Seite 3 von 3 ErsteErste 123
Ergebnis 21 bis 27 von 27

Thema: Der Adventskalender-Roman: Tierische Wege

  1. #21
    Registriert seit
    13.08.2012
    Ort
    Bodenseekreis
    Beiträge
    2.137
    Blog-Einträge
    1

    Standard

    Der gläserne Tod


    „Läuft das nicht alles fast zu gut, um wahr zu sein?“ fragte Merrow fröhlich, während sie Holz für das Lagerfeuer sammelten. „Seit zwei Wochen sind wir unterwegs und hatten kein einziges Problem. Keine Wespen, keine Raubtiere, keine Giftschlangen ...“
    „Und ich habe noch nicht einmal vergessen, meine Uhr aufzuziehen!“ ergänzte Ragan. Sie hatten ihr Nachtlager in den Ausläufern der Berge aufgeschlagen, in der Nähe eines dünnen Rinnsals, das in der Sommerhitze vermutlich bald austrocknen würde. Nach kurzer Zeit loderte das Feuer, während Serraya einen Fasan rupfte und ausnahm, den sie am Nachmittag mit einem Steinwurf statt einem Schuss erlegt hatte, was ihr einen spontanen Applaus der beiden Männer eingebracht hatte.
    „Wo sind eigentlich die Pferde?“ fragte Ragan.
    „Die treiben sich irgendwo zwischen den Felsen herum“, erwiderte Merrow unbesorgt.
    Ragan ließ den Blick über das unübersichtliche felsige Gelände schweifen, das ganz nach einem guten Zuhause für Raubkatzen und Bären aussah und erhob sich. „Ich werde kurz nach ihnen sehen; wir sollten nicht leichtsinnig werden, weil bisher alles so gut ging.“
    An den schattigen, feuchten Plätzen zwischen den Felsen wuchsen hohe Kräuter von sattem Grün, die den Pferden gut zu schmecken schienen; nach zehn Minuten hatte er sechs von ihnen gefunden, nur zwei der Schimmel fehlten noch. Ragan erkannte eine Hufspur und folgte ihr. Im Gras glitzerte etwas im Licht der untergehenden Sonne und er bückte sich interessiert, um zu sehen, was es sein mochte. Erstaunt griff er danach, wischte etwas Schmutz ab und hielt es ins Licht. Es war der Schädel eines Tieres, das ein Fuchs oder Hund gewesen sein konnte, eigentlich ein ganz normaler Schädel mit allen Feinheiten seiner natürlichen Struktur. Das Seltsame daran war, dass er aus Glas bestand, vielleicht auch aus einem glasklaren Kristall. Im Innern des Schädels befand sich etwas schwärzlicher Schmutz, der von den Überresten der Gehirns herrühren mochte; würde man ihn gründlich waschen, wäre der gesamte Schädel jedoch vollkommen durchsichtig. Ragan bückte sich und fand nach einigem Suchen auch die übrigen Knochen des Skeletts im Gras verstreut. Wie war so etwas möglich? Wenn dieses gläserne Skelett das Werk eines genialen Künstlers wäre, wieso lag es dann hier im Gras verstreut, inmitten der Wildnis, wohin sich kein Mensch verirrte? Wie kam es hierher? Er schüttelte den Kopf, sammelte die Knochen ein und steckte sie vorsichtig in die Hosentaschen. Nein, diese Knochen waren echt und auf irgendeine seltsame Weise zu Glas oder Kristall geworden. Er folgte weiter der von den beiden Pferden hinterlassenen Hufspur. Die Tiere hatten sich durch mehrere enge Felsklüfte gezwängt, was dem normaler Weise vorsichtigen Verhalten von Pferden widersprach. Hatten sie etwas besonders Gutes gewittert, das sie unbedingt haben wollten? Ragan stutzte, als er zwischen Felsbrocken und Geröll die Splitter von gläsernen Vogelknochen glänzen sah. Knochen waren etwas Lebendiges, Durchblutetes – kein Tier konnte mit gläsernen Knochen leben. Sie mussten sich nach dem Tod der Tiere verändert haben.
    Unvermittelt stand er vor einem Talkessel, der glitzerte und blinkte wie eine märchenhafte Schatzkammer, obwohl er im Schatten der umgebenden Felsen lag. In der Mitte des Tals glänzte die stille Oberfläche eines kleinen Sees. Die beiden Schimmel waren hier und trotteten Ragan freundlich schnaubend entgegen, ohne zu beachten, was unter ihren Hufen bei jedem Schritt mit hellem Klingen zerbarst: Eine das ganze Tal bedeckende Schicht gläserner Knochen und Schädel von Tieren aller Art. In der Luft lag ein leichter, kaum wahrnehmbarer Geruch, der Ragan völlig unbekannt, aber nicht unangenehm war. Ein Schauer überlief ihn, sein Nackenfell richtete sich auf.
    „Was habt ihr hier nur zu suchen?“ sagte er leise zu den Pferden und ging mit angelegten Ohren langsam zum Wasser. Er tauchte die Hände hinein, hob eine Handvoll Wasser heraus und schnupperte daran. Es roch tatsächlich gut und machte einen gesunden und geradezu lebendigen Eindruck, außerdem war es unerwartet klar. Kein Wunder, dass dieses gute Wasser die Pferde angelockt hatte – andererseits war es eindeutig kein gutes Zeichen, wenn der Boden rings um eine Wasserstelle mit Knochen toter Tiere übersät war, egal, ob gläsern oder nicht. Allerdings – wenn eine Wasserstelle seit Jahrhunderten von Raubtieren belagert wurde und die Knochen auf diese seltsame Weise konserviert wurden, wäre das immerhin eine Erklärung für die schiere Menge der Knochen hier. Während er überlegte, ob er das Wasser vorsichtig mit der Zunge probieren sollte, fiel sein Blick auf ein verwittertes Zeichen an der geglätteten Felswand, das nur dank seiner schieren Größe noch immer auffiel. Die einst darunter angebrachte Schrift war nicht mehr zu entziffern, aber das Zeichen kannte er. Es war eine Art Stern, der aus einander überschneidenden Kreisbögen bestand. In der antiken Zeit sollte man dieses Zeichen als Amulett gegen gefährliche Krankheiten verwendet haben. Daneben entdeckte er die Überreste eines kleinen Gebäudes, Brocken von geborstenem Beton und große Rostflecken. Obwohl nach all den Jahrhunderten der Verwitterung kaum noch sichtbar, hatte das in solcher Größe an der Felswand angebrachte Zeichen etwas Bedrohliches, erst recht an diesem unheimlichen Ort. Er entschied sich, besser nicht von dem Wasser zu kosten und hoffte, dass die Pferde davon nicht krank würden.
    Rasch ging er zurück zum einzigen Zugang des Talkessels.
    „Kommt“, sagte er leise zu den beiden Schimmeln. „Verschwinden wir.“
    Erst nachdem er ein gutes Stück gegangen war, bemerkte er, dass nur einer der beiden ihm gefolgt war und selbst dieser nur unwillig und sehr langsam.
    „Was zieht euch denn nur zu einem solchen Ort?“ fragte er und tätschelte den Hals des Pferdes, dann ging er zurück, um das andere zu holen.
    Es stand noch immer im Talkessel, inmitten der schimmernden Knochen, unbeweglich, den Kopf gesenkt und die Hufe in den Boden gestemmt.
    „Hey“, sagte er beunruhigt. „Was ist denn los mit dir?“
    Das Pferd bewegte sich nicht, es hatte die Augen geschlossen und bewegte nicht einmal die Ohren.
    „Na, komm schon!“ Er gab ihm einen freundlichen Klaps und jetzt bewegte sich das Tier. Es kippte langsam zur Seite, wie ein umgestoßenes Möbelstück, und fiel krachend um, mitten in die scharfen und spitzen Glasknochensplitter hinein.
    Ragan erstarrte vor Entsetzen, dann verstand er plötzlich. Tiere können nicht mit gläsernen Knochen leben – aber die Verwandlung geschah nicht nach ihrem Tod, sondern war das, was ihn verursachte! Da war der stille See und dessen seltsamer, angenehmer Geruch, der Tiere anlocken mochte. Und das übergroße Amulett an der Felswand.
    Fluchtartig verließ er das tödliche Tal und rannte zwischen den Felsen hindurch zu dem anderen Pferd. Er fand es ebenfalls erstarrt am Boden liegend, ohne Herzschlag und Atmung. Er rannte, rannte weiter, bis er atemlos am Feuer ankam.
    „Ist die gute Zeit vorbei?“ fragte Serraya ernst, während Merrow ihm nur bestürzt entgegen sah.
    „Ja“, japste er. „Wir sollten hier verschwinden, sofort!“
    Atemlos erzählte er alles und holte die gläsernen Knochen aus den Hosentaschen.
    „Du hast das Wasser wirklich nicht mit der Zunge berührt?“ war Serrayas erste Frage.
    „Nein, zum Glück nicht!“ Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie unglaublich nahe er dem Tod gewesen war, und ein Schauer überlief ihn.
    Serraya holte eine Blechflasche voll Lampenöl aus dem Gepäck. „Hier, wasch dir damit die Hände!“
    „Mit Lampenöl?“
    „Ja, Essig haben wir keinen!“
    Serraya schüttete die ganze Flasche über seine Hände und Unterarme; das Öl tränkte sein Fell und verbreitete einen penetranten Gestank, den er hinterher mit reichlich Wasser und Seife wegzuwaschen versuchte.
    „Es wird ein paar Tage dauern, bis du den Geruch los bist“, meinte Serraya. „Hatte der See irgendeinen Abfluss?“
    „Nein, auch keinen Zufluss.“
    „Um das Wasser aus dem Bach müssen wir uns also keine Gedanken machen. Dafür wäre es ohnehin zu spät, davon haben wir längst getrunken.“
    „Wenn wir die Pferde anbinden, könnten wir eigentlich heute Nacht hier bleiben“, schlug Merrow vor. „Ich würde mir diesen Todessee gern ansehen.“
    Nach kurzer Überlegung stimmte Ragan zu; es war tatsächlich nicht nötig, heute noch das Nachtlager zu verlegen, hier unten waren sie sicher. Er ging, um die übrig gebliebenen sechs Pferde an ein paar Bäume zu binden; die Tiere scheuten jedoch derart vor dem Geruch seiner Hände, dass Merrow das übernehmen musste.
    „Was sollte das eigentlich mit dem Lampenöl?“ fragte er Serraya, die ebenfalls heran kam.
    „Wenn dort ein großes Amulett gegen Krankheiten angebracht war, dann hatte das einen Grund und das Wasser war nicht einfach nur giftig. Du weißt, wie Krankheiten funktionieren? Winzige Tiere, die sich in uns hinein fressen, sich rasend schnell vermehren und wie Schwärme von Fischen durch unser Blut schwimmen ...“
    Sie brach ab, als Merrow sich schüttelte. „Rede weiter“, knurrte er mit zusammen gepressten Zähnen, wobei er nicht verhindern konnte, dass sein Nackenfell sich sträubte.
    People who deny the existence of dragons are often eaten by dragons. From within.
    Ursula K. Le Guin

    FA: https://www.furaffinity.net/user/transcentyger/
    Weasyl: https://www.weasyl.com/~transcentyger

    (Avatar von Zita)

  2. #22
    Registriert seit
    13.08.2012
    Ort
    Bodenseekreis
    Beiträge
    2.137
    Blog-Einträge
    1

    Standard

    Die Station im Nirgendwo


    Unter der sengenden Hitze der Sonne ritten sie durch eine Landschaft, die immer dürrer und wüstenartiger wurde. Deutlich war zu spüren, dass sie in wärmere und trockenere Gefilde kamen. Durch vertrocknetes Gras und Dornengestrüpp huschten Eidechsen. Es war später Nachmittag und die drei Reiter hatten sich daran gewöhnt, sich dem gemächlichen Trott und der Lethargie der Pferde anzupassen. Die Hitze machte geradezu apathisch und ließ die Luft über dem Boden flirren.
    Der Verlust der beiden Pferde lag mehr als eine Woche zurück. Sie hatten sich am nächsten Morgen jenen See angeschaut, der so versteckt lag, dass Ragan ihn erst nach mehreren Verirrungen wiedergefunden hatte. Einer der Pferdekadaver war von einem Raubtier angefressen gewesen und sie hatten sich gefragt, was wohl mit jenem Raubtier geschehen sein mochte. Zwei Rippen des Pferdekörpers waren entblößt und immer noch Knochen gewesen, jedoch mit einem schimmernden Glanz und offenbar in einem Übergangsstadium. Die Innereien waren auf eine ungewöhnliche Weise verfärbt gewesen und statt zu stinken hatte der aufgerissene Kadaver jenen angenehmen Geruch des Sees verströmt. Während Serraya und Merrow in den unheimlichen Anblick des stillen dunklen Sees und der ihn umgebenden schimmernden Knochen versunken gewesen waren, hatte er selbst direkt an dem einzigen Zugang eine Warnung in den Fels geritzt:
    NICHT TRINKEN! TÖDLICH!
    Nur für den Fall, dass sich je wieder ein Mensch hierher verirrte.
    Merrows Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
    „Seht mal!“
    Ohne aufzuschauen brummte Ragan:„Was auch immer du siehst, es ist wieder einmal eine Luftspiegelung.“
    Schon öfter hatten sie in den letzten zwei Tagen Gebäude oder gar Flüsse zu sehen geglaubt, die jedoch immer wieder verschwanden, wenn sie sich näherten.
    Merrow nahm sein Fernglas aus der Satteltasche und setzte es an die Augen, dann rief er triumphierend: „Nein, diesmal nicht; es ist die Straße!“
    Auch die müden Pferde spürten etwas und beschleunigten ihren Schritt.
    „Ja!“ rief jetzt auch Serraya. „Da vorn ist sie!“
    Die Straße war ein hellgraues Band, das sich ebenmäßig durch die hügelige Lanschaft zog.
    „Tatsächlich!“ rief er erfreut. „Dann sind wir übermorgen in Sandberg. Wir waren viel schneller als ich dachte!“
    Die Straße war in schlechterem Zustand als es aus der Entfernung gesehen den Anschein hatte. Der wellige Asphalt war vielfach gebrochen und zerbröselt und aus den Spalten wuchs Gestrüpp; mitunter verschwand der Straßenbelag für ein paar Meter völlig unter dicken Schmutz- oder Sandschichten.
    „Na, immerhin ist sie irgendwann sogar asphaltiert worden“, meinte Ragan aufmunternd. „Es hat sich nur ein paar Jahrhunderte niemand mehr darum gekümmert.“
    „Also dann, auf nach rechts! Von jetzt an reisen wir komfortabel.“ Serraya ließ sich von seiner guten Laune anstecken. „Viel Verkehr scheint es hier aber nicht zu geben.“
    Sie hatte recht; kein einziger Zweig des aus den Ritzen wachsenden Gestrüpps war erkennbar beschädigt und Ragan konnte keinerlei Spuren entdecken, weder von Rädern noch von Hufen oder Füßen.
    „Es würde mich nicht wundern, wenn dieses Sandberg nur ein paar hundert Einwohner hat“, meinte Merrow. „Aber wenigstens wachsen hier keine Bäume.“
    „Hauptsache, wir kriegen dort Wasser!“ Ragan wusste von Händlern, die gelegentlich Edelsteine und teure Metalle aus Sandberg verkauften; schließlich war die Wildbach-Familie ein guter Abnehmer für dergleichen. So klein und unbedeutend konnte die Stadt also nicht sein, so entlegen sie auch war. Sie ritten bis in den frühen Abend die Straße entlang und beobachteten die Umgebung, in der hier und da Gruppen wilder Ziegen grasten. Gelegentlich streunte ein Wildhund durch das Gestrüpp und am wolkenlosen Himmel kreisten Raubvögel.
    Als die Sonne schon tief über dem Horizont stand, hielt Serraya ihren Rappen an und stieg ab.
    „Eins der Pferde lahmt“, sagte sie.
    Eines der Packpferde war zurück geblieben und lahmte an der rechten Hinterhand. Sie ging zu ihm und sah sich den Huf an. „Er hat das Eisen verloren. Wo haben wir die Ersatzhufe und Nägel?“
    „Auf dem anderen Schimmel“, antwortete Merrow. „In dem Sack unter dem Zelt, ganz zuunterst.“
    Sie knurrte missmutig. „Na, was soll's, wollen wir nicht gleich hier lagern? Es ist ohnehin schon Abend.“
    „Einen Augenblick!“ hielt Ragan sie zurück, als sie sich ans Abladen machen wollte. „Da vorn ist etwas.“ Er hob das Fernglas an die Augen und konnte eindeutig Gebäude erkennen; sie schienen in schlechtem Zustand zu sein, aber sie waren immerhin da. „Es könnte eine Art Poststation sein.“
    „Na, wenn das so ist ...“ Serraya stieg wieder auf. „So weit schafft er es noch. Ein Hufschmied und eine Herberge kämen jetzt gerade recht.“
    „Vielleicht haben die sogar eine Badewanne!“ rief Merrow fröhlich. „Könnt ihr euch eigentlich noch erinnern, wie das ist, unter einem festen Dach zu schlafen?“
    Mit einem müden Lachen ritten sie auf die Poststation zu. Je näher sie kamen, desto mehr sank jedoch ihre Hoffnung, dort überhaupt jemanden anzutreffen. Es war ohne Zweifel einst eine Station für Reisende gewesen, mit einem riesigen asphaltierten Hof, zahlreichen Gebäuden und vermutlich einem Windrad, denn die verrosteten Überreste eines großen eisernen Mastes lagen quer über dem Hof und versperrten den Weg. Von den Gebäuden waren ebenfalls nur noch Ruinen und Schutthaufen übrig. Keinerlei frisches Grün deutete auf Wasser hin und wenn es hier einst einen Brunnen gegeben hatte, dann war er längst verschüttet.
    „Das war es dann wohl mit Badewanne, Dach und Hufschmied“, meinte Ragan, während er vom Pferd stieg. „Trotzdem kein schlechter Platz zum Lagern.“
    Sie erledigten die üblichen Arbeiten des Abladens, Merrow sammelte trockenes Gestrüpp für ein Feuer und Ragan tränkte die Pferde mit warmem Wasser aus den Kanistern. Da sie kaum Futter für die Tiere mitgenommen hatten, mussten diese sich mit dem trockenen Gestrüpp begnügen, das sie hier fanden. Nach all den guten Weiden der ersten beiden Reisewochen waren sie jedoch noch gut bei Kräften. Serraya beschlug den Schimmel neu und kontrollierte die Hufe aller Pferde; zu essen gab es diesmal Konservenfleisch, da niemand etwas gejagt hatte.
    Während Ragan sich um das Feuer kümmerte, streifte Merrow durch die Ruinen.
    „Das war eine verdammt merkwürdige Poststation“, stellte er kopfschüttelnd fest, als er zurück zum Feuer kam. „Anders als jede, die ich je gesehen habe.“
    Auch Ragan hatte sich ein wenig umgesehen und meinte nachdenklich: „Ich glaube, sie stammt noch aus der Zeit vor unserer Zeitrechnung.“
    „Aber dann wäre sie über tausend Jahre alt!“
    Serraya gesellte sich zu ihnen und sagte: „Kommt mit!“
    Sie führte sie zu den Überresten des umgestürzten Mastes. „Seht mal, dieser Mast hat niemals ein Windrad getragen. Dafür sind Überreste von Elektrokabeln daran.“
    Ragan konnte nicht verhindern, dass die Erwähnung von Elektrizität ihn erschauern ließ, die Vorstellung von Winzigkeiten, die durch festes Metall flossen und es zum Glühen bringen konnten ...
    „Aber wieso gibt es hier nirgendwo Kohle, nicht das geringste bisschen Kohlenstaub!“ rief Merrow.
    „Die können doch damals nicht alle nur zu Pferd gereist sein!“
    „Ihre Wagen fuhren mit Lampenöl“, erwiderte Serraya.
    Merrow warf einen Blick auf Ragans Hände und prustete vor Lachen.
    Ragan stimmte in sein Gelächter ein und bestätigte: „Das war aber kein Witz; sie fuhren damals wirklich mit Lampenöl statt Holzkohle – oder zumindest mit etwas Ähnlichem.“
    Sie gingen zum Feuer zurück, während die Sonne unterging und es rasch kalt wurde.
    „Ich frage mich nur, wieso die Sandberger die Station verfallen ließen“, sagte Serraya schließlich.
    „Langsam beginne ich auch an ein Dorf mit nur hundert Einwohnern zu glauben“, erwiderte Ragan schulterzuckend. „Oder wir finden morgen nach ein paar Kilometern eine Station mit allem Komfort, nachdem wir hier in der Wildnis übernachtet haben.“


    Die Straße ins Nichts


    Sie hatten keine Station mit Komfort gefunden. Auch kein Wasser. Und die Stadt war noch immer nicht in Sicht, obwohl es schon wieder Abend wurde und sie gut voran gekommen waren. Immer wieder nahm Ragan das Fernglas zur Hand und suchte den Horizont ab, immer wieder vergeblich. Die Gegend wurde immer wüster; gelegentlich lösten Sanddünen den harten Boden und die Felsen ab, mitunter verschwand die ganze Straße für hundert oder mehr Meter unter dem Sand. Und noch immer waren sie keinem einzigen Menschen begegnet oder hatten auch nur eine Spur entdeckt.
    „Ich verstehe das nicht“, murmelte er kopfschüttelnd. „So schnell, wie wir voran gekommen sind, müssten wir doch die Stadt schon sehen. Und wie kann es sein, dass wir hier über eine Tagesreise kein Wasser bekommen – diese Straße ist ja mörderisch!“
    „Wieviel Wasser haben wir noch?“ fragte Serraya.
    „Einen vollen Kanister und einen halben – dreißig Liter für drei Menschen und sechs Pferde. Also praktisch nichts mehr.“
    Zum Glück hatten sie bereits am gestrigen Abend und dem heutigen Morgen darauf verzichtet, das kostbare Wasser zum Waschen zu verwenden.
    „Verdammt.“
    „Und wenn die Karte nicht mehr stimmt?“ fragte Merrow. „Du sagtest doch, die Karten seien alle sehr alt.“
    „Wie sollte der Standort einer Stadt nicht mehr stimmen können?“ knurrte er. „Sie kann doch nicht davon gelaufen sein! Selbst wenn sie inzwischen verlassen wäre, müsste wir sie immer noch finden!“
    „Und die Straße?“
    „Verdammt, wie sollten sie die denn verlegt haben; du siehst doch, wie alt die ist!“
    Erst als Merrow zurück schnauzte „Hey, ich habe einfach nur gefragt!“, wurde ihm klar, dass er ihn seinerseits angeschnauzt hatte.
    „Entschuldige“, sagte er. „Ich bin müde und gereizt.“
    „Schon gut. Ich auch.“
    „Na los, reiten wir noch ein Stück, bevor wir lagern“, sagte Serraya und trieb ihr Pferd an, das widerwillig schnaubend sein Tempo beschleunigte.
    Eine halbe Stunde später war die Straße zu Ende. Ein felsiger Graben durchschnitt die Ebene, ein ausgetrocknetes Flussbett. Es war gute fünfzig Meter breit, steil und unpassierbar, zumindest für Pferde. Die Trümmer der Brücke, welche ihn einst überspannt hatte, lagen in weitem Umkreis verstreut, als wäre sie gesprengt worden – und zwar vor langer Zeit. Sie saßen ab und starrten in fassungslosem Schweigen auf den Graben.
    „Ich glaube, ich habe den Fehler“, sagte Serraya schließlich, die Karte auseinander faltend. „In unserer Karte war nur eine einzige Straße eingezeichnet; deshalb haben wir die erstbeste für die richtige gehalten.“
    „Aber es gibt hier wirklich nur eine Straße!“ beteuerte Merrow. „Mehr als eine würde doch gar keinen Sinn machen, wenn es nur eine Stadt gibt.“
    „Oh, Scheiße!“ unterbrach ihn Ragan, dann sagte er leise: „Denk daran, wie alt die Straße ist.“
    Serraya antwortete für ihn: „Viel älter als unsere Karte. Und in der alten Zeit gab es überall Straßen in jeder Menge.“
    Jetzt hatte es auch Merrow verstanden. Er vergrub sein Gesicht in den Händen. „Was sind wir nur für Trottel!“
    Ragan beugte sich über die Karte, die Serraya in den Händen hielt. Sie hatten Sandberg verfehlt und waren in eine völlig unbekannte Wüstengegend geritten; in der nirgendwo eine Wasserstelle verzeichnet war. Die nächstgelegene Ansiedlung war Sandberg und der einzig verlässliche Weg dahin bestand darin, dorthin zurückzureiten, wo sie die Straße erreicht hatten, und von da aus weiter nach Süden zu reiten, bis sie auf die richtige Straße stießen.
    „Sobald wir sie erreicht haben, sind wir gerettet!“ versuchte sich Merrow in Optimismus. „Irgendwen treffen wir dort schon, der uns helfen kann, ganz sicher!“
    „Bis dahin sind es drei Tagesritte“, sagte Ragan leise. „Bis zu unserer letzten Wasserstelle auch. Und das Wasser wird heute alle.“
    Serraya tätschelte ihrem Rappen den Hals, der unruhig zuhörte, als verstünde er, worüber sie redeten. „Wir haben nur noch sechs Pferde und es würde mir leid tun – aber wenn es wirklich hart kommt ...“
    Ragan sah kurz zu Boden, dann sagte er : „Aber heute bekommen sie noch einmal alle etwas zu saufen, wenn auch nicht viel. Dann hoffen wir auf ein Wunder.“
    Sie teilten das Wasser unter den Pferden auf und behielten nur einen Rest in einem der Kanister übrig – einen halben Liter vielleicht. Während Merrow sich um das Feuer kümmerte, fasste Serraya Ragan am Arm und zog ihn ein Stück beiseite.
    „Wir haben beide einiges gelernt“, sagte sie. „Ich kann leicht drei Tage ohne Wasser aushalten. Und du?“
    „Ich bin schon lange aus der Übung ...“ Zweifelnd wiegte er den Kopf. „Also gut, ich werde es schaffen.“
    „Dann überlassen wir den letzten halben Liter Merrow.“
    Schweigend kehrten sie zum Feuer zurück.
    People who deny the existence of dragons are often eaten by dragons. From within.
    Ursula K. Le Guin

    FA: https://www.furaffinity.net/user/transcentyger/
    Weasyl: https://www.weasyl.com/~transcentyger

    (Avatar von Zita)

  3. #23
    Registriert seit
    13.08.2012
    Ort
    Bodenseekreis
    Beiträge
    2.137
    Blog-Einträge
    1

    Standard

    Geisterwege


    Ragan hatte sich längst in einen Zustand versetzt, in dem die Welt anders aussah und der feste Boden ein gutes Stück entfernter war. Er spürte, dass sein mechanisch dahin trottendes Pferd jenen Zustand teilte. Sie hatten die Idee erwogen, nachts zu reiten, aber der Ritt durch das Unbekannte in der Dunkelheit erschien ihnen zu gefährlich. Also ritten sie weiterhin unter der sengenden Sonne, die von einem wolkenlosen Himmel brannte, dessen gleichförmiges Blau sich in Grau zu verwandeln schien, so wie die Landschaft ringsum jede Farbe zu verlieren schien, bis nur noch Grautöne übrig blieben. Seine trocken und rissig gewordene Nase schmerzte.
    „Wieso ist die Straße nicht in der Karte eingezeichnet?“ murmelte Merrow mit schwerer Zunge. „Sie ist doch noch da.“
    „Weil sie nirgendwohin mehr führt und nicht mehr benutzt wird“, antwortete Ragan. „Woanders, wo es mehr Regen und Vegetation gibt, und Leute, die den Asphalt abbauen, wäre wahrscheinlich nichts mehr von ihr übrig, aber hier ... hier kennt sie einfach nur keiner mehr.“
    Serrayas Pferd strauchelte. Sie hatten gehofft, dass sie wenigstens alle sechs den ersten Tag überstehen würden. Jetzt, am späten Nachmittag, sah es nicht mehr danach aus. Serraya lag tief über dem Hals ihres Pferdes und war nicht ansprechbar; ganz offensichtlich kostete es sie viel Kraft, das Tier auf den Beinen zu halten.
    „Halt“, sagte sie schließlich und stieg ab.
    Fast im selben Augenblick ging ihr Rappe in die Knie, brach zusammen und lag schließlich schwer atmend am Boden. Sie kniete sich neben ihn und legte ihre linke Hand sanft auf seinen Hals, in der rechten hielt sie ein großes Messer, nach dem sie nicht erst hatte suchen müssen.
    „Holt alles, was ihr an Behältern findet“, sagte sie, ohne aufzuschauen.
    Merrow und Ragan brachten den Kochtopf und die Kanister, wobei Ragan wieder den Wachzustand einnahm, während Merrow sich noch immer wie schlafwandelnd bewegte. Als alles bereit war, führte Serraya einen schnellen Schlag mit dem metallenen Messergriff, durch den das Pferd das Bewusstsein verlor, dann stieß sie ihm die Klinge ins Herz. Sie fingen das Blut im Kochtopf auf und füllten es in die Kanister.
    „Was wollen wir eigentlich mit all dem Blut?“ fragte Ragan. „Das kann man nicht aufbewahren und die anderen Pferde werden es kaum saufen wollen.“
    Statt Serraya antwortete Merrow, noch immer wie ein Betrunkener redend: „Das meiste davon ist Wasser. Wir brauchen ein Feuer.“
    Ragan war unsicher, ob er wusste, was er redete und reichte ihm den Topf, aus dem er selbst gerade ausgiebig getrunken hatte: „Hier, trink erst einmal.“
    Das dickflüssige warme Pferdeblut hatte einen ungesunden Geschmack, aber der Durst fragte nicht nach solchen Feinheiten.
    Während Merrow in großen Schlucken trank, sagte Serraya: „Na los, suchen wir Gestrüpp für ein Feuer. Ich weiß zwar nicht, wie er das anstellen will, aber wenn er es wirklich schafft ...“
    Allmählich begriff Ragan, und eine Stunde später hatte Merrow tatsächlich aus dem Kochtopf, einem Wasserkanister, einer leeren Konservendose, der leeren Lampenölflasche, Draht und einem Stück Zeltplane einen Destillationsapparat gebaut, der über dem Feuer vor sich hin brodelte. Es stank entsetzlich, und eine ganze Menge des wertvollen Wasserdampfs entwich, aber mit allmählichem Tröpfeln füllte sich ein Kanister. Schließlich konnten sie ihn sogar gegen einen zweiten austauschen; die Kälte der hereinbrechenden Wüstennacht half bei der Destillation. Merrow war wieder vollkommen auf der Höhe, nachdem er genügend getrunken hatte und schwankte zwischen Trauer über den Verlust eines weiteren Pferdes und Stolz auf seine Konstruktion.
    „Ob wir den Topf je wieder sauber kriegen, weiß ich allerdings nicht“, meinte er mit einem entschuldigenden Lächeln.
    Sie arbeiteten die ganze Nacht durch und schafften es, noch weitere Kanister mit Wasser zu füllen. Es schmeckte furchtbar und nach dem Rauch des Feuers, doch die verbliebenen fünf Pferde tranken es widerwillig.
    Als die Morgensonne wieder über den Horizont stieg, machte sich Serraya daran, die Pferde zu beladen und eines der Packpferde, einen Schimmel diesmal, zu satteln.
    „Und wann schlafen wir?“ fragte Merrow mit einem ausgiebigen Gähnen.
    „Gar nicht“, erwiderte Ragan und fasste ihn am Arm. „Na los, komm!“
    Noch im Laufe des Morgens passierten sie die Station, an der sie auf dem Hinweg übernachtet hatten. Den einen Tag, den sie bis zum Verlassen der Straße noch brauchten, würden die Pferde hoffentlich durchhalten, dachte Ragan; von da aus war es jedoch ein weiterer Tag bis zur letzten Wasserstelle – falls sie die überhaupt wieder fanden. Es war zum Heulen – schon bei ihrer ersten Expedition hatte er den Verlust von drei Pferden bedauert, aber diesmal würde es wohl noch schlimmer werden.
    Ein Tag verging, an dem die Zeit sich Kapriolen leistete, ein einziger Moment und gleichzeitig eine Ewigkeit zu sein schien, die Götter zum Greifen nahe waren und die flirrende Hitze fantastische Bilder über dem rissigen Wüstenboden aufsteigen ließ.
    „Finden wir die Stelle überhaupt wieder, wo wir auf die Straße gestoßen sind?“ krächzte Merrow.
    Serraya erwiderte irgendetwas Unbestimmtes und Ragan hoffte im Stillen, dass er die eigene Spur schon irgendwie würde erspüren können. Die Sonne hatte den Zenit überschritten und sie waren seit dem frühen Morgen unterwegs, allerdings deutlich langsamer als auf dem Hinweg. Trotzdem konnte es nicht mehr allzu weit sein.
    Eine Nacht ohne Schlaf, ein Tag ohne Wasser und die ständige Hitze der brennenden Sonne veränderten die Wirklichkeit. Geisterhafte Wagen von niedriger, gedrungener Form schienen die Straße entlangzuhuschen, viel zu schnell; in der Wüste leuchtete etwas, grüne Bäume waren da, unter denen ein Planwagen stand, vor den zwei Esel gespannt waren. Ragan strich sich mit der Hand über die Stirn und blinzelte die Erscheinungen weg, die huschenden Wagen und die grünen Bäume, bis nur das Band der Straße, trockener Wüstenboden, Felsen und der Planwagen übrig blieben. Er schloss die Augen, öffnete sie wieder und sah im Vorüberreiten noch einmal hinüber. Der Planwagen mit den beiden Eseln war immer noch da.
    „Hey“, sagte Serraya mit rauer Stimme. „Sehr ihr den Wagen auch?“
    Ragan nickte. „Ein Wagen mit zwei Eseln.“
    Merrow entdeckte ihn jetzt ebenfalls. Sie hielten die Pferde an und starrten ungläubig hinüber in die Wüste, erwartend, dass der Wagen sich in Nichts auflösen würde. Ragan nahm das Fernglas aus der Satteltasche. Der Wagen war tatsächlich da, ein kleiner einachsiger Planwagen mit zwei großen schwarzen Eseln, die gelassen trockenes Gestrüpp aus dem kahlen Wüstenboden rupften. Jemand kam auf den Wagen zu, eine Gestalt mit einem riesigen Hut auf dem Kopf.
    „Da ist wirklich jemand“, stellte er erstaunt fest und begriff nur allmählich, was das bedeutete. Derjenige würde Wasser für seine Esel dabei haben und konnte noch mehr Wasser holen.
    „Wir sind gerettet!“ schrie er in einem plötzlichen Ausbruch von Freude. Auch die Pferde schienen zu verstehen, dass das die Rettung war; freudig liefen sie auf den mitten in der Wüste stehenden Wagen zu.
    Die Gestalt mit dem monströsen Hut wandte sich zu ihnen um; es war eine alterslose, magere Frau von fuchsähnlichem Typ, die blinkende Schmuckstücke in ihr langes Kopfhaar und Fell geknüpft trug und deren Kleidung aus bunten Tüchern und Schärpen bestand. Sie schien nicht im mindesten erstaunt, sondern begann mit ihnen zu reden, als betreibe sie hier einen Marktstand, an dem täglich Hunderte vorüber kamen.
    „Oh, seid gegrüßt, ihr Reiter; was für schöne junge Leute ihr seid! Und gleich mit einem ganzen Tross unterwegs! Rjasin freut sich immer über Besuch – wie gut, dass ihr an mich gedacht habt. Aber wieso seht ihr so erschöpft aus, als gehörtet ihr gar nicht hierher?“
    Ragan war nicht enttäuscht – von jemandem, der sich allein hier draußen herum trieb und einen Hut trug, der eine Kreuzung aus einem Sonnenschirm und einem Dampferschlot zu sein schien, konnte man keine geistige Klarheit erwarten. Aber sie hatte ein kleines Fass auf dem Wagen.
    „Wir brauchen Wasser“, sagte er mit rauer Stimme.
    „Wasser?“ Die Frau blickte erstaunt drein, kam heran und griff nach dem Maul des Pferdes, zuckte zusammen bei der Berührung, fasste nach Ragans Bein, berührte dann Merrow und sein Pferd und schließlich Serraya.
    „Meine Güte!“ rief sie schließlich erschrocken. „Ihr seid ja gar keine Geister! Wie kommt ihr denn hierher?“
    Das „ihr“ und das „hierher“ klangen grotesk überbetont. Eilig lief die Frau zu ihrem Wagen und griff nach einem Eimer. Die Pferde waren nicht zu halten, als sie den Eimer aus ihrem kleinen Wasserfass füllte. Während sie die gierig saufenden Tiere tränkte und die drei Reiter abstiegen, redete die Frau in einem fort: „So viele Geister besuchen mich hier, dass ich schon gar kein festes Wesen mehr erkenne. Ich bin viel hier draußen, hier wachsen die Kräuter, ja wirklich, hier wächst etwas, man muss nur wissen, wo. Und Steine gibt es, Heilsteine und Edelsteine, wertvolle Steine. Manche muss man zerreiben. Aber ich habe mich noch gar nicht vorgestellt – ich bin Rjasin. In Sandberg kennt mich jeder.“
    Rjasin füllte den Eimer immer wieder auf, die Pferde soffen und schließlich bekam auch Merrow Wasser; den letzten Rest aus dem Fass teilten sich Serraya und Ragan.
    Die Frau war eine Art Heilerin, Zauberin, Seherin und was auch immer sonst noch, und offenbar stets in der Wüste unterwegs mit ihren beiden Eseln, die Sonne und Mond hießen. Während sie ihnen das alles erzählte, wandte sie ihnen nur einen Teil ihrer Aufmerksamkeit zu und redete hauptsächlich durch sie hindurch oder an ihnen vorbei in die Wüste hinein – zu einer großen Zahl von Geistern vermutlich. Erst als Ragan sich zu fragen begann, ob es ihr denn völlig egal war, wer ihre Besucher waren, die soeben ihren gesamten Wasservorrat ausgetrunken hatten, fragte sie endlich danach. Nachdem sie sich vorgestellt hatten, erklärte Rjasin, dass sie sie nun zur nächsten Wasserstelle an der Straße nach Sandberg führen würde und sie ihr unterwegs alles erzählen könnten. Dann redete sie weiter über ihre zahlreichen Begegnungen mit Geistern in der Wüste.


    Willkommen in Sandberg


    „Diese seltsame Frau war unsere Rettung“, sagte Merrow. „Oder zumindest die unserer Pferde.“
    Nach einem Tag Pause in einer halbwegs komfortablen Poststation erfrischt und ausgeruht ritten sie auf die hell in der Nachmittagssonne strahlenden Gebäude von Sandberg zu, das erheblich größer war als sie erwartet hatten. Windräder aller Arten und Größen drehten sich über den Dächern.
    Ragan schmunzelte und musste an den Mann in Tempelstadt denken. „Vielleicht ziehen wir Leute dieser Art an. Und sie sind alle irgendwie von Fuchstyp – der Heilige, Rjasin, und nicht zu vergessen dein Onkel ...“
    Merrow lachte bei dessen Erwähnung: „Mit einem Geist hat mich Onkel Jark noch nie verwechselt!“
    Während sie in die Stadt hinein ritten, versuchte sich Ragan anhand dessen zu orientieren, was er aus dem pausenlosen Redeschwall der Heilerin erfahren hatte, die in die Wüste zurückgekehrt war, um Kräuter, Steine und Geister zu suchen. Straßen normaler Breite gab es hier nicht, nur sehr breite Alleen, die von Palmen und Kakteen gesäumt waren, und schmale Gassen, durch die kaum ein Wagen passte; die meisten Leute waren zu Fuß unterwegs, einige zu Pferd, Maultier oder Esel, Dampfverkehr schien es gar nicht zu geben.
    „Ich vermisse Kamele“, sagte Serraya.
    „Wieso?“ fragte Merrow.
    „Das sind die traditionellen Wüstentiere, weil sie lange Zeit ohne Wasser auskommen, und das hier ist nun mal eine Wüstenstadt.“
    Die Straße führte zu einer Art Marktplatz mit ein paar schläfrigen Händlern, die in der Mittagshitze an ihren Verkaufsständen dösten, von Baldachinen und Sonnenschirmen beschattet. Hier und da musizierten Straßenmusikanten auf komplizierten Instrumenten mit vielen Saiten und Glöckchen. Ihre Musik klang so kompliziert wie die Instrumente aussahen und war ein Kontrast zu den lärmenden Dampforgeln von Eisenfeld mit ihren einfachen Melodien. Irgendwie schien hier alles komplizierter zu sein als anderswo – die Mauern und Häuser mit ihren zahlreichen Ornamenten und schmückenden Figuren, die Kleidung der Leute, die Wagen und die Geschirre der Pferde. Überall waren Schnörkel, Farbtupfer, blinkendes Metall und bunt blitzendes Glas zu sehen.
    Merrow riss ihn aus seinen Gedanken, indem er auf ein zweistöckiges, von prächtigen Kakteen umstandenes Haus wies. „Dort drüben ist die Herberge, von der Rjasin gesprochen hat.“
    Sie mieteten sich und die Pferde dort ein und ließen sich in der Gaststube ein gutes Essen kommen, eine gemischte Fleischplatte, von der der Wirt stolz versicherte, es sei Fleisch von fast allem, was vier Beine habe, dazu eine große Schale Obst.
    „Seht euch nur an, wie selbst die Tische und Stühle verschnörkelt sind“, meinte Merrow kauend.
    Es war angenehm kühl im Halbdunkel der Gaststube.
    Ragan sprach einen Mann am Nebentisch an, einen korpulenten Caniden: „Kennst du dich aus in der Stadt?“
    „Nein.“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht von hier, komme nur einmal im Jahr her. Seid ihr auch Kaufleute?“
    „Nein, wir sind ...“ Ragan musste erst nachdenken, dann sagte er: „Wir sind Forschungsreisende.“
    „Forschungsreisende ...“ Der Mann wiegte nachdenklich seinen massigen braun bepelzten Kopf und schien damit nichts anfangen zu können. „Also, wenn ihr Einheimische sucht, die euch Auskunft geben können, die werdet ihr hier drin kaum finden.“
    „Was redest du da?“ mischte sich eine ältere Frau von Bärentyp mit grauem Fell von einem anderen Tisch her ein.
    „Du bist ja keine Einheimische, Menga“, erwiderte der Mann.
    „Natürlich bin ich das!“ widersprach sie und setzte sich zu ihnen an den Tisch. „Ich lebe zwar erst seit zwei Jahren hier, aber jetzt bin ich hier zu Hause. Ich komme aus den Bergen, wo es kalt ist, wisst ihr, und das war schlecht für meine Gesundheit. Die Trockenheit und Hitze hier ist gut für mich.“
    Sie stellten sich ihrerseits vor und erklärten, dass sie auf der Suche nach jemandem waren, der sich in der Wüste auskannte, wusste, wo es Wasserstellen gab und sie führen könnte.
    So zu Hause, wie sie glaubte, schien Menga hier doch noch nicht zu sein, denn sie sagte mit ratlosem Blick, es gäbe niemanden, der die Wüste kannte. Angeblich ging niemand in die Wüste und Wasserstellen gäbe es überhaupt keine. Nach einigem Überlegen beschrieb sie ihnen den Weg zum Haus eines Mannes namens Ruaff und setzte hinzu: „Wenn euch überhaupt jemand helfen kann, dann er. Er ist ein netter junger Mann, aber ein bisschen sonderbar.“
    Ragan konnte sich nicht verkneifen zu fragen: „Und von Fuchstyp?“
    „Nein, überhaupt nicht, wie kommst du darauf?“
    People who deny the existence of dragons are often eaten by dragons. From within.
    Ursula K. Le Guin

    FA: https://www.furaffinity.net/user/transcentyger/
    Weasyl: https://www.weasyl.com/~transcentyger

    (Avatar von Zita)

  4. #24
    Registriert seit
    13.08.2012
    Ort
    Bodenseekreis
    Beiträge
    2.137
    Blog-Einträge
    1

    Standard

    Ruaff, der Erfinder


    Ruaffs Haus befand sich am Stadtrand, beinahe außerhalb, inmitten eines Palmen- und Obstgartens, ein freundliches kleines Haus mit einem Obergeschoss und vielen ringsum verstreuten Nebenbauten, hell wie alle anderen in Sandberg, mit der Besonderheit, dass rings um das Haus, im Garten und beiderseits des Weges allerlei metallenes und hölzernes Gerümpel verstreut lag.
    „Die Frau sagte, Ruaff sei etwas sonderbar“, meinte Serraya grinsend. „Mal sehen, ob sie übertrieben hat.“
    Sie betätigte den Zug der Türglocke, worauf ein kompliziertes Glockenspiel im Innern des Hauses eine Melodie spielte. Kurz darauf wurde die Tür von einem sehr schlanken, zierlich gebauten Mann geöffnet, der etwa in Ragans Alter war. Er war feliden Typs und hatte matt glänzendes Fell von hellem Rotbraun. Ganz offensichtlich freute er sich, Besuch zu bekommen und stellte sich als Ruaff K Eisenbauer vor.
    Während Ragan, Merrow und Serraya sich ihrerseits vorstellten, überlegte Ragan, was das K bedeuten mochte und fragte schließlich danach.
    Der Mann lachte schüchtern, als sei Ragan auf einen Spaß von ihm hereingefallen, und erklärte: „K steht für Karakal. Das ist ein sehr seltener Typ, ich weiß.“
    Er bat sie nicht ins Haus, sondern in den Garten, und bot ihnen heißen Kaffee an.
    Merrow räusperte sich mit einem Blick auf den in der Sonne blitzenden Kaffeekocher: „Ähm, bei der Hitze ...“
    „Ist das genau das Richtige“, erklärte Ruaff und schenkte ihnen kleine bunte Keramikbecher voll.
    „Weshalb wir hier sind“, setzte Ragan an. „Wir wollen in die Wüste. Ziemlich weit sogar.“
    Ruaff sah ihn erstaunt an. „Da braucht ihr Kamele.“
    „Und woher kriegen wir die?“
    „Ich weiß nicht, hier gibt es schon lange keine mehr.“
    „Wieso nicht?“
    „Sie sind alle gestorben, an der Kamelpest, vor über hundert Jahren schon.“
    „Hat denn seitdem niemand versucht, neue herzubringen?“
    „Doch, vor etwa fünfzig Jahren. Einen Hengst und zwei Stuten.“
    „Ja, und?“
    „Die eine Stute war unfruchtbar, die andere starb, als sie ein Fohlen bekam.“
    „Und das Fohlen?“
    „War ein Hengst.“
    „Was für eine traurige Geschichte“, konstatierte Serraya spöttisch. „Nun wird hier nie mehr jemand Kamele zu züchten versuchen.“
    „Nein.“ Ruaff schüttelte traurig den Kopf.
    „Und wie kommt ihr jetzt in die Wüste?“ fragte Merrow.
    „Gar nicht. Niemand will mehr in die Wüste.“ Ruaff nahm einen Schluck von seinem Kaffee, dann fügte er hinzu: „Vielleicht bemüht sich deshalb niemand mehr um Kamele.“
    „Aber wieso hat man uns zu dir geschickt?“ fragte Ragan. „Du musst doch irgendeine Möglichkeit kennen, durch die Wüste zu reisen!“
    Ruaff sah ihn verblüfft an und leckte sich nachdenklich die Lefzen, dann schien ihm eine Idee zu kommen und er begann zu strahlen.
    „Die Sonnenwagen!“ rief er. „Ja, natürlich! Endlich braucht jemand die Sonnenwagen!“
    Plötzlich aufgeregt stellte er seinen Kaffeebecher auf den Gartentisch, stürmte davon und bedeutete ihnen zu folgen. Er führte sie in einen Anbau mit großen schmutzigen Fenstern, der Garage und Werkstatt zu sein schien. Zwischen allerlei Werkzeugen und Einzelteilen standen darin zwei enorm große, aber fragil aussehende Fahrzeuge auf je sechs mannshohen Rädern aus Eisen und Drahtgeflecht, die irgendwie missgestaltet aussahen. Rohrleitungen und Gestänge durchdrangen die Karossen, aber wie Dampfwagen sahen sie dennoch nicht aus. Allerlei runde Spiegel und Glasteile ragten an zerbrechlich erscheinenden Hebelwerken in die Höhe wie die Extremitäten skurriler Fantasieinsekten; Ragan warf Merrow einen hilfesuchenden Blick zu, doch der schaute ebenso ratlos drein wie er selbst.
    Ruaff sah ihnen mit leuchtenden Augen und geradezu kindlicher Freude entgegen und schien so etwas wie Beifall zu erwarten.
    „Ähm – was ist das?“ fragte Merrow. „Also, ich meine, wie Dampfwagen sehen die nicht aus.“
    „Es sind aber welche!“ Begeistert stieg Ruaff auf einen der Wagen hinauf. „Dampfwagen, die keine Feuerung brauchen; sie fahren mit der Hitze der Sonne! Dafür sind all die Linsen und Spiegel da!“ Er sprang auf dem Wagen hin und her und zeigte auf die einzelnen Teile. „Der Dampf entweicht nicht, sondern bleibt in einem geschlossenen System. Also brauchen die Wagen weder Holz oder Kohle noch Wasser und wir können so weit durch die Wüste fahren, wie wir wollen!“
    „Nur mit der Sonnenhitze?“ fragte Merrow skeptisch. „Und wie schnell fahren sie?“
    „Natürlich, wir sind schließlich in der Wüste! Sie fahren glatt hundert Kilometer!“
    Ragan stellte sich vor, wie die unförmigen Vehikel spätestens bei fünfzig Stundenkilometern in sämtliche Einzelteile zerfallen würden und verkniff sich ein Lachen. Merrow räusperte sich und raunte ihm zu: „Selbst wenn sie nur ein Viertel so schnell sind, kommen wir damit schneller voran als zu Pferd.“
    Serraya fragte: „Du sagtest, dass WIR in die Wüste fahren?“
    „Natürlich“, meinte Ruaff ganz selbstverständlich, wieder auf den Boden herab springend. „Die Sonnenwagen brauchen Wartung. Ich kann sie euch ja nicht allein überlassen, ihr versteht nichts davon.“


    Langsam, aber sicher


    Sie hatten sich einen Tag Zeit genommen, um sich die Stadt anzusehen, Wasserfässer und Proviant zu kaufen und die Pferde gut unterzubringen. Jetzt standen sie neben den beiden schwer beladenen Sonnenwagen, die Ruaff irgendwie ganz allein ins Freie bugsiert hatte. Der zierlich gebaute Mann schien stärker zu sein als man ihm zutraute. Allerdings auch übervorsichtig, denn er hatte darauf bestanden, tausend Liter Wasser mitzunehmen und eine Unmenge von Lebensmittelvorräten.
    „Wir können starten!“ rief Merrow fröhlich und sprang auf einen der Wagen.
    „Nein“, erwiderte Ruaff. „Noch nicht. Es dauert eine Weile, bis wir genügend Dampfdruck haben. Kommt, ich zeige euch, wie man die Sonnenstrahlen fokussiert.“
    Es stellte sich heraus, dass ein solcher Wagen eine zweiköpfige Besatzung brauchte – einen, der steuerte und einen, der die zahlreichen Spiegel und Linsen unentwegt nachstellen musste, um sie auf die Sonne auszurichten. Nach der mehr als halbstündigen Erklärung klagte Ruaff, dass niemand bisher die Vorteile dieser wundervollen Fahrzeuge erkannt habe; nur er allein unternahm gelegentlich Probefahrten damit.
    Als seine Taschenuhr halb elf anzeigte, fragte Ragan: „Wie sieht es aus, haben wir endlich genügend Dampf?“
    Ruaff sah auf ein paar schnörkelige Messuhren und erwiderte: „Einen Augenblick noch. Bald können wir abfahren.“
    Während sich Merrow für die Wagen interessierte und eine Fachsimpelei mit Ruaff begann, wandte sich Serraya an Ragan: „Wohin eigentlich? Wie weit wir den alten Karten trauen können, haben wir gesehen.“
    „Wir haben einen Kompass und einen Sextanten dabei.“
    „Einen Sextanten? Mit so etwas kannst du umgehen?“
    „Ich habe es mir zeigen lassen; es ist nicht allzu kompliziert.“ Er räusperte sich und fügte hinzu: „Und zur Sicherheit habe ich einen Anleitungstext mitgenommen.“
    „Wir können starten!“ rief Ruaff vom offenen, von einer Plane beschatteten Führerstand eines der Wagen herab.
    Sie stiegen auf; Serraya fuhr mit Ruaff und Ragan zusammen mit Merrow auf den anderen Wagen, wo er das Steuer und Merrow die Linsen und Spiegel übernahm wie Ruaff es ihnen erklärt hatte. Sie lösten die Bremsen und öffneten die Ventile, worauf die beiden Vehikel sich sehr gemächlich in Bewegung setzten. Das typische Schnaufen und Zischen von Dampfmaschinen war nicht zu hören, dafür klapperten und schepperten die Gefährte umso lauter. Die großen Räder zu lenken war anstrengend und Ragan war froh, als sie die Vorstadt hinter sich ließen und sich auf die offene Wüste zu bewegten, Scharen von Ziegen vertreibend, die dürre Halme aus dem harten Boden zupften. Ruaff, der vor ihm fuhr, fühlte sich offenbar nicht sicherer als er selbst, denn er fuhr noch immer in einem Tempo, bei dem man während der Fahrt hätte Blumen pflücken können.
    „Jetzt können wir!“ brüllte Ragan ihm durch das Klappern und Quietschen hindurch zu.
    „Jetzt können wir was?“ schrie Ruaff zurück.
    Na, was wohl, dachte Ragan und drehte die Ventile bis zum Anschlag auf. Der rumpelnde Wagen beschleunigte kaum merklich und erreichte eine Geschwindigkeit, bei der das Blumen pflücken vielleicht schon ein wenig Mühe gemacht hätte, ganz allmählich schob er sich neben Ruaffs Wagen, dann sank der Dampfdruck und er fiel wieder hinter diesen zurück.
    Ruaff verlangsamte und rief: „Was ist los?“
    „Ich wollte schneller fahren, aber es geht nicht!“
    „Nein!“ rief Ruaff zurück. „Das geht nicht.“
    Ragan wechselte einen verblüfften Blick mit Merrow, der fragte: „Meint er damit etwa, die Dinger können gar nicht schneller?“
    Ragan schrie zu dem gemächlich neben ihnen her polternden Wagen hinüber: „Du sagtest, die fahren hundert Stundenkilometer!“
    Jetzt brach Ruaff in schallendes Gelächter aus; er bog sich vor Lachen und brauchte eine Weile, bis er wieder reden konnte, dann brachte er endlich heraus: „Hundert Kilometer in der Stunde, da würden sie ja auseinanderfallen – was denkt ihr euch nur! Hundert Kilometer am Tag natürlich!“
    Serraya starrte ihn an, Merrow schlug sich stöhnend die Hand vor die Augen und Ragan suchte nach Worten. Er hielt den Wagen an, Ruaff den seinen ebenfalls; sie stiegen ab und Merrow schlug vor, umzukehren und doch die Pferde zu nehmen.
    Der beleidigt dreinschauende Ruaff rechnete ihnen überzeugend vor, dass sie auch zu Pferd zu lange unterwegs wären, als dass die Pferde das Wasser schleppen könnten, das sie selbst brauchten – zumindest würde es gefährlich knapp werden. Mit seinen Sonnenwagen dagegen käme man zwar langsam, aber dafür sicher hin und wieder zurück. Wenn es in dieser Wüste tatsächlich keine bekannten Wasserstellen gab, wie er behauptete, hatte er recht.
    Seufzend stiegen sie wieder auf und machten sich auf den voraussichtlich längsten Teil ihrer Reise.
    People who deny the existence of dragons are often eaten by dragons. From within.
    Ursula K. Le Guin

    FA: https://www.furaffinity.net/user/transcentyger/
    Weasyl: https://www.weasyl.com/~transcentyger

    (Avatar von Zita)

  5. #25
    Registriert seit
    13.08.2012
    Ort
    Bodenseekreis
    Beiträge
    2.137
    Blog-Einträge
    1

    Standard

    Tage des Kennenlernens


    Zum Abendessen gab es Dosenfleisch und Brot im blutroten Schein der untergehenden Sonne. Ragan spürte jeden einzelnen Muskel. Trotz der lächerlichen Geschwindigkeit kostete es Kraft, den schweren Wagen den ganzen Tag über zu steuern; das Bedienen der Spiegel und Linsen mittels allerlei Handrädern und Hebeln war auch nicht viel leichter, wovon er sich überzeugen konnte, als er sich mit Merrow abwechselte. Immerhin hatten sie sich mit dem störrischen Vehikel vertraut gemacht und wussten jetzt damit umzugehen.
    „Zu Fuß gehen wäre weniger anstrengend gewesen“, sagte Serraya, während sie sich auf die Decke fallen ließ, die sie auf dem rissigen Boden ausgebreitet hatten. „Schon gut, ich weiß, wir hätten nicht soviel tragen können.“
    In der schnell hereinbrechenden Kälte des Abends setzten sie sich dicht um das Feuer, während Ruaff bereitwillig seine ganze Lebensgeschichte erzählte. Er schien nicht viel Umgang mit anderen Menschen zu haben und war ganz offensicht begeistert, an dieser Expedition teilnehmen zu können, obwohl sie ihm bisher kaum gesagt hatten, worum es eigentlich ging.
    Ruaff stammte aus einer Familie von Mechanikern und Erfindern; seine Großeltern hatten die Sonnenwagen erfunden und gebaut. Als Ruaff erwachsen wurde, fanden seine Eltern, dass Sandberg ein zu karger Boden für eine Mechaniker- und Maschinenbauerfamilie sei und beschlossen wegzuziehen, wollten erst nach Eisenfeld und dann gleich nach Übersee. Ruaff wollte nicht mit; er brachte es nicht übers Herz, das Haus mit der großen Werkstatt aufzugeben. Ganz besonders nicht die beiden Sonnenwagen, in die er sich schon als Kind verliebt hatte und die außer ihm niemand haben wollte. Er entdeckte, dass ein Mechaniker in Sandberg durchaus ein gutes Auskommen haben konnte, wenn er sich nicht nur darauf beschränkte, Schreib- und Rechenmaschinen zu reparieren – er musste nur die richtigen Dinge erfinden und bauen, für die sich die Leute hier begeistern konnten. Mechanische Hunde etwa, die laufen und sogar bellen konnten oder metallene Vögel, die pfiffen und mit den Flügeln schlugen. Schon bald lebte er sehr gut davon, allerlei Uhrwerke und komplizierte mechanische Spielzeuge zu bauen, die auch Händler von auswärts gern kauften.
    „Wir haben nur achzig Kilometer geschafft“, sagte Ragan schließlich, um seinen Redeschwall zu bremsen. „Keine hundert – den Anzeigen nach jedenfalls.“
    „Die hundert Kilometer waren rein rechnerisch“, erwiderte Ruaff mit entschuldigendem Blick. „Ich bin ja noch nie so weit damit gefahren.“
    Merrow verschluckte sich und Ragan verschüttete seinen Tee.
    „Wie bitte?“
    Ruaff zuckte verlegen mit den Schultern. „Ja, was soll ich denn in der Wüste? Ich fahre manchmal ein Stück damit, rings um die Stadt oder so, aber wenn man zu den nächsten Dörfern reisen will, auf der Straße entlang, da fährt ein Pferdeomnibus.“
    „Wir haben fast tausend Kilometer vor uns!“ rief Ragan fassungslos. „Und dieselbe Strecke wieder zurück! Und du bist mit so einem Ding noch nicht einmal achzig ...“
    Serrayas Gelächter unterbrach ihn. „Soviel also zur sichersten Art, die Wüste zu bereisen. Ein Glück, dass du soviel Werkzeug dabei hast!“
    Sie bauten das Zelt auf, in dem sie drei schliefen, denn in der Kühle der Wüstennacht wäre eine Übernachtung im Freien zu unangenehm. Ruaff, dem sie ein eigenes Zelt anboten, wollte lieber in seinem Fahrzeug übernachten, denn auf jedem der Wagen gab es eine kleine Kabine. Vor dem Schlafengehen holte Ragan den Sextanten und die Anleitung hervor, um ihre Position zu bestimmen, obwohl das in solcher Nähe der Stadt noch nicht wirklich nötig war. Während er im Licht einer kleinen Laterne auf das Instrument und die Anleitung sah, dabei unschlüssig zum Sternenhimmel hinauf schauend, kam Ruaff heran.
    „Du hast damit nicht viel Erfahrung, stimmts?“ fragte er.
    „Ehrlich gesagt, überhaupt keine.“
    „Das ist ganz einfach, gib mal her.“
    Er nahm Ragan das Instrument aus der Hand, und während er abwechselnd Sterne anpeilte und Zahlen notierte, erzählte er, dass er selbst Sextanten baue, die viel komfortabler und genauer als dieser seien und begann aufzuzählen, welche Verbesserungen dafür er selbst erfunden hatte, dann hatte er ihre Position bestimmt. Ragan war beeindruckt und nahm ihm das Versprechen ab, ihm die Positionsbestimmung richtig beizubringen.


    Die Wüste und die Vergangenheit


    Die Wüste war nicht so eben, wie es aus der Ferne den Anschein hatte. In der antiken Zeit hatte hier das pralle Leben geherrscht; angeblich war die gesamte Wüste so etwas wie ein gigantisches Stadtgebiet gewesen. So unglaublich das schien, sprach das Aussehen der Landschaft tatsächlich für diese Überlieferung. Überall ragten Überreste von Ruinen auf, manchmal bis in Höhen von mehr als zehn Metern, und die mit vertrockneten Kräutern und dürrem Gesträuch bewachsenen Hügel waren unschwer als Schutthaufen zu erkennen. Davon abgesehen war deutlich zu spüren, dass die Wüste von zahlreichen Geistern bevölkert waren, die Nachts im Traum, aber auch in der mittäglichen Hitze während der eintönigen, anstrengenden Fahrt, Gestalt annahmen. Hier und da mussten sie tiefe Täler und Schluchten umfahren, Einbrüche unterirdischer Bauten ähnlich der Eisenfelder Klüftung, nur kleiner. Eines Abends redeten sie darüber, dass es sicherlich noch Hohlräume gab, die bisher nicht eingestürzt waren und die schweren Wagen jederzeit irgendwo einbrechen konnten, sehr tief vielleicht. Während Merrow darüber sichtlich erschrak, nickte Ruaff mit gelassenem Lächeln und meinte, dass diese Gefahr immer da sei, man aber nichts dagegen tun könne, also würde es nichts bringen, sich Gedanken darüber zu machen. Ragan begann den zierlichen jungen Mann zu bewundern, der so gern redete, sobald er ein Stichwort bekam, aber sonst nichts zu sagen wusste, der Schnörkel und Feinheiten aller Art liebte und nicht nur körperlich wesentlich stärker war als er erschien.
    Als sie sich endlich ihrem Ziel näherten, hatte er von ihm den Umgang mit dem Sextanten so gut gelernt, dass er beinahe ebenso routiniert damit umgehen konnte. Die beiden Sonnenwagen hatten die ganze Fahrt wider Erwarten ohne größere Probleme durchgehalten.
    Auf Serrayas Frage hin erzählte Ruaff, dass es früher durchaus Leute gegeben hatte, die in die Wüste gingen und die Ruinen durchstöberten. Sie hatten davon gelebt, zu sammeln oder abzubauen, was sie fanden: Baumaterialien wie Steine und Asphalt, Metalle und seltene Artefakte. Sie waren wohl die hiesige Version der Eisenfelder Metallgräber gewesen und man hatte sie „die Sammler“ genannt. Ihre Geschäfte waren gut gegangen, solange es in Sandberg Kamele gegeben hatte. Nachdem die Kamelpest vor über einhundert Jahren kein einziges der Tiere übrig gelassen hatte, waren sie mit Pferden und Dampfwagen in die Wüste gezogen, aber mit beiden nicht mehr weit genug gekommen, weil beide zuviel Wasser brauchten. Selbst nachdem Ruaffs Familie Dampfwagen mit geschlossenem Wasserkreislauf erfunden hatte, war das Brennholz dafür immer noch zu teuer gewesen in dieser Gegend, wo nicht viel mehr wuchs als dürres Gestrüpp, welches als Brennstoff nicht viel taugte. Ruaffs Großvater hatte deshalb schließlich die beiden Sonnenwagen gebaut, doch zu dieser Zeit hatten die Sammler ihre Tradition schon aufgegeben, und die letzten von ihnen hatten sich lieber zur Ruhe gesetzt oder waren ausgewandert als den seltsamen Vehikeln der Eisenbauers zu vertrauen. Gelegentlich versuchten sich seitdem noch abenteuerlustige Jugendliche halbherzig als Sammler, aber sie wagten sich nicht weit genug in die Wüste und in der Nähe der Stadt war schon seit Jahrhunderten alles gründlich abgegrast; außerdem hätten sie ohne das Wissen der alten Sammlertradition selbst dort kaum etwas gefunden, wo tatsächlich noch etwas zu finden war.
    Es war früher Nachmittag, als Ruaff nach einem Blick auf die Karte seinen Wagen zum Stehen brachte. Merrow, der am Steuer von Ragans Wagen saß, hielt neben ihm. Am vorherigen Abend hatten sie festgestellt, dass nur noch wenige Kilometer zu fahren waren.
    „Da wären wir also“, stellte Serraya mit einem Rundumblick über die Wüste fest.
    Das unter der flirrenden Hitze wabernde und flimmernde Bild war das übliche: Überreste von Ruinen, zerbröckelte Asphaltschichten am Boden, hier und da aufblitzende Glasscherben, Schutthügel und dürres Gestrüpp.
    „Und nun?“ fragte Merrow, vom Führerstand herab springend.
    Ruaff sprang ebenfalls leichtfüßig zu Boden und meinte: „In Sandberg lebt noch ein alter Sammler. Er muss schon über achzig sein, aber er könnte uns hier sicherlich helfen.“
    „Aber leider ist er nicht hier.“
    Alle sahen Ragan an, der nicht weniger ratlos war.
    „Wir machen es genauso wie auf der Insel“, schlug er vor. „Wir laufen die Gegend ab, sehen uns um und spüren hinein“, schlug er vor. „Was könnten wir sonst tun?“
    „Erst einmal Pause machen vielleicht?“ meinte Merrow und ließ sich mit einer Blechflasche voll Wasser im Schatten der Wagen nieder.
    Ruaff machte sich daran, auf dem Erhitzer seines Wagens mit einem speziellen Kocher Kaffee zu bereiten, während Serraya und Ragan Merrows Beispiel folgten. Bei einem Becher voll heißem Kaffee – sie hatten diese Gewohnheit Ruaffs im Laufe der Reise angenommen – beratschlagten sie über der Karte, wer zuerst in welche Richtung gehen sollte.
    Eine halbe Stunde später machten sie sich auf den Weg, Ragan zusammen mit Merrow und Serraya mit Ruaff.
    Sie kletterten über Schutthaufen und durch kleinere, verfallene Einbrüche.
    „Wenn hier irgendetwas war“, meinte Merrow schließlich, „dann ist es längst verfallen wie alles andere.“
    „Nein.“ Ragan schüttelte den Kopt. „Die Einrichtung auf der Insel war dafür gedacht, lange Zeit zu überdauern. Das Archiv in der Höhle von Tempelstadt mehr oder weniger auch. Und diese Maschine im Eisenfelder Parlament genauso. Also muss auch hier irgendetwas sein, dass für ein Jahrtausend gebaut ist.“
    „Hier müsste das aber unter der Erde sein, wahrscheinlich verschüttet und unerreichbar.“
    „Hauptsache, wir finden es erst einmal; Werkzeug zum Graben haben wir ja dabei. Wenn wir Glück haben, gibt es dort ein stilles Feuer als Kraftquelle, das wir spüren können.“
    „Ich weiß nicht, ob ich das hier von der Hitze der Sonne unterscheiden könnte.“
    Einen Augenblick später rief Merrow: „Vorsicht!“
    Ragan hatte mit dem Fuß einen kleinen Erdrutsch an einem der Schutthaufen verursacht, aus dem eine ganze Schar von Skorpionen flüchtete.
    „Ist dir schon aufgefallen, dass es hier kaum Tiere gibt?“
    Außer Insekten und einigen Schlangen, Eidechsen und einem prächtigen Waran hatten sie bisher lediglich Mäuse und einige Wüstenfüchse mit riesigen Ohren gesehen.
    „Nun ja, es ist eine Wüste.“
    Sie suchten vergeblich, bis die Sonne Stunden später in demselben prächtigen Farbenspiel brennender Rottöne unterging wie an jedem Tag in dieser Wüste. Mit einem Armvoll trockenem Gesträuch für das Feuer kehrten sie zu den Fahrzeugen zurück, wo Serraya gerade dabei war, eine große Schlange auszunehmen und zu zerlegen. Ragan freute sich, nach all den Konserven endlich wieder etwas Frisches zu bekommen und beglückwünschte Serraya zu ihrem Fang.
    Auch Ruaff war keineswegs so enttäuscht wie Merrow; er schien niemals mit irgendeinem Fund gerechnet zu haben, sondern freute sich einfach, auf den Spuren der alten Sandberger Sammlertradition zu sein – und sicherlich auch darüber, dass seine beiden Sonnenwagen so überraschend gut funktionierten. Vermutlich sah er es einfach als ein Geschenk der Götter an, dass ihm drei Leute über den Weg gelaufen waren, die genauso verrückt waren wie er selbst.
    Interessanterweise verehrte man in Sandberg lediglich zwei Götter, wie er von Ruaff erfahren hatte – die Sonne und den Mond. Die Sonne wurde von einer Schlange dargestellt, die sich um eine Sonnenscheibe wand und der Mond von einem jener Wüstenfüchse, der zwischen seinen großen Ohren die Mondsichel trug. All die traditionellen Götter dagegen interessierten hier niemanden.
    Die Stille der Wüstenabende war seltsam; hier gab es weder die Schreie von Käuzchen oder Fledermäusen noch das Geheul von Wölfen oder sonstigen Wildhunden, lediglich das monotone Zirpen von Insekten durchdrang die hereinbrechende Dunkelheit.
    Da sie hier voraussichtlich eine Weile bleiben würden, hatten sie auch für Ruaff ein Zelt aufgestellt, der nichts Eiligeres zu tun fand, als dessen Eingang mit Bommeln, Quasten und einem Silberschmuck zu verzieren.
    Ihre wilden Nächte zu dritt waren während ihrer Wüstentour ruhiger geworden – die heißen Tage waren so anstrengend, dass sie alle abends nur noch Lust zum Schlafen hatten. Auch an diesem Abend dauerte es nach dem Löschen der Laterne nur wenige Minuten, bis alle eingeschlafen waren.
    People who deny the existence of dragons are often eaten by dragons. From within.
    Ursula K. Le Guin

    FA: https://www.furaffinity.net/user/transcentyger/
    Weasyl: https://www.weasyl.com/~transcentyger

    (Avatar von Zita)

  6. #26
    Registriert seit
    13.08.2012
    Ort
    Bodenseekreis
    Beiträge
    2.137
    Blog-Einträge
    1

    Standard

    Überraschungen


    Auch der nächste Vormittag brachte kein Ergebnis; sie hatten die Gruppierung gewechselt und so war Ragan mit Ruaff und Serraya mit Merrow unterwegs. Sie hatten diesmal Werkzeug mitgenommen, um in den Trümmern graben zu können; Ruaff trug einen Spaten über der Schulter und Ragan eine Spitzhacke. Die ersten beiden Stunden waren sie schweigend unterwegs, bis Ragan seinem Begleiter ein Stichwort gab; von da an erfuhr er in einem ununterbrochenen Redefluss alles über die Konstruktion und den Bau von Messuhren.
    „Sieh mal, da stehen zwei Bäume“, unterbrach ihn Ragan schließlich und wies auf zwei gewaltige tote Bäume mit mächtigen Stämmen, die skelettartig und bizarr in die Sonnenhitze aufragten. „Das waren wahrscheinlich Eichen“, fügte er hinzu.
    „Sie können noch nicht allzu lange tot sein“, ergänzte Ruaff. „Sonst hätte sie schon ein Sturm umgestürzt.“
    Die beiden Eichen hatten den Eingang eines Gebäudes flankiert, nein, eines Vorbaues mit einem großen Tor, auf das eine Straße zu führte. Halb sah er die Szenerie im Geiste, halb erriet er sie aus den Trümmern. Hinter dem Vorbau hatte sich vermutlich ein Park befunden, irgendein Stück Land mit einer gewissen Bedeutung vermutlich, eine Gedenkstätte vielleicht ... Rjasin hatte recht gehabt, diese Wüste war von zahllosen Geistern bevölkert.
    „Sieh mal, dort drüben“, unterbrach Ruaff seine Gedanken. „Aus dem großen Schutthaufen ragt noch ein gutes Stück der Ruine heraus; wollen wir dort nachsehen?“
    „Ja, gut.“ Ragan nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche, folgte ihm und fragte sich noch immer, wonach sie eigentlich Ausschau halten sollten.
    „Regnet es hier eigentlich nie?“ fragte er.
    „Doch, aber selten, und dann nicht viel. Die Flecken, wo etwas wächst, sehen dann richtig grün aus, fast wie ganz gewöhnliche Wiesen, aber nur für ein, zwei Wochen.“
    Sie gruben sich ein Stück weit in den vielversprechenden Trümmerhaufen hinein, gaben aber schnell wieder auf. Mittags trafen sie sich im Schatten der Wagen wieder mit Serraya und Merrow, die ebenso erfolglos gesucht hatten, um eine Kleinigkeit zu essen.
    „Ich sage es nicht gerne“, meinte Merrow. „Aber ich glaube, ohne einen Bagger haben wir hier keine Chance.“
    Dasselbe war auch Ragan schon durch den Kopf gegangen. Die Vorstellung, einen Bagger hierher bringen zu wollen, war jedoch absurd.
    „Selbst wenn wir einen her brächten“, meinte Serraya. „Allein das Brennmaterial, das er brauchte ...“
    Ragan fielen die beiden riesigen toten Eichen ein, aber die Idee schien ihm noch immer absurd.
    „Wie lange können wir hier bleiben, ohne dass uns auf dem Rückweg das Wasser ausgeht?“ fragte er Ruaff.
    „Eine Woche. Aber wenn wir sparen und uns gar nicht mehr waschen, sondern nur mit Staub reinigen ...“
    „Schon gut, ich denke, mehr als eine Woche macht keinen Sinn.“
    Er setzte seine Wasserflasche an, trank sie in einem Zug leer und füllte sie aus einem der Fässer wieder auf. Obwohl Ruaff behauptet hatte, die Fässer beständen aus Hölzern, die das Wasser frisch und gesund erhielten, schmeckte es fade und modrig.
    „Ich will noch einmal zu den beiden toten Bäumen“, sagte er, als sie sich wieder auf den Weg machten.
    Ruaff, dessen Gesprächigkeit in der Mittagshitze nachließ, folgte ihm. Nachdenklich standen sie schließlich wieder an jener Stelle, wo die sterblichen Überreste der beiden Eichen ihre scharf umrissenen Schatten auf den von der Sonne aufgeheizten Schutt warfen, aus dem der Boden bestand. Ragan setzte sich langsam in Bewegung und umging den zusammen gestürzten Torbau, stieg über die Überreste einer Mauer und sah sich um. Die Gegend fühlte sich nicht an, als sei sie ein Park gewesen, es waren auch keine Überreste weiterer Bäume zu sehen. Ein kleines niedriges Gebäude war noch da, ein Betonklotz, der einsam auf der Ebene stand und auf seiner Leeseite eine meterhohe Sandwehe hatte entstehen lassen. Eine Garage vielleicht, zu klein und zu massiv, um einzustürzen. Ragan ging auf den unscheinbaren Klotz zu, der ihm plötzlich seltsam erschien, ein Fremdkörper in der Weite der Landschaft, der zu klein war, um allein hier zu stehen. Als er ihn erreichte, entdeckte er, dass es darin sogar eine verschlossene Tür gab, die über die ganze Stirnseite reichte. Sie bestand aus matt silbrigem Metall, das kaum Rost aufwies und schien, nach dem Klang einiger Faustschläge dagegen zu urteilen, ziemlich massiv zu sein. Für eine Garage schien ihm der Bau zu aufwändig und stabil; was auch immer dieser kleine Bau darstellte, mochte gut der zentrale Punkt des Parks gewesen sein.
    Ruaff nickte anerkennend. „Alles noch in Ordnung und verschlossen, das sieht interessant aus.“
    „Na, dann wollen wir mal!“ Ragan holte mit der Spitzhacke aus.
    „Halt, doch nicht so!“
    Ruaff fiel ihm in den Arm und er ließ die Hacke verblüfft sinken.
    „Wie dann?“
    „Warte, ich hole Werkzeug.“
    Ragan wartete, während Ruaff leichtfüßig davon rannte, als gelte es, einen Wettlauf zu gewinnen. Kurz darauf kam er mit einem Kasten voll seltsamer Werkzeuge zurück, die fast alle auf irgendeine Weise an Schlüssel erinnerten. Er setzte ein Gerät mit einer Kurbel an das Schloss an, das einen tosenden Luftstrom erzeugte, während er kurbelte; eine Schmutzwolke stob auf. Danach begann er mit einer langnasigen Ölkanne Öl in das Schloss zu spritzen.
    „Das ist doch nicht dein Ernst“, meinte Ragan kopfschüttelnd. „Das Schloss ist tausend Jahre alt und wahrscheinlich völlig zu Rost zerfallen!“
    „Warte ab, mit Schlössern kenne ich mich aus“, gab Ruaff über die Schulter zurück.
    Ragan setzte sich auf den Boden und stellte sich vor, wie sich ein Jahrtausend lang Dreck in dem Schloss festgesetzt hatte, wie Insekten und Mäuse darin genistet hatten ... Aber trotz alldem hatte es beinahe etwas Magisches an sich, wie jener zierliche Mann mit dem feinen rotbraunen Fell mit großem Geschick lange, komplizierte Gegenstände in das Schloss steckte und sie darin drehte und verschob. Manchmal begannen seine aufmerksam aufgerichteten Ohren dabei vor Anspannung zu vibrieren. Ragan war fast eingeschlafen, als Ruaff plötzlich innehielt und sagte: „Fertig.“
    Ragan blinzelte überrascht und Ruaff drückte gegen die Tür. So unglaublich es war, sie begann sich knirschend nach innen zu bewegen, ungefähr fünf Zentimeter weit, dann endete die Bewegung mit einem Ratschen und Poltern, wie um den Erfolg von Ruaffs Bemühungen zu verhöhnen.
    „Schade“, sagte Ragan. „Jetzt bin ich mit der Spitzhacke dran.“
    Mit ein paar kräftigen Schlägen in den Spalt hinein zerschlug er etwas im Innern und stemmte die Tür schließlich so weit auf, dass er sich hindurch zwängen konnte. Es dauerte einige Sekunden, bis sich seine Augen auf das Dunkel im Innern des Gebäudes eingestellt hatten, dann erkannte er, was er vor sich hatte und sein Herz machte einen Freudensprung. Er stand vor einer nach unten führenden Treppe. Was die Tür versperrt hatte, waren von der Decke herab gefallene Installationen, Lampen vermutlich, Rohrleitungen, Kabel und metallene Verstrebungen. Mit der Spitzhacke riss und hebelte er das Zeug los, wo es noch fest hing, und schob es beiseite, so dass er die Tür öffnen konnte.
    „Sieh dir das an“, sagte er leise zu Ruaff. „Ich glaube, wir haben es gefunden.“
    Der trat ein und blickte verwundert auf die von Spinnweben verhangene Treppe.
    „Das hatte ich nicht erwartet.“ Sein Erstaunen verwandelte sich in Begeisterung und er setzte hinzu: „Ich meine, das ... das ist wie in den alten Schatzsuchergeschichten! Ich hätte nie gedacht, so etwas einmal selbst zu erleben! Glaubst du, wir finden dort unten ... irgendetwas?“
    Ragan erwiderte Ruaffs strahlenden Blick und meinte nüchtern: „Irgendetwas ganz sicher. Aber dafür brauchen wir erst einmal Laternen. Komm, wir sagen Serraya und Merrow Bescheid und holen die nötige Ausrüstung!“
    Auf dem Rückweg zum Lager fragte Ruaff: „Ausrüstung? Was außer Laternen brauchen wir denn noch?“
    „Taschen, ein Seil, eine Axt, Gewehre ...“
    „Gewehre?“
    „Dort unten erwarten uns vielleicht nicht nur Schätze, die mitgenommen werden wollen – wir haben da unsere Erfahrungen.“
    Sie hatten ihm von ihren Erlebnissen erzählt, aber er ließ sich nicht anmerken, ob er ihnen glaubte oder nicht. Fast schien es, als sei es ihm einfach egal, ob das alles in der realen oder der Fantasiewelt geschehen war.
    Von Merrow und Serraya war weit und breit nichts zu sehen, deshalb rief er vom Lager aus durch einen metallenen Ruftrichter nach ihnen, die der Verständigung von Fahrzeug zu Fahrzeug dienten. Ruaff begann währenddessen, die Ausrüstung zusammenzusuchen.
    „Die Sonne steht schon tief“, stellte er mit einem Blick nach oben fest.
    „Ja, wir sollten vielleicht besser erst morgen früh aufbrechen. Was immer da unten ist ...“
    Er brach ab, worauf Ruaff fröhlich ergänzte: „Wird uns nicht weglaufen, wolltest du sagen, nicht wahr?“
    Ragan nickte und meinte: „Mir fiel nur gerade ein, dass wir die Tür über Nacht besser wieder verschließen sollten.“
    Von Merrow und Serraya war noch immer nichts zu sehen und er rief ein weiteres Mal durch den Blechtrichter. Das sie derart verstärkte Rufe überhören könnten, war kaum vorstellbar. Hatten sie vielleicht auch etwas Interessantes gefunden? Auf jeden Fall mussten sie bald auftauchen; die Abenddämmerung würde bald hereinbrechen. Er machte sich daran, dürres Gesträuch für das Feuer zu sammeln.
    „Sie bleiben heute lange weg“, sagte Ruaff schließlich.
    Ragan nickte; auch er begann sich Sorgen zu machen.
    „Ich glaube, wir sollten nach ihnen sehen“, erwiderte er, griff sich eine Laterne und machte sich auf den Weg. Ruaff folgte ihm.
    „Willst du nicht auch eine Laterne mitnehmen? Es wird bald dunkel.“
    Ruaff schüttelte den Kopf. „Ich sehe nachts recht gut.“
    Zehn Minuten später hörten sie hinter sich Serrayas Stimme: „Hey, hier sind wir!“
    Ragan fuhr herum: „Na endlich; wir dachten schon, euch wäre etwas passiert!“
    Mit eiligen Schritten liefen sie auf die beiden Gestalten zu, die sich nur als dunkle Schemen aus der Abenddämmerung abhoben.
    „Da habt ihr nicht ganz falsch gedacht“, meinte Serraya mit einem bedauernden Schulterzucken und wies mit dem Blick auf Merrow, um den sie einen Arm gelegt hatte. Er schaute unglücklich drein und trug den linken Arm in einer Schlinge. „Er hat sich den Arm gebrochen.“
    „Wie ist das denn passiert?“
    „Da war wieder so ein Schuttberg“, erzählte Merrow mit gepresster Stimme. „Wir sind darauf herumgeklettert, auf der Suche nach Hohlräumen. Dann geriet unter meinen Füßen plötzlich alles ins Rutschen, ich bin gestürzt und mit dem Arm zwischen den Betonbrocken stecken geblieben.“
    „Was sollen wir nun tun?“ fragte Ruaff erschrocken. „Müssen wir umkehren? Gerade jetzt ...“
    Serraya schüttelte den Kopf. „Ragan und ich haben genügend Medizin gelernt, um einen Bruch zu schienen, und auf der Fahrt in die Stadt heilt er ganz gewiss nicht besser als hier. Aber was meintest du mit gerade jetzt?“
    Geändert von Tyger (16.12.2018 um 09:02 Uhr)
    People who deny the existence of dragons are often eaten by dragons. From within.
    Ursula K. Le Guin

    FA: https://www.furaffinity.net/user/transcentyger/
    Weasyl: https://www.weasyl.com/~transcentyger

    (Avatar von Zita)

  7. #27
    Registriert seit
    13.08.2012
    Ort
    Bodenseekreis
    Beiträge
    2.137
    Blog-Einträge
    1

    Standard

    Die Treppe nach unten


    Die Sonne stieg wie an jedem Morgen in dieser Wüste an einem wolkenlosen Himmel empor und begann schon in den Morgenstunden unangenehm zu brennen. Nachdem sie am vorherigen Abend alle Neuigkeiten ausgetauscht hatten, waren sie übereingekommen, die Erkundung der unterirdischen Räume bis zum Morgen zu verschieben und den verletzten Merrow dann im Lager zurückzulassen. Serraya hatte seinen Arm so geschickt geschient, dass es fast schmerzlos für ihn abgegangen war; nun blieb er im Schatten liegen und vertiefte sich in ein Buch von Ruaff über den Bau von Automaten und Sprechapparaten.
    „Das sieht recht unscheinbar aus“, meinte Serraya, als sie das kleine Gebäude erreichten.
    „Geradezu auffällig unscheinbar“, bestätigte Ragan und zog eine Metallstange heraus, mit der er die Tür blockiert hatte.
    Ruaff beobachtete ihn dabei mit einem verunsicherten Blick. „Glaubst du wirklich, da könnte irgendetwas ... irgendetwas herauskommen?“
    Ragan zuckte mich den Schultern und erwiderte betont leichthin: „Nein, aber sicher ist sicher.“
    Die Tür schwang quietschend auf und die nach unten führende, von Spinnweben verhangene Treppe sah im herein fallenden Licht des Wüstentages völlig harmlos aus. Er selbst und Serraya entzündeten ihre Laternen, dann ging er vorsichtig voran, die Spinnweben aus dem Weg wischend. Ohne Biegung oder Absatz führte die Treppe abwärts, bis sie an einer weiteren Tür endete.
    „Das waren vierzig Stufen“, stellte Ruaff fest, als sie vor dem erneuten Hindernis standen.
    „Hier ist deine Kunst wieder gefragt“ wandte sich Ragan ihm zu, dann erst fiel ihm auf, dass an der Tür keinerlei Schließvorrichtung zu erkennen war.
    „Hier gibt es kein Schloss“, bestätigte Ruaff und drückte vergebens dagegen.
    „Die Spitzhacke wäre jetzt nicht schlecht“, meinte Serraya.
    Die Spitzhacke hatten sie nicht dabei; Ragan nahm die Axt vom Gürtel und warf Ruaff einen fragenden Blick zu: „Soll ich?“
    Ruaff nickte, er schlug zu und die Tür schwang überraschenderweise schon nach dem ersten Schlag auf. Vielleicht war sie gar nicht abgeschlossen gewesen und hatte nur geklemmt. Sie betraten einen von Spinnweben freien Raum von etwa fünf mal zehn Metern Größe, in dessen Wänden sich einige metallene Türen befanden. Ruaff drückte auf eine Taste, die zwischen den Türen an der Wand angebracht war, unter der Staubschicht kaum erkennbar. Plötzlich dröhnte ein Geräusch durch den Raum, ein Brummen, Röhren, Quietschen; ein kleines Lämpchen an der Wand leuchtete auf.
    „Raus!“ brüllte Ragan und zerrte Ruaff mit sich, Serraya folgte. An der Treppe warteten sie. Das Geräusch änderte sich und plötzlich öffnete sich eine der Türen, indem sie sich seitlich zusammen schob. Stille folgte und Serraya leuchtete mit ihrer Laterne vorsichtig in den winzigen Raum, der sich hinter der Tür befand.
    „Ein Aufzug!“ stellte Ruaff fest.
    Erleichtert erkannte Ragan, dass er Recht hatte und folgte ihm zurück in den Raum. Er fand es erschreckend, auch hier wieder auf Technik zu stoßen, die nach derart langer Zeit noch funktionierte.
    „Unglaublich“, meinte Ruaff, als hätte er seine Gedanken erraten. „Haben sie damals so langlebige Dinge gebaut?“
    Serraya schüttelte den Kopf. „Nein, ganz im Gegenteil, darum ist ja kaum etwas erhalten. So lange hielt nur, was genau dafür bestimmt war.“
    Ruaff wagte sich vorsichtig in die Kabine, spuckte auf eine Tastatur und wischte den Schmutz davon ab. „Sehr euch das an! Es gibt mehr als zwanzig Stockwerke unter uns! Was ist, versuchen wir es?“
    „Auf keinen Fall!“ rief Ragan.
    Ruaff drückte eine der Tasten und sprang hinaus, bevor die Tür sich ebenso selbsttätig schloss wie sich sich geöffnet hatte. Das Dröhnen und Rumpeln ertönte wieder, dann ein lauter werdendes Quietschen und Knirschen, das in einem lauten Krachen endete – dann herrschte Stille.
    „Schade.“ Ruaff sah bedauernd drein. „Ich wäre gern einmal damit gefahren, in Sandberg gibt es keine Aufzüge.“
    Zwei weitere Türen waren ebenfalls die von Aufzügen, mit denen sie nicht zu fahren wagten, die vierte dagegen mündete in ein Treppenhaus. Eine Treppe führte zehn Stufen nach unten zu einem Zwischenabsatz, die nächste führte zehn Stufen in die andere Richtung abwärts zu einem Absatz mit einer Tür.
    „U3“ las Serraya die Beschriftung in der schmucklosen Nüchternheit der antiken Schrift. „U steht wohl für unterirdisch.“
    „Wenn die 3 die Nummer des Stockwerks ist, haben wir eins übersehen“, stellte Ragan fest.
    „Den Betriebsraum für die Aufzüge wahrscheinlich“, vermutete Ruaff. „Der könnte einen eigenen Zugang haben.“
    Die Tür war verschlossen, hatte aber eine kleine Öffnung, die ein Schlüsselloch sein mochte; sie entschieden sich deshalb dagegen, sie aufzubrechen, damit sich Ruaff später an dem Schloss versuchen konnte. Das Treppenhaus ging weiter wie bisher; alle zehn Stufen wechselte die Treppe die Richtung, alle zwei Absätze gab es eine verschlossene Metalltür, durchgehend nummeriert mit U4, U5, U6 ...
    Ragan konstatierte erleichtert, dass die Treppe gleichbleibend staubig und die Luft schlecht war.
    „Seht mal ...“ Ruaff hatte wieder etwas entdeckt und bevor Ragan etwas sagen konnte, hatte er auf etwas an der Wand Angebrachtes gedrückt. Es klickte, etwas begann zu summen und plötzlich wurde es hell. Ragan fuhr zusammen und griff nach seinem Messer, Serraya hielt blitzschnell ihr Gewehr schussbereit, aber es geschah nichts. Es war offenbar nichts weiter als die Beleuchtung, die Ruaff eingeschaltet hatte. Sie war schlecht; die wenigsten der Lampen schienen noch zu funktionieren, aber sie war – er unterdrückte ein Erschauern – elektrisch. Natürlich, was sonst? Fast alles schien damals elektrisch gewesen zu sein.
    Ruaff, der zum ersten Mal elektrisches Licht sah, starrte fassungslos auf die Lampen. Serraya schreckte ihn mit einem Boxhieb in die Seite auf, der ihn nach Luft schnappen ließ.
    „Du bist zu leichtsinnig“, sagte sie ernst. „Für Merrow wäre es ziemlich schlecht, wenn wir drei nicht lebend zurückkehrten.“
    Sie stiegen weiter hinab, wobei die sehr lückenhafte Beleuchtung für Überraschungen sorgte, indem sie nach wenigen Minuten erlosch, sich aber immer wieder einschalten ließ. Die Treppe endete vor einer mit U27 beschrifteten Tür, die ebenso verschlossen war wie alle anderen. Ragan hoffte, dass sie alle verschlossen geblieben waren, doch der Rückweg verlief problemlos.
    „Fangen wir mit U3 an?“ fragte Ruaff in dem Raum mit den Aufzügen.
    Ragan nickte: „Ja, ich denke, wir arbeiten uns am besten von oben nach unten voran; auf die Art vermeiden wir böse Überraschungen.“
    „Hoffentlich“, meinte Serraya.
    Ruaff ging nach unten und machte sich mit seinem komplizierten Werkzeug an der metallenen Tür zu schaffen, während Serraya und Ragan sich im Raum mit den Aufzügen umsahen. Sie stellten fest, dass man diese mit einer Taste an der Wand rufen konnte; die beiden anderen hörten sich deutlich gesünder an als der erste und in der Kabine des einen brannte sogar ein kleines Licht, aber damit zu fahren wollten sie dennoch nicht riskieren.
    „Wie lange wird er brauchen?“ fragte Serraya mit einem Blick zur Treppe.
    „Zwei, drei Stunden.“
    „Im Ernst?“
    „So lange hat es gestern gedauert – ein Wunder, dass er so etwas überhaupt schafft.“
    Eine der Laternen hatten sie gelöscht und eine bei Ruaff gelassen; sie verließen sich ganz auf das elektrische Licht, das alle paar Minuten erneut eingeschaltet werden musste.
    „Bleibst du bei ihm?“ meinte Serraya. „Ich gehe inzwischen nach draußen und sehe mich nach einem zweiten Eingang um.“


    Wasserprobleme


    In Gedanken versunken blinzelte Ragan in die aufgehende Sonne, auf dem zähen, aber frischen Fleisch herum kauend. Während sie am Vortag die oberen Stockwerke der unterirdischen Anlage erkundet hatten, hatte Merrow trotz seiner Verletzung einen großen Waran erlegt, der wohl seinerseits ihn als Beute betrachtet hatte – so war der erfolgreiche Tag durch ein gutes Abendessen mit Frischfleisch statt Konserven gekrönt worden.
    Die bisherigen Erfolge waren bescheiden gewesen, aber sie waren ein guter Anfang. Ruaff hatte behauptet, dass die Öffnung in der Tür eigentlich gar kein Schlüsselloch und der Schließmechanismus unverständlich sei, aber er hatte dennoch die Tür aufbekommen, nachdem er fast vier Stunden lang eifrig an seiner Bohrmaschine kurbelnd für weitere Öffnungen gesorgt und darin herum gestochert hatte. Für die zweite hatte er weniger als eine Stunde gebraucht.
    Was dahinter lag, war ein wenig enttäuschend. U3 war nichts weiter als eine riesige unterirdische Garage, in der die Überreste von mehr als dreißig Wagen standen. In der trockenen Wüstenluft waren ihre metallenen Skelette und Motoren zwar gut erhalten geblieben, aber leider schienen sie zum größten Teil aus Materialien bestanden zu haben, die einfach zerbröselt oder zu dunklen Flecken am Boden zerlaufen waren. Bis auf ein paar Bücher und die Überreste einzelner Schriftstücke, die fast in den Händen zerfielen, hatten sie nichts von Wert gefunden. Ruaff war allerdings sicher, dass er interessante technische Einzelheiten entdecken würde, wenn er die Wagen und vor allem ihre Motoren zerlegen würde.
    In U4 gab es nur Lager- und Aufenthaltsräume, ganze Wände voll leerer Schränke und Regale, schlichte Tische und Stühle, Toiletten und Waschräume, die trotz ihrer Trockenheit und der auf allem liegenden Staubschicht aussahen, als warteten sie nur auf einen Benutzer. Auch in diesen Räumen funktionierte, wenn auch sehr lückenhaft, die blasse, kalte Beleuchtung, was zumindest Ragan mehr unheimlich als willkommen war.
    Weiter waren sie nicht gekommen; mit U5 würden sie heute weitermachen und sich nach und nach voran arbeiten bis ganz unten.
    „Heute hätten wir gern ein paar Fasane“, verabschiedete sich Ragan schließlich gutgelaunt von Merrow, als sie ihr Gepäck aufnahmen. „Nicht schon wieder einen Waran.“ Ernster fügte er hinzu: „Kommst du allein zurecht? Das mit dem Waran war nicht so ganz ohne ...“
    „Hey, ich habe mir nur den Arm gebrochen, nicht den Hals!“ erwiderte Merrow fröhlich.
    Sie hatten an diesem Tag schwer zu schleppen; Ruaff bestand darauf, eine gewaltigen Menge Werkzeug zu brauchen und Ragan vermutete, er würde es sich nicht nehmen lassen, aus mindestens einem der Wagen den Motor auszubauen.
    Sie erreichten das kleine Gebäude mit der Treppe und Serraya fragte: „Was denkst du, wieviele Türen du heute schaffst?“
    „Wenn sie alle so sind wie die ersten beiden, mindestens zehn“, meinte Ruaff zuversichtlich.
    „Mach nicht ganz so schnell; wir müssen auch noch erkunden, was dahinter liegt“, sagte Ragan und fügte mit einem freundlichen Grinsen hinzu: „In der Zwischenzeit könntest du dir ja vielleicht den Motor aus einem der Wagen ausbauen.“
    Es war erstaunlich, mit welch unbekümmerter Freude Ruaff den Lichtschalter betätigte, als wäre das Aufflammen jener geheimnisvollen Lichter aus uralter Zeit etwas ganz Selbstverständliches. Es gab Menschen, in deren Nähe man sich einfach deshalb sicher fühlte, weil es unvorstellbar war, dass ihnen etwas Böses geschehen könnte, Menschen, die der gute Geist einer Unternehmung waren und einfach nur durch ihre Anwesenheit dafür sorgten, dass alles gut ging. Vielleicht war Ruaff ein solcher Mensch, über den die Götter ihre Hand hielten.
    „Halt!“ rief Serraya plötzlich und wies auf einen Lichtschein, der aus der offenen Tür von U4 drang. „Da brennt Licht.“
    „Ich habe es gestern eingeschaltet“, erklärte Ruaff leichthin. „Und nur auf der Treppe geht es von selbst aus.“
    Kopfschüttelnd meinte Ragan: „Wir sollten alles Licht ausschalten, wenn wir gehen. Wir wissen nicht, wie lange die Kraftquelle hier noch reicht und wieviel es davon verbraucht.“ Und was wir damit vielleicht anlocken oder auslösen könnten, fügte er in Gedanken hinzu, während sie die Werkzeugkästen absetzten und Ruaff die Tür von U5 anzubohren begann. Das rasselnde Getriebegeräusch der Bohrmaschine hallte laut im Treppenhaus wider, während sich Ragan und Serraya noch einmal in U4 umsahen.
    „Was denkst du, wie lange wir brauchen?“ fragte Serraya, an Ragan gewandt, als sie einen ausgetrockneten Duschraum betraten, aus dessen gekachelten Wänden drei Brauseköpfe und die dazugehörigen Wasserhähne ragten.
    Er zuckte mit den Schultern. „Kommt darauf an, was wir finden; weiter unten wird es hoffentlich mehr werden. Ein, zwei Wochen, vielleicht drei.“
    „Wir können aber nur noch fünf Tage bleiben, wenn uns das Wasser nicht ausgehen soll.“
    „Daran hatte ich nicht mehr gedacht.“ Er überlegte eine Weile, dann fuhr er fort: „Dann werden wir noch einmal herkommen müssen. Wir haben es ja nicht eilig, oder?“
    Serraya drehte mit einigem Kraftaufwand an einem der Wasserhähne, der sich nur widerwillig unter lautem Quietschen bewegte. Mit einer verlegenen Geste meinte sie schließlich: „War nur so eine verrückte Idee. Licht gibt es ja schließlich auch noch.'“
    Ragan lachte: „Du musst natürlich erst den Hauptabsperrhahn aufdrehen! Du weißt, wenn man längere Zeit nicht zu Hause ist ...“
    Der Haupthahn befand sich im Vorraum, wo die Rohrleitungen offen an den Wänden entlang liefen, und war unschwer als solcher zu erkennen. Er machte sich den Spaß, das nicht allzu große schmucklose Handrad zu drehen oder versuchte es wenigstens.
    Serraya stimmte in sein Lachen ein. „Brauchst du eine starke Frau?“
    Er spannte seine Muskeln an und der Hahn begann sich zu bewegen, lautes Knirschen ertönte und ... ein Zischen und Röhren. Verblüfft starrte er Serraya an und drehte weiter. Er dröhnte und knatterte in den Rohren und sie liefen zurück in den Duschraum. Etwas begann stoßweise aus dem Brausekopf zu spritzen und wurde allmählich zu einem immer kräftigeren Strahl, braun und stinkend.
    „Das gibt’s doch gar nicht!“, konstatierte Ragan kopfschüttelnd. „Aber in Sachen Trinkwasser rettet uns die Brühe ganz gewiss nicht.“
    „Merrow könnte wieder einen Destillierapparat bauen.“
    „Pfui!“
    Vom Treppenhaus her ertönte Ruaffs Ruf: „Die Tür ist offen!“
    Seltsamerweise schien er nicht allzu interessiert daran, was sich dahinter befand, sondern arbeitete bereits an der Tür der darunter liegenden Stockwerks, als Ragan und Serraya die Treppe hinab liefen. Serraya entsicherte wie gewohnt ihr Gewehr, als sie eintraten. Was sie fanden, war jedoch nur wenig interessanter als das bisher Gefundene. Wieder gab es einen Hauptgang, von dem Korridore abzweigten. Zahlreiche, zumeist offen stehende Türen mündeten in Zimmer, die Büros oder Laboratorien gewesen sein mochten. Zahlreiche elektrische Installationen fanden sich überall, dazu die bekannten Tastaturen, die aus einem braun gewordenen, brüchigen Material bestanden, dazu mattgraue Glasscheiben, die von demselben vergänglichen Stoff eingefasst waren, außerdem eine Menge beschriebenes und bedrucktes Papier in schlechtem Zustand. Was sich davon überhaupt noch retten ließ, würde sehr vorsichtig transportiert werden müssen.
    „Hier war man nicht so freundlich, alles schon fertig für uns zu verpacken“, meinte Serraya.
    „Ich habe oben ein paar leere Koffer gesehen.“
    Ragan lief hinauf und holte zwei verstaubte Aluminiumkoffer aus einem ansonsten leeren Regal, welche die weißgraue Farbe der Korrosion angenommen hatten, aber noch immer ihren Zweck erfüllen würden. Gemeinsam begannen sie, vorsichtig die haltbarsten der Papiere und Bücher herauszusuchen und sorgsam in die Koffer zu packen. Ragan zweifelte daran, dass es sich um wertvolle Aufzeichnungen handelte. Nach dem zu urteilen, was er von der alten Sprache las und verstand, handelte es sich um Verwaltungsangelegenheiten und technische Details, mit denen niemand mehr etwas würde anfangen können. Auch Serraya las sich in dieses und jenes hinein und die Zeit verflog unmerklich.
    In einem der Büros deutete Serraya auf ein in der Wand eingelassenes Türchen und stellte fest: „Ein Tresor.“
    „Leider verschlossen.“
    „Aber für Ruaff bestimmt kein Problem.“
    „Wie weit wird er wohl sein mit den Türen?“ Ragan sah auf seine Taschenuhr. „Es ist ja schon später Nachmittag! Ich fürchte, wir haben eine Menge Zeit verschwendet.“
    Mit einem der Koffer in der Hand ging er ins Treppenhaus und schaltete das Licht ein.
    „Ruaff, wie weit bist du?“ rief er, bekam jedoch keine Antwort.
    Bevor er dazu kam, sich zu sorgen, ertönte von oben her dumpf ein metallisches Scheppern.
    „Meinst du mit dem Motor, den er gerade ausbaut?“ lachte Serraya und machte sich auf den Weg nach oben.
    „Ich sehe nach, wieviele Türen er geschafft hat.“
    Ragan stellte seinen Koffer ab und ging nach unten. U6 war offen; er warf einen Blick hinein und wagte einen Lichtschalter zu betätigen. Auch hier funktionierte die marode Beleuchtung mehr schlecht als recht. Er versuchte sich vorzustellen, wie die düsteren Räumlichkeiten wohl ausgesehen hatten, als all die vielen Lampen noch funktionierten. Hatten sie das überhaupt je? War Elektrizität etwas, auf das man sich verlassen konnte oder war es immer nur etwas Experimentelles, Unzuverlässiges gewesen? Er ging tiefer hinab, auch die Tür von U7 stand einen Spalt weit offen. Er warf nur einen kurzen Blick hinein und ging weiter. Als er nach der Tür von U8 greifen wollte, erlosch das Treppenlicht. Ein Schauder durchfuhr ihn, als ihm plötzlich bewusst wurde, dass er ohne Lampe in einem uralten Bauwerk unterwegs war und sich allein auf dessen unheimliche elektrische Beleuchtung verließ, oder besser gesagt, auf deren Überreste. Während seine Hand nach dem Schalter tastete, fiel ihm auf, dass die Dunkelheit doch nicht ganz vollkommen war, sondern ein Lichtschimmer von unten herauf drang. Er schaltete das Treppenlicht ein, ging eine halbe Treppe tiefer und sah, dass das Licht aus der halb offen stehenden Tür von U9 drang. Ihm wurde bewusst, dass es unvorsichtig war, den unerfahrenen Ruaff hier unten völlig allein auf Erkundung gehen zu lassen; es konnte Schlimmeres passieren als dass er vergaß, das Licht auszuschalten.
    „Ragan, wo bleibst du?“ ertönte Serrayas Stimme von oben her. „Wir brauchen dich!“
    „Ich komme!“
    Er lief nach oben und ließ das Licht brennen, darauf vertrauend, dass es die geheimnisvolle Kraftquelle während einer Nacht sicher nicht aufzehren würde.
    Ruaff hatte es tatsächlich geschafft, aus einem der Wagen den Motor auszubauen oder zumindest das, was er dafür hielt, und hatte ihn mittels eines ausgeklügelten zusammensteckbaren Hebewerks sogar heraus heben können. Ihn nach oben zu befördern ging allerdings bei weitem über seine Kräfte. Zu dritt wuchteten sie den schweren Metallblock mit Mühe die Treppen hinauf und luden ihn an deren oberem Ende ab, wo sie ihn später mit einem der Sonnenwagen holen würden.
    Zum Abendessen, das Merrow schon vorbereitet hatte, gab es außer den Resten des Warans wieder Konserven. Merrow verkündete, dass er am nächsten Tag mitkommen würde, was er sich nicht ausreden ließ.
    „Wie weit seid ihr eigentlich gekommen?“ fragte er.
    „Bis U5“, erwiderte Ragen nach einem langen Schluck aus der Teetasse. „Nur Ruaff hat sich schon U9 angesehen.“
    „Nun übertreibe nicht!“ lachte Ruaff. „Nachdem ich U7 offen hatte, bin ich zur Garage hinauf gegangen.“
    Ragan starrte ihn an. „Bist du sicher? Du hast U9 nicht geöffnet?“
    „Nein“, antwortete Ruaff irritiert. „Ich meine, natürlich bin ich sicher. Einen Buchstaben und eine Ziffer, soviel kann ich von der alten Schrift schon noch lesen.“
    „Was war mit U9?“ fragte Serraya ernst.
    „Die Tür stand offen und das Licht brannte.“
    People who deny the existence of dragons are often eaten by dragons. From within.
    Ursula K. Le Guin

    FA: https://www.furaffinity.net/user/transcentyger/
    Weasyl: https://www.weasyl.com/~transcentyger

    (Avatar von Zita)

Ähnliche Themen

  1. Antworten: 5
    Letzter Beitrag: 29.11.2016, 19:06
  2. Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 26.06.2014, 20:43
  3. Lantha (Roman, verläufiger Romantitel)
    Von Lantha im Forum Geschichten
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 31.07.2011, 22:14