schulter und er selbst eine Axt am Gürtel. Er fragte sich, ob das reichen würde gegen solch ein Maschinenwesen, wie es ihnen dort begegnet war. Immerhin waren Automaten zumindest in der heutigen Zeit umso empfindlicher, je komplizierter sie waren – und etwas, das nach tausend Jahren noch funktionierte, sich wahrscheinlich selbst reparieren oder vielleicht gar reproduzieren konnte, musste zweifellos ungeheuer kompliziert sein.
    Serraya, die noch immer voraus ging, öffnete eine weitere Tür am Ende des Ganges, nicht ohne vorher das Gewehr von der Schulter zu nehmen und zu spannen. Diese Tür quietschte nicht. Der Gang führte dahinter einfach weiter, sah hier jedoch noch deutlich sauberer aus. Die Installationen an Wänden und Decke machten einen noch funktionstüchtigen Eindruck. Serraya blieb stehen und richtete angespannt die Ohren auf. Ein leises Hintergrundgeräusch, etwas wie ein Summen, war mehr zu ahnen als zu hören. Links und rechts des Ganges begann von hier aus eine regelmäßige Folge von Türen. Vorsichtig ging Serraya weiter, Ragan und Merrow folgten ihr, schleichend, um Lautlosigkeit bemüht. Ragan zuckte zusammen, als plötzlich ein Licht an der Decke aufflammte. Wie erstarrt blieben sie stehen.
    „Das ist nur eine Lampe“, flüsterte Serraya schließlich.
    „Und wieso geht sie gerade jetzt an?“ zischte Merrow, das Gewehr an der Hüfte im Anschlag haltend.
    Ragan legte ihm die Hand auf die Schulter. „Vorsicht mit dem Gewehr!“
    Sie gingen weiter, wobei Serraya alle Türen auf der rechten und er selbst alle Türen auf der linken Seite probierte. Sie waren alle verschlossen. Was nicht heißen musste, dass sie sich von der anderen Seite nicht öffnen ließen. Nachdem sie alle passiert hatten, könnten sie sich sogar alle gleichzeitig öffnen und was auch immer heraus kommen und ihnen den Rückweg versperren. Ein Seitenblick zeigte ihm, dass es Merrow noch schwerer fiel als ihm, die Angst zu unterdrücken. Der Gang beschrieb einen Bogen und sie verließen den Schein der einzigen funktionierenden Lampe, die hinter ihnen in der Dunkelheit verschwand. Schließlich sahen sie sich vor einer weiteren Tür, die den Gang abschloss.
    „Irgendwo muss doch Schluss sein“, flüsterte Merrow, während Serraya anscheinend ungerührt nach der Klinke griff. Ragan bewunderte ihre Nerven und erwiderte leise: „Fragt sich nur, wie sich Schluss hier definiert.“
    Hinter der aufschwingenden Tür kam ein großer Raum in Sicht, ein Saal beinahe, dessen sämtliche Wände von allerlei Installationen und grauen Fenstern bedeckt waren. In Hüfthöhe waren Konsolen angebracht, voll von Tastaturen, die an Schreib- oder Rechenmaschinen erinnerten.
    Diesmal ging Merrow voraus, dem die Neugier Mut verlieh.
    „Seht euch das an!“ raunte er und ging auf eine der Konsolen zu. „Bestimmt war das alles elektrisch!“
    Plötzlich flackerte erneut ein Licht auf, diesmal nicht an der Decke, sondern mitten im Raum, ein Licht von durchdringendem Gelb, das Gestalt annahm und zu einem Kopf ohne Körper wurde, welcher frei in der Luft schwebte. Merrow schrie auf, Ragan selbst zuckte zusammen. Der leuchtend gelbe kahle Kopf ähnelte dem eines antiken Menschen, schien aber dennoch eine seltsame Art von Tiertyp zu haben. Er richtete seine leuchtenden und trotzdem wie blind scheinenden Augen auf sie und öffnete den Mund, um mit einer unheimlich hallenden, eiskalten Stimme zu reden:
    „Specterformat Gelb aktiviert. Bleiben Sie, wo Sie sind und nennen Sie Ihren Namen und das Passwort!“
    Ragan spürte, wie sich jedes einzelne Haar seines Fells sträubte; jenes Wesen strahlte eine beinahe greifbare Bedrohlichkeit und Kälte aus.
    „Was will er?“ zischte Serraya. „Unsere Namen und was?“
    Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass der Kopf in einer toten Sprache geredet hatte, mit anderem Klang und anderer Betonung als er sie in der Priesterschule gelernt hatte. So also hatten sie damals geredet!
    „Er fragt nach einer Parole!“
    „Aber die wissen wir doch nicht!“ wisperte Merrow tonlos.
    Der Kopf, der eine Art Wächter sein musste, wiederholte seinen Spruch.
    Serraya sagte laut und deutlich: „Mein Name ist Serraya LX Felstal. Ich bin berechtigt, hier zu sein.“
    „Nennen Sie das Passwort, Serraya LX Felstal“, erwiderte der Kopf mit seiner eiskalten Geisterstimme.
    Vielleicht lässt er sich verwirren, wenn wir alle durcheinander reden, dachte Ragan und stellte sich nun selbst vor. Als daraufhin der Kopf die Frage nach dem Passwort nun an ihn richtete, raunte er Merrow zu: „Los, jetzt du!“
    Bevor Merrow sich fasste, hallte eine Stimme durch den Raum, die nicht die des Kopfes zu sein schien: „Drei Eindringlinge in Kontrollraum zwei. Verteidigungssystem aktiviert.“
    „Jetzt wird es kritisch“, raunte Serraya, während Ragan für Merrow übersetzte. Der Kopf fragte erneut nach dem Passwort und an den Wänden begannen hier und da Lichter aufzuleuchten. Irgendwo in der Wand klickte etwas.
    Aufs Geratewohl probierte Ragan, was ihm einfiel: „Insel, Automobil, Schiff, Krabbe, Archiv ...“
    Merrow verlor die Nerven und schoss auf den gelben Kopf, einmal, zweimal, immer wieder. Das Mündungsfeuer tauchte den Saal in zuckendes Licht, die Schüsse dröhnten Ohren betäubend, Querschläger heulten, Glas splitterte, dann war das Magazin leer und der Kopf noch immer unbeschadet. So durchscheinend und geisterhaft, wie er aussah, machte er auch nicht den Eindruck, als könnten Gewehrkugeln ihm etwas anhaben. Ganz im Gegenteil schien er in den Schwaden von Pulverdampf, die nun in der Luft lagen und in den Augen brannten, festere Form anzunehmen. In der gegenüberliegenden Wand öffnete sich eine Tür, indem sie brummend zur Seite glitt; irgendetwas bewegte sich in der schwarzen Öffnung.
    „Raus hier!“ rief Serraya und sprang zur Tür. Ragan packte den wie erstarrt stehenden Merrow und zog ihn mit sich.
    Draußen im Gang näherte sich dröhnend etwas Dunkles, an dem zwei schwache gelbe Lichter wie Augen glommen.
    „Zurück!“ brüllte Ragan. Sie stürzten zurück in den Saal, wo der Kopf und was auch immer sonst noch lauerte, sprangen von der Tür weg und schlugen sie zu – keine Sekunde zu früh. Ein Maschinengewehr begann draußen zu hämmern, dessen Geschosse große ausgefranste Löcher in die Eisentür rissen. Von der anderen Seite her näherten sich metallisch klappernde Schritte. Ein Blick zeigte ihm, dass ein metallenes Spinnenwesen auf sie zu kam, ähnlich dem bei Jark. Ein Schuss aus Serrayas Gewehr schlug das Ding ein Stück weit zurück, schien aber nur eins seiner acht Beine leicht beschädigt zu haben. Das Maschinengewehr war verstummt, dafür näherte sich vom Gang her das Dröhnen. Auch Serrayas zweiter Schuss richtete nur wenig aus.
    „Merrow, lad dein Gewehr nach!“ schrie Ragan und riss die Axt vom Gürtel. Er hatte Teile an dem Spinnenautomaten entdeckt, die aus Glas zu bestehen schienen und vielleicht etwas wie Augen sein mochten; auf jeden Fall sahen sie nach einer empfindlichen Stelle aus. Unterhalb der Beinansätze glaubte er etwas wie Schläuche zu sehen, die ebenfalls eine Schwachstelle sein konnten. Er sprang auf das Ding zu, das ihn mit verschiedenen bizarren Armen und Auswüchsen zu greifen und aufzuspießen versuchte, und schlug gezielt mit der Axt zu. Es knallte, Funken sprühten, Qualm stieg auf und der Automat begann unkontrolliert im Kreis zu laufen. Bevor er triumphierend nachsetzen konnte, erscholl hinter ihm ein Ohren betäubendes Krachen und die Tür wurde mitsamt dem Rahmen von einem Kasten auf Raupenketten aus der Betonwand gerissen.
    „Da rein!“ schrie Serraya und zeigte auf die Tür, aus welcher der Spinnenautomat gekommen war, gleichzeitig gab sie einen Schuss auf das Raupenfahrzeug ab und schleuderte ihre Lampe nach ihm, warf sich auf den Boden und rollte zur Seite. Sie hatte wohl gehofft, es mit der Lampe in Brand zu setzen, doch das hatte nicht funktioniert; das Öl spritzte über das Fahrzeug, ohne sich zu entzünden. Wieder ratterte das Maschinengewehr, Ragan und Merrow rannten geduckt zu der Tür, Serraya folgte ihnen. Der kleine Raum hinter der Tür bot etwas Deckung, hatte aber keinen anderen Ausgang. Sie saßen in der Falle. Merrow hatte es noch immer nicht geschafft, sein Gewehr neu zu laden; Ragan riss es ihm aus der Hand und füllte das Magazin auf. Der beschädigte Automat lief noch immer lahmend im Kreis umher und behinderte das sich nähernde Raupenfahrzeug. Das Maschinengewehr verstummte und ein Blick um den Türrahmen zeigte Ragan, dass das Fahrzeug nun doch brannte; vermutlich hatten die eigenen Schüsse das Öl entzündet. Schwaden von Qualm füllten den Saal, beleuchtet vom flackernden Schein des Feuers.
    „Wie kriegen wir die verdammte Tür zu?“ Ragan zerrte an der Schiebetür, die von selbst in die Wand gefahren war; etwas wie ein Griff oder ein Auslösehebel für die Mechanik war nicht zu finden. Das brennende Fahrzeug näherte sich dröhnend auf seinen quietschenden Raupenketten.
    Merrow hatte eine Idee: „Vielleicht können wir es ablenken!“
    Er löste den Riemen seiner Umhängetasche und warf sie quer durch den Saal. Das wie ein Kopf auf dem Fahrzeug sitzende Maschinengewehr drehte sich in jene Richtung und gab einen einzelnen Schuss ab, das Fahrzeug verharrte.
    „Es klappt!“ flüsterte Merrow erregt.
    Das Fahrzeug schien Ohren zu haben; sofort drehte sich das Gewehr brummend in ihre Richtung zurück. Merrow riss sich den Gürtel aus der Hose und schleuderte auch ihn durch den Saal, noch weiter als die Tasche. Wieder gelang es ihm, das Fahrzeug dadurch zu verwirren.
    Serraya hatte etwas beobachtet; sie beugte sich zu Ragan herüber und wisperte ihm ins Ohr: „Es schießt meistens rechts vorbei.“
    Die Ohren der Maschine waren offenbar sehr gut; sie reagierte sofort auf Serrayas fast unhörbares Flüstern und näherte sich weiter; nur wenige Meter fehlten noch, dann würde sie sie erreicht haben. Kurz entschlossen zog Merrow das Letzte aus, was er noch trug, seine Hose. Als er sich nach vorn beugte, um sie zu werfen, krachten Schüsse, Serraya sprang nach vorn und schoss zurück, Merrow warf und seine Hose landete auf den beschädigten Spinnenautomaten. Diesen hatte das Ding bisher offensichtlich als Verbündeten erkannt und ignoriert; dass er jetzt jedoch das als feindlich erkannte Kleidungsstück trug, schien es zu verwirren. Wieder hämmerte das Maschinengewehr und riss den Automaten in Stücke.
    Ragan erkannte plötzlich die Chance zu entkommen. Das Gewehr zeigte jetzt genau in die andere Richtung und würde ein paar Sekunden brauchen, um sich zu drehen – in der Zeit könnten sie es bis zur Tür schaffen. Sein Blick traf den Serrayas und Merrows, die dasselbe dachten. Das Fahrzeug gab ein paar Einzelschüsse auf den Automaten ab, dessen Überreste sich noch immer hartnäckig bewegten.
    „Jetzt!“ riefen sie alle drei gleichzeitig und stürzten aus der Tür. Die Schüsse verstummten, das Brummen des sich drehenden Gewehrs und das Rasseln und Quietschen der Raupenketten erscholl. Ragan und Serraya erreichten den Gang, Schüsse rissen hinter ihnen Betonsplitter aus der Wand. Einige der Türen links und rechts standen ganz oder teilweise offen, Serraya riss eine auf der rechten Seite auf, zerrte Ragan mit sich hinein und schlug die Tür zu.
    „Merrow!“ schrie er. „Wo ist Merrow?“
    Serraya hielt ihm die Schnauze zu. Auf dem Gang draußen dröhnte das Fahrzeug vorüber und entfernte sich. Erst als seine Geräusche fast nicht mehr zu hören waren, ließ sie ihn los und sagte tonlos: „Er war hinter uns und ist über ein Trümmerstück gestolpert; wir hätten es nicht geschafft, ihm zu helfen.“
    „Nein ...“ flüsterte er.
    „Das Ding hat nur auf uns geschossen“, flüsterte Serraya mit einem Schimmer Hoffnung im Blick. „Komm, wir sehen nach ihm!“
    Ragan hoffte auf ein Wunder, als sie vorsichtig die Tür öffneten. Im Gang war alles ruhig; das Fahrzeug war verschwunden und auch von dem Spinnenautomaten war nichts mehr zu hören. Auch nichts von Merrow. Rauchschwaden zogen durch den Gang, von dem gelbem Schein des Geisterkopfes im Saal beleuchtet.
    Aus dem Saal hallte wieder die seelenlose Stimme: „Eindringlingsalarm aufgehoben. Verteidigungssystem deaktiviert. Specterformat Gelb deaktiviert.“
    Das gelbe Leuchten erlosch. Das alles konnte nur eins bedeuten. Ragan fühlte sich elend; er rief alle Götter um ein Wunder an. Er gab sich einen Ruck und zwang sich, in die Halle zu sehen. Und dankte den Göttern für das Wunder. Merrow kniete auf allen Vieren am Boden und sah sich ängstlich im Raum um. Als Ragan mit einem Freudenschrei auf ihn zu laufen wollte, schlug ihm Serraya die Hand auf die Schnauze und hielt ihn zurück.
    „Der gelbe Kopf wird uns wieder bemerken“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
    Er nickte – sie hatte natürlich recht. Aber wieso bemerkte er Merrow nicht? Der stand mit einem Seufzer der Erleichterung auf. Im nächsten Augenblick zuckte er zusammen, als unvermittelt der Kopf wieder auftauchte und mit seiner eiskalten Geisterstimme zu reden begann, dann rannte er aus dem Saal zu Serraya und Ragan. Sie zogen sich ein Stück weit in den Korridor zurück, außer Sichtweite der gelb leuchtenden toten Augen und warteten atemlos. Nach einer Weile verschwand die Helligkeit im Saal, der Kopf war weg.
    Jetzt endlich sagte Ragan: „Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist. Wir hätten dich nicht zurück lassen dürfen.“
    Merrow schüttelte den Kopf. „Ich weiß zwar nicht, warum die mich nicht wollten, aber eins ist sicher: Wenn ihr zurück gekommen wärt, dann wären wir jetzt alle drei tot.“
    Erst jetzt kamen sie dazu, ihre zahlreichen Verletzungen zu beachten, die vor allem umher fliegende Splitter hinterlassen hatten. Serraya hatte eine Verletzung am linken Unterschenkel und hinterließ blutige Fußabdrücke, ein tiefer Riss, vielleicht auch Streifschuss in Ragans Schulter hatte das Fell seines rechten Arms mit Blut getränkt und Merrow hatte an Brust und Rücken tiefe Kratzer davon getragen und blutete am rechten Unterarm.
    Während die Männer ihre Wunden leckten, meinte Serraya nachdenklich: „Dieses Ding hat dich erst bemerkt, als du aufgestanden bist. Vielleicht reicht sein Blickwinkel nicht bis zum Boden hinab.“ Bevor jemand antworten konnte, setzte sie kurzentschlossen hinzu: „Los, das probieren wir aus!“
    Sie lief zu dem unregelmäßigen Loch, das der heraus gerissene Türrahmen hinterlassen hatte, ging auf die Knie und lief auf allen Vieren in den Saal hinein. Sofort tauchte der gelb leuchtende Kopf aus dem Nichts auf. Sie reagierte sofort, sprang auf und rannte hinaus, noch bevor er zu reden begann.
    „Verdammt, was war falsch?“ raunte sie draußen. „Ich war mir so sicher!“
    Ragan räusperte sich. „Müssen wir es jetzt wirklich darauf anlegen, nachdem wir gerade mit knapper Not überlebt haben?“
    „Ja“, erwiderte sie bestimmt. „Wenn wir jetzt nichts mehr unternehmen, wird uns die Rückkehr morgen umso schwerer fallen. Und wir sind doch schließlich nicht umsonst her gekommen, oder?“
    Ragan musste ihr recht geben. Wenn sie sich nicht länger in dem Saal aufhielten, als der Geist brauchte, um nach der Parole zu fragen, würde ihnen wohl nichts passieren.
    Merrow hatte eine neue Idee: „Dieser Kopf erscheint erst, nachdem wir bemerkt wurden, und er ist nur ein Trugbild, durch das man hindurch gehen kann. Also sieht er vielleicht gar nicht selbst, sondern mit Augen, die irgendwo versteckt sind ...“
    „... und du warst einfach in einem toten Winkel!“ ergänzte Serraya.
    „Moment mal!“ Ragan hatte plötzlich eine ganz andere Idee. „Zwischen euch beiden gibt es einen Unterschied. Du trägst Kleidung und Merrow ist nackt, nachdem er alles weg geworfen hat!“
    „Aber wieso sollte das einen Unterschied machen?“ zweifelte Merrow. „Außerdem war ich immer noch nackt, nachdem ich aufgestanden bin.“
    Ragan war sich plötzlich völlig sicher. „Passt auf!“
    Er legte seine Ausrüstung ab, zog sich vollständig aus und ging auf das Ende des Korridors zu; vor dem Eingang zum Saal ließ er sich nieder und lief auf Händen und Knien weiter, quer durch den dunklen Saal, ohne dass etwas geschah. Er holte sogar Merrows weg geworfene, arg lädierte Tasche und brachte sie hinter sich her ziehend in Sicherheit. Ohne dass der Geisterkopf aufgetaucht wäre, erreichte er den Ausgang, stand auf und überreichte dem verblüfften Merrow seine Tasche.
    „Das musst du uns erklären“, sagte Serraya.
    „Ganz einfach. Wir haben es hier mit keinem Menschen zu tun, sondern mit irgendeiner Art von Maschinerie, kompliziert, antik und unheimlich, aber wohl nichts, was denken kann wie ein Mensch. Woran erkennt so ein Ding einen Menschen?“
    „Nun, er sieht aus wie ein Mensch und er läuft auf zwei Beinen und er kann reden und ...“ Merrow brach den Satz hilflos ab, während sich auf Serrayas Miene Verstehen abzeichnete. Sie ergänzte: „Und er trägt Kleidung. Aber wenn er nun keine Kleidung trägt, nicht redet, nicht auf zwei Beinen geht und auch nicht das Gesicht eines antiken Menschen hat ...“
    „... nicht zu vergessen unser Fell, das der antike Mensch kaum oder gar nicht hatte“, übernahm Ragan wieder. „Wir können der Maschine vormachen, wir seien Tiere!“
    „Aber wieso tut sie Tieren nichts?“
    „Keine Ahnung. Vielleicht hielten sie auch damals schon Wachhunde – und die konnten sich kaum durch eine Parole zu erkennen geben, wenn sie allein kamen.“
    Serraya lachte leise. „Wenn das wirklich stimmt, ist es verrückt! Da haben sie so viel Aufwand getrieben, um Eindringlinge abzuwehren und das alles sollte derart leicht auszutricksen sein?“
    Sie legte ihre Kleidung ab und probierte es ebenfalls. Auch sie konnte sich unbehelligt auf Knien und Händen durch den Saal bewegen. In der Mitte des Saals begann sie probeweise zu reden, worauf sofort der Kopf erschien.
    „Miau, ich bin eine Katze, siehst du das nicht?“ rief sie ihm belustigt zu, während sie eilig hinaus lief.
    „Ich glaube, das reicht für heute“, sagte Ragan. „Oder?“
    Auf dem Rückweg stellten sie mit Unbehagen fest, dass einige der zuvor verschlossenen Türen einen Spalt weit offen standen, gerade weit genug, um hinaus zu spähen oder hindurch zu schießen. Vorsichtig sichernd stießen sie einige der Türen auf und leuchteten in die dahinter liegenden Räume, in denen glücklicherweise keine Gefahren zu lauern schienen. Einige erwiesen sich als Quergänge, andere offenbar als Archive – also genau das, wonach sie suchten. Aufmerksam verfolgten sie die Spuren des Kettenfahrzeugs, das sie mit dem Maschinengewehr angegriffen hatte; sie führten bis in die Garage und endeten an einem verschlossenen Metalltor an der Seite, das sie seiner unauffälligen betongrauen Farbe wegen zuvor nicht beachtet hatten. Merrow schlug vor, eines der Fahrzeuge zur Sicherheit davor zu schieben, doch diese ließen sich keinen einzigen Zentimeter weit bewegen. Ragan kam schließlich auf die Idee, einen kleineren Wagen, der in der Nähe stand, umzustürzen und das Tor auf diese Weise zu versperren. Zu dritt hievten sie den Wagen seitlich an, bis er schließlich krachend und quietschend umstürzte und zu einem Haufen verbogener Einzelteile zerfiel. Als sie endlich ins Freie stiegen, war es bereits dunkel; die Mondsichel schimmerte schwach durch den Wolken verhangenen Himmel.
    „Frische Luft!“ rief Merrow tief einatmend. „Ich wusste nicht, dass die so gut schmeckt!“
    People who deny the existence of dragons are often eaten by dragons. From within.
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    Ein blendend helles Ungeheuer


    „Das ist ja richtig schwere Arbeit!“ keuchte Merrow, der gemeinsam mit Ragan eine Kiste in Richtung Ausgang trug.
    „Ja“, bestätigte Ragan. „Und zwar eine, die Freude macht!“
    Es war tatsächlich nicht leicht, all das Material aus den ergiebigen Archiven aus der Anlage hinaus und zum Strand hinab ins Boot zu bringen, zum Schiff zu rudern und die Kisten schließlich darin zu verstauen.
    Sie waren an diesem Tag daran gegangen, die Materialien in den Räumen seitlich des Ganges zu sichten, die zum großen Teil bereits gut für einen Abtransport verpackt waren. Vieles war auf die eine oder andere Weise unbrauchbar geworden; da waren beinahe zu Staub zerfallene Papiere und Bücher sowie viele Tausende silbriger runder Scheiben und schwarze Plättchen, die vermutlich auf irgendeine Weise beschrieben waren, die nur mit Maschinen gelesen werden konnte, von denen mehr als fraglich war, ob sich hier noch ein funktionierendes Exemplar fand, ganz abgesehen von der Frage, wie man dieses bedienen sollte. Viele der Kisten enthielten eine Vielfalt völlig unverständlicher technischer Teile, die sie ebenfalls vorerst stehen ließen. Sie fanden jedoch auch Kisten voll Bücher und Bildtafeln, die nicht aus Papier, sondern einem Papier ähnlichen glänzenden Material bestanden und deren Bedruckung in all den Jahrhunderten nicht verblichen war. Wahrscheinlich waren sie von Anfang an dafür bestimmt, lange Zeiträume zu überdauern.
    Serraya half ihnen, die Kiste ins Boot zu laden.
    „Das war die zwanzigste“, stellte sie fest.
    „Wie transportieren wir die eigentlich nach Tempelstadt?“ fragte Merrow. „Wir haben nur fünf Packpferde und von denen sind mindestens zwei schon mit unserem Gepäck beladen.“
    Ragan schüttelte den Kopf. „Mit den Pferden schaffen wir das überhaupt nicht, aber wir haben doch ein Schiff! Wenn wir weiter an der Küste entlang fahren, kommen wir bis nach Muschelbank. Von da gibt es eine Straße nach Eisenfeld und wir finden dort bestimmt eine Spedition. Oder wir fahren gleich weiter bis nach Neuenhafen und verladen dort alles auf die Eisenbahn. Ein Flussdampfer käme auch noch in Frage.“
    Auf dem Weg zurück in die unterirdische Anlage sagte Merrow: „Ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt.“
    „Wie denn?“ fragte Ragan.
    „Ich weiß nicht – geheimnisvoller. Ich hatte mir Höhlen vorgestellt, in denen vielleicht ein paar Fledermäuse hausen, wo wir geheimnisvolle Dinge finden und Du alte Schriften entzifferst. Statt dessen schleppen wir Kisten heraus wie Bauarbeiter Kisten mit Ziegelsteinen. Das ist alles so ... so ernüchternd.“
    Mit einem nachdenklichen Nicken erwiderte Ragan: „Glaub mir, der Inhalt der Kisten ist ganz sicher geheimnisvoll. Wenn wir uns das alles näher ansehen, wirst du bestimmt nicht enttäuscht sein. Ich verspreche, dass ich dir eine Menge daraus vorlesen werde. Davon abgesehen“, er wies auf Merrows bandagierten Unterarm: „Wenn du noch mehr dem brauchst, was wir gestern hatten – das könnte klappen. Wer weiß, was uns hier noch alles erwartet!“
    „Noch mehr schießende Maschinen?“
    „Vielleicht Schlimmeres.“
    Ragan dachte an das, was sie bei der Untersuchung jenes Saales heute vormittag noch gefunden hatten. Serraya hatte sich an das erste Geräusch erinnert, das sie gehört hatten, nachdem das gelbe Gespenst seinen Angriff erklärt hatte und eine Klappe in der Wand gefunden, die sich geöffnet hatte. Darin war eine rostige Gasflasche mit einem gelb-schwarzen Zeichen darauf, das einen Totenschädel und zwei gekreuzte Knochen darstellte; offenbar hatte an dieser Stelle ein giftiges Gas ausströmen sollen. Ob sich das im Laufe eines Jahrtausends verflüchtigt oder die Mechanik einfach nicht mehr funktioniert hatte – es war reines Glück, dass sie noch am Leben waren. Auch die Sache mit den Türen war geheimnisvoller als ihm lieb war, denn einige der gestern Nacht geöffneten waren heute verschlossen, andere dafür geöffnet. Hier und da brannten auch noch schwache oder flackernde Lampen und jenes diffuse allgegenwärtige Hintergrundgeräusch zeugte davon, dass etwas in der Tiefe arbeitete. Er sorgte sich nicht zuletzt deshalb darum, möglichst schnell so viel wie möglich in Sicherheit zu bringen, weil er mit irgendeiner bösen Überraschung rechnete, die die Bergung der Schätze jeden Augenblick beenden konnte.
    „Seht mal!“ hörten sie den Ruf von Serraya aus dem Gang hallen, während sie durch den inzwischen erweiterten Durchstieg im Tor kletterten. „Dieser Seitengang führt nach unten und ist ziemlich breit. Sehen wir nach, wo der hin führt?“
    Sie folgten ihr in den abwärts führenden Gang, der mehrere Biegungen beschrieb, so dass seine Richtung bald völlig unklar war. Seitliche Türen gab es hier so gut wie keine, dafür schien der Wust von Kabeln und allerlei Installationen, der sich an der Decke entlang zog, noch dichter zu sein als in dem oberen Gang. Das dumpfe Hintergrundgeräusch wurde lauter. Schließlich trafen die Lichtkegel ihrer Lampen auf eine abschließende Tür, die ebenso breit war wie der Gang selbst. Wie auf Kommando blieben sie stehen und sahen sich an.
    „Vielleicht sollten wir uns gleich ausziehen und auf allen Vieren hinein gehen“, schlug Merrow vor.
    „Sehen wir erst einmal, ob die Tür überhaupt offen ist.“ Ragan ging zur Tür und drückte dagegen. Sie bewegte sich nicht. Es gab nichts, das wie eine Klinke oder eine Verriegelung aussah.
    „Was nun?“
    Merrow wies auf einen Kasten, der an der Wand rechts der Tür angebracht war. Neben verschiedenen Erhebungen, Vertiefungen und Schlitzen fand sich daran eine mit Ziffern beschriftete Tastatur. „Könnte das nicht eine Art von Zahlenschloss sein?“
    Ragan schüttelte zweifelnd den Kopf. Dass die geheimnisvolle alte Geistertechnologie nach tausend Jahren noch teilweise funktionierte, konnte er hinnehmen, weil er sie nicht verstand – aber ganz gewöhnliche Tasten? Er dachte an das Fahrzeug, das beim Umkippen zerfallen war. Andererseits hatte das schießende Kettenfahrzeug noch gefährlich gut funktioniert ...
    „Warum nicht“, meinte er. „Versuchen wir es.“ Er drückte auf die Taste 1; sie war schwergängig, ließ sich aber drücken. Ansonsten tat sich jedoch nichts. Serraya drückte die 0; diesmal glomm ein mattes rotes Leuchten durch die Staubschicht auf einem kleinen grauen Fenster. Merrow versuchte die 5 und das Licht veränderte sich ein wenig.
    „Wenn ich das Ding aufschrauben könnte“, grübelte Merrow. „Mit der Mechanik von Zahlenschlössern kenne ich mich aus!“
    „Wollen wir wetten, dass das nicht mechanisch funktioniert?“ erwiderte Serraya. „Außerdem sind die Schrauben tausend Jahre alt!“
    „Also versuchen wir es mit Glück.“ Ragan begann wahllos Tasten zu drücken. „Oder hat jemand eine bessere Idee?“
    Serraya untersuchte die Tür und stellte fest: „Das scheint eine Schiebetür zu sein und sie sieht ziemlich stabil aus. Mit Gewalt kommen wir da ...“
    Ein sirrendes Geräusch unterbrach sie, ein roter Schein erleuchtete den Gang und eine eisige Stimme erscholl: „Specterformat Rot aktiviert. Identifizieren Sie sich mit Ihrem Ebene 2 Zugang, Sie haben fünf Minuten Zeit bis zur Aktivierung der Selbstzerstörung.“
    Ragan fuhr erschrocken herum und sah sich einem durchscheinenden Geisterkopf gegenüber, gleich jenem, den sie schon kennengelernt hatten, nur leuchtete dieser hier rot.
    „Er will eine Parole, die wir nicht kennen, richtig?“ flüsterte Merrow.
    „Ja. Und diesmal wird nicht nur geschossen!“
    „Rennen wir weg? Wir können ja durch ihn hindurch laufen!“
    „Nein“, meinte Serraya. „Wer weiß, wie der hier darauf reagiert. Wir ziehen uns besser aus.“
    Sie begann damit, ihre offene Jacke abzulegen.
    „Sie haben vier Minuten Zeit bis zur Aktivierung der Selbstzerstörung.“
    Eilig legten sie alles ab, was sie an sich trugen und gingen auf die Knie.
    „Sie haben drei Minuten Zeit bis zur Aktivierung der Selbstzerstörung.“
    „Verdammt, bei dem klappt das nicht!“ zischte Merrow.
    „Still!“ zischte Serraya zurück. „Vielleicht dauert es eine Weile. Legt euch hin!“
    Sie pressten sich flach auf den Betonboden und warteten ab, vor Erregung beinahe zitternd.
    „Sie haben zwei Minuten Zeit bis zur Aktivierung der Selbstzerstörung.“
    Ragan spürte, wie Tränen der Wut und Hilflosigkeit in seine Augen traten. Wieso konnte das verdammte Ding sie nicht wenigstens für tot halten, wenn sie regungslos am Boden lagen? Er versuchte sich vorzustellen, wie die Selbstzerstörung aussehen würde. Vermutlich waren Sprengstoffladungen in der Anlage installiert, mit denen sich alles in die Luft jagen ließ. Würde es ausgerechnet auf diese dumme Weise enden; war das wirklich schon alles?
    „Sie haben eine Minute Zeit bis zur Aktivierung der Selbstzerstörung.“ Die eiskalte Geisterstimme verriet keinerlei Gefühlsregung – natürlich nicht, der Kopf war nichts weiter als eine seltsame Art von Maschine, für die es keinen Tod gab, weil sie ohnehin kaum lebte. Jetzt aufzuspringen und zu flüchten hätte keinen Sinn; sie würden die Anlage niemals innerhalb einer einzigen Minute verlassen können. Serraya und Merrow dachten offenbar das Gleiche und blieben ebenfalls liegen. Eigentlich sollte er sich jetzt Gedanken um andere Dinge machen. Wie würde es werden nach dem Tod? Würde er Göttern begegnen und wenn ja, welchen? Oder nur in irgendeine Unendlichkeit hinein schweben? Oder würde etwas völlig anderes geschehen als die Möglichkeiten, die er in der Schule von Tempelstadt gelernt hatte?
    Er zuckte zusammen, als plötzlich ein durchdringender Ton durch den Gang zu heulen begann und brauchte eine Weile, um ihn als den Klang einer Sirene zu erkennen.
    „Die Selbstzerstörung erfolgt in 60 Minuten.“ Der Kopf verschwand, die Sirene heulte weiter.
    Aufatmend erhob er sich vom Boden.
    „Sechzig Minuten!“ stieß Merrow aus, kichernd und schluchzend zugleich. „Wir haben eine ganze Stunde Zeit!“
    Serraya atmete geräuschvoll aus und sagte tonlos: „Also dann, hauen wir ab.“
    „Die Selbstzerstörung erfolgt in 59 Minuten.“ Der Kopf war verschwunden, aber seine Stimme noch da.
    Auf dem Rückweg dachte Ragan an all die Wissensschätze, die wahrscheinlich für immer verloren waren. „Eine Stunde ist eine Menge Zeit; wir könnten noch viel in Sicherheit bringen!“ rief er.
    Serraya schüttelte energisch den Kopf. „Wenn wir eine Stunde Zeit haben, dann brauchen wir die, um weit genug weg zu kommen! Ich habe ein ganz mieses Gefühl.“
    Noch immer heulte die Sirene entnervend durch die Gänge. Das miese Gefühl hatte Ragan ebenfalls, aber er bestand darauf, wenigstens noch eine kleine und eine große Kiste bei der Flucht mitzunehmen. Keuchend erreichten sie das Boot, schoben es ins Wasser, luden die Kisten ein und ruderten eilig zum Schiff zurück.
    „Verdammt, wir haben keine Uhr!“ keuchte Ragan, während er sich in die Riemen legte. „Wieviel Zeit haben wir bisher gebraucht, zwanzig Minuten?“
    Serraya nickte. „Ja, ungefähr.“
    Das Boot hochzuhieven und den Anker zu lichten war eine anstrengende Arbeit, die ebenfalls ihre Zeit brauchte, und als sie endlich zur Abfahrt bereit waren, musste mehr als eine halbe Stunde vergangen sein. Ragan ging auf die Brücke und Merrow verschwand unter Deck, um die Segelmaschinerie zu bedienen.
    „Kann ich irgendetwas tun?“ fragte Serraya schwer atmend und stellte sich neben Ragan.
    „Nein, im Moment nicht.“ Ragan drehte das Steuerrad und nahm den Kurs zurück, den sie gekommen waren. Trotz des bedeckten Himmels an diesem Tag war der Wind schwach und die HAIFISCH nahm nur gemächlich Fahrt auf.
    „Was glaubst du, wann wir in Sicherheit sind?“ fragte Serraya. „Immerhin sind wir schon ein paar hundert Meter von der Insel entfernt; bei einer Sprengung dürfte uns da nichts mehr passieren, oder?“ Es klang nicht so, als glaubte sie selbst daran.
    „Wir haben keine Ahnung, was die damals für Sprengstoffe hatten. Wer weiß, vielleicht wird sogar ein Vulkanausbruch ausgelöst oder ein Ungeheuer frei gelassen.“
    „Ein Ungeheuer?“ Das kam aus dem Sprachrohr, durch das Merrow mitgehört hatte.
    „Was weiß ich – wenn die damals Geisterköpfe und eiserne Spinnen hatten, warum dann nicht auch Feuer speiende Drachen?“
    „Du kannst einem Mut machen“, sagte Serraya leise.
    Ragan hatte sie noch nie so unsicher erlebt; ihr mieses Gefühl musste sehr intensiv sein. Er hatte sich so an ihre draufgängerische Art gewöhnt, dass er es seltsam fand, sie beruhigen zu müssen. Während er das Steuerrad mit der Linken hielt, legte er den rechten Arm schützend um sie.
    „Kein Ungeheuer wird sich mit uns anlegen“, sagte er beruhigend. „Außerdem sind wir wirklich verdammt weit weg, bis die Stunde um ist.“
    Sie lehnte sich an ihn, während die Vibrationen der rasenden Turbosegel ihre Körper leise beben ließen und das Schiff mit gischtender Bugwelle durch die sanften Wellen pflügte.
    Merrow kam die Treppe herauf. „Die Segel laufen mit voller Geschwindigkeit; so lange der Wind sich nicht ändert, gibt es da unten nicht viel zu tun. Die Stunde müsste bald um sein, oder?“
    „Ja, ich denke schon“, erwiderte Ragan und reichte ihm das Fernglas. „Wahrscheinlich ist die Insel schon außer Sicht; sieh mal nach, wie weit sie ist!“
    Merrow verließ mit dem Fernglas die Brücke und Ragan meinte: „Der Kurs entlang der Küste liegt an und ich schätze, es werden uns kaum Balken in den Weg kommen.“ Mit einem Feststellrad fixierte er das Ruder. „Na los, schauen wir, was es zu sehen gibt!“
    Serraya lachte etwas gekünstelt. „Wahrscheinlich nur das Rauchwölkchen einer kleinen Explosion. Danach können wir umkehren und den Rest holen.“ Dass sie daran nicht glaubte, war deutlich herauszuhören.
    Als sie das Deck betraten, setzte Merrow gerade das Fernglas ab und wandte sich zu ihnen um. „Wir sind weit genug weg; hier kann uns garantiert nichts mehr passieren!“
    In diesem Augenblick zuckte ein grellweißer Blitz auf und fast gleichzeitig versengte eine Woge glühender Hitze Ragans Fell. Er hatte reflexartig die Augen geschlossen, Serraya riss ihn grob auf das Deck herab und Merrow schrie auf. Als er die Augen wieder öffnete, sah er Merrow ebenfalls auf den Decksplanken liegen, offenbar unverletzt; verwirrt fragte er Serraya, die neben ihm lag: „Alles in Ordnung?“
    Bevor sie antworten konnte, traf ein ungeheurer Schlag das Schiff. Ragan wurde nach oben und zur Seite geschleudert, Ohren betäubender Donner erfüllte die Luft, Holz splitterte, reißendes Metall kreischte, etwas schlug in seine linke Seite und raubte ihm beinahe das Bewusstsein. Scheinbar endlos lange flog er durch die Luft, als hätte irgendein Wunder ihn der Erdanziehung entrissen, dann plötzlich klatschte er schmerzhaft auf die Wasseroberfläche, tauchte unter, bekam keine Luft, strampelte sich mit reflexartigen Bewegungen nach oben, hustete, keuchte, tauchte abermals unter und wieder auf – und hätte nicht sagen können, wie lange es dauerte, bis er endlich wieder zu vollem Bewusstsein kam. Noch immer ohne nachzudenken entledigte er sich seiner Kleidung, wobei er bemerkte, dass das Wasser um ihn her blutrot war, machte langsame Schwimmbewegungen, beruhigte sich und begann die Dinge um sich her wahrzunehmen, als ob sie ihn nichts angingen. Rings um ihn war eine scheinbar endlose Wasserfläche, sanfte Wellen, die ihn wiegten, linkerhand trieb das Wrack der HAIFISCH mit abgerissenen Turbosegeln im Wasser, so schräg, dass es wohl bald sinken würde, rechterhand ragte gespenstisch ein riesiger schwarzer Pilz in den Himmel.
    Er versuchte der HAIFISCH hinterher zu schwimmen, aber entweder war die Geschwindigkeit des treibenden Wracks zu groß oder er selbst einfach zu langsam. Nach einer viertel Stunde, wie er schätzte, gab er es auf und beschloss, in Richtung Land zu schwimmen. Wenn vor ihm die HAIFISCH trieb und sich hinter ihm der allmählich zerfasernde Pilz befand, der aus der Insel empor gewachsen war, dann musste sich das Festland links von ihm befinden. Mit ruhigen Bewegungen begann er in diese Richtung zu schwimmen. Wie lange würde er wohl durchhalten? Und was war aus Serraya und Merrow geworden? Er versuchte sie mit seinem Geist zu erspüren, aber er war zu angeschlagen und das Meer zu voll von Leben, um sie ausmachen zu können; außerdem lag über allem noch der Brandhauch des stillen Feuers. Er bat die Götter, ihn nur dann überleben zu lassen, wenn die beiden es auch schafften. Die Zeit verging und seine Kraft ebenfalls, während der Kopf des unheimliche Pilzes in Richtung Meer trieb – er war wohl über den zur Küste wehenden Wind hinaus aufgestiegen. Er wusste nicht zu sagen, wie lange er schon im Wasser trieb und wie in Trance Schwimmbewegungen machte, aber die Sonne stand bereits tief über dem Horizont, als etwas seinen linken Fuß berührte. Er schrak auf und sah große dunkle Schatten unter sich hinweg ziehen. Wieder berührte ihn etwas, diesmal an der Brust, und jetzt erkannte er, was es war. Einige große Rochen mit mehr als zwei Metern Spannweite schwammen um ihn herum und stießen ihn immer wieder an. Er verstand nichts von diesen seltsamen Tieren, aber so bedrohlich sie auch aussahen, schien das, was sie taten, kein Angriff zu sein. Als eines der Tiere geradezu auffordernd unter ihm her schwamm – oder besser flog – , sich seiner lächerlich langsamen Geschwindigkeit anpassend, griff er aus einem plötzlichen Impuls heraus die Vorderkanten seiner ledrigen Flügel. Der Rochen beschleunigte, dicht unter der Oberfläche bleibend, und Ragans Herz machte einen Freudensprung, als er aufschaute und die Küste in Sichtweite kam. Er bog den Hals weit nach hinten, Wasser gischtete um sein Kinn und drang ihm immer wieder in Schnauze und Nase; er hustete und keuchte, hielt sich aber krampfhaft an dem Rochen fest, dessen Haut sich wie nasses Leder anfühlte. Die Küste war zum Greifen nahe, als das Tier ihn völlig mühelos mit einer einzigen schnellen Bewegung abschüttelte. Seines Halts beraubt, sank er nach unten, schluckte wieder Wasser und fühlte schließlich Boden unter den Füßen. Der Rochen drehte eine Abschiedsrunde um ihn und verschwand.
    „Danke“, krächzte Ragan und erbrach einen Schwall Salzwasser. Mit den Armen rudernd ging er langsam auf den Strand zu und glaubte eine ganze Ewigkeit zu brauchen, bis er ihn erreichte. Es wurde dunkel, aber wenn er sich nach rechts wandte, würde er früher oder später vermutlich auf das Wrack der HAIFISCH stoßen, das dort irgendwo angetrieben sein musste. Oder auf das Dorf ohne Namen. Er fand es plötzlich unbeschreiblich lustig, dass sie ihre Pferde in einem Dorf zurück gelassen hatten, dessen Namen sie nicht einmal kannten. Glucksend lachte er vor sich hin, nicht bemerkend, wie seine Knie nachgaben und der Sand auf ihn zu stürzte.
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    Am Morgen nach dem Schiffbruch


    Ein aromatischer Duft stieg in seine Nase und weckte ihn. Er fragte sich, was geschehen sein mochte – schließlich war er doch eben noch den Strand entlang gelaufen und nun lag er zwischen weichen Decken und blinzelte in flackernden Lichtschein, der von einem Feuer her rühren musste.
    „Ragan?“ Da war Serrayas Gesicht über ihm. Er versuchte zu antworten und musste mehrmals ansetzen, bis er einen Ton heraus brachte. In seiner linken Seite pochte ein dumpfer Schmerz und ihm wurde klar, dass er sich weit mehr als gedacht verausgabt hatte.
    „Ja“, flüsterte er. „Ich bin wieder da.“
    „Ragan!“ Das war Merrow, sein Gesichtsfell war nass von Tränen. „Ich bin so froh ...“
    Mit einiger Mühe hob er ihm die Hand entgegen. „Ich bin auch froh, euch beide wiederzusehen.“ Er wunderte sich selbst darüber, wie schwach seine Stimme klang.
    „Ich dachte, du wärst tot“, schluchzte Merrow. „Serraya hat dich gefunden. Ohne sie ...“
    Er wandte ihr den Blick zu. „Danke. Du hast mir schon wieder das Leben gerettet. Beim nächsten Mal bin ich an der Reihe.“
    Sie beugte sich zu ihm herab und flüsterte ihm ins Ohr: „Vielleicht kannst du mir auch einfach irgendwann etwas verzeihen.“
    Eine Sekunde lang wollte er fragen, was sie damit meinte, dann nötigten sie ihn dazu, etwas aromatischen Tee zu trinken. Bevor er wieder einschlief, hörte er Serrayas leise Worte, die im Knistern des Feuers beinahe untergingen: „Es ist ein Wunder. Er hat viel Blut verloren; ich weiß nicht, wie er bis zum Ufer kommen konnte.“
    Als er am nächsten Morgen erwachend in die aufgehende Sonne blinzelte, fühlte er sich weit besser. Unter den provisorischen Verbänden, die Serraya ihm angelegt hatte, spürte er nur leichte Schmerzen. Sie hatten am Strand übernachtet und ihre Decken waren nun vollgesogen von der Feuchtigkeit der Nacht, die auch das Feuer gelöscht hatte. Alles war kühl und klamm, doch die Strahlen der Morgensonne wärmten und trockneten rasch.
    Das Wrack des einst so schönen Turboseglers lag dicht am Strand, wohin die Flut es getragen hatte, und bot einen traurigen Anblick. Sein Herz krampfte sich zusammen, als er an die geborgenen Schätze dachte. Was mochte aus den Kisten geworden sein?
    „Wir haben die Kisten sicher an Deck vertäut“, sagte Merrow, als hätte er seine Gedanken erraten. „Vielleicht sind sie nicht einmal nass geworden.“
    Das Boot war zertrümmert worden, aber da Ebbe herrschte, war es kein Problem, das Schiff zu Fuß zu erreichen und die Kisten zu holen, deren Inhalt wunderbarerweise trocken und unbeschädigt war. Obwohl Merrow und Serraya es ihm auszureden versuchten, bestand er darauf, beim Schleppen der Kisten zu helfen. Als die endlich am Strand in Sicherheit waren, spürte Ragan, dass er sich übernommen hatte. Ein Schwindelanfall ließ ihn zu Boden gehen und Serraya brachte ihm eilig etwas zu trinken.
    „Jetzt sollten wir uns endlich Zeit für ein Frühstück nehmen“, sagte sie.
    „Wie geht es nun eigentlich weiter?“ fragte Merrow. „Wie kriegen wir die zwanzig Kisten von hier weg?“
    Beim Frühstück einigten sie sich darauf, dass Ragan und Merrow zu Fuß zum Dorf gehen, die Pferde holen und möglichst noch ein paar dazu kaufen sollten, während Serraya bei den Kisten und sonstigem Gepäck zurück blieb. Irgendwie mussten sie es dann schaffen, die Kisten zu Pferd an der Küste entlang nach Muschelbank zu transportieren.
    „Was war das eigentlich?“ fragte Merrow plötzlich.
    „Was meinst du?“ fragte Ragan zurück.
    „Dieser Blitz, die Explosion – das war ... ich meine, so etwas gibt es doch gar nicht!“
    „Das war eine Atombombe.“
    „Aber die gab es doch nicht wirklich, das sind doch nur Geschichten!“
    „Das dachte ich auch immer. Aber die Überlieferungen beschreiben ziemlich genau das, was wir erlebt haben. Zum Glück hat der Wind den Pilz auf die See hinaus getrieben.“
    „Wieso zum Glück? Was hätte denn noch passieren können?“
    „Uns schadet das stille Feuer nicht allzu sehr, aber auf dem Land würde es vermutlich eine Menge Tiere krank machen oder gar töten. Im Meer verteilt es sich.“
    „Wisst ihr, wie so etwas funktioniert?“ fragte Serraya in einem seltsamen Tonfall. „Da sind bestimmte Metalle, deren kleinste Teilchen sich gegenseitig in noch kleinere Teilchen spalten. Das, woraus alle Stofflichkeit besteht, ist nämlich letztlich nur Energie, zu winzigen Pünktchen zusammen geballt ...“
    „Hör auf!“ rief Ragan, dessen Fell sich sträubte. Er sah deutlich, wie es Merrow, der das Gesicht abwandte, ebenso erging.
    „Was ist los, Ragan?“ fragte Serraya unschuldig, während ihre Augen funkelten. „Du hast das doch auch alles gelernt in der Priesterschule! Erinnert ihr euch, dass auch Reddiff darüber geredet hat? Die kleinen Teilchen können übrigens auch miteinander verschmelzen.“
    „Verdammt, und ich war froh, als solche Themen abgehandelt waren! So wie jeder andere auch! Was soll das jetzt?“
    „Wir sind unter uns und können reden, worüber wir wollen; vor wem schämst du dich? Also, wie die Überlieferungen besagen, können Energie und Stoff sogar ineinander umgewandelt werden. Stellt euch vor, der Boden unter uns ist eigentlich nichts anderes als Leere und Hitze und wir selbst auch ...“
    „Das ist abartig“, stieß jetzt Merrow aus. „Solche Gedanken, die sind ... ach, ich weiß nicht! Ich hätte von dir nicht gedacht ...“
    Ihr Gesicht entspannte sich und das Funkeln in ihren Augen verschwand.
    „Entschuldigung“, sagte sie mit einem Schulterzucken. „So etwas macht mich einfach geil. Ich dachte, ich könnte euch dafür begeistern.“ Nacheinander umarmte sie Ragan und Merrow und gab jedem einen langen Kuss, was sie angespannte Atmosphäre auflöste. Merrow sah sogar aus, als bekäme er ein schlechtes Gewissen, weil er nicht auf sie eingegangen war.
    Schließlich packten sie zwei Rucksäcke mit dem Nötigsten, was sie für den voraussichtlich zweitägigen Fußmarsch brauchen würden. Bevor sie sich auf den Weg machten, erklärte Ragan, dass er noch etwas auf der HAIFISCH zu tun habe. Obwohl die Flut bereits zu steigen begann, war das Wrack noch gut erreichbar. Er erklomm das schief liegende Deck und stieg über verbogenes Metall und zersplitterte Reste hölzerner Aufbauten zur Brücke. Das Brückenhaus war schief und die Tür abgerissen, hatte aber ansonsten standgehalten. Ragan strich über das Steuerrad, das sich nicht mehr bewegen ließ, über das gesprungene Glas des Kompasses und die kleine Rechenmaschine, dann nahm er die goldene Plakette, die er noch immer um den Hals trug, in die andere Hand. Jetzt bedauerte er, sie nur am Halsband getragen zu haben. Er suchte die Verbindung zur Seele des sterbenden Schiffes und vertraute sie den Göttern des Meeres an. Als er die Plakette an das Steuerrad hängte und die Brücke verließ, lief ein durchdringendes Geräusch durch den Schiffrumpf, das wie ein erleichterter Seufzer klang.


    Strandlauf


    Es war noch heller Tag, als sie in den Dünen ihr einfaches Nachtlager aufschlugen, das lediglich aus Decken bestand. Ragan war schnell müde geworden und hatte schließlich schlapp gemacht, da er sich von den Strapazen noch nicht erholt hatte, außerdem waren sie beide geschwächt von der durchdringenden Wirkung des stillen Feuers. Merrow hatte ein paar Vogelnester ausgenommen und behauptete sicher zu sein, dass die Eier noch nicht angebrütet waren, wobei Ragan sich fragte, woran er das erkannte. Sicherheitshalber hatte er noch einen Beutel voll Muscheln gesammelt. Merrow machte ein Feuer aus ausgeblichenem Treibholz, dessen Rauch nach Meer roch.
    „Eigentlich wäre es besser gewesen, wenn du bei den Kisten geblieben wärst“, meinte er dabei. „So angeschlagen, wie du bist.“
    Dieser Gedanke war Ragan selbst schon gekommen. „Ich hätte das Zeug aber auch schlecht verteidigen können“, versuchte er eine Erklärung.
    „Gegen wen denn verteidigen? Glaubst du wirklich an Räuber?“
    Ragan zuckte mit den Schultern. „Wir sind ein gutes Stück von der Zivilisation entfernt; wer weiß schon, wie jemand drauf ist, dem wir hier begegnen. Denk nur an die Leute in diesem Dorf. So freundlich sie sind, hätten sie uns fast um das Boot gebracht.“
    „Hoffentlich kriegen wir unsere Pferde unbeschadet zurück.“ Merrow schob etwas Glut aus dem Feuer, legte die Eier hinein und fragte über die Schulter: „Und, wie geht es dir?“
    „Schon wieder ganz gut; morgen bin ich völlig in Ordnung, denke ich.“
    Sie waren an diesem Tag nicht weit gekommen; das Gehen im weichen Sand war anstrengend. Ein paar Kilometer Geröllstrand waren allerdings noch unwegsamer gewesen, so dass sie schließlich froh waren, als sie wieder Sand unter den Füßen hatten. Aus den geschätzten zwei Tagen Fußmarsch würden aber drei, vielleicht sogar vier werden.
    Die in der Glut gekochten Eier, die tatsächlich so frisch waren wie Merrow behauptete, waren vorzüglich. Da sie sich nicht schälen ließen, aßen sie sie mitsamt der Schale und der daran haftenden Asche.
    Als sie sich schließlich in einer Sandkuhle zum Schlafen legten, tauchte die tief stehende Sonne die Dünen in einen unwirklichen tief roten Schein. Das gleichmäßige Rauschen des Meeres wirkte einschläfernd.
    „Sag mal“, fragte Merrow im Halbschlaf. „Gibt es eigentlich Meeresgötter? Wegen des Schiffes, meine ich – zu wem hast du es gehen lassen?“
    „Zu Dagon, dem Gott allen Wassers.“
    „Ich habe nie von ihm gehört.“
    „Er gehört eigentlich auch nicht zu unseren orthodoxen Göttern. Aber da wir seltsamerweise sonst keinen Meeresgott kennen ...“
    „Woher kommt er dann, woher weißt du von ihm?“
    „Aus wenigen unklaren Überlieferungen, deren Ursprung niemand kennt. Er gehört in ein Pantheon uralter Götter, die die Menschen schon verehrt haben sollen, bevor sie irgendeinen anderen Gott kannten – und wahrscheinlich sogar schon die Reptilienzivilisation vor ihnen.“
    „Und niemand verehrt sie?“
    „Doch, es gibt ein Heiligtum namens Neu R'lyeh, etliche tausend Kilometer von Tempelstadt entfernt und vermutlich in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit erbaut. Ich habe eine alte Fotografie davon gesehen; darauf sieht es sogar ziemlich beeindruckend aus. Aber es ist nichts darüber bekannt.“
    „Halten sie dort alles so geheim?“
    „Nein, es interessiert niemanden. Vielleicht ist es längst verlassen.“
    Merrow seufzte. „Was geschieht mit Göttern, wenn sie vergessen werden? Sterben sie?“
    „Nein, sie schlafen nur, bis jemand sich an sie erinnert und sie aufs Neue erweckt.“
    „Und wenn niemand sich erinnert?“
    „Erscheinen sie in Träumen. Eine alte Priesterin in Tempelstadt sagte immer, die Geisterwelt sei voll träumender Götter.“
    Sie schwiegen und Ragan spürte, dass sie beide das selbe dachten. Vielleicht würde ihnen der Meeresgott im Traum begegnen. Er ließ sich vom Rauschen der Wellen in die hereinbrechende Dunkelheit tragen.
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    Der Wald des Todes


    Der nächste Tag verging über einem gleichförmigen, anstrengenden Fußmarsch ohne besondere Ereignisse, abgesehen von der Durchquerung eines Baches, in dem sie ihre bedenklich zur Neige gehenden Wasserflaschen auffüllen konnten.
    Am dritten Tag ersetzte wieder grobes Geröll den Sandstrand und allmählich wurde der Weg zu einer Klettertour über eine unwegsame Felsenküste.
    „Ein Gutes hat der Weg am Meer entlang immerhin“, keuchte Merrow. „Wir können uns nicht verlaufen!“
    „Da ist was dran! Aber sag mal, war die Küste in der Nähe des Dorfes nicht felsig? Vielleicht sind wir schon ganz in der Nähe.“
    „Hoffentlich – hier kommen wir nämlich nicht mehr weiter. Und oben im Wald könnten wir uns dann doch verlaufen.“
    Die Felsen ragten derart schroff vor ihnen auf, dass ein weiter klettern zu gefährlich wurde; Merrow hatte recht, sie mussten zum Wald hinauf steigen und sich dort durchschlagen.
    Den Wald zu erreichen war nicht allzu schwierig. Er hatte wenig Unterholz und war einigermaßen gut begehbar. Obwohl die Sonne hoch am Himmel stand, war es unter dem Dach der dichten Baumkronen jedoch überraschend dunkel; es herrschte eine unangenehme Düsternis. Sie waren etwa eine halbe Stunde gegangen, als Merrow tief die Luft einsog und fragte: „Riechst du das?“
    Ragan schnupperte. In der Luft lag jener eigentümliche morbide Geruch, den sie bei der Durchquerung des Waldes auf dem Weg zum Dorf schon wahrgenommen hatten.
    Er nickte. „Ich glaube, wir sind bald da.“
    „Ich wüsste nur gern, woher dieser Geruch kommt.“
    Ragans Blick fiel auf etwas Helles an einem der Bäume, was er bei näherem Hinsehen als ein Skelett erkannte. Er zeigte darauf. „Von dem da vielleicht?“ Kopf schüttelnd fügte er hinzu: „Ich frage mich nur, was um alles in der Welt ...“
    Merrows Kinnlade klappte herunter, als er entdeckte, was Ragan meinte. Es war das Skelett eines Rehes oder Hirsches und es lag nicht am Boden, sondern hing am Stamm eines Laubbaumes, besser gesagt, im unteren Teil der Krone, einige Meter über dem Boden und am Stamm und dem Gewirr schlangenartig verwundener Äste entlang verteilt, als sei der Baum geradewegs durch das Tier hindurch gewachsen.
    „So etwas Verrücktes habe ich noch nie gesehen!“ brachte Merrow schließlich heraus. „Die Knochen sind mit dem Baum verwachsen!“ Nach einer Pause setzte er hinzu: „Aber eins steht fest: Dieses Tier riecht schon lange nach nichts mehr.“
    Bei der Überlegung, woher der Geruch dann wohl stammen mochte, war sich Ragan plötzlich sicher, dass etwas ganz und gar Bizarres sie erwartete. Er bemerkte, dass die Bäume von einer Art waren, die er nicht kannte. Ihm schoss ein verrückter Gedanke durch den Kopf, den er für sich behielt, aber Merrow sprach ihn aus: „Sag mal, es gibt doch Fleisch fressende Pflanzen?“
    „Die fressen Insekten, keine Hirsche oder Rehe! Wie sollten sie die fangen?“ Er spürte, wie sich sein Nackenfell beim Aussprechen dieser Frage steil aufrichtete und er unwillkürlich die Ohren anlegte, ebenso wie Merrow.
    Beim weitergehen fiel ihm auf, dass keinerlei Tierlaute zu hören waren, nicht einmal Vögel. Gleichzeitig fühlte es sich dennoch wie von Menschen oder Tieren umgeben, war sich beinahe sicher, dass irgend jemand in der Nähe sein musste. Er atmete erleichtert auf, als ein Weg in Sicht kam, vermutlich derselbe, den sie bei ihrer Ankunft schon gekommen waren.
    „Da!“ zischte Merrow plötzlich und blieb stehen. Wieder schien ein Baum durch ein Skelett hindurch gewachsen zu sein, doch dieses stammte eindeutig von einem Menschen. Ragan erschauerte; gleichzeitig wollte er wissen, was hier los war. Er sog tief die Luft in die Nase; der Geruch kam von der Seite, rechts des Weges. Er verließ den Weg und ging der Nase nach, Merrow folgte ihm. Sie umgingen Felsklippen und ein dichtes Brombeergestrüpp, dann betraten sie eine kleine schattige Lichtung, wo der Geruch zu einem durchdringenden Gestank wurde. Schließlich war es Merrow, der dessen Ursprung entdeckte und mit tonloser Stimme sagte: „Sieh dir das an!“
    Was sie sahen, war eigentlich nichts Anderes als das bisher Gesehene: Ein junger Baum war durch einen Menschen geradezu hindurch gewachsen, die noch dünnen Äste und Zweige drangen durch Brust und Rücken, durch die nach oben gestreckte Schnauze und die Augenhöhlen heraus. Der Unterschied bestand lediglich darin, dass es sich hier um kein Skelett handelte, sondern um eine halb verweste Leiche.
    „Wie kann so etwas sein?“ murmelte Ragan kopfschüttelnd.
    Merrow war zu sehr mit dem Kampf gegen den Brechreiz beschäftigt, um zu antworten.
    „Haben andere ihn auf diese seltsame Weise getötet?“ überlegte Ragan weiter. „Aber wieso tun sie das?“
    „Hier gibt es noch nicht einmal Fliegen“, stellte Merrow nach einer Weile des Schweigens fest.
    Tatsächlich schien der Geruch keinerlei Insekten angelockt zu haben. Um sich zu versichern, stocherte Ragan mit einem Stock in dem mürben Kadaver. Nicht eine einzige Made kam zum Vorschein. Der junge Baum dagegen gedieh prächtig und seine Blätter waren von sattem glänzendem Grün.
    „Die Skelette, die wir gesehen haben, hingen alle an Bäumen von genau dieser Art. Hast du solche Bäume schon einmal irgendwo gesehen, Merrow?“
    „Nein, noch nie. Also doch Fleisch fressende Bäume?“
    „Mir fällt nichts Besseres ein. Ich wüsste nur gern, wie sie ihre Opfer fangen.“
    Merrow legte die rechte Hand auf den Griff seines Messers. „Es könnte sein, dass wir es erfahren, wenn wir hier stehen bleiben. Wieso gehen wir nicht einfach ins Dorf und fragen die Leute dort? Die müssen doch Bescheid wissen!“
    Ja, dachte Ragan, das müssen sie auf jeden Fall. Vielleicht war das ja sogar die Erklärung dafür, dass sie dort keine Alten gesehen hatten. Desto unverständlicher war allerdings, dass die Dörfler ihnen nichts von dieser Gefahr gesagt hatten.
    „Also auf ins Dorf“, erwiderte er und wies auf eine Lücke im Gestrüpp, das hier dichter wuchs. „Sieh mal, da ist wieder ein Pfad, der dürfte genau hin führen.“
    Der Geruch ließ nicht nach, sondern änderte sich lediglich, so dass Ragan nicht allzu überrascht war, als sich ihnen der nächste unangenehme Anblick bot. Diesmal war der betreffende Baum ein gutes Stück größer und kräftiger, was daran liegen mochte, dass seine Beute aus einem Pferd bestand, dessen noch recht frischer Kadaver ausgetrocknet wirkte.
    Ragan fluchte. „Erkennst du es? Das war einer unserer Rappen!“
    „Aber wie kommt der hierher?“ fragte Merrow fassungslos.
    „Wenn die Bäume nicht ins Dorf gegangen sind, um ihn zu holen, müssen ihn die Dörfler her gebracht haben.“
    In den wenigen Tagen, die seit ihrer Abfahrt vergangen waren, hatte es der Baum geschafft, vollständig durch das Pferd hindurch zu wachsen und den Kadaver sogar senkrecht aufzurichten; die Beine des Tieres waren von rankenartig gewachsenen Ästen gefesselt, verdreht und teilweise in die Länge gezogen worden. Ein derart schnelles Wachstum, das obendrein so viel Kraft aufbrachte, war geradezu unheimlich.
    Eine weibliche Stimme erscholl plötzlich hinter ihnen: „Guten Tag, Merrow, guten Tag, Ragan! Wie schön, dass ihr wieder hier seid; wir haben euch schon vermisst!“
    Sie fuhren herum und sahen sich einer jungen Frau gegenüber, die mit einem Blick auf Ragans Verband fortfuhr: „Oh, du bist verletzt, hoffentlich nicht ernsthaft? Aber kommt erst einmal, ihr seid sicher hungrig und durstig von der Reise und ...“
    „Moment mal“, unterbrach Ragan, nahm sie am Arm und zeigte mit der anderen Hand auf das tote Pferd. „Sieh mal, da drüben, da ist ein Baum durch ein Pferd gewachsen. Ist das hier normal?“
    „Du bist so aufgeregt“, entgegnete sie, irritiert blinzelnd.
    „Ich sehe nicht oft Bäume durch Pferde wachsen. Auch nicht durch Menschen.“
    Sie blinzelte wieder. „Nun, Tiere essen Pflanzen und Pflanzen essen Tiere, das ist ganz natürlich. Nun kommt schon, ihr beiden!“
    Ragan ließ sich von ihr zu einem kleinen Picknickplatz ziehen, den sie sich eingerichtet hatte, Merrow folgte. Die Frau nahm einen verkorkten Krug aus ihrem Korb und Ragan spürte, wie Merrow ihn unauffällig von hinten anstieß.
    „Ragan, denk daran!“ raunte er ihm leise ins Ohr.
    Er dachte daran und lehnte ab: „Nein, danke, wir sind nicht durstig. Wir haben genügend Wasser dabei.“
    Während die Frau irgend etwas Wortreiches erwiderte, spitzte er plötzlich die Ohren und horchte an ihr vorbei. Das Gefühl, nicht allein zu sein, hatte sich verstärkt; er war sich plötzlich sicher, dass noch jemand in der Nähe war. Als er einen Schritt in die betreffende Richtung machte, hielt die Frau ihn am Arm fest, sah abwechselnd ihm und Merrow in die Augen und sagte: „Ihr werdet vielleicht nicht verstehen, was ihr seht. Aber wir leben in einer Gemeinschaft mit den Bäumen. Sie können nicht ohne uns leben und wir nicht ohne sie. Sie sind Wesen wie wir.“
    „Die Bäume?“ fragte Merrow erstaunt.
    Ragan löste sich sanft aus dem Griff der Frau und ahnte nun ungefähr, was ihn erwartete. Mit einem Blick auf den Boden fragte er: „Sag mal, die jungen Triebe dieser Bäume, schmecken die so ähnlich wie Spargel?“
    Sie lächelte unsicher. „Spargel kenne ich nicht. Aber die Triebe sind unsere wichtigste Nahrung. Die Blätter und Früchte auch. Wir leben von den Bäumen wie sie von uns, wisst ihr?“
    Während Merrow noch immer verständnislos drein schaute, nickte Ragan. Ja, er verstand allmählich; die einzelnen Teile des Puzzles fügten sich zu einem Bild zusammen. Langsam ging er auf die Quelle der kaum hörbaren Geräusche zu, die er bemerkt hatte und fand schließlich genau das vor, was er erwartet hatte und was jene Frau vermutlich bewachte: Einen noch lebenden Menschen, der auf einem jungen Baum gepfählt und von Rankenästen gefesselt war. Dass er ihn kannte, traf ihn dennoch. Es war Mroun. Sein prächtiges Streifenfell beulte sich unter dem rechten Schlüsselbein und an der Bauchdecke aus, wo offensichtlich Triebe die Haut durchdringen wollten, und die eigentlich zu dünn aussehenden Rankenäste hatten ihm beide Schultern ausgerenkt und den linken Arm fast ausgerissen.
    Merrows erstickter Schrei schreckte ihn auf. „Mroun!“
    Der Tigermann öffnete die Augen und lächelte: „Schön, euch noch einmal zu sehen; ich freue mich.“ Er sprach langsam, verschlafen, aber er strahlte uber das ganze Gesicht und Ragan bemerkte, dass er widersinnigerweise unglaublich gesund und glücklich erschien.
    „Wir befreien dich!“ rief Merrow und griff nach seinem Messer.
    Ragan packte sein Handgelenk. „Was glaubst du, wie lange er seine Befreiung überleben würde?“
    „Aber ... aber wir können ihn doch nicht ...“
    „Mroun“, wandte sich Ragan an den Sterbenden. „Warum hast du das getan?“
    „Es ist ein Weg des Lebens. Ein sehr schöner ...“
    „Aber du bist schrecklich verletzt!“ rief Merrow dazwischen.
    Mroun lachte leise: „Keine Angst, es tut nicht weh. Glaub mir, es ist sehr schön. Wisst ihr, ich bin nicht mehr nur Mroun; ich bin jetzt ... wir sind jetzt im Wir.“
    „Die Bäume sind denkende Wesen? Und du lebst in dem Baum weiter?“ fragte Ragan.
    Mroun schien ein Schulterzucken zu versuchen. „Ich kann es nicht erklären. Es ist so, wie du sagst und doch ganz anders. Ihr müsst von den Bäumen essen, um zu verstehen.“
    „Was ist, wenn ein junger Baum keinen Menschen und kein Tier bekommt?“
    „Er stirbt. Oder er ruft ein kleines Tier wie eine Maus, um wenigstens ein paar magere Jahre zu leben.“
    „Diese verdammten Bäume halten sich Menschen als Nutzvieh, um sie zu schlachten!“ schrie Merrow.
    „Nein“, sagte Mroun ruhig. „Es ist eine Symbiose. Vergiss nicht, dass auch die Menschen von den Bäumen essen.“
    „Sie könnten auch andere Dinge essen!“
    Hinter ihnen raschelnde Schritte unterbrachen das Gespräch. Es waren zehn der Dörfler, die sie einkreisten, und es waren offensichtlich nicht die Schwächsten. Auch der einstige Kapitän der HAIFISCH befand sich unter ihnen.
    „Wir können euch nicht gehen lassen, nachdem ihr dies erfahren habt; nicht, bevor ihr zu uns gehört.“
    „Wieso nicht?“ fragte Merrow, schwang sein Messer und bleckte die Zähne.
    „Ihr könntet uns vernichten.“
    „Mit uns meint ihr vor allem die Bäume, nicht wahr?“ fragte Ragan.
    „Ja. Du wirst es bald besser verstehen können.“
    „Was habt ihr mit uns vor?“
    Der Redner schien sich etwas zu entspannen und erwiderte freundlich: „Wir wollen euch bei uns aufnehmen und ihr sollt mit uns essen und trinken. Noch niemand hat das bereut.“
    „Ihr werdet uns nicht ...“ begann Merrow angriffslustig, doch Ragan fasste ihn am Arm. Wäre Serraya dabei, hätten sie eine Chance, aber zu zweit gegen zehn, er selbst verletzt und Merrow wahrscheinlich kein guter Kämpfer – das war sinnlos. Es würde nur unnötig Verletzte oder gar Tote geben. Eindringlich sah er Merrow in die Augen und brachte ihn dazu, das Messer einzustecken.
    Vorsichtig reichte ihnen der Sprecher der Dörfler jenen Krug, den auch die Frau ihnen schon angeboten hatte. Ragan nahm ihn entgegen und trank ausgiebig von dem Wein mit dem eigenartigen Spargelgeschmack, dann reichte er ihn Merrow, der ihn fassungslos anstarrte.
    „Vertrau mir und trink!“
    Während Merrow widerwillig den Krug ansetzte, sah Ragan mit einem Seitenblick, wie ein blutiger Zweig durch Mrouns Fell brach, der dabei lustvoll stöhnte.
    Noch immer mit Vorsicht, stets einen Angriff erwartend, nahmen die Männer sie in ihre Mitte und führten sie zum Dorf.
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    Gefangen


    Man hatte sie in einem Schuppen untergebracht, der vielleicht ein ehemaliger Stall sein mochte, aber mit zwei Strohsäcken, einem Tisch und einer Öllampe einigermaßen bequem eingerichtet war. Überhaupt hatten die Dörfler sie ausgesprochen freundlich behandelt und mit einem guten Abendessen bewirtet, wobei sie darauf achteten, dass sie es auch tatsächlich aßen. Merrow schwebte in irgendeiner Sphäre der Glückseligkeit und konnte sich vor Wohlergehen kaum fassen. Ragan atmete tief und gleichmäßig und kämpfte gegen die Krämpfe, die sich in seinen Eingeweiden anbahnten.
    „Der Abort ist da drüben, oder?“ fragte er und zeigte auf eine schiefe Tür.
    „Ja, aber du solltest nicht gerade eine Wasserspülung erwarten!“ Merrow wieherte vor Lachen. „Aber wozu braucht man schon solchen Luxus!“
    Ragan schlich hin, wobei ihm vor Anstrengung, Schmerz und Übelkeit Tränen in die Augen stiegen – und konnte sich endlich übergeben. Einmal, zweimal, dreimal, den Wein, das Essen, noch mehr Wein ...
    Die Beherrschung innerer Körperfunktionen hatte zu seiner Ausbildung in der Priesterschule gehört und er war nie besonders gut darin gewesen; danach hatte er dergleichen kaum je wieder gebraucht. Wer kam schon jemals in die Verlegenheit, seine Verdauung anhalten, den Magen und die Därme lähmen zu müssen, um alles, was er gegessen und getrunken hatte, unverdaut wieder herauswürgen zu können? Jetzt wusste er, dass er es noch konnte, wenn es sein musste, und das fast zwei Stunden lang. Als er endlich alles von sich gegeben hatte und seinen Körperfunktionen wieder freien Lauf ließ, brach er am Boden zusammen und nahm mit tränenverschleiertem Blick wahr, wie Merrow besorgt auf ihn zu kam und ihm auf seinen Strohsack half.
    „Fühlst du dich nicht gut, soll ich jemanden rufen?“
    „Nein, nein, auf keinen Fall. Ich habe mich wohl nur überfressen.“ Er zwang sich zu einem schlappen Lachen, das Merrow beruhigte. „Bring mir bitte etwas zu trinken. Klares Wasser meine ich!“
    Er trank und ließ sich auf den Strohsack zurück fallen. In dieser Nach noch etwas zu unternehmen hatte keinen Sinn. Er selbst fühlte sich viel zu elend und Merrow stand unter dem Einfluss jener Droge. Er schlief fast augenblicklich ein, nachdem er sich dazu entschlossen hatte.
    Als er im Dämmerschein des Morgens erwachte, der durch die kleinen Fenster fiel, fühlte er sich wesentlich besser und völlig ausgehungert. Sich gleich im Morgengrauen die Pferde zu schnappen und zu verschwinden, war sicherlich das Beste. Er weckte Merrow, der neben ihm lag.
    „Guten Morgen“, murmelte der. „Mit dir war gestern gar nichts mehr los.“
    „Und mit dir wird heute nicht viel los sein, befürchte ich.“
    Ragan erhob sich und zog ihn mit nach oben. „Komm, wir müssen gehen.“
    „Wohin denn?“ stöhnte Merrow, sich den Schlaf aus den Augen reibend.
    Jemand näherte sich von draußen und ersparte Ragan eine Erklärung. Die Leute hier waren Frühaufsteher. Die Tür öffnete sich und eine Frau, begleitet von einem Mann, brachte ein großes Frühstückstablett herein.
    Ragan bemühte sich um ein möglichst dummes Grinsen und sagte: „Ihr verwöhnt uns! Danke.“
    Die beiden antworteten mit irgendwelchen Freundlichkeiten und gingen wieder. Ragan untersuchte das Frühstück und entdeckte ein Stück Brot, das tatsächlich wie Brot roch und schmeckte. Heißhungrig verschlang er es, mit Wasser aus dem Waschkrug nachspülend. Als Merrow auch zugreifen wollte, hielt er ihn zurück.
    „He, wieso ..?“ protestierte Merrow.
    „Das Brot war das einzig Essbare, und ich war hungriger als du, tut mir leid.“
    Merrow sah unschlüssig auf das Essen. „Du meinst, wegen ... aber ich fühle mich gut. Und ich kann völlig klar denken. Glaube ich jedenfalls ...“
    Es schien, als käme er langsam zu sich. Ragan versteckte das Essen in einer Ecke hinter den Strohsäcken und schüttete den heißen Tee mit dem verräterischen Duft in den Abort, von Merrow mit traurigen Blicken beobachtet. Er hoffte, dass er sich inzwischen wieder auf ihn verlassen konnte.
    „Sie werden sicher nichts dagegen haben, wenn wir unsere Pferde sehen wollen. Sieben müssten ja noch übrig sein. Hoffe ich wenigstens.“
    „Und dann?“
    „Werden wir sehen. Sieben Pferden versperrt jedenfalls keiner so leicht den Weg.“ Er probierte die Tür nach draußen, aber sie war verriegelt. Geduldig wartete Ragan darauf, dass jemand käme, dabei stets auf Merrow achtend, der sich sichtlich unwohl fühlte, sich immer wieder nervös durch das Gesichtsfell strich und schließlich heraus platzte:
    „Meinst du nicht, dass wir etwas falsch machen? Ich meine, du kannst doch gar nicht beurteilen, wie das ist; du hast es ja nie probiert.“
    Ragan ging zu ihm und fasste ihn an den Schultern. „Merrow, erinnerst du dich an Mroun, wie wir ihn gestern gesehen haben?“
    „Natürlich. Aber jeder muss irgendwann sterben und es war für ihn nichts Schlimmes.“
    Ragan setzte zu einer Entgegnung an, hielt sich jedoch zurück. Er erinnerte sich an jenes Abschlussritual in Tempelstadt, an die fiebrige Begeisterung bei der Ziehung der Lose, daran, wie Außenstehende so etwas aufnahmen. Das Ritual hatte einen Sinn, der sich nicht jedem erschloss – das hier aber sicherlich auch. Merrow hatte recht, er durfte nicht für andere entscheiden; er selbst kannte dieses symbiotische Leben mit den Bäumen nicht, abgesehen von jenem diffusen Einfühlen am ersten Abend, als er selbst hier gegessen und getrunken hatte.
    „Also gut“, sagte er. „Gib mir drei Tage, in denen du mit mit kommst und mir einfach gehorchst. Wenn du danach hierher zurück gehen willst, werde ich dich nicht daran hindern.“
    Er hoffte, dass eine Zeitspanne von drei Tagen genügend Sicherheit bot.
    „In Ordnung“, stimmte Merrow zu und brachte ein schwermütiges Lächeln zustande.
    Draußen näherten sich Schritte und die Tür wurde geöffnet. Die Frau, die das Frühstück gebracht hatte, trat ein, diesmal begleitet von dem Mann, in dem Ragan den Schmied erkannte.
    „Guten Morgen, wie geht es euch?“ begrüßte er sie strahlend, während die Frau das Frühstückstablett mitnahm und ein zufriedenes Gesicht angesichts der leeren Teekanne machte.
    „Gut, sehr gut“, erwiderte Ragan und strahlte zurück. „Ganz so wie in der ersten Nacht. Weißt du, ich war noch nie in einem so schönen Dorf wie diesem. Aber warum habt ihr uns hier eingeschlossen? Wir würden gern nach unseren Pferden sehen.“
    „Ich denke, wir brauchen euch nicht mehr einzuschließen, aber in den ersten Tagen hier wird euch immer jemand begleiten. Kommt, ich zeige euch euer Haus; es ist gerade frei geworden und wird euch gefallen.“
    „Könnten wir nicht doch erst zu den Pferden?“ fragte jetzt Merrow.
    „In Ordnung, der Stall liegt ohnehin fast auf dem Weg.“
    Ragan konstatierte zufrieden, dass sie bei den wenigen Dörflern, denen sie auf der Hauptstraße begegneten, keinerlei Aufsehen erregten. Die übrig gebliebenen sieben Pferde standen offensichtlich gut versorgt im Stall; sie kamen gerade zurecht, als ein Junge sie hinaus auf die Weide führen wollte. Die Pferde erkannten sie sofort, schnaubten erfreut, drängten sich heran und drückten ihnen ihre weichen feuchten Mäuler in das Fell. Ein Blick zur Seite zeigte Ragan, dass all ihr Gepäck, Sattel- und Zaumzeug noch unberührt in der Nische lag, in der sie es zurück gelassen hatten.
    „Sieh mal, der Braune“, wandte sich Ragan an den Jungen, der sich um die Pferde kümmerte. „Was hat er da am Maul?“
    Der Junge und auch der Schmied kamen heran, um nach dem Pferd zu sehen; Ragan wartete ab, bis beide gleichzeitig in Reichweite waren. Blitzschnell schlug er zu und landete bei beiden einen perfekten Treffer. Sekunden später lagen beide still am Boden. Auch das gehörte zu den nützlichen Dingen, die er in der Priesterschule gelernt hatte.
    „Sie sind nicht ernsthaft verletzt“, beruhigte er den erschrockenen Merrow. „Aber in zehn Minuten können sie gut wieder wach sein. Hast du schon mal sieben Pferde in zehn Minuten gezäumt, gesattelt und beladen?“
    „Du meinst: Beeilung? Also dann los!“ Merrow schnappte sich das Zaumzeug. Allmählich schien er wieder der Alte zu werden.
    Die beiden am Boden Liegenden begannen sich bereits wieder zu regen, als sie mit den Pferden fertig wurden.
    „Wohin reiten wir eigentlich?“ fragte Merrow beim Aufsitzen.
    „Unten am Strand versperren uns die Felsen den Weg, also können wir nur in den Wald hinauf, das scheint der einzige Weg zu sein.“ Ihm kam plötzlich die Frage in den Sinn, was die Pferde hier wohl zu fressen bekommen hatten und wie sie sich im Wald verhalten würden. Da ihnen keine andere Möglichkeit blieb, mussten sie es darauf ankommen lassen. Er schwang sich ebenfalls in den Sattel seines Rappen und fragte: „Alles klar bei dir?“
    „Ja, es kann losgehen!“
    Die erregt tänzelnden Pferde warteten nur auf ein Kommando.
    „Hiiija!“
    Sieben Pferde galoppierten nacheinander durch das Stalltor und die Dorfstraße entlang. Bevor jemand reagieren konnte, hatten sie das letzte Haus schon hinter sich gelassen und jagten mit donnernden Hufen zwischen Bäumen hindurch, ganz normalen Fichten vorerst. Nun schrie jemand hinter ihnen her und ein einzelner Reiter versuchte sie zu verfolgen. Erst jetzt fiel Ragan auf, dass er im Dorf kein einziges anständiges Reitpferd gesehen hatte, nur Ackergäule und Esel; eine Verfolgung hatten sie also kaum zu befürchten. Nach fast einer halben Stunde gestreckten Galopps hatten sie den Wald hinter sich gelassen und die Heidelandschaft erreicht, die den Übergang zur Steppe bildete; sie zügelten ihre schwer atmenden, von Schweiß bedeckten Pferde und ließen sie im Schritt weiter gehen. Ein kühler Wind jagte in Böen durch das Gebüsch.
    „Womit tränken wir eigentlich die Pferde?“ fragte Merrow. „Wir haben die Wasserkanister leer mitgenommen.“
    „Es kann nicht allzu weit sein bis zu dem Bach, den wir durchquert haben. Bis dahin müssen sie durchhalten.“ Mit einem besorgten Blick nach oben setzte er hinzu: „Ich glaube, die Frage erledigt sich gleich.“
    Der Schein der Sonne glomm in schwefeligem Gelb durch eine dichte, tief hängende Wolkendecke, die immer finsterer wurde. Aus der Ferne war ein leises Donnergrollen zu hören. Die Pferde wurden unruhig, begannen zu tänzeln und mit den Hufen zu scharren.
    Merrow stieß einen Fluch aus und Ragan meinte schulterzuckend: „Bis jetzt hatten wir immer nur schönes Wetter. Irgendwann muss es ja auch mal regnen.“
    Eine Sturmböe presste die Heidesträucher zu Boden und sie lenkten die aufgeregten Pferde in vorsichtigem Trab auf eine Senke zu, die einige Sicherheit vor Blitzschlägen bieten würde.
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    Durch Sturm und Gewitter


    „Was für ein beschissener Tag!“ stöhnte Merrow in das elende Lagerfeuer aus nassem Holz, das mehr qualmte als brannte. Es war Abend und das Unwetter vorüber, der Sturm hatte sich gelegt, nur das Toben des Meeres war noch immer zu hören.
    Ragan nickte in stummer Zustimmung und kaute auf einem Bissen Fleisch herum. Es war das Fleisch der Schimmelstute; von den neun Pferden waren jetzt nur noch fünf übrig, die so nahe grasten, als suchten auch sie die Nähe des Feuers.
    Als das Unwetter begonnen hatte, hatten sie die Senke erreicht und eilig alles, was Metall enthielt, von den Pferden abgeladen. Der Regen war so dicht gefallen, dass man kaum noch hatte atmen können; das Gewitter war direkt über ihnen gewesen, Blitz und Donner gleichzeitig gekommen. Die Pferde hatten sich dicht aneinander gedrängt und waren bei ihnen geblieben – bis ein Blitz eine einzeln stehende Eiche getroffen hatte, kaum hundert Meter entfernt. Das Krachen war ohrenbetäubend gewesen und der Blitz grell blendend, der Stamm des mächtigen Baumes war in einer Explosion zerschmettert worden – und die Pferde in wilder Panik in alle Richtungen davon geprescht.
    Stunden später, nachdem das Gewitter längst vorüber war und die Heide in eine Sumpflandschaft verwandelt hatte, hatten sich fünf der Pferde wieder eingefunden. Die Schimmelstute hatten sie erst am Nachmittag entdeckt, am Fuß der Steilküste zerschmettert. Die Möwen hatten sich bereits darüber her gemacht und der Kadaver war nur unter Lebensgefahr zu erreichen gewesen, da die Brecher der aufgewühlten See bis an die Felsen heran donnerten. Das andere Pferd blieb verschwunden; die Braunen hatten sie nun beide verloren.
    „Ich hatte mir das alles so anders vorgestellt“ sagte Merrow leise, die durchnässten Decken wendend, die um das Feuer zum Trocknen hingen.
    „Das hattest du auf der Insel schon gesagt.“
    „Bin ich naiv? Ich bin nun mal erst achtzehn, weißt du ...“
    Ragan schüttelte den Kopf. „Ich habe so ein Abenteuer ja auch noch nie erlebt. Ich bin nur“, er suchte nach einem passenden Wort, „ein bisschen abgebrühter, wahrscheinlich durch die Priesterschule. Aber ich hätte mir auch gewünscht, nicht so viel zu verlieren.“
    „Vielleicht haben wir einfach Pech?“
    Ragan schüttelte den Kopf. „Nein. Wir sind noch am Leben. Und sind vermutlich die einzigen Menschen in den letzten tausend Jahren, die die Gelegenheit hatten, eine Atomexplosion zu sehen. Erst jetzt wissen wir, dass es so etwas wirklich gab. So gesehen sind wir Glückspilze.“
    „Das meinst du doch nicht im Ernst?“
    „Es ist die ständige Nähe des Todes, die dich bedrückt, nicht wahr?“
    Merrow senkte den Kopf und sah eine Weile stumm in die Flammen. „Ja.“
    Nach einer Weile fuhr er mit etwas gequälter Munterkeit fort: „Was wollen wir übrigens wegen jenes Dorfes unternehmen?“
    „Nichts.“
    „Nichts? Aber wir können doch die Leute nicht ihrem Schicksal überlassen, du hast doch erlebt ...“
    „Nein. Nein, du hast es erlebt, nicht ich. Denk einen Tag zurück.“
    Merrow fuhr auf und starrte Ragan an: „Aber da war ich doch nicht ... ich meine, du kannst doch nicht ...“
    Ragan fasste ihn an den Schultern und befahl mit ruhiger Stimme: „Schließ die Augen. Sei im Gestern.“
    Er beherrschte solch einfache Dinge noch und Merrow gehorchte. Er ließ ihn jenes Bewusstsein des symbiotischen Dorfes aufs Neue erleben und ihn nach wenigen Minuten zurückkehren. „Und, was sagst du?“ fragte er dann. „Sollen wir den Wald nieder brennen?“
    Merrow schüttelte stumm den Kopf und sah zu Boden. „Manchmal bist du mir unheimlich.“
    Ragan wechselte das Thema: „Morgen dürfte die See wieder ruhig genug sein, um am Strand entlangzureiten. Am Abend müssten wir wieder bei Serraya sein.“
    Wenig später schliefen sie in den nur halb getrockneten, nach Rauch riechenden Decken ein, sich gegenseitig wärmend, während von irgendwoher die Schreie eines Käuzchens durch die Nacht hallten.


    Trümmer und Hindernisse


    Am nächsten Morgen ritten sie zum Strand hinab, wo die Sonne über einer spiegelglatten See aufging, als hätte es niemals einen Sturm gegeben. Berge toter Algen und Seetiere am Strand verströmten einen intensiven Geruch, gelegentlich zerspritzten Quallen unter den Hufen der Pferde. In den Dünen standen Tümpel und hier und da war eines der vereinzelten Kiefernbäumchen aus dem sandigen Boden gerissen.
    Ragan behielt recht; die Pferde kamen schnell voran und bald erreichten sie die Mündung jenes Baches, in dem sie auf dem Hinweg ihre Wasserflaschen aufgefüllt hatten. Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte ihnen heiß auf das Fell.
    Irgendwann sprach Merrow aus, woran Ragan schon gedacht hatte: „Wir haben die Kisten nicht weit genug an Land gebracht. Denkst du, Serraya konnte sie vor dem Sturm retten?“
    „Ich hoffe es“, erwiderte er. „Sie wird damit ordentlich zu tun gehabt haben.“
    Wenig später erreichten sie jenen Strandabschnitt, an den sich Ragan gut erinnerte. Auch Merrow stellte fest: „Wir sind da.“
    Das Wrack der HAIFISCH war verschwunden, dafür lagen Teile davon überall am Strand und selbst in den Dünen verstreut und teilweise im Sand begraben. Der Sturm schien das gestrandete Schiff regelrecht in Stücke gerissen zu haben. Sie ritten in die Dünen hinauf, um Serraya zu suchen, konnten aber weder sie noch die zwanzig Kisten entdecken.
    „Ob sie die Kisten bis in den Wald getragen hat?“ fragte Merrow.
    Mit einem Blick auf die Auswirkungen des Sturmes ringsum meinte Ragan zustimmend: „Ich glaube, das war nötig. Hoffentlich konnte sie alle in Sicherheit bringen.“
    Er rief, zum Waldrand gewandt: „Serraya!“
    Ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn, als keine Antwort kam. Zum Glück gab es hier keine jener seltsamen Bäume; die schienen tatsächlich nur in der Nähe des namenlosen Dorfes zu wachsen. Er konzentrierte sich auf die Umgebung, konnte aber nur die Präsenzen einiger Tiere wahrnehmen.
    Mit Merrow im Chor rief er ein zweites Mal, dann ritten sie auf den Wald zu.
    „Allzu weit kann sie die Kisten allein nicht geschleppt haben“, meinte Merrow und Ragan hörte am Klang seiner Stimme, dass auch er sich Sorgen machte.
    Sie suchten mehr als eine Stunde lang, suchten wenigstens einen Kilometer Strand, Dünen und Waldrand ab, doch erfolglos. Ragans Fantasie begann düstere Spiele zu spielen, Szenarien zu entwerfen, in denen Serraya den Sturm zu spät bemerkt hatte und am Strand von riesigen Brechern überrascht worden war, als sie versuchte, die wertvollen Schätze zu retten.
    Merrow erging es offenbar nicht anders. „Wenn sie es nicht rechtzeitig geschafft hat ...“, begann er, doch Ragan unterbrach ihn. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht wenigstens eine einzige der Kisten in Sicherheit bringen konnte – und die müsste jetzt hier irgendwo herum stehen. Die hätten wir sicher nicht übersehen.“
    Sie suchten weiter bis zum Abend, doch ohne Ergebnis. Von Serraya, den Kisten und dem Lager fehlte jede Spur.
    „Wir haben viel länger gebraucht als wir dachten“, überlegte Merrow schließlich am Feuer, das sie auf der windgeschützten Seite einer kleinen Anhöhe entfacht hatten. „Wenn sie sich nun auf den Weg nach Muschelbank gemacht hat, um Hilfe zu holen?“
    Dann wären die am Strand zurück gebliebenen Kisten ins Meer gespült worden. Das klang plausibel und war immerhin nur die zweitschlimmste Möglichkeit, wenn nur Serraya nichts passiert war.
    „Ich weiß nicht“, meinte Ragan. „Wären die Kisten dann so völlig spurlos verschwunden, ohne auch nur ein Trümmerstück zu hinterlassen? Irgendwie kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Serraya sie ganz unbewacht zurücklassen würde.“
    Merrow starrte eine Weile schweigend in die Flammen, dann sagte er mit belegter Stimme: „Wenn ihr etwas passiert ist ...“
    Ragan legte einen Arm um ihn und sagte aufmunternd: „Nicht Serraya. Sie würde jedes Seeungeheuer in Stücke reißen.“
    In gedrückter Stimmung schliefen sie schließlich ein, schweigend und jeder für sich; Serrayas Fehlen schuf heute gut zwei Meter leeren Platz zwischen ihnen. Ein weiterer Gedanke schlich sich in Ragans Geist, den er nicht weiter denken wollte. Sie hatten alles geholt, was zu holen war – konnte es sein, dass Serraya einfach mit den Kisten verschwunden war und sie beide zurück gelassen hatte? Nein, Unsinn … und überhaupt, wie hätte sie das anstellen sollen?
    Er schlief unruhig und wälzte sich von einer Seite auf die andere, bis irgendwann der Morgen graute. Gelegentlich in den heller werdenden Himmel blinzelnd blieb er liegen; das Rauschen des Meeres schien ihn im Halbschlaf festzuhalten.
    Ein Dampfhorn dröhnte in der Ferne. Er brauchte einige Sekunden, bis ihm klar wurde, dass ein Schiff in der Nähe war. Schließlich öffnete er die Augen, setzte sich auf und sah auf das Meer hinab. Eine Barkasse dampfte schnaufend, mit munter plätscherndem Schaufelrad direkt auf ihn zu. Wieder dröhnte das Horn des kleinen Schiffes und am Bug stand eine Gestalt, die mit beiden Armen winkte. Er blinzelte ein-, zwei Mal, dann war er sich sicher, sich nicht zu irren.
    „Serraya!“ schrie er, sprang auf und winkte zurück. „Merrow, aufwachen, Serraya kommt!“
    Gefolgt von Merrow lief er zum Strand und ins Wasser hinein, auf das langsam heran gleitende Schifflein zu, von der Serraya herab sprang, direkt in seine Arme. Außer ihr war nur ein alter Mann von Löwentyp mit zerzauster aschgrauer Mähne an Bord, offensichtlich der Kapitän der Barkasse, die den Namen WINDIGO trug.
    „Bin ich froh, dass euch nichts passiert ist!“ rief sie, erst Ragan, dann Merrow umarmend. „Nachdem das Pferd allein nach Muschelbank kam, dachte ich schon ...“
    „Was für ein Pferd?“
    „Der Braune. Habt ihr ihn denn nicht vermisst?“
    Merrow lachte: „Was denn, der ist bis nach Muschelbank gelaufen? Und wir hatten ihn schon aufgegeben!“
    „Kommt an Bord, mit dem Schiff sind wir heute Abend noch in der Stadt!“
    „Und die Pferde?“ fragte Ragan mit einem zweifelnden Blick auf das kleine Schiff.
    Diesmal antwortete der alte Kapitän, während er einen Steg über die Bordwand schob, dessen Ende ins Wasser klatschte. „Glaubst du, die WINDIGO trägt keine fünf Pferde? Sag das bloß nicht nochmal, sonst ist sie beleidigt – wenn ihr wollt, könnt ihr auch einen Elefanten an Bord bringen!“ Dank seiner heiseren Stimme und seinem starken Küsten-Dialekt war der Alte kaum zu verstehen, aber Ragan mochte ihn auf Anhieb.
    Sie räumten eilig das Lager zusammen und gingen an Bord, dabei immer wieder die Pferde beruhigend, die noch nie an Bord eines Schiffes gewesen waren und sich auf dem schwankenden Deck unwohl fühlten. Es wurde eng auf der WINDIGO, die jetzt beunruhigend tief im Wasser lag; Ragan hoffte, dass die See so ruhig blieb.
    Serraya erzählte ihnen, was geschehen war:
    Der Atompilz war in Muschelbank nicht unbemerkt geblieben und ein Fischer hatte sich mit seinem Einmaster auf den Weg gemacht, um nachzusehen, was geschehen war. Unterwegs hatte er Serrayas Lager entdeckt und sie hatte die Gelegenheit genutzt, die Kisten mit dem Schiff des Fischers nach Muschelbank zu schaffen, wo sie jetzt in einem Lagerhaus am Hafen untergebracht waren. Eigentlich hatte sie Ragan und Merrow sofort wieder entgegen fahren wollen, was der überraschend hereinbrechende Sturm jedoch unmöglich gemacht hatte. Nach dem Sturm war der Einmaster des Fischers so schwer beschädigt gewesen, dass er nicht ohne eine größere Reparatur wieder in See stechen konnte. Als dann ein herrenloses Pferd am Strand entlang gelaufen kam, direkt zum Hafen hin, in dem Serraya den Braunen erkannte, hatte sie kurz entschlossen die Barkasse der Hafenmeisterei gechartert.
    „Was hast du diesem Fischer eigentlich gesagt?“ wandte sich Merrow an Serraya. „Wegen der Explosion, meine ich.“
    Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe ihm die Wahrheit erzählt, von der unterirdischen Anlage auf der Insel, den elektrischen Lampen und Geistern, dem Fahrzeug mit dem Maschinengewehr und der Atombombe. Danach hat er herzlich gelacht und gesagt, das sei das beste Seemannsgarn, das er je gehört habe. Die Leute in Muschelbank hielten die Explosion für eine Art Wetterphänomen, das den Sturm ankündigte.“
    Die gleichmäßig schnaufende kleine Maschine brachte sie flott an der Küste entlang voran und der nach Meer riechende Wind strich ihnen durch das Fell. Als die untergehende Sonne schließlich Meer und Himmel in tief rotes Licht tauchte, kam der Leuchtturm von Muschelbank in Sicht.


    Das Ende der Reise


    Sie ritten gemächlich die staubige Landstraße entlang, vor dem rumpelnden Dampflaster her, der die zwanzig Kisten und die Überreste ihrer ramponierten Ausrüstung transportierte. Der Rückweg war beinahe komfortabel; sie übernachteten nicht im Freien, sondern in Herbergen an der Straße. Sie witzelten darüber, dass sie zum Abschluss der Expedition nun doch endlich Gelegenheit bekamen, richtig Geld auszugeben. Ihre Reise ging dem Ende zu; sie näherten sich bereits Eisenfeld und der Verkehr auf der Straße, die hier asphaltiert war, nahm zu. In den allgegenwärtigen Geruch nach Staub und Pferdeschweiß mischte sich immer mehr von dem Rauch- und Ölgeruch des Dampfverkehrs.
    „Nun ist das ganze Abenteuer schon fast vorbei“, stellte Merrow betrübt fest.
    „Es war doch ohnehin alles ganz anders als du es dir vorgestellt hattest.“ Ragan lächelte. „Warst du nicht enttäuscht?“
    „Wenn nicht alles ganz anders gekommen wäre als ich es mir vorgestellt hatte, dann ...“, Merrow schüttelte nachdenklich den Kopf. „Dann wäre es wohl kein Abenteuer gewesen.“
    „Ihr beide habt euch verändert während der Reise“, sagte Serraya.
    Ein paar Minuten ritten sie schweigend nebeneinander her und Ragan dachte über Serrayas Worte nach. Ja, die Reise hatte ihn verändert. Er hatte so vieles von dem gebraucht, was er in der Priesterschule einst gelernt hatte; nie zuvor war ihm so klar gewesen, dass das alles nicht vergebens gewesen war. Er sollte all sein Wissen und Können endlich wieder mehr pflegen und vertiefen. Auch den Umgang mit Schiffen hatte er nicht umsonst erlernt. Und alles, was er künftig noch lernen würde, wäre es ebenfalls nicht. Seine Wohnung in Oberkalkstadt, in dem hübschen Haus an der sonnigen Uferpromenade, in jenem netten, satten Städtchen, das nur dafür geschaffen schien, seine Zeit so angenehm totzuschlagen, dass der Verlust nicht schmerzte, schien ihm unendlich weit entfernt. War er jemals dort zu Hause gewesen?
    Er räusperte sich und sagte: „Auf die Gefahr hin, die melancholische Stimmung zu zerstören – erinnert ihr euch, dass wir noch ein anderes Ziel haben, mitten in der Wüste? Kommt ihr beide wieder mit oder habt ihr schon die Schnauze voll?“
    People who deny the existence of dragons are often eaten by dragons. From within.
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    Ein neuer Morgen


    Ein sanfter Regenschauer erfrischte den Morgen des warmen Sommertages und über Tempelstadt wölbte sich ein prächtiger Regenbogen. Die beiden sich langsam drehenden Windräder des Wasserpumpwerks ließen die Schatten ihrer Flügel verspielt über die Kuppel des Gasometers und den kleinen Industria-Tempel gleiten, einen rotbraunen Ziegelbau, der sich im Vergleich zur großen Kathedrale der Göttin in Eisenfeld wie eine Gartenlaube ausnahm.
    Zwei Männer gingen einen schmalen Fußweg entlang, der in die Berge führte. Einer der beiden war von Löwentyp und aufgrund seiner würdigen Erscheinung und kraftvollen Ausstrahlung auch ohne seine Robe unschwer als der Hohepriester zu erkennen, der andere, ein sehr junger Mann von Waschbärtyp mit zerzaustem Kopfhaar, war Merrow, der zur Zeit ebenfalls einen gewissen Bekanntheitsgrad in Tempelstadt erlangt hatte. Sie näherten sich den Eingängen zu einigen Höhlen.
    „Ich wusste nicht, dass es hier Höhlentempel gibt“, sagte Merrow.
    „Sie sind auch nicht öffentlich“, erwiderte Reddiff.
    „Es gibt keine Absperrung.“
    „Aber auch keine Hinweisschilder.“ Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Hohepriesters. „Und nur einen schmalen Weg. Also verirrt sich niemand hierher.“
    „Und wenn doch?“
    „Geht er nicht in die Höhlen.“
    „Und wenn doch?“
    Wieder lächelte Reddiff. „Dann ist das ein Weg, sich für eine spirituelle Tätigkeit zu qualifizieren. Menschen, die die richtigen Wege finden, sind aber selten. Die wirklichen Schätze brauchst du weder zu verbergen noch einzuschließen. Schütte sie auf den Marktplatz und die Leute beschweren sich allenfalls über das Hindernis.“
    Sie betraten eine der Höhlen durch ein unauffälliges, aus grauem Stein gemauertes Portal.
    Drei Wochen waren vergangen seit der Expedition. Niemand hatte den drei Abenteurern Vorwürfe gemacht, weil sie von allem, was zu bergen gewesen wäre, nur so wenig hatten retten können. Im Gegenteil, sie wurden als Helden gefeiert und die mitgebrachten Schätze in den Museen und Archiven von Tempelstadt untergebracht. In einer der Kisten, die sie ihres Gewichtes wegen fast stehen gelassen hätten, um eine andere, leichtere mitzunehmen, fand sich ein ganzer Vorrat an Barren hochreinem Goldes, der unter Ragan, Serraya und Merrow zu gleichen Teilen aufgeteilt wurde – wovon natürlich jeder von ihnen das erwartete Zehntel an den Haupttempel spendete. Die Tempelstadt ließ sich ihrerseits nicht lumpen und hielt ihre momentanen Helden frei; Merrow ließ es sich eine Weile in den Bade- und Vergnügungseinrichtungen gut gehen und fuhr dann mit dem Kanonenexpress nach Eisenfeld, um noch ein paar Tage bei seinen Verwandten zu verbringen.
    Sie betraten ein kleines, von drei Kerzen beleuchtetes Höhlengewölbe. In dessen Mitte stand Ragan, unbekleidet und regungslos, eine bronzene Kugel mit beiden Händen über seinem Kopf haltend.
    „Steht er schon den ganzen Morgen so da?“ fragte Merrow leise.
    „Nein“, antwortete der Hohepriester. „Seit gestern Abend.“
    „Werden wir ihn nicht stören?“ fragte Merrow nach einer kurzen Pause des Erstaunens weiter.
    „Nein. In ein paar Minuten wird er die Kugel absetzen und sich uns zuwenden.“
    Schweigend standen sie und sahen abwartend auf Ragans Rücken; der Kerzenschein schimmerte auf seinem geflecktem Leopardenfell. Schließlich bewegte er sich und setzte die Kugel ab, wobei gleichzeitig ohne erkennbaren Zusammenhang eine der Kerzen erlosch. Ragan begann heftig zu atmen und schien aus einem tiefen Schlaf zu erwachen.
    „Es ist schön, jemanden erwachen zu sehen“, sagte Reddiff.
    Ragan wandte sich zu ihnen um und meinte lächelnd: „Damit meinst du nicht nur den heutigen Morgen, nicht wahr?“
    Reddiff lächelte zurück. „Nein. Es ist alles vorbereitet; eurem erneuten Start übermorgen steht nichts im Wege, und Serraya ist natürlich wieder dabei.“
    „Was wird uns wohl in der Wüste erwarten?“ fragte Merrow. „Kennst du dieses Gefühl, wenn man sich gleichzeitig auf etwas freut und sich doch irgendwie fürchtet?“
    „Oh ja.“ Ragan fasste Merrow an der Schulter und sah gleichzeitig ihn und Reddiff an. „Genau das Gefühl kennen wir hier sehr gut.“
    Reddiff ließ eine Weile des Schweigens verstreichen, dann wechselte er das Thema: „Also los, bei mir ist inzwischen das Frühstück angerichtet. Merrow hat sich schon daran gewöhnt, vor größeren Expeditionen beim Hohepriester zu frühstücken, nicht wahr?“ Er nickte Merrow freundlich zu. „Und sogar an noch ganz andere Dinge.“
    „Was meinst du?“ fragte Merrow so bestürzt, dass die Frage nicht ganz ehrlich gemeint sein konnte.
    „Jene kleinen Dinge, mit denen sich niemand gern beschäftigt.“
    „Nun, ich dachte mir, wenn es schon solches Wissen sind, das wir mitbringen ... Hast du dich denn über mich erkundigt?“
    „Nein, ich merke es dir an. Das soll auch kein Vorwurf sein – ganz im Gegenteil.“


    Die zweite Reise


    Am Morgen ihrer Abreise brannte die Sonne von einem wolkenlosen Himmel und die öffentliche Verabschiedungszeremonie fand diesmal vor dem Tempel des Set statt, da neben dem Thoth-Tempel ein Bagger schnaufte und einen höchst unfeierlichen Lärm verursachte, während rings um den Tempel emsig Baugerüste errichtet wurden.
    Sie bekamen diesmal acht Pferde, vier Schimmel und vier Rappen, unter denen ihre drei Reitpferde von der letzten Expedition waren; darauf hatten die drei Reisenden bestanden. Die Ausrüstung war neu und eigens für die Wüste zusammengestellt. Die Menschenmenge, die sich eingefunden hatte, war kleiner als beim letzten Mal; eine zweite Expedition war weniger interessant als eine erste und eine dritte oder gar vierte würde wahrscheinlich kaum noch einen Hund hinter dem Ofen hervor locken.
    Der Set-Priester war ein Mann von hybridem Typ, der mit seiner langen zierlichen Schnauze und seinem glänzend schwarzen Fell tatsächlich eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den üblichen Darstellungen seines Gottes hatte.
    Ragan erinnerte sich an den gestrigen Abend, an dem Reddiff sie zu einer Theatervorstellung eingeladen hatte. In dem Stück stießen die nicht lebenden Metallgeschöpfe aus dem Reiche der Industria mit Untoten zusammen, die sich weigerten, das Reich des Anubis zu betreten. Es war einer der moderneren Mythen, den jeder kannte – und während der Vorstellung hatte sich Ragan plötzlich gefragt, wo in diesem Stück die Metallspinnen des Pluto blieben. Und was war mit den unheimlichen Geschöpfen der Flora, deren Zusammenleben mit den Menschen darin bestand, sich gegenseitig zu verzehren? Die Welt war nicht so einfach und vorhersehbar wie die Mythen – wieso kam niemand auf die Idee, Theaterstücke zu spielen, die ganz neu waren und deren Ende noch niemand kannte? Machten all die vorhersehbaren, bekannten Theaterstücke den Zuschauern nicht weis, das Leben bestünde nur aus Bekanntem und Vorhersehbarem? Oder kamen sie gar her, um genau das bestätigt zu bekommen? Sollte es nicht Theaterstücke geben, die die Fantasie anregten statt sie einzumauern?
    Reddiff, der hier in der Theaterloge seine offizielle Robe trug, hatte sich zu ihm herüber geneigt und ihm zugeraunt: „Ja, es gibt Interessanteres als dieses Stück, deinen Gesichtsausdruck zum Beispiel. Ich kann Deine Gedanken geradezu lesen.“
    „Bin ich anders als andere Menschen?“
    „Ja. Und Merrow ebenfalls. Ihr beide musstet euch begegnen.“
    „Und Serraya?“
    „Sie begleitet euch.“
    „Um uns zwei Ungeheuer zu bewachen?“
    „Vielleicht.“
    Trommelschläge lenkten ihre Aufmerksamkeit zurück zur Bühne und beendeten das kurze Gespräch.
    Ragans Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf den Priester, der bewusst aus dem Schatten in die brennende Sonne hervor getreten war und von der Liebe zur Wüste und dem Weg ins Unbekannte redete. Merrow, der zu seiner Linken stand, lauschte fasziniert, Serraya zu seiner Rechten gelangweilt. Auf wieviele solcher Redner kommt eigentlich einer, der sich wirklich auf den Weg macht? fragte er sich.
    Der Priester hielt die Zeremonie kurz, da die versammelte Menge diesmal zu einem großen Teil aus Kindern bestand und entsprechend unruhig war. Einige der Kinder drängelten sich schließlich um sie und wollten unbedingt mitkommen; einige von ihnen hatten sich sogar schon reisebereit gemacht und trugen kleine Rucksäcke. Ragan, Merrow und Serraya wehrten sie mit freundlichen Worten ab und gingen zu den Pferden. Unvermittelt trat ein Mann von auffälligem Rotfuchstyp auf sie zu und sprach Ragan an: „Was du wirklich suchst, wirst du auf dieser Reise nicht finden. Und was du finden wirst, suchst du nicht.“
    Ragan sah den Mann verwundert an. Er war von mittlerer Größe und unbestimmten Alters. Über seinem roten Fell trug er kein Stück Kleidung, dafür jedoch auffällige Ohrringe und eine große Anzahl irgendwelcher Talismane an Lederbändern um den Hals. Seine Oberarme wiesen Brandzeichen auf, die durch das Fell nur undeutlich erkennbar waren. Ganz offensichtlich war er einer jener Sonderlinge, die von irgendwoher kamen, um in der Umgebung von Tempelstadt zu leben, wo sie immer gern gesehen waren und als „Heilige“ galten, wobei stets offen blieb, ob das respektvoll oder spöttisch gemeint war. Diese Heiligen waren typisch für Tempelstadt und konnten gut von den Spenden leben, die ihnen die Einwohner gern gaben.
    Bevor Ragan den Mann fragen konnte, was er damit meinte, wandte der sich Merrow zu und sagte: „Auch für dich wird es nicht die letzte Reise sein. Du brauchst andere Ziele, größere. Weißt du eigentlich, dass die Alten wenigstens zehnmal mehr Götter hatten als wir aus den Überlieferungen heute kennen?“
    „Und ich?“ fragte Serraya herausfordernd.
    Der Fuchsmann sah sie eindringlich an. „Es ist gut, dass du mitgehst.“
    Bevor Ragan eine Münze für den Heiligen aus der Tasche nehmen konnte, wandte dieser sich um und ging davon. Serraya ließ ein Lachen hören, aus dem eine Spur Unsicherheit klang: „Na, wenn das nicht eine original Tempelstädter Verabschiedung war!“
    „Stimmt das, was er sagte?“ fragte Merrow. „Das mit den vielen Göttern, meine ich.“
    „Es ist vermutlich noch stark untertrieben“, antwortete Ragan. „Die alte Zeit dauerte viele Jahrtausende; in dieser Zeit kannte man viele Götter in allen Teilen der Welt.“
    „Gegen Ende der alten Zeit waren sie aber fast alle vergessen oder wurden zumindest nicht mehr als Götter verehrt“, ergänzte Serraya. „Ich habe einen Nachdruck eines alten Lexikons gesehen, das manch ganzes Pantheon lediglich mit Namenslisten und ein paar kurzen Stichworten abhandelte.“
    Ihr Ritt aus der Stadt hinaus wurde von weit weniger Menschen bejubelt als beim letzten Mal, worüber Ragan erleichtert war. Sie verließen die Stadt diesmal in beinahe der entgegengesetzten Richtung, um die Berge zu umgehen, an deren Fuß die Stadt erbaut war, teilweise an ihnen hinauf wachsend. Der Weg war wesentlich weiter als der zu ihrem letzten Ziel und führte schließlich in eine Wüste, in der keine einzige der Karten irgendeine Oase, Wasserstelle oder gar eine Siedlung verzeichnete. Die einzige Ansiedlung und letzte Station auf ihrem Weg war eine kleine Stadt namens Sandberg, die durch eine ebenso lange wie wenig benutzte Straße mit den Städten am Oberlauf des Flusses verbunden war. Sie führte als die einzige Verkehrsverbindung zu einer Reihe von Bergdörfern über mehrere unwegsame Pässe. Sie hatten kurz erwogen, nach Eisenfeld oder Oberkalkstadt zu reiten, dort einen flussaufwärts fahrenden Dampfer zu nehmen und dann diese Straße zu benutzen, aber Merrow, der die kleinen Städte am Oberlauf des Flusses und ein Stück jener Straße gut kannte, hatte an die zahllosen Serpentinen und hohen Pässe erinnert und in einem Satz erklärt, was davon zu halten war: „Dann kommen wir dieses Jahr nicht mehr hin.“
    Also hatten sie sich dafür entschieden, das Gebirge zu umgehen. Jene nach Sandberg führende Straße zu finden konnte nicht schwierig sein; wenn sie weit genug nach Süden ritten, mussten sie zwangsläufig darauf stoßen. Dort hofften sie zu erfahren, wie sie die letzten tausend Kilometer durch wasser- und wegelose Wüste bewältigen könnten, auf deren anderer Seite sich ihr Ziel am Fuße einer Berggruppe befand. Wenn man den alten Karten glauben konnte.
    Sie ritten durch das Grün der Steppe, welches der Sommer auszubleichen begann; links von ihnen erhoben sich die Berge, rechts von ihnen graste eine kleine Herde Wildesel, die ihnen neugierig nachschauten und ihre langen Ohren unruhig bewegten.
    „Auf den alten Karten“, begann Serraya, „ich meine, auf den wirklich alten, ist dort, wo wir hin wollen, keine Wüste.“
    Ragan nickte. „Ich habe mir die Karten mit Merrow zusammen angesehen. Dort sind sogar Städte eingezeichnet.“
    „Ich kann einfach nicht glauben, dass es wirklich irgendwann Städte von solcher Größe gegeben haben soll“, meinte Merrow. „Die müssten ja zehnmal so groß gewesen sein wie Eisenfeld. Mindestens!“
    „Wer hätte schon geglaubt, dass es Atombomben wirklich gab?“ erwiderte Serraya. „Dass diese eine noch immer funktionierte, ist übrigens noch erstaunlicher, wie mir einer unserer Wissenschaftler erklärte. Eigentlich müsste sich der ... der Sprengstoff im Laufe der Jahrhunderte ...“, sie musste wieder nach passenden Worten suchen, „zersetzen.“
    „Glaubst du, wir haben diesmal etwas Ähnliches zu erwarten?“ fragte Merrow.
    Sie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Aber wir könnten uns darauf einrichten und planmäßig alles ausräumen, was wir finden, bevor wir auf einen Geisterwächter stoßen.“
    „Einen Unterschied gibt es dieses Mal“, sagte Ragan langsam. „In der Wüste haben wir kein Schiff und könnten innerhalb einer Stunde nur in Sicherheit bringen, soviel die Pferde tragen.“
    „War überhaupt schon einer von uns in einer Wüste?“ fragte Merrow.
    „Nein“, antworteten Ragan und Serraya im Chor.
    „Dann wird es ja Zeit!“ lachte Merrow.
    Ragan bemerkte, dass der Junge mutiger geworden war; nach ihrer Rückkehr würde er seinem Onkel Jark vielleicht eine gute Hilfe bei der Erforschung von Plutos Reich sein können.
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