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Thema: Der Adventskalender-Roman: Tierische Wege

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    Standard Der Adventskalender-Roman: Tierische Wege

    Wer selbst schreibt, wird das vielleicht kennen - man schreibt etwas, ist hinterher dann doch nicht zufrieden damit und lässt es einfach in der Versenkung verschwinden. Mir ging es mit einem Furry-Roman so, den ich vor etlichen Jahren einmal schrieb; ich fand ihn hinterher einfach zu flach, zu klischeehaft, zu unrund. Nun ja, ich bin eben eher Kurzgeschichtenautor. Als ich letztens noch einmal darauf aufmerksam wurde, fand ich es dann doch ein wenig schade, den Roman komplett untergehen zu lassen und dachte mir: Wenn ich die Welt damit auch nicht gleich in gedruckter Form beglücken muss, kann ich ihn doch allemal online stellen.
    Passend zur Jahreszeit gibt es den Roman nun also in Form eines Adventskalenders vom 1. bis zum 22. Dezember - die Sonnenwende ist schließlich am 22. und nicht am 24. Dezember, aber dafür fange ich heute schon an. Ihr dürft natürlich auch gern etwas dazu zwischenrein schreiben.
    Also, los gehts!



    Tierische Wege
    Prolog

    Anno 153 Neuer Zeit



    Mit rhythmischem Schnaufen bahnte sich das Lokomobil seinen Weg durch die Nacht, rasselnd und quietschend auf acht großen Eisenrädern. Für Augenblicke riss der matte Schein seiner beiden Ölscheinwerfer verdorrtes Dickicht aus dem Dunkel, Steine und Felsbrocken, hier und da auch ein paar bleiche Knochen oder Überreste einer Mauer, die unter den Rädern der schweren Maschine zermalmt wurden. Ein muskulöser Mann mit einem bärenartigen Kopf, dessen freier Oberkörper von dichtem schwarzem Pelz bedeckt war, warf unermüdlich Holzscheite aus dem einachsigen Anhänger in die Feuerluke unter dem Kessel, fütterte die rasenden, dröhnenden Flammen, die im Innern der Maschine tobten. Gelbroter Feuerschein beleuchtete die deutlich ergraute Wolfsschnauze eines weiteren Mannes, der das Lokomobil mittels zweier meterhoher Hebel durch die Finsternis steuerte, den Blick seiner bernsteinfarben blitzenden Augen aufmerksam auf den schwachen Lichtschein vor dem Langkessel der Maschine gerichtet.
    „Sie verfolgen uns“, stellte der Heizer fest.
    Der Fahrer warf einen kurzen Blick über die Schulter und konnte in der Ferne winzige Lichtpunkte erkennen. „Sie haben kein Fahrzeug mehr“, knurrte er. „Zu Fuß können sie uns nicht einholen.“
    „Sie reiten“, sagte der dritte Mann an Bord. „Zu Pferd sind sie schneller als wir.“
    Der Fahrer warf auch ihm einen Blick zu. Jener dritte Mann war ein Mensch ohne Tiertyp, mit einem seltsam flachen Gesicht, unterentwickelten Zähnen und fast ohne Behaarung. Um wenigstens diesen Mangel ein wenig auszugleichen, trug er eine dicke Jacke und Hose. Wenn die Überlieferungen stimmten, hatte es früher eine Zeit gegeben, in der alle Menschen so aussahen wie dieser, dem sie in blindem Vertrauen folgten. Und wenn sie nicht stimmten, wenn alles nur Fantasie und Lüge war, ergänzte der Fahrer in Gedanken, dann war das alles hier wahrscheinlich umsonst.
    Dröhnend rumpelte die Maschine über Felsbrocken; Dampf zischte pfeifend aus Ventilen und undichten Rohren.
    „Du bist krank“, sagte der Fahrer.
    Der flachgesichtige Mann war bleich und hatte rote Flecken auf der Haut, ab und zu spuckte er Blut. Mit einem gequälten Lächeln wies er auf den großen Kasten aus schimmerndem Metall, den sie seiner Hitze wegen in die äußerste Ecke des Führerhauses gestellt hatten. Es war nicht die gewöhnliche Hitze, die er ausstrahlte, wie die des Holzfeuers unter dem Kessel; es war das Stille Feuer. Es schien jenem Menschen in erschreckendem Maße zu schaden – ja, selbst eine angenehme stille Wärme machte ihn bereits krank. Dabei fühlte er die Wärme des Stillen Feuers nicht einmal, wie er behauptete, und war so gleich doppelt gefährdet. Obendrein hatte niemand außer ihm jenen Kasten besorgen und in Betrieb setzen können; er hatte ihn jedoch für wichtig genug gehalten, um dafür zu sterben.
    „Wofür, sagtest du, ist das Ding gut?“ fragte der Fahrer.
    „Der Isotopengenerator? Das alte Wissen wird für lange Zeit in seinem Versteck bleiben müssen. Damit es überhaupt noch jemand findet, wenn es so weit ist, muss es ... nun ja, muss es rufen. Mit einer Stimme, die bis dahin niemand hört.“
    Der Fahrer schwieg. Entweder war der Mann ein Weiser, der Dinge verstand, die sich niemandem sonst erschlossen, oder aber ein Narr, der Unsinn redete. Sie beide hatten ihr Leben auf Ersteres gesetzt.
    Der Heizer hielt einen Moment inne, schloss die Augen und bleckte die Zähne, dann brummte er: „Es sind sechzehn. Und sie kommen näher.“
    „Du kannst das wirklich erkennen? Auf eure Art?“ fragte der Haarlose matt, als wollte er die nagenden Zweifel des Fahrers noch schüren. Die wenigen noch existierenden Menschen ohne Tiertyp hatten auch diese Fähigkeit nicht oder kaum – eigentlich kein Wunder, dass so benachteiligte Wesen ausstarben. Der Weg führte immer steiler aufwärts ins Gebirge und das Lokomobil wurde langsamer, obwohl der Heizer in immer schnellerer Folge Holzstücke durch die Feuerluke warf. Rohrleitungen vibrierten, Zeiger schmutziger Messuhren krochen von links nach rechts, heißes Öl zitterte hinter Sichtgläsern. Die Verfolger kamen allmählich näher; sie waren eine gemischte Gruppe von Menschen mit und ohne Tiertyp. Der Fahrer wusste nicht wirklich, warum sie hinter ihnen her waren, er verstand nicht, wieso ein Teil der Flachgesichtigen sich mit anderen Menschen verbündete, ein anderer Teil sie bekämpfte und ein dritter Teil gemeinsam Selbstmord begangen hatte. Die einen waren verrückt, die anderen hatten Angst, die nächsten nutzten die Gelegenheit für Machtkämpfe. Was ihn mit dem Heizer und dem Flachgesicht vereinte, war vor allem, dass sie mit dem ganzen Irrsinn nichts zu tun haben wollten. Das Vorhaben des Flachgesichtigen schien vernünftig: Er wollte einen Haufen alter Überlieferungen und Dinge, mit denen niemand mehr etwas anzufangen verstand, vor Wahnsinn und Zerstörungswut retten und für bessere Zeiten in Sicherheit bringen, für ferne Nachfahren wohl erst. Der Heizer war ein ungebildeter Mann aus dem Wald, der das Wissen, gerade weil er selbst so wenig davon hatte, als etwas Heiliges betrachtete; deshalb war er dabei. Und natürlich, weil er von der Gesellschaft in den Siedlungen nichts hielt. Bei ihm selbst war das Gegenteil der Fall. Als Schlosser und Maschinist gehörte er zu den Gebildeten und Wohlhabenden, was ihm viel Missgunst einbrachte. Aber dem Traum von besseren Zeiten, für die es etwas zu tun galt, hatte auch er nicht widerstehen können – in welch weiter Ferne jene Zeiten auch liegen mochten. In den letzten zwei Wochen hatten sie unbehelligt Tonnen von Material in die geheimnisvolle Höhle oben in den Bergen bringen können, die in den letzten Jahren der Alten Zeit so etwas wie ein Tempel gewesen sein mochte, doch auf ihrer letzten Fahrt verließ sie das Glück. Sie hatten zu viel Aufsehen erregt.
    „Das Holz wird bald alle“, sagte der Heizer.
    Das Wasser auch, fügte der Fahrer in Gedanken hinzu. Ohne Zwischenhalt und mit solcher Geschwindigkeit waren sie die Strecke bisher nie gefahren. Rutschend und schlingernd, mit immer wieder durchdrehenden Rädern polterte die rhythmisch schnaufende Maschine auf der schlechten Straße an einem Steilhang entlang; linkerhand gähnte der Abgrund. Aus dem Schlot schossen Funkengarben in den Nachthimmel, Dampfstrahlen hinterließen einen glänzenden Wasserfilm an der rechtsseitigen Felswand. So vorsichtig es mit solcher Geschwindigkeit und im Dunkeln möglich war, steuerte er die Maschine um Haarnadelkurven, Serpentinen hinauf, ab und zu mit dumpfen Dröhnen die Felswand auf der einen Seite streifend und fast über dem Abgrund auf der anderen Seite hängend.
    Die Höhle war nicht mehr fern, als der Heizer das letzte Holzstück ins Feuer warf.
    „Was nun?“
    „Häng den Anhänger ab!“ knurrte der Fahrer.
    Der bärenköpfige Mann klappte den Laufsteg nach hinten und begann mit dem Vorschlaghammer den Bolzen aus der Kupplung zu schlagen. Ein Blick aus dem Seitenfenster hinab zeigte die Fackeln der Verfolger auf der Serpentine unter ihnen. Die Kupplung löste sich, der einachsige Anhänger überschlug sich hinter ihnen, donnerte Funken sprühend gegen die Felswand, prallte ab und stürzte von der Straße nach unten auf die Nachhut der Verfolger. Schreie durchdrangen den Lärm der schneller werdenden Maschine. Hoffentlich würde sie das aufhalten. Der Dampfdruck ließ schnell nach, und mehr als hundert Meter vom Eingang der Höhle entfernt kam das Lokomobil schnaufend zum Stehen.
    „Los, raus, schnell!“
    Zusammen mit dem Heizer packte er den Metallkasten, dessen Stilles Feuer nahezu unerträglich heiß war. Im Unterschied zu den Flachgesichtigen würden die Verbrennungen bei ihm zwar heilen wie jede andere Verbrennung auch, aber er konnte ein Jaulen durch die zusammen gebissenen Zähne nicht unterdrücken. Der Flachgesichtige konnte sich selbst kaum auf den Beinen halten; er war jedoch der Einzige, der wusste, wie der Kasten in der Höhle mit verschiedenen anderen Dingen zu verbinden war. Und jemand würde die Pulverfässer zünden müssen, um den Höhleneingang zum Einsturz zu bringen. Sie rannten in die Höhle, in der sie ein Öllicht hatten brennen lassen und setzten ihre Last ab.
    „Wo ist ..? Oh, verflucht!“
    Der Flachgesichtige war neben dem Lokomobil zusammengebrochen; die Fackeln der Verfolger hatten ihn fast erreicht, Hufschlag hallte in vielfachen Echos von den Bergen wider.
    Der Bären- und der Wolfsmensch stießen gleichzeitig ein lautes Gebrüll aus und rannten auf den am Boden Liegenden zu, Pfeile zischten an ihnen vorüber, Schüsse krachten. Sie selbst hatten keine Waffen bei sich. Während sein Gefährte den Mann zur Höhle schleppte, sprang der Fahrer auf das Trittbrett des Lokomobils, von dem ihn ein heftiger Schlag fast wieder herab stieß. Einen Augenblick später wurde ihm bewusst, dass ein Pfeil seine Brust durchbohrt hatte; Blut tränkte sein Fell, ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Körper aus und ein jäher Hustenreiz wurde mit jedem Atemzug stärker. Er zog sich zum Führerstand hinauf und löste die Bremse, ein zweiter Pfeil traf seine linke Schulter. Langsam begann die Maschine rückwärts zu rollen, keine Ausweichmöglichkeit auf der schmalen Straße lassend. Sein linker Arm hing kraftlos herab und er versuchte das Fahrzeug, so gut es ging, einhändig zu lenken. Unter den Verfolgern herrschte plötzlich das Chaos, die vorderen drängten zurück, die hinteren begriffen nicht, was geschah, das eiserne Heck des Lokomobils prallte gegen Pferde und Reiter, die schwere Maschine zermalmte Fleisch und Knochen unter sich, Blut spritzte bis in den Führerstand hinauf, ein Pferd sprang samt Reiter mit schrillem Wiehern in den Abgrund. Die Maschine wurde schneller und schneller, während der Fahrer nichts dagegen tun konnte, dass ihn die Kraft verließ. Seine Hand löste sich vom Steuerhebel und er rutschte an der eisernen Wand herab, sich im Fallen instinktiv am Signalhebel festhaltend. Mit laut dröhnendem Horn stieß die führerlos abwärts rasende Maschine einen langgezogenen Todesschrei aus und stürzte die Felswand hinab, auf die darunter liegende Serpentine, wo sich die letzten Überlebenden der Verfolger bereits gerettet glaubten, und nach dem Aufprall schließlich weiter hinab, einen Meteorschweif von Feuer nach sich ziehend bis zum donnernden Aufschlag in der Tiefe.
    Eine Stunde später ließ ein zweiter, noch lauterer Donner den Boden erbeben, und ein Steinschlag verschüttete den Eingang der Höhle.
    People who deny the existence of dragons are often eaten by dragons. From within.
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    Nach dem spannenden Prolog freue ich mich auf weitere Teile des Romans. Meine Neugier und mein Interesse an der Geschichte sind jedenfalls geweckt

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    Freut mich, dass es Dir gefällt Fiete! Dann mache ich doch gleich das heutige Fensterchen auf:



    Erstes Buch

    Anno 1211 Neuer Zeit


    Ragan LD Wildbach schaute aus dem Fenster seiner Wohnung auf die sonnenbeschienene Uferpromenade von Oberkalkstadt. Ein farbenfroh bemalter Dampfomnibus schnaufte die Straße entlang, zwei entgegen kommende Reiter wichen ihm aus. An einem kleinen Verkaufsstand vor einer hellen Mauer, an der sich Weinreben empor rankten, verkaufte jemand Gebackenes, dessen Duft den Frühsommertag durchzog und den Rauch- und Pferdegeruch des Verkehrs versüßte. Am Flussufer saß ein Pärchen und schaute einer vorüber dampfenden Barkasse nach. Soweit Ragan das erkennen konnte, war sie von canidem Typ, während er eher zu den Feliden zu gehören schien – also nicht gerade die Art von Beziehung, aus der Nachkommen entstehen konnten. Ragan selbst gehörte ebenfalls zu den Feliden; seine Familie war sogar stolz auf ihren Leopardentyp und darauf, ein LD statt eines F im Namen zu führen.
    Ein protziger Dampfwagen, an dem reichlich poliertes Messing in der Sonne blinkte, näherte sich und hielt neben der verschnörkelten Gaslaterne direkt vor der Tür. Mit einem Seufzen trat Ragan vom Fenster zurück und war nicht sicher, ob er sich über den Besuch freuen sollte, denn in dem Wagen hatte er den seines Vaters erkannt. Er warf sich eine graue Weste über, obwohl er sich mit freiem Oberkörper wohler fühlte – wer sein Fell pflegte, brauchte keine Kleidung, wie er fand. Die Glocke läutete und er ging die Treppe hinab. Sein Vater, ein hochgewachsener Mann mit bemerkenswert einseitig gemusterten Gesichtsfell, begrüßte ihn mit einem kurzen Zucken der Ohren sowie den üblichen Floskeln und folgte ihm die Treppe hinauf. Obwohl Rawn LD Wildbach schon mehr als einmal in der Wohnung seines Sohnes gewesen war, ließ er einen langen Blick über den Tisch, die wenigen Stühle, den einzigen Schrank und Ragans schlichte graue Kleidung schweifen, worauf er die übliche ebenso provokativ wie ehrlich gemeinte Frage stellte: „Brauchst du mehr Geld?“
    „Sieht es so aus, als ginge es mir schlecht?“
    „Ja.“
    Ragan wusste, dass er derjenige in der Familie war, der es zu nichts brachte, mit dem nichts anzufangen war. Seine beiden Schwestern waren diejenigen, die die elterlichen Fabriken übernehmen würden, während er sich als Kind schon entschlossen hatte, Priester zu werden. Er hatte die Priesterschule so gut wie abgeschlossen, mehr oder weniger, aber Priester war er nicht geworden. Später hatte er, nur um überhaupt etwas zu tun, zwei Jahre auf das Studium der Nautik verwandt und war auf einem Flussdampfer gefahren. Eigentlich könnte er einen solchen jetzt sogar als Kapitän führen, wenn er das wollte. Aber er hatte sich etwas anderes darunter vorgestellt als die immer gleichen Fahrten flussauf und flussab, zu immer gleichen Häfen, wobei der Wechsel zwischen Hoch- und Niedrigwasser die einzige Abwechslung bot. Ein Geschäft letztlich, das nicht wesentlich interessanter war als die Führung der elterlichen Fabriken. Inzwischen war er 27 Jahre alt und tat – nun ja, derzeit eigentlich gar nichts. Nun versuchte ihn sein Vater wenigstens zu einer Größe unter den Müßiggängern zu machen, einem Glanzlicht der Gesellschaft, besorgte ihm Einladungen zu allen wichtigen und spektakulären Anlässen – nur lag ihm das noch viel weniger als alles andere. Irgendwie brachte er es fertig, selbst als Müßiggänger zu versagen.
    „Hast du je daran gedacht, dass es besser für mich sein könnte, wenn du mir nicht jeden Stein aus dem Weg räumst?“
    Wieder zuckte Rawn LD Wildbach mit den Ohren und meinte: „Das Thema hatten wir schon oft genug. Ich bin nicht gekommen, um zu streiten.“ Er zog einen Brief aus seiner eleganten Gürteltasche hervor und machte eine vage Handbewegung zu Ragans Bücherregal. „Wie ich weiß, interessierst du dich für Geschichte und kennst die alten Sprachen. Das hier ist eine Depesche aus dem Lichthaus, die irgendjemand für wichtig genug hielt, um sie als allgemeine Nachricht durchzugeben. Sie wird morgen sogar in der Zeitung stehen.“
    Die Nachricht besagte, dass eine „mystische Maschine“ aus alter Zeit, die im Parlament von Eisenfeld ausgestellt war, plötzlich zu arbeiten begonnen habe und „unverständliche Zeichen“ anzeigte.
    „Sie suchen jemanden, der darin eine Bedeutung erkennen kann. Du als so etwas wie ein Priester könntest es ja immerhin versuchen. Deine Mutter meinte, dass dich das interessieren könnte.“
    Ragan räusperte sich: „Wenn du versprichst, nicht jemanden mitzuschicken, der die Aufgabe für mich löst ...“
    Sein Vater stieß ein säuerliches Lachen aus. „Einverstanden – wenn du mir dafür versprichst, dich nicht verschämt in einem Mauseloch zu verkriechen, wenn du es schaffst.“
    Ragan musste zugeben, dass die Nachricht nicht uninteressant war; dem nachzugehen war jedenfalls besser als zu Hause herumzuhängen, Nächte über philosophischen Diskussionen mit Freunden zu verbringen, die sich stets wiederholten und zu nichts führten, und sich noch immer zu fragen, was er mit seinem Leben eigentlich anfangen sollte. Zumindest war es eine Ablenkung.
    Bevor Rawn LD Wildbach sich verabschiedete, fragte er wie nebenher: „Wie geht es eigentlich Esga?“
    Diesmal lachte Ragan. „Keine Ahnung; wir haben uns vor Wochen schon getrennt.“
    Esga war eine Frau von H-Typ – Hybrid, mit rotbraunem Fell und einem blauen und einem braunen Auge. Ob er mit ihr hätte Kinder haben können, war völlig ungewiss (was ihm egal war, weil er dergleichen keineswegs plante), aber wenn, dann wäre es mit dem schönen reinen LD-Typ in der Ahnenreihe natürlich aus gewesen. Also war sie die schlimmstmögliche Wahl sowohl im Vergleich zu einer feliden Frau, mit der der LD-Typ mit ein wenig Glück erhalten werden konnte als auch im Vergleich zu Frauen ganz anderen Typs, mit denen garantiert keine Fortpflanzung klappen würde. Nicht aus Ragans Sicht natürlich, der den Familienstolz auf den Leopardentyp albern und snobistisch fand – aber Rawn LD Wildbach war entsetzt gewesen. Er selbst hatte großen Wert darauf gelegt, dass seine beiden Frauen, sowohl Ragans Mutter als auch die seiner beiden Schwestern, von reinem Leopardentyp waren, und man erzählte sich, er hätte nur deshalb keine dritte Frau, weil dieser Typ einfach zu selten sei. Ragan wusste, dass das stimmte.
    „Wenn es darum ging, hättest du dir den Weg sparen können.“
    „Habe ich schon wieder etwas falsch gemacht?“
    „Nein.“ Ragan schüttelte den Kopf und bemühte sich um ein Lächeln. „Danke für die Nachricht.“


    Die Fahrt nach Eisenfeld


    Noch am selben Abend ging Ragan an Bord des Dampfers DORRENGA. Zwar führte eine gute Straße nach Eisenfeld, es gab eine Dampfbusverbindung und der Mietstall befand sich gleich hinter der nächsten Ecke, aber er hatte sich dennoch für die anderthalb Tage dauernde Reise per Schiff entschieden. Der quietschende rostige Hafenkran war dabei, den noch rostigeren kleinen Dampfer zu beladen, als Ragan über die Planke schritt und das Fahrgeld direkt an den Kapitän zahlte. Der Kapitän war ein untersetzter korpulenter Mann von sehr unbestimmtem Typ (ein wenig erinnerte er an eine Hyäne), er trug eine offene Jacke über seinem struppigen Fell und sah eher aus wie ein Krämer denn wie ein Kapitän.
    „Willkommen an Bord. Kabine Nummer drei, achtern“, sagte er kurz angebunden.
    Ragan hängte sich seine Reisetasche über die Schulter und ging über das schmuddelige Deck, in sich hinein grinsend bei dem Gedanken, dass jeder andere aus seiner Familie auf ein besseres Schiff gewartet hätte statt mit der DORRENGA zu fahren – selbst wenn es Tage gedauert hätte. Die Mannschaft schien nur aus fünf oder sechs Leuten zu bestehen, die jedoch Lärm für zehn machten. Passagiere waren ebenfalls nur eine Handvoll an Bord, dafür transportierte das Schiff reichlich Ladung und lag tief im Wasser. Ragan lehnte sich über die Reling, um das Ablegen zu beobachten.
    „Alle an Bord!“ brüllte der Kapitän durch einen Sprechtrichter und ließ die Dampfpfeife dröhnen. „Alles an Bord, wir legen ab!“ Wieder dröhnte das Signal.
    Jemand lachte leise neben Ragan. „Weit und breit ist niemand zu sehen außer den beiden alten Damen da drüben auf der Bank. Glaubt er, dass die jetzt noch schnell an Bord gesprungen kommen?“
    Ragan wandte sich dem Mann neben ihm zu und stimmte in dessen amüsiertes Lachen ein. Da er sich mit der Schifffahrt auskannte, erschien ihm alles auf diesem Schiff doppelt grotesk – es war so weit von allem entfernt, was er bei seinen Fahrten auf der sauberen, von seinem Vater für ihn ausgesuchten BIBER gelernt hatte.
    „Ich bin Merrow“, stellte sich der andere vor, „Merrow Gaukler.“
    „Ich bin Ragan LD Wildbach.“ Und etwas überrascht setzte er hinzu: „Du bist RC, nicht wahr?“
    Der junge Mann, der kaum älter als achtzehn sein konnte, lächelte breit. „Kaum zu übersehen, der Waschbär, nicht wahr? Bin aber der einzige in meiner Familie, alle anderen sind einfach ursin oder hybrid. Eine Rückzüchtung, sagt der Doktor, so etwas kommt vor. Hast du dir deine Kabine schon angesehen?“
    „Nein, ich bin gerade auf dem Weg dahin.“
    „Die sind richtig luxuriös, mit Türen, die manchmal sogar schließen und fast ohne Kakerlaken, denn die haben die Ratten alle gefressen.“ Er lachte lauthals und klopfte Ragan auf die Schulter. „Keine Angst, das war nur ein Witz!“ Dann prustete er noch lauter die Pointe heraus: „So viel können Ratten nämlich gar nicht fressen!“
    „Bist du schon länger an Bord?“
    „Seit gestern, ich komme aus Felsenberg.“
    Die Kabine war nicht so schlimm wie befürchtet, und Ragan konnte keine einzige Kakerlake entdecken. Lediglich das rhythmische Rauschen und Plätschern des großen Schaufelrades am Heck drang unangenehm laut durch das schlecht schließende Fenster und die Maschine ließ die Planken unter ihm vibrieren. Es begann zu dämmern, draußen läutete jemand eine Glocke und brüllte, dass das Abendessen fertig sei.
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    Ich bin gerade auf eine Längenbegrenzung für Beiträge gestoßen und muss den Text deshalb aufteilen.


    Die erwachte Maschine


    Am Morgen des zweiten Reisetages kam Eisenfeld in Sicht. Ragan wusch sich nach dem Aufstehen in einem aus dem Fluss geschöpften Eimer Wasser an Deck, wie das auf diesem Schiff üblich war.
    „Donnerwetter“, brummte ein Mann von ursinem Typ, der zum ersten Mal nach Eisenfeld kam. „So groß hatte ich mir das nicht vorgestellt. Wie soll sich einer da zurechtfinden?“
    So weit man sehen konnte, erstreckte sich eine Vielzahl von vier-, fünf- und noch mehrstöckigen Häusern, überragt von qualmenden Schloten und eisernen Türmen. Brücken schwangen sich durch die Stadt und über den Fluss, ganze Bündel von Rohrleitungen zogen sich zwischen den Gebäuden hindurch und emsiger Dampfwagenverkehr rollte durch die Straßen, in denen kaum Pferde zu sehen waren. Die Stadt hatte weit über einhunderttausend Einwohner und bot einen fast schon erschreckenden Kontrast zu dem beschaulichen Oberkalkstadt. Die vorherrschenden Farben waren hier nicht weiß und grün, sondern grau und rostbraun, und ein allgegenwärtiger Geruch nach Rauch lag in der Luft.
    In weitem Bogen schwenkte die DORRENGA in einen Seitenarm des Flusses ein, ließ ihr Horn dröhnen und verlangsamte die Fahrt. Weit vor ihnen wurde eine niedrige Brücke nach oben geklappt, so dass der Dampfer die Hafeneinfahrt passieren konnte.
    Am Ufer schnaufte eine Lokomotive mit zwei Anhängern vorüber, Kräne drehten sich rasselnd und quietschend und eine Seilbahn beförderte Schüttgut über die Köpfe zumeist canider Hafenarbeiter hinweg, die einander Unverständliches zu bellten. Rumpelnd legte der kleine Dampfer an der Kaimauer an, Seilwinden knarrten, Ketten klirrten, ein Hafenbeamter kam auf einem Fahrrad herbei geradelt.
    „Findest du von hier aus zum Parlament?“ fragte Merrow.
    „Ich hoffe doch“, erwiderte Ragan unsicher. Seine letzte Reise nach Eisenfeld lag drei Jahre zurück.
    „Wie wär's, wenn ich dich hin führe? Ich kenne mich aus, habe Verwandte hier, die alle halben Jahre einen Besuch erwarten.“
    Ragan nahm das Angebot dankbar an; während der Reise hatte er sich mit dem Jungen angefreundet und fand inzwischen nicht nur dessen freundliches Waschbärgesicht, sondern auch seine offene und alberne Art sympathisch.
    „Gehen wir zu Fuß oder hast du es eilig?“
    „Zu Fuß.“ Sie beide reisten mit leichtem Gepäck und trugen jeder lediglich eine Reisetasche an einem Schulterriemen. „Wie kämen wir denn sonst noch hin?“
    „Mit dem Einspurwagen.“ Merrow wies auf einen dicken eisernen Balken in der Mitte der Straße, auf dem ein doppelstöckiger Dampfwagen entlang fuhr, den Fahrbalken umfassend. „Und ob du es glaubst oder nicht, hier am Hafen kann man sich sogar ein Pferd mieten.“
    „Ich dachte schon, Pferde seien in dieser Stadt unbekannt.“
    Ragan nahm die Atmosphäre von Eisenfeld in sich auf, den Verkehr auf dem breiten Boulevard, die Rufe der Straßenhändler, die Gerüche von Essen, Rauch und Maschinenöl und die Musik der Straßenmusikanten, die auf Gitarren oder kleinen, aber lauten Dampforgeln spielten. Ihm fiel auf, dass die zumeist wohlgenährten Bewohner der Stadt ein schlechtes Fell hatten und dafür umso mehr Kleidung trugen.
    „Sag mal, diese mystische Maschine, von der du gesprochen hast“, begann Merrow mit einem neugierigen Blick. „Das ist etwas von ganz früher, nicht wahr? Aus der Zeit vor der Zeitrechnung?“
    „Auch damals hatten sie eine Zeitrechnung; die ist heute nur vergessen. Sie soll zu dem Zeitpunkt begonnen haben, als sie einen ihrer Götter oder Propheten schlachteten, weil er sich in ein Schaf verwandelt hatte.“
    „Ich dachte, damals hatten die Menschen noch gar keinen Tiertyp?“
    „Die Menschen nicht, aber die Götter schon, einige zumindest.“
    „Tatsächlich? Das muss ein interessantes Zeitalter gewesen sein!“ Der junge Mann mit dem Waschbärgesicht machte den Eindruck, als würde er vor Aufregung gleich von einem Bein auf das andere zu springen beginnen wie ein kleines Kind; Ragan unterdrückte ein Lachen und kam ihm zuvor: „Wenn du willst, kannst du mitkommen und dir das Ding selbst ansehen. Es braucht ja keiner zu wissen, dass du davon nichts verstehst.“
    „Oh, das ist großartig! Weißt du, ich habe schon so viel von diesem alten Zeug gesehen, aber noch nie etwas, das noch funktioniert! Und du meinst, die lassen dich da einfach so heran?“
    „Nun, ich habe eine Priesterschule absolviert, jedenfalls so gut wie, und ich kenne die alten Sprachen. Sie können mein Wissen prüfen, indem sie mir Fragen stellen.“
    Schließlich erreichten sie das Parlament von Eisenfeld, einen Bau aus dunkelgrauem Stein, der von geringer Schönheit, aber beachtlicher Größe war. Sie stiegen die Freitreppe hinauf und traten zwischen zwei mächtigen Pfeilern auf das Eingangsportal zu, über dem ein steinerner Löwenkopf angebracht war, der würdig auf sie herab sah; eine Inschrift tat kund, dass es sich dabei um den ersten König von Eisenfeld handelte.
    „Ein König?“ fragte Ragan. „Ich dachte, hier regiert ein Parlament?“
    „Der König wird alle fünf Jahre neu gewählt“, erwiderte Merrow. „Woanders würde man ihn wohl Oberbürgermeister nennen.“ Kichernd setzte er hinzu: „Aber wir sind hier in Eisenfeld!“
    Im Foyer des Parlamentsgebäudes befand sich das Anmeldebüro genau gegenüber des Eingangs, ein abgegriffenes hölzernes Geländer mit kunstvoll gedrehten Sprossen leitete einen Besucher geradewegs hin. Hinter dem Schalter saß eine dickliche Frau von Dachstyp, die ihnen schläfrig entgegen sah und die Kleidung der beiden Besucher abschätzend musterte, Ragans kurze Hose und die offene graue Weste sowie Merrows grüne Hose und sein rot gemustertes Hemd, das deutlich zu weit geraten war.
    Ragan stellte sich vor und noch bevor er sein Anliegen vorbringen konnte, sagte die Beamtin, nun plötzlich wacher und mit freundlicherem Blick: „Oh ja, Ragan LD Wildbach, du bist angemeldet.“
    „Angemeldet?“
    Die Frau blinzelte irritiert. „Von deinem Vater, Rawn LD Wildbach, per Lichtdepesche.“
    Ragan knurrte unhörbar in sich hinein. Wieso hatte sich nicht eine Nebelbank zwischen zwei Lichthäuser legen können, die kein Signalfeuer durchdrang, oder eine Signalblende sich verklemmen?
    „Ja, natürlich“, sagte er.
    „Und was ist dein Anliegen?“ wandte sie sich, weniger zuvorkommend, an Merrow.
    Ragan bemühte sich um ein bestürztes Gesicht: „Du meinst, er wurde in der Depesche nicht erwähnt? Das ist mein wichtigster Gehilfe, Merrow RC...“ Verdammt, wie hieß er doch gleich?
    Merrow sprang schnell ein: „Merrow RC Gaukler.“
    „Gaukler?“
    „Ja, Gaukler.“
    Die Beamtin räusperte sich und strich über den weißen Fellstreifen ihres Gesichts. „Ähm ... ja, also gut. Ich werde veranlassen, dass euch jemand zu der Maschine führt.“
    Sie beugte sich über den silbern schimmernden Trichter einer Sprachröhre und redete ein paar Worte hinein, blechern scheppernd hallte eine kurze Antwort zurück.
    Kurz darauf erschien ein hochgewachsener junger Mann von hybridem Typ mit dunkelgrauem Fell, welcher derart mager war, dass er beinahe spinnenhaft wirkte.
    Er stellte sich als Elgif H und irgendetwas Unverständliches vor; weder Ragan noch Merrow fragten nach, sondern folgten ihm einfach. Sie stiegen Teppich bespannte Treppen hinauf, Etage um Etage, kamen an Türen vorüber, aus denen das Klappern von Schreibmaschinen hallte, vorbei an goldglänzenden Hinweisschildern und Akten tragenden Beamten, bis sie schließlich das Dachgeschoss erreichten. Durch einen Flur von majestätischer Höhe, der mit Gemälden und Statuen verstorbener Politiker geschmückt war, erreichten sie eine Rotunde, über der sich eine verglaste Kuppel wölbte, durch die Tageslicht herein flutete. In zahlreichen Vitrinen war ein Sammelsurium von allem ausgestellt, was in Eisenfeld von besonderer Wichtigkeit oder wichtiger Besonderheit war: Handgeschriebene Urkunden und Tafeln, in Formalin eingelegte Missgeburten, ein ausgestopftes zweiköpfiges Kalb, Edelsteine und mystische Technik.
    „Nur an wenigen Tagen im Jahr hat die Öffentlichkeit hier Zugang“, erklärte der junge Beamte bedeutsam, dessen ebenso laute wie undeutliche Stimme und laut trapsende Schritte die geheimnisvolle Atmosphäre wirkungsvoll zerstörten.
    „Oh... wir fühlen uns geehrt“, fühlte sich Merrow verpflichtet zu sagen, während Ragan fragte: „Wo ist die Maschine, um die es geht?“
    Der Beamte ging zu einem großen unscheinbaren Klotz von mattem Grau, in den ein paar ebenso matte Scheiben eingelassen waren. Einige Knöpfe waren erkennbar und kleine Kalotten, durch die vermutlich Lichter leuchten sollten. Nach oben ragte ein dicker Stab aus dem Gehäuse und schwach, kaum wahrnehmbar, strahlte der Kasten die Wärme des Stillen Feuers ab.
    „Da tut sich nichts“, stellte Ragan fest.
    „Nein“, sagte der Beamte. „Seit einigen Tagen nicht mehr. Ende des letzten Monats begann eine Lampe an der Maschine rot zu leuchten, diese hier.“ Er zeigte mit seinem langen Finger auf eine der gläsernen Wölbungen. „Dann erschien in einem der Fenster Schrift, ganz matt, nur zu erkennen, wenn man sehr genau hin schaute. Die Schrift blieb ein paar Tage da stehen und veränderte sich ab und zu. Ich halte seitdem Wache davor und protokolliere alles.“ Er reichte Ragan ein Notizbuch und erklärte stolz: „Die Buchstaben der alten Schrift kenne ich nämlich. Allerdings schien immer ein Teil zu fehlen; es sieht aus, als wäre das Fenster kaputt. Einmal hat die Maschine sogar gesprochen, aber davon habe ich nichts verstanden; es hörte sich so an, als ob ...“ Er suchte nach einem passenden Wort und fuhr dann fort: „Als ob das Sprechwerkzeug auch kaputt wäre.“
    Ragan legte das Notizbuch auf den Kasten und schlug es auf. Der junge Beamte schien sorgfältig abgeschrieben zu haben; viele einzelne Worte erkannte er auf Anhieb und sie waren auch richtig geschrieben, aber Ragan konnte keinen Sinn darin erkennen.
    „Das muss ich mir abschreiben“, meinte er.
    Während der Beamte davon eilte, um Schreibzeug zu holen, meinte Merrow mit enttäuschtem Blick: „Schade! Kannst du denn mit dem Schrieb wenigstens etwas anfangen?“
    Ragan zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht ... da sind viele Zahlen drin und auch Worte, die ich nicht kenne, außerdem fehlt tatsächlich immer ein Stück.“
    „Spürst du das Stille Feuer? Ich habe gehört, dass die Altvorderen davon krank wurden; wieso haben sie dann ..?“
    Ragan wies auf ein auffälliges dreiflügeliges Zeichen, das in verblichenem Gelb den grauen Kasten schmückte. „Dieses Amulett haben sie angebracht, um sich davor zu schützen.“
    „Und das hat geholfen?“
    „Keine Ahnung.“
    Eine Stunde später war Ragan fertig mit der Abschrift der Notizen und der Beamte führte sie wieder hinab in die Eingangshalle, in der jetzt das Rattern einer großen Rechenmaschine widerhallte.
    „Und?“ fragte Merrow. „Was hast du nun vor?“
    „Ich weiß nicht; ich denke, ich suche mir einen ruhigen Ort, an dem ich über den Text nachdenken kann. Dann werde ich mich nach einer Herberge umsehen; ich will ein paar Tage bleiben und mir die Stadt ansehen, wenn ich schon einmal hier bin. Vielleicht gibt es in den nächsten Tagen auch noch etwas Neues von der Maschine.“
    „Aber du kannst doch bei uns wohnen!“ rief Merrow aufgeregt. „Tante Daya wird sich freuen, und Onkel Jark natürlich auch!“
    „Bist du sicher?“ Tatsächlich war Ragan froh über das Angebot seines neuen Freundes, denn als einen solchen betrachtete er Merrow inzwischen.
    „Aber ja! Komm, wir nehmen den Einspurwagen, es ist ziemlich weit!“
    Im Laufschritt erreichten sie den doppelstöckigen Wagen, der soeben quietschend unter einer Reihe von Parkbäumen anhielt.


    Reisepläne


    Ragan saß auf einer Bank in dem mit roten Ziegelsteinen gepflasterten Hof. Über ihm breitete ein Apfelbaum seine Äste aus, auf dem prächtige bunte Raupen gediehen – um die Äpfel dagegen war es schlechter bestellt. Daya H Steinbrecher war eine füllige, laute und fröhliche Frau, die sich tatsächlich darüber gefreut hatte, dass ihr Neffe einen Gast mitbrachte, und noch mehr natürlich über Merrow selbst. Durch Daya hatte Ragan in den letzten paar Stunden mehr über Merrow erfahren als in den letzten zwei Tagen: Dass er soeben eine Schule für Maschinen- und Gerätebau beendet hatte und eine Zeitlang mit Onkel Jark zusammen arbeiten wollte, um auch von ihm etwas zu lernen, dass er gerne reiste, aber höchstens alle halben Jahre zu Onkel und Tante kam, dass Onkel Jark, Dayas Mann, der eigentlich Jarkon hieß, Metallgräber war ...
    Ragan hatte sich schließlich in den ruhigen Hof zurückgezogen und versuchte, den abgeschriebenen Text zu verstehen. Zwar hatte er keinerlei Wörterbücher zur Hand, aber die Sprache war eine der damals geläufigen, die er recht gut beherrschte. Einige der teils unvollständigen Sätze schienen nur zu besagen, dass die Maschine lief und was sie eigentlich tat – was auch immer das sein mochte. Worte wie „Empfang“ und „Übermittlung“ tauchten auf, es war die Rede von Rufen, automatischen Meldungen, Antworten und Positionsangaben. Positionsangaben – um solche handelte es sich offenbar bei den meisten der Zahlen. Das war interessant, denn die Mathematik hatte sich in den letzten tausend Jahren nicht geändert und auch die Art der Welteinteilung in Breiten- und Längengrade war noch immer dieselbe wie in der Alten Zeit. Jetzt brauchte er eine Weltkarte, bezweifelte jedoch, dass die Steinbrechers eine solche besaßen.
    Er schaute auf und blinzelte durch die Zweige des Apfelbaums in die tief stehende Sonne, die gleich hinter dem Nachbarhaus verschwinden würde. Von irgendwoher drang quäkende Musik aus einem Automaten, begleitet von der Stimme einer Sängerin, dazwischen das lauter werdende Schnaufen und Scheppern eines sich nähernden Fahrzeugs. Vor dem offenen Tor der Einfahrt liefen ein paar Kinder beiseite und ein betagtes dreirädriges Vehikel bog dampfend in den Hof ein; es war ein kleiner offener Lastwagen mit einem Schlot, der direkt neben dem auf einem Sattel sitzenden Fahrer aufragte. Hinter ihm befand sich eine Ladefläche, die einen großen Haufen Schrott trug.
    „Onkel Jark!“
    Augenblicke später umarmten sich Merrow und der Fahrer des Vehikels, und Daya rief aus dem Fenster, dass der Badeofen angeheizt und das Abendessen bald fertig sei. Ragan wurde dem Onkel vorgestellt, der eine Arbeitshose, eine Schirmmütze und mindestens ein Kilo grauen Staubes im Fell trug, und die Ruhe des Nachmittags war beendet.
    Während des Abendessens erfuhr Ragan, dass Dayas Mann nicht jeden Tag von der Arbeit nach Hause kam, sondern oft „draußen“ übernachtete, bis sich eine Fahrt lohnte. Ragan sollte ihn doch unbedingt einmal begleiten, um sich seine interessante Arbeit anzusehen – er würde doch hoffentlich eine Weile bleiben? Daya und Jark empfingen gern Gäste, da sie keine Kinder hatten, was sie beide nicht verstehen konnten, wie Daya betonte, da sie doch beide Hybrid-Typen seien.
    An dieser Stelle musste sich Ragan ein Lachen verkneifen, denn die beiden hätten kaum unterschiedlicher sein können. Sie war groß, hatte eine auffallend stumpfe Schnauze und ein in verschiedenen Tönen geschecktes Fell, während er ein gutes Stück kleiner war und eine enorm lange Schnauze sowie Augen mit Schlitzpupillen hatte; sein Fell war von durchgehend dunkelgrauer Farbe. Während sich bei ihm noch einigermaßen deutlich ein Fuchstyp erahnen ließ, war Daya schlichtweg einzigartig und ähnelte nichts und niemandem sonst.
    Beim Nachtisch ging es um die Sache mit der mystischen Maschine – interessant, so etwas, ob er denn den Text schon entschlüsselt habe? Aber ja, eine Weltkarte musste man doch im Hause haben, die Steinbrechers besaßen sogar einen dicken Atlas! Einen heißen Kräuterwein zur Verdauung? Wenn er sich für Technik aus dem Altertum interessierte, sollte er auf jeden Fall einmal Jark zur Arbeit begleiten, aber welchen Ort bezeichneten denn nun die Koordinaten? Und was sollte dort überhaupt sein? Oh, natürlich ging das nicht so schnell, aber vielleicht bis morgen zum Frühstück? Weil Jark doch dann wieder fort musste, seine Ausbeute verkaufen und wieder hinaus ...
    Als sich Ragan mit Merrow ins Gästezimmer zurückzog, den dicken Atlas unter dem Arm tragend, atmete er auf.
    „Du bist kein Familienmensch, stimmts?“ fragte Merrow und entzündete die Öllampe, obwohl noch Helligkeit von draußen in den Raum fiel. „Der Abend war dir zu hektisch, nicht wahr?“
    „Sagen wir, ich bin ruhigere Töne gewohnt; in unserer Familie geht es entweder leise zu oder es fliegen die Fetzen. Ich hoffe, ich habe nicht die Stimmung verdorben?“
    „Aber nein!“ Merrow entkleidete sich und machte sich auf den Weg ins Badezimmer. In der Tür hielt er noch einmal inne. „Sag mal – machst du dich jetzt an die Arbeit mit der Karte? Weißt du, ich bin wirklich neugierig ...“
    „Schon klar, ich auch! Ich denke, länger als eine halbe Stunde werde ich nicht brauchen.“
    Als Merrow schließlich mit feuchtem Fell aus dem Bad zurückkehrte, sah Ragan vom Tisch auf, wo der Atlas und seine Abschrift im Licht der blakenden Öllampe lagen.
    „Ich habe die Orte“, verkündete er. „Aber ich weiß nicht, was dort zu finden sein soll.“
    Merrow beugte sich über Ragans Skizze. „Dieser eine Punkt, der ist in Tempelstadt, gar nicht so weit von hier entfernt.“
    Ragan nickte. „Ich weiß. Das ist seltsam – ich war dort in der Priesterschule. Der zweite Ort ist weiter entfernt, zwei-, dreitausend Kilometer ungefähr. Er befindet sich auf einer kleinen Insel, die wahrscheinlich nicht einmal bewohnt ist. Der dritte ist noch weiter weg und liegt mitten in der Wüste. Nun frage ich mich, was diese drei Orte gemeinsam haben.“
    Merrow ließ sich auf sein Bett fallen und meinte: „Weißt du, die Idee ist vielleicht verrückt – aber wenn wir nun an einen der Orte reisen und nachsehen würden? Nicht, dass ich mir große Reisen wirklich leisten könnte, aber ich weiß, wo wir billige alte Pferde her kriegen könnten.“
    Ich kann uns eine ganze Herde bester Rennpferde kaufen, wenn es sein muss, dachte Ragan. Aber wieso eigentlich nicht? Die Reise mochte eine Enttäuschung werden, aber etwas Besseres hatte er ohnehin nicht zu tun. Immerhin wäre es eine Gelegenheit, sich eine Weile vorzumachen, er würde endlich etwas Sinnvolles mit seinem Leben anfangen. Er beschloss, darüber zunächst zu schlafen und meinte: „Ich will zuerst nach Tempelstadt; vielleicht kann ich dort etwas in Erfahrung bringen. Dann sehen wir weiter.“
    Als Merrow enttäuscht schwieg, setzte er hinzu: „Also gut, die Idee mit der Reise gefällt mir.“
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    Express nach Tempelstadt


    Die Tempelstadt trug keinen anderen Namen als einfach Tempelstadt, denn ursprünglich hatte es dort nur einen einzigen Tempel gegeben, um den im Laufe der Zeit eine ganze Stadt gewachsen war, wozu die Nähe zur Metropole Eisenfeld das Ihrige beigetragen hatte. Tempelstadt war gute zweihundert Kilometer entfernt und Merrow, der begeistert zugestimmt hatte, Ragan zu begleiten, wusste auch eine Spedition, auf deren Lastwagen man für einen Spottpreis mitfahren konnte.
    „Gibt es nicht eine bessere und schnellere Möglichkeit, dorthin zu kommen?“ hatte Ragan beim Frühstück gefragt. „Ich erinnere mich, dass während meines Priesterstudiums an einer Bahnverbindung gebaut wurde, die sogar besonders schnell sein sollte. Ist die noch nicht fertig?“
    Merrow hatte sich an seinem Kaffee verschluckt und nach einem ausgiebigen Hustenanfall geantwortet: „Der Kanonenexpress! Dafür können wir uns keine Fahrkarte leisten, der ist für Leute wie uns zu teuer.“
    „Naja“, Ragan hatte sich verlegen geräuspert, „Ich habe nie behauptet, ich sei arm. Ich zahle für uns beide.“
    Diesmal reisten sie beide ohne Gepäck. Als sie aus der Hofeinfahrt traten, fragte Ragan: „Und, wie kommen wir zum Kanonenexpress?“
    Verlegen sah Merrow ihn an. „Bist du wirklich sicher? Ich meine, mit dem Speditionswagen brauchen wir auch nicht viel länger als einen Tag ...“
    Ragan lachte. „Ja, ich bin sicher!“
    Mit dem Einspurwagen erreichten sie die Station des Express in weniger als einer halben Stunde; Ragan fragte Merrow indessen aus: „Sag mal, wieso ist die Fahrt mit diesem Zug eigentlich so teuer? Ich kann mich erinnern, dass da etwas Besonderes gebaut wurde, eine neue Erfindung, aber ..?“
    „Weil er so wahnsinnig schnell ist! Der Express wird durch Kanonenrohre geschossen und braucht bis Tempelstadt keine zwei Stunden.“
    Ruckelnd und quietschend bog der Einspurwagen um eine Kurve; Ragan hielt sich an einer Haltestange fest und sah zwischen den Häusern hindurch eine komplizierte Schienentrasse, die auf Pfeilern aus der Stadt hinaus geradewegs in die Steppe führte. In der Mitte über den beiden Schienen, auf denen der Zug fahren sollte, gab es eine dritte, die ihn vermutlich am Entgleisen hindern sollte; durch die Trägerkonstruktion vermittelte das Ganze den Eindruck einer Röhre. Nach einem kurzen Blick darauf schoben sich die Häuser der Straße und der hölzerne Fensterrahmen des Einspurwagens davor.
    „Hier sind wir!“ meinte Merrow kurz darauf. „Da drüben ist der Fahrkartenschalter.“
    „Abfahrt ist in einer halben Stunde“, sagte der Schalterbeamte und gab Ragan die beiden Fahrkarten. „Die Treppe hinauf geht es zum Bahnsteig.“
    Freudig erregt folgte Merrow ihm zum Bahnsteig hinauf. „Ich hätte nie gedacht, einmal selbst mit diesem Zug zu fahren“, meinte er. „Danke dir!“
    Der „Zug“ bestand nur aus einem einzigen langgestreckten Wagen mit einem spitz zulaufenden Bug und Reihen von Bullaugen an den Seiten. Ein intensiver Geruch nach Pulverqualm ging von ihm aus. Ein Bahnarbeiter putzte die verrußten Bullaugen blitzblank und öffnete zuvorkommend die Einstiegsluke. Die drei Schienen führten direkt in die schwarze Öffnung einer Röhre, die wenige Meter vor dem Wagen-Projektil gähnte und mit einem jetzt offen stehenden Schott verschlossen werden konnte.
    Ragan und Merrow ließen sich in weich gepolsterte Plüschsitze nieder, über denen Schilder angebracht waren, die in freundlichen Wortlaut besagten, dass das Aufstehen während der Fahrt verboten war.
    „Ich hasse diese Art zu reisen“, sagte eine Frau hinter ihnen zu ihrem Sitznachbarn. „Wenn ich es nur nicht so eilig hätte.“
    „Mit der Zeit gewöhnt man sich daran“, meinte jemand in der Robe eines Tempelbeamten.
    „Mir wird manchmal schlecht bei der Fahrt; könnte ich wohl eins dieser Gefäße haben?“
    Die Reisenden stimmten sich in eine gemeinsame Klage über den Express und seinen hohen Fahrpreis ein.
    „Früher sind wir auch ohne dieses Ding nach Tempelstadt gekommen.“
    Der Zugführer, ein kleiner Katzenmann, schloss die Einstiegsluke, nahm seinen Platz im Heck ein und rief, durch einen Sprechtrichter verzerrt: „Abfahrt nach Tempelstadt. Aufstehen während der Fahrt verboten.“
    Ein paar Arbeiter schoben das Projektil in die Röhre, deren Deckel kurz darauf mit dumpfen Dröhnen verschlossen wurde.
    „Ich hasse das, ich hasse das ...“, flüsterte die Frau hinter ihnen durch die zusammen gepressten Zähne.
    Donner erschütterte den Wagen, ruckartig wurden die Reisenden in die weichen Polster gepresst. Kurz darauf folgte ein zweiter Knall, ein zweiter Andruck, dann ein dritter, vierter, fünfter ... Im Bug befand sich ein großes messinggefasstes Tachometer, dessen Zeiger rasch von null auf fünfzig, hundert und noch mehr Stundenkilometer stieg. Als sie das Startrohr verließen, raste der Express Funken sprühend über die Vorstadt hinweg. Nach nur wenigen Kilometern Fahrt erreichte der Wagen das nächste Beschleunigungsrohr, wo er von einer weiteren raschen Folge von Explosionen erschüttert wurde und der Zeiger des Tachometers auf 230 stieg.
    Merrow sah fasziniert durch das Bullauge auf die unter ihnen hinweg rasende Steppe, ein paar Reiter, die, kaum in Sicht gekommen, schon wieder hinter dem Express verschwanden, und die schattenhaft vorüber zuckenden Metallträger der Oberschiene.
    „Donnerwetter, was für eine Fahrt!“
    Alle paar Kilometer passierte der langsamer gewordene Wagen ein Beschleunigungsrohr, aus dem er in einer Eruption von Pulverrauch und Feuer wieder heraus schoss.
    Nach eineinhalb Stunden Fahrt kamen die Gebäude von Tempelstadt in Sicht, die sich da, wo die Steppe in die Berge überging, in die Felslandschaft einfügten. Der langsamer werdende Wagen rollte gemächlich auf die Mündung das Abschussrohres zu, in dem das Quietschen der Bremsen widerhallte, dann kam er in der Station auf einer Drehbühne zum Stehen, die sich rumorend zu bewegen begann, um den Express wieder in die Gegenrichtung zu drehen. Schließlich öffnete der Zugführer die Luke.
    „Tempelstadt, bitte aussteigen!“
    Die geräumige Bahnstation mit ihren großen Bogenfenstern und hellen Wänden erinnerte an die Bauweise von Oberkalkstadt.
    „Ich war erst ein einziges Mal hier“, meinte Merrow auf der Treppe, während er fast ehrfürchtig den Blick über die Prachtbauten schweifen ließ. „Und damals war ich noch ein Kind. Kennst du dich hier aus?“
    Tempelstadt war ruhiger, sauberer und kleiner als Eisenfeld, aber nicht weniger beeindruckend. Ragan sah schweigend zum Portal des Haupttempels am hinteren Ende der Stadt hinüber, dessen Pfeiler und Säulen wie natürlich aus der grauen Felswand gewachsen zu sein schienen. Erst während der Fahrt war ihm das Datum des heutigen Tages eingefallen und welche Zeremonie an diesem Tage statt fand. Wieso musste er ausgerechnet an diesem einen von den dreihundertfünfundsechzig Tagen des Jahres hierher kommen? Er wünschte, er wäre doch mit dem Speditionswagen gefahren.
    „Ragan?“ Merrow riss ihn aus seinen Gedanken. „Was ist los?“
    „Nichts, nur alte Erinnerungen. Ich habe meine ganze Jugend hier verbracht. Also, pass auf, eigentlich findet man sich hier gut zurecht. Der hohe Bau da hinten an der Felswand ist der Haupttempel, der ist für alle Gottheiten bestimmt. Heute ist er aber geschlossen. Auf der rechten Seite gibt es einen See und Parkanlagen, dort ist eine Badeanstalt und ein Sanatorium. Auf der linken Seite sind hauptsächlich Wohnviertel, Industrie und ein paar Geschäftsstraßen ...“
    „Hier gibt es Industrie?“
    „Ja, eine große Druckerei und ein Papierwerk gleich nebenan, eine Schnapsbrennerei, eine Dampfwäscherei und ein paar Werkstätten und Schmieden. Auf der Straße in Richtung Eisenfeld kommst du nach einer halben Stunde Fußweg zur Orakelstätte. Dort gibt es auch ein schönes Kaffeehaus und einem Tempel für die Götter der Reisenden. Die Tempel und Heiligtümer der verschiedenen Götter sind ansonsten überall in der Stadt verteilt. Dort hinten, rechts neben dem Haupttempel, führt eine Straße zu einem Hochplateau hinauf, dort findest du die Totenstadt. Im Laufe der Zeit haben sich dort viele bedeutende Leute ganz beachtliche Grabmale errichten lassen; ein paar schöne Statuen sind dabei und Obelisken, so hoch wie Fabrikschornsteine.“
    „Willst du mich denn los sein?“
    „Willst du den ganzen Tag mit mir in dunklen Archiven herumhängen und staubige Bücher wälzen?“
    Merrow lachte. „Nein, ehrlich gesagt nicht!“
    Sie trennten sich und vereinbarten ein Wirtshaus in der Nähe der Station als Treffpunkt.
    Allein ging Ragan die sauberen Straßen entlang und zog seine goldene Taschenuhr aus der Gürteltasche. Es war kurz vor Mittag; es sollte wohl sein, dass er ausgerechnet heute um genau diese Zeit im Haupttempel ankam. Götterstatuen links und rechts der Straße blitzten silbern und golden im Sonnenlicht, Gestalten von Göttern, die älter waren als die Neue Zeit, Götter, welche die antike Menschheit schon gekannt und verehrt hatte und die dennoch eher den modernen Menschen ähnelten. Die kuhköpfige Hathor mit den langen, elegant geschwungenen Hörnern, der krokodilsköpfige Sobek und der langgesichtige Set mit dem hybriden Tiertyp ...
    Auf der Freitreppe zum Haupttempel hinauf hielt ihn eine Wächterin auf: „Der Haupttempel ist heute für die Öffentlichkeit geschlossen.“
    Sie war eine junge Frau von LX-Typ und achtete darauf, beim Reden ihre geweißten Zähne möglichst deutlich zu zeigen, was trotz ihres hübschen Luchsgesichts ausgesprochen albern wirkte.
    „Ich bin nicht die Öffentlichkeit.“ Er sprach den Satz des inneren Zugangs und fügte hinzu: „Ich möchte zum Hohepriester.“
    Sie sah ihn einen Moment zweifelnd an und fragte nach: „Zu Reddiff Sekhmetian?“
    Verblüfft starrte Ragan sie an und fragte überrascht: „Reddiff ist Hohepriester geworden? Aber er ist nicht älter als ich! Ich war mit ihm zusammen auf der Priesterschule.“
    „Warte hier“, sagte die Wächterin. „Ich kündige dich an. Du weißt, dass er die Zeremonie abhält?“
    „Natürlich. Ich habe Zeit.“
    Sie machte Anstalten zu gehen, hielt plötzlich inne und sah ihn eindringlich an. „Bist du Ragan LD Wildbach?“
    „Ja. Kennen wir uns?“
    „Nein.“
    Sie ging in den Tempel, während eine andere, nicht weniger gut aussehende Wächterin von Fuchstyp mit blauschwarzem Fell ihren Posten übernahm und ihm mit ihren strahlend grünen Augen neugierige Blicke zuwarf, kurz darauf erschien sie wieder und bedeutete ihm, einzutreten.
    Sein Name war hier also noch immer bekannt; das Gras wuchs wohl nicht so schnell in Tempelstadt.
    Die Zeremonie hatte kaum zweihundert Teilnehmer, die riesige Halle war also fast leer. Vor dem Altar, im Halbkreis der Götterstatuen, stand Reddiff L Jäger, der jetzt den Namen Reddiff Sekhmetian trug. Bei der Priesterweihe wurde meist darauf geachtet, dass Priester oder Priesterin vom Tiertyp her zur seiner oder ihrer Gottheit passte, soweit das möglich war. Da es keinen Menschen von Krokodil- oder Vogeltyp gab, hätten Götter wie Sobek oder Thoth sonst niemals einen Priester bekommen und erhielten deshalb meistens die Hybridtypen, aber Reddiff war durch seinen Löwentyp ganz klar für die löwenköpfige Sekhmet prädestiniert gewesen.
    Ragan gesellte sich lautlos und unauffällig zu den Versammelten, hauptsächlich Priestern und natürlich den Priesterschülern. Reddiff redete weitaus würdiger als er ihn in Erinnerung hatte; seine golddurchwirkte schwarze Robe schien im flackernden Licht der Feuerschalen selbst in Flammen zu stehen. Er rief alle Gottheiten an und redete davon, ihnen das Wertvollste zu opfern.
    Einer der Priesterschüler des Abschlussjahrgangs war es, der bei dieser alljährlichen Zeremonie geopfert wurde – keiner einzelnen Gottheit, sondern allen. Ein Junge mit grau geflecktem Fell wurde von einem Priester und einer Priesterin zum Altar geführt, unsicher lächelnd. Ragan musste eine aufwallende Woge von Neid auf diesen Jungen unterdrücken, in dem er sich plötzlich selbst sah. Er dachte zurück an damals, an das letzte Jahr seiner eigenen Ausbildung, an das Ziehen der Lose. Das Leben in Tempelstadt und insbesondere der Priesterschule hatte eine eigene Qualität; nirgendwo sonst war die Verbindung zur Welt der Götter so eng. Kein Außenstehender konnte die eigenartige Stimmung bei der Auslosung verstehen, in der der Wille zu leben und die Verheißung, auf diese wundervolle Art zu den Göttern zu gehen, einen Widerspruch erzeugten, der für knisternde Spannung sorgte und einen beinahe innerlich zerriss. Welche von beiden Möglichkeiten sollte man mehr fürchten oder mehr erhoffen – dass das Los einen traf oder dass es einen nicht traf? Der Ausgeloste wurde am Ende jedenfalls von allen anderen beglückwünscht und gefeiert und ... ja, insgeheim auch beneidet. Es hatte damals eins der Mädchen getroffen. Irgendwann nach der Zeremonie, Wochen später, ein paar Tage, bevor die Priesterweihen begannen, hatte Ragan etwas im Arbeitszimmer des Hohepriesters zu holen gehabt. Eigentlich durfte kein Schüler dort hinein, aber da er bald Priester sein würde, hatte ihm der Verwalter den Schlüssel gegeben. Der Hohepriester hatte sich ein Bein gebrochen und war deshalb seit einiger Zeit nicht im Tempel gewesen – und wohl nicht dazu gekommen, gewisse Dinge aufzuräumen. Außerdem hatte der Schrank halb offen gestanden. Es war eine ganze Reihe von kleinen Zufälligkeiten und Unregelmäßigkeiten gewesen, die Ragan jene Schale mit den elf Losen hatte entdecken lassen, dem einen offenen und den zehn noch zusammen gefalteten. Aus einer Eingebung heraus hatte er die Lose auseinander gefaltet und seinen Namen auf keinem davon gefunden. Fünf der elf Namen fehlten, dafür waren fünf andere doppelt, der von Reddiff sogar dreifach vorhanden gewesen. Einen Moment hatte er dagestanden wie vom Schlag getroffen, dann hatte er die Lose zusammen gerafft und war damit zum Stellvertreter des Hohepriesters gerannt, dann zu den anderen Priestern. Sie hatten ihn von einem zum anderen geschickt, hatten alle nichts damit zu tun haben wollen. Schließlich hatte er den Hohepriester in seinem Haus aufgesucht, der ihm alles erklärte. Es war ganz einfach: Eine der Schülerinnen war die Tochter einer Priesterin des Hathor-Tempels gewesen, ein anderer mit einem wichtigen Politiker verwandt, er selbst der Sohn von Rawn LD Wildbach, der kräftig dafür gezahlt hatte, dass sein Sohn kein Los bekam ...
    So war er wenige Tage vor den Priesterweihen abgereist, nicht ohne zuvor einen Eklat zu verursachen, seinen Mitschülern die offenen Lose hinzuwerfen und den Priestern in aller Öffentlichkeit zu sagen, wohin sie sich ihre Weihen stecken könnten.
    Am meisten enttäuscht war er von den Göttern selbst gewesen, die ihn doch seit seiner Kindheit so fasziniert hatten, dass er niemals etwas anderes als Priester hatte werden wollen. Wieso ließen sie sich betrügen? War ihnen das Opfer etwa egal? Aber dann ... dann durfte er gar nicht weiter denken.
    Rings um ihn ließen Vibrationsgesänge die Luft erzittern, und er stimmte unwillkürlich ein.
    Ein weiterer Gedanke drängte sich auf. Was wäre, wenn er die Priesterweihe nicht abgelehnt hätte, wenn vielleicht er selbst irgendwann Hohepriester geworden wäre und das hätte tun müssen, was Reddiff jetzt tat – und das mit dem Wissen, dass ihn selbst niemals das Los hatte treffen können? Reddiff hatte es gut; ihn hatten gleich drei Lose nicht getroffen.
    Duftende Schwaden stiegen aus Räucherschalen auf, der schlanke Dolch blitzte in der Hand des Hohepriesters auf und drang an genau der richtigen Stelle in das Opfer ein für einen schnellen und schmerzlosen Tod. Danach folgte ein Schnitt und Blut floss in ein goldenes Becken. Die Gesänge brachen ab, und in den Ohren dröhnende Stille erfüllte die heilige Halle.
    Nachdem die Zeremonie beendet war, sagte ihm jemand, dass der Hohepriester sich für ein bis zwei Stunden zurückgezogen habe und nicht gestört werden dürfe; so lange würde er warten müssen.
    „Ja, natürlich.“ Ragan nickte und bat darum, in der Bibliothek warten zu dürfen, wo er die Zeit nutzen konnte.
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    Der Hohepriester


    „Ich wusste, du würdest irgendwann wiederkommen.“
    Reddiff umarmte Ragan. Aus dem einst so introvertierten dicken jungen Mann, der sich damals stundenlang zurückgezogen und geweint hatte, nachdem er erfahren hatte, dass nicht nur eins, sondern gleich drei Lose ihn verfehlt hatten, war ein würdiger Hohepriester mit einer kraftvollen Ausstrahlung geworden. Er war jetzt von beinahe schlanker Gestalt, wirkte alterslos und schien sogar ein Stück gewachsen zu sein.
    „Es hat sich so ergeben“, meinte Ragan verlegen, denn er hatte eine so freudige Begrüßung nach seinem damaligen Abschied nicht erwartet. „Ich hatte nicht vor, ausgerechnet heute aufzutauchen.“
    „Du willst mir aber hoffentlich nichts von Zufall erzählen“, lächelte Reddiff entwaffnend. „Du bist heute hier, weil es so sein soll.“
    „Meinetwegen.“ Ragan erzählte von der mystischen Maschine in Eisenfeld, die zum Leben erwacht war und die Koordinaten von Tempelstadt angezeigt hatte.
    Der Hohepriester nickte. „Wir haben hier auch eine solche Maschine, oben in der alten Gruft. Wahrscheinlich zeigt die eine Maschine die Position der anderen an. Wir können nachsehen, aber mach dir lieber keine Hoffnung, dass unsere auch erwacht sein könnte. Sie sieht nicht mehr danach aus.“
    „In der alten Gruft in den Bergen, hinter der Totenstadt, wo wir als Schüler niemals hinein durften?“
    Wieder nickte Reddiff. „Ja, komm mit.“
    In seinem Arbeitszimmer vertauschte der Hohepriester seine Robe gegen eine kurze schwarze Hose und behielt ansonsten lediglich seine goldene Halskette mit dem großen Siegel als Zeichen seiner Priesterwürde um. Dann machten sie sich zu Fuß auf den Weg in die Berge.
    „Wie habt ihr diesmal ausgelost?“ konnte sich Ragan nicht enthalten zu fragen.
    „Jeder zieht eine verschlossene goldene Kapsel und öffnet sie“, erwiderte Reddiff ernst. „Eine davon enthält ein Los, alle anderen sind leer und müssen ebenfalls geöffnet werden, damit jeder sieht, wie es funktioniert.“
    „Nanu?“
    „Was damals üblich war, das war unter den Priestern ein offenes Geheimnis, aber nachdem du es so offenkundig gemacht hattest, war die Stimmung ziemlich schlecht, gelinde ausgedrückt. Nur zwei Wochen später, als unser alter Hohepriester wieder laufen konnte, traf ihn der Herzschlag, im Tempel, direkt vor dem Altar. Alle waren sich schnell einig, stillschweigend das Lossystem zu ändern und die Entscheidung, wer der neue Hohepriester werden sollte, diesmal ganz allein den Göttern zu überlassen. Wie du siehst, hatten die Götter soviel Humor, mich auszuwählen, als den jüngsten Hohepriester, den der Haupttempel je hatte. Von dir reden seitdem alle mit Ehrfurcht. Schließlich warst du ein Sprecher der Götter.“
    „Aber das ist doch ... das ist doch verrückt! Ich war einfach nur wütend!“
    „Ich weiß, und wie wütend du warst!“ Reddiff lachte. „Erinnerst du dich an die Stele, der du mit ausgestreckten Krallen einen Schlag verpasst hast? Zentimetertiefe Furchen hast du hinein gezogen! Sie steht noch genauso da und trägt deinen Namen als Inschrift.“
    Jetzt lachte auch Ragan. „Ich bin eine Berühmtheit in Tempelstadt – wenn das mein Vater wüsste! Falls ihr mir auch noch ein Denkmal setzen wollt, gebt ihm einfach Bescheid; er wird es bezahlen. Nein, bloß nicht, das war ein Witz!“
    „Er hatte Angst, dich zu verlieren. Nimmst du ihm das immer noch übel?“
    „Wie du siehst, kann ich inzwischen darüber lachen.“
    Die schmale gepflasterte Straße mündete in das Hauptplateau der Totenstadt, auf dem sich die prächtigsten der Gräber und Gedenkstätten befanden. Die Silhouetten einiger Statuen zeichneten sich gegen das strahlende Blau des Nachmittagshimmels ab. Eine schmalere, steilere Straße führte weiter aufwärts zwischen die Felsen, an kleinen Nischen mit Urnengräbern vorüber. Sie mussten ein gutes Stück hinauf steigen, bis sie den Eingang zur alten Gruft erreichten, vor dem ein Wächter postiert war. Reddiff schloss die grobe Bohlentür auf und erklärte: „Das ist nicht der ursprüngliche Eingang, der ist verschüttet. Dieser hier wurde erst vor 230 Jahren angelegt, als man die Gruft wiederentdeckte.“
    Ein schmaler Gang führte nur wenige Meter weit in die Kühle eines weitläufigen Höhlengewölbes, in dem sich der schwache Schein einiger brennender Lampen verlor. Eine Vielzahl von Kisten und anderen Gegenständen war in der Höhle verteilt, in der keinerlei Zierat oder Bebilderung zu erkennen war.
    „Eine sehr schmucklose Grabstätte“, bemerkte Ragan bedrückt.
    Reddiff nahm eine Laterne in die Hand und erwiderte: „Es ist vermutlich gar keine Grabstätte. In einer der Kisten haben wir zwar zwei Leichen antiker Menschen gefunden, die auf eine seltsame Weise präpariert waren; sie schienen wie mit Wachs durchtränkt. In der Nähe des verschütteten Eingangs lagen außerdem zwei Skelette, interessanterweise das eines antiken und das eines modernen Menschen. Ansonsten schien die Gruft aber eher als eine Aufbewahrungsstätte gedacht zu sein für alles Mögliche, was man erhaltenswert fand, vermutlich aus der Zeit des Übergangs von der alten zur neuen Zivilisation. Viele der Kisten waren mehr oder weniger wasserdicht verschlossen und enthielten empfindliche Dinge wie Bücher und Bilder; wir mussten sie in die Stadt bringen, um zu retten, was zu retten war.“
    Ragan schloss die Augen und nahm geistigen Kontakt zur Umgebung auf. Hier waren niemals viele Menschen gewesen, weder moderne noch antike. Die Unberührtheit der Höhle, die sich in der Tiefe der Zeit verlor, war nur sehr wenig gestört worden. Es schien ein kurzer Zeitraum gewesen sein, in dem hier ein Lager eingerichtet wurde. Er öffnete die Augen wieder und richtete sie auf einen Kasten im Hintergrund.
    „Ist das dort drüben die Maschine? Die sieht vollkommen anders aus als die in Eisenfeld.“
    Neben dem korrodierten Kasten der Maschine selbst stand ein weiterer, an dem jenes dreiflügelige Amulett zu erkennen war. Verbunden waren die beiden Kästen durch Leitungen, von denen weitere sich ins Dunkel der Höhle hinein verzweigten.
    Ragan betastete jene vom Zahn der Zeit zerfressenen Schlangen. „Waren das Rohre?“
    „Nein, Kabel. Sie arbeiteten damals viel mit Elektrizität, der Kraft der Blitze. Jener eine Kasten scheint nichts weiter als eine Kraftquelle gewesen zu sein.“
    Vom stillen Feuer war hier fast nichts mehr zu spüren, alles fühlte sich kalt an und die Maschine war offenbar tot. Als Ragan vorsichtig an einem der Kabel rüttelte, zerbröckelte die Verbindung zu dem Kasten und es fiel herab.
    „Schade“, meinte er.
    „Schon einige von uns haben an Reparaturversuche gedacht“, sagte Reddiff. „Aber selbst wenn wir wüssten, wie das funktioniert – das Material hat die Feuchtigkeit der Höhle nicht vertragen. Was zerfallen ist, wissen wir nicht zu ersetzen.“
    Ihre Worte hallten in der Tiefe des Höhlengewölbes wider.
    „Was denkst du, was an den anderen beiden Orten zu finden ist, welche die Maschine angegeben hat? Noch zwei solcher Höhlen?“
    „Das wäre interessant. Vielleicht aber auch nur zwei weitere Maschinen. Willst du wirklich eine solch weite Reise unternehmen?“
    Ragan zuckte mit den Schultern. „Es ist nicht gerade so, dass ich Wichtigeres zu tun hätte oder mir die Reise nicht leisten könnte. Warum also nicht?“
    „Und dein Freund, von dem du erzählt hast?“
    „Merrow? Es war seine Idee, da kann ich ihn nicht zurück lassen!“
    Sie verließen die Höhle, die Reddiff sorgfältig abschloss und machten sich auf den Rückweg. Ragan fiel noch etwas ein: „Sag mal, was ist eigentlich mit all dem Zeug aus der Höhle? Wieso bekommt das niemand zu sehen?“
    „Weil es sehr empfindlich und einiges nicht zu entschlüsseln ist. Vieles davon ist in den Lehrstoff der Schule und auch ins Allgemeinwissen übergegangen, Details über Maschinenbau und Geografie, außerdem ...“
    Reddiff redete den ganzen Rückweg derart viel über das Thema, dass es Ragan zu viel wurde und er irgendwann nicht mehr hin hörte. Hatte er Reddiffs Lieblingsthema angeschnitten? Oder konnte es sein, dass er hinter all den Worten etwas verbergen wollte?
    „He, Ragan, was ist?“
    Er schrak auf. „Entschuldigung, ich habe gerade nicht zugehört.“
    „Ich fragte, ob wir gemeinsam zu Abend essen. Dein Freund Merrow ist natürlich auch eingeladen.“
    „Danke, aber wir fahren heute abend noch zurück.“
    „Den Express schafft ihr ohnehin nicht mehr, und du hast selbst gesagt, dass ihr es nicht eilig habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr in den Gästezimmern des Tempels übernachtet.“
    „Also gut“, erwiderte Ragan und sah auf seine Taschenuhr. „Dann sind wir in einer Stunde bei dir. Aber jetzt muss ich mich beeilen; Merrow wartet auf mich.“
    Im Laufschritt rannte er durch die Stadt zum Treffpunkt, wo Merrow ihm aufgeregt entgegen rief, dass sie gerade den Express verpassten.


    Worüber man nicht redet


    „Schön hast du es hier“, sagte Merrow zu Reddiff, als sie sich an den Frühstückstisch setzten. Er fand es sichtlich aufregend, im Haus eines Hohepriesters zu übernachten und konnte seine Blicke kaum von all dem vergoldeten Zierat und Stuck abwenden, der die Wände sowie die Decke fast lückenlos bedeckte.
    „Das sagen die Meisten“, erwiderte Reddiff. „Man wird sofort einige Jahrhunderte älter, wenn man hier einzieht. Das gehört zu der Verwandlung in einen Hohepriester.“
    „Ist es sehr schwer?“ fragte Ragan zurückhaltend.
    „Nein, im Gegenteil, es ist erschreckend leicht. Die Begegnung mit dir hat mich nur daran erinnert, dass ich nicht schon immer Hohepriester war, sondern einst ein völlig anderer. Aber lasst euch die Laune und den Appetit nicht verderben, greift zu!“
    Er hatte reichlich aufgetischt und sie ließen es sich schmecken. Nach einem langen bedächtigen Schluck aus seiner Teetasse sagte Reddiff: „Ihr beide seid zu dieser Expedition entschlossen?“
    „Ja“, erwiderten Ragan und Merrow beinahe im Chor.
    „Dann habe ich einen Vorschlag. Was haltet ihr davon, wenn der Haupttempel euch unterstützt? Ich gebe euch gute Pferde, Waffen und alles, was ihr an Ausrüstung braucht.“
    „Waffen?“ fragte Merrow.
    „In den Steppen und Wüsten soll es hier und da Räuber geben.“
    „Räuber? In der heutigen Zeit?“
    „Nicht viele sicherlich – aber man sollte immerhin vorbereitet sein.“
    „Und wieso willst du das tun?“ fragte Ragan.
    Reddiff lächelte: „Ich dachte, das wäre klar. Wenn ihr ein weiteres Höhlenarchiv wie unseres findet, müssen die empfindlichen Dinge darin ja irgendwohin, wo sie restauriert, kopiert und schonend gelagert werden. Irgendwohin, wo sich jemand um sie kümmert. Ihr beide habt ja sicherlich nicht die Absicht, das selbst zu übernehmen.“
    „Du meinst, in Tempelstadt seien die Dinge am besten aufgehoben.“ Ragan musterte ihn mit einem langen Blick.
    „Wo sonst? Im Parlamentsgebäude von Eisenfeld? Mir geht es selbstverständlich nur um die Überlieferungen – was ihr an Edelmetallen und sonstigen Dingen von materiellem Wert findet, gehört natürlich euch.“
    Merrow strahlte, Reddiff sah Ragan erwartungsvoll an, der nach einer Pause fragte: „Gibt es Dinge, die du mir nicht sagst?“
    „Nun, ich bin Hohepriester.“ Reddiff machte eine entschuldigende Geste. „Natürlich gibt es Dinge, die ich für mich behalten muss.“
    Als Ragan schwieg, fuhr er fort: „Vielleicht würdet ihr sie gar nicht wissen wollen.“
    „Wieso nicht?“ fragte Merrow neugierig und wischte sich ein paar Krümel aus dem Gesichtsfell.
    „Also gut“, sagte Reddiff entschlossen erhob sich. „Mit dem Essen sind wir ja fertig. Einen Augenblick, ich bin gleich wieder da.“
    Er holte ein paar Bücher aus dem Nebenzimmer, schob das Geschirr beiseite, legte sie auf den Tisch und begann zu blättern. „Es ist ein offenes Geheimnis, dass wir lebenden Wesen aus Zellen bestehen, sehr kleinen wässrigen Dingen mit halbdurchlässigen Wänden ...“
    Ragan spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. Wieso musste er jetzt mit so etwas anfangen, mit diesen Dingen, über die ... über die man nicht redete? Die Vorstellung, dass jedes Lebewesen, ja, man selbst, gar kein einziges Ganzes war, sondern eine Ansammlung von Unmengen winziger Schleimbeutelchen – das war einfach widerlich! Er schüttelte sich unwillkürlich. Reddiff blätterte weiter und zeigte ausführliche Darstellungen solcher Dinge in all ihrer Perversion. Dann führte er das Ganze weiter und redete von den kleinsten Teilchen, aus denen selbst unbelebte Dinge wie Steine oder Metalle bestanden, davon, dass das Feste zum größten Teil aus gar nichts bestand und nur scheinbar fest war, weil all das winzige Zeug so schnell umher schwirrte. Ragan spürte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg und Panik nach ihm griff, als sich ihm die Vorstellung aufdrängte, der Stuhl unter ihm könne jeden Augenblick zerfließen und er selbst in die Erde einsinken oder zu einer Pfütze aus schleimiger Flüssigkeit zerfließen und sich dann in Nichts auflösen, weil da eigentlich nichts war, aus dem er bestand ...
    „Sag mal, willst du, dass wir das Essen wieder auskotzen?“ fragte er mit rauer Kehle. „Wieso erzählst du uns all das perverse Zeug?“
    Reddiff klappte die Bücher wieder zu. „Du wolltest wissen, worüber ich mit dir nicht rede.“ Dann wandte er sich an Merrow, der zu Boden sah und krampfhaft schluckte: „Und du wolltest wissen, wieso ihr es nicht wissen wollt.“
    Ragan räusperte sich. „Du meinst, wir werden Aufzeichnungen dieser Art finden?“
    „Gut möglich. Den antiken Menschen waren diese Dinge wichtig. Sie sahen das alles anders als wir.“ Er stellte eine kleine goldene Schale mit getrockneten scharf duftenden Kräutern auf den Tisch. „Kaut etwas davon, dann geht es euch wieder besser.“
    „Also gut“, meinte Ragan, die aromatischen Kräuter kauend und wandte sich an Merrow: „Nehmen wir seine Unterstützung an?“
    Merrow nickte: „Ja, gern.“
    „Wann könntest du alles für uns bereit haben?“ fragte er Reddiff.
    „Morgen könnt ihr starten.“
    „Großartig – also dann morgen!“
    „Ähm“, meinte Merrow. „Ich kann nicht einfach verschwinden, ohne mich zu verabschieden, und außerdem habe ich noch ein paar Sachen bei Tante Daya und Onkel Jark ...“
    „Kein Problem, dann reiten wir morgen zuerst nach Eisenfeld; das liegt sowieso ungefähr in unserer Richtung. Und heute beschäftigen wir uns mit der Planung. Ein paar Landkarten und Schreibzeug hat doch ein Hohepriester sicher im Haus, oder?“
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    Die Geschichte macht mir großen Spaß zu verfolgen. Da bleibe ich bis zum Ende dran und bin auf die weiteren Teile gespannt.

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    Zumindest einen Fan gibts also schon mal!



    Ein großer Aufbruch


    Es war ein schöner Morgen und die Strahlen der aufgehenden Sonne fluteten durch die großen Bogenfenster.
    „Ich bin wahnsinnig aufgeregt“, sagte Merrow, noch nass vom Baden.
    „Weil wir schon zum zweitenmal mit einem Hohepriester frühstücken?“ grinste Ragan und Merrow stimmte in sein Lachen ein.
    „Heute werden wir noch nicht viel erleben“, meinte Ragan dann. „Die Sache beginnt ziemlich zäh. Zuerst will der Vorsteher des Thoth-Tempels unbedingt eine Zeremonie für uns abhalten. Der Tempel will Geld vom Haupttempel für einen größeren Anbau; deshalb nutzen die Thoth-Priester jede Gelegenheit, um ihre Bedeutsamkeit zur Schau zu stellen. Danach schaffen wir es vielleicht gerade noch bis zum Abend nach Eisenfeld.“
    „Dann wollen wir uns stärken“, sagte Reddiff, der unbemerkt in den Raum gekommen war. „Der Tisch ist gedeckt.“
    Als sie den Speiseraum betraten, sah Ragan überrascht, dass für vier gedeckt war.
    „Wer wird uns denn Gesellschaft leisten?“ fragte er.
    „Oh, habe ich wirklich vergessen, euch das zu sagen?“ Reddiff setzte eine unglaubwürdig zerknirschte Miene auf. „Eure Begleiterin natürlich, Serraya LX Felstal.“
    „Unsere Begleiterin? Nein, davon hattest du tatsächlich nichts erwähnt. Wieso sollte uns jemand begleiten?“
    „Aber Ragan! Und Merrow! Ihr nehmt mir das doch hoffentlich nicht übel! Auf einer so anstrengenden und gefährlichen Reise sollte euch einfach eine unserer Wächterinnen begleiten; sie ist eine perfekte Kämpferin ...“
    „Auch ich habe in der Schule kämpfen gelernt und war nicht der Schlechteste, wie du weißt.“
    „Außerdem versteht sie viel von Medizin und Kräutern. Ich verstehe nicht, was es dagegen einzuwenden gibt.“
    „Ich mag es nicht, wenn jemand Dinge für mich arrangiert, ohne mich zu fragen“, sagte Ragan leise. „Das solltest du doch wissen.“
    „Und wenn ich dich jetzt frage? Du kannst immer noch nein sagen.“
    Ragan seufzte und Merrow warf ein: „Vielleicht ist das ja wirklich keine schlechte Idee.“
    „Ich will sie erst einmal sehen und mit ihr reden, bevor ich mich entscheide, in Ordnung?“
    Reddiff atmete sichtlich auf und sagte: „Du bist ihr schon begegnet; sie hielt am Eingang des Haupttempels Wache, als du kamst.“
    „Die Frau, die so schrecklich albern die Zähne fletscht?“
    Ragan fuhr erschrocken herum, als eine weibliche Stimme von der Tür her erklang: „Man hat mir beigebracht, das sähe gut aus.“
    Er starrte die Frau an und suchte nach Worten. Wie unangenehm! „Tut mir leid, ich wollte nicht ...“
    Sie grinste ihn an und meinte: „Ich habe mich angeschlichen, bin also selber schuld. Wie könnte man besser erfahren, was jemand über einen denkt? Ich denke, ich werde mir das Zähnefletschen abgewöhnen.“
    Sie kam heran, reichte Ragan und Merrow die Hand und stellte sich als Serraya vor. Am Tisch setzte sie sich zwischen sie. Sie war eine schlanke, muskulöse, gut aussehende Frau mit geflecktem Fell und trug zu ihrer schwarzen Reisekleidung einen silbernen Halsschmuck.
    „Als Wächterin hast du auch einen Priesterstatus, nicht wahr?“
    „Ja“ bestätigte sie. „Einen organisatorischen.“
    „Was bedeutet das?“ fragte Merrow, während er sich einen Kaffee einschenkte.
    „Wächter haben zwangsläufig fast überall Zutritt und müssen wissen, welche spirituellen Besonderheiten wo und auf welche Weise zu beachten sind. Wir bekommen deshalb eine Art Kurzausbildung als Priester, erhalten aber keine Verbindung zu einer Gottheit. Bei einfachen Zeremonien dürfen wir einen Priester im Notfall sogar vertreten, wenn er selbst verhindert ist.“
    Ragan musste zugeben, dass Serrayas Anwesenheit für eine angenehme, lockere Stimmung bei Tisch sorgte. Im Stillen verzieh er Reddiff, dass er sie ihnen so überfallartig aufgedrängt hatte.
    Als hätte er seine Gedanken gelesen, fragte Reddiff: „Nun, Ragan und Merrow, seid ihr mit eurer Begleitung einverstanden?“
    „Ja, natürlich, ich freue mich“, sagte Ragan und Merrow konnte seine Begeisterung kaum in Worte fassen. Was mochte er sich wohl erhoffen?
    „Aber nun wollt ihr sicher endlich eure Pferde und die Ausrüstung sehen“, sagte Reddiff zum Abschluss des Frühstücks und erhob sich. „Kommt mit. Vor dem Tempel des Thoth ist schon alles vorbereitet.“
    Es war eine Viertelstunde Fußweg bis zum Thoth-Tempel, vor dem sich eine kleinere Menschenmenge versammelt hatte.
    „Moment mal, da stehen neun Pferde!“ rief Ragan überrascht aus.
    „Ja, natürlich“, erwiderte Reddiff. „Drei Reitpferde, drei Packpferde und drei zur Reserve, falls ihr Glück habt und ein paar Dinge zum Mitbringen findet.“
    „Drei Packpferde?“
    „Ja, sicher, für Zelt, Schlafzeug und Kochgeschirr, Gewehre und Munition, Wasserkanister und all das.“
    Merrow schüttelte ungläubig seinen strubbeligen Kopf. „Und ich hatte an zwei ausgediente Wagengäule gedacht.“
    „Hältst du das nicht für etwas übertrieben?“ fragte Ragen.
    „Ein wenig zuviel kann nicht schaden. Falls euch unterwegs das Geld ausgeht, könnt ihr Pferde oder etwas von der Ausrüstung verkaufen.“
    Ragan machte eine verstohlene Geste zu dem erwartungsvoll dreinschauenden Thoth-Priester hin, der reich geschmückt im Tor des Tempels stand. „Nach soviel Großzügigkeit wirst du aber nicht mehr umhin kommen, Geld für den Tempelanbau herauszurücken.“
    Reddiff lachte leise. „Das ist inzwischen sowieso unvermeidlich.“


    Zurück nach Eisenfeld


    Es war später Abend, als die Lichter von Eisenfeld in Sicht kamen. Sie passierten das letzte Lichthaus vor der Stadt, von dem mit laut klappernden Blenden Botschaften von und nach Tempelstadt übertragen wurden. Ragan kannte den Code und vertrieb sich die Zeit, indem er gelegentlich mitlas, was das blinkende Licht übermittelte – meist irgendwelche geschäftlichen oder persönlichen Kurznachrichten, die für Außenstehende uninteressant oder auch verschlüsselt waren.
    Sie alle hatten aufgeatmet, als die Zeremonie beendet war und sich beeilt, Tempelstadt zu verlassen. Wie ausziehende Helden waren sie verabschiedet worden, mit Jubel, Sprechchören, Musik und einer Spalier stehenden Menschenmenge. Zwar hatte so gut wie niemand gewusst, worum es überhaupt ging, aber wo sich hundert Leute zum Schauen versammeln, werden bald tausend daraus. Nur dass er Ragan LD Wildbach war, eben jener, den ein Tempelstädter Chronist als einen Sprecher der Götter bezeichnet hatte, wobei nur Wenige wussten, wieso eigentlich, das hatte sich herum gesprochen. Kurzum – die ganze Schau war ihm peinlich gewesen.
    „In welcher Gegend der Stadt wohnen deine Verwandten?“ wandte sich Serraya an Merrow.
    „Auf der gegenüber liegenden Seite.“
    Während der ersten zwei, drei Stunden der Reise hatten sie lange, angeregte Gespräche geführt, die dann allmählich versiegt waren. Die Pferde, vier Rappen, zwei Braune, zwei Schecken und ein Schimmel, waren allesamt nicht schnell, aber kräftig und ausdauernd und liefen gutmütig die Straße entlang, so dass die drei Reiter vor sich hin dösen konnten. Nur zwei Mal mussten sie die Straße verlassen, um einem zwölfspännigen Lastzug Platz zu machen.
    „Was werden sie eigentlich dazu sagen, wenn wir uns gleich zu dritt aufdrängen?“ fragte Ragan.
    „Das ist kein Problem“, versicherte Merrow. „Tante Daya hast du doch kennengelernt. Onkel Jark ist wahrscheinlich gar nicht da, der übernachtet draußen in seiner Mine. Und zwei Straßen weiter gibt es einen Mietstall, wo wir die Pferde unterbringen können.“
    Obwohl sie die Innenstadt umgingen, erregte ihr Tross einiges Aufsehen; ein Dampfomnibus hielt an, um ihnen den Vortritt zu lassen und ein alter Laternenanzünder mit weißgrauem Fell blieb stehen und sah ihnen hinterher. Auch in der Stadt erwiesen sich die Pferde als gut und scheuten die Hupen und Glocken des Verkehrs ebenso wenig wie sonstigen Stadtlärm.
    Es dauerte noch über eine Stunde, bis die Pferde untergebracht und abgeladen waren, das Gepäck verstaut war und sie endlich an Dayas gemütlichem Tisch saßen, den ein Blumensträußchen schmückte. Wie Merrow vorausgesagt hatte, war sie kein bisschen verärgert wegen des überraschenden Besuchs zu später Stunde.
    Merrow kicherte: „Was für ein Kontrast! Zuerst die glorreiche Heldenverabschiedung in Tempelstadt – und nun sitzen wir hier!“
    Serraya und Ragan stimmten in sein fröhliches Gelächter ein. Und Ragan war inzwischen ausgesprochen froh darüber, dass die Wächterin sie begleitete, deren Wesen ihm immer sympathischer wurde.
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    In der Tiefe der Vergangenheit


    Auch am Tage darauf kamen sie erst am späten Vormittag dazu, die Stadt zu verlassen. Dayas herzliche Verabschiedung und nicht zuletzt das Satteln und Beladen der Pferde brauchte seine Zeit. Außerdem hatten sie Daya versprechen müssen, auch noch Jark zu besuchen, weil es doch sowieso auf dem Weg lag. Nun ritten sie eine schmale Kiesstraße entlang, die den ausgedehnten Wald, der sich am Fluss hinzog und die Kokereien und Gaswerke Eisenfelds versorgte, von der Steppe trennte. Gegen Mittag erreichten sie eine Biegung der Straße, die auf eine Anhöhe führte, hinter der eine riesige, bizarr zerklüftete Senke begann.
    „Was ist das denn?“ fragte Serraya überrascht.
    „Die Klüftung“, antwortete Merrow. „Hier arbeiten Leute wie Onkel Jark, die Metalle ausgraben.“
    „Donnerwetter“, meinte Ragan. „Das ist doch nichts natürlich Gewachsenes!“
    „Nein, das sind antike Anlagen, voll von mystischer Technik. Das Zeug ist natürlich alles längst kaputt und verrottet, aber es lässt sich jede Menge Metall abbauen. Fast ganz Eisenfeld ist aus der Klüftung gebaut.“
    „Donnerwetter“, wiederholte Ragan. „Wieso habe ich davon noch nie etwas gehört?“
    Merrow zuckte mit den Schultern. „Na, das Zeug ist völlig vergammelt und nur noch als Rohstoffquelle zu gebrauchen. Außer seiner Größe und Tiefe hat dieser Ort nichts Besonderes.“
    „Und wieviele Leute arbeiten hier?“
    „Zwischen fünfzig und hundert, sagt Onkel Jark. Ich selbst habe das bisher auch nur einmal von hier oben gesehen.“
    „Und wie kommen wir da hinunter?“
    „Irgendwo muss es einen Weg geben, der für Wagen befahrbar ist.“
    Nach kurzem Suchen fanden sie den Weg hinab und stießen schließlich auf eine Gruppe von fünf Männern, deren dichtes Fell von Rost und Staub bedeckt war. Merrow fragte nach Jark und einer der Männer, dessen canider Typ unter der Schmutz- und Rostschicht kaum auszumachen war, schob seine dreckige Schutzbrille in die Stirn, warf einen misstrauischen Blick auf den Tross der neun Pferde und fragte mit heiserer Stimme: „Seid ihr Freunde von ihm?“
    „Freunde und Verwandte.“
    „Ah, du bist Merrow, nicht wahr?“ Die angelegten Ohren des Mannes richteten sich auf und er wurde freundlicher. „Der Neffe vom Jark Kupfernase!“ Er beschrieb den Weg zwischen rostbedeckten Klumpen und Pfeilern aus brüchigem Beton hindurch zu einer Stelle, wo Jark sein Lager hatte. Die Leute, die in der Klüftung arbeiteten, schienen gut miteinander bekannt zu sein. Schnell fanden sie das Lager von Jark, der ihnen verblüfft entgegen sah. Merrow erklärte ihm, was der große Aufmarsch zu bedeuten hatte und schließlich meinte Jark: „Da habt ihr aber Glück, dass ihr mich draußen erwischt! Meistens bin ich nämlich tief drin; ich meine, wirklich richtig tief. Dann komme ich den ganzen Tag über nicht wieder nach oben.“
    „Wieso?“ fragte Serraya. „Die anderen haben direkt an der Oberfläche gearbeitet.“
    „Die bauen ja auch nur Eisen ab. Das ist Knochenarbeit und bringt nicht viel. Aber wer sich nicht scheut, ganz tief nach unten zu gehen, der findet Kupfer und Aluminium. Und noch Wertvolleres, manchmal Titan oder gar ein Stück Platin. Man muss sich nur so weit hinunter wagen. Für euch vielleicht eine Gelegenheit zum Üben, wenn ihr vorhabt, irgendwelche alten Höhlen zu erkunden.“ Er schaute sie der Reihe nach fragend an: „Naaa?“
    „Haben wir es eilig?“ fragte Ragan seine beiden Begleiter.
    „Oder hat jemand Angst?“ setzte Jark verschmitzt hinzu und setzte seine dreckige Schirmmütze über die spitzen Ohren.
    Bald darauf folgten sie ihm unternehmungslustig in die Dunkelheit einer Höhle, jeder von ihnen eine Laterne mit Reflektor in der Hand tragend. Nach wenigen Metern führte eine hölzerne Leiter ein paar Meter hinab in einen tieferen Gang; Jark führte sie hier nach links, dort nach rechts, Rampen und Treppen hinab, dann wieder eine Leiter, durch Säle, zwischen unverständlicher Maschinerie hindurch, die zu unförmigen Klumpen korrodiert war und wieder und immer wieder abwärts, Treppen, Rampen, Leitern hinab. Die Luft wurde immer stickiger.
    „Ich denke, irgendwann muss ich mir ein Atemgerät kaufen“, sagte Jark schnaufend. „Aber so lange es noch ohne geht ...“
    „Und du findest dich in diesem Labyrinth zurecht?“ fragte Merrow erstaunt.
    Jark lachte: „Ich bin ja heute nicht zum ersten Mal hier!“
    „Wir sind jetzt mindestens 200 Meter unter der Erdoberfläche“, stellte Serraya fest. „Wie tief gehen wir denn noch?“
    „Wir sind bald da; dort vorn ist schon die nächste Treppe. Bleibt von jetzt an dicht bei mir und fasst nichts an!“
    Ragan konnte nichts erkennen und stellte fest, dass Jark offenbar hervorragend im Dunkeln sehen konnte; vermutlich hing das mit seinen Schlitzpupillen zusammen.
    Sie alle atmeten schwer, als Serraya eine halbe Stunde später feststellte: „Da vorn ist ein Licht!“
    „Ja“, bestätigte Jark. „Ich lasse hier immer eine Kerze brennen.“
    Ringsum war Ragan seit geraumer Zeit eine Menge Grünspan und gelegentlich sogar ein Stück blankes Metall aufgefallen; offenbar befanden sie sich in den äußersten Bereichen, die Jark gerade erst zu erschließen im Begriff war.
    Vor der Kerze blieben sie stehen. Sie beleuchtete das goldgerahmte Bildnis eines Mannes mit caniden Zügen, dessen Fell aus rot lohendem Feuer statt Haaren bestand. In einer Hand hielt er etwas metallisch Glänzendes und seinen Kopf schmückten Hörner.
    „Pluto“, erklärte Jark und räusperte sich schnaufend. „Auf sein Wohlwollen bin ich angewiesen – das brauche ich euch Priestern ja nicht zu erklären, oder?“
    Ragan versuchte sich an jenen Gott zu erinnern. In Tempelstadt spielte er keine Rolle, weil er keinen Tiertyp hatte; vermutlich stammte er aus einer anderen Mythologie. Der Künstler, von dem das Bild stammte, hatte jene Gottheit wohl frei interpretiert. „Er ist ein Unterweltgott, nicht wahr?“ fragte er zögernd.
    „Ja. Aber nicht wie Anubis ein Gott der Totenwelt, sondern einer der materiellen Unterwelt, der Geheimnisse und Schätze unter der Erde, der Metalle und des Feuers. Welcher Gott könnte für einen wie mich wichtiger sein?“
    Jark kniete ein, zwei Minuten vor dem Bildnis und schien mit seinem Gott Zwiesprache zu halten, alle anderen schwiegen. In der eintretenden Stille waren plötzlich Geräusche zu hören und sie alle bemühten sich unwillkürlich, leiser zu atmen. Ein leises, hintergründiges Dröhnen füllte die Dunkelheit, aus dem sich nach einigen Minuten angestrengten Lauschens eine Art Rhythmus heraus hören ließ. Laut und deutlich hörte Ragan seine Taschenuhr ticken und die Lampen knistern, überlaut raschelte Stoff und Fell, sobald jemand von ihnen eine Bewegung machte.
    Endlich erhob sich Jark wieder und Merrow fragte fast flüsternd: „Was ist das?“
    Wieder räusperte sich Jark. „Ähm... ich weiß es nicht. Tiefer war ich noch nie.“
    „Onkel Jark ..!“ Ein deutliches Tremolo schwang in Merrows Stimme, die gleich überzuschnappen drohte. Die Ohren hatte er angelegt und den Kopf eingezogen. Ragan packte seinen Arm und drückte mit aller Kraft zu.
    „Au!“ schrie Merrow, jetzt mit sicherer Stimme. „Was soll denn das?“
    „Allein traust du dich also nicht weiter hinunter“, stellte Serraya belustigt fest; ihre Augen funkelten golden im Licht der Laternen. „Deine Kumpels dort oben können dir nicht helfen, denn wenn die den Mut hätten, hier herunter zu steigen, würden sie sich ja nicht mit dem Eisen an der Oberfläche abmühen. Also sind wir genau richtig gekommen, stimmts?“
    „Naja“, gab der graufellige kleine Mann zu. „Wenn ich euch das so deutlich gesagt hätte, wärt ihr nicht mitgekommen, oder?“
    „Ich schon“, meinte Serraya.
    Ragan war etwas aufgefallen, als er sich in die Umgebung hinein fühlte, was er mit Rücksicht auf Merrow aber erst nach ihrer Rückkehr an die Oberfläche zu erwähnen beschloss.
    Jark fasste nach der Verriegelung einer eisernen Tür, öffnete sie entschlossen und leuchtete in den dahinter liegenden Raum. Erst auf den zweiten Blick fiel Ragan auf, was hier anders war als in den Räumen, die sie bisher passiert hatten. Was auch immer hier an Unverständlichem vom Boden bis zur Decke installiert war, sah sauber aus, kaum korrodiert, blank – funktionsfähig.
    „In diesem Raum war ich schon“, flüsterte Jark. Jetzt lagen seine Ohren fest an seine Mütze gepresst. „Den schwarzen Stab dort drüben, den habe ich heraus gesägt; er hat einen Kern aus reinem Kupfer. Als ich eine Woche später zurück kam, war er durch einen neuen ersetzt. Als ich den dann wieder anfasste, habe ich einen Schlag bekommen!“
    „Einen Schlag?“
    „Ja, wie von einer Elektrisiermaschine, nur viel stärker. Es hat mich ein paar Meter zurück geschleudert und ich dachte fast, ich müsste sterben. Seitdem war ich nie wieder hier drin.“
    „Übrigens hast du die Tür gut geölt“, meinte Serraya. „Sie quietscht kein bisschen.“
    Jark sah betroffen zu ihr hinüber. „Ich habe sie nie geölt.“
    Serraya strich mit einem Finger über ein Scharnier und hielt ihn hoch. „Öl!“
    Ragan fiel auf, dass es in diesem Raum deutlich wärmer war als vor der Tür. Es hatte ganz den Anschein, als würde jene geheimnisvolle Maschinerie noch auf eine unsichtbare Weise laufen. Die Hintergrundgeräusche waren hier lauter, deutlicher, differenzierter; ein tiefes Wummern war auszumachen, ein Schaben und ein Ticken ...
    „Los, gehen wir weiter!“ drängte Serraya und ging voraus, direkt zwischen den Installationen hindurch. Ragan fühlte sich unwohl, aber er folgte ihr, Merrow mit sich ziehend. Jark, den der ganze Mut des Kupfergräbers hier verließ, bildete den Schluss. Ein Gang führte schräg abwärts, ein relativ sauberer Gang, der den Eindruck machte, als würde er öfters gereinigt. In wenigen Metern Entfernung mündete er in einen Quergang. Plötzlich näherte sich ein rasches Klacken, ähnlich dem Hufschlag eines Pferdes. Wie erstarrt blieben sie stehen und Ragan zuckte zusammen, als direkt neben ihm ein lautes Klappern einsetzte. Es waren nur Merrows Zähne; Ragan grub ihm seine Krallen in den Arm und das Zähneklappern hörte mit einem leisen Schmerzlaut auf. Das rasche Klacken näherte sich, von der rechten Seite her. Was auch immer da aus dem Dunkel kam, war nicht klein und hatte mehr als vier Beine.
    „Was bei allen Göttern ...“, flüsterte Serraya, die die Vorhut bildete.
    Ein metallener Spinnenkörper tauchte auf, mannshoch, auf ebenso metallenen Spinnenbeinen, mit blitzenden Glasaugen und einer Vielzahl glänzender Werkzeuge besetzt.
    Klack-klack-klack-klack – das Wesen kam rasch auf sie zu gelaufen. Merrow und Jark schrien gemeinsam auf, Jark ergriff die Flucht, Merrow versuchte Ragan mit sich zu ziehen und verlor seine Laterne, die scheppernd am Boden zersprang, Serraya stieß einen Kampfschrei aus, schleuderte dem Wesen ihre Laterne entgegen und verpasste ihm in Sekundenschnelle mehrere Fußtritte und Krallenhiebe. Es stockte nur einen Augenblick, gerade lange genug, um ihnen Zeit zur Flucht zu lassen und verfolgte die Fliehenden bis zur Eisentür, an der Jark wartete. Mit Wucht schlug er die Tür hinter ihnen zu, die dröhnend ins Schloss fiel, und verriegelte sie.
    „Vielleicht sollte ich die Tür zuschweißen“, flüsterte er.
    Ragan atmete tief durch und hielt Merrow fest im Griff, der am ganzen Leib zitterte und ihn kläglich anschaute. Er selbst spürte, wie sein Herz raste. Lediglich Serraya hatte sich offenbar schon wieder gefasst und meinte: „Ich denke, hier draußen sind wir in Sicherheit.“ Dann warf sie einen Blick auf das Bildnis: „Danke, Pluto!“
    „Wir sollten gehen“, sagte Ragan. „Wir haben nur noch zwei Laternen.“
    „Ja, natürlich.“ Jark ging voraus.
    „Einen Augenblick!“ Jetzt hatte Serraya Merrows Zustand bemerkt, der Tränen in den Augen hatte und nicht imstande schien, einen Schritt zu tun. Sie legte ihre Arme um ihn und meinte mit einem Blick über die Schulter: „Ihr könnt ja schon ein Stück voraus gehen.“


    Ein Abend am Feuer


    Das Lagerfeuer knisterte, die Pferde hatten sich in der Umgebung verteilt und knabberten die Kräuter, die zwischen den Ruinen wuchsen und am Spieß brieten appetitlich duftend zwei Kaninchen, die den Arbeitern in die Falle gegangen waren. Am dunkelnden Himmel über ihnen erschienen die ersten Sterne.
    Ragan fand, dass es jetzt an der Zeit war, über das zu reden, was er unten erspürt und für sich behalten hatte. „Sag mal, Jark, ist dir eigentlich aufgefallen, dass dort unten niemals Menschen waren?“
    Der kleine Mann wandte ihm erstaunt seine langgestreckte Schnauze zu. „Das hast du bemerkt? Ja, ich spüre das auch und habe mir darüber schon Gedanken gemacht – das müsste ja heißen, dass das alles von irgend... ähm... von irgendetwas anderem gebaut wurde. Vielleicht von dem, was uns da unten angriff ... Oh, verdammt, wenn ich daran nur denke!“ Sein Nackenfell sträubte sich sichtlich.
    Ragan dachte darüber nach, ob Götter und Dämonen der Unterwelt wohl Maschinerie bauten. Oder ob dergleichen, wenn es nur kompliziert genug war, vielleicht von selbst wachsen und sich vermehren konnte wie Pflanzen oder Tiere. Hatten es die antiken Menschen mit ihrer mystischen Technik vielleicht geschafft, derart Unheimliches in die Welt zu setzen, das jetzt noch immer in der Tiefe lebte? Aber wieso gab es dann in der Tempelhöhle nichts dergleichen? Und an den Stätten, zu denen sie unterwegs waren, was würde sie dort erwarten? Er hoffte, dass Merrow nicht abspringen würde. Wenn Serraya sich weiterhin so um ihn kümmerte wie in den letzten Stunden, war das aber wohl kaum zu befürchten; für sie schien seine Schwäche geradezu eine willkommene Gelegenheit zu sein, über ihn herzufallen – was Merrow offensichtlich keineswegs unangenehm war.
    Das wäre es mir auch nicht, dachte Ragan.
    In der Ferne schrie ein Käuzchen. Jark zerlegte eines der Kaninchen und schenkte allen Kräuterwein ein, weil er meinte, dass sie heute unbedingt etwas Alkoholisches brauchten. Niemand widersprach.
    „Was wird jetzt aus deinem Pluto-Bildnis?“ fragte Ragan, als er seinen Holzteller voll Fleisch entgegen nahm. „Lässt du es dort unten?“
    „Was meinst du?“ fragte Jark zurück. „Ja, sicher lasse ich ihn dort. Er bewacht schließlich die Tür für mich. Und bekommt immer neue Kerzen von mir.“
    „Du willst wieder da hinunter?“
    „Natürlich – was denn sonst? Da unten bin ich zu Hause. Wer weiß – wenn mal wieder Leute wie ihr vorbei kommen, die genauso verrückt sind wie ich, dann traue ich mich vielleicht auch wieder durch die Tür. Weißt du, ich habe mir überlegt, dass man diesem Spinnending mit einem großen Vorschlaghammer wahrscheinlich ziemlich weh tun könnte. Wir hatten einfach nur keine Ahnung, was uns erwartet und waren völlig unvorbereitet.“
    Ragan fühlte Bewunderung für diesen unscheinbaren Mann in sich aufsteigen. Er fragte sich, ob er selbst ohne Begleitung wieder bis zu jener Tür hinab gehen würde, ganz allein durch die Dunkelheit, die von undefinierbaren Geräuschen erfüllt war.
    „Übrigens“, meinte Jark kauend. „Davon braucht Daya nichts zu wissen – das ist doch klar, oder?“
    „Ja, natürlich.“
    „Sagt mal“, fragte Merrow, das Thema wechselnd, „was diesen Pluto angeht – wieviele Mythologien hatten die in der alten Zeit eigentlich? Und wieso überhaupt mehrere?“
    Ragan zuckte mit den Schultern. „Das weiß niemand so genau. Die Götter sind schon immer da gewesen, nur die Art, wie wir sie wahrnehmen, ändert sich.“
    Serraya ergänzte: „Wir wissen noch nicht einmal, ob unsere Götter, die wir in Tempelstadt verehren, in der alten Zeit alle in dasselbe Pantheon gehörten. Bei Sobek vermuten wir, dass er bereits aus der präantiken Zivilisation stammen könnte, seines Reptilientyps wegen.“
    „Aus was?“
    „In einer Zeit noch vor den Menschen ohne Tiertyp lebte eine Zivilisation von Reptilienwesen, die von enormer Körpergröße waren. Die alten Menschen verehrten sie, soviel wir wissen. Sie sammelten ihre Gebeine und schufen viele Bildnisse von ihnen. Wie der Übergang von ihnen zu den alten Menschen erfolgte, ist aber völlig unklar.“
    „Der Übergang von den alten Menschen zu uns eigentlich ebenso“, warf Ragan ein.
    „Wieso?“ Serraya schaute ihn fragend an. „Das haben wir doch in der Schule gelernt. Die alte Zivilisation hat vieles nicht verstanden, weil sie zu weit vom Tier und damit dem Leben entfernt war. Bevor sie alle Tiere und sich selbst umbrachten, schenkten die Götter ihnen die Tiertypen und machten sie so zu modernen Menschen.“
    „Ja, aber wie haben sie das angestellt? Gab es einen Knall und plötzlich waren alle verwandelt? So plump ist das Wirken der Götter nicht, wie wir wissen.“
    Serraya wurde nachdenklich. „So genau habe ich darüber noch nicht nachgedacht.“
    Jark lachte leise: „Ich hätte nie erwartet, je zwei Priester an meinem Lagerfeuer zu haben, die hier über Religion und Vorgeschichte diskutieren. Die Welt ist schon verrückt! Na, sehen wir zu, dass das zweite Kaninchen nicht verbrennt; ihr habt hoffentlich alle noch Hunger!“
    Während er das zweite Kaninchen zerteilte, beobachtete Ragan, wie sich Merrow und Serraya dicht aneinander drückten. Er vermutete, dass die beiden heute Nacht etwas abseits schlafen würden.
    People who deny the existence of dragons are often eaten by dragons. From within.
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    In die Wildnis


    „Mir tut der Hintern weh“, stöhnte Ragan, während er trockenes Gestrüpp für ein Feuer zusammen raffte.
    „Und mir irgendwie alles“, fügte Merrow hinzu.
    „Ich habe gelernt, schnell zu reiten“, meinte Serraya erschöpft. „Aber vier volle Tage im Sattel ...“
    Die Zeltplane, mit der sie das Gepäck abgedeckt hatten, flappte im Wind; ein Stück entfernt hatte sich ein Geier in der Trockensteppe niedergelassen und fraß irgendein totes Tier, immer wieder misstrauisch herüber schauend. Serraya nahm ein Gewehr und ein Messer und sagte: „Ich versuche etwas zu jagen.“
    „Vielleicht hätten wir doch auf der Straße reisen sollen“, meinte Merrow.
    „Dann wäre der Weg dreimal so weit. Wir waren uns doch alle einig über die Route, oder?“
    „Ich war ja noch nie in der Steppe!“
    „Ich auch nicht. Aber wir können uns die Karte ja noch einmal ansehen. Ich bestehe nicht auf der Steppenroute. An der Straße würden wir immerhin Gasthäuser finden.“
    „Wie spät ist es eigentlich?“ fragte Merrow.
    „Keine Ahnung. Meine Uhr ist gestern stehen geblieben; ich hatte vergessen, sie aufzuziehen. Und wonach soll ich sie hier stellen?“
    „Was soll's – auf jeden Fall Abend.“
    Ragan holte sein Feuerzeug hervor und entzündete das Feuer.
    „Was meinst du - werden wir den Bratspieß brauchen?“ fragte Merrow, der an einem Rinnsal kniete, das bald versiegen würde, und mit einem Becher Wasser in einen Kanister schöpfte. „Nicht, dass der Hunger nicht groß genug für das Trockenbrot wäre ...“
    „Bis jetzt haben wir keinen Schuss gehört.“ Ragan warf einen Blick zu den Pferden hinüber. „Die scheinen auch nicht begeistert von dem mickrigen Gras zu sein. Zum Glück haben wir erst Frühsommer; in ein paar Wochen ist hier wahrscheinlich alles vertrocknet.“
    Er sammelte weiteres Brennmaterial, da das trockene Gesträuch sehr rasch verbrannte. Dann machte er sich daran, die Zeltplane besser festzubinden, damit der Wind sie über Nacht nicht davon wehte. Bisher hatten sie das Zelt nicht ein einziges Mal aufgebaut – wozu auch bei dem trockenen Sommerwetter?
    Serrayas weiche schnelle Schritte näherten sich.
    „Hey, seht mal, was ich habe!“ rief sie und hielt ein wahres Prachtexemplar von einem Hamster sowie eine Schlange von mittlerer Größe in die Höhe, die sie beide ohne einen Schuss erlegt hatte.
    Merrow strahlte und Ragan meinte bewundernd: „Wo hast du die in den paar Minuten hergezaubert?“
    „Wie das so geht – die Schlange war dabei, den Hamster zu erwürgen; damit hatte ich beide.“
    Während das Fleisch am Spieß briet, holte Ragan die Karte und tippte auf einen Punkt inmitten der Landschaft. „Ungefähr hier müssten wir sein. Dort sind Eisenfeld und Tempelstadt und da vorn verläuft die Küste. Das da ist die Insel, auf der unser erstes Ziel liegt.“
    Merrow beugte sich neugierig über die Karte. „Da drüben ist die Eisenbahnlinie nach Neuenhafen – sag mal, hätten wir tatsächlich mit der Eisenbahn fahren können?“
    „Nein. Neuenhafen liegt dort drüben und unsere Insel liegt hier, dazwischen ist das Flussdelta. Wir hätten auf der Straße nach Muschelbank reisen können, das ist eine kleine Stadt, die wenigstens auf der richtigen Flussseite liegt. Aber da wollen wir eigentlich auch nicht hin, sondern am besten in eines jener namenlosen Fischerdörfer, die hier an der Küste angedeutet sind.“
    „Und der kürzeste Weg dorthin war geradeaus“, meinte Serraya. „Aber eigentlich ist doch die Straße gar nicht so weit entfernt, höchstens fünfzig Kilometer rechts. Wenn wir uns in die Richtung halten würden, könnten wir morgen in einem Gasthaus sein. Und vielleicht sogar baden!“
    „Das Dumme ist nur die Bergkette dazwischen. Die ist zwar nicht hoch, aber ob das sanfte Hügel sind oder schroffe Felsen und Schluchten, das weiß der Geier. Und wenn wir die umgehen wollten, müssten wir fast bis nach Eisenfeld zurück.“
    „Bis zur Küste brauchen wir gut noch einmal vier Tage, wenn wir auf unserer Route bleiben. Sag mal, ist das da vorn ein See? Könnten wir uns da nicht einen Tag ausruhen?“
    „Ja. Ich weiß aber nicht, ob wir den finden.“
    „Aber du hast doch den Kompass!“ warf Merrow ein.
    „Naja, die Küste ist breit genug, um sie nicht zu verfehlen, aber so ein kleiner See ... ich bin auch nur ein Stadtmensch!“
    „Wenn wir mit dem Fernglas Ausschau halten, müssten wir ihn finden. Außerdem wittern die Pferde das Wasser; bisher haben sie uns jede Wasserstelle gezeigt.“
    Merrow goss einen großen Becher mit frischem Wasser voll, aus dem sie abwechselnd tranken. In der Ferne heulte ein Wolf. Während Ragan die Karte zurück in die Packtasche brachte, küssten Serraya und Merrow sich ausgiebig. Seine Vermutung an jenem Abend bei Jark hatte sich bestätigt; sie war nachts über den verunsicherten Jungen hergefallen und seitdem waren die beiden ein Paar.


    Wilde Tiere


    Es war nicht schwierig gewesen, den See zu finden, der sich am Fuße einer Hügelkette in einer Senke befand; einige hohe Bäume sowie zahlreiche wilde Rinder und Ziegen machten die große Wasserstelle schon von weitem erkennbar. Ab und zu flatterten Schwärme von Vögeln auf und saftig grünes Gebüsch kam in Sicht. Die Pferde schnaubten erregt und beschleunigten ihren Schritt.
    „Das ist ja fast zu schön, um wahr zu sein!“ rief Merrow begeistert.
    Ragan sah auf die von vielen Hufen festgetrampelte Erde hinab, auf der nicht mehr viel wuchs, obwohl die Tiere sie reichlich gedüngt hatten.
    „Das fürchte ich auch“, meinte er, noch bevor er den Geruch des Wassers wahrnahm.
    Enttäuscht sahen sie schließlich einen großen grünlichbraunen Schlammpfuhl vor sich, in dem sich ein Bad von selbst verbot. Es war schwer, die durstigen Pferde zurückzuhalten.
    „Seht mal, dort hinten am Hang“, meinte Serraya, mit dem Finger in die Richtung weisend. „Da könnte es einen Zufluss geben, wenn wir Glück haben.“
    „Wenn wir kein Glück haben, geht uns morgen das Wasser aus“, erwiderte Ragan. „Zur Not müssen wir die Brühe da so lange abkochen, bis wir sie trinken können. Und die Pferde trinken zu lassen müssten wir eben riskieren; die anderen Tiere bringt es ja auch nicht um.“
    „Pfui!“ Merrow schüttelte sich. „Lieber suche ich die ganze Nacht nach frischem Wasser!“
    Serraya behielt glücklicherweise recht; zwischen ein paar Schilfbüscheln versteckt plätscherte tatsächlich ein kleiner Wasserlauf aus einer schmalen Felsspalte, durch die man sich nur seitwärts hindurch zwängen konnte. Im Halbdunkel zwischen einem zerklüfteten Durcheinander bemooster Steinplatten stürzte sogar ein kleiner Wasserfall herab. Zwei Füchse, die sich zum Trinken an dieser einsamen klaren Stelle eingefunden hatten, sprangen belfernd davon, als Merrow sich die Kleidung vom Leib riss und sich in die Nische unter den Wasserfall zwängte.
    „Klares Wasser zum Baden! Was für ein Luxus!“
    Gemeinsam mit dem fröhlich prustenden Merrow machte sich Ragan daran, mit einem Eimer die Pferde zu tränken, die zu groß waren, um das Frischwasser zu erreichen.
    „Wenn wir damit fertig sind, können wir uns sogar richtig waschen, mit Seife!“
    Serraya betastete die brüchigen Steinplatten und stellte fest: „Das waren Gebäude. Die ganze Anhöhe könnte einst eine Stadt gewesen sein.“ Sie schloss die Augen, lehnte sich für ein paar Minuten an den Stein und bestätigte: „Ja. Wahrscheinlich sogar die ganze Hügelkette.“
    Merrow wurde stiller und meinte: „Versunkene Städte haben immer so etwas Deprimierendes an sich.“
    Seine Ausgelassenheit war verschwunden und er machte sich schweigend auf, die leeren Kanister von den Packpferden zu holen, die sich abseits der übrigen Tiere unter einem halb kahlen Baum um die Wassereimer drängten. Er hängte die Packriemen über einen Ast, Metall schepperte gegen den Baumstamm und plötzlich schrie er auf: „Au, verdammt!“
    Fast gleichzeitig mit ihm schrien die Pferde, stiegen schrill wiehernd auf und galoppierten panisch davon.
    Verblüfft sah Ragan ihnen nach. „Was ist denn jetzt passiert?“
    Im selben Moment hörte er ein durchdringendes Brummen und sah eine dunkle Wolke aus dem Baumstamm hervor quellen.
    „Wespen!“ schrie Serraya. „Wir brauchen die Zeltplanen!“
    „Die sind mit den Pferden weg!“ schrie Ragan zurück, während Merrow panisch auf ihn zu rannte. Die dunkle Wolke näherte sich, ein bedrohlich brummender Schwarm von hunderten oder tausenden von Wespen.
    „In den See!“ rief Serraya.
    „Nein!“ gab Merrow entsetzt zurück.
    Der klare Zulauf war schmal, steinig und höchstens zehn Zentimeter tief, also blieb nur der See als einzige Möglichkeit. Ragan spürte die ersten zwei, drei Wespenstiche. Zusammen mit Serraya packte er Merrow, dessen Ekel vor dem Schlammpfuhl größer zu sein schien als die Angst vor dem Wespenschwarm und zerrte ihn durch das Schilf ins Wasser. Es kostete Überwindung, in dem grünlichen Schleim unterzutauchen, aber das Brummen und Brausen sowie die schmerzhaften Stiche der Insekten hatten genügend Überzeugungskraft. Nach mehrfachem tiefem Luftholen und Tauchen gab der Schwarm auf und zog sich allmählich wieder in den Baumstamm zurück wie er daraus hervor gekommen war.
    Heftig atmend steckten Ragan und seine beiden Gefährten die Köpfe aus dem Schlamm, ein paar dicke braune Frösche glotzten sie aus dem Schilf an. Merrow würgte und übergab sich in den Schlamm.
    Serraya gluckste belustigt: „Wisst ihr, wie ihr ausseht?“
    „Genauso wie du!“ keuchte Ragan und schließlich konnte auch Merrow wieder halbherzig lachen. Als sie das Wasser verließen, war ihr Fell eine einzige Masse von Schlamm und Algen; ihr erster Weg führte zwischen die Steine zu dem kleinen Wasserfall.
    „Du hattest Glück“, sagte Ragan zu Merrow, „du warst wenigstens schon ausgezogen! Wieviele Stiche habt ihr eigentlich abgekriegt?“
    Keiner hatte mehr als zehn Stiche abbekommen und Serraya meinte, das dürfte nicht gefährlich sein.
    „Das Lager sollten wir oben in den Hügeln aufbauen“, schlug Serraya vor.
    Ragan nickte und Merrow fragte: „Apropos Lager aufbauen – wie fangen wir eigentlich die Pferde wieder ein?“
    Das Problem löste sich von selbst; acht der Pferde kamen nach und nach von selbst zurück, nachdem sie sich wieder beruhigt hatten, die Nähe jenes einzelnen Baumes jedoch sorgsam meidend, nur einer der beiden Braunen blieb verschwunden. Ein Problem war allerdings, dass zwei der Packpferde es geschafft hatten, ihr gesamtes Gepäck abzuwerfen und weit in der Steppe zu verstreuen, und auch die Reitpferde hatten bei ihrer rasenden Flucht einiges verloren. Es kostete Stunden, die Dinge, soweit sie überhaupt zu finden waren, wieder einzusammeln. Das Fernglas war auf einen Stein gefallen und die Linsen beider Seiten zersprungen, eine der Planen war zerfetzt und beinahe alle noch vorhandenen Konservendosen lagen von Steinen aufgerissen oder von Hufen zertreten am Boden. Einige große Raubvögel hatten sich bereits darüber her gemacht und rissen sie mit ihren scharfen Klauen und Schnäbeln geschickt auseinander.
    Auf der Kuppe eines Hügels machte sich Ragan gemeinsam mit Merrow daran, zum ersten Mal das Zelt aufzubauen, während Serraya wie gewohnt auf die Jagd ging. Das Zelt war eine knifflige Konstruktion aus Aluminiumstangen und Schnüren, die vermutlich schnell aufzubauen war, wenn man nur wusste, wie. Er war erstaunt, wie schnell Merrow damit zurecht kam.
    „Baust du öfter Zelte auf?“ fragte er.
    „Nein, noch nie.“
    Es war später Abend und schon recht dunkel, als das Zelt endlich stand. Ragan suchte Holz für das Feuer zusammen, als er Serraya aus der Ferne rufen hörte. Er sah hinab in die Ebene, konnte sie aber nicht erkennen. In einem Gebüsch blitzte es kurz auf, ein Schuss krachte.
    „Ich glaube, Serraya braucht Hilfe“, sagte er zu Merrow und griff sich eine Laterne.
    „Es wird ihr doch nichts passiert sein?“ Merrow sah alarmiert auf und folgte ihm im Laufschritt den Hügel hinab.
    „Hier bin ich!“ Serraya winkte ihnen vom Rand des Gesträuchs aus zu.
    „Ist etwas passiert?“
    „Kann man so sagen. Ich habe unser neuntes Pferd gefunden.“
    Es lag zwischen den Blut bespritzten Büschen, mit den deutlichen Spuren großer Zähne im Hals und tiefen Risswunden. Der Bauch war aufgerissen und ein guter Teil der Eingeweide heraus gefressen. Der intensive Geruch des noch warmen Kadavers hatte eine Anzahl Fliegen angelockt.
    „Das arme Pferd“, meinte Merrow traurig.
    „Das dürfte ein Tiger oder ein Löwe gewesen sein“, stellte Ragan fest.
    „Wo so viele Tiere versammelt sind, muss es auch Raubtiere geben“, sagte Serraya. „Eigentlich hätten wir uns das denken können.“
    Irgendwo in der Nähe heulte ein Wolf, ein zweiter fiel ein, dann ein dritter, vierter ... bis ein vielstimmiger Chor daraus geworden war.
    Serraya zog ihr langes Messer. „Wir sehen besser zu, dass wir noch unseren Anteil von dem Pferd kriegen.“
    Während Ragan ihr half, entzündete Merrow die Laterne und meinte zerknirscht: „Ich glaube, zu diesem See zu reiten war die dümmste Idee, die wir bisher hatten.“
    Im Gebüsch raschelte es, ein Augenpaar blitzte im Dunkel auf, gleich darauf noch ein zweites.
    „Halt sie mit der Lampe in Schach“, keuchte Ragan, während er mit dem Messer in dem Fleisch umher hackte. „So ein Pferd ist verdammt stabil!“
    Das Fell seiner und Serrayas Arme war bis zu den Ellbogen mit Blut getränkt, als sie es endlich geschafft hatten, ein paar große Stücke loszuschneiden. Es war höchste Zeit, denn aus dem Gebüsch tauchten bereits drei Wölfe von beachtlicher Größe auf; ihre hochgezogenen Lefzen und ihr drohendes Knurren waren eine deutliche Aufforderung, von dem toten Pferd zu verschwinden.
    „Nicht rennen“, raunte Serraya. „Wir ziehen uns ganz ruhig zurück. Merrow, du nimmst das Gewehr und schießt notfalls in die Luft.“
    Der Rückzug mit den Fleischstücken war kein Problem; die Wölfe stürzten sich sofort auf den Pferdekadaver, der hoffentlich reichen würde, um das ganze Rudel zu sättigen.
    Als sie das Lager wieder erreicht hatten, machte sich Merrow daran, das Feuer anzuzünden und das Fleisch zuzubereiten.
    „Ich schätze, wir brauchen noch eine Wäsche“, meinte Serraya. Ragan folgte ihr den Hügel hinab zum Frischwasser, wo sie sich das Blut aus dem Fell wuschen.
    „Sieh mal, hier kann man abkürzen“, sagte Ragan mit einem Blick auf ein paar Felsspalten und Vorsprünge und begann, die wenigen Meter hinaufzuklettern.
    „Ich bin schneller!“ rief ihm Serraya fröhlich von oben her zu und reichte ihm die Hand. „Ich freue mich nämlich schon auf einen guten Braten.“
    „Lass das bloß nicht die anderen Pferde hören!“ lachte Ragan, zog sich hoch und trat in eine Spalte, um sich ganz nach oben zu stemmen. Plötzlich schoss ein scharf stechender Schmerz durch seinen Unterschenkel, dicht über dem Fuß, der ihn zusammen zucken ließ.
    „Aua, verdammt!“ stieß er aus.
    Serraya reagierte blitzschnell, warf sich zu Boden, griff in jene Spalte und zog eine schwarze Schlange daraus hervor. Sie betrachtete sie kurz und ließ sie wieder davon kriechen, dann befahl sie: „Leg dich hin!“
    Er gehorchte und fragte leise: „Die war giftig, nicht wahr?“
    „Ja.“ So schnell, wie sie die Schlange gefangen hatte, zog sie ihr großes Jagdmesser aus der Scheide und hieb es in seinen Unterschenkel. Ragan konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken und krallte sich mit beiden Händen in den Boden. Serraya packte sein Bein und presste das Blut aus der Wunde, dann beugte sie sich darüber und saugte die Wunde aus, das Blut immer wieder beiseite spuckend. Als sie ein zweites Mal schnitt, stieß er vor Schmerz ein langgezogenes Jaulen aus, sie saugte wieder und sagte schließlich: „Alles in Ordnung, du kannst wieder aufstehen.“
    Mit einem flauen Gefühl im Magen ließ er sich von ihr nach oben ziehen; das aus der Wunde fließende Blut tränkte das Fell seines Fußes.
    Serraya stützte ihn und sagte beruhigend: „Keine Sorge, das meiste Gift sollte draußen sein. Die Wunde verbinden wir im Lager.“
    „Das meiste?“
    „Der Rest wird dich nicht umbringen.“ Im Lager angekommen schärfte sie Merrow eindringlich ein, bei einem Schlangenbiss so schnell wie möglich zu ihr zu kommen, ohne auch nur eine einzige Sekunde zu vergeuden.
    Es war, dem Stand der Sterne nach zu urteilen, nach Mitternacht, als sie endlich das Fleisch verzehrten, das noch immer halbroh und zäh war, aber hungrig wie sie waren, trotzdem gut schmeckte.
    „Im stillen Gedenken an unser neuntes Pferd lassen wir es uns schmecken“, bemerkte Ragan kauend.
    „Mir tut es leid“, sagte Merrow traurig.
    Ragan legte ihm die Hand auf die Schulter. „Schon gut – mir ja auch.“
    „Wie geht es euch eigentlich?“ fragte Serraya, die im Glutschein des herunter gebrannten Feuers nur als Silhouette mit rot blitzenden Augen zu sehen war.
    „Mies“, sagte Merrow. „Wahrscheinlich von den vielen Wespenstichen. Ich fühle mich ganz angeschwollen.“
    „Mir geht es großartig“, meinte Ragan. „Ich bin nicht einmal müde – ich könnte plötzlich Bäume ausreißen.“
    Serraya nickte. „Das kommt von dem Schlangengift. Morgen wird sich das anders anfühlen.“
    Sie krochen ins Zelt, ordneten im Dunkeln die Decken und Serraya drängte sich dabei dicht an Ragan. „Wir haben noch nie so eng beieinander geschlafen“, raunte sie ihm ins Ohr. „Das Gift dieser Schlange müsste noch eine andere Wirkung haben. Spürst du sie schon?“ Überraschend griff sie ihm zwischen die Beine, wo sich jene Wirkung sehr deutlich zu zeigen begann. „Ich gefalle dir doch, nicht wahr?“
    „Aber ihr beide ...“ setzte er an.
    „Für mich ist das in Ordnung“, sagte Merrow, ebenso leise, um die Atmosphäre nicht zu stören. „Wir sind doch Freunde, oder?“
    „Es ist nur so, dass ich noch nie eine Dreierbeziehung hatte“, gab Ragan etwas verlegen zu.
    „Dann wird es Zeit.“ Serraya biss ihn sanft in die Schulter und zog ihn zu sich herüber. „Ich glaube, mit Merrow ist heute sowieso nicht viel anzufangen. Stimmts?“
    „Stimmt“, brummte der leise. „Die verdammten Wespen ...“
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